Vortrag über das Erbe der 68er

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Die Freimaurerloge "Zum Goldenen Schwerdt" in Wesel geht in einem Vortrag über das Erbe der 68er der Frage nach, ob die umstrittenen politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Nachwirkungen der 68er-Revolte in Deutschland zu einem Demokratiegewinn oder einem Werteverfall geführt haben.

(Wesel/kk) Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aus- und Nachwirkungen der 68er Revolte in Deutschland/West sind hoch umstritten.

Die Bandbreite der Bewertungen reicht von der Begründung der Demokratie in Deutschland durch die 68er und ihr politisches Erbe bis hin zur Verurteilung der 68er Bewegung als Ursache und Auslöser des Verfalls zentraler gesellschaftlichen Bindungen und deren Ablösung durch Ich-Orientierung, Hedonismus und Konsumorientierung.

Der Referent versucht eine Klärung der realen gesellschaftlichen Veränderungen, die die 68er Bewegung ausgelöst hat, im Rückgriff auf den konkreten Ablauf der „Studentenrevolte“ in der 2. Hälfte der 60er Jahre und die Zielsetzungen der damaligen politischen und geistigen Protagonisten.

Der Vortrag findet am 15. November 2018 um 20 Uhr im Logenhaus in der Poppelbaum-Straße 10 in 46483 Wesel statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, eine Anmeldung ist nicht notwendig.

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Helmut Reinalter liest im Deutschen Freimaurermuseum

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Der renommierte Autor freimaurerischer Literatur Helmut Reinalter liest am 13. November im Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth aus seinem Buch "Freimaurerei, Politik und Gesellschaft".

Helmut Reinalter stellt sich der Aufgabe, den direkten und indirekten Einfluss der Freimaurer auf historische Entwicklungen von
der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart zu beleuchten.

Über die Wirkungsgeschichte der Freimaurerei im gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsprozess seit der Frühen Neuzeit gibt es wenige fundierte wissenschaftliche Untersuchungen. Verschwörungstheorien, in denen die Freimaurer zu Sündenböcken für alles Mögliche gemacht wurden jedoch unzählige.

Welchen Einfluss die Freimaurer auf Politik, Gesellschaft und Kultur im Laufe der Jahrhunderte nahmen, das steht im Zentrum dieser gut lesbaren und spannend aufbereiteten geschichtlichen Darstellung. Von besonderem Interesse sind für den Autor die Wechselbeziehungen des Freimaurerdenkens mit den geistigen Strömungen der jeweiligen Zeit.

Für die Veranstaltung wird um Anmeldung unter der Mailadresse veranstaltungen@boehlau-verlag.de bis zum 6. November 2018 gebeten.

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Das Feuer weitergeben – Freimaurerei als Zukunftswerkstatt

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Das Beste, was wir von der Geschichte haben,“ so schreibt Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“, „ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“ Und kein Anlass wäre mehr geeignet, diesem Enthusiasmus reflektierend nachzuspüren, als das Stiftungsfest einer Loge. Denn dieses Fest verknüpft wie kein anderes Ereignis im Leben unseres Bundes aus bewusst erlebter Gegenwart heraus Tradition und Zukunft.
Versetzen wir uns 275 Jahre zurück. Es ist der 24. September 1743. Die Brüder versammeln sich zur Einsetzung der zweiten Loge in Hamburg, der „Kaiserhofloge“, die dann als Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“ auf eindrucksvolle Weise ihren Weg durch die Geschichte nahm. Es liegt kein Protokoll der ersten Arbeit vor und keine detaillierte Teilnehmerliste. Doch wir wissen, dass Namen mit einem guten Klang in Hamburg unter den Maurern der ersten Stunde sind und dass ein internationales Flair den Charakter der Gründung bestimmte.

Kaum vorstellen können wir uns, wie das Ritual gehandhabt wurde. Es ist anzunehmen, dass dabei viel kreative Improvisation geherrscht hat, und dass Mitglieder heutiger Ritualkollegien – zeitreisend 275 Jahre zurückversetzt – wohl runzelnd ihre Augenbrauen hochgezogen hätten. Doch wir können versichert sein, dass die Regularität der Herzen stimmte, dass der Zauber des Aufbruchs trug und dass eine ansteckende Freude die Stimmung beherrschte.
Die Hoffnung auf Aufklärung, auf Unterscheidungsfähigkeit „zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis“ – so die spätere Definition des Weimarer Freimaurer-Bruders Christoph Martin Wieland –, die Erwartung einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, das Erlebnis menschlicher Gleichheit, die Möglichkeit, sich jenseits der Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis als bloße Menschen zu begegnen: All das prägte Bewusstsein und Gefühl der Bruderschaft.

„Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall,
jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.“

Gewiss, dieser Text nach Mozarts Noten wurde nicht in Hamburg anno 1743 angestimmt, sondern erst knapp 50 Jahre später in Wien. Doch Text und Ton der Kantate bringen wohl mehr als Dokumente jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre in der „Kaiserhofloge“ zu Hamburg bestimmt haben mag.

Der Schwung, mit dem die zweite Hamburger Loge begann, unterstreicht, wie sehr die Freimaurerei zum sozialen Erfolgsmodell des 18. Jahrhunderts geworden war. Bis zum Ende des Gründungsjahres wurden 16 Suchende, in den folgenden beiden Jahren 27, bzw. 25 Brüder aufgenommen. Dass die Freimaurerei zur „Mode des Jahrhunderts“ geworden war – bekanntlich war es Friedrich der Große, der sie so beschrieb –, hatte mit dem Wandel von realer Geschichte und historischem Bewusstsein zu tun: Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung der Gesellschaft, das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen, die funktionale und soziale Polarisierung auch in der Adelswelt, das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung sowie die sich unter dem Vorzeichen des europäischen, vor allem des britischen Kolonialismus auch international, ja interkontinental verstärkende räumliche Mobilität: All das führte dazu, dass die Menschen im alten Europa aus ihren traditionellen Bindungen und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten. Diese Veränderungen führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja ausgesprochenen Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach veränderten Formen von gesellschaftlichen Vernetzungen, nach neuen Ausprägungen von „sozialem Kapital“, und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.

Die Freimaurerei erwies sich als attraktive Form gesellschaftlicher Einbindung.

Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes für die Befriedigung vieler unterschiedlicher sozialer und kultureller Bedürfnisse wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme mit stets neuem Enthusiasmus weiterzuentwickeln und an sich wandelnde Strukturbedingungen und Interessenlagen anzupassen.

Heute – beim 275. Stiftungsfest der Loge – sollten wir nicht zuletzt versuchen, diese Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nachzuempfinden, denn Erinnern bedeutet ja nicht nur das Bewusstmachen historischer Fakten, sondern auch das Nacherleben von Begeisterung und emotionalem Schwung.

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Es war das Bekenntnis zur Humanität als Inbegriff von „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten, Menschenwürde und Menschenliebe“, wie der Freimaurer Herder sie mit dieser Reihung fast schon hymnisch bestimmt. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn, um den Einzelmenschen, um den „bloßen“ Menschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“, so gibt der Priester in Mozarts Zauberflöte vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro erwidert: „Noch mehr, er ist Mensch.“ Und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein.“

Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt der freimaurerischen Initiation

Telos und Pathos der Aufklärung bestimmen das Denken und Dichten der Freimaurer des 18. Jahrhunderts, sind Ausdruck der mit von ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft – so erinnern wir uns ja gerne, manchmal vielleicht gar allzu gerne – gehörten den Logen an. Namen wie Lessing, Herder, Goethe, Stein, Hardenberg, Washington und Voltaire kennzeichneten das geistige Gewicht und die gesellschaftliche Kraft des Freimaurerbundes. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit.

Suchen wir nun einen Namen für den speziellen Glücksfall der Hamburger Freimaurer-Reform an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, so lautet er – wer unter uns würde daran zweifeln – Friedrich Ludwig Schröder.
Schröder war der Schöpfer des nach ihm benannten Rituals. Doch gemeinsam damit schuf er zum ersten Mal in Deutschland eine überzeugende Gesamtkonzeption für die Freimaurerei, die über das Rituelle hinausgehend die Freimaurerei als eine moralisch-spirituelle Werkstatt begründet hat. Jedem Freimaurer, der sich in der Tradition von Humanismus und Aufklärung versteht, ist Schröders Konzept bis in die Gegenwart lieb und teuer geblieben, nicht zuletzt, weil die symbolische Werkstatt Schröders unmittelbar zur Zukunftswerkstatt der Freimaurerei unserer Tage führt.

Die mit der Initiation des Freimaurers verbundenen Erwartungen, die Schröder im Aufnahmeritual mit eindrucksvollen performativen Sprechfolgen begrifflich markiert, sind ja gültig geblieben bis in die Werte-Verwirrung der Gegenwart hinein und haben nicht nur für uns Freimaurer ihre wort-wörtliche Bedeutung als Katechismus säkularer Ethik und Moral behalten.
Lassen wir Schröders Ritualerwartungen in uns aufklingen:

Anmahnung der Erfüllung moralischer Pflichten.
Festigung einer sittlichen Grundeinstellung des Menschen.
Aufforderung zur Suche nach Wahrheit, insbesondere über die eigene Person.
Beseitigung von Irrtümern, die der Humanität im Wege stehen, Überwindung von Vorurteilen.
Selbsterziehung zu aufgeklärten und verantwortungsbewussten Menschen.
Konzentration auf die Schätze des Geistes und des Herzens und (auf) keine
andere Würde als diejenige, die ein Mensch sich selbst zu geben vermag.

Um diese ethisch-moralischen Vorstellungen habituell im Menschen zu verankern, hat das Ritual nachdrücklich, aber schlicht zu sein. Es findet im Werkraum, in der Bauhütte, nicht im Tempel statt. Die Arbeit beginnt nicht mit einem feierlich-zeremoniellen Einzug oder einer esoterischen „Vorloge“, sondern mit dem Hammerschlag des Meisters. Man arbeitet nach den Verirrungen der „Strikten Observanz“ ausschließlich in den drei Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters, weil nur dies im Sinne Schröders maurerisch Sinn macht.

Entscheidend ist für Schröder die Übereinstimmung in den Werten, zu denen sich der Freimaurer bekennt. Andere Forderungen nach Übereinstimmung, insbesondere solcher religiöser Art, dürfen in der Loge keine Bedeutung haben.
Schröder im Wortlaut dazu:

„Wir sind hier also blos Menschen; wir suchen weiter nichts, als (das) was alle Menschen suchen sollten, kennen kein anderes Gesetz, als das, was alle Menschen verbindet, keine andere Richtschnur, als unsere Rechtschaffenheit, keine andere Würde, als die der Mensch sich selbst giebt. AlIes, was wir sonst sind und suchen und glauben und haben, lassen wir vor der Thüre unserer Versammlung zurück.“

Freimaurerei darf nicht zum Museum ihrer selbst werden

Das Ritual verbindet die Menschen als Mitmenschen, es ist der Kitt, der die Bruderschaft zusammenhält, und als Kitt ist es das, was auch heute in einer streitsüchtigen und auseinanderdriftenden Gesellschaft wieder so nötig ist.
Der prägenden Kraft des Rituals verwandt ist die Wirkung des Liedgesangs, der in der Hamburger Freimaurer-Geselligkeit zur Schröderzeit eine große Rolle spielte, und ich zitiere gern die folgende Strophe aus der Liedersammlung der Loge „Ferdinand zum Felsen“ von 1790, weil sie zeitüberspannend das Maurerherz erfreut:

„Das Glück, das Tausende erkaufen,
ist nicht das Ziel, nach dem wir laufen,
wir handeln nicht um Rang und Werth;
Die Gaben, die wir selbst besitzen,
verbessernd für die Welt zu nützen,
das ists was unsre Kunst uns lehrt.“

Doch so reich das Erbe unserer Tradition auch ist, wir dürfen nicht bei unserer Herkunft stehen bleiben, wir müssen nach Zukunft fragen, nicht zuletzt in der Tradition Schröders, der ja die Zukunftsfrage nach einer – wie er sagte – „vernünftigen Freimaurerei“ in Deutschland so hartnäckig gestellt hat.

Unsere vielfältigen Vergangenheiten, unsere Schatzkisten der Tradition – wie gehen wir heutigen Freimaurer damit um? Wie lassen wir aus Herkunft Zukunft werden? Was müssen wir bearbeiten, wenn Freimaurerei nicht nur Sammelplatz alter Kostbarkeiten bleiben, sondern zur Werkstatt kommender Aufgaben, zur Zukunftswerkstatt, werden soll.

Zunächst haben wir allen Grund, uns der skizzierten Traditionen mit inspirierendem Enthusiasmus zu erinnern, und es geschieht nicht ohne Stolz, wenn ich ein Wort des bedeutenden polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auf unseren Bund beziehe: „Glücklich sind die“, so der polnische Philosoph, „denen ihre eigene Tradition den Glauben an die Gemeinschaft der menschlichen Gattung, den Glauben an Toleranz, die Bereitschaft zum Zusammenwirken und den Kritizismus überliefert hat. Andere haben aus der Tradition den National- und Rassenhaß, den Fanatismus, den Kult der Gewalt übernommen.“

Doch wir Freimaurer im Hier und Jetzt dürfen keine geschichtliche Denkmalspflege betreiben, und wir sollten keinesfalls der Gefahr erliegen, als Museum unserer selbst zu werden und hinter eindrucksvollen historischen Kulissen zu verschwinden. Herkunft ist wichtig, die Verankerung in Tradition ist unverzichtbar, doch unser Hauptinteresse hat Gegenwart und Zukunft zu gelten, denn hier allein ist der Raum für unsere weitere Existenz.

Das heißt, sich des Erbes zu erinnern, um den Gegenwartsauftrag, um das Angebot der Freimaurerei für die Menschen unserer Zeit deutlich zu machen, darauf kommt es an. Oder – wie Horkheimer und Adorno es in der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ so schön gesagt haben – „nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“. Es geht um das beharrliche Bewahren der freimaurerischen Grundidee von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, des einzelnen Menschen mit unaustauschbarer Individualität und unverlierbarem Eigenwert. Und zwar nicht als rhetorischer Denkfigur, sondern als Aufgabe der tag-täglichen Alltagspraxis. Wie heißt es doch so unüber­troffen knapp und ein­dring­lich bei Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“!

Wie kann ein bürgerlicher Bund in nachbürgerlicher Zeit überleben?

Wir suchen nach einem festen Platz in der Gesellschaft, einem Platz, wo man uns respektvoll wahrnimmt und unser Wesen nicht verkennt. Auf dem Wege dorthin sind wir bereits. Doch wir können weiter vorankommen, wenn wir wohlüberlegt daran arbeiten, die Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns immer wieder blockieren, wenn wir herausfinden, was unsere freimaurerischen Hauptaufgaben sind und uns hierauf konzentrieren, wenn wir flexibel genug sind, uns mit kreativen Lösungen auf die gegenwärtigen Strukturen der Gesellschaft einzustellen, Strukturen, die sich seit der klassischen Zeit der Freimaurerei ja so tiefgreifend verändert haben.
Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit, so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist die Grundfrage der heutigen Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja ohne Zweifel eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen.
Ich gebe ein paar Beispiele dafür:

So haben die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft und der Wandel der sozialleitenden Werte zur Notwendigkeit geführt, Profil und Identität Humanitärer Freimaurerei neu zu bestimmen. Doch wissen wir klar und in verständlicher Weise nach draußen vermittelbar, wer wir sind und wo wir stehen innerhalb der Gesellschaft? Wissen wir, wo unser Platz ist fest und selbstbewusst auch im Rahmen der deutschen Freimaurerei? Sind wir fähig zum Diskurs darüber ohne Opportunismus und ohne Angst vor Tabus?

So hat der gesellschaftliche Wandel die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft gesetzt. Welcher Ersatz steht dafür zur Verfügung? Haben wir ihn bereits gefunden? Ist das große Schleppnetz „Internet“ wirklich der Weisheit letzter Schluss? Was müssen wir beachten, um den damit verbundenen Gefahren zu entgehen?
So beeinträchtigt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt die Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge. Die Vertreter einer „Generation Praktikum“, was mag sie zu langfristiger Logenmitgliedschaft motivieren?

So bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst ja nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt auch die traditionellen Legitimierungen des Modells „Männerbund“ generell in Frage. Haben wir den Mut, Freimaurerei heute als einen „offenen Männerbund“ zu leben? Gibt es überzeugende Konzepte für das Zusammenwirken mit den Logen der Freimaurerinnen?

So bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck. Hält das Programm der Loge diesem Konkurrenzdruck stand? Ist die Suche nach immer neuen Erlebnissen und spektakulären „Events“ mit den Grundeigenschaften der Freimaurerei: Bereitschaft zu dauerhafter Bindung, Führung ethischer Diskurse und Praxis ritueller Einübung in ein wertorientiertes Verhalten heutzutage vereinbar?

So führt – schließlich – die Kultur der heutigen Moderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um. Es beschert uns minderwertige Filme und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern oft niedrigsten Niveaus. Haben wir Antworten in dieser neuen Situation? Widerstehen wir der Versuchung, auf der Fantasy-Welle mitzusurfen?

Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung unserer Zukunftsziele und gehört sicher auch auf die Agenda unserer Meister-vom-Stuhl-Seminare.

Freimaurerei ist, was Freimaurer tun!

Doch ich bin bei aller Skepsis fest davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der Gegenwart nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen zu entdecken. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen – wenn wir es nur richtig machen mit unserer Öffnung zur Gesellschaft – kräftig anwachsen zu lassen.

Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder:

Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wol­­len ihre per­sön­lich­en Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wol­len teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt ist sie doch da, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.
Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe können wir Freimaurer unsere konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis können wir die Stimmigkeit unserer inneren Strukturen überprüfen, und von hierher können wir auch unser Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit und Friedensliebe – einerseits längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, andererseits aber oft in erschreckenden Maße mit den Füßen getreten werden, besteht die Aufgabe unseres Bundes nicht im Propagieren liebgewordener Parolen. Sie besteht in der Einübung in eine wertverpflichtete Praxis, Praxis des einzelnen Bruders und Praxis der Logengemeinschaft. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr!

Gewiss: Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, dabei muss es bleiben, aber sie kann – wie es im Ritual vermittelt wird – zu einer „sicheren Stätte“ werden für Menschen, die in einem konzentrierten, sensiblen und wertorientierten Diskurs Klarheit über handlungsrelevante Fakten und Verhaltensoptionen in der Welt von heute und morgen suchen. Die Loge kann zum Handlungsvorbereiter werden und hierdurch auch an politischer Relevanz gewinnen. Sie kann, wenn sie ihr Potential ausschöpft, zur Entwicklung einer politischen Kultur des gesellschaftlichen Miteinanders beitragen, an der hierzulande doch wirklich Mangel herrscht, wie wir tagtäglich und zuweilen auf erschütternde Weise erleben.

Mut zum gesellschaftlichen Diskurs, zum hörbaren Wort

Arkandisziplin heute hätte dann vor allem die Funktion, den Raum für einen solchen Prozess der Klärung und Abklärung unserer Positionen, der Stiftung einer lebenskräftigen freimaurerischen Identität abzusichern. Arkandisziplin ist insofern weit mehr als eine Angelegenheit des Verhüllens. Arkandisziplin ist eine Angelegenheit des Vertrauens, der Offenheit von Mensch zu Mensch. Das Geheimnis macht wenig Sinn, wenn es nicht zum Heim wird für uns und unsere Brüder.

Im Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit ist Redlichkeit am Platz: Es gab Licht und Schatten, Leistung und Versagen im Entwicklungsprozess der deutschen Freimaurerei. Dies einzuräumen, wirkt auf Außenstehende viel sympathischer und interessanter, als das unendlich langweilige Posieren als selbsternannte „Weltmeister in Sachen Humanität“. Allerdings: Für die Information nach außen wie für den Klärungsprozess im Inneren muss das freimaurerische Wissen in der Bruderschaft verbessert werden. Wer nach dem „Wohin“ der Freimaurerei fragt, muss über das „Wie“ und das „Woher“ der Freimaurerei gründlich Bescheid wissen.

Und ein Letztes: Wir Freimaurer hätten uns – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – viel öfter an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie sich auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer „reflexiven Aufklärung“, auf die „Ethosproblematik“ (Stichwort „Weltethos“), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten (Stichwort „Einübungsethik) beziehen, oder mögen sie auf Reflexionen über Lebenskunst konzentriert sein, denn wenn Freimaurerei sich seit jeher als eine „Königliche Kunst“ verstand, so meinte sie damit doch vor allem die Kunst, das Leben recht zu führen. Also Mut zum Diskurs, zum hörbaren Wort. Es genügt nicht, die Stimmen anderer zu prämieren, dazukommen muss für uns Freimaurer, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt, die auf Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus.

Insgesamt hat – davon bin ich vollkommen überzeugt – die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz zuweilen kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen.

Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu diesem Zweck zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen:

  • Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben.
  • Die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zur Zukunftswerkstatt für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen.
  • Unsre freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von schaler Rhetorik oder – schlimmer noch – von obskuren Missverständnissen überlagert wird.
  • Unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern als Gestaltungsfaktor der Gegenwart, als schlichte und unpathetische Wahrnehmung mitmenschlicher Pflichten zu erkennen ist.
  • Schließlich: Unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld erlebt und verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder – schlimmer noch – mit den Wahnvorstellungen der Verschwörungs-„theoretiker“ verwechselt wird.

Eine erfolgreiche Freimaurerei lebt nun weitgehend von jenen Logen, die die zukunftsfähigen Strukturelemente der Freimaurerei überzeugend verkörpern, wo – salopp gesagt – das heute und morgen gesellschaftlich wirksame Angebot stimmt, wo es Freimaurer gibt, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte, wo die Loge als Logengruppe so attraktiv ist, dass der Suchende gern dazu gehören würde, und wo die Originalität der praktizierten freimaurerischen Konzepte den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, das passt in die Zeit, und das vermittelt meinem Leben Sinn“.

Die Logen hier in Hamburg, darunter heute besonders hervorzuheben die Loge „St. Georg zur grünenden Fichte“, deren eindrucksvollem Gang durch die Geschichte wir dieses schöne Jubiläumsfest verdanken, gehören zu den Bauhütten in Deutschland, die uns nicht zweifeln lassen am Wert ihrer Arbeit und an ihren Erfolgen. Und wir alle wünschen diesen Logen – und wiederum besonders der alten und zugleich jungen „Kaiserhofloge“ – um ihretwillen, aber auch zum Besten der Freimaurerei in Deutschland, viel Glück auf ihren weiteren Wegen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

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200 Jahre Logenhaus Darmstadt

Foto: Loge

Die Brüder der Darmstädter Loge "Johannes der Evangelist zur Eintracht" feiern am 23. September die Zweihundert-Jahr-Feier ihres Logenhauses mit einer Tempelarbeit und einer öffentlichen Veranstaltung.

Am Sonntag um 10 Uhr beginnt eine Tempelarbeit im Lehrlingsgrad, bei der der Großmeister der Großloge der Alten Freien Angenommenen Maurer von Deutschland, Br. Stephan Roth-Kleyer, anwesend sein wird und der Großredner Br. Wolfgang Kreis die Festzeichnung halten wird.

Um 15 Uhr gibt es eine öffentliche Feier unter dem Motto “Begegnung im Darmstädter Logenhaus”, bei dem sich Brüder, Schwestern, Mieter und Gäste der Loge treffen.

Das Darmstädter Logenhaus, 1818 nach den Plänen des berühmten Architekten und Logenbruders Georg Moller erbaut, 1944 zerstört und 1966 an der selben prominenten Stelle neben dem Darmstädter Staatstheater im Stil der Moderne wieder aufgebaut, war technisch und optisch in die Jahre gekommen und entsprach nicht mehr den Brandschutz-Vorschriften. In 18-monatiger Bauzeit wurde 2016/17 das „Moller-Haus“, in dem sich neben dem Logenhaus ein Theater befindet, vollständig saniert. Die Baukosten von 3,2 Mio € übernahm überwiegend die Stadt Darmstadt als Mehrheitseigentümerin des Hauses. Finanziell gefördert wurde die Baumaßnahme vom Land Hessen. Die Brüder der Loge „Johannes der Evangelist zur Eintracht“ beteiligen sich an der Finanzierung mit einer größeren langfristigen Hypothek.

Der geschmackvolle Ritualraum im Darmstädter Logenhaus

Interessenten an den Veranstaltungen können sich für eine Anmeldung und weitere Informationen unter kontakt@freimaurer-darmstadt.de an die Loge wenden.

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Nach 200 Jahren wieder Loge in Landau

Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer (links) und der Meister vom Stuhl Br. Christian Mohr mit dem Logenpatent.
Fotos: Gereon Hoffmann

Nach etwas mehr als 200 Jahren gibt es in Landau wieder eine Freimaurer-Loge. Am 8. September überreichte in einem feierlichen Akt der Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Br. Stephan Roth-Kleyer, dem Meister vom Stuhl der Loge „Pfalz zur Philanthropie“, Br. Christian Mohr, das Patent.

„Ich freue mich sehr, dass wir nach 200 Jahren das freimaurerische Licht zurück nach Landau bringen konnten“, sagte Großmeister Roth-Kleyer. „Wir werden uns in Zukunft auch in das Stadtleben Landaus einbringen“, sagt Mohr, „allerdings sind wir derzeit noch in der Gründungsphase und noch dabei, unser Logenleben aufzubauen.“

Die erste Landauer Loge wurde 1788 gegründet und hieß „Hermes Trismegiste de l’Amitie“. Mehr ist nicht bekannt. Die zweite Loge, auf die sich die Neugründung bezieht, hieß „Union Philanthropique“ und wurde 1803 konstituiert. Federführend dafür war der Landauer Pfarrer Johann Peter Ackermann. Er war erst Mitglied der Zweibrücker, dann der Neustadter Loge. Die Landauer Loge bestand zwölf Jahre und zählte in dieser Zeit 173 Mitglieder. Dazu gehörten der Festungsgouverneur General Nicolas Louis Jordy und hohe Beamte des Großherzogtums Baden. Mitglied war auch Johann Jakob Bruckner, der von 1789 bis 1814 Pfarrer in Landau war.

Louis Bernard Antoine d’Agon war Jurist in Speyer und schloss sich der Landauer Loge an. Von hier aus organisierte er die Gründung der Speyerer Loge „La Grande Familie“ . Als die französische Stadt Landau am 25. April 1814 eine Ergebenheitsadresse an Ludwig XVIII. schickte, hielten sich die Landauer Freimaurer zurück. Auf die Forderung nach Beteiligung an einer Statue für den König in Paris, erklärte die Loge, dass man sich dazu leider nicht im Stande sehe. Als Napoleon bei Waterloo geschlagen war, fiel beim Zweiten Pariser Frieden Landau an Österreich. Unter dessen Herrschaft war die Freimaurerei verboten. Um Zwangsmaßnahmen zuvor zu kommen, löste sich die Landauer Loge zum 1. Dezember 1815 freiwillig auf und vermachte Besitz und Papiere der Straßburger Loge La Concorde.

Die 2018 gegründete Loge „Pfalz zur Philanthropie“ hat derzeit 14 Mitglieder und vier Interessenten. Anfragen sind möglich über die Mailadresse anfrage@loge-landau.de.

Die Teilnehmer der Lichteinbringung.
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Website wird überarbeitet

Foto: candy1812/ Adobe Stock

In eigener Sache: Die Internetseite wird in den nächsten Tagen und Wochen intensiv überarbeitet werden. Natürlich gibt es dafür Gründe.

Für die Überarbeitung gibt es verschiedene Gründe. Über die Jahre sind viele interessante Beiträge entstanden, die neu organisiert werden sollen. Andere Bereiche sind überflüssig geworden und sind neu zu strukturieren. Auch die Datenschutz-Grundverordnung hat einige kurzfristige Änderungen gebracht, die nun verünftig organisiert werden wollen. Und ganz zuletzt soll die Seite moderner gestaltet werden, um Ihnen mehr Freude bei der Beschäftigung mit der Freimaurereizu machen.

Die Änderungen sind ein Prozess über mehrere Wochen. Wir bitten um Verständnis, wenn Sie sich in dieser Zeit auf der Seite neu orientieren müssen. Sollten Sie Fehler finden oder Vorschläge haben, lassen Sie es uns wissen. Schreiben Sie an webmaster@freimaurerei.de

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Erkenne und achte Dich selbst

Foto: Prostock-studio / photodune

"Erkenne Dich selbst" ist beginnend mit der Aufnahme die vornehmliche Aufgabe eines Freimaurers. Für unseren Autor ist die "Psychologie der Selbstachtung" dabei ein wichtiges Element.

Von Br. Harald E. Meyer aus der Berliner Loge "Avantgarde"

Vor einiger Zeit bin ich einmal wieder auf den Begriff “Selbstachtung” aufmerksam geworden. In einem Artikel im “Tagesspiegel” wurde eine neuere Richtung der Psychologie angesprochen, die als “Psychologie der Selbstachtung” bezeichnet wird.

Viele Selbst-Wörter, gerade wenn sie das “Ich” betonen, haben ja einen negativen Beigeschmack: Selbstzufriedenheit, Selbstüberschätzung, Selbstverliebtheit, Selbstherrlichkeit – all diesem stehen wir skeptisch bis sehr kritisch gegenüber. Und wenn einmal eines dieser Selbst-Wörter positiv besetzt ist, wie z.B. die Selbstlosigkeit, dann legt es uns nahe, besser auf unser Selbst zu verzichten. Denn es ist eher angesagt, selbstkritisch zu sein als sich zu sehr zu mögen. Und die Psychologie der Selbstachtung sagt uns nun, dass wir mit Problemen des täglichen Lebens oder mit Krisen besser fertig werden, wenn wir positiv zu uns selber stehen.

Mein erster Gedanke war: Interessanter Begriff, interessantes Thema, könnte das etwas mit Freimaurerei zu tun haben? Mit der Arbeit an uns selbst und ihren Wirkungen? Und eine weitere Assoziation war die Behauptung von Br. Philip Militz, Freimaurerei sei das wohl erfolgreichste Persönlichkeitstraining der Weltgeschichte.

Wenn wir uns selbst achten sollen, müssen wir uns selbst kennen. Und die Aufforderung zur Selbsterkenntnis ist das Wichtigste, was uns allen in der Freimaurerei begegnet. Bei unserer Aufnahme hörten wir in der Mitte der dritten Reise nach einem überraschenden Hammerschlag aus dem Munde des Meisters: “ERKENNE DICH SELBST!”

Hier geht es nicht nur um die Stellung des Menschen im Weltgefüge und die Erkenntnis unserer Begrenztheiten. Nein, es handelt sich ganz konkret um die Aufforderung, mich selbst zu prüfen und die eigenen menschlichen Stärken und Schwächen anzuschauen. In unserem Ritualkontext ausgedrückt: nicht nur die Ecken und Kanten unseres Rauen Steines zu betrachten, sondern auch die Strukturen dieses Steines zu erkennen. Denn wenn wir im Anschluss mit der Bearbeitung dieses Rauen Steines – mit der Entwicklung unserer Persönlichkeit – beginnen, dann hilft es nicht, sinnlos drauflos zu hämmern. Sonst erzeugen wir ganz schnell Bruch. Unser Stein, unsere Persönlichkeit, will erst genau erkannt und gekannt sein, muss in seinen Strukturen beachtet und geachtet werden, damit bei der folgenden Bearbeitung kein Unglück, kein Bruch, geschieht. Außerdem wollen wir in den Logen die Einzigartigkeit jedes Bruders bewahren und sie nur weiterentwickeln, nicht brechen. Wir legen Wert auf bleibende Individualität, möchten im freimaurerischen Prozess keine gleichförmigen Backsteine erzeugen, sondern in der Tradition der Freestone Masons einzigartige Kunstwerke, die sich dennoch in den großen Bau der Humanität einfügen. Und die Stein-Künstler achteten schon seit jeher sorgsam auf die Struktur ihrer Steinblöcke, umrundeten sie zuerst aufmerksam und bekamen mit ihrer Erfahrung bald einen Eindruck davon, was für ein Kunstwerk in diesem rohen Stein verborgen war und eigentlich nur noch herausgearbeitet werden musste.

Ich spreche hier vom Achten auf Strukturen, von der Achtsamkeit der Stein-Künstler vor und bei der Arbeit. Und wenn es in der Freimaurerei um die Bearbeitung der eigenen Persönlichkeit geht, dann sprechen wir von Achtung auf uns selbst – und dies ist für mich der erste wesentliche Aspekt der Selbstachtung: Achtung auf mich selbst. In diesem Sinne heißt Selbstachtung, achtsam und vorsichtig mit mir selbst umzugehen. Hierfür kennen wir auch den Begriff der Nachhaltigkeit im Umgang mit uns.

Wir sollten uns nicht überschätzen und uns nicht auf Dauer zu viel zumuten. Bezogen auf die Zeit haben wir als Freimaurer das Symbol des 24-zölligen Maßstabs, mit dessen Hilfe wir unsere Zeit mit Weisheit einteilen sollen. Doch natürlich gilt diese Forderung nach weiser Einteilung auch für unsere anderen begrenzten Ressourcen: Unsere körperlichen und seelischen Kapazitäten sind begrenzt und brauchen Zeit zur Regeneration. Plötzliche starke Belastung kann zum Zusammenbruch führen, aber auch langsamer Raubbau macht sich auf Dauer in Erschöpfung bemerkbar. Nicht nachhaltig.

Doch machen wir uns nichts vor: Auch das Gegenteil, die dauerhafte Unterforderung, tut uns nicht gut. Wir wissen, dass Menschen in ihrer geistigen und körperlichen Kondition abbauen, wenn sie sich gehen lassen und nicht aktiv sind. Dies ist wohl das Problem vieler Berufstätiger in ihrem Ruhestand, wenn sie nicht rechtzeitig für erfüllende und anregende weitere Beschäftigung gesorgt haben. Nicht nachhaltig.

Vielleicht könnten wir die Schlussworte des Meisters am Ende der Arbeit, wenn er uns auffordert: “Seid wachsam auf Euch selbst!”, auch einmal unter dem Gesichtspunkt bedenken, achtsam mit uns selber umzugehen.

Der zweite Aspekt der Selbstachtung, den ich ansprechen möchte, ist die Achtung vor mir selbst, der Respekt und die (wohlwollende) Wertschätzung der eigenen Person. Dies ist wohl die übliche Vorstellung, wenn wir an den Begriff “Selbstachtung” denken. Und diese Interpretation liegt auch der Psychologie der Selbstachtung zugrunde. Wenn wir positiv zu uns stehen, werden wir nicht nur mit all den kleinen und größeren alltäglichen Problemen besser fertig, als wenn wir uns immer kritisch sehen und eigentlich nichts zutrauen. Das hat viel mit Zuversicht und positivem Denken zu tun. Das strahlt aus – nach innen wie auch nach außen. Wir alle kennen den Spruch: “Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.”. Wer bei jeder neuen Aufgabe zuerst denkt: “Das schaffe ich wohl nicht!”, konzentriert sich automatisch auf die Hindernisse und Schwierigkeiten, sieht jede Aufgabe als Problem und braucht doppelte Kraft, sich dennoch zu motivieren und Lösungen zu suchen. Wer dagegen positiv zu sich selber und seinen Fähigkeiten und Ressourcen steht und eine neue Aufgabe vor allem als Chance begreift, konzentriert sich viel leichter auf Lösungen und ist deshalb auch erfolgreicher. Und nebenbei: sowohl kreativer als auch zufriedener.

Doch nur positiv zu sich selber zu stehen, reicht nicht ganz. Diese Wertschätzung des Selbst muss schon hinterlegt sein mit Werten von uns, damit sie nicht ins Leere läuft. Die Maurerei im Allgemeinen und unser Ritual im Besonderen geben uns ja ausreichend Anlässe, über Werte nachzudenken und Tugenden einzuüben, im Tempel eher theoretisch, aber gedacht ganz praktisch für unser normales profanes Leben. Und wer sich “gut”, d.h. moralisch verhält in seinen täglichen Situationen der Entscheidung und des Umgangs mit anderen Menschen, der kann auch beruhigt “in den Spiegel schauen”. Er hat Grund, sich zu achten und wertzuschätzen, er kann mit sich im Reinen sein.

Ist es nicht dies, was Freimaurerei erstrebt, wenn sie sich als Aufgabe stellt, gute Männer besser zu machen (“to make good men better”)?

“Gut” heißt hier: Ein Bewusstsein für menschliche Werte zu haben und den Wunsch, im Kreise ähnlich denkender Menschen sich weiterentwickeln zu wollen. Wir sagen hierzu: Suchender zu sein. “Besser” heißt hier: An sich zu arbeiten und dabei hohe, aber nicht unrealistische Ziele zu verfolgen. Wir sind alle fehlbar, nicht jede Arbeit gelingt uns und wir wissen auch, dass ideale Werte nur näherungsweise erreichbar sind. Doch ich schätze sehr den Ausspruch: “Wir können die Sterne nicht erreichen. Doch wer sich nach ihnen ausrichtet, kann nicht gleichzeitig mit den Händen im Dreck wühlen.”

Wir haben in unseren Tempeln das Buch des Heiligen Gesetzes als Symbol für alle Regeln, nach denen wir uns ausrichten. Gleichzeitig kennen wir viele Symbole aus der Werkmaurerei, die uns in konkreteren Situationen Anleitung für unser Handeln geben können und sollen. Wenn wir auf diese Symbole achten, handeln wir ehrenhaft und haben allen Grund zu Selbstachtung. Und das Schöne ist: Wer sich selbst achtet, ist sich seiner selbst sicher und kann auch sein Gegenüber, seinen Gesprächs- oder Geschäftspartner, achten, respektieren und wertschätzen, auch bei unterschiedlichen Interessen und Meinungen.

Das bisher Gesagte gilt ebenso für unsere Loge Avantgarde. Wir setzen uns ehrgeizige Ziele, wir arbeiten an uns, nicht nur persönlich als Brüder, sondern auch als Loge Avantgarde, an unseren Bruderabenden und mit dem Ritual – und auch hier gilt das Gebot, sich nicht zu überfordern, aber auch nicht zu unterfordern. Das durch unsere aktive Arbeit entstehende Selbstbewusstsein, unsere Selbstachtung, strahlt dann aus jeder unserer Arbeiten und Bruderabende sowie aus uns Brüdern aus und verstärkt in der Folge wiederum unsere Reihen. Mit dieser durch eigene Arbeit begründeten Selbstachtung können wir als Vertreter unserer Loge überzeugt sprechen.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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