Für ein neues Verständnis der Freimaurerei

Der Philosoph und Freimaurer Klaus-Jürgen Grün

„Der symbolische Bund der Freimaurer“: Unter diesem Titel hatte Klaus-Jürgen Grün, Philosoph, Freimaurer und ehemaliger Meister vom Stuhl der Forschungsloge Quatuor Coronati, seinen Vortrag im Lortzinghaus am 29. November 2018 angekündigt.

(Osnabrück / rm) Der Abend ging über diesen Titel deutlich hinaus – mit einem vehementen Plädoyer für die Eigenverantwortung des Menschen und einer Auffassung von Freimaurerei, die weniger auf Tradition statt auf Neuerfindung setzt. Grün führte dieses Verständnis unter anderem mit einer prägnant neuen Definition des Begriffes Arbeit vor. Arbeit sei im Verständnis der Freimaurer nicht einfach Verbrauch von Kraft, sondern im Gegenteil eine Erweiterung. Der Tempel werde erst durch Tätigkeit zu etwas besonderem, plädierte Grün für ein aktives Verständnis der Freimaurerei.

Der Referent untermauerte seine Thesen mit ausführlichen Exkursionen in die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften. Dabei unterschied er grundsätzlich zwischen Entdeckung und Erfindung der Welt, zwischen dem, was er analoges und digitales Denken nannte. Wer die Welt entdeckt, setzt sie als etwas von ihm unabhängig existierendes voraus, wer sie erfindet, bringt Welt überhaupt erst hervor, durch Worten und Taten. Diese Opposition bezog Grün auch auf ethische Konzepte. Wer analog denke, mache für sein Handeln eine übergeordnete Instanz verantwortlich. Wer sie erfinde, übernehme für seine Handlungen Verantwortung. Grün schilderte – ein krasses Beispiel – das Verhalten von Tätern des Dritten Reiches, die für ihre Handlungen nicht selbst die Verantwortung übernommen, sondern auch übergeordnete Instanzen der Partei oder des Staates verwiesen hätten. Pflichterfüllung als Paradigma der systematischen Verantwortungslosigkeit: Grün ließ keinen Zweifel daran, wo er den Ort für den selbstständigen und verantwortungsvollen Menschen sieht.

Ob Erkennen oder Kommunikation – Menschen bilden Welt nicht einfach ab, sie erzeugen sie. Grün bezog sich auf jene Grundverständnisse von Welt und Erkennen, wie sie der Konstruktivismus und die Systemtheorie formuliert haben und zitierte folgerichtig den Kybernetiker Heinz von Foerster und den Soziologen Niklas Luhmann. Besonders wichtig: Menschen nehmen Bedeutungen nicht einfach von außen entgegen, sie kreieren sie als Reaktion auf Wahrnehmung und Kommunikation. Damit zeichnete Grün das Bild einer Welt, die wir nicht einfach vorfinden, sondern in unserem Machen, Sagen und Schaffen ständig neu erschaffen. Menschen sind nicht triviale Maschinen: Mit diesem Terminus umschreiben Systemtheoretiker ihr Bild vom Menschen als einem ständig lernenden und in diesem Sinn produzierenden Wesen, das sich über selbst produzierte Rückkopplungen ständig weiter entwickelt.

Liegt Gott also nicht in einem fernen Jenseits oder Über-Uns, sondern in der Hirnschale des Menschen, also in seiner Kreativität und Produktivität? Grün zitierte dafür Michelangelos Deckengemälde „Die Erschaffung Adams“ aus der Sixtinischen Kapelle in Rom. Er interpretierte den Umriss, in den der Maler die Gestalt Gottes einfügte, als Silhouette der menschlichen Hirnschale und damit als eine implizite Absage des Künstlers an Transzendenz und daraus folgende Konzepte des Menschen. Grün forderte nachdrücklich dazu auf, auf dieser Basis auch das Verständnis der Freimaurerei neu zu denken und dabei auf Eigenverantwortung und Kreativität zu setzen. Die Idee der Humanität sei nur im sozialen Gefüge möglich, sagte Grün. In der Freimaurerei sei alles Resultat der Praxis, formulierte der Philosoph sein Verständnis einer aktiven, auf Weltgestaltung im Hier und Jetzt setzenden Freimaurerei. Dass er seine Ausführungen frei vortrug und sich dabei auf die Kunst der vehementen Ansprache seines Publikums verstand, ist jedem nachvollziehbar, der Klaus-Jürgen Grün einmal erlebt hat. Er ist ein Performer seiner Philosophie.

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Sächsische Freimaurermusik bald auf CD

Mit der Ausbildung der spekulativen Freimaurerei zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen parallel dazu auch die ersten Freimaurerlieder zum Gebrauch in den Logen auf. Etwa ab Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden mehr als 700 Kompositionen. Sehr aktiv waren in diesem Prozess Komponisten aus Berlin und auch aus Sachsen, die weit über 100 Lieder schufen. Damit kann die Region zu Recht als sehr bedeutend für die Entwicklung der Freimaurermusik bezeichnet werden.

Der sächsische Hofkapellmeister und Freimaurer Johann Gottlieb Naumann (1741–1801) war mit 70 Werken der wohl produktivste Freimaurerkomponist des 18. Jahrhunderts. Dr. Kornél Magvas, Dresdner Musikwissenschaftler und Lehrer am Kreuzschul-Gymnasium Dresden, war im März 2015 Gastdozent bei einem Gästeabend der Görlitzer Loge „Zur gekrönten Schlange“ Nr. 49. Er hatte den Auftrag übernommen, die sächsische Freimaurermusik der Görlitzer Öffentlichkeit vorzustellen.
Bei der Vorbereitung dieses Abends am Görlitzer Museum Neißstraße (hier arbeitete die Loge von 1804 bis 1864) versprach Dr. Magvas eine Überraschung, die ihm zur Freude der Logenbrüder auch gelang. Er präsentierte die weltweit zweite Vertonung von Friedrich Schillers „Ode an die Freude“. Der Oberlausitzer Musiker Johann Christian Müller hatte das berühmte Gedicht 1785 vertont und es der Görlitzer Loge gewidmet, die sich zu diesem Zeitpunkt „Zu den drei Flammen“ nannte.

Im Sommer 2015 wurde von Dresdner Freimaurern der Entschluss gefasst, anlässlich des 275. Geburtstages von Johann Gottlieb Naumann eine CD mit sächsischen Freimaurerliedern produzieren zu lassen. Leider scheiterte dieses Vorhaben an den finanziellen Anforderungen. Ende 2017 fasste ich am Rande einer Tagung der Quatuor-Coronati-Arbeitsgruppe Dresden den Entschluss, dieses Projekt erneut in Angriff zu nehmen und setzte mich mit Dr. Magvas erneut in Verbindung. Als ich von ihm erfuhr, dass der international bekannte Kammerchor „Vocal Concert Dresden“ die Freimaurerlieder einsingen sollte und ein professionelles Dresdner Tonstudio mit der Erstellung des sogenannten Masterbandes beauftragt und die CD von dem renommierten Musiklabel „Berlin Classics“ produziert werden würde, gab es für mich keine andere Entscheidung, als diese CD auf den Markt bringen zu lassen. Um eine größtmögliche Nähe zur Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts zu erreichen, wird der Kammerchor von einem historischen Hammerflügel begleitet, dem typischen Musikinstrument des 18. Jahrhunderts.

Ich übernahm die Aufgabe, die Finanzierung sicherzustellen. Der nicht unerhebliche Betrag von 10.000 Euro wurde für das Projekt benötigt, die auch gesammelt werden konnten. Es hat mich mit Freude erfüllt, dass mein Ruf in den sächsischen Logen nicht verhallte. Bemerkenswert ist, dass knapp 40 Prozent der notwendigen Summe durch private Spenden von Freimaurern bereitgestellt wurden. Aber auch der sächsische Distrikt stellte einen namhaften Betrag zur Verfügung. Befremdlich fand ich die Begründung anderer freimaurerischer Institutionen, von einer finanziellen Beteiligung abzusehen, weil dieses Projekt ein kommerzielles Vorhaben sei. Wenn man ins Theater geht, wird mit der Eintrittskarte Kunst gekauft. Ein Gleiches trifft auch auf Bücher, Konzerte und auch CDs zu. Und wenn Freimaurer eine CD mit historischer Musik zum Gebrauch in den Tempelarbeiten erstellen lassen, müssen die Künstler und Produzenten bezahlt werden. Dem Musiklabel selbst ist dabei kein Geld zugeflossen.
Mit dieser CD wird freimaurerische Musik des 18. Jahrhunderts vorgelegt, wie es das in dieser Form meines Erachtens bisher noch nicht gab. Ihren Glanz erhält die CD durch die exzellenten Komponisten und Interpreten, durch eine professionelle Bearbeitung im Studio und vor allem durch den Gebrauch für unseren freimaurerischen Alltag.

Anfang Dezember 2018 ist das Masterband fertiggestellt worden und wird an das Label „Berlin Classics“ übergeben, über das die Musik vermarktet wird. Die CD selbst soll am 2. März 2019 um 16 Uhr bei einem Auftaktkonzert im Jugendhaus „Wartburg“ in Görlitz – dem ehemaligen Logenhaus der Loge „Zur gekrönten Schlange“ – vorgestellt werden.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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Glückauf zur 11. Ruhrgebietsloge

Bereits zum 11. Mal veranstalteten die Logen des Ruhrgebiets eine gemeinsame Arbeit im Lehrlingsgrad, die so genannte Ruhrgebietsloge. Ausrichter in diesem Jahr war die Loge „Zur Weltbruderkette im Vest“ in Recklinghausen. Mehr als 150 Brüder folgten am 20. Oktober 2018 diesem Ruf – und es kamen nicht nur Brüder aus den umliegenden Städten des Reviers.
In Herten, der Nachbarstadt Recklinghausens, einst Europas größte Bergbaustadt, fand sich eine große und historisch schöne Halle: In der ehemaligen Schwarzkaue der Zeche Schlägel & Eisen, in der die Bergleute (auch Kumpel genannt) nach der Schicht ihre Arbeitskleidung ablegten, wurde der Tempel aufgebaut.

Die Wahl fiel nicht ohne Hintergedanken auf die bereits 1990 stillgelegte Schachtanlage. 2018 endete die über 200-jährige Bergbaugeschichte in Deutschland. Ende des Jahres schlossen die letzten beiden Zechen, Prosper Haniel in Bottrop und das Bergwerk Ibbenbüren. Die Ruhrgebietsloge wollte deshalb auch den Kumpel und dem Bergbau im Ruhrgebiet Tribut zollen.
Die einzigartige Kulisse ließ keinen Bruder unberührt. Auch der zugeordnete Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Br. Hasso Henke, zeigte sich beeindruckt ob der historischen Bedeutung des Veranstaltungsorts und der einzigartigen und besonderen Atmosphäre.

Das Besondere an der Ruhrgebietsloge ist ihr etwas ungewöhnlicher Ablauf. Während des Rituals wird die Arbeit unterbrochen, den Brüdern wird ein Schnaps gereicht. Während des gemeinsamen Singens des „Steigerlieds“ übergaben die Brüder der Loge „Eiche auf roter Erde“ in Herne das Symbol der Ruhrgebietsloge, eine historische Grubenlampe, an den Recklinghäuser Meister vom Stuhl, Br. Michael Ganschow. Die Loge in Herne war im Jahr 2017 Ausrichter der Ruhrgebietsloge. Traditionell wird während der Arbeit das Licht an die nächste Loge übergeben, damit alle Arbeiten des laufenden Maurerjahrs im hellen Licht leuchten.

Und warum der Schnaps? Nun, die letzte Strophe des „Steigerlieds“ lautet: „Wir Bergmannsleut seins kreuzbrave Leut, denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht und saufen Schnaps!“ Beim letzten Akkord wird gemeinsam getrunken.
Nach getaner Arbeit luden die Brüder noch zu einem gemeinsamen Imbiss. Natürlich klassisch mit Bier aus der Flasche und einer zünftigen Currywurst, wie es sich für das Revier gehört.

Im kommenden Jahr wird die Ruhrgebietsloge von der Loge „Schiller“ in Essen ausgerichtet, die 2019 ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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Freimaurer U33

Foto: LoboStudioHamburg / pixabay

Als ich am 16. März 2014 in die Loge „Carolus Magnus“ in Aachen aufgenommen wurde, war ich mit Stolz und Ehrfurcht erfüllt, da ich endlich zu dieser historisch bedeutsamen Bruderschaft dazugehörte, in deren Reihen große Persönlichkeiten wie Goethe, Mozart oder Churchill eine Heimat gefunden hatten.

Im Rahmen von Tempelarbeiten, Kerzengesprächen und Logenfesten lernte ich eine Vielzahl herausragender Brüder kennen, die mich positiv beeinflussten und mir dabei halfen, meinen Horizont zu erweitern und meine Persönlichkeit zu entwickeln. Diese Erfahrung können wahrscheinlich viele junge Brüder mit mir teilen.

Mit der Zeit merkte ich allerdings, dass etwas fehlte. Der Blick in meine Loge offenbarte, dass ich mit dem großen Altersabstand von mehr als 20 Jahren der jüngste Bruder war. Und obwohl ich den Austausch mit älteren Brüdern sehr schätze und deren Lebenserfahrung als eine große Bereicherung für meine eigene Entwicklung verstehe, sehnte ich mich zunehmend nach Gesprächen mit Freimaurern, die im gleichen Alter waren.

In einem Gespräch mit Bruder Patrick Petersen von der Loge „Zur Heilbringenden Quelle“ in Bad Oeynhausen im Mai 2016 stellten wir fest, dass wir beide den Austausch mit gleichaltrigen Brüdern vermissten. Dieses Empfinden konnten uns andere junge Brüder, die uns auf Reisen begegneten, ebenfalls bestätigen.

So lange ein Gedanke nahe: Wie wäre es, wenn wir die jungen Brüder in ganz Deutschland miteinander in Kontakt brächten und ihnen die Möglichkeit gäben, so die Bruderkette der nächsten Freimauer-Generation zu stärken?

Gemeinsame Treffen und Ausflüge stärken die Gemeinschaft

Die sozialen Medien im Internet geben uns heute die Möglichkeit, solche Vernetzungen unkompliziert auf die Beine zu stellen, deshalb gründeten wir eine Facebook-Gruppe. Am Anfang konnten wir gerade einmal sechs Mitglieder für unsere Gruppe gewinnen. Zu unserer Freude wurde nach kurzer Zeit auch der Bruder Hans Glück aus der Loge „Zum Goldenen Apfel“ in Dresden Mitglied unserer Facebook-Gruppe. Ein Bruder, der durch vielfältige Aktivitäten bereits sehr stark in der deutschen Bruderkette vernetzt war und der unserer Gruppe den notwendigen Aufwind verlieh, um weiter wachsen zu können.

Im August 2016 war unsere Gruppe bereits auf mehr als 50 Mitglieder angewachsen, womit wir unseren ersten Meilenstein erreicht hatten. Da wir bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich digital über Facebook miteinander kommuniziert hatten, sehnten sich immer mehr Brüder nach einem persönlichen Kennenlernen. Dieses fand schließlich am 16. September 2016 in der Nähe von Göttingen statt, wo wir anderntags gemeinsam eine Tempelarbeit der Wanderloge „Jacob de Molay“ besuchten.
An diesem Wochenende wurde der tatsächliche Grundstein für unsere Gemeinschaft gelegt, die wir fortan auf den Namen „FMu33-Gruppe“ tauften. Die 33 steht in diesem Zusammenhang nicht für den freimaurerischen Grad, sondern für das Alter der Brüder, das sie zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht überschritten haben sollten.
Seit unserem ersten Treffen in Göttingen hat sich die Gruppe prächtig entwickelt. Mittlerweile zählt unsere Gemeinschaft 125 junge Brüder, die sich auf Facebook miteinander vernetzen und leidenschaftlich über freimaurerische Themen diskutieren. Darüber hinaus sind die gemeinsamen Reisen eine der tragenden Säulen. Mittlerweile gab es Treffen in Hamburg, Mönchengladbach, Berlin, Heidelberg, Wiesbaden, Walkenried und zuletzt in Leipzig.

Warum kann die „FMu33-Gruppe“ eine wichtige Rolle für die Zukunft der Freimaurerei spiele?

Die deutsche Freimaurerei befindet sich am Scheideweg. Immer mehr Logen fällt es schwer, neue Mitglieder für die Bruderkette zu gewinnen. Insbesondere kleine Logen sehen sich in ihrer Existenz massiv bedroht. Mit diesem Fakt müssen wir uns auseinandersetzen und uns einige wichtige Fragen stellen.
Etwa: Wie gelingt es der deutschen Freimaurerei, junge Brüder zu gewinnen, die das Fundament der nächsten Generation bilden? Die Antwort könnte lauten: Mit einer starken und öffentlichen Präsenz junger und ambitionierter Freimaurer, die entscheidend zur Attraktivität und Modernisierung der Freimaurerei im 21. Jahrhundert beitragen könnte.
Für die Wirksamkeit einer solchen Vorgehensweise ist der in England gegründete „Connaught Club“ das perfekte Beispiel. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss junger Brüder, die einerseits durch interne Events die Bruderkette untereinander stärken und andererseits durch öffentliche Veranstaltungen Profane von der Freimaurerei zu überzeugen versuchen. In Anlehnung an den „Connaught Club“ möchten auch wir zukünftig unseren Beitrag für das Fortbestehen der Freimaurerei liefern.

Die Digitalisierung als Schlüssel für den Wachstum unseres Bundes

Eine weitere Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Was ist der Grund dafür, dass viele Logen immer weniger Suchende verzeichnen? Liegt es an einem allgemeinen Desinteresse gegenüber der Freimaurerei oder werden womöglich Kommunikationskanäle verwendet, die nicht mehr zeitgemäß sind?

Unsere Antwort: Freimaurerei ist auch im 21. Jahrhundert genauso relevant wie vor 300 Jahren. Allerdings werden die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht ausreichend genutzt. Und ich möchte ein Beispiel dafür zeigen: Der „Google-Keywordplaner“ (ein Werkzeug für das Online-Marketing, mit dem in Erfahrung gebracht werden kann, wie hoch das Suchvolumen für bestimmte Begriffe ist) verrät, dass im Monat 3500 Menschen den Begriff „Freimaurer werden“ in die Suchmaske bei Google eingeben. Zählt man noch weitere Begriffe wie „Freimaurer beitreten“ und „wie wird man Freimaurer“ hinzu, kommen wir auf ein Gesamtvolumen von ca. 5000 Suchanfragen im Monat. Kumuliert ergibt sich daraus ein Suchvolumen von 60000 Einzelfragen im Jahr. Könnten auf diese Weise nur 2000 neue Suchende über das Internet gewonnen werden – das sind gerade einmal 3,5 Prozent der Anfragenden, dann wäre das ein großer Schritt für unsere Bruderkette.

Dies macht uns deutlich, dass das Interesse an der Freimaurerei auch im 21. Jahrhundert besteht und wir die „digital Suchenden“ mit intelligenten Strategien abholen und für die Freimaurerei gewinnen könnten.

Und hier spielt die Jugend eine tragende Rolle: Wir sind mit dem Internet aufgewachsen und viele von uns üben einen Beruf aus, der eng mit der digitalen Welt verknüpft ist. Viele von uns verfügen über Fähigkeiten, um die Freimaurerei angemessen in der digitalen Welt zu positionieren.

Gemeinsam wachsen. Bruderkette stärken.

Getreu dem Motto „Ergänzung statt Ausgrenzung“ besteht der Grundgedanke der „FMu33-Gruppe“ darin, die geografische Streuung junger Brüder zu überbrücken, indem sie sich digital vernetzen und untereinander austauschen.
Wer bereits in jungen Jahren das Fundament für eine enge brüderliche Beziehung legt, kann sich freuen, schon zu Beginn seiner Reise als Freimaurer die Brüder kennenzulernen, mit denen er das nächste halbe Jahrhundert arbeiten wird.

Damit diese Kontakte nicht nur digital bleiben, veranstaltet die „FMu33“-Gruppe dreimal jährlich Wochenend-Treffen in ganz Deutschland, um sich persönlich kennenzulernen und die Beziehungen untereinander zu festigen.

Bei unseren Treffen legen wir großen Wert darauf, Kultur mit freimaurerischem Bezug, Tempelarbeiten verschiedener Oboedienzen und brüderlicher Geselligkeit miteinander zu verbinden.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir bieten jungen Brüdern eine Plattform, um sich logenübergreifend auszutauschen und weiterzuentwickeln. Auf diese Weise schaffen wir ein Netzwerk für begeisterte junge Brüder, die sich als wahre Freimaurer verstehen und einen Beitrag für den Bau des Tempels der Humanität leisten möchten.

Für das Projekt „FMu33“ würden wir auch eine ergänzende Zusammenarbeit mit den Großlogen sehr begrüßen. In jedem Fall freuen wir uns über weitere ambitionierte Brüder, die sich aktiv an der Gestaltung der „FMu33-Gruppe“beteiligen möchten. Wer Interesse an unserer Initiative hat, kann uns jederzeit über folgende Kanäle kontaktieren:

Facebook: Branko Dacevic
E-Mail: branko.dacevic@gmail.com

Wir freuen uns darauf, euch demnächst in unserer Runde begrüßen zu dürfen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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Sein oder Nichtsein

Zu den schwierigsten Aufgaben für einen erwachsenen Menschen gehört es, einen Kondolenzbrief zu verfassen. Angesichts des Ereignisses ist fast jedes Wort falsch. Einem wirklich Leidtragenden kann von außen kaum Trost geschenkt werden. Der eher abseits stehende Freund kann nur versichern, dass der Hinterbliebene in seinem Verlust nicht allein gelassen ist, und hoffen, dass diese zurückhaltend formulierte Botschaft ankommt.

Damit ist schon das entscheidende Wort gefallen: Zurückhaltung. Wer der Kraft eines gemeinsamen Gebetes vertraut, wie es der Geistliche tun muss, hat es leicht. Ein Pastor, der sich nach dem Eisenbahnunglück von Eschede um traumatisierte Zeugen kümmerte, wurde gefragt, wie man denn Trost spenden könne. Am ehesten helfen Rituale, erklärte der Kirchenmann, wie etwa das Entzünden von Kerzen. Das kann der Freimaurer verstehen: Erkennen durch Erleben.

Selbstbeschränkung und Bescheidenheit ist das charakteristische Merkmal eines freimaurerischen Rituals, das man im besten Sinne humanitär nennen kann. Von der Überzeugung getragen, dass eschatologische Formeln hier keinen Platz haben dürfen, ist das gültige Ritualwerk unserer Großloge ausgestaltet worden. Es schränkt niemanden hinsichtlich seiner Weltanschauung ein und stört keinerlei Bindung an irgendeine Glaubensgemeinschaft.

Obwohl unsere Großloge bei der Abfassung einer Empfehlung für öffentliche freimaurerische Trauerveranstaltungen den Ritualbegriff vermieden hat, um den eher freiwilligen Charakter der Vorlage zu betonen, ist doch andererseits klar, dass es sich um einen kultischen Vorgang handelt. Das erstmals 1983 erschienene Heft trägt den Titel „Öffentliche Trauerfeier nach freimaurerischem Brauchtum“.

Auf den besonderen Charakter solcher Feiern weist der damalige Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommen Maurer von Deutschland, Br. Kurt Bornschein, in seinem Geleitwort hin: „Ich mache … ausdrücklich darauf aufmerksam, dass bei Änderungen oder Zusätzen sehr behutsam vorzugehen ist, damit freimaurerische Form und Sinn erhalten bleiben. Bei einer Zeremonie, an der Außenstehende teilnehmen, ist die Verantwortung für eine schlichte und doch würdevolle Gestaltung besonders groß.“

Leider konnte nicht jede öffentliche freimaurerische Trauerfeier, die ich in den seitdem vergangenen dreißig Jahren miterlebt habe, diesem Anspruch genügen. Immer wieder haben Logen, die die Feier durchführten, den Wunsch verspürt, Texte hinzuzufügen, die im kirchlichen Raum passen mögen, aber im freimaurerischen Kontext völlig unangemessen sind. Vielleicht meinten die Brüder, es bedürfe eines stärkeren Pathos. Aber Anlehnungen an religiöse Aussagen sind in unserer Großloge fehl am Platze. Es gibt bei uns keine Auferstehungslehre, selbst wenn gern vom „Übergang in eine andere Welt“ oder von „Abberufung zu höherer Arbeit“ und vom „Ewigen Osten“ gesprochen oder geschrieben wird. Solche Euphemismen werden oft unbedacht benutzt. Ich fühle mich selbst nicht ganz unschuldig, weil ich als Großmeister solche Wendungen in Todesanzeigen zugelassen habe. Man sollte sie jedoch lieber vermeiden. Die christlich geprägten Großlogen mögen tun, was sie für richtig halten. Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer ist hingegen anders aufgestellt.

Ich habe manche Trauerfeier erlebt, die sich durch einen bemerkenswerten Nekrolog auszeichnete. Dies war besonders dann der Fall, wenn eine dem Verstorbenen nahestehende Person sprach, etwa ein Familienangehöriger. Eine solche Rede bereitet der Trauerversammlung zuweilen tiefgehende und unvergessene Erlebnisse. Bei einer freimaurerisch gestalteten Trauerfeier sollte das Hauptgewicht ebenfalls auf dem Nekrolog liegen. Alle anderen Handlungen haben dagegen zu verblassen.
Der von unserer Großloge empfohlene Text enthält auch einen besonderen Hinweis, der sich auf den Nekrolog bezieht. Er lautet: Falls nicht sichergestellt ist, dass eine Ansprache von Rang gehalten werden kann, ist es besser, ganz darauf zu verzichten. Die Zeremonie der Kettenbildung und die Niederlegung der drei Rosen wirkt ohnehin stark genug.
Man kann diesen Fingerzeig auf die gesamte Trauerveranstaltung beziehen: Wenn es einer Loge nicht möglich ist, eine Feier von schlichtem Rang zu gestalten, sollte sie es lieber lassen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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Die Sprache der Symbole

Beschäftigt man sich als Freimaurer allgemein mit Symbolik, findet man heute ein breites Spektrum: Von Science-Fiction bis zum nüchternen Zeichensatz. Die Unterhaltungsindustrie wie auch die Wissenschaft haben Symbole gleichermaßen für sich entdeckt. Die Forschung erklärt das Wirken von „Symbolen“ umfänglich und systematisiert die Zeichen allgemeingültig, doch nicht die Rolle von Symbolen in alten Traditionsbünden. Warum?

Bekannt ist der Ausspruch „Wo der Mensch ist, dort finden sich Symbole“. Das trifft im Besonderen auf Mysterienfeste zu, in deren Nachfolge auch die Freimaurerei zu sehen ist. Auf dem ersten Blick lassen ihre Rituale Wortbilder erkennen, die rational analysiert eine zusätzliche Kraft offenbaren (Wörter machen »Götter«). Der zweite Blick gilt daher ihrem symbolischen Charakter und der emotionalen Tiefe: Das Geheime (Heim) und inwendig Verborgene. Doch erst die Zusammenführung von rationaler und emotionaler Erkenntnis bringt – im Betrachter selbst – die wahre Entfaltung. Dies geschieht nonverbal im Reich der Weisheit – nur hier wird der Mensch zum „Menschen“. Dies zu lehren ist seit jeher der Kern der Mysterienschulung durch Symbole. Hermann Hesse schrieb in Siddharta: „Wissen ist vermittelbar, Weisheit jedoch nicht.“ Weisheit muss zwischen den Zeilen eines Textes herausgelesen werden – Symbole weisen auf diesen „Zwischenraum“ hin. Provokativ könnte es daher auch heißen, Wissen ist durch das Wort vermittelbar, Weisheit jedoch durch Symbole. Der bedeutende Linguist Noam Chomsky bestätigt, dass Sprache lückenhaft sei und und begrenzt. Was das Wort nicht leistet, vermag im Speziellen vielleicht das Symbol? Konfuzius soll gesagt haben, dass Zeichen und Symbole die Welt beherrschen, nicht Worte, noch Gesetze. Deshalb bilden Symbole noch heute als „heilige“ (von „ganz“) Zeichen den Mittelpunkt der Freimaurerei und sind von unschätzbarem Wert. Ihre Botschaft lautet: Symbole machen Menschen!

Noch im Mittelalter war eine alte „Sprache der Symbole“ bekannt, sichtbar noch heute im gotischen Kathedralbau. Während meiner Beschäftigung mit dem „Grünen Strahl“ auf der Münsterkanzel in Straßburg, ein Uhrwerk der Symbolik, habe ich auch die „Grüne Sprache“ entdeckt. Das Wissen um diese „Symbolsprache“ und deren Sinntiefe hielt sich noch einige Zeit unter „Alchemisten“, „verlor“ sich aber dann mit ihnen. Nicht aber die Faszination für Symbole im Allgemeinen.
Seit Dan Brown für „The Da Vinci Code“ (Sakrileg) den Professor für „Symbologie“ Robert Langdon erfand, weiß man, dass es keinen Lehrstuhl für Symbologie an einer Universität gibt. Langdon, der Browns Alter Ego ist, lehrt im Roman an der Harvard University religiöse Ikonologie und historische Symbolforschung. Dieses Spezialgebiet ist fiktiv und wurde eigens für die Unterhaltungsindustrie „erfunden“ – und erfolgreich verfilmt.

Der Bestsellerautor Brown nahm für seinen Helden reale Symbolforscher zum Vorbild. Im Namen des Protagonisten wurde der Professor für Typografie und Corporate Identity John Langdon verewigt. Der Grafikdesigner lehrte an der Drexel University in Philadelphia und machte sich in den 70er Jahren als Spezialist für Schriftkunst (Ambigramme) einen Namen. Dan Brown machte aus seinem Symbolforscher Langdon einen erfolgreichen Gelehrten und adaptierte die Züge des bedeutenden amerikanischen Literaturprofessors Joseph J. Campbell. Bis heute übt Campbell einen großen Einfluss auf die Populärkultur und das Verständnis von Wissenschaft aus. Mit seinem Hauptwerk „Der Heros in tausend Gestalten“ (1949) schuf er nahezu eine Typologie des Schöpferischen. Mittels Mythologie und vergleichender Religionswissenschaft legte er einen Grundstein für jeden, der sich heute ernsthaft mit Symbolik beschäftigt.

Wenn es auch den universitären Fachbereich eines fiktiven Robert Langdon so nicht gibt, findet sich dennoch eine besondere Wissenschaft an der Universität, die sich mit „Zeichen“ beschäftigt: Die Semiotik. Sie gilt als Hilfswissenschaft und stellt für alle Wissenschaften, seien es Natur- oder Geisteswissenschaften oder auch Technik oder Kunst eine methodische Disziplin dar. Semiotik behandelt Prozesse in Kultur und Natur, in denen Zeichen zur Anwendung kommen. Da sich alle Forschung für ihre theoretische Grundlage der Zeichen bedient (Symbole, Texte, Diagramme, Graphe, Statistiken etc.), mag man sich leicht das große Feld dieser Zeichenwissenschaft vorstellen.
Den gesellschaftlichen Umgang mit Zeichen erklärt die Semiotik in Theorien und veranschaulicht komplexe Kommunikationsprozesse. Doch was bedeutet das für eine Gemeinschaft, in deren Tradition Symbole den Mittelpunkt bilden? Anscheinend kann auch eine noch so verbreitete und moderne Disziplin wie die Semiotik die Faszination freimaurerischer Zeichen kaum entzaubern. Vielleicht weil diesen Symbolen ein persönliches, individuelles und initiatorisches Moment einer alten Kultur in die Wiege gelegt wurde und sie nur auf den Einzelnen zielen? Die Wissenschaft hingegen ist auf die Gesellschaft ausgerichtet und empirisch. Das Verhältnis von Freimaurerei und Symbolen ist auf keinen Fall „empirisch“. Jeder Maurer wirft mit eigenen Augen einen Blick auf „seine“ Symbole – das „Licht“ dazu wurde ihm gegeben! Waren es vor seiner Aufnahme in den Freimaurerbund noch „Zeichen“, werden sie nach der Initiation zu „Symbolen“. Sie beziehen sich nur auf den Betrachter und wirken reflexiv. Die Aufnahme in einen Freimaurerbund ist daher oft auch der Beginn einer Symbolforschung. Durch die Pflege der Tradition werden die alten Symbole immer wieder aufgeladen und gehaltvoll. Das Verhältnis eines Freimaurers zu seinen Symbolen würde ich daher gerne als „intellektuelle Intimität“ beschreiben.

Es lässt sich durchaus ableiten, dass die Sprache der Freimaurerei eine Symbolsprache ist – eine Sprache, die ohne das Wort auskommt und auf höhere Erkenntnisbereiche abzielt. Begibt sich ein Maurer auf seine Suche nach dem „verlorenen Wort“, dann wird er fündig im Symbol. Denn im Anfang war … das „Symbol“?

In der experimentellen Forschung mit archetypischen Symbolen spricht die sogenannte „Neue Homöopathie“ von einer „Ur-Sprache der Natur“. Etwas früher kam bereits eine andere Wissenschaft zu grundsätzlichen Erkenntnissen: Die „Seelenkunde“. Spätestens durch C.G. Jung kam der Symbolforschung in der Psychologie (Psychoanalyse) eine Schlüsselrolle zu. Doch waren diese Erkenntnisse wirklich „neu“?

Kern der modernen Freimaurerei bildet die Symbolik der „Alten Maurerei“, deren originale Zeugnisse noch immer zu studieren sind und zu einem fundierten Symbolverständnis beitragen: Das „Große Werk“ mittelalterlicher Bauhütten. Betrachtet man die Architektur, die fulminant wohl um 1140 in der Île-de-France (Paris und Umgebung) ihren Anfang nahm, im Hinblick auf den alten „Symbolismus“, entdeckt man eine wahre Schatzkammer. Der Anspruch einer Vermittlung von Wissen macht eine Kathedrale (lat. (Lehr-)Stuhl) zu einem monumentalen Wissensschrein. Dieser steht für die „Gotik“. Dass die Herleitung dieser Bezeichnung für die Kunstgeschichte nicht abschließend geklärt ist, scheint symptomatisch für die Epoche. Deren beeindruckende Formensprache ist heute noch kraftvoll und überzeugend. Dank bautechnischer Innovationen entstand ein spezieller Erlebnisraum, der eine Welt der Symbole inszeniert. Dies kennen wir bis dahin nur von Tempelanlagen und Begräbnisstätten der Antike. In der Gotik folgte nicht etwa die Form ihrer Funktion (form follows function), sondern die Form muss auf gleicher Ebene mit ihrem Inhalt betrachtet werden. Kunsthistorisch konnten nachfolgende Stilepochen die Ausgewogenheit dieser Symbiose aus technischem Wissen und „Spiritualität“ (lat. Geist) nicht mehr vereinen – vereinfacht gesagt überwog entweder die Kunstfertigkeit (L’art pour l’art) oder das Intellektuelle (Abstraktion und Reduzierung). Die Kategorie architektonisch erfahrbarer Symbole kann als Indikator für Hochkulturen angesehen werden.

Die Befruchtung des Okzidents durch den Orient manifestierte sich in besonderer Weise im Kathedralbau und schuf die Synthese aus Philosophie (weltlich) und „Religion“ (spirituell) im Symbolischen. Was bis dahin nur mündlich durch überlieferte Sprachbilder (Metaphern, Allegorien etc.) vermittelt wurde, fand plötzlich Ausdruck im szenischen Raumerleben. Biblisches wurde in den Kirchenschiffen bildhaft und plastisch (be)greifbar. Die Gotik entfaltet ein tiefes und weit über die Philosophie hinausreichendes Verständnis vom Menschsein in Bezug zum Kosmos.

Betrachtet man beispielsweise die Wirkung von Farbe im Mittelalter, so kannte man sie in der Natur zunächst nur aus den blühenden Jahreszeiten. Farbe galt als das Privileg der Mächtigen. Daher muss das Betreten einer Kathedrale einen sinnlichen Reiz besonders für das damalige Auge dargestellt haben. Prachtvolle Bildstöcke mit bunten Figuren vor einer lichtdurchfluteten Kulisse himmelwärts strebender Säulen verliehen dem Augenblick eine überirdische Aura. Die ansonsten unbelebte Materie Stein verwandelte sich an diesem Ort durch die florale Gestaltung zu vitalem Geäst und erwachte – so in Form gebracht – scheinbar zu neuem Leben. Diese „Wandlung“ – von totem Stein zu belebtem Holz – ist bereits ein tiefgreifender symbolischer Akt (Alchemie). Dem Freimaurer heute, der sich selbst als rauer Stein (reflexiv) begreift, bleibt die philosophische Tiefe dieser bildhaft-symbolischen Transformation nicht verborgen. Diese (alchemistische) Philosophie bildet konzeptionell das Fundament, auf dem die gesamte Gotik zu gründen scheint. Die heute noch monumental weithin sichtbaren Silhouetten der stolzen Türme stehen für die Transformation von toter Materie zu bewusstem Leben: Das Motiv des Paradiesgartens als Schöpfungswerk. Die Kathedralen waren für das Mittelalter ein gigantisches Symbol, das reflexiv betrachtet dem Menschen helfen sollte, sich selbst zu erkennen. Dies war ein ernstes Anliegen der damaligen Zeit – vor allem für die Bauhütten. Nur so ist zu erklären, weshalb Bauleute ihr gesamtes Leben in den Dienst eines solchen Bauwerks stellten, im vollen Bewusstsein, dass sie dessen Fertigstellung wahrscheinlich selbst nie erleben würden. (Heute undenkbar – sieht man vom Flughafen BER einmal ab.)

Ob eine damalige römische Kirche auch diesen Maßstab für sich anlegte? Sie gab sich jedenfalls an dem wirtschaftlichen Aspekt einer Kathedrale (Reliquienhandel, Pilgertum etc.) nicht uninteressiert und war bemüht, sich auch politisch zu etablieren. Heute sind wir es gewohnt, dass die Amtskirche beispielsweise Öffnungszeiten vorgibt. Damals stand das Kirchenschiff einer gotischen Kathedrale dem weltlichen Treiben offen und beherbergte allerlei Freud und Leid.

Bauern trieben sogar ihre Schweine durch die heiligen Hallen (z. B. in Straßburg). Volk und weltlicher Adel nutzten »ihr« Bauwerk gleichermaßen.
Was war geschehen, dass das Verständnis für die Symbolkraft der Gotik verschwunden ist? Und das scheinbar plötzlich mit dem Abschluss der Bautätigkeiten an den gotischen Kolossen? Mancherorts verwaisten halbfertige Steingerippe, wie in Bacharach am Rhein oder auch in Köln. Den nachfolgenden Generationen blieb nur noch das Staunen über die Eigenartigkeit der Ruinenstätten, auf denen der Zauber eines alten Symbolismus ruhte (vgl. Goethe, „Von deutscher Baukunst“, 1772). Was einst im Wissen um die Symbolkraft lag, wurde schließlich mit religiösem Eifer begründet, denn anders konnte die Allgemeinheit sich diese Bauwut nicht erklären. Der allgemeine Wissensschwund war die Folge des Rückgangs des Kathedralenbaus. Die Bauhütten (Kathedralenerbauer) wurden nicht mehr vor Ort benötigt. Sie wurden kleiner und verschwanden schließlich. Mit ihnen ging offensichtlich auch das Wissen um den alten Symbolismus dahin. Später findet er sich u.a. teilweise in der spekulativen (modernen) Freimaurerei wieder.

Jedenfalls machte mir die Beschäftigung mit dem „Grünen Strahl“ als Lichtsymbol deutlich, dass die Sprache der Symbolik und ihr Verständnis demnach keineswegs eine Entdeckung unserer Zeit sein mag. Vielmehr wird diese Sprache stets von einem feinen Schleier überdeckt, der von jeder Generation aufs Neue gelüftet werden möchte. Alte Folianten der Alchemie sind deshalb oftmals schwer verständlich, weil ihnen dieser Schleier aufliegt. Viele dieser Schriften beschreiben vordergründig keine Rezepturen zum Nachkochen für Chemielaboranten – wie oft fälschlich angenommen wird –, sondern tiefsinnige symbolische Handlungsanweisungen, die vom Adepten angewendet werden. Die geheime Symbolsprache, die im Inneren eines Verständigen Widerhall findet, bezeichneten Alchemisten als ihre „Grüne Sprache“.

Im Verborgenen trafen sich Alchemisten einst in Paris in der Notre Dame; sie studierten dort die alten Symbole. Das für die Alchemie wichtigste Buch war dabei die Bibel, weil das „Buch der Bücher“ in der Sprache der Symbole geschrieben ist. Daher plädierten noch die ersten Kirchenväter auf eine Auslegung der christlichen Bibel nach der Lehre des mehrfachen Schriftsinns (später lat. quatuor sensus scripturae). Die sogenannte „allegorische Lesart“ ist der eigentliche Zugang zum Verständnis des Symbolischen. Die Bezeichnung „Grüne Sprache“ deutet durch die Farbcodierung auf etwas, das dahinter liegt – etwas, das (noch) werden möchte. Der vom Menschen erfassbare Spektralbereich des Lichts erscheint in der Natur als Regenbogen und macht dort sichtbar, dass Grün als Farbe in der „Mitte“ liegt. Sie gilt symbolisch als „feinstoffliche“ Trennlinie zwischen oben (Rot) und unten (Blau/Violett), zwischen Himmel und Erde. Maria, die Königin der Engel, wurde zwar ab dem Spätmittelalter mit Blau assoziiert, ihr mystischer Aspekt hingegen mit der Farbe Grün – als „Mittlerin“. Es ist auch kein Zufall, dass die bekannte „Tabula Smaragdina“, die in alchimistischer Tradition dem Hermes Trismegistos zugesprochen wird, von grüner Farbe ist. Wen würde es da noch verwundern, wäre der „Stein der Weisen“ ebenfalls grün? Grün ist der Hinweis auf eine Einweihung, deren Weg in Bereiche des Nicht-mehr-Mitteilbaren führt – die Markierung des Wegs geschieht kraft des Symbols. Grün steht für das Verborgene, das sich (im „Werden“/Entwicklung) enthüllen wird. Viel gibt es zum Grün zu sagen, doch soll hier ein Verweis auf Goethes symbolisches „Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie“ (1795) genügen.

In der Gotik war das Wissen um die Symbolsprache sehr lebendig. Im Alten Testament wird auf diese Sprache hingewiesen, beispielsweise im „Turmbau zu Babylon“ (Gen. 11, 1–9). Das Fortschreiten der erfolgreichen Bauarbeiten wurde vereitelt, als der Mensch überheblich wurde. Plötzlich konnte man sich untereinander nicht mehr verständigen, weil jeder eine andere Sprache sprach. Die sogenannte „babylonische Sprachverwirrung“ machte die Weiterführung des Bauwerks unmöglich. Richtet man jedoch den Blick auf den Beginn dieser Unternehmung, dann müsste man eine einheitliche Sprache voraussetzen. Offensichtlich waren die Bauleute vormals vereint in ein und derselben Sprache, die es ihnen ermöglichte, gemeinsam den Turm in die Höhe wachsen zu lassen. Diese Sprache war demnach die „Mutter aller Sprachen“. Für die Bauleute der Gotik lag sie sprichwörtlich auf der Hand (Handwerk): Es war die Sprache der Symbole, die „Grüne Sprache“ – keine Sprache zum „Palavern“, sondern zum inwendigen Evozieren. Nach Noam Chomsky bestünde die Funktion der Sprache ohnehin nicht darin zu „kommunizieren“, sondern eigene Gedanken auszudrücken – sie sei daher eine universelle, durch die Natur des Menschen gegebene Struktur. Spirituelle Menschen sprechen davon, dass Sprache dem Menschen zur „Verwirrung“ gegeben worden sei – die eigentliche Sprache der „Schöpfergötter“ seien die Emotionen. Diese Aussagen würden sich durch eine Art Symbolsprache vermitteln lassen – die Wahrheit liegt ohnehin immer in der Mitte (und die ist wie eben gesehen „grün“).

Die Symbolsprache hat mehrere Bezeichnungen in unterschiedlichen Kulturen erfahren. In der hermetischen Philosophie wird sie auch die „Sprache der Vögel“ genannt. Nach alter Überlieferung soll der legendäre König Salomo so weise gewesen sein, dass er auch mit Tieren sprechen konnte. Salomo erlernte diese Sprache einst vom Vater der legendären schwarzen Königin von Saba. Friedrich Rückert (1788 – 1866, Freimaurer) dichtete: „O du Kindermund, o du Kindermund, / Unbewußter Weisheit froh, / Vogelsprachekund, vogelsprachekund / Wie Salomo!“.

Franz von Assisi soll ebenfalls der „Sprache der Vögel“ mächtig gewesen sein, die ihm tieferen Zugang zur heiligen Schrift ermöglichte. Seine ihm nachfolgenden und durch ihn gelehrten Glaubensbrüder wiesen in der Legende von der „Vogelpredigt“ mit Nachdruck auf diese Fähigkeit ihres Ordenspatrons hin. Der heilige Franziskus wurde durch die „Vogelpredigt“ als ein Kundiger der „Sprache der Vögel“ ausgewiesen. Gezielt ließ man die Legende mit der verdeckten Botschaft coram publico den Schriftgelehrten christlicher Klöster zutragen. Dadurch sollte die Selbstständigkeit in der Schriftauslegung betont werden mit dem Ziel, den eigenen Orden (Franziskaner) zu gründen. Die Legende von der „Vogelpredigt“ lässt sich demnach nicht buchstäblich als konkrete historische Aussage verstehen, sondern darf zunächst als Hinweis auf die geheime Symbolsprache verstanden werden.

Neben der Vermittelbarkeit von Weisheit war auch die Merkfähigkeit durch das „Symbolhafte“ bedeutend. Die Schriftkunde war nur wenigen vorbehalten und entfaltete kaum eine mediale „Massentauglichkeit“, wie wir sie heute kennen. Üblich war vielmehr die mündliche Weitergabe. Man griff also auf Lehrgedichte zurück, die durch gezielte Schlüsselbilder gut merkfähig waren. Eine Technik, wie sie beispielsweise Rhetoriker der Antike kannten. Lange Reden stellten sie sich „räumlich“ vor, die dadurch gut erinnert werden konnten. Die Menschheit überlieferte sich in den Jahrtausenden mythisches Wissen durch Erzählen von Märchen, in denen sie didaktisch Symbole verankerte. Die funktionale Verwendung von Bildhaftem ist eng mit unserem Denken verknüpft. Unser Gehirn scheint in erster Linie bildhaft und räumlich seine Umwelt zu begreifen. Deshalb kann die „Symbolsprache“ als „Mutter der Sprachen“ angesehen werden. Deutlich wird das beim Träumen. Erlebtes verarbeitet das Gehirn im Schlaf (un-)bewusst. Das Symbolhafte ist als Bildsprache im Menschen tief verwurzelt. Das Symbolische kann als ursprünglichste Kommunikation im Menschen angesehen werden. Seit jeher drücken die Weisen und Erleuchteten in sämtlichen Kulturen ihre eigentümlichen Offenbarungen in Symbolik aus. Nur auf diese Weise tragen sie Kunde vom Transzendenten im Nonverbalen.
Salopp gesagt, waren Sigmund Freud und C. G. Jung demnach keineswegs die Ersten, die die geheime Symbolsprache des Menschen entdeckten. Wenn auch das „Symbol“ zum empirischen Gegenstand einer semiotischen Forschung gehört, so führt doch das Symbol des Freimaurers ein Eigenleben. Das Verborgene, auf das die Symbole zielen (Erkenntnis des Höheren), kann in diesem Sinne naturgemäß nicht empirisch oder allgemeingültig ans Licht gebracht werden. Dies kann nur in dialektischer Weise (Ratio + Emotio = Weisheit) durch den Einzelnen in ihm selbst widerhallen.

Auch wenn heute eine akademische Betrachtungsweise zur notwendigen Objektivität und zum Verständnis unserer Welt beiträgt, befähigt sie allein kaum, dem Aufruf des „Erkenne Dich selbst“ gerecht zu werden. Hierzu bedarf es der Subjektivität und der Toleranz. Der Versuch, die freimaurerische Symbolsprache zum empirischen Gegenstand zu erheben, dürfte leider nicht zu „kollektiver Weisheit“ führen, außerdem wäre ein „kleinster gemeinsamer Nenner“ schwer zu bestimmen. Ob ein Freimaurer allerdings zum „kleinsten gemeinsamen Nenner“ der Gesellschaft gemacht werden kann, darf gerne bezweifelt werden.

Das symbolische Licht, das ihm bei der Aufnahme erteilt wird, dient dem Erkennen der alten Symbolsprache (die „Grüne Sprache“) und macht den Initianten zum Symbolforscher. Ist er dabei »erfolgreich«, beschreitet er einen (möglichen) Weg geistiger Entwicklung. Immer das Leitmotiv »Erkenne Dich selbst« vor Augen, wird er sich dem eigentlichen Ziel bald nähern: »Mensch« zu werden. Daher heißt es in Mozarts „Zauberflöte“ auf die Feststellung, dass es sich um einen Prinzen handelt: „Mehr noch – Er ist ein Mensch!“ Zu Recht! Denn der Sinn freimaurerischer Symbolarbeit zielt einzig auf diese Menschwerdung. So darf auch der antike Dichter Pindar verstanden werden, auf den sich schon Friedrich Nietzsche mit »Ecce homo« (Wie man wird, was man ist) bezogen hat: „Werde der, der Du bist … Werde Mensch!“

Symbole machen Menschen!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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Großloge legt erneut Förderprogramm auf

Im Jahr 2017 feierten wir Freimaurer weltweit das 300-jährige Bestehen der modernen Freimaurerei. Viele unserer Logen begingen zudem ihre eigenen, meist runden Jubiläen durch öffentliche Veranstaltungen. Das Jahr 2017 war ein Jahr voller wichtiger und herausragender Ereignisse in der deutschen Freimaurerei.

Darauf eingehend erklärte ich anlässlich meines Berichts zum Großlogentag 2018 in Bamberg im Wissen um die zahlreichen ausgezeichneten Aktivitäten unserer Distrikte und Logen: „Unsere vielfältigen und hervorragenden Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 dürfen nicht das Ergebnis kurzfristiger Bemühungen sein. Ansonsten wird es lediglich ein temporärer Erfolg bleiben. Wir werden hier hart am Wind bleiben (müssen), es gilt auch weiterhin, den bewiesenen Elan und Schwung für künftige Aufgaben und Veranstaltungen zu nutzen. Die Großloge wird diesbezügliche Vorhaben ihrer Logen und Distrikte auch künftig unterstützen. Ein entsprechendes Konzept ist in Bearbeitung.“

Die konzeptionelle Phase ist abgeschlossen, das Förderprogramm liegt nunmehr vor. Der Großlogenvorstand beschloss am 12. Oktober 2018 einvernehmlich, Mitte Februar 2019 ein Förderprogramm für den Zeitraum 2019/20 aufzulegen. Es sollen Öffentlichkeitsveranstaltungen gefördert werden, die das Motto unseres Großlogentreffens Mannheim 2019 thematisieren: „Die Welt verändert sich dramatisch — und wir?“ – und dies mit dem Fokus auf unsere Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität.

Die Fördersumme soll, wie 2017 auch, insgesamt 50.000 Euro betragen. Die Förderung ist stets als Teilfinanzierung der jeweiligen Maßnahme zu verstehen. Nicht förderungswürdig sind Veranstaltungen, zu denen nur Brüder Zutritt haben, wie zum Beispiel Tafellogen und Stiftungsfeste. Die Teilfinanzierung kann erst nach dem Vorstandsbeschluss erfolgen, für zurückliegende Projekte ist eine Förderung ausgeschlossen.

In den formlosen Anträgen werden Ort, Zeit, Form und Inhalt der Veranstaltung selbst, die Gesamtkosten sowie die beantragte Teilförderung und deren Verwendung zu benennen sein. Dabei sind die „Richtlinien der Großloge für die finanzielle Unterstützung ihrer Logen“ (auf Anfrage bei der Kanzlei der Großloge erhältlich) zu beachten. Die Distriktmeister sammeln die Anträge der Logen ihrer Distrikte und leiten sie bis spätestens im zweiten Quartal 2019 nach Vorprüfung an die Kanzlei der Großloge weiter.

Am Rande: Die Resonanz der Presse auf unsere Öffentlichkeitsveranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 war sehr erfreulich. Es ist festzustellen, dass die Berichterstattung in der Presse über uns, d. h. über die Freimaurerei, über unsere Geschichte, über unsere Logen, über unsere Aktivitäten und Zielsetzungen usw. zunehmend sachlicher wird. Erfreulich ist nicht nur die Qualität der Mitteilungen, erfreulich ist auch die große Anzahl der Berichte sowie das allgemeine Interesse. Das ist insgesamt auch auf die intensivere Öffentlichkeitsarbeit der Logen vor Ort und auf die Pressearbeit der Großloge zurückzuführen. Lasst uns das so fortsetzen.

Es ist in diesem Zusammenhang von hoher Bedeutung, dass wir Freimaurer durch Öffentlichkeitsveranstaltungen, Publikationen, Gästeabende, Kunst und Kultur und weitere Maßnahmen uns der Öffentlichkeit in geeigneter Weise zugewandt haben und weiterhin zuwenden. Das ist im Hinblick auf eine allgemeine Information über Freimaurerei, über unsere Historie, über unsere Aktivitäten, wie auch über unsere Zielsetzungen von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Wenn wir Freimaurer gesellschaftliche Relevanz behalten bzw. erlangen wollen, ist die Zuwendung zur Gesellschaft unerlässlich.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 1-2019.

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