Prioritäten setzen durch Selbsterkenntnis

Foto: © Scott Griessel / Adobe Stock
Von Stefan Lohr

Endlich! Die „dunkle Zeit“ ist vorbei und ein neues Maurerjahr liegt vor uns. Wie ein abweichendes Wirtschaftsjahr eines Unternehmens hat das Maurerjahr mit dem Kalenderjahr nicht viel gemein. Auch unsere höchsten Feste liegen nicht auf den höchsten Festen des gregorianischen Kalenders und manchmal stehen unsere Prioritäten sogar im Konflikt mit den terminlichen Anforderungen des profanen Lebens. Wer kennt zu Hause nicht die Frage: „Ach, gehst Du wieder in die Loge? Aber wir wollten doch heute Abend …?!

Und jeder von uns kennt das Dilemma, sowohl im profanen, als auch im Freimaurerleben: Eigentlich müssen wir etwas Wichtiges erledigen: Steuererklärung, die Präsentation für das Meeting, die nächste Agenda, die nächste Zeichnung vorbereiten, Garteneinsatz am Logenhaus etc. Man macht es schon irgendwann, bloß eben jetzt noch nicht – denn es ist ja noch Zeit … Lieber blättert man durch die scheinbar unendlichen Bilderreihen von Instagram, hangelt sich von einem Wikipedia-Artikel zum nächsten, schaut die 527. Staffel einer schlecht synchronisierten US-Krimiserie oder geht sogar lieber zum Zahnarzt, als für eine anstehende Prüfung zu lernen oder an einer Facharbeit zu schreiben.

Aufschieben heißt auch Auszeiten verschaffen

Für diese „Aufschieberitis“ gibt es ein schönes Fremdwort: Prokrastination, die sichere Basis für Stress, Überstunden, Verzweiflung, Nachtschichten und Lebensgrundlage von Kindermädchen und Management-Gurus. So weit, so bekannt. Doch kann man dieses Phänomen auch sehr elegant ins Positive drehen: Prokrastination ist nämlich nicht verwerflich, sondern oft gut. Denn in einer Welt, in der hinter jeder erledigten Aufgabe, ob in Beruf oder Privatleben, immer gleich die nächste wartet und jede beantwortete SMS von zwei neuen ersetzt wird, ist Aufschieben eine wichtige Form des Priorisierens.

Prokrastination kann zudem eine Auszeit verschaffen, die es einem erlaubt, den mentalen Akku wieder aufzuladen. Mehr noch: Wer eine kreative Aufgabe aufschiebt, kommt dabei manchmal auf ganz neue Ideen, schreibt zum Beispiel die „Wirtschaftswoche“ in einem „ada – Brief aus der Zukunft“. Ich freue mich schon auf meine nächste Rechtfertigung gegenüber meiner Frau, wenn ich wieder einmal vergessen habe, den Rasen zu mähen und dann sage: „Schatz, ich priorisiere!“

Also sollten wir uns beim Priorisieren auch Gedanken darüber machen, welche Themen, welche Menschen, welche Arbeiten in unserem Leben an erster, zweiter oder auch an letzter Stelle stehen sollten.

„Technostress“ belastet den modernen Menschen

Wie lässt sich im Lärm der Welt ein Moment der Stille finden? Wie im Chaos des Alltags ein Moment der inneren Ordnung? Wie kann ich die Arbeit an meinem Rauen Stein parallel in meinen Alltag, meine Arbeitswelt, meine Familie, meinen Freundeskreis integrieren? Das sind nicht nur die Fragen, die Trans­zendental-Gurus sich selbst und ihren Anhängern stellen. Sie entscheiden auch über unsere Zukunft. Alle Mitmenschen sind laufend in Betrieb, aber keiner weiß so richtig warum? Die Organisation, die Familie, das Unternehmen dreht im Leerlauf und der Einzelne dreht bald durch. Wenn im Kopf Reizklima herrscht, gibt‘s im Umfeld Gewitter. Meditation und Yoga als Mittel zu mehr Produktivität und Wohlbefinden in Organisationen und Unternehmen sind ja derzeit der absolute Renner. Große Unternehmen und Konzerne haben das längst begriffen und bieten ihren Managern und Mitarbeitern entsprechende Programme und Seminare an. So langsam sickert diese Erkenntnis auch in der Managementlehre durch, beobachtet das Managerblatt „Wirtschaftswoche“. Ein eindrückliches Beispiel lieferte die diesjährige Konferenz der „Academy of Management“ in Chicago. Dort beschäftigten sich überraschend viele Vorträge und Workshops mit „Technostress“, der immer häufiger durch die Informations- und Reizüberflutung einem guten, ausgeglichenen und selbstbestimmten Leben im Wege steht. Natürlich wäre es für Unternehmen nicht notwendig, sich damit zu befassen, hätten sie nicht bemerkt, dass durch „Technostress“ das Wohlbefinden und somit auch Produktivität, Kreativität und Gewinnmaximierung leiden. Dafür haben aber die neuen selbsternannten Management-Gurus eine tolle Lösung parat: das „Inner Engineering“ – der neueste Trendbegriff, die nächste Sau, die Geld generierend durchs Dorf der einkommensmaximierenden Managementberater getrieben wird. Ein Raum voller Führungskräfte, die konzentriert mit geschlossenen Augen atmen und meditativ ihre Muskulatur dehnen, während sie laute „Ommmms“ an die Decke singen? Natürlich funktioniert so etwas, auch ohne sich dabei zum Idioten zu machen. Nämlich dann, wenn man einmal für eine Stunde unerreichbar für Chefs, Kollegen und Internet-Freunde ist, das Smartphone weglegt und sich auf sich selbst einlässt. Dann entsteht doch tatsächlich tief im Innern eine spürbare Veränderung – und eine innere Ruhe findet ihren Platz in unserem Universum. Mensch, was für eine Erkenntnis, die uns zeigt, dass das „Inner Engineering“ der modernen Gurus doch nur sehr teurer alter Wein in noch älteren Schläuchen ist …

Kampf dem Selbstbetrug!

Diese Erkenntnis hatten Freimaurer nämlich bereits vor 300 Jahren (zwar ohne Handy und Internet, aber dafür mit anderen Problemen ihrer Zeit konfrontiert). Und auch heute kann ich als Freimaurer sagen, dass ich diese ganzen Lebensbereicherungs-, Zeitmanagement-, Persönlichkeitsentwicklungs- und BlaBla-Seminare getrost in die Ecke werfen kann, wenn ich die Loge besuche, mich mit Gleichgesinnten auf der Winkelwaage treffen und mich in der Tempelarbeit auf mich selbst einlassen kann. Hier kann ich mich für eine gewisse Zeit vom Irrsinn der Welt zurückziehen, kann angesichts unserer Symbole, des Arbeitsteppichs und des Rituals über mein Leben, mein Verhalten, meine Stellung in der Loge, der Welt und im Universum, über meinen Rauen Stein reflektieren und meditieren. Ich kann mir die Fragen stellen: Hast Du Deine Zeit mit Weisheit eingeteilt? Hast Du ausreichend an Deinem Rauen Stein gearbeitet? Hast Du so am Tempelbau der Humanität mitgewirkt, wie Du es als Freimaurer solltest? Bist Du zufrieden? Hast Du zum Wohl Deiner Loge im Besonderen und der Freimaurerei im Allgemeinen gehandelt? Warst Du ein Vorbild für Deine Brüder, Deine Kinder, Deine Freunde und Kollegen? Waren wir Meister den Lehrlingen und Gesellen ein Vorbild und haben wir Lehrlinge und Gesellen an den uns gestellten Aufgaben unseres Grades ausreichend gearbeitet? Wenn ja, dann gut – aber wenn nein, wieso nicht? Was hat mich davon abgehalten? Waren es Dinge, die mir in dem Moment wichtiger waren? Habe ich richtig „priorisiert“? Ausreden finden wir viele, doch als Freimaurer haben wir uns auch der Wahrheit verpflichtet. Wir alle sollten also dem Selbstbetrug den Kampf ansagen und uns ernsthaft fragen, was gut, aber auch was schiefgelaufen ist und was wir im kommenden Maurerjahr besser machen können!

Sokrates und seine drei Siebe

Zur Anregung eine kleine Geschichte: Einst wandelte Sokrates durch die Straßen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu und rief: „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der …“
„Warte einmal“, unterbrach ihn Sokrates, „bevor du weitererzählst: Hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“, fragte der Mann überrascht.
„Lass es uns ausprobieren“, schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“
„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“
„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“
Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil …“
„Hm“, sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“
„Nein, nicht wirklich notwendig“, antwortete der Mann.
„Nun“, sagte Sokrates lächelnd, „wenn Du von der Geschichte, die du mir erzählen willst nicht weißt, ob sie wahr ist, sie nicht gut ist und sie nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“
Diese drei Siebe entstammen der Apologie des Sokrates, nach der die menschliche Weisheit und das Wissen in wenigen fundamentalen Aspekten begründet liegen, nämlich der Nichtigkeit menschlichen Wissens. Denn nur die Götter sind weise und die menschliche Weisheit ist nichts im Vergleich zur Weisheit des Universums. Ein weiser Mensch, der das erkennt! Doch den meisten Menschen fehlt diese Einsicht, denn Problembewusstsein, Bewusstsein der eigenen Grenzen, Bewusstsein des Nicht-Wissens und die vielen offenen Fragen sind der Anfang der Selbsterkenntnis. Wir müssen für die Seele sorgen, dass sie nicht verarmt, sondern möglichst reich wird, während die in unserer Gesellschaft so hoch bewerteten materiellen Dinge wie Geld, Besitz, Ehre, Macht und Ruhm in Wahrheit erst an zweiter Stelle stehen sollten. Seid achtsam auf Euch selbst, heißt es im Ritual – und wir sollten dabei nie vergessen, dass der größte Schaden, den wir erleiden können, der Schaden an der Seele ist. Wir Freimaurer sollten das wissen und uns darüber klar werden, immer auf unsere Seele zu achten und darauf, welchen Weg wir nehmen, beziehungsweise genommen haben!

„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar …“

Im Jahre 1916 schrieb der amerikanische Dichter Robert Frost:

Es könnte sein, dass ich dies seufzend einst gedacht,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,
Und ich nahm den, der weniger betreten war.
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Wir haben uns als Freimaurer für einen Weg entschieden, den nicht jeder gehen kann. Es ist kein leichter Weg und viele Versuchungen liegen auf ihm, die uns von der Arbeit an unserem Rauen Stein ablenken und sogar abhalten können – da nehme ich mich selbst nicht aus. Genau deshalb ist dieser Weg der weniger beschrittene! Wir haben aber diesen Weg gewählt – und so sollten wir ihn als Freimaurer auch gehen!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.

Die Humanität kann man abonnieren.

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Weihnachtsmarkt in Gummersbach mit Beteiligung der örtlichen Freimaurerloge

Stand vor Öffnung des Marktes

Erstmals nahm die Freimaurerloge "Zur Oberbergischen Treue" mit einem Stand am Gummersbacher Weihnachtsmarkt teil. Am Freitag, 07. Dezember 2018, konnten sich interessierte Bürger über die örtliche Loge informieren.

(Gummersbach / gl) Ein großer Grauwackestein und ein Spitzhammer luden zur Arbeit am “rauen Stein” ein. Unerschrockene Besucher durften auch einen Blick in die Truhe mit dem Geheimnis der Freimaurerei werfen. Darin fanden sie einen Spiegel und die Aufforderung: “Erkenne Dich selbst!”.

Als Symbol des rauen Steins, an dem die Freimaurer arbeiten, konnten die Marktbesucher, gegen eine kleine Spende für karitative Zwecke, Wackersteine mitnehmen, die zu Notizzettelhaltern oder Kerzenständern verarbeitet wurden. Auch selbstgebastelter Origami-Weihnachtsschmuck wurde abgegeben. Für die Weihnachtspost konnten die Besucher Karten mit Motiven des verstorbenen Künstlers und ehemaligen Mitglieds der Gummersbacher Loge, Elmar Stange (1951-2013), bekommen.

Trotz des schlechten Wetters und der überschaubaren Besucherzahlen konnten einige interessante und informative Gespräche geführt werden.

Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.

Martin Walser

Ist der Begriff „Heimat“ also nur etwas für die Ewiggestrigen? Heimat als eine besondere Art der Vogelstraußpolitik?

Kurt Tucholsky betrachtete Heimat als positiven Wert, den sich besonders die nichtnationalistischen Kräfte zu eigen machen sollten, um der Deutschtümelei, der politischen Reaktion und jenen, die den Heimatbegriff gänzlich ablehnten, entgegentreten zu können: „Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist.“

Ähnlich übrigens auch in Brechts Kinderhymne: „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir es.”

Der Begriff „Heimat“ ist also nicht zwangsläufig mit nationalistischem und politisch rechts gerichtetem Denken zu verbinden. Der Bruder – wenn auch einer damals nicht als regulär aner-kannten Loge – Kurt Tucholsky, ein sicherlich eher politisch links orientierter Denker, kann ihm also durchaus Positives abgewinnen.

Psychologisch ist Heimat heute ein subjektives Empfinden, unabhängig von politisch-juristischen Definitionen. Sie besteht aus individuellen Einstellungen zu Ort, Gesellschaft und persönlicher Entwicklung des Einzelnen. Die Gefühle des Dazugehörens und der Vertrautheit spielen eine wesentliche Rolle. Der Verlust oder die Angst davor wird nicht nur als Heimweh, sondern auch als persönliche Bedrohung empfunden.

Bei genauer Betrachtung beschreibt das Wort „Heimat“ eher einen Gemütszustand. Die Idylle, die das Wort beschreiben sollte, war jedoch schon zum Zeitpunkt ihrer Beschreibung unwiderruflich verloren. Genau genommen hatte es sie eigentlich auch nie gegeben. Die von der Romantik beschriebene und verklärte Heimatidylle hat es – wenn überhaupt – nur für eine Minderheit der Bevölkerung gegeben.

Nur am Rande: Wir sprechen hier nicht über ein typisch deutsches Problem. Viele auch jüngere Engländer träumen von der Zeit des victorianischen Empires. Trumps „Make America Gre-at Again“ (faktisch besser: Make China great again!) ist letztlich auch der Wunsch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren, die es so nie gegeben hat. Wir kritisieren diese Politik Trumps, beklagen aber gleichzeitig bei uns den Verlust eines Heimatgefühls!

Heimat soll Ausdruck einer “Idee von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Lebensart” sein. Verblüffenderweise ist der Begriff aber auch – möglicherweise missbräuchlich – “Chiffre für Ausgrenzung” und “Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien”.

Der alte Heimatbegriff funktionierte im Wesentlichen, indem man in der eigenen Bevölkerung Minderheiten definierte und ausgrenzte: „Wir“ und das steht gleichbedeutend mit Heimat, das sind die nach eigener angemaßter Wahrnehmung Guten. Hinzugezogene, Ausländer, Homosexuelle, Unverheiratete und manche mehr, das sind die Anderen, die eigentlich in dieser Heimat nicht hinzugehören. In dieser krassen Form gibt es die Ausgrenzung heute wohl nicht mehr flächendeckend. Heute sind wir eher bereit zu sehen – oder sollten dies zumindest sein –, dass diese Bevölkerungsgruppen vorhanden sind, d.h. sie sind als real existierende Menschen hier, haben ihre Berechtigung und können nicht durch eine Diskussion über einen solchen ausgrenzenden Heimatbegriff oder eine Leitkultur wegdiskutiert werden.

Art. 3 Abs. 3 GG (Auszug: „Niemand darf wegen … seiner Heimat und Herkunft … benachteiligt oder bevorzugt werden.“) wendet sich gegen die negative Seite des Denkens in Kategorien der „Heimat“. Das Grundgesetz verbietet, Zugezogene aller Art und letztlich alle diejenigen, die anders leben, als „Heimatfremde“ – d.h. als „die Anderen“ im Gegensatz zum „Wir“ – zu diskriminieren. Hierüber sollte es keine Diskussionen geben.

Deswegen braucht es einen neuen, offenen Heimatbegriff. Wie soll der aussehen?

Die geschichtliche Entwicklung zeigt, es kann kein juristisch definierter legislatorisch regelbarer Heimatbegriff sein. Heimat ist nicht da, wo ich polizeilich gemeldet bin.

Heimat darf aber auch keine unbestimmte Pathosformel sein, in die jeder hineinliest, was ihm politisch oder weltanschaulich passt. Heimat darf nicht ausgrenzen, darf kein Kampfbegriff gegen Andersdenkende oder auch nur Anderslebende sein.
Insofern kann es sich nur um einen subjektiven Heimatbegriff handeln. Jeder bestimmt für sich selbst, was seine Heimat ist, ohne den Anspruch zu erheben, dies auf Andere übertragen zu wollen.

Heimat wird zumeist in einem doppelten Sinn verstanden: Der Begriff hat eine geographische Komponente (wir in Baden, Schwaben, Bayern oder sonst wo räumlich umgrenzt) und eine emotionale (Spätzle, Weißwurst, Lederhosen, Currywurst usw.). Wenn ich Heimat als irrealen Sehnsuchtsort, die Angst vor dem vermeintlichen Verlust der Heimat als Symptom für kollektive Entwurzelungsgefühle definiere, drängt sich die Frage auf, ob es hier wirklich um Äußerlichkeiten wie einen geographischen Landschaftsbegriff oder besonderen Ess- bzw. Bekleidungsgewohnheiten handeln kann. Welcher Irrweg das ist, zeigt sich z.B. daran, dass für viele Engländer Deutschsein mit dem übermäßigen Genuss von Sauerkraut gleichgesetzt wird. Bei den gebildeteren Engländern ist es dann häufig Neu-Schwanstein.

Was also kann die Antwort auf kollektive Entwurzelungsgefühle sein? Diese Antwort kann nur im emotionalen Bereich gefunden werden. Auch dort kann sie sich nicht aus lächerlichen Äußerlichkeiten ergeben. Heimat ist nicht dort, wo es Spätzle mit Sauerkraut oder Linsen gibt!

Heimat ist dort, wo ich mich in meinem tiefsten Inneren sicher und vertraut fühle. Karl Jaspers hat es einmal so formuliert: „Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde.“

Vertrauen spielt bei diesem Verständnis von Heimat eine große Rolle. Heimat ist dort, wo ich darauf vertrauen kann, dass man mir nichts Böses will, wo ich nicht auf der Hut sein muss, wo ich also ich selbst sein kann.

Ähnlich, wenn auch noch subjektiver, lässt sich formulieren: Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.

Wo finde ich diese Heimat? Sie kann in der Familie sein, im Gespräch mit dem vertrauten Freund. Sie kann bei einem religiösen Menschen auch im Glauben liegen. Heimat so verstanden ist kein statischer Begriff. Der Mensch kann Heimat verlieren, aber auch neue Heimat gewinnen. Es muss auch nicht zwangsläufig nur eine Heimat sein. Heimat gibt es für viele Menschen auch im Plural .

Heimat so verstanden kann und soll uns idealerweise die Freimaurerei, aber jedenfalls unsere eigene Loge sein. Die Loge, der Umgang mit den Brüdern, das gemeinsam erlebte Ritual, das soll (sollte?) uns eine Heimat sein.

Bemerkung am Ende: Für diesen Heimatbegriff brauche ich kein eigenes Ministerium und auch kein Kreuz an der Wand jedes öffentlichen Gebäudes.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Grüße des Großmeisters zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel

In wenigen Tagen ist Weihnachten und der Beginn eines neuen Jahres steht bevor. Die Zeit des Jahreswechsels ist stets auch eine Zeit der Besinnlichkeit, des Innehaltens, des Rückbesinnens sowie der Konzentration auf künftige Aufgaben.

Wenn wir, somit jeder von uns, den Blick auf die vergangenen zwölf Monate richten, so können wir mit Stolz sagen, dass wir nicht nur unsere zahlreichen Aufgaben in gewohnt hoher Qualität bewältigt, sondern auch so manche zusätzliche Herausforderung gemeinsam in Angriff genommen, professionell vorangebracht und vielfach auch bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Dies alles bei einer oftmals hohen Belastung, die wir mit viel Energie, Engagement und Konzentration auf das Wesentliche auf uns genommen haben. Hierfür danke ich allen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, herzlich.

Obwohl an dieser Stelle möglicherweise ein Rückblick erwartet wird lassen Sie uns nach vorne schauen, wenn auch viele Ereignisse des Jahres 2018 an dieser Stelle zu würdigen bzw. hervorzuheben wären.

In seinem viel beachteten Buch „Homo deus“ stellt Yuval Noah Harari unter anderem fest, „Algorithmus ist vermutlich der wichtigste Begriff in unserer Welt. Das ist deshalb von großer Bedeutung, … weil das 21. Jahrhundert von Algorithmen beherrscht werden wird.“ Diese These ist uns Freimaurern durchaus nicht neu. Schon 2015 widmeten wir das Großlogentreffen in Osnabrück dem Thema „Freimaurerei im Informationszeitalter – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Welt“.

Spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden ist klar: Die digitale Überwachung ist allgegenwärtig. Fest steht auch, dass die digitale Kommunikation mit enormer Geschwindigkeit die Welt verändert und zunehmend Einfluss auf unser Leben nimmt. Die globale Überwachung lässt Orwells »Big Brother« ziemlich klein wirken. In Osnabrück tauschten wir uns darüber aus, welche Konsequenzen diesbezüglich für uns, für die Freimaurerei zu erwarten sein werden und erörterten, wie mit diesen Instrumenten zum Wohle der Königlichen Kunst umzugehen ist. Das waren einige Eckpunkte unseres Diskurses in Osnabrück 2015.

Das Großlogentreffen 2019 in Mannheim wollen wir aus gutem Grund dem Thema „Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“ widmen. Dabei wollen wir uns nicht alleine auf die Digitalisierung beschränken. Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 -1957) formulierte „Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ (Der Leopard. Übersetzung von Charlotte Birnbaum. 1. Kapitel (Fürst Salina zu Tancredi). Piper-Verlag, 1959. S. 32).

In Mannheim werden wir den Focus auf die sozialen und damit gesellschaftlichen Veränderungen sowie auf die Rolle des Einzelnen, die Funktion und Wirkung der Königlichen Kunst, des Humanismus und der Humanität in der Gesellschaft legen. Es freut mich besonders, dass wir für diese Themen hervorragende Referenten gewinnen konnten und dass wir uns einen ganzen Tag lang diesem spannenden Thema widmen können.

Großlogentreffen sollten grundsätzlich einen gewissen Kongresscharakter haben, bei denen Inhalte auf der Tagesordnung stehen und nicht Regularien. Unsere Großlogentreffen sollten frei von vereinsrechtlichen Vorgängen sein. Manchmal lässt sich dieses Prinzip leider nicht durchhalten. Wir haben es tatsächlich geschafft, alles Vereinsrechtliche für unser Großlogentreffen in Mannheim zu vermeiden. Es gibt keine Anträge, keine Wahlen. Am Donnerstagnachmittag findet die Tempelarbeit statt, der Freitag dient der Bearbeitung des Themas „Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“. Unser Großlogentreffen 2019 dient damit dem Diskurs, dem Gespräch, der Information, dem Austausch, der Meinungsbildung und nicht zuletzt der Geselligkeit. Dieses Großlogentreffen haben wir gezielt auf zwei Tage beschränkt, um so möglichst vielen die Teilnahme zu ermöglichen. Über ein Wiedersehen freue ich mich.

Der Jahreswechsel ist auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Und nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unserer Internetseite, unseres Newsletters und unserer Zeitschrift „Humanität“ für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich ein frohes und stimmungsvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2019. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. Für 2019 wünsche ich Ihnen viele schöne Momente und spannende wie erfolgreiche Projekte.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Brad Paisley: „Morgen haben wir die erste leere Seite eines Buches mit 365 Seiten. Machen wir ein gutes Buch daraus.“

 

Stephan Roth-Kleyer
Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Freimaurerloge Reuchlin vergibt erstmals Dr.-Gerhard-Häussler-Preis für Humanität

v.l. Dipl.-Psych. Dietrich Wagner, Meister vom Stuhl Till Neumann, Jeff Klotz; im Vordergrund Dorothea und Artur Merkel vom Gitarrenorchester Pforzheim

Die Pforzheimer Freimaurerloge Reuchlin hat am 16. November 2018 im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde den neu geschaffenen, mit 5.000 Euro dotierten Dr.-Gerhard-Häussler-Preis für Humanität erstmals vergeben.

(Pforzheim / sm) Preisträger ist das “Haus der seelischen Gesundheit – Lore Perls” in Pforzheim, wo die Mittel einem Wohnprojekt für junge Erwachsene mit psychosozialem Unterstützungsbedarf zugute kommen werden.

Der Preis soll in regelmäßiger Folge einem karitativen Projekt aus Pforzheim und Umgebung zukommen und trägt den Namen eines prominenten und engagierten Mitglieds der Loge, des Alt- und Ehrenstuhlmeisters Prof. Dr. Gerhard Häussler, der in der Region als langjähriger Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald bekannt ist.

Das “Haus der seelischen Gesundheit – Lore Perls” unter der Trägerschaft des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (BWLV) leistet Unterstützung für Suchtkranke und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Seinen Namen trägt es nach der in Pforzheim geborenen und aufgewachsenen Psychoanalytikerin und Mitbegründerin der Gestalttherapie, Lore (Laura) Perls (1905 – 1990), die als Jüdin und aktive Antifaschistin nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Exil fliehen musste und sich nach dem Krieg mit ihrem Ehemann und Kollegen Fritz Perls in den USA niederließ.

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Unterstützung für das Wetzlarer Hospiz Haus Emmaus

Hospizleiterin Monika Stumpf (Mitte) mit Meister vom Stuhl Martin Marx (l.) und Altstuhlmeister Walter Staaden (r.)

Einen Spendenscheck über 2.400 Euro übergaben Wetzlars Freimaurer an das Hospiz Haus Emmaus. Der Betrag wurde im vergangenen Jahr im Anschluss an monatliche Zusammenkünfte der Logenmitglieder gesammelt und durch das in Berlin ansässige Freimaurerische Hilfswerk aufgestockt.

(Wetzlar / mf) Gesetzliche Neuregelungen und Herausforderungen im Dialog mit den Kostenträgern stellen die gegenwärtig 24 in Hessen eingerichteten Hospize immer wieder vor neue Herausforderungen. Das mit acht Gästezimmern eingerichtete Hospiz in der Wetzlarer Spilburg ist so beispielsweise trotz der großen Unterstützung durch einen eigenen Förderkreis auf das jährliche Sammeln von zusätzlichen Spendengeldern in sechsstelliger Höhe angewiesen.

Martin Marx, Meister vom Stuhl und Vorsitzender der Wetzlarer Freimaurerloge, übergab zusammen mit seinem Amtsvorgänger Dr. Walter Staaden den Spendenscheck an Hospizleiterin Monika Stumpf. In einem anschließenden Gespräch informierten sich die Spender über Arbeit und Angebot des Hauses Emmaus und dankten Frau Stumpf für den unermüdlichen Einsatz aller engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Wohle aller Gäste.

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Heinrich Heine – Freier Geist und Rauer Stein

Freier Geist und Rauer Stein

Heinrich Heine – Querdenker, Sinnsucher, Freimaurer

Jens Oberheide

Erschienen im Salier-Verlag, Leipzig

182 Seiten, Format 12 x 19 cm, Sofcover, ISBN 978-3-943539-98-1, 14,00 €

Heinrich Heine, Dichter der Romantik, Pionier des Feuilletons, aufklärerischer Denker, kritischer Jorunalist, Satiriker und Spötter, war für viele ein unbequemer Zeitgenosse, für manche ein bindungsloser Freigeist – und er war Freimaurer.

Ein Querdenker war er allemal, aber er war auch ein Sinnsucher nach idealistischen  Gegenentwürfen zu einer unruhigen Welt: „Weltbürgertum, Humanismus, Freiheit, Sittlichkeit, Liebe und Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit der Rechte aller Menschen“. Er hat über diese Werte in Poesie und Prosa nachgedacht, und er hat sie in den philosophischen, religiösen, gesellschaftlichen und politischen Geistesströmungen seiner Zeit gesucht.

Der Autor begibt sich auf die Spur dieser Suche und entdeckt dabei viel vom „unbekannten Heine“, der 1844 in Paris Freimaurer geworden ist.

Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum hat Heine fasziniert, und der Wahlspruch seiner Loge entsprach seiner Geisteshaltung: „Bien penser, bien dire, bien faire“ („Gut denken, gut reden, gut machen“). Eine Aufforderung, das Machbare des Denkbaren zu tun.

Freimaurerisch-symbolisch beginnt ein solches „Denken, Reden und Machen“  mit der „Arbeit an sich selbst“, am „Rauen Stein“, dem Sinnbild für den „unfertigen“ Menschen. Freier Geist und Rauer Stein. Kein Widerspruch.

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Flensburger Freimaurer laden zum Weihnachtsmarkt ein

Foto: Wolfilser / Adobe Stock

Zu zauberhafter Feuerzangenbowle, wohltuendem Glühwein und geselligem Beisammensein mit guten und entspannten Gesprächen bei weihnachtlicher Musik lädt der Förderverein "Flensburger Logenhaus" e. V. alle Brüder sowie ihre Familienangehörige, Gäste und an der Freimaurerei bzw. an einem geselligen Miteinander interessierte Menschen ein.

(Flensburg/ar) Die karitative Hütte wird am 20.12.2019 um 10 Uhr geöffnet. Sie schließt täglich um 22 Uhr. Am 23.12.19 schließt die Hütte letztmalig in diesem Jahr um 20 Uhr.

Unterstützt wird die Veranstaltung obödienzübergreifend und international von allen in Flensburg arbeitenden Logen, den dänischen Brüdern und den Förderern des Logenhauses zu Flensburg. Der Gesamterlös kommt dem Erhalt des Logenhauses zu Gute.

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