Freigärtners Garten

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Von einer besonderen Gärtnerei, einer Schlange und einem versteinerten Gesicht – eine symbolträchtige Exkursion

Eine Zeichnung von Peter Stumpe von der Loge „Prometheus“ in Bonn, September 2019

Der kleine Garten muss der eines Freigärtners sein, kein Garten geschwollen zu einem Reich. Die eigenen Hände zu benutzen, nicht die Hände von anderen zu befehlen.

Tolkin-Roman „Der Herr der Ringe“

Eines „Freigärtners“ Garten? Was ist ein Freigärtner? Freigärtnerei gab es neben der frühen Freimaurerei bereits im 17. Jahrhundert in Schottland. Freigärtner arbeiten dort bis heute. Verwandtschaft sozusagen. Vereinfacht ausgedrückt arbeiten wir Freimaurer bekanntermaßen am Tempel der Humanität, also an einem Bauwerk, die Freigärtner also an einem symbolischen Paradies. Wir Freimaurer schöpfen unsere Symbolik aus der Architektur und dem Bauhandwerk, die anderen aus der Tradition der Gartenkultur.

Warum erzähle ich das? Zunächst einmal finde ich den Gedanken außerordentlich reizvoll, einen angelegten Garten als Allegorie und Symbol zu betrachten, wie es Voltaire und Rousseau im 18. Jahrhundert getan haben und die in einem solch angelegten Garten ein neues ethisches und gesellschaftliches Ideal sahen. Wobei ich das Paradies als einen ausgesprochen irdischen Garten Eden sehe, dessen wohlgeordnete und wunderschöne Pflanzen durch florale Harmonie
u. a.Menschenliebe und Frohsinn hervorrufen und nicht etwa ein Himmelreich, wie ein immer auch fantasievoll ausgemaltes religiöses Paradies gemeint sein könnte. Der religiöse „Baum des Lebens“, wie der „Baum der Erkenntnis“ sind für mich denn auch lediglich irdisch identifizierbare Symbole. Das ist mir ganz wichtig. Kein Wunder, dass der bedeutende Gartentheoretiker Friedrich Casimir Ende des 18. Jahrhunderts Freimaurer war.

Es geht mir, indem ich die Freigärtner vorstelle, in der Hauptsache um unser freimaurerisches Verhältnis zu Natur und Umwelt, welches ich in unserem Wertekanon zwar erwähnt sehe, aber für unzureichend betrachtet empfinde. Der Betrachtung notwendig in der gesamten Weltbruderkette, im jetzigen 250. Geburtsjahr von Alexander von Humboldt ganz besonders.

So rufe ich denn in diesem Zusammenhang eine Symbolfigur unseres Bundes aus der Tierwelt auf, die nicht sehr häufig betrachtet wird: den Ouroboros. Vor einigen Jahren habe ich in der Weimarer Stadtkirche das Grab unseres Bruders
Johann Gottfried Herder (1744 — 1803) aufgesucht. Die Grabplatte trägt ein Alpha und ein Omega, umgeben von den mir in der Freimaurerei besonders am Herzen liegenden Symbolworten „Licht, Liebe, Leben“. Wobei mir, wenn ich das hier einflechten darf, das Licht gleichbedeutend ist für die Erhellung durch Aufklärung und nicht etwa ein göttliches Licht, selbst wenn als seine Herkunft das Johannesevangelium zu identifizieren ist. Zurück zur Grabplatte in Weimar: die genannten Worte „Licht, Liebe, Leben“ werden eingefasst von der Darstellung einer sich selbst verzehrenden Schlange. Warum nun wurde diese Darstellung für die Grabplatte unseres Bruders Herder genommen? Das „Licht, Liebe, Leben“ war sein Lebenswahlspruch, den ich neben dem „Sapere aude“ von Kant resp. Horaz nur zu gerne auch für mich persönlich übernommen habe.

Der Ouroboros, übersetzt aus dem Altgriechischen mit „Schwanzfresser“ ist ein bereits in der Ikonografie Ägyptens belegtes Symbol. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Für uns Freimaurer gilt diese Schlange als ein Symbol der Unendlichkeit, “die ewige Wiederkehr und die Vereinigung von Gegensätzen”. Wir sollten, so meine ich, diesem kreatürlichen Symbol mehr Bedeutung beimessen als bisher. Bedeutet es nicht mehr und nicht weniger, dass der Abschluss eines Weges oder eines Prozesses immer auch einen Neubeginn darstellt. Es ist eine starke Metapher etwa für den Kreislauf der Zeiten, der Weltuntergänge und Neuschöpfungen, des Sterbens und der Geburt. Und zwar in einem ausschließlich natur-ethischen und nicht in einem religiösen Sinne. So hege ich denn auch keinerlei religiöse Heilserwartung, um dieses zu verdeutlichen. Der Ouroboros ist eine eingängige, kreatürliche Ergänzung der auf unserem Arbeitsteppich gezeigten Lemniskate. Ich denke, dies ist auch bei der Grablegung unseres Bruders Herder am 18. Dezember 1803 maßgeblich gewesen. Unser Bruder Herder war im übrigen ein Bewunderer von Immanuel Kant, er hat bei Kant in Königsberg von 1762 bis 1764 studiert.

Was hat es sich nun mit dem im Thema meiner Zeichnung genannten “versteinerten Gesicht” auf sich?

An unzähligen Kapitellen, insbesondere sakraler Bauten des europäischen Mittelalters, finden sich, oft auch als Verzierung von Gewölbeschlusssteinen, sogenannte “green man”, “Grüne Männer” beziehungsweise “Blattmasken“; Archetypen der Erdverbundenheit wie sie in der einschlägigen Literatur genannt werden. Ein bedeutendes Beispiel in Deutschland ist die entsprechend gestaltete Stütze des Bamberger Reiters aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Im Bonner Rheinischen Landesmuseum befindet sich die sog. “Pfalzfelder Säule”, ein keltisches Stelenfragment, auf der ein Kopf mit Mistelblättern dargestellt ist. Die sogenannte “Marktfontaine” auf dem Bonner Marktplatz zeigt einen entsprechend gestalteten goldenen Wasserspeier von 1777. Soweit einige Beispiele.

In den meisten Abbildungen lässt der Grüne Mann die Attribute der Natur aus seinem Mund hervorquellen oder das Gesicht wird aus Blättern gebildet oder Pflanzliches wächst aus Auge, Nase, Ohr und Haut. Was wollen uns die mittelalterlichen Steinmetze mit diesen mysteriösen Arbeiten sagen? Und was können diese Arbeiten uns Angenommenen Maurern bedeuten, die wir ja die Werkzeuge dieser Steinmetze für unsere symbolische Arbeit nutzen? Ich denke, auch hier liegt ein weiteres Feld, das wir von den Steinmetzen des Mittelalters übernehmen sollten. Das Feld – wie schon angesprochen – unserer Beziehung zu Natur und Umwelt. Die bisher nicht eindeutig erklärbare Figur des “green man” scheint einen Einklang, zumindest aber eine intensive Beziehung zur Natur zu symbolisieren. Seine Darstellungen – sie sind ausgesprochen vielfältig – vermitteln den Eindruck, dass der “green man” scheu ist und sich zurückzieht , dass er selbst nur noch als Pflanze sichtbar bleibt. Wenn ihm also die äußere Welt nicht mehr entspricht, die umgebende Welt also nicht mehr den Gesetzen der Natur zu entsprechen scheint.

Was soll ein solches Gesicht, aus dem Blätter wachsen, z.B.in einer mittelalterlichen Kirche? Aus der christlichen Ikonografie leitet sich dieses versteinerte Gesicht jedenfalls nicht ab. Nehmen wir also, wie ich es tue, den mysteriösen “green man” als eine Idee innerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, als eine mahnende Personifizierung eines Aspektes der Natur.

An dieser Stelle ist eine ergänzende Betrachtung nötig, betrifft doch eine Naturbetrachtung auch das Naturell von uns Menschen und insbesondere von uns Freimaurern. Und da bin ich auch bei Weltanschauungsfragen. Damit meine ich nicht etwa Fragen innerhalb eines Gesellschaftssystems, sondern Fragen der freimaurerischen Anschauung der Welt. Dies ist die uns Freimaurer bestimmende Art, die Welt, die Natur und das Wesen der Menschen ganz undogmatisch zu begreifen suchen.

Für unverzichtbar halte ich zunächst in diesem Zusammenhang auch in unserer Bruderschaft einen Diskurs über die Stellenwerte von Esoterik und Spiritualität, wenn sie denn auch mystische oder abergläubische Bestandteile haben können. Um es klar zu positionieren: Ich halte es für unverzichtbar, dass sich die Freimaurerei des 21. Jahrhunderts ausschließlich an den Ergebnissen sogenannter evidenzbasierter Wissenschaft orientiert. Ich nenne als Stichwort hier den unverzichtbaren Evolutionismus als die Entwicklungslehre, die sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckt und das Wesen der Welt in einer stetigen Änderung, meist im Sinn des Fortschritts, sieht. Aber ich glaube auch dies (Zitat): “Was die Welt im Innersten zusammenhält”, was schon Goethes Faust zu hinterfragen suchte. Da bin ich dabei: mit Weisheit, Stärke und Schönheit getragen von Licht, Liebe und Leben den symbolischen Tempel der Humanität zu errichten. Dabei stehe ich aber, und ich lese dies im Freimaurerlexikon von Lennhof, Posner und Binder, auf einem agnostizistischen Standpunkt. Dort heißt es nämlich, dass die Freimaurerei “insofern auf dem Standpunkt des Agnostizismus steht, als sie selbst keine dogmatische Auffassung des Weltengrundes, also kein Wissen vom absoluten Sein, vom Ding an sich hat und es ihren Anhängern überlässt, sich darüber selbst ihre Anschauung zu bilden.“ (Zitatende). Das tue ich, betrachte aber eine auch in unserer Bruderschaft diskutierte fragwürdige freimaurerische Ökumene über die Obödienzgrenzen etwa zum Rosenkreuzertum hinweg mit großer Skepsis.

Das schließt für mich denn auch eine Esoterik aus, deren Erscheinungsformen u. a. den von Kant zu Recht gegeißelten Mystizismus, okkulte Praktiken wie z.B. in der Black-Moon-Bewegung oder etwa im Rosenkreuzertum beziehungsweise auch in einigen Hochgradsystemen, einige anthroposophische Entgleisungen unseres vormaligen Pseudobruders Rudolf Steiner, Paraphänomene oder gar eines animalischen Magnetismus bzw. Mesmerismus umfassen, wobei letzterer bis auf den heutigen Tag noch im alternativmedizinischen Bereich für wirksam gehalten wird. Für unakzeptabel, weil wissenschaftlich unhaltbar, halte ich denn auch eine Betrachtung, die der Natur neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zuspricht. Das schließt natürlich den zwingenden Respekt vor der Natur nicht aus. So muss ich weiterhin die auch in unseren Kreisen oft eingebrachte Erkenntnis „Wie oben, so unten, wie innen, so außen, wie der Geist, so der Körper“ als exemplifizierte Grundlage aller Esoterik ablehnen. Zurückzuführen auf einen gewissen Mystiker Hermes Trismegistos , u.a.von Okkultisten im Buch Kybalon nachzulesen. Eine solche Entsprechnungsphilosophie sog. hermetischer Prinzipien erschließt sich mir nicht. Es versteht sich vor diesem Hintergrund, dass ich einer Spiritualität – wie bereits angedeutet – nur dann folgen kann, wenn sie ohne jeglichen Gottes- oder Transzendenzbezug daherkommt. Spiritualität muss für mich klar von Glaube und Religion abgegrenzt werden. Religiosität schränkt mit Blick auf die ihr innewohnende Dogmatik zu sehr ein.

Wie antwortet Goethes Faust auf die berühmte „Gretchenfrage“ was spirituelles Bewusstsein ausmache sinngemäß: kein persönlicher Gott mehr, keine Konfession, keine Glaubensgemeinschaft, keine Kirche, keine damit verbundene Weltordnung – aber das Gefühl einer Allheit und Allverbundenheit, emotionale Übereinstimmung mit dem Weltganzen, das absolute Chiffre für die Liebe. Dem möchte ich mich nur allzu gerne anschließen. Auf Spiritismus muss ich an dieser Stelle natürlich überhaupt nicht eingehen. Ich setze darauf, mir eine Symbolwelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Das Paradies der Freigärtner, der Kreislauf der Zeiten des Ouroboros und der Grüne Mann, sie alle mögen uns allein mit ihrer Symbolkraft helfen, auch unser Verhältnis zur Natur und zur Umwelt nachdrücklich zu bestimmen und besonders in unseren Zeiten zu festigen. Mensch versus Natur und Umwelt darf sich nicht weiter verstetigen! Auch dies: das schließt selbstverständlich eine aktiv notwendige Biodiversitätspolitik mit ein, damit die Not der Natur nicht zur Not der Menschen wird, wenn ich dies als Mitglied der Bonner Alexander-Koenig-Gesellschaft einflechten darf. Der Natur- und Umweltethik im biologischen und wohlverstandenen philosophischen Sinne muss entschieden mehr Bedeutung beigemessen werden! Es geht, wie gesagt, um die Vermeidung der ökologischen Selbstzerstörung! Es geht um die planetary health in umfassendem Sinne.

Der sog.“Greta-Effekt“, benannt nach der jungen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die nachfolgend aufgekommene „fridays for future“-Bewegung mögen vielleicht wegen des damit ausgelösten Hypes nicht immer überzeugen, müssen aber zumindest als Signal gelten. Genau so wie die jährlichen Ergebnisse am sogenannten „Erdüberlastungstag“. Dabei sollte es nicht dazu kommen dass, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. September schrieb, diese Klimadebatte aus dem Ruder läuft.

Im Jahre 1969, also vor 50 Jahren, gab es eine Ballade, die ich vor Kurzem im Radio wieder einmal gehört habe. Sie ging so: “In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive.” Diese Ballade schildert einen Weltuntergang durch passive Inkaufnahme und übermäßige Abhängigkeit der Menschen von ihren übertriebenen Technologien, die – so heißt es – die Menschheit letztendlich entmenschlichen. Es ging vor allen Dingen auch um eine Kritik an grenzenloser Naturausbeutung. Vorgetragen vor 50 Jahren.

Ich denke, diese Ballade hat bis heute, auch mit Blick etwa auf das Problem der Mikroplastik in uns, um nur ein Beispiel zu nennen, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, von dem Klimawandel ganz zu schweigen, oder von der um sich greifenden Verrohung des menschlichen Miteinanders. Möge die der Ballade inne wohnende Mahnung Eingang finden in alle Algorithmen und in die Heuristik der unaufhaltsamen Künstlichen Intelligenz, in die wir trotz der ihr in vielen Bereichen zweifellos innewohnenden Bedeutungen als physische oder kognitive Assistenzfunktionen unverändert das genannte „Sapere Aude“, also den sogenannten „Gesunden Menschenverstand“ einbringen müssen. Möge die Mahnung alle Blogger, alle Influencer, alle Sozialen Netzwerke erreichen, heißen sie Facebook, Twitter, Instagram oder Reddit, und so auf ihre Follower einwirken und vor allen Dingen sogenannte Deep Fakes verhindern. Mögen Trolle nicht noch schlimmer im World Wide Web ihr Unwesen treiben, sondern nur in der Fabelwelt der Natur Freude bereiten. Möge dabei helfen, wie es in der genannten Ballade ganz lyrisch heißt, “the twinkling of starlight” am Ende des Tunnels und die Hoffnung “maybe it’s only yesterday”. Apropos „twinkling of starlight“: müssen wir nicht auch über unsere Anschauung der Welt hinaus ins Weltall denken? Geht es nicht mittlerweile schon um Probleme planetarischer Gesundheit? Stichworte „Weltraumschrott“ bzw. „Plastik im menschlichen Organismus“.

Tun wir als Freimaurer zumindest das Unsrige, um die ganz offensichtliche Zeitenwende auf unserem ach so unglaublich kleinen und im Gefüge des Alls gänzlich unbedeutenden Planeten zu begreifen und sie in positivem Sinn
mitzugestalten, auf dass wir ihr nicht hilflos ausgeliefert werden, auf dass nicht allzu zeitnah nur noch ein “twinkling of starlight” übrig bleibt. Wirken wir einer Entwicklung entgegen, nach der etwa aus Langeweile, Einsamkeit
und Desillusionierung innerhalb der Gesellschaft Verlockungen für extreme Weltanschauungen entstehen. Moral darf nicht zu einem Schimpfwort verkommen.

Wie heißt es so treffend bei den Monisten und dem vormaligen „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“, dem ich nur zu gerne wieder nahe stehen würde (Zitat): „Das höchste Ziel der Natur- und Kulturentwicklung ist die völlige Naturkenntnis und Naturbeherrschung, vollendete Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung der Natur in ihrem Teilsystem Mensch“ (Zitatende). Hoffen wir, dass die Schwägerin unseres guten Prometheus, eine gewisse Pandora aus der griechischen Mythologie, nicht noch einmal ihre Büchse öffnet, auf dass nicht auch noch die Hoffnung entweicht.

Bei all unserer skeptischen Zukunftsbetrachtung sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Denken wir einfach daran, was uns an unserer Welt gefällt. Was uns guttut, was wir lieben. Das kann und sollte doch auch eine gehörige Portion Frohsinn bedeuten. Ich jedenfalls glaube daran mit großer Hoffnung. Tragen wir deshalb froh gestimmt unsere freimaurerischen Ideale und Wertvorstellungen aktiv in die uns umgebende Gesellschaft. Dies ist im allgemeinen Humanismusgefüge der Zivilgesellschaft nicht nur gerechtfertigt, sondern mit Blick auf die unübersehbare Verrohung in unserer Gesellschaft geradezu überfällig.

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