Not und Elend auf der Müllkippe

Gerade hatte der Bruder Dirk Planert seinen persönlichen Frieden geschlossen mit einer Hilfsaktion während des Bosnien-Krieges, dessen Bilder und Erlebnisse ihn 25 Jahre verfolgt hatten. Nun bricht das nächste Elend über ihn hinein und er kann nicht wegsehen. Seit mehr als hundert Tagen hilft er auf einer Müllkippe.

Tag 86 auf der Müllkippe”, so begann eine der ersten E-Mails von Dirk Planert, die mich zum Thema erreichten. Und es folgten detaillierte Schilderungen von den unsagbaren Zuständen.

Aber der Reihe nach. Dirk Planert hatte während des Bosnien-Krieges privat Hilfstransporte organisiert und vor Ort mitten im Kampfgeschehen verteilt. Die Bilder ließen ihn nicht los und so reiste er nach 25 Jahren wieder nach Bihac, um mit neuen Bildern und Begegnungen in der wieder aufgebauten Stadt seine Bilder im Kopf “wie eine Festplatte zu überschreiben, wie er es nannte. In Bihać gibt es offenbar das gleiche Bedürfnis und so wird der Journalist eingeladen, eine Ausstellung mit Bildern von damals und heute zu gestalten.

Im Umfeld der Ausstellung erfährt er zufällig, dass Flüchtlinge in der Stadt aufgegriffen und in ein eilends angelegtes Behelfslager transportiert worden, wo sie weitgehend sich selbst überlassen wurden. Nur das Rote Kreuz ist vor Ort, hat Zelte aufgestellt und verteilt zweimal am Tag Essen. Die Stadt Bihać ist mit der Situation überfordert. Zwar gib es finanzielle Hilfen für die Flüchtlingsunterbringung, die kommt aber in Bihać​ nicht an. Die Situation in der Stadt eskaliert und so entschließt man sich, hastig ein Lager einzurichten, das sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt.

Dirk Planert ist Journalist und neugierig, ahnt aber auch, was dort geschieht. Er fährt den Bussen nach und muss feststellen, dass die Flüchtlinge zu einer ehemaligen Müllkippe gebracht werden, die gerade einmal notdürftig mit einer dünnen Schicht Kies und Schotter überzogen wurde. Es stinkt, angeblich steigen aus dem Boden Methangase auf, wie ihm Anwohner berichten. Dirk Planert sieht verletzte Menschen und kann nicht anders: Er packt seinen kleinen Verbandkasten aus und hilft. Und er bleibt, sammelt bei seinen Brüdern und anderen Freunden Geld ein, kauft vor Ort ein, was gebraucht wird: Schlafsäcke, Kleidung, Verbandmaterial. Medikamente.

"Am 14. Juni wurden die ersten Flüchtlinge hier nach Vucjak deportiert. Seitdem wächst das illegal von den bosnischen Behörden errichtete Camp stetig. Zum Glück hat der türkische rote Halbmond (red cross) die Zelte geschickt. Sie sind auch bei Regen meist dicht. Täglich werden neue Flüchtlinge von der Polizei hier her deportiert. Ebenso brechen täglich Gruppen Richtung EU auf. Sie müssen knapp hinter dem Camp an den Minenfeldern vorbei."
"Eine Entzündung im Knie. Der Eiter musste raus. Trotz lokaler Betäubung mussten wir den Patienten zu Viert festhalten. Jetzt kann er wieder gehen. Die Alternative: Im schlimmsten Fall Verlust des Beines. Unter den unhygienischen Umständen in Vucjak geht es sehr schnell, das aus kleinen Wunden eine lebensgefährliche Sepsis werden kann."
"Der junge Mann links im Bild gehört zu unserem dreiköpfigen Kernteam. Er ist Slowene, Ex-Soldat mit Einsatzerfahrung und Ausbilder für Militärsanitäter. Er ist 23, medizinisch hochkompetent. Unsere Ärzte, die für Tage oder Wochen hier waren, hat er zum Staunen gebracht. Meist ist die „Klinik“ bis tief in die Nacht geöffnet. Notfälle sind in der Regel vor Erschöpfung zusammengebrochene Menschen."
"Das Kind hat 39 Fieber. Die Mutter trägt es den Berg hoch, der von Bihac City nach Vucjak führt. Die Lufttemperatur an dem Tag: 38 Grad. Kein Wasser. Wir haben immer alles Notwendige im Wagen. Für das Kind auch. Es gibt zuerst ein Lächeln und ein „Assalam u Aleikum“, wenn der fremde Mann im Auto plötzlich anhält. Es folgt medizinische Versorgung am Straßenrand, Kopflampen für die Nacht, Wasser, Honig oder Süßes für die Kinder und Sprühpflaster."
"Alltag in Vucjak. Ursache: die Krätze. Eine Seuche aus dem Mittelalter grassiert im Camp. Wir können die Wunden behandeln und das Wachsen der eitrigen Wunden verhindern. Was wir hier nicht können: Medikamente oder Salben gegen die Krätze nutzen. Dafür müssten die Menschen ihre Kleidung und Decken waschen können. So gibt es keine Chance."
"So gut wie täglich kommen Delegationen großer Hilfsorganisationen, Politiker oder Journalisten. Sie reden, sie gehen, sie kommen nicht mehr wieder. Die Meisten sprechen nicht mit den Menschen, die hier überleben müssen und trauen sich gerade mal die ersten 20 Meter in das Camp. Im Bild ist ein Teil einer 25-köpfigen Delegation des Red Cross aus verschiedenen Ländern zu sehen."

Er macht etliche Medien auf die unglaublichen Zustände vor Ort aufmerksam. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber etwa 700 oder 800 Flüchtlinge, manchmal mehr, befinden sich im Lager, ohne ausreichende Verpflegung, anfangs ohne jede medizinische Versorgung, die auch später nur durch Freiwillige improvisiert werden kann. Täglich versuchen Flüchtlinge über die nahe gelegene Grenze in das EU-Land Kroatien zu gelangen. Sie werden daran gehindert oder nach verschiedenen Medienberichten illegal zurückgeschoben. Es wird von Gewalt gegen Flüchtlinge berichtet, die am nächsten Morgen verletzt im Lager Bihać zurückkommen.

Auch im Lager spitzt sich die Situation angesichts der Enge und schlechten Versorgung zu. Vor wenigen Tagen gab es eine Messerstecherei mit einem Toten und mehreren Verletzten. Die internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort bereits andere Lager betreiben und keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, fühlen sich nicht zuständig und die Europäische Gemeinschaft schaut weg, beklagt Dirk Planert. Immerhin ist es ihm mittlerweile gelungen, neben etlichen größeren Medien auch die ersten Politiker zu sensibilisieren. Höchste Zeit, denn zwischenzeitlich ist die Hilfsaktion zu einem Politikum geworden. Heute Morgen sind die freiwilligen Helfer durch das Büro für Ausländer ausgewiesen worden, wie Dirk Planert telefonisch berichtete. Er selbst war gerade für ein paar Tage in Österreich, um von dort einige Dinge zu organisieren und weiß noch gar nicht, ob er überhaupt wieder in Bosnien-Herzegowina einreisen darf. Auch wie es weitergeht, ist im Moment noch unklar. Aber dass es weitergeht, irgendwie, dass weiß er genau.

Interview mit Dirk Planert

Einige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung bin ich informiert worden, das Busse der Polizei an einem Flüchtlingslager vorfahren und die Menschen gezwungen werden einzusteigen. Deportationen also. Es saßen die Menschen in den Bussen, die im Camp der IOM (International Organisation for Migration/UN) nicht mehr aufgenommen worden waren. Sie hatten bis zu dem Zeitpunkt auf einer Wiese „gelebt“. Ich bin den Bussen hinterhergefahren. 10 Kilometer außerhalb der Stadt mussten die Flüchtlinge aussteigen und noch etwa einen Kilometer einen Feldweg entlanglaufen. Dann landeten wir auf der ehemaligen Müllhalde Vucjak. Ich machte meine Arbeit, habe Fotos gemacht und mit der Kamera gedreht. Dann hielt ein kleiner Polizeibus und mir wurde ein schwerstkranker Mann, vermutlich Blinddarm, aus dem Bus heraus vor die Füße geworfen. Mir wurde in dem Augenblick klar, was da passierte: Menschen wurden weggeworfen wie Müll. Ich entschied, zu bleiben. Das ist jetzt über 100 Tage her. Aus der kleinen Tasche mit Erste-Hilfe-Material, die ich immer dabeihabe, ist seitdem ein Feldlazarett mit 200 Patienten täglich geworden.

Das Rote Kreuz Bihac hat nicht die Kapazitäten, mehr zu tun, als zwei Mahlzeiten am Tag zu verteilen. Morgens eine Scheibe Brot, nachmittags einen Eintopf mit Brot, der von der Menge der einer Vorspeise entspricht. Die großen Organisationen weigern sich, dort zu arbeiten. Sie sagen, das sei ein illegal von den bosnischen Behörden errichtetes Camp. Thema erledigt. In Kürze beginnt die ertragreichste Zeit für Hilfsorganisationen, die Weihnachtszeit. Möglicherweise kommt dann irgendeine der bekannten Organisationen, um das „Weihnachtsgeschäft“ mitzunehmen. 1.000 Menschen auf einer Müllhalde, das hat eine Wirkung in der PR. Wundern würde mich das nicht. Alle großen Organisationen waren schon hier, um sich alles anzusehen. Niemand hat etwas getan.

In den ersten zweieinhalb Monaten habe ich tagsüber in der Ambulanz gearbeitet und nachts die Kommunikation gemacht. Mein Ziel war, nicht nur den Menschen direkt zu helfen, sondern eine Veränderung auf politischer Ebene zu erwirken, die diesen Menschen helfen wird. Also habe ich sehr viel an Medien und die Politik geschrieben, dazu die Mails, Facebook-Nachrichten usw. von Spendern, die Informationen wollten. Mehr als drei oder vier Stunden Schlaf waren nicht machbar. Zurzeit ist das Team so gut und stabil, dass ich tagsüber diese Dinge erledige und dann nicht im Zelt mitarbeite. Das Basisteam sind zwei junge Männer und ich, dazu kommen zurzeit eine ungarische Ärztin, eine deutsche Notfallsanitäterin und eine Studentin. Zum Basisteam gehört ein junger Slowene, der Ausbilder für Militärsanitäter war. Er ist großartig und bringt auch Ärzte, die für ein paar Tage kommen, zum Staunen. Wir arbeiten jeden Tag. Alle etwa zwei oder drei Wochen gehen wir mal in einem Restaurant essen. Ab und an, wenn wir früh genug fertig sind, trinken wir abends Bier und bosnischen Schnaps. Ich hole dann schon mal die Gitarre raus.  Meistens arbeiten wir. Hilfslieferungen müssen sortiert werden, Einkäufe in der Apotheke beschafft werden usw. Es ist schon ein Haufen Arbeit.

Ja. Noch in der Nacht, als es anfing mit der Müllhalde als Camp, habe ich meine Brüder der Loge „Zur Alten Linde“ in Dortmund angeschrieben. Zwei Tage später hatte ich fast 2.000 Euro und konnte damit in Apotheken und Supermärkten einkaufen. Bei Feierlichkeiten oder Tempelarbeiten sammeln die Brüder Geld und überweisen es. Einige Brüder schicken auch unabhängig davon Geld auf das Spendenkonto. Großartig ist das. Auf meine Brüder ist Verlass. Der Kreis der Spender ist nach über drei Monaten natürlich viel größer geworden. Aber die Brüder sind ein verlässliches Fundament. Abgesehen davon, dass ich diese Spenden brauche, um diese Arbeit machen zu können ist das natürlich emotional ein Geschenk für mich persönlich. Gelebte Brüderlichkeit. Ich bin auch sehr dankbar für das Vertrauen meiner Brüder. Selbstverständlich ist das alles sicher nicht.

Meine Familie steht voll hinter mir. Mein Vater ist Br. Kurt Planert, er gehört zu einer Loge in Kiel. Meine Mutter ist selbst Flüchtlingskind. Meine Töchter sind 26 und 22 Jahre alt, die Enkelkinder sechs Jahre und das „Neue“ gerade mal 5 Monate. Meine jüngere Tochter hat vor ein paar Wochen gesagt: „Papa, wenn Du jetzt nicht bald mal nach Hause kommst, dann weiß Dein Enkelkind nicht, wer Du bist“. Noch in der Nacht habe ich einen Flug gebucht und war für drei Tage bei ihnen. Die Kinder wissen, dass ich in Notfällen immer da bin, wenn sie mich brauchen. Wir telefonieren oft. Ich habe von allen „grünes Licht“. Das ist ok.

Privatleben? Habe ich gerade kaum. Wenn, dann bin ich so kaputt, dass ich nur schlafen und essen möchte. Beruflich bin ich freier Journalist. Ich konnte das also machen, ohne vorher einen Chef nach unbezahltem Urlaub fragen zu müssen. Ich kann manchmal Fotos oder Filmmaterial verkaufen. Eine österreichische NGO zahlt mir eine kleine „Aufwandsentschädigung“. Die haben kapiert, das die ganze Hilfe in Vucjak zusammenbricht, wenn ich abreisen müsste, um Geld zu verdienen. Ich lebe relativ bescheiden. Viel Geld brauche ich also nicht, um Miete und Versicherungen zu bezahlen. Es kommt sehr knapp alles gerade so hin. Was wird, wenn das hier vorbei ist, dass weiß ich nicht. Ich bin zuversichtlich. Es wird weitergehen. Ich werde nicht hungern, meine Wohnung habe ich, wunderbare Töchter und Eltern, gute Freunde. Ich bin zufrieden.

Die Menschen in Vucjak müssen schnellstmöglich in Camps, die dem internationalen Standard entsprechen. Der ist klar definiert. Passiert das vor dem Winter nicht, wird es Tote geben. Ich werde Leichensäcke kaufen müssen. Ich fahre jetzt schon Notfälle mit meinem Wagen ins Krankenhaus. Die Toten würde ich gern vorher „einpacken“, bevor ich sie in meinen Wagen lege. Ich glaube, das ist verständlich.

Es müssten sich nur alle an die bestehenden Gesetze halten. Dann wäre alles anders. Die EU-Gesetze sehen vor, dass ein Flüchtling, der die EU erreicht, ein Recht hat einen Asylantrag zu stellen. Dieses Recht gibt es in der Realität nicht. Die Menschen werden illegal nach Bosnien zurück gepusht. Auffanglager in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland müssten geschaffen werden. Dann folgt die Prüfung der Asylanträge und danach Abschiebung oder Bleiberecht. So sieht es das Gesetz vor. Wir reden über gerade mal 12.000 Flüchtlinge etwa, die sich in Bosnien aufhalten. Für eine EU mit 28 Nationen und 580 Millionen Bürgern, mit Verlaub, ist das eine lächerliche Zahl. Die EU verrät ihre eigenen Grundsätze. Mit Zivilisation hat das alles nichts mehr zu tun. Ich sehe täglich die Opfer der verfehlten Politik. Nicht nur Hunger und Elend sind das Ergebnis. Knochenbrüche, Platzwunden, geprügelte Menschen.

Die großen Hilfsorganisationen wie die IOM müssten einen besseren Job machen. Wie kann es sein, dass die UN-Tochter IOM Menschen auf die Straße schickt, weil sie sagen, die Camps seien voll. Das sind die Vereinten Nationen. Da kann man mehr erwarten, theoretisch. Das Hauptcamp in Bihac ist Bira. Da sind 1.500 Menschen. 3.000 würden hineinpassen. Voll ist eine Frage der Definition.  Neben den 10 Millionen Euro der EU, die nach Sarajevo geflossen sind, hat die EU 36 Millionen Euro an die IOM gezahlt. Man soll nicht meinen, dass irgendwer kontrolliert was mit diesem Geld passiert. Die EU verschließt die Augen. Es gibt keine Lösungsansätze. Diese Lösungen zu finden ist Aufgabe der Politik. Nicht meine. Diese Politiker werden bezahlt, um Lösungen für Probleme zu finden. Das tun sie nicht. Sie sind ihr Geld nicht wert.

Außerdem muss der Stadt Bihac geholfen werden. Seit zwei Jahren werden die Flüchtlinge aus allen Balkanländern hier hergeleitet. Wie ein Flaschenhals, in den immer mehr hineinläuft, aber kaum etwas heraus. Es ist logisch, dass es eskalieren musste. Sarajevo kassiert das Geld der EU (10 Millionen) für Flüchtlinge, in Bihac ist aber nie etwas angekommen. Die Stadt weigert sich, ein anderes Grundstück für den Bau eines Camps bereitzustellen. Wird Bihac geholfen, könnte sich das ändern.

Gewalt- und Raubstraftaten, dazu kommt Nötigung und vieles mehr. Die meisten Flüchtlinge werden von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen. Ihnen werden Rucksack und, soweit vorhanden, Schlafsack abgenommen. Beides wird vor ihren Augen verbrannt. Dann werden sie nach Geld durchsucht. Wird welches gefunden, wird es den Menschen von der Polizei gestohlen. Dann werden sie mit Polizeischlagstöcken verprügelt. Bevor sie dann mitten im Wald über die Grenze zurück nach Bosnien getrieben werden, müssen viele vorher ihre Schuhe ausziehen. Sie laufen dann barfuß wieder zurück nach Bihac. Das hat System. Seit dem ersten Tag höre ich täglich solche Geschichten und sehe die Verletzungen. Es ist immer dasselbe. Schaffen sie es bis Slowenien und werden dort aufgegriffen, dann übergibt die slowenische Polizei die Menschen an die Kroaten und die schieben sie dann zurück nach Bosnien. 12 Tage dauert der Fußmarsch bis Italien. Wer bis dahin kommt, der hat es erstmal geschafft. Regelmäßig treffe ich Familien mit kleinen Kindern, die diesen Weg noch vor sich haben. Schrecklich ist das. Das trifft mich sehr. Ich darf dann nicht an meine Töchter und ihre Kinder denken. Dann treibt es mir das Wasser in die Augen. Sie haben die Minenfelder (Kriegsaltlasten) auf dem Weg in die EU und möglicherweise die Gewalt der Polizei noch vor sich. Ich hatte schon Menschen im Ambulanzzelt, auf die Polizeihunde gehetzt worden waren. Paradox ist, das die EU Kroatien den Auftrag gegeben hat, die EU Außengrenzen zu schützen. Der Auftraggeber weiß, dass dann gegen seine eigenen Gesetze verstoßen wird. Vor allem: Gegen die Menschenrechte und das im Auftrag der EU. Das ist alles ein verlogenes Spiel.

Nein. Es gibt aber eine kleine Hoffnung. Drei EU-Politiker haben mich kontaktiert. Diese drei habe ich miteinander verbunden. Sie wollen nun mit MEP Bettina Vollath (Österreich) eine Gruppe aufbauen, die sich im EU Parlament für die Menschen in Vucjak und die Stadt Bihac einsetzen soll. Wir müssen jetzt abwarten, ob es ihnen gelingt, etwas zu bewegen. Ich habe von Anfang an drei Ziele gehabt: direkte Hilfe „am Mann“, Information der Medien in Deutschland und Österreich sowie Information der gesamten EU-Politik. Punkt zwei und drei sind erledigt. Jetzt müssen die Politiker ihren Job machen. Ich arbeite weiter im Ambulanzzelt.

Geld spenden. Das ist das Wichtigste. Ich kann in Bosnien alles kaufen, was wir brauchen und das viel günstiger als in Deutschland.

Sie können die sehr persönliche Geschichte des Journalisten und Freimaurers Dirk Planert über die Aufarbeitung seiner Bosnien-Hilfe mitten im Krieg hier in drei Teilen nachlesen.

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Die Zukunft der Freimaurerei

Helmut Reinalter, ein anerkannter Beobachter der Freimaurerei, hat ein Buch über die Zukunft des Bruderbundes vorgelegt.

Lange Zeit haben sich die Brüder vorwiegend mit ihrer Geschichte beschäftigt und sie mehr oder weniger schillernd dargestellt. Seit einigen Jahren und verstärkt in der letzten Zeit ist eine Zunahme der Bücher, Aufsätze und Vorträge über die Zukunft der Freimaurerei zu beobachten. Aufmerksamen Mitgliedern ist klar geworden, dass die historische Darstellung nicht immer richtig ist und man nicht von der Substanz leben kann. Freimaurerei muss sich angesichts der erheblichen gesellschaftlichen Umwälungen zwar nicht neu erfinden, aber eine Position einnehmen. Ein Umbruch in der Freimaurerei ist allenthalben zu bemerken. Nur: Wohin? Der Titel des neuen Buches des renommierten Freimaurer-Autors passt in die Zeit und klingt vielversprechend. Auch Reinalter sieht dies so: “Unsere diskrete Gesellschaft, schon seit ihren Anfängen strukturkonservativ und stark traditionsgebunden, muss ihre historischen Grundlagen dringend neu überdenken und dabei versuchen, ihren Ideengehalt für die weitere Entwicklung der Freimaurerei zu reformieren, damit er auch im heutigen und künftigen Bruderkreis besser verstanden wird.

Das alles klingt vielversprechend. Kann Reinalter in seinem Buch die notwendigen Antworten geben? Um es vorwegzunehmen: Nein. Und um hinzuzufügen: Leider.

Es ist deshalb kein schlechtes Buch. Es ist wirklich interessant, wenngleich auch hin und wieder etwas langatmig und von vielen Wiederholungen durchsetzt. Das hängt damit zusammen, dass es sich um kein geschlossenes Werk handelt, sondern um eine Sammlung von Essays und Aufsätzen, die vielleicht einer Straffung bedurft hätten. Reinalters Bücher haben den Rezensenten in ihrer nüchternen und objektiven Art beim Weg in die Freimaurerei begleitet und waren auch in den ersten Jahren ein wichtiger Kompass. Vielleicht war die Erwartungshaltung angesichts des Autors und des Titels zu groß.

Zum Inhalt. Zunächst beschäftigt sich das Buch mit dem nach Meinung Reinalters und einiger anderer Historiker falschem Gründungsjahr 1717, das die Freimaurerei im letzten Jahr, auch in Deutschland, umfänglich gefeiert hat und verortet die Gründung stattdessen in das Jahr 1721. Das mag historisch von Interesse sein, angesichts der Zukunftsfragen unserer Gesellschaften und auch der Freimaurerei jedoch eine Petitesse. Der Klappentext verspricht, dass es sich um den einzigen historischen Text handelt, gleichwohl folgt umgehend eine Studie  zur gesellschaftlichen Rolle der Freimaurerei seit dem 18. Jahrhundert. Allerdings ist das für das weitere Verständnis des Themas nicht ganz unerheblich, denn Reinalter befreit die Geschichte der Maurerei von mysterischen und esoterischen Deutungen und hebt die praktischen Gründe für den Erfolg dieser Gesellschaft hervor, die nüchterner und pragmatischer als alle Mythen und Legenden sind, aber auch erfüllender.

Umfangreich befasst sich Helmut Reinalter mit ethischen Werten, mit dem Projekt “Weltethos”, humanem Wirtschaften, ethisch orientierter Weltpolitik, Demokratie und Globalisierung. Von diesen eher allgemeinen Betrachtungen leitet er über zur deren praktischer Umsetzung in den Logen: Humanität, Toleranz, Lebenskunst, Gerechtigkeit, Aufklärung, um die Wichtigsten zu nennen. Alles ist richtig, alles ist interessant und lesenswert. Aber wir befinden uns nun schon um die Seite 200 herum und noch fehlt der Eindruck, praktische Antworten zu erhalten, wie denn die Freimaurerei ihre eigene Zukunft in ihr Tagesgeschäft einbinden kann.

Reinalter geht, soviel kann man wohl zusammenfassen, davon aus, dass die umfangreich geschilderten hehren Ziele der Maurerei vom einzelnen Freimaurer entsprechend seiner Möglichkeiten umgesetzt werden sollen. Das wäre nun nichts Neues, das ist sozusagen das theoretische Kerngeschäft des Bruderbundes. Wie nun aber “die Freimaurerei” als Organisation, die für das Wirken des einzelnen Mitgliedes die nur schwer verzichtbaren Rahmenbedingungen schaffen muss, ihre Zukunft zielgerichtet gestalten kann, bleibt offen.

Helmut Reinalter, “Die Zukunft der Freimaurerei”, ca. 240 Seiten, Paperback. ISBN 78-3-943539-95-0, Salier-Verlag, 15 €

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Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Schon wieder ein Knigge-Ratgeber, der uns Benimm beibringen soll? Der Freimaurer Sylvio J. Godon hat ein Büchlein “Vom Betragen – Knigge für Freimaurer” vorgelegt. Da stellt sich die skeptische Frage: Muss das sein?

Der arme Adolph Freiherr von Knigge, übrigens Freimaurer, muss für alles mögliche herhalten. Unzählige Benimmbücher sind unter Benutzung seines Namens erschienen: Knigge für die Karriere, Knigge für Kids, Knigge in jeder Lebenslage, Knigge fürs Business, Knigge im Restaurant. Dabei hat Knigge niemals Gebrauchsanleitungen für unfallfreies Essen oder geschicktes Rodeln auf gesellschaftlichem Parkett geschrieben. Sondern einen bis heute lesenswerten Text “Über den Umgang mit Menschen”, in dem er ganz allgemein beschreibt, wie Menschen unterschiedlichster Art miteinander umgehen können.

Mit seinem Buch wollte er Situationen wie die von ihm geschilderte vermeiden: “Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.”

Und nun kommt ein anderer Freimaurer und schreibt Benimmregeln für Freimaurer unter Freimaurern und nennt auch das wieder einen Knigge. Dabei ist es eigentlich ein für die Spezies der Menschenfreunde nicht notwendiges Buch. Denn der aufgeklärte und sich selbst hinterfragende Bruder weiß eigentlich aus dem Ritual, aus der Kenntnis der Symbole und Metaphern, aus den Unterweisungen im Lehrlings- und Gesellengrad, aus dem Betrachten seiner Vorbilder in der Loge ganz genau, wie man sich als Mensch zu anderen Menschen verhält. In den eins, zwei, drei Jahren nach einer Aufnahme und bei guten Lehrmeistern klappt das eigentlich ganz gut. Ist man erst einmal Meister, werden viele vergesslich, und manchmal vergessen sie sich, dieses eigentlich überflüssige Büchlein kann sie erinnern.

Der Autor schreibt im Vorwort, dass er mit seinem Buch nicht den Zeigefinger erheben wolle. Gleichwohl blickt der moralische Finger dem Leser auf jeder Seite dann doch entgegen, als wäre er das freundlicherweise beigefügte Kapitälchenband, ein Lesezeichen für jede Seite. Und der größte Teil des Buches liest sich dann auch ein bisschen wie sich eine autosuggestive Meditationskassette aus den Achtzigern anhörte: “Im Zusammenleben erstrebe ich …”, “Ich beuge Entwicklungen vor, die …” oder “Ich halte mich an …”. Aber dieses Autosuggestive, wenn man es über sich ergehen lässt, kann dann doch wie ein Mantra wirken und Wirksamkeit entfalten.

Wer neben der in den Ritualen vermittelten Grundhaltung oder den in den “Alten Pflichten” enthaltenen Anweisungen zum “Betragen der Brüder” eine Art Gebrauchsanweisung benötigt, wem “ToDos” helfen, findet in diesem Buch sicher genügend konkrete Handlungsvorschläge für den Alltag. Der Autor geht allerdings von einem Idealbild aus, denn er lässt Regeln vermissen für den Umgang mit Regelbrechern, mit Besserwissern, Aufschneidern, ungehobelten Burschen. Sie sind glücklicherweise die Minderheit in der Freimaurerei, können aber eine ganze Gruppe bis ins Mark treffen. Für das Unterlaufen einer Streitkultur haben der Autor und so manche Loge keine Antworten und lassen den Ungezogenen leichtes Spiel. Hier wäre ich auf Regeln gespannt, da ist der Knigge im Original besser aufgestellt. Oder Schopenhauer.

Ich komme auf meine Frage vom Anfang zurück: “Muss das sein?” – Muss wohl, jedenfalls kann es nicht schaden. Interessant ist das Buch sicher auch für Außenstehende, denn es erlaubt einen sehr praktischen Ausflug in die Gedanken- und Alltagswelt der Freimaurer, eine Idealwelt, die allerdings oft genug in den Logen auch tatsächlich so oder zumindest so ähnlich stattfindet. Das sind die Sternstunden, die begeisterte Freimaurer mit leuchtenden Augen hinterlassen. Das Buch zeigt aber auch, und das ernüchternd, was eigentlich mit der “Arbeit” der Freimaurer gemeint ist. Das Erleben der Rituale ist schön, die guten Vorsätze aus den Zusammenkünften beflügeln und motivieren. Aber womit es vor der Tür des Tempels losgehen muss, von den Mühen des Verstehens seiner Mitmenschen im Alltag, den guten Taten, dem vorbildlichen Verhalten, von dieser ungemein anstrengenden Arbeit berichtet dieses Buch, das im Übrigen mit viel Herzblut und Liebe zur Maurerei geschrieben wurde.

“Vom Betragen, Knigge für Freimaurer. Ein ganz persönlicher Ratgeber von Sylvio J. Godon”. Salier-Verlag, 88 Seiten, DIN A 6, Hardcover mit Kapitälchenband, ISBN 978-3-943539-90-5, 12 €

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Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, "Wege nach Lyonesse"

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €

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Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

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Kulturpreis der Freimaurer an Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Großmeister Prof. Dr. Stephan Roth-Kleyer mit dem Preisträger Uwe Tellkamp

Am 25. Mai 2017 verlieht die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland den Kulturpreis Deutscher Freimaurer im Dresdner Landhaus (Stadtmuseum) an den Schriftsteller Uwe Tellkamp.

Der Preis wird seit 1980 in unregelmäßigen Abständen an Personen vergeben, die besondere kulturelle Leistungen oder Engagement erbracht und dabei humanitäre Werte im Blick haben. Frühere Preisträger waren unter anderem Johannes Mario Simmel, Yehudi Menuhin, Lew Kopelew, Otmar Alt, Hans Küng und zuletzt im Jahre 2012 Kurt Masur.

1968 in Dresden geboren, wuchs Uwe Tellkamp als Sohn eines Arztes im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ auf, wo er seit 2009 mit seiner Familie wieder beheimatet ist. Nach dem Abitur musste er einen dreijährigen Dienst bei der NVA antreten, um in der DDR Medizin studieren zu dürfen. Obwohl er bereits vor dem Oktober 1989 wegen „politischer Diversantentätigkeit“ unangenehm auffiel, weil er Texte von Wolf Biermann und anderen nicht geduldeten Autoren bei sich trug, blieb er bis Oktober 1989 Unteroffizier bei der DDR-Armee. Nach einer kurzen Inhaftierung folgten Tätigkeiten als Hilfsarbeiter im Braunkohletagebau und der Industrie. 1990 begann er eine Arbeit als Hilfspfleger auf der Intensivstation eines Dresdner Krankenhauses.

Sein Studium der Medizin absolvierte Tellkamp schließlich nach dem Ende der DDR an der Universität Leipzig, in New York und Dresden, gab den Arztberuf, den er bis 2004 an einer unfallchirurgischen Klinik in München ausübte, im Jahre 2004 aber zugunsten seiner Schriftstellerkarriere auf.

Tellkamp veröffentliche ab Ende der 80er Jahre zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman „Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café“ erschien im Jahre 2000. Vier Jahre später gewann er mit „Der Schlaf in den Uhren“ den renommierten IngeborgBachmann-Preis. Im Herbst 2008 erschien schließlich sein Roman „Der Turm — Geschichte aus einem versunkenen Land“, in dem er die Zeit zwischen 1982 und 1989 aufarbeitete. Für dieses monumental zu nennende Werk erhielt Tellkamp den Deutschen Buchpreis sowie 2009 den Deutschen Nationalpreis. Eine Bühnenfassung seines „Turms“ wurde 2010 in Dresden uraufgeführt, und die ARD verfilmte den Stoff in zwei Teilen.

Seine Arbeit charakterisierte der Schriftsteller einmal in einem Interview mit dem Versuch, Heimat wiederzugewinnen. Er sehe sich als eine Art Dombaumeister, der durchaus pathetisch sein dürfe, wenn er die grundlegenden menschlichen Empfindungen wiedergeben könne. Kritikern gilt Tellkamp einerseits als Sprachvirtuose, der die literarischen Formen perfekt beherrscht, andererseits aber auch als höchst politischer Autor, der aufgrund seiner persönlichen Geschichte den Schriftstellern im ehemaligen Ostblock geistig näher ist als seinen deutschsprachigen Kollegen im Westen.

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Jürgen Kaube hielt eine gleichermaßen unterhaltsame, einfühlsame und intelligente Laudatio

Laudator Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

Die Laudatio für die Verleihung des Kulturpreises der Großloge hielt Jürgen Kaube, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der 1962 in Worms geborene Soziologe, Autor und Germanist ist bei der FAZ zuständig für das Feuilleton. Kaube wurde Anfang 2015 als Nachfolger des verstorbenen Frank Schirrmacher in den Herausgeberkreis der Zeitung berufen. Mit seinen Sachbüchern erhielt er selbst bereits zahlreiche Preise und wurde vom Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik mit der Auszeichnung „Rede des Jahres 2015“ geehrt.

In Kürze lesen Sie hier weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Preisträger Uwe Tellkamp.

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Großlogentreffen 2017 in Dresden

"Das Blaue Wunder" in Dresden (Foto: fotolia)

Vom 24. bis 26. Mai 2017 findet in Dresden das Großlogentreffen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland statt. Neben interessanten Vorträgen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen unter dem diesjährigen Motto „Was hat die Freimaurerei uns heute zu sagen?“ sind auch Zusammenkünfte interner Arbeitsgruppen geplant, die vereinsrechtliche und organisatorische Sachverhalte beraten.

Jedes Jahr im Mai versammeln sich die Logenvertreter zu ihrem bundesweiten Treffen in einer anderen deutschen Stadt. Dabei wechseln sich Großlogentage und Großlogentreffen miteinander ab. Auf den Großlogentagen – der nächste findet 2018 in Bamberg statt – liegt der Fokus vor allem auf vereinsrechtlichen Angelegenheiten. Auf ihrer Mitgliederversammlung wählen die Vertreter der Logen zum Beispiel den Großlogenvorstand und beraten über Fragen der Satzung. Bei den zweijährlichen Großlogentreffen stehen Vorträge zu aktuellen gesellschaftlichen Themen sowie das gesellige Erleben unter den Brüdern, Schwestern und ihren Gästen im Vordergrund.

Die reiche Kulturgeschichte Dresdens verspricht ein spannendes Begleitprogramm für die Teilnehmer und Gäste des Großlogentreffens. Als Höhepunkt wird am Donnerstag, dem 25. Mai, dem Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp der Kulturpreis der Großloge verliehen. Sachsens Hauptstadt Dresden verfügt über eine reiche und wechselvolle freimaurerische Geschichte. Gastgeber und Ausrichter des Großlogentreffens ist in diesem Jahr die Loge „Zu den ehernen Säulen“, die in der Königsbrücker Straße 49 residiert.

Die Freimaurerei hat in Dresden eine lange Tradition und viele bekannte Persönlichkeiten dieser schönen Stadt waren Freimaurer. Leider waren freimaurerische Zusammenkünfte seit dem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1935 bis nach der Wende 1989 nicht erlaubt, so dass hier tatsächlich ein Neuanfang nötig war. Dank intensiver und großzügiger Unterstützung bestehender Logen aus den alten Bundesländern gibt es viele neue Logengründungen bzw. Wiedergründungen, auch hier in Dresden. Deshalb werden viele Freimaurer (und viele Gäste) zu diesem Jahrestreffen erwartet, das für alle Teilnehmer und Besucher viele hervorragende Begegnungen, Einblicke in die Geschichte und die schönen Seiten der Stadt sowie interessante und bereichernde Gesprächsrunden bereithält.

Wir wollen mit diesem Treffen der Freimaurer in Dresden und mit der Verleihung des Kulturpreises der Großloge an Herrn Uwe Tellkamp auch nach außen hin Zeichen setzen. Zeichen setzen dafür, dass die Freimaurerei ein Bruderbund im Geiste des Humanismus ist. Wir wollen deutlich machen, dass uns Freimaurer die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz seit nunmehr 300 Jahren leiten und dass diese so oft fälschlich als „Geheimbund“ beschriebene Gemeinschaft dazu beitragen möchte, Trennendes zwischen den Menschen zu überwinden.

Abschließend ist anzumerken, dass der Kulturpreis 2017 zum zweiten Mal an einen Dresdner verliehen werden kann. 1968 empfing der gebürtige Dresdner Erich Kästner den Kulturpreis der Großloge für sein literarisches Schaffen als Schriftsteller, Publizist und Drehbuchautor. Die Preisverleihung fand damals in Berlin statt. Umso mehr freut es mich, dass wir heute den Kulturpreis in Dresden, der Geburtsstadt und dem Lebensmittelpunkt des Preisträgers, Uwe Tellkamp, in Dresden verleihen können.

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