Das Judaskreuz

Das Judaskreuz

Ein historischer Roman, in dem unter anderem ein Geheimbund vorkommt, der aber gar nichts mit Freimaurern zu tun hat.

Obwohl es gar nicht um Freimaurer geht, wird das Buch auf dieser Website besprochen, die sich ansonsten nur mit Büchern von oder über Freimaurer beschäftigt. Das ist beides nicht der Fall. Und dennoch findet sich hier eine Buchbesprechung. Wie das? Ein Zufall.

Der Reihe nach. William Boehart schickte seinen Erstlingsroman zur Rezension an die Redaktion. Normalerweise wäre sein Buch nicht gelesen worden, weil der Bezug zur Freimaurerei nicht eindeutig war. Da er aber auch eine Publikation über Lessing beilegte, die er gemeinsam mit Hamburger Freimauren geschrieben hatte und da in dem Buch eine Geheimgesellschaft vorkommen sollte, lag die Vermutung nahe, dass es doch irgendwie um Freimaurerei gehen könnte.

Beim Lesen wurde dann bald deutlich, dass nicht ein einziger Freimaurer vorkommen würde. Das war aber keineswegs eine Enttäuschung, denn die spannende Handlung und die flotte Sprache zogen mich schnell in den Bann. Und zumindest tauchten die Werte der Freimaurerei und der Aufklärung sehr bald in dem Buch auf. So gesehen also doch ein Roman, in dem sich der Freimaurer wiederfinden kann.

Worum geht es? Es ist ein historischer Roman, den Boehart mit einem spannenden Kriminalfall und, natürlich, mit einer romantischen Liebesgeschichte verbindet. Die Handlung spielt im Jahre 1879 im schleswig-holsteinischen Mölln, bekannt als Eulenspiegel-Stadt, im Herzogtum Lauenburg und in Hamburg. An einem halbfertigen Kriegerdenkmal auf dem Möllner Marktplatz findet sich ein Toter, erwürgt, aber mit einem Dolch im Rücken. Hier taucht zum ersten Mal ein kleiner Anhänger mit einem Zeichen auf, einem Judaskreuz. Den Kommissar führt schon bald die Spur nach Hamburg, wo er auf einen antisemitischen Geheimbund stößt, gleichzeitig tief verstrickt in Grundstückspekulationen, Bestechung, Indiskretionen bis hinauf in den Hamburger Senat. Eine politisch und moralisch durch und durch verdorbene Gesellschaft, die skrupellos über Leichen und Ihresgleichen geht.

Viele haben Angst vor dem Neuen, dem Ungewohnten, dem Fremden. Unsere Gesellschaft wird neu gemischt, wie ein Kartendeck, und dass auch Juden dabei mitunter oben landen, passt denen nicht, die vielleicht etwas verloren haben oder zumindest das Gefühl haben, dass ihnen mehr zustünde. Diese Verlierer brauchen einen Sündenbock."

"Daveson", Romanfigur aus "Das Judaskreuz"

Aber es tauchen auch Helden auf, zunächst undurchsichtige, teilweise tragische Personen, Advokaten, Schriftsteller, Künstler, Kaufleute, die für das Nachdenkliche, mitunter das Gute stehen. Gelenkt von den politischen Entwicklungen im Land, aber auch getrieben von Rachsucht und Machthunger, von Liebe und Tatendrang, geraten die Akteure dieser unheilvollen Vorgänge in ein Netz aus Verstrickungen. Diese reichen weit in die Vergangenheit, bis zur gescheiterten Revolution 1848 zurück. Lessing, schon damals ein junger Klassiker, spielt eine wichtige Rolle, was nicht verwunderlich ist, hat doch der Autor über den Aufklärer (und Freimaurer) Gotthold Ephraim Lessing promoviert. Lessings Gedanken über Toleranz und Religion ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

Es gibt Kräfte, die die neuen Möglichkeiten der Druckpresse und der Mobilität der Eisenbahn nutzen, um aus Ängsten, uralten Vorurteilen und dem Unwissen vieler Menschen eine Bewegung zu schmieden. Das sind die Rattenfänger. Sie benutzen nur keine Flöte mehr, sondern zum Beispiel Flugblätter. Wir erleben ein Zeitalter der Demagogen, die nach Macht lechzen.

"Daveson", Romanfigur aus "Das Judaskreuz"

Es ist der erste Roman des “jungen” Autors, der nach seiner Pensionierung mit dem Schreiben begonnen hat. Es gibt nur sehr wenige Stellen, an denen man das Erstlingswerk merken würde. Im Gegenteil hat Boehart einen außerordentlich dichten und komplexen Roman geschrieben, der eine spannende Handlung mit den Nachwirkungen der gescheiterten Revolution von 1848 verbindet, mit dem wieder aufkeimendem Antisemitismus, mit den Werten der Aufklärung – und historischen Fakten. Geradezu beängstigend sind die Parallelen zur Gegenwart, wenn Boehart beschreibt, wie Populismus auch damals schon funktioniert hat. Was früher Druckpresse und Flugblätter waren, sind heute Facebook und vk. Wofür man früher Hinterzimmer und Geheimbünde hatte, reichen heute Echokammern und Chatrooms.

Solcherart Romane nennt man heute auch “Historische Fiktion”. Das wäre dem Autor sicherlich nicht recht. Beim Hausbesuch erklärt der Historiker, dass er sich penibel an historischen Begebenheiten orientiert hat und entschuldigt sich beinahe dafür, an wenigen Punkten nicht die geschichtlichen Fakten verzerrt, sondern ihre Reihenfolge leicht ändern zu müssen, um sie für seine Geschichte tauglich zu machen. Das sei aber auch alles.

Keine Freimaurerei im Buch, aber ihre Werte in ganzer Bandbreite und eine spannende und kurzweilige Geschichte dazu. Über üppige 500 Seiten kommt daher keine Langeweile auf.

William Boehart, “Das Judaskreuz”, erschienen im Osburg-Verlag, 500 Seiten, ISBN 978-3955101695, 22,00 Euro Gebundenes Buch, 12,99 Euro als Kindle.

Der Autor steht übrigens Freimaurerlogen gerne für eine Lesung zur Verfügung.

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Not und Elend auf der Müllkippe

Gerade hatte der Bruder Dirk Planert seinen persönlichen Frieden geschlossen mit einer Hilfsaktion während des Bosnien-Krieges, dessen Bilder und Erlebnisse ihn 25 Jahre verfolgt hatten. Nun bricht das nächste Elend über ihn hinein und er kann nicht wegsehen. Seit mehr als hundert Tagen hilft er auf einer Müllkippe.

Tag 86 auf der Müllkippe”, so begann eine der ersten E-Mails von Dirk Planert, die mich zum Thema erreichten. Und es folgten detaillierte Schilderungen von den unsagbaren Zuständen.

Aber der Reihe nach. Dirk Planert hatte während des Bosnien-Krieges privat Hilfstransporte organisiert und vor Ort mitten im Kampfgeschehen verteilt. Die Bilder ließen ihn nicht los und so reiste er nach 25 Jahren wieder nach Bihac, um mit neuen Bildern und Begegnungen in der wieder aufgebauten Stadt seine Bilder im Kopf “wie eine Festplatte zu überschreiben, wie er es nannte. In Bihać gibt es offenbar das gleiche Bedürfnis und so wird der Journalist eingeladen, eine Ausstellung mit Bildern von damals und heute zu gestalten.

Im Umfeld der Ausstellung erfährt er zufällig, dass Flüchtlinge in der Stadt aufgegriffen und in ein eilends angelegtes Behelfslager transportiert worden, wo sie weitgehend sich selbst überlassen wurden. Nur das Rote Kreuz ist vor Ort, hat Zelte aufgestellt und verteilt zweimal am Tag Essen. Die Stadt Bihać ist mit der Situation überfordert. Zwar gib es finanzielle Hilfen für die Flüchtlingsunterbringung, die kommt aber in Bihać​ nicht an. Die Situation in der Stadt eskaliert und so entschließt man sich, hastig ein Lager einzurichten, das sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt.

Dirk Planert ist Journalist und neugierig, ahnt aber auch, was dort geschieht. Er fährt den Bussen nach und muss feststellen, dass die Flüchtlinge zu einer ehemaligen Müllkippe gebracht werden, die gerade einmal notdürftig mit einer dünnen Schicht Kies und Schotter überzogen wurde. Es stinkt, angeblich steigen aus dem Boden Methangase auf, wie ihm Anwohner berichten. Dirk Planert sieht verletzte Menschen und kann nicht anders: Er packt seinen kleinen Verbandkasten aus und hilft. Und er bleibt, sammelt bei seinen Brüdern und anderen Freunden Geld ein, kauft vor Ort ein, was gebraucht wird: Schlafsäcke, Kleidung, Verbandmaterial. Medikamente.

"Am 14. Juni wurden die ersten Flüchtlinge hier nach Vucjak deportiert. Seitdem wächst das illegal von den bosnischen Behörden errichtete Camp stetig. Zum Glück hat der türkische rote Halbmond (red cross) die Zelte geschickt. Sie sind auch bei Regen meist dicht. Täglich werden neue Flüchtlinge von der Polizei hier her deportiert. Ebenso brechen täglich Gruppen Richtung EU auf. Sie müssen knapp hinter dem Camp an den Minenfeldern vorbei."
"Eine Entzündung im Knie. Der Eiter musste raus. Trotz lokaler Betäubung mussten wir den Patienten zu Viert festhalten. Jetzt kann er wieder gehen. Die Alternative: Im schlimmsten Fall Verlust des Beines. Unter den unhygienischen Umständen in Vucjak geht es sehr schnell, das aus kleinen Wunden eine lebensgefährliche Sepsis werden kann."
"Der junge Mann links im Bild gehört zu unserem dreiköpfigen Kernteam. Er ist Slowene, Ex-Soldat mit Einsatzerfahrung und Ausbilder für Militärsanitäter. Er ist 23, medizinisch hochkompetent. Unsere Ärzte, die für Tage oder Wochen hier waren, hat er zum Staunen gebracht. Meist ist die „Klinik“ bis tief in die Nacht geöffnet. Notfälle sind in der Regel vor Erschöpfung zusammengebrochene Menschen."
"Das Kind hat 39 Fieber. Die Mutter trägt es den Berg hoch, der von Bihac City nach Vucjak führt. Die Lufttemperatur an dem Tag: 38 Grad. Kein Wasser. Wir haben immer alles Notwendige im Wagen. Für das Kind auch. Es gibt zuerst ein Lächeln und ein „Assalam u Aleikum“, wenn der fremde Mann im Auto plötzlich anhält. Es folgt medizinische Versorgung am Straßenrand, Kopflampen für die Nacht, Wasser, Honig oder Süßes für die Kinder und Sprühpflaster."
"Alltag in Vucjak. Ursache: die Krätze. Eine Seuche aus dem Mittelalter grassiert im Camp. Wir können die Wunden behandeln und das Wachsen der eitrigen Wunden verhindern. Was wir hier nicht können: Medikamente oder Salben gegen die Krätze nutzen. Dafür müssten die Menschen ihre Kleidung und Decken waschen können. So gibt es keine Chance."
"So gut wie täglich kommen Delegationen großer Hilfsorganisationen, Politiker oder Journalisten. Sie reden, sie gehen, sie kommen nicht mehr wieder. Die Meisten sprechen nicht mit den Menschen, die hier überleben müssen und trauen sich gerade mal die ersten 20 Meter in das Camp. Im Bild ist ein Teil einer 25-köpfigen Delegation des Red Cross aus verschiedenen Ländern zu sehen."

Er macht etliche Medien auf die unglaublichen Zustände vor Ort aufmerksam. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber etwa 700 oder 800 Flüchtlinge, manchmal mehr, befinden sich im Lager, ohne ausreichende Verpflegung, anfangs ohne jede medizinische Versorgung, die auch später nur durch Freiwillige improvisiert werden kann. Täglich versuchen Flüchtlinge über die nahe gelegene Grenze in das EU-Land Kroatien zu gelangen. Sie werden daran gehindert oder nach verschiedenen Medienberichten illegal zurückgeschoben. Es wird von Gewalt gegen Flüchtlinge berichtet, die am nächsten Morgen verletzt im Lager Bihać zurückkommen.

Auch im Lager spitzt sich die Situation angesichts der Enge und schlechten Versorgung zu. Vor wenigen Tagen gab es eine Messerstecherei mit einem Toten und mehreren Verletzten. Die internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort bereits andere Lager betreiben und keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, fühlen sich nicht zuständig und die Europäische Gemeinschaft schaut weg, beklagt Dirk Planert. Immerhin ist es ihm mittlerweile gelungen, neben etlichen größeren Medien auch die ersten Politiker zu sensibilisieren. Höchste Zeit, denn zwischenzeitlich ist die Hilfsaktion zu einem Politikum geworden. Heute Morgen sind die freiwilligen Helfer durch das Büro für Ausländer ausgewiesen worden, wie Dirk Planert telefonisch berichtete. Er selbst war gerade für ein paar Tage in Österreich, um von dort einige Dinge zu organisieren und weiß noch gar nicht, ob er überhaupt wieder in Bosnien-Herzegowina einreisen darf. Auch wie es weitergeht, ist im Moment noch unklar. Aber dass es weitergeht, irgendwie, dass weiß er genau.

Interview mit Dirk Planert

Einige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung bin ich informiert worden, das Busse der Polizei an einem Flüchtlingslager vorfahren und die Menschen gezwungen werden einzusteigen. Deportationen also. Es saßen die Menschen in den Bussen, die im Camp der IOM (International Organisation for Migration/UN) nicht mehr aufgenommen worden waren. Sie hatten bis zu dem Zeitpunkt auf einer Wiese „gelebt“. Ich bin den Bussen hinterhergefahren. 10 Kilometer außerhalb der Stadt mussten die Flüchtlinge aussteigen und noch etwa einen Kilometer einen Feldweg entlanglaufen. Dann landeten wir auf der ehemaligen Müllhalde Vucjak. Ich machte meine Arbeit, habe Fotos gemacht und mit der Kamera gedreht. Dann hielt ein kleiner Polizeibus und mir wurde ein schwerstkranker Mann, vermutlich Blinddarm, aus dem Bus heraus vor die Füße geworfen. Mir wurde in dem Augenblick klar, was da passierte: Menschen wurden weggeworfen wie Müll. Ich entschied, zu bleiben. Das ist jetzt über 100 Tage her. Aus der kleinen Tasche mit Erste-Hilfe-Material, die ich immer dabeihabe, ist seitdem ein Feldlazarett mit 200 Patienten täglich geworden.

Das Rote Kreuz Bihac hat nicht die Kapazitäten, mehr zu tun, als zwei Mahlzeiten am Tag zu verteilen. Morgens eine Scheibe Brot, nachmittags einen Eintopf mit Brot, der von der Menge der einer Vorspeise entspricht. Die großen Organisationen weigern sich, dort zu arbeiten. Sie sagen, das sei ein illegal von den bosnischen Behörden errichtetes Camp. Thema erledigt. In Kürze beginnt die ertragreichste Zeit für Hilfsorganisationen, die Weihnachtszeit. Möglicherweise kommt dann irgendeine der bekannten Organisationen, um das „Weihnachtsgeschäft“ mitzunehmen. 1.000 Menschen auf einer Müllhalde, das hat eine Wirkung in der PR. Wundern würde mich das nicht. Alle großen Organisationen waren schon hier, um sich alles anzusehen. Niemand hat etwas getan.

In den ersten zweieinhalb Monaten habe ich tagsüber in der Ambulanz gearbeitet und nachts die Kommunikation gemacht. Mein Ziel war, nicht nur den Menschen direkt zu helfen, sondern eine Veränderung auf politischer Ebene zu erwirken, die diesen Menschen helfen wird. Also habe ich sehr viel an Medien und die Politik geschrieben, dazu die Mails, Facebook-Nachrichten usw. von Spendern, die Informationen wollten. Mehr als drei oder vier Stunden Schlaf waren nicht machbar. Zurzeit ist das Team so gut und stabil, dass ich tagsüber diese Dinge erledige und dann nicht im Zelt mitarbeite. Das Basisteam sind zwei junge Männer und ich, dazu kommen zurzeit eine ungarische Ärztin, eine deutsche Notfallsanitäterin und eine Studentin. Zum Basisteam gehört ein junger Slowene, der Ausbilder für Militärsanitäter war. Er ist großartig und bringt auch Ärzte, die für ein paar Tage kommen, zum Staunen. Wir arbeiten jeden Tag. Alle etwa zwei oder drei Wochen gehen wir mal in einem Restaurant essen. Ab und an, wenn wir früh genug fertig sind, trinken wir abends Bier und bosnischen Schnaps. Ich hole dann schon mal die Gitarre raus.  Meistens arbeiten wir. Hilfslieferungen müssen sortiert werden, Einkäufe in der Apotheke beschafft werden usw. Es ist schon ein Haufen Arbeit.

Ja. Noch in der Nacht, als es anfing mit der Müllhalde als Camp, habe ich meine Brüder der Loge „Zur Alten Linde“ in Dortmund angeschrieben. Zwei Tage später hatte ich fast 2.000 Euro und konnte damit in Apotheken und Supermärkten einkaufen. Bei Feierlichkeiten oder Tempelarbeiten sammeln die Brüder Geld und überweisen es. Einige Brüder schicken auch unabhängig davon Geld auf das Spendenkonto. Großartig ist das. Auf meine Brüder ist Verlass. Der Kreis der Spender ist nach über drei Monaten natürlich viel größer geworden. Aber die Brüder sind ein verlässliches Fundament. Abgesehen davon, dass ich diese Spenden brauche, um diese Arbeit machen zu können ist das natürlich emotional ein Geschenk für mich persönlich. Gelebte Brüderlichkeit. Ich bin auch sehr dankbar für das Vertrauen meiner Brüder. Selbstverständlich ist das alles sicher nicht.

Meine Familie steht voll hinter mir. Mein Vater ist Br. Kurt Planert, er gehört zu einer Loge in Kiel. Meine Mutter ist selbst Flüchtlingskind. Meine Töchter sind 26 und 22 Jahre alt, die Enkelkinder sechs Jahre und das „Neue“ gerade mal 5 Monate. Meine jüngere Tochter hat vor ein paar Wochen gesagt: „Papa, wenn Du jetzt nicht bald mal nach Hause kommst, dann weiß Dein Enkelkind nicht, wer Du bist“. Noch in der Nacht habe ich einen Flug gebucht und war für drei Tage bei ihnen. Die Kinder wissen, dass ich in Notfällen immer da bin, wenn sie mich brauchen. Wir telefonieren oft. Ich habe von allen „grünes Licht“. Das ist ok.

Privatleben? Habe ich gerade kaum. Wenn, dann bin ich so kaputt, dass ich nur schlafen und essen möchte. Beruflich bin ich freier Journalist. Ich konnte das also machen, ohne vorher einen Chef nach unbezahltem Urlaub fragen zu müssen. Ich kann manchmal Fotos oder Filmmaterial verkaufen. Eine österreichische NGO zahlt mir eine kleine „Aufwandsentschädigung“. Die haben kapiert, das die ganze Hilfe in Vucjak zusammenbricht, wenn ich abreisen müsste, um Geld zu verdienen. Ich lebe relativ bescheiden. Viel Geld brauche ich also nicht, um Miete und Versicherungen zu bezahlen. Es kommt sehr knapp alles gerade so hin. Was wird, wenn das hier vorbei ist, dass weiß ich nicht. Ich bin zuversichtlich. Es wird weitergehen. Ich werde nicht hungern, meine Wohnung habe ich, wunderbare Töchter und Eltern, gute Freunde. Ich bin zufrieden.

Die Menschen in Vucjak müssen schnellstmöglich in Camps, die dem internationalen Standard entsprechen. Der ist klar definiert. Passiert das vor dem Winter nicht, wird es Tote geben. Ich werde Leichensäcke kaufen müssen. Ich fahre jetzt schon Notfälle mit meinem Wagen ins Krankenhaus. Die Toten würde ich gern vorher „einpacken“, bevor ich sie in meinen Wagen lege. Ich glaube, das ist verständlich.

Es müssten sich nur alle an die bestehenden Gesetze halten. Dann wäre alles anders. Die EU-Gesetze sehen vor, dass ein Flüchtling, der die EU erreicht, ein Recht hat einen Asylantrag zu stellen. Dieses Recht gibt es in der Realität nicht. Die Menschen werden illegal nach Bosnien zurück gepusht. Auffanglager in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland müssten geschaffen werden. Dann folgt die Prüfung der Asylanträge und danach Abschiebung oder Bleiberecht. So sieht es das Gesetz vor. Wir reden über gerade mal 12.000 Flüchtlinge etwa, die sich in Bosnien aufhalten. Für eine EU mit 28 Nationen und 580 Millionen Bürgern, mit Verlaub, ist das eine lächerliche Zahl. Die EU verrät ihre eigenen Grundsätze. Mit Zivilisation hat das alles nichts mehr zu tun. Ich sehe täglich die Opfer der verfehlten Politik. Nicht nur Hunger und Elend sind das Ergebnis. Knochenbrüche, Platzwunden, geprügelte Menschen.

Die großen Hilfsorganisationen wie die IOM müssten einen besseren Job machen. Wie kann es sein, dass die UN-Tochter IOM Menschen auf die Straße schickt, weil sie sagen, die Camps seien voll. Das sind die Vereinten Nationen. Da kann man mehr erwarten, theoretisch. Das Hauptcamp in Bihac ist Bira. Da sind 1.500 Menschen. 3.000 würden hineinpassen. Voll ist eine Frage der Definition.  Neben den 10 Millionen Euro der EU, die nach Sarajevo geflossen sind, hat die EU 36 Millionen Euro an die IOM gezahlt. Man soll nicht meinen, dass irgendwer kontrolliert was mit diesem Geld passiert. Die EU verschließt die Augen. Es gibt keine Lösungsansätze. Diese Lösungen zu finden ist Aufgabe der Politik. Nicht meine. Diese Politiker werden bezahlt, um Lösungen für Probleme zu finden. Das tun sie nicht. Sie sind ihr Geld nicht wert.

Außerdem muss der Stadt Bihac geholfen werden. Seit zwei Jahren werden die Flüchtlinge aus allen Balkanländern hier hergeleitet. Wie ein Flaschenhals, in den immer mehr hineinläuft, aber kaum etwas heraus. Es ist logisch, dass es eskalieren musste. Sarajevo kassiert das Geld der EU (10 Millionen) für Flüchtlinge, in Bihac ist aber nie etwas angekommen. Die Stadt weigert sich, ein anderes Grundstück für den Bau eines Camps bereitzustellen. Wird Bihac geholfen, könnte sich das ändern.

Gewalt- und Raubstraftaten, dazu kommt Nötigung und vieles mehr. Die meisten Flüchtlinge werden von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen. Ihnen werden Rucksack und, soweit vorhanden, Schlafsack abgenommen. Beides wird vor ihren Augen verbrannt. Dann werden sie nach Geld durchsucht. Wird welches gefunden, wird es den Menschen von der Polizei gestohlen. Dann werden sie mit Polizeischlagstöcken verprügelt. Bevor sie dann mitten im Wald über die Grenze zurück nach Bosnien getrieben werden, müssen viele vorher ihre Schuhe ausziehen. Sie laufen dann barfuß wieder zurück nach Bihac. Das hat System. Seit dem ersten Tag höre ich täglich solche Geschichten und sehe die Verletzungen. Es ist immer dasselbe. Schaffen sie es bis Slowenien und werden dort aufgegriffen, dann übergibt die slowenische Polizei die Menschen an die Kroaten und die schieben sie dann zurück nach Bosnien. 12 Tage dauert der Fußmarsch bis Italien. Wer bis dahin kommt, der hat es erstmal geschafft. Regelmäßig treffe ich Familien mit kleinen Kindern, die diesen Weg noch vor sich haben. Schrecklich ist das. Das trifft mich sehr. Ich darf dann nicht an meine Töchter und ihre Kinder denken. Dann treibt es mir das Wasser in die Augen. Sie haben die Minenfelder (Kriegsaltlasten) auf dem Weg in die EU und möglicherweise die Gewalt der Polizei noch vor sich. Ich hatte schon Menschen im Ambulanzzelt, auf die Polizeihunde gehetzt worden waren. Paradox ist, das die EU Kroatien den Auftrag gegeben hat, die EU Außengrenzen zu schützen. Der Auftraggeber weiß, dass dann gegen seine eigenen Gesetze verstoßen wird. Vor allem: Gegen die Menschenrechte und das im Auftrag der EU. Das ist alles ein verlogenes Spiel.

Nein. Es gibt aber eine kleine Hoffnung. Drei EU-Politiker haben mich kontaktiert. Diese drei habe ich miteinander verbunden. Sie wollen nun mit MEP Bettina Vollath (Österreich) eine Gruppe aufbauen, die sich im EU Parlament für die Menschen in Vucjak und die Stadt Bihac einsetzen soll. Wir müssen jetzt abwarten, ob es ihnen gelingt, etwas zu bewegen. Ich habe von Anfang an drei Ziele gehabt: direkte Hilfe „am Mann“, Information der Medien in Deutschland und Österreich sowie Information der gesamten EU-Politik. Punkt zwei und drei sind erledigt. Jetzt müssen die Politiker ihren Job machen. Ich arbeite weiter im Ambulanzzelt.

Geld spenden. Das ist das Wichtigste. Ich kann in Bosnien alles kaufen, was wir brauchen und das viel günstiger als in Deutschland.

Sie können die sehr persönliche Geschichte des Journalisten und Freimaurers Dirk Planert über die Aufarbeitung seiner Bosnien-Hilfe mitten im Krieg hier in drei Teilen nachlesen.

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Die Zukunft der Freimaurerei

Helmut Reinalter, ein anerkannter Beobachter der Freimaurerei, hat ein Buch über die Zukunft des Bruderbundes vorgelegt.

Lange Zeit haben sich die Brüder vorwiegend mit ihrer Geschichte beschäftigt und sie mehr oder weniger schillernd dargestellt. Seit einigen Jahren und verstärkt in der letzten Zeit ist eine Zunahme der Bücher, Aufsätze und Vorträge über die Zukunft der Freimaurerei zu beobachten. Aufmerksamen Mitgliedern ist klar geworden, dass die historische Darstellung nicht immer richtig ist und man nicht von der Substanz leben kann. Freimaurerei muss sich angesichts der erheblichen gesellschaftlichen Umwälungen zwar nicht neu erfinden, aber eine Position einnehmen. Ein Umbruch in der Freimaurerei ist allenthalben zu bemerken. Nur: Wohin? Der Titel des neuen Buches des renommierten Freimaurer-Autors passt in die Zeit und klingt vielversprechend. Auch Reinalter sieht dies so: “Unsere diskrete Gesellschaft, schon seit ihren Anfängen strukturkonservativ und stark traditionsgebunden, muss ihre historischen Grundlagen dringend neu überdenken und dabei versuchen, ihren Ideengehalt für die weitere Entwicklung der Freimaurerei zu reformieren, damit er auch im heutigen und künftigen Bruderkreis besser verstanden wird.

Das alles klingt vielversprechend. Kann Reinalter in seinem Buch die notwendigen Antworten geben? Um es vorwegzunehmen: Nein. Und um hinzuzufügen: Leider.

Es ist deshalb kein schlechtes Buch. Es ist wirklich interessant, wenngleich auch hin und wieder etwas langatmig und von vielen Wiederholungen durchsetzt. Das hängt damit zusammen, dass es sich um kein geschlossenes Werk handelt, sondern um eine Sammlung von Essays und Aufsätzen, die vielleicht einer Straffung bedurft hätten. Reinalters Bücher haben den Rezensenten in ihrer nüchternen und objektiven Art beim Weg in die Freimaurerei begleitet und waren auch in den ersten Jahren ein wichtiger Kompass. Vielleicht war die Erwartungshaltung angesichts des Autors und des Titels zu groß.

Zum Inhalt. Zunächst beschäftigt sich das Buch mit dem nach Meinung Reinalters und einiger anderer Historiker falschem Gründungsjahr 1717, das die Freimaurerei im letzten Jahr, auch in Deutschland, umfänglich gefeiert hat und verortet die Gründung stattdessen in das Jahr 1721. Das mag historisch von Interesse sein, angesichts der Zukunftsfragen unserer Gesellschaften und auch der Freimaurerei jedoch eine Petitesse. Der Klappentext verspricht, dass es sich um den einzigen historischen Text handelt, gleichwohl folgt umgehend eine Studie  zur gesellschaftlichen Rolle der Freimaurerei seit dem 18. Jahrhundert. Allerdings ist das für das weitere Verständnis des Themas nicht ganz unerheblich, denn Reinalter befreit die Geschichte der Maurerei von mysterischen und esoterischen Deutungen und hebt die praktischen Gründe für den Erfolg dieser Gesellschaft hervor, die nüchterner und pragmatischer als alle Mythen und Legenden sind, aber auch erfüllender.

Umfangreich befasst sich Helmut Reinalter mit ethischen Werten, mit dem Projekt “Weltethos”, humanem Wirtschaften, ethisch orientierter Weltpolitik, Demokratie und Globalisierung. Von diesen eher allgemeinen Betrachtungen leitet er über zur deren praktischer Umsetzung in den Logen: Humanität, Toleranz, Lebenskunst, Gerechtigkeit, Aufklärung, um die Wichtigsten zu nennen. Alles ist richtig, alles ist interessant und lesenswert. Aber wir befinden uns nun schon um die Seite 200 herum und noch fehlt der Eindruck, praktische Antworten zu erhalten, wie denn die Freimaurerei ihre eigene Zukunft in ihr Tagesgeschäft einbinden kann.

Reinalter geht, soviel kann man wohl zusammenfassen, davon aus, dass die umfangreich geschilderten hehren Ziele der Maurerei vom einzelnen Freimaurer entsprechend seiner Möglichkeiten umgesetzt werden sollen. Das wäre nun nichts Neues, das ist sozusagen das theoretische Kerngeschäft des Bruderbundes. Wie nun aber “die Freimaurerei” als Organisation, die für das Wirken des einzelnen Mitgliedes die nur schwer verzichtbaren Rahmenbedingungen schaffen muss, ihre Zukunft zielgerichtet gestalten kann, bleibt offen.

Helmut Reinalter, “Die Zukunft der Freimaurerei”, ca. 240 Seiten, Paperback. ISBN 78-3-943539-95-0, Salier-Verlag, 15 €

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Podcast: 16 gute Gründe, ein Freimaurer zu sein

Stockwars / Adobe Stock

Wie wird man eigentlich Freimaurer? Diese Frage ist berechtigt, denn es spukt allerhand Irreführendes und Unsinniges über den weltumspannenden Bruderbund durch die Welt. Der Nimbus des „Geheimbundes“ und der „Weltverschwörung“ liegt wie uralter Staub über den Logen.

Also: Kann man so einfach Freimaurer werden und wenn ja, wie? Im englischen Sprachgebrauch gibt es eine sehr schöne Floskel, die diese Frage auf einfache und schöne Art vollständig beantwortet: „To be one, ask one!“ – „Möchten Sie einer werden, fragen Sie einen!“

Und so einfach ist es in der Tat: Im Internet finden Sie problemlos die Homepages der Logen in Ihrer Nähe, mit Adresse, E-Mail-Kontakt und oft auch Telefonnummer versehen. Wenn nicht – oder wenn Sie sich nicht sicher sind –, fragen Sie einfach bei der Kanzlei der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland unter kanzlei@freimaurerei.de nach. Dort kann man Ihnen in jedem Falle weiterhelfen.

Bleibt darüber nur noch die Frage: Warum sollte man eigentlich Freimaurer werden? Carlos Urban, Autor, Cartoonist, Medienmensch und seit vielen Jahren Freimaurer hat die wichtigsten Gründe in seinem Buch „Warum gute Leute Freimaurer werden sollten. Und wie.“ zusammengetragen.

Die nachfolgenden Argumente stellen in ihrer Reihenfolge keine Wertung dar. Sie finden sicherlich das eine oder andere, das Sie für sich als wichtig erachten. Ob es für den Wunsch
zu einer Mitgliedschaft reicht, entscheiden immer Sie selbst. Niemand wird Sie zu etwas drängen.

1. Vermittlung von Werten

In vielen Bereichen bemüht man sich zweifellos um die Vermittlung von Werten: In Schulen, Kirchen, Vereinen, bei Seminaren, Parteien, in Klubs und selbstverständlich in den Familien und im Freundeskreis. Mir ist jedoch keine Gruppe bekannt, in der die Wertevermittlung so ganzheitlich und tiefgreifend geschieht wie in einer gut geleiteten Freimaurerloge. Es ist die einzigartige Mischung zwischen Gespräch, Ritual und dem Handeln in der Gruppe, die Werte erfolgreich vermittelt.

2. Netzwerke

Netzwerke gibt es überall: in Vereinen, im Beruf, der Politik, im Kulturbereich. Sie sind für gewöhnlich dazu da, berufliche oder private Karrieren zu befördern, sich gegen andere Meinungen abzuschotten und werden gern auch abfällig als „Seilschaften“ bezeichnet. Was man in der Freimaurerei kaum findet, sind die immer wieder kolportierten beruflichen Netzwerke. Sie sind in den Logen als abfällig bezeichnete „Geschäftsmaurerei“ im Gegenteil verpönt. Wenn Sie sich durch eine Mitgliedschaft also berufliche Vorteile versprechen: Vergessen Sie es! In den Logen finden sich ganz andere Netzwerke, die Ähnlichkeiten mit den modernen „Sozialen Netzwerken“ im Internet haben. Wenn man für eine bestimmte Aufgabenstellung Mitstreiter oder Ratgeber, Zuhörer, Unterstützer, auch Mahner, kreative Anregungen und Kontakte benötigt, wird man hier relativ schnell fündig. In den Logen sind die Netzwerke nicht zielgerichtet, dafür vielseitig.

3. Berufliche Vorteile

Nun mag es seltsam erscheinen, dass ich gleich nach dem Abstreiten beruflicher freimaurerischer Netzwerke die Mitgliedschaft in einer Loge mit beruflichen Vorteilen verbinde. Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, lässt sich leicht auflösen. Ich versuche es mit einem Zitat von Adam Grant: „Die guten Typen schaffen es überdurchschnittlich oft bis ganz nach oben – Menschen, die ohne Gegenleistung geben, die Freunden helfen und Fremden Ratschläge anbieten. Sie schauen darauf, was andere brauchen und wie sie ihnen helfen kön-
nen. Sie teilen ihr Wissen, ihre Energie, ihre Verbindungen mit anderen. Und sie sind gerade deswegen erfolgreich.“

Die Theorie Grants „Erfolgreich sein zum Vorteil aller“ deckt sich durchaus mit den Ansprüchen der Freimaurer und wird schon lange praktiziert. Aber noch mehr spricht nach meiner Beobachtung dafür, dass sich unter den Freimaurern vermutlich mehr beruflich erfolgreiche Menschen befinden als im Durchschnitt der Gesellschaft: In den Logen lernen und vertiefen die Mitglieder soziale Kompetenz, sie verinnerlichen fairen und angenehmen Umgang mit anderen Menschen und sie gewinnen durch die Gespräche mit den Logenbrüdern, die bewusst aus den unterschiedlichsten Kreisen und Berufen kommen, ein deutlich umfassenderes Weltbild als ihre Kollegen und können auf das kollektive Wissen und Erfahrungen
der Bruderschaft zurückgreifen. Freimaurer haben also gute Voraussetzungen, aus eigener Kraft erfolgreich und gleichzeitig zufrieden zu sein.

4. Gesprächskultur

Die angenehme Diskussionskultur ist häufig das erste, was Gästen beim Besuch einer Loge auffällt. Und auch die Brüder schätzen dieses „Laut denken mit dem Freunde“, wie es Lessing formulierte, das sich als Konsequenz der „Gesamtmethodik“ in der Freimaurerei ergibt. Für eine erfolgreiche Kommunikation untereinander muss man sich sicher fühlen, muss seinen Platz in der Gruppe gefunden haben. Das brüderliche Miteinander, das keinesfalls zwangsläufig in Schönfärberei enden muss, der Respekt vor dem Recht einer anderen Meinung unterstützen dies.

Hin und wieder holen sich Logen externe Referenten zu unterschiedlichsten Themen. Die Referenten kommen gerne, und sie kommen gerne wieder, weil sie von der Offenheit und der Toleranz der Bruderschaft angetan sind, wie sie in einer gut aufgestellten und arbeitenden Loge vorgefunden werden. Nicht selten ist das der Beginn einer Mitgliedschaft.

5. Geselligkeit

Ein Mindestmaß an Geselligkeit braucht wohl jeder Mensch. Die Logen lösen auch dieses Bedürfnis, denn neben den – im Übrigen gar nicht so trockenen, sondern unterhaltsamen und humorvollen – Gesprächen über Ethik oder verwandte Themen, dient die Loge auch dem lockeren Gespräch in der Gruppe oder vertraulichen Gesprächen unter Freunden. Darüber hinaus unternehmen viele Logen gelegentlich Ausflüge mit den Partnerinnen und Gästen oder führen interne wie öffentliche Veranstaltungen durch. Zudem gibt es zahlreiche Kontakte und Zusammenarbeiten mit anderen Logen, aber auch mit nichtfreimaurerischen Gruppen und Organisationen. Geselligkeit in der Loge findet im rechten Maß statt, in guter Balance zwischen Anspruch und Entspannung.

6. Freunde finden statt „Buddies“

Viele haben hunderte, sogar Tausende „Buddies“, etwa bei Facebook. Doch das sind zunächst digitale Bekannte. Was aber jeder Mensch braucht, sind echte Freunde, mit denen man über alles reden kann, die Zeit und ein Ohr für Sorgen und Nöte haben, die auch Spaß und Freude teilen, die man zu unmöglichen Zeiten anrufen oder treffen kann, die uneigennützig helfen, wenn man sie braucht. Statistisch gesehen hat jeder Mensch nur ein bis drei gute Freunde. Wie wäre es, wenn Sie davon mehr haben könnten?

In den Logen kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Entstehen von Freundschaften begünstigen: Eine gleiche Interessenlage als verbindendes Element, die Häufigkeit des Kontaktes, die Offenheit, auf andere zuzugehen, der Wille zum Zuhören und Verstehen sowie die Bereitschaft zur Freundschaft. Und es kommt ein Typus der Freundschaft hinzu: der „brüderliche Freund“. Das sind Freimaurer, die ohne eine ausdrückliche Freundschaft Hilfe leisten, wenn ein Logenbruder sie benötigt, mit Rat und Tat zur Seite stehen, auch von sich aus auf andere zugehen, wenn sie eine Notwendigkeit sehen.

Die Freimaurer sind sich einander menschlich näher als dies vielleicht in der Gesellschaft üblich ist. Deswegen ist hier das Potenzial für Freundschaften größer. Beachten Sie: wie im normalen Leben kommen auch in der Freimaurerei Freunde nicht von selbst. Man muss einiges dafür tun.

7. Selbsterfahrung

Wenn Interessenten sich an eine Loge wenden, suchen sie oft nach dem Sinn ihres persönlichen Lebens. „Das kann doch nicht alles gewesen sein?“, ist eine der häufigen Fragen. Diese Menschen, die wir „Suchende“ nennen, erwarten fertige Antworten von der Freimaurerei, die sie sich aber nur selbst geben können. Aus gutem Grund beginnt daher der freimaurerische Weg im Lehrlingsgrad mit der Suche nach dem eigenen Ich, den eigenen Fragen, Stärken, Schwächen, Ansprüchen, Wünschen und Möglichkeiten.

Dem Prinzip der Freimaurerei als einer Art „westlicher Lebenskunst“ folgend werden die Antworten nicht durch Versenkung, Yoga, Meditation gesucht, sondern durch Nachdenken, durch ein ausgewogenes Verhältnis von Vernunft und Emotionalität, durch Rituale und Gespräche mit Freunden.

Zu wollen, wer man ist, was man kann, was man will und wie man es umsetzt, wofür der Grad des Gesellen ins sprichwörtliche Spiel kommt, gehört zu den ureigenen Aufgaben der Freimaurerei, ihren Mitgliedern zu einem Standpunkt, zu einer Sichtweise, zu Zielen und einer persönlichen Erkenntnis zu verhelfen. Das ist zunächst einmal wichtig, um sich im Anschluss in der und für eine Gesellschaft bewähren zu können.

8. Religiosität und Spiritualität

Die humanistische Freimaurerei ist zwar den Religionen gegenüber tolerant und vertritt auch keine eigene Glaubensüberzeugung, sie ist auch nicht im eigentlichen Sinne spirituell, sie bietet aber in ihren Ritualen Gedanken aus verschiedenen religiösen, spirituellen und philosophischen Systemen an, die der Teilnehmer als Anregungen und Teil seiner persönlichen Weltanschauung aufnehmen kann, aber nicht muss.

Diese gedankliche Freizügigkeit rührt aus der Frühgeschichte der modernen Freimaurerei her, und besonders die Einbeziehung zum Teil gegensätzlicher Weltbilder ermöglicht den Prozess des gegenseitigen Achtens und Verstehens, auch auf anderen Themenfeldern als der Religion. Das religiöse Bild der humanitären Freimaurerei, ihres Zeichens ein Kind der
Aufklärung, ist sehr freizügig und hat Platz für alle religiösen oder weltanschaulichen Sichtweisen.

9. Toleranz üben

Toleranz ist alles andere als Gleichgültigkeit. Man kann anderen Menschen gegenüber gleichgültig sein, weil man sich mit ihren Problemen oder Besonderheiten nicht beschäftigen will. Das kann eine sogar libertäre Form der Ausgrenzung sein, Toleranz ist es nicht. Toleranz geht immer einher mit einer anderen Meinung, die man nicht teilt, aber duldet im Sinne des „Ertragens“, weshalb Toleranz nicht geeignet ist, ein Dauerzustand zu sein. Schon Goethe erkannte: „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen.“ Das ist leicht gesagt, aber Toleranz ist eine der schwierigsten Aufgaben, mit denen sich ein Mensch beschäftigen kann.

In den Logen wird der Boden für Toleranz bereitet, nicht nur aus der Bereitschaft zur humanistischen Lebensgestaltung. Man trifft in den Logen auf unterschiedlichste Menschen, Sichtweisen und Erfahrungen, die auf dem Weg von der Gleichgültigkeit über die Toleranz zur Anerkennung und Einsicht führen können.

10. Meinungsbildung

Fraglos sind zur Meinungsbildung die verschiedenen Medien wichtig. Gelebte Meinungsbildung findet allerdings erst im Gespräch mit anderen Menschen statt. Dabei besteht die Gefahr, mit „Gleichgesinnten“ eine Meinung nicht zu erarbeiten, sondern nur zu verfestigen oder sogar zu Vorurteilen zu kommen. Eine Loge, die vorzugsweise aus den unterschiedlichsten Menschen besteht, der „Gemeinschaft Ungleicher“, wie sich der Bruderbund auch nennt, bildet ein ungeahntes Meinungsspektrum. Für viele Brüder ist es erfrischend, was sie beispielsweise an einem Bruderabend nach einem Impulsvortrag und nur einer knapp einstündigen, ergebnisoffenen Diskussion, an unterschiedlichen Meinungen und Standpunkten gehört haben, die zu einer umfassenden Meinungsbildung beitragen.

11. Informelle Selbstbeschränkung

In einer Zeit, in der beinahe täglich durch die Medien „eine neue Sau durchs Dorf gejagt“ wird, in der jedes Gerücht zur Meldung gemacht wird, in den sozialen Netzwerken jede Privatheit zur öffentlichen Verlautbarung verkommt, ist es tröstlich zu wissen, dass es auch noch „informelle Schutzzonen“ gibt, in denen nicht jeder zu jedem eine Meinung zu
haben sich veranlasst sieht, in denen vertrauliche Gespräche auch vertraulich sind, wo man aber auch Meinungen und Gedanken in einer Art meinungsbildendem Labor ausprobieren kann, wo Freiheit für Gedanken gilt, selbst wenn sie noch nicht ausgereift sind oder die Zeit noch nicht reif. Hier gilt Verschwiegenheit als charakterstärkende „Mannestugend“, bildet die Grundlage für Vertrauen, Freundschaft – und außergewöhnliche Gedanken.

12. Idealismus

Wenn Sie Idealist sind, die Welt retten wollen, wenn Sie eine „Verschwörung zum Guten“ suchen, wenn Sie anderen Menschen helfen möchten: dann sind Sie bei den Freimaurern richtig. Hier werden Sie – nicht nur, aber doch – viele Gleichgesinnte treffen, mit denen Sie über die Loge oder außerhalb Ihren Idealismus umsetzen können. Die Bruderschaft wird
Ihnen dabei mit großer Wahrscheinlichkeit Anerkennung, Hilfe und moralische Stütze sein können.

13. Weltbruderkette

Wer oft auf Reisen ist, wünscht sich vielleicht das Gefühl, ein wenig Zuhause zu sein, egal, wo er sich befindet. Über die sogenannte „Weltbruderkette“ ist dies möglich, denn Freimaurer einer regulären Loge haben das Recht, jede andere reguläre Loge der Welt zu besuchen. Reisende Brüder berichten immer wieder von den freundlichen Aufnahmen in fremden Logen, den angenehmen Erlebnissen und den teilweise langjährigen Freundschaften und Kontakten, die sich daraus ergeben. Es muss gar nicht die Weltbruderkette sein. Auch die Nachbarloge freut sich über Besuch und kann eine willkommene Abwechslung und Erweiterung des Horizontes bieten.

14. Humanität im täglichen Leben

Stéphane Hessel ruft in seiner Schrift „Engagiert euch!“ zum umfassenden Engagement im Alltag auf. „Es genügt nicht, sich aufzuregen, wie ungerecht die Welt ist. Ungerechtigkeit ist sehr konkret. Sie lauert an meiner Tür, hier und jetzt. […] Was wird da von mir gebraucht? Zur Stelle sein mit Worten und Taten, mit Herz und Verstand. Dem Betroffenen Unterstützung gewähren. So kann mich diese Kluft zwischen sehr reich und sehr arm, die meine Empörung geweckt hat, zu konkretem Handeln führen.“

Das Schöne an der Freimaurerei ist: Ihre Werte lassen sich auch im Kleinen und unspektakulär durchsetzen. Freimaurer stellen keine Forderungen an ihre Mitglieder, sie überlassen es dem Einzelnen, wie weit er diese Forderungen in seinem Leben umsetzt. Sie betrachten es bereits als großen Gewinn, wenn jedes Mitglied Menschlichkeit in der Familie, der Verwandtschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz umsetzt, so gut es geht. Dabei muss man die Freimaurerei nicht vor sich hertragen, man kann ganz diskret einfach handeln.

Nicht wenige Brüder engagieren sich für dieses Ziel auch in und mit den Logen, sie tragen die freimaurerischen Tugenden ihren Möglichkeiten entsprechend in Vereine, Parteien, Organisationen und wirken dort für Menschlichkeit. Die humanistischen Tugenden sind universell und können ohne jedes Sendungsbewusstsein im Kleinen wie im Großen umgesetzt
werden.

15. Innerer Friede und Ausgeglichenheit

Freimaurerei, insbesondere durch den wöchentlichen Logenabend, mehr noch durch das monatliche Ritual, bedeutet ein wiederkehrendes Innehalten, einen bewussten Moment der Entschleunigung. Wer bewusster wahrnimmt, sein Leben reflektiert und ordnet, wer Freunde hat, sein Verhältnis in der Welt und zum Numinosen klären kann, wird auch im rauen
Alltag mit größerer Ausgeglichenheit und Standhaftigkeit bestehen können.

16. Äußere Befreiung des Menschen wahren

Jürgen Holtorf bemerkt in seiner Schrift „Verschwörung zum Guten“, „dass der freimaurerische Auftrag der äußeren Befreiung des Menschen als erfüllt betrachtet werden kann“. Man mag das für den Kern der westlichen Welt so annehmen, aber diese Aussage war schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung selbst für Europa nicht vollumfänglich zutreffend. Die „Befreiung des Menschen“ ist beileibe nicht einmal in der westlichen Welt erreicht. Und dort, wo sie zumindest ansatzweise umgesetzt werden konnte, ist sie nicht auf ewig gesichert und muss jeden Tag erneut gegen anders gerichtete Interessenlagen verteidigt und bestärkt werden.

Warum gute Leute Freimaurer werden sollen. Und wie.
Dieser Text wurde mit Genehmigung des Autors aus dem Buch “Warum gute Leute Freimaurer werden sollten. Und wie.” entnommen. Erhältlich unter www.freimaurer-werden.de oder im Buchhandel unter der ISBN 9783735792433, 128 Seiten, 13,80 €
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Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Vom Betragen — Knigge für Freimaurer

Schon wieder ein Knigge-Ratgeber, der uns Benimm beibringen soll? Der Freimaurer Sylvio J. Godon hat ein Büchlein “Vom Betragen – Knigge für Freimaurer” vorgelegt. Da stellt sich die skeptische Frage: Muss das sein?

Der arme Adolph Freiherr von Knigge, übrigens Freimaurer, muss für alles mögliche herhalten. Unzählige Benimmbücher sind unter Benutzung seines Namens erschienen: Knigge für die Karriere, Knigge für Kids, Knigge in jeder Lebenslage, Knigge fürs Business, Knigge im Restaurant. Dabei hat Knigge niemals Gebrauchsanleitungen für unfallfreies Essen oder geschicktes Rodeln auf gesellschaftlichem Parkett geschrieben. Sondern einen bis heute lesenswerten Text “Über den Umgang mit Menschen”, in dem er ganz allgemein beschreibt, wie Menschen unterschiedlichster Art miteinander umgehen können.

Mit seinem Buch wollte er Situationen wie die von ihm geschilderte vermeiden: “Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.”

Und nun kommt ein anderer Freimaurer und schreibt Benimmregeln für Freimaurer unter Freimaurern und nennt auch das wieder einen Knigge. Dabei ist es eigentlich ein für die Spezies der Menschenfreunde nicht notwendiges Buch. Denn der aufgeklärte und sich selbst hinterfragende Bruder weiß eigentlich aus dem Ritual, aus der Kenntnis der Symbole und Metaphern, aus den Unterweisungen im Lehrlings- und Gesellengrad, aus dem Betrachten seiner Vorbilder in der Loge ganz genau, wie man sich als Mensch zu anderen Menschen verhält. In den eins, zwei, drei Jahren nach einer Aufnahme und bei guten Lehrmeistern klappt das eigentlich ganz gut. Ist man erst einmal Meister, werden viele vergesslich, und manchmal vergessen sie sich, dieses eigentlich überflüssige Büchlein kann sie erinnern.

Der Autor schreibt im Vorwort, dass er mit seinem Buch nicht den Zeigefinger erheben wolle. Gleichwohl blickt der moralische Finger dem Leser auf jeder Seite dann doch entgegen, als wäre er das freundlicherweise beigefügte Kapitälchenband, ein Lesezeichen für jede Seite. Und der größte Teil des Buches liest sich dann auch ein bisschen wie sich eine autosuggestive Meditationskassette aus den Achtzigern anhörte: “Im Zusammenleben erstrebe ich …”, “Ich beuge Entwicklungen vor, die …” oder “Ich halte mich an …”. Aber dieses Autosuggestive, wenn man es über sich ergehen lässt, kann dann doch wie ein Mantra wirken und Wirksamkeit entfalten.

Wer neben der in den Ritualen vermittelten Grundhaltung oder den in den “Alten Pflichten” enthaltenen Anweisungen zum “Betragen der Brüder” eine Art Gebrauchsanweisung benötigt, wem “ToDos” helfen, findet in diesem Buch sicher genügend konkrete Handlungsvorschläge für den Alltag. Der Autor geht allerdings von einem Idealbild aus, denn er lässt Regeln vermissen für den Umgang mit Regelbrechern, mit Besserwissern, Aufschneidern, ungehobelten Burschen. Sie sind glücklicherweise die Minderheit in der Freimaurerei, können aber eine ganze Gruppe bis ins Mark treffen. Für das Unterlaufen einer Streitkultur haben der Autor und so manche Loge keine Antworten und lassen den Ungezogenen leichtes Spiel. Hier wäre ich auf Regeln gespannt, da ist der Knigge im Original besser aufgestellt. Oder Schopenhauer.

Ich komme auf meine Frage vom Anfang zurück: “Muss das sein?” – Muss wohl, jedenfalls kann es nicht schaden. Interessant ist das Buch sicher auch für Außenstehende, denn es erlaubt einen sehr praktischen Ausflug in die Gedanken- und Alltagswelt der Freimaurer, eine Idealwelt, die allerdings oft genug in den Logen auch tatsächlich so oder zumindest so ähnlich stattfindet. Das sind die Sternstunden, die begeisterte Freimaurer mit leuchtenden Augen hinterlassen. Das Buch zeigt aber auch, und das ernüchternd, was eigentlich mit der “Arbeit” der Freimaurer gemeint ist. Das Erleben der Rituale ist schön, die guten Vorsätze aus den Zusammenkünften beflügeln und motivieren. Aber womit es vor der Tür des Tempels losgehen muss, von den Mühen des Verstehens seiner Mitmenschen im Alltag, den guten Taten, dem vorbildlichen Verhalten, von dieser ungemein anstrengenden Arbeit berichtet dieses Buch, das im Übrigen mit viel Herzblut und Liebe zur Maurerei geschrieben wurde.

“Vom Betragen, Knigge für Freimaurer. Ein ganz persönlicher Ratgeber von Sylvio J. Godon”. Salier-Verlag, 88 Seiten, DIN A 6, Hardcover mit Kapitälchenband, ISBN 978-3-943539-90-5, 12 €

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Wege nach Lyonesse — eine Geschichte vom Suchen

Burkhard Sonntag,

Burkhard Sonntag, "Wege nach Lyonesse"

Burkhard Sonntag hat mit seinem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman über die Suche nach Sinn und Freundschaft vorgelegt. Begleitet von einer sonderbaren Bruderschaft führt der Weg seines Romanhelden von Bukarest an den südwestlichen Zipfel Englands. Auf dem Weg lernt er viel über die Menschen, über sich und über wahre Freunde.

Zugegeben, der Autor hat sich ganz offenbar mit Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” auseinandergesetzt. Der Plot ist ähnlich: Ein Mann reist durch die Lande, begleitet, geleitet, behütet und verwirrt durch verschiedene interessante Menschen, die der “Turmgesellschaft” angehören, in der sich unschwer ein Idealbild der Freimaurer erkennen lässt. Nun sagen wir einmal: Burkhard Sonntag hat sich davon anregen lassen.

Ohne Frage, der Meister Goethe war sprachlich ein ganz Großer, seine Charaktere sind ausgefeilter, komplizierter, die Geschichte weitläufiger und dies manchmal derart, dass ganze Subromane als Einschub herhalten mussten. Zur Ehrenrettung Sonntags soll eilig hinzugefügt werden, dass sein Roman keine Kopie ist, sondern eine Adaption. Wo Wilhelm Meister zu Pferd, zu Fuß oder mit der Kutsche durch die Lande zog und auch den Leser gefühlt über Tage mitnahm, eilt der moderne Held mit einem Sportwagen durch halb Europa, wo man sich früher langwierig Billets und Briefe zukommen ließ, verschnellern auf dem Weg nach Lyonesse SMS und E-Mails die Handlung ungemein. Das ist nicht ganz so romantisch, bringt aber mehr Tempo und macht die Geschichte zeitgemäßer. Wilhelm Meister ist heute für viele schon schwere Kost.

Worum geht es eigentlich? Kurz gesagt geht es um den Investmentbanker Ben Whitcombe, einen unsteten weltweit Reisenden und Heimatlosen, der nach einem verkorksten Millionendeal binnen weniger Tage alles verliert: seinen hochdotierten Job, seine schwangere Lebensgefährtin, seine Wohnungen in Budapest und London, sein soziales Umfeld. Beruflich und privat ist er damit ganz unten angekommen. Finanziell ist er gesichert, seine Ersparnisse sind mehr als auskömmlich; das ist gut so, sonst wäre die weitere Geschichte nicht so flott möglich. Alles, was ihm im Grunde bleibt, ist ein alter Jugendfreund, den er aufsucht. Und damit nimmt eine sonderbare Geschichte ihren Lauf, es gibt seltsame Andeutungen und Aufforderungen, denen er auf Rat seines Freundes zu folgen beginnt. Absender ist, wie sich bald zeigt, eine merkwürdige Bruderschaft.

Bens Weg führt ihn durch halb Europa auf dem Weg nach London; natürlich trifft er auf allen Um- und Irrwegen unterschiedliche Menschen, manche nett, manche weniger, manche scheinen den “Männern der Morgenröte” anzugehören. Nichts ist klar, außer, dass sein guter Freund Francesco ein Teil der Bruderschaft ist und die Fäden in der Hand hält. Alle unterschiedlichen Eindrücke und Erlebnisse, die seinen bis dahin klaren und erfolgsorientierten Weg unterbrechen, bringen Ben zum Nachdenken – über sich, sein Leben, seine Familie, seine Zukunft. Und überhaupt. Der Leser erfährt vieles und doch nicht alles, und, ganz nebenbei, ist der flotte Roman auch ein passabler Reiseführer durch südenglische Landschaften.

Natürlich wird am Ende – nein, nicht alles gut, sondern alles wird offen. Das ist für Ben schon ein großer Fortschritt, denn vorher hätte er nur den bisherigen Weg um jeden Preis fortsetzen wollen, und wäre womöglich wie ein in der Geschichte auftauchender und als abschreckendes Beispiel dienender versoffener Investmentbanker gescheitert. Und er ist jetzt Teil der “Männer der Morgenröte”, einem weltweiten Freundschaftsbund. Jetzt hat Ben auch eine Heimat, zumindest menschlich.

Der Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, glücklicherweise gibt es keinen Mord und Totschlag um den Preis eines Spannungseffektes, aber die Handlung entwickelt einen ungemeinen Sog, der zum Weiterlesen zwingt. Das einzige Verbrechen, das Ben unmittelbar zustößt, ist der Diebstahl seiner Brieftasche, was ihn erstmals in die Situation bringt, mit seiner Barschaft zu haushalten und ungewöhnlich einfach zu reisen; er ist arm, hilflos und irrt noch blind und unwissend durch sein Leben. Auch das im Grunde eine der vielen Metaphern, die an die Freimaurerei erinnern. Erfreulich ist, dass Sonntag die Freimaurerei bzw. seine imaginäre Bruderschaft von allem Überflüssigen entkleidet, selbst die Reise nach Cornwall, zu Artus und seiner Tafelrunde und dem Heiligen Gral oder auch zu einer modernen esoterischen New-Age-Kommune erweisen sich als erfreuliche Irrwege und so bleiben die “Männer der Morgenröte” das, was auch Freimaurerei im Kern darstellen sollte: Ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich selbst reflektieren, sich gegenseitig helfen und der Menschheit mit Toleranz und Humanität ein Vorbild sein wollen.

Man kann Freimaurerei durchaus unterhaltsam und spannend in einem Roman erklären und neugierig machen auf den Bruderbund. Daher: klare Leseempfehlung für Interessenten und auch für Freimaurer, die sich an ihren eigenen Weg erinnern wollen.

Burkhard Sonntag, “Wege nach Lyonesse”, Roman, 297 Seiten, Paperback, erschienen bei Books on Demand, ISBN 9783744817585, 9,99 €

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Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

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