Großes Kino in Hamburg

Von links nach rechts: Christoph Kaut (Umweltstiftung Michael Otto), Br Norbert Schoen (Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg), Regisseur Br. Tristan Bourlard, Thomas Stuwe (Distriktmeister Hamburg), Bernd Brauer (Zugeordner Großmeister VGLvD) Foto: Sw. Maike Ullmann/Metamorphosis i. Or. Hamburg

Ungewöhnlich, beeindruckend und hochinteressant – mit diesen Attributen versehen präsentierte sich der Film „Terra masonica – Reise um die Welt in 80 Logen“ als Premiere in Hamburg. Die Distriktloge Hamburg hatte am 22. September zur Matinee in das Metropolis-Filmtheater eingeladen – und mehr als 100 Gäste wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

Produziert hat den Film der belgische Regisseur Br. Tristan Bourlard, der zur Hamburger Kinoaufführung persönlich kam, um mit seinem Publikum zu diskutieren und Fragen zu beantworten.

Es sind faszinierende Bilder aus verschiedenen Kontinenten und Ländern, spannende Interviews, die der Filmemacher eingesammelt hat. In der Dokumentation wird sehr deutlich, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten Logen in der ganzen Welt zu kämpfen haben und wie die Brüder dennoch die Freimaurerei aus vollem Herzen leben.

Der Film hat einen starken Eindruck hinterlassen, der noch lange nachwirken wird. Als Fazit könnte man ziehen, dass wir hier in Deutschland in einem „freimaurerischen Paradies“ leben.

Das Publikum hatte Gelegenheit, Fragen an den Regisseur zu richten, der in seinen Antworten sehr ausführlich berichtete, sodass es dem Moderator der Matinee, Br. Norbert Schoen, Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg, manchmal schwerfiel, das Wesentliche in Kurzform zu präsentieren.

Im Zusammenhang mit der Filmvorführung fand eine Charity-Sammlung zu Gunsten der „Umweltstiftung Michael Otto“ statt. Ziel dieser Stiftung ist es, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren und nachfolgenden Generationen einen zukunftsfähigen Planeten zu erhalten. Christoph Kaut von der „Umweltstiftung Michael Otto“ wird den noch nicht bezifferten Spendenbetrag entgegennehmen, an dem sich auch die Vereinigten Großlogen von Deutschland beteiligten. Deren Großmeister hatte bereits vor zehn Jahren die Freimaurer weltweit dazu aufgerufen, „durch geeignetes Verhalten eine drohende Umwelt-Katastrophe zu verhindern“.

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Ist Gemeinschaft noch zeitgemäß?

Social Gathering Digital Tablet Communication Society Concept

Dieser Vortrag wurde im November 2015 in der Brundbütteler Loge “Ditmarsia” gehalten. Der Autor beschäftigt sich darin mit den Prinzipien der Gemeinschaft, auch mit der Gemeinschaft der Freimaurer und stellt die Frage, wie sich unsere Gesellschaft in der Zukunft entwickeln wird.

Spontan würde jeder von uns antworten: die Gemeinschaft ist das wichtigste Element in unserer Gesellschaft. Richtig! Aber das Gebilde Gemeinschaft hat in unserer so modernen Zeit leichte Risse erhalten – will sagen, dass der Stellenwert der Gemeinschaft in unserer Gesellschaft an Gewicht und Bedeutung verloren hat. Es ist mir deshalb wichtig, mit meinem Vortrag Vergessenes und Verdrängtes in das Bewusstsein zu rücken und die wichtige Rolle der Gemeinschaft in unserer schnelllebigen Zeit herauszustellen.

Dabei beschäftige ich mich mit dem Ursprung und dem Sinn der Gemeinschaft, mit dem Wesen, den Problemen, mit der Thematik Harmonie und Gemeinschaft  und stelle an den Schluss meines Vortrages die Frage: Quo vadis , Gemeinschaft?

Wenn man „Gemeinschaft” kurz und prägnant definieren will, dann geschieht das m.E. am besten mit folgendem Satz: Gemeinschaft ist eine Gruppe, die aufgrund der Übereinstimmung in wesentlichen Verhaltensweisen gemeinsam oder füreinander handlungsfähig ist. Beispiele von Gemeinschaft gibt es, solange es nicht nur Menschen, sondern Kreaturen gibt. In der Tierwelt beweisen dies eindrucksvoll die Völker der Bienen und Ameisen, die Rudel der Wölfe oder die Herden vieler Tierarten. Für mich ist es immer wieder faszinierend, mit welcher Brillanz und Präzision Gemeinschaft in der Natur – vom Instinkt geleitet – funktioniert.

Die Ursprünge der Gemeinschaft bei den Menschen liegen in den Stämmen, den Sippen und in der Familie. Die Einheit einer Gruppe ergibt sich meistens aus der Gemeinsamkeit des Fühlens, des Strebens und des Urteilens. Gemeinschaft bildet sich überall dort, wo gleichartige Inhalte des Lebens oder aber dieselben Schicksale Tiefe und Ganzheit der Persönlichkeit prägen. Als Beispiel für gleichartige Inhalte des Lebens nenne ich Familie, Arbeit, Beruf und Religion, als Beispiele für Schicksale Not und Gefahr.

Was ist das wesentliche Element in der Gemeinschaft?

Der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft ist der nichtmonetäre Austausch von Wert, also der Austausch ohne Geld; Dinge, die wir füreinander tun und mit anderen teilen, weil sie uns etwas bedeuten. Gemeinschaft besteht aus dem, was wir nicht zu messen versuchen, über das wir keine Listen führen und für das wir keine Belohnung erwarten: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt sind die Werte, die ich meine; ihr Vorrat ist unermesslich und grenzenlos. Diese Werte kann man also nicht messen, so sehr wir uns auch bemühen. Da man sie nicht messen kann, sind sie auch nicht in Euro, Dollar, Barrel oder in Tonnen Getreide auszudrücken. Der unentgeltliche Austausch von Wert beruht nicht allein auf altruistischen Motiven, sondern auf einem tiefen, intuitiven, oft unbewussten Verständnis, dass Eigeninteresse untrennbar mit dem Interesse der Gemeinschaft verbunden ist und dass sich das Wohl des Einzelnen nicht vom Wohl des Ganzen trennen lässt. Bei einer Gemeinschaft geht es nicht um Profit, es geht um das Wohl aller. Beim unentgeltlichen Austausch von Wert unterscheiden sich Geben und Nehmen. Geben und Nehmen kann man nicht auf sinnvolle Weise messen. Ein Geschenk, an das sich eine Erwartung knüpft, ist kein Geschenk. Es ist ein Tauschhandel. Beim unentgeltlichen Wertaustausch sind Geben und Nehmen keine Transaktion.; sie sind Angebot und Entgegennahme. Wenn in der Natur ein geschlossener Kreislauf des Gebens und Nehmens aus dem Gleichgewicht gerät, folgen bald Tod und Zerstörung. In der Gesellschaft ist das nicht anders.

Wenn es um Geld geht, glauben wir, das Leben sei ein Recht, das ein weiteres Recht in sich birgt: nämlich das Recht, Dinge zu bekommen und zu besitzen. Aber das Leben ist kein Recht. Das Leben ist ein Geschenk, das ein weiteres Geschenk in sich trägt, nämlich die Kunst des Schenkens. Und die Gemeinschaft ist der Ort, an dem wir unsere Geschenke verteilen und die Geschenke anderer empfangen

Der unentgeltliche Austausch von Wert ist das effektivste und konstruktivste System, das je entwickelt wurde. Die Evolution und die Natur haben es in Millionen Jahren perfektioniert. Man braucht keine Währung, keine Verträge, keine Regierungen, keine Gesetze, keine Gerichte, keine Polizisten, keine Rechtsanwälte oder Buchhalter. Das System braucht keine diplomierten Experten. Es braucht nur normale, einfühlsame Menschen. Die wahre Gemeinschaft erfordert Nähe, ständigen, direkten Kontakt und die Interaktion zwischen Menschen, Orten und Dingen, aus denen sie sich zusammensetzt.

In der gesamten Menschheitsgeschichte war der grundlegende Baustein der Gemeinschaft die Familie. Dort findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt. Dort werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Dieser Austausch von Wert bildet die Grundlage jeder Gemeinschaft, und Gemeinschaft ist das Kernelement einer jeden Gesellschaft. Ohne Gemeinschaft kann es also keine Gesellschaft geben. Das Leben, die gesamte Natur und alle irdischen Systeme beruhen – abgesehen von der Energie, die uns die Sonne schenkt -, auf geschlossenen Kreisläufen des Geben und Nehmens.

Was sind Probleme der Gemeinschaft?

Jede Gemeinschaft stellt zunächst nur eine Ansammlung von Einzelmenschen dar, die sich aus unterschiedlichen Motiven, aber alle mit dem gleichen Grundbedürfnis, zu eben dieser Gemeinschaft zusammengetan haben. Keiner kann von sich behaupten, den anderen so gut zu kennen, dass er dessen Motivation, zur Gemeinschaft gehören zu wollen, tatsächlich kennt. Es ist der klassische Irrtum allen menschlichen Miteinanders zu glauben, ein jeder Mensch denke wie der andere, habe also folglich zur gleichen Angelegenheit die gleiche Meinung.

Das Denken ist eine höchstpersönliche Sache, zwar durch eine gemeinsam erworbene Sprache irgendwie geformt und auch im Hinblick auf die Gemeinschaft vor-geformt – doch letztlich bleibt es individuell. Persönliche Erfahrungen, Vorbilder, Wünsche und Wertvorstellungen und anderes mehr spielen dabei immer eine Rolle. Und gerade dies wird wohl immer Anlass geben zu Meinungsverschiedenheiten selbst in Gemeinschaften, die sich das Ziel „Gemeinschaft“ als hehres Ziel gesteckt haben, so auch in der Freimaurerei im Allgemeinen und auch in einzelnen Logen im Besonderen. Wir sind also nicht alle gleich oder gleichgeschaltet, jeder bringt seine eigene Persönlichkeit in die Gemeinschaft ein. Und mit eben dieser eigenen Persönlichkeit hat jeder innerhalb der Gemeinschaft seine Aufgabe an seinem Platz. Es wird immer stärkere und schwächere Glieder in einer Gemeinschaft geben, ebenso edlere und weniger edle. Aber alle sollen in Fürsorge füreinander das ganze Leben tragen, mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen. Auf die königliche Kunst bezogen bedeutet das, dass die Freimaurerei ihr Ziel einer Gemeinschaftsstiftung und Gemeinschaftserhaltung nur erreichen kann, wenn sie zur Befähigung des Einzelnen führt, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen.

Und wie sieht es aus mit der Harmonie in der Gemeinschaft?

Wenn das Ziel des Einzelnen, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen, erreicht ist, wird ihm sehr schnell klar, dass er sich geborgen fühlen kann. Und es ist ein großartiges, ein starkes Gefühl, Geborgenheit in der Gemeinschaft zu spüren. Probleme des Einzelnen verlieren an Dynamik, wenn man sie gemeinsam erörtert und verarbeitet, man muss es nur tun. Und Freuden potenzieren sich, wenn man sie mit anderen in der Gemeinschaft teilen kann. Aber nicht nur Probleme und Freuden, sondern die ganze Spannweite der menschlichen Existenz – die leibliche, die seelische und die geistige – ist auf das Miteinander und Füreinander in der Gemeinschaft bezogen. Wenn diese Gemeinschaft aus vollem Herzen gelebt wird, dann ist Gemeinschaft auch Harmonie.

Bezogen auf das Gemeinschaftsgefühl in der Freimaurerei hat ein Bruder seine Gefühle nach einem Besuch einer anderen Loge wie folgt beschrieben: „Die Atmosphäre dieser Tage beeindruckte mich sehr. Herzlichkeit, Wärme, Freude und Gastfreundschaft sprachen aus den Brüdern und Schwestern. Ich fühlte mich als Mensch geborgen im Kreise der Brüder- und Schwesternschar. Hier wurde mir besonders bewusst, dass die im profanen Leben so geschätzten und vorgeschobenen Rangordnungsmerkmale wie Besitz, Vermögen, Schichtzugehörigkeit und Bildungsstand bei uns im Bruderkreis überwunden werden. Hier fühlt man sich einfach als Mensch und kann es auch so erleben. Es wird kein Maßstab oder eine Schablone angelegt mit der Absicht, den Bruder von vornherein in Rangordnungen zu pressen, wie es leider viel zu oft im profanen Umfeld des Lebens geschieht.“

Wir alle haben das mehr oder minder auch so oder ähnlich erlebt und empfunden; aber machen wir uns nichts vor, es gab und gibt auch Situationen, wo „Rangordnungsmerkmale“, die der eben zitierte Bruder nur im profanen Leben sah, auch unter Brüdern und in den Strukturen der Freimaurerei praktiziert wurden und werden. Ich habe das einmal – als junger Freimaurer vor gut 30 Jahren – sehr deutlich und später häufiger zumindest ansatzweise erlebt und gespürt. Es beruhigt mich aber, dass dies eher Ausnahmen waren, beweist aber andererseits, dass wir unser Verhalten gegenüber unseren Brüdern immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen.

Soviel zu Harmonie in der Gemeinschaft. Eine letzte Frage, meine lieben Brüder, die mich bewegt und mit der ich meinem Vortrag beenden will, ist die Frage nach der Zukunft der Gemeinschaft:

Quo vadis, Gemeinschaft?

Es ist nicht nur mein Empfinden, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine sehr starke Tendenz vom Gemeinschaftswesen auf das Einzelwesen entwickelt hat – das haben Wissenschaftler und Verhaltensforscher einvernehmlich festgestellt. Wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte Revue passieren lässt, kann man das begreifen und nachvollziehen: Die Menschen hatten – noch im 19. Jahrhundert – im wesentlichen nichts anderes, als den einsamen Kampf um das nackte Überleben. Familie, Kinder, Nahrung, Kleidung, Krankheit und Behausung waren die bestimmenden Faktoren, die den Tagesablauf, die Wochen und Monate des Jahres bestimmten. Raum für weitergehende Elemente des Lebens war nicht vorhanden. In dieser Zeit der Not bildeten sich Gemeinschaften in vielfältiger Form, die das Leben ein wenig erträglicher machten und die Sorgen – gemeinsam getragen – leichter erschienen ließen. Man kam aus seiner Isolation heraus, konnte sich mitteilen , konnte teilhaben. Die Not schweißte zusammen, die Gemeinschaften hatten Bestand.

Und heute? Welches Bild vermittelt unsere heutige Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Den Menschen in unserem Lande geht es insgesamt immer noch gut – machen offensichtlich zu gut! Sie sind gleichgültiger und bequemer geworden, nehmen immer stärker egozentrische Züge an. Sie wollen viel nehmen und wenig geben (Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass ). Bei der enormen Reizüberflutung der heutigen Zeit kapseln sie sich ein in ihre eigene Anonymität und haben Gemeinsamkeit neu definiert: mit dem Fernseher mit seinen unzähligen Programmen, mit dem PC, dem Internet mit der Konsequenz der fast totalen Isolation. Man nimmt seine Mitmenschen kaum noch wahr, man kennt seine Nachbarn nicht mehr. Einen erschreckenden Beweis lieferte vor einiger Zeit eine norddeutsche Tageszeitung, in der in der Rubrik „Modernes Leben“ unter der Überschrift „Das unbekannte Wesen“ zu lesen war:  „Ein anonymes Deutschland hat sich in einer Umfrage offenbart: Etwa zehn Millionen Bundesbürger kennen ihre Nachbarn nicht oder nur vom Sehen. Ebenso viele zeigten sich ‘froh, wenn ich meinen Nachbarn nicht sehe.’“  Ein zweites Beispiel aus einer Tageszeitung mit der Überschrift: „Wenn das Internet zur Droge wird“: “Ihren 40. Geburtstag feierte Gabriele F. in einem Chatroom ( für PC-Nichtnutzer: virtueller Versammlungsraum im Internet). Leibhaftige Freunde hatten sich da längst von ihr abgewandt. 2 1/2 Jahre lang nutzte sie unter dem Namen „Hexenkuss“ jede freie Minute im Netz, bis sie durch ihr zwanghaftes Dauersurfen den Job verlor. Ihre Online-Sucht hatte sämtliche Zeit und Energie für andere Aktivitäten verschlungen, so die Medientrainerin aus Buxtehude, die als ehemals Betroffene die erste deutsche Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige leitete.” Und noch ein drittes Beispiel. Die „WELT am SONNTAG“ schrieb unter der Überschrift „Gemeinsamkeit am Scheideweg“:  “Gemeinsamkeiten waren vor nicht allzu langer Zeit nahezu unzerstörbar. Gestört , um nicht zu sagen zerstört werden die Gelübde durch ein zeitgeistiges Phänomen: Die Gier nach Selbstverwirklichung läuft dem Prinzip dauerhafter Gemeinsamkeit zuwider, lässt den sozialen Kitt brüchig werden. Organisationen verlieren ihre Mitglieder, in Familien schwindet der Zusammenhalt. Stattdessen suchen die Menschen Begegnungen auf Zeit und lassen sich einfangen vom eventorientierten Beisammensein.”

Zum Abschluss wiederhole ich meine Frage: “Gemeinsamkeit, quo vadis?” Ich sehe die Entwicklung nicht ohne Sorge, aber es gibt sie noch, die Gemeinschaft – es gibt sie noch in vielfältiger Form. Und wir haben ja vernommen, dass der unentgeltliche Austausch von Wert, das Grundelement der Gemeinschaft, das effektivste und konstruktivste System ist, das je entwickelt und von der Evolution und der Natur in Millionen von Jahren perfektioniert wurde. Deshalb wird die Gemeinschaft auch weiterhin Bestand haben. Wir dürfen ihre Entwicklung allerdings nicht aus den Augen verlieren und müssen die Gemeinschaft hegen und pflegen und immer wieder in das Bewusstsein unserer Mitmenschen rufen.

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Auf den Spuren der Zeit

time concept with modern watch an calendar

Zeit ist nicht gleich Zeit, Zeit wird sehr unterschiedlich definiert, ob vom Lexikon, von der Physik, ob von der Philosophie oder der Kirche. Auch in der Freimaurerei haben wir Zeitbegriffe definiert, die sich im 24 zölligen Maßstab und insbesondere in den Zeiten im Ritual wiederfinden. Und auch im profanen Leben sind Begriffe im Zusammenhang mit der Zeit geprägt worden, die ihren festen Standort in der Gesellschaft und in unserem Leben gefunden haben.

Was ist eigentlich Zeit?

Diese Frage bewegt die Menschheit schon seit Jahrtausenden und es ist hochinteressant, sich mit der Geschichte der Zeitmessung zu befassen; von der Sonnenuhr bis hin zur Atomuhr. Immer haben die Menschen danach gestrebt, die Zeit in den Griff zu bekommen.  Den Begriff “Zeit” erklärt das Lexikon so:

Zeit ist das nicht umkehrbare, nicht wiederholbare Nacheinander, das erfahrbar und bewusst wird als Aufeinanderfolge von Veränderungen und Ereignissen in Natur und Geschichte.

Im Neuen Testament finden wir zwei wichtige griechische Worte für Zeit: Chronos und Kairos. Chronos steht für die Uhrzeit und für die Kalenderzeit. Die Zeiger der Uhr, früher auch Chronometer genannt, drehen ihre Zeiger unaufhörlich Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute und Sekunde für Sekunde. Der Kalender beginnt bei uns mit dem 1. Januar und schließt mit dem 31. Dezember. Doch das Dramatische bei der ablaufenden Zeit unseres Lebens ist, dass jede Sekunde, jede Minute und jede Stunde, nie mehr wiederkehrt. Sie ist vorbei, davongeeilt. Die Zeit vergeht, was haben wir in ihr und mit ihr gemacht? Zerfasert, ignoriert, nur zu Geld gemacht, oder für die wesentlichen Inhalte des Lebens genutzt? Für die Liebe, für unsere Familie, für unseren Beruf, für die Welt um uns herum?

Kairos heißt das zweite griechische Wort im Neuen Testament. Es ist die „gefüllte Zeit“, die besondere Stunde, der rettende Zeitpunkt, den wir erleben. Der Kairos tritt zum Beispiel dann ein, wenn zwei Menschen ihre Liebe zueinander entdecken. Die Hochzeit nannten die Griechen wohl einen Kairos und die Geburt eines Kindes ist für die Mutter wie für den Vater und die Geschwister sozusagen „kairotisch“. Kairos – gefüllte Zeit, die Freude und Begeisterung , aber auch Leid und Kummer bedeuten kann.

Nach dem Lexikon und dem Neuen Testament will ich jetzt die Physik bemühen:

Viele Physiker haben sich mit dem Einfluss der Zeit auf den Raum befasst, allen voran Albert Einstein, der den Begriff der “Raumzeit” entwickelte. Danach ist die Zeit ebenso eine Dimension wie Länge, Breite und Höhe. Die Raumzeit hat also vier Dimensionen. Zeit ist jedoch eine besondere Dimension. Sie hat eine Eigenschaft, die dem Raum fehlt: Alles – Menschen, Tiere, Sterne, einfach alles, kann sich in ihr nur in einer Richtung bewegen: Richtung Zukunft. Eine Umkehr in die Vergangenheit oder ein Anhalten der Zeit sind ebenso unmöglich wie ein Springen in die Zukunft. Daraus folgt eine Gleichzeitigkeit: alles, was geschieht, geschieht jetzt, in der Gegenwart. Wir blicken auf die Vergangenheit zurück, die abgeschlossen und unabänderlich ist, auch wenn wir ihre Auswirkungen jetzt noch immer spüren. Die Zukunft ist für den Menschen unvorhersehbar, weil sie noch nicht geschehen ist. Die Zeit ist in der menschlichen Wahrnehmung wie in der Physik als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin beschreibbar.

Der Philosoph Augustinus, erklärt die Zeit so:

Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem Fragenden erklären sollte, weiss ich es nicht.

Diese berühmten Worte des spätantiken Philosophen bringen die Sache auf den Punkt: Wir alle besitzen zwar Uhren, auf denen wir die Zeit ablesen können, doch niemand von uns weiss, was wir da eigentlich ablesen. Augustinus macht kurzen Prozess. Er erklärt die Zeit zu einer blossen Illusion. Sie sei nämlich zusammengesetzt aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Zeit gäbe es nur, weil die Zukunft zur Gegenwart und die Gegenwart zur Vergangenheit wird, kurz: Weil die Vergangenheit die Zukunft der Gegenwart ist, oder anders: das Heute das Gestern von morgen.

Nun aber kommt der Clou: Nach Augustinus gibt es weder Zukunft, noch Vergangenheit, noch Gegenwart. Denn das Zukünftige ist noch nicht, das Vergangene ist nicht mehr, und die Gegenwart ist eine blosse Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit: Sobald wir sie denken, ist sie bereits vorbei. Zeit ist nach Augustinus also ein unwirkliches Phantasiegebilde von uns Menschen.

Dennoch: Wir erkennen zwischen den Definitionen des Begriffes “Zeit” im Lexikon, im Neuen Testament, in der Physik und in der Philosophie durchaus deutliche Schnittstellen.

Wie gehen die Menschen im realen und praktischen Leben mit der Zeit um?

Unser Leben hat einen Anfang und ein Ende. Die Zeit dazwischen – unsere Lebenszeit – messen wir mit Zeit. In der Regel mit Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden. Der Mensch denkt sich selbst und seine Nachkommen und seine Umwelt in die zu erwartende Zeit hinein. Auf den Tag bezogen sind es in der profanen Welt vier Zeitabschnitte, in die wir unser Leben einbetten, einplanen oder einteilen: Morgen, Mittag, Abend und Nacht.

Im Laufe der Zeit haben sich feste Begriffe eingeprägt, die den Ablauf unseres Lebens bestimmen; es sind dies im Wesentlichen die Lebenszeit, die Arbeitszeit, die Ruhezeit und die Freizeit. Jeder Mensch hat dabei seinen eigenen Rhythmus und eine eigene Gewichtung gefunden. Die Frage, ob es immer erfüllte Zeit gewesen ist, wird jeder nur individuell für sich entscheiden können.

Uns Freimauerern sollte das Streben nach erfüllter Zeit leichter fallen, denn einer unserer Werkzeuge ist der 24 zöllige Maßstab. Er dient dazu, sich die Zeit mit Weisheit einzuteilen. Er symbolisiert die 24 Stunden des Tages, die nach alter Überlieferung her wie folgt verwendet werden sollten:

6 Stunden für Arbeit,
6 Stunden, um Gott zu dienen,
6 Stunden, um einem Bruder oder einem Freund zu dienen,
6 Stunden, um zu schlafen

Nun hat sich die Welt in den letzten 300 Jahren doch erheblich verändert, so dass diese klare zeitliche Einteilung in der heutigen Zeit nicht mehr umzusetzen ist. Aber wie kann der moderne Freimaurer seine Zeit sinnvoll aufteilen? Die Aufteilung in vier Blöcke ist geblieben – es sind dies folgende vier Bereiche

Arbeit,
Befriedigung sozialer Bedürfnisse,
Erholung und Regenerierung,
Spiritualität

Arbeit ist ein wichtiger Teil in unserem Leben. Für die Einen ist es Pflicht, für den Anderen Freude und Erfüllung. Sie gibt Struktur, fördert Lernen und Fähigkeiten und ermöglicht uns in Augenhöhe mit anderen am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse ist ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens. Sie dient nicht nur dem Austausch, der Begegnung und der Kommunikation, sie sorgt nicht nur für gemeinsame Erlebnisse, sondern schafft auch Nähe, Geborgenheit, Liebe, Menschlichkeit, Verständnis und Brüderlichkeit.  Jeder Mensch hat seinen eigenen Schlafrhythmus; dem einen reichen 5 Stunden, der andere schläft regelmäßig seine 7 Stunden. Aber nicht nur Schlaf, sondern auch Ruhephasen – in welcher Form auch immer – dienen der Erholung und Regenerierung. Das Bedürfnis nach Erholung ist sicherlich auch abhängig vom Umfang der Belastung im Beruf und den Anstrengungen, denen sich der Mensch im Freizeitbereich unterwirft. Wer sich Zeit für Spiritualität nimmt und sich mit Neugierde auf die wichtigen Fragen des Lebens stürzt, wird Antworten finden, die ihm weiterhelfen, sein Leben sinnvoller zu gestalten. Das ist Nahrung für die Seele und den Geist und auch Nährboden für eine humanistische Lebenseinstellung.  Wie genau diese 4 Bereiche weise aufzuteilen sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Nach dem 24 zölligen Maßstab leite ich jetzt über zu den Zeiten im Ritual. Wenn wir als Freimaurer über Zeiten sprechen, stellen wir fest, dass die Zeiten im profanen Leben nicht deckungsgleich sind mit den Zeiten im Ritual. Die Zeiten stehen am Beginn und am Ende des Rituals, durchaus auch unterschiedlich, je nach Lehrart. Unterschiedlich ist von den “Stunden” die Rede oder von Mittag, Hochmittag und Hochmitternacht. Diese Begriffe sind nur eine Allegorie, welche unserem Ritual bei der Öffnung und Schließung eine Bedeutung geben.

Nun mutet es nach unserem Sprachgebrauch etwas eigentümlich an, Mittags mit der Arbeit zu beginnen. Wann ist Mittag? Und wann ist Hochmittag? Man muss wissen, dass die Einteilung des Tages in vier Zeiten schon bei den Juden vor Christus längst gebräuchlich war. Über die römischen Legionen gingen sie auf die Christen über und kamen so an die Mönchs- und Ritterorden des Mittelalters und schließlich auch in die Bauhütten. Der Mittag beginnt mit der ersten Stunde um 6.00 Uhr nach unserer Zeitrechnung. Die zweite Stunde nennt sich dann “Mittag gegen 1/3”, die dritte Stunde “Mittag und 1/3” bis hin zur 6, Stunde, die hieß dann Mittag gegen voll. Mit der siebenten Stunde begann um 12.00 Uhr Hochmittag, bis zur 12. Stunde um 17.00 Uhr unserer Zeitrechnung, das war dann “Hochmittag gegen voll”. Mit der 13. Stunde begann dann Mitternacht um 18.00 Uhr, mit der 19. Stunde um 24.00 Uhr Hochmitternacht. Soweit der Abgleich der 4 Logenzeiten mit den tatsächlichen Arbeitszeiten, damit es uns ein wenig leichter fällt, das einzuordnen.

Aber welche symbolische Bedeutung haben unsere maurerischen Zeiten? In unserem Ritual fragt der MvSt. den 1. Aufseher nach der Zeit, worauf dieser antwortet:”Es ist Mittag, ehrwürdiger Meister.” Mit dem folgenden Wechselgespräch, das an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden kann, hat die symbolische Arbeit begonnen. Mit der Zuordnung der Worte “die rechte Zeit” an den Begriff “Hochmittag” wird diesem eine besondere Wertigkeit gegeben. Die Worte “die rechte Zeit” kommen aus dem griechischen Kairos – wie eingangs erwähnt – und sagen aus, dass jetzt etwas geschieht, was eine besondere Bedeutung enthält. Die rechte Zeit ist demnach nicht die uhrzeitgemäße Pünktlichkeit. Sie ist eine Umschreibung für eine Einmaligkeit des Geschehens, sie ist unwiederbringlich.

Hochmittag heißt es auch, weil die Loge nunmehr im hellsten Licht erleuchtet ist. Die uhrenkundige Tageszeit spielt während des Rituals keine Rolle. Der volle Schein des Lichtes umhüllt uns und in uns soll eine Ahnung vom wahren Sinn des Lebens aufgehen. Das Wort “Hoch” im Begriff “Hochmittag” soll keinen zeitlichen Rahmen setzen, sondern vielmehr im Sinne von “etwas Besonderes” , “vom Gewöhnlichen abweichend” ausdrücken. Der “Hochmittag” nach Öffnung der Loge kennzeichnet im Ritual die Bereitschaft der versammelten Brüder, die geistigen Kräfte in vollem Umfang der rituellen Arbeit am Tempel der Humanität zuzuwenden. In der Regel ist es die Zeichnung, die im Mittelpunkt der Arbeit steht und den Brüdern sowohl geistige Vertiefung als auch sittliche Veredelung anbieten soll.

Die Schließung der Loge beginnt mit dem Dialog zwischen dem MvSt. und dem 2. Aufseher: Es sind Fragen nach dem Alter des 2. Aufsehers, Fragen nach der Bezahlung für die Arbeit, Fragen, die die Arbeit und die Werkzeuge der Lehrlinge betreffen und Fragen nach dem Sinn unserer Arbeit. Es folgen auch hier Fragen nach der rituellen Zeit und im Anschluss verkündet der Meister vom Stuhl die Schließung der Zusammenkunft. Die (rituelle) Arbeit ruht jetzt. Wir prüfen unser Gewissen, ob wir winkelgerecht gearbeitet haben und unsere Pflicht erfüllt haben.

Der Meister entlässt uns von der Arbeit mit den Worten:

Geht nun zurück in die Welt meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst. Es geschehe also, ziehet hin in Frieden.

Ich habe mich auf die Spuren der Zeit begeben – und ich bin fündig geworden. Ich habe eine Erkenntnis gewonnen, die mir noch nie so klar war: Zeit ist eines der wertvollsten Geschenke, die uns neben der Liebe und neben der Gesundheit gegeben ist. Es sind die herrschenden Denkgewohnheiten, die es uns schwer machen, dieses Geschenk der “Zeit” als eines der wertvollsten Gaben anzusehen. Wir müssen sehr behutsam und sehr überlegt mit ihr umgehen, denn verlorene Zeit kommt nie wieder zurück.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat das sinngemäß einmal so ausgedrückt:

Solange wir jung sind, halten wir das Leben für endlos und gehen entsprechend mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung wie bei einem Delinquenten, der zum Schafott geführt wird.

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Ein unfassbares Gefühl: Glück

Forciertes Glück

Der Autor hat sich auf die Suche gemacht, um das Glück in seiner reinsten Form, zumindest eine Formel für das Glück zu finden. Seine Ergebnisse präsentierte er in einem Vortrag, gehalten im Dezember 2014 beim “Schwesternfest” der Loge “Friedrich zur Unsterblichkeit” in Stade.

Fürwahr – kein leichtes Unterfangen. Ich habe die ganze Bandbreite der Print-Medien studiert, vom Stader TAGEBLATT über den SPIEGEL-Wissen, Readers Digest, die Zirkelkorrespondenz, die WELT am Sonntag bis zur Mitgliederzeitschrift der BARMER Ersatzkasse. Alle haben sich mit dem Thema Glück mehr oder weniger auseinandergesetzt. Und ich bin dabei auch zu einem “Glücksforscher” geworden.

Das Glück in reinster und edelster Form kann ich nicht präsentieren, wohl aber viele Erkenntnisse und Ergebnisse meiner Recherchen, die hilfreich sein können. Dennoch gibt es heute ein Highlight: ich habe die Glücksformel gefunden — ja, es gibt sie wirklich, die Glücksformel.

Aber alles der Reihe nach: Zunächst einmal die Frage nach der Herkunft des Wortes Glück. Vor 900 Jahren wurde mit dem mittelhochdeutschen Wort “Gelücke” das gute Ende eines Ereignisses benannt.

Glück ist ein sehr körperliches Gefühl, das Menschen in der Welt offenbar überall gleich empfinden. Das ist durch jüngere Forschung belegt. Das Gefühl entsteht im Gehirn durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Hirnregionen und durch körpereigene Botenstoffe, vor allem Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Sie sind für langfristiges Wohlbefinden entscheidend und heißen deshalb auch Glückshormone.

Dennoch, das Glück ist schwer zu fassen, auch für die Wissenschaft. Ihr Versuch, es umfassend zu erklären, hat viele Antworten hervorgebracht, aber auch Widersprüche. So glauben die einen Wissenschaftler, dass vor allem die Gene entscheiden, ob, wann und wie intensiv ein Mensch Glück empfindet. Die anderen sind überzeugt, es hänge in erster Linie davon ab, was jemand vom Leben erwarte. Und wieder andere halten die Lebensumstände und den Zufall für besonders wichtig. Als sicher gilt aber erstens, dass Glück und Unglück oft sehr eng miteinander zusammenhängen, und zweitens, dass Menschen ihrem Schicksal nicht ausgeliert sind. Sie können sich Zuversicht aneignen, ihr Glück beeinflussen.

Wie kann es sein, fragen sich Heerscharen von Psychologen, Neurologen, Genetikern und Sozialforschern, dass manche Menschen, die alles zu haben scheinen, unglücklich sind – und andere trotz eines Schicksalsschlags ein glückliches Leben führen? Sie suchen nach Antworten auf eine der großen Fragen der Menschheit. Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Und was ist das überhaupt: Glück? Die Suche nach dem Glück ist eine Sehnsucht, die Menschen seit jeher antrieb. In modernen Gesellschaften ist sie zu einem Lebensinhalt geworden.

Die Wissenschaft versucht, das Glück und seine Voraussetzungen zu vermessen. Forscher scannen das Hirn und erforschen die Gene. Seit ein paar Jahren gibt es die Glücksforschung als eigene Wissenschaft. Ihre Ergebnisse, tausende wissenschaftliche Arbeiten werden in der Erasmus-Universität in Rotterdam gesammelt, in der “World Database of Happiness”, der Weltdatenbank des Glücks. Der Amerikaner David Buss hat sich auf dem Gebiet der evolutionären Psychologie spezialisiert. Vor 14 Jahren hat er einen Artikel veröffentlicht, der bis heute als wegweisend gilt. Der Titel lautete: “Die Evolution des Glücks”. Darin erklärt Buss, wie früher die Vorstellung von gutem Leben entstand und warum Menschen sich heute bei der Glückssuche häufig im Weg stehen. Seine Antwort:

“Der Mensch ist noch nicht reif für jene Welt der Millionenmetropolen, der neuen Techniken, der rasend schnellen Verkehrs- und Informationsströme, die er selbst erschaffen hat. Der Mensch funktioniere tief im Inneren noch wie in der grauen Frühzeit der Zivilisation, in der alten Welt kleiner, überschaubarer Stammesgruppen”

Forscher der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität fanden jüngst heraus, dass Facebook seine Nutzer tendenziell unglücklich macht. Mit Fotos von scheinbar tollen Partys, großen Reisen und einem sexy Partner stellen Facebook-Nutzer ihre besten Seiten aus. Ein Ideal, das die Wirklichkeit verzerrt, an dem sich aber andere Nutzer messen. Je öfter sie Facebook nutzen, umso trauriger fühlten sie sich und umso weniger soziale Kontakte hatten sie im wirklichen Leben. “Wer glücklich sein will, der muss wieder lernen, seine eigentliche Umgebung wahrzunehmen”, sagt deshalb der britische Verhaltensforscher Paul Dolan. Bekanntschaften und Freundschaften bestimmen ganz entscheidend mit, ob sich jemand wirklich wohlfühle. “Wir haben eine falsche Vorstellung vom Glück. Deswegen rackern sich die Menschen für den perfekten Job ab, sind ständig online und wollen immer mehr erleben. Den eigentlichen Moment können sie dann aber kaum genießen. Wer ständig einer Vorstellung vom vollkommenen Glück hinterherjagt, macht sich leicht unglücklich. Das passiert vor allem in westlichen Wohlstandsgesellschaften. Denn die Suche nach dem Glück ist dort inzwischen eine Art Fetisch.”

Depressive Menschen haben häufig das Gefühl, mit ihrer Suche nach dem Glück gescheitert zu sein. Sie neigen dazu, negative Erlebnisse und Wahrnehmungen wichtiger zu nehmen als positive. “Die innere Blaupause für das Glücklichsein, das ist, wenn es einem gelingt, immer zuerst die positive Seite der Dinge zu sehen”, sagt der Mediziner Malek Bajbouj ( gesprochen Beibu) von der Charité in Berlin. Wir alle kennen in unserem persönlichen Umfeld Menschen, die behaupten, das Glas sei halbleer, obwohl es noch halbvoll ist.

Im 18. Jahrhundert ist Glück noch untrennbar mit Begehrlichkeiten, persönlicher Leistungsfähigkeit und Belohnung verbunden gewesen. Heute wolle jeder mehr, ohne satt zu werden. Manche Gesellschaften haben sich großen Wohlstand erarbeitet. Zuviel für die Menschen, um glücklich zu werden. Dabei – so glauben die Forscher – könnte es ganz einfach sein. Und es gibt Menschen, die erfahren es auch, wie das folgende Beispiel zeigt:

Katjas blonde Locken schimmern im Sonnenlicht, als sie einen Teller mit frischen Erdbeeren und aufgeschnittener Wassermelone auf einen Holztisch stellt. Ein altes Bauernhaus, ein großer Garten, in dem wilde Blumen wachsen. “Wir sind sehr glücklich hier”, sagt sie. Hier – das meint Altengamme, direkt an der Elbe, mit dem Auto ist es eine gute Dreiviertelstunde bis in die Hamburger Innenstadt. Bis vor zwei Jahren haben sie in St. Pauli gewohnt, sie und ihr Freund, beide Mitte 30 mit einem Sohn. Katja wollte aufs Land ziehen, ihr Freund nicht. Sie hat ihn überredet. “Zum Glück”, sagt er heute, “ich hatte nie dieses Idealbild vom ruhigen Landleben. Es ist aber tatsächlich ideal. Die Ruhe, die Natur und die Gemeinschaft hier.” Es ist ein Leben wie aus der Werbung, das Klischee eines glücklichen Lebens. Entschleunigt, eins mit der Natur, intakte Familie, Freunde, auf die man zählen kann, die am Wochenende zu Besuch kommen und den großen Garten genießen.

Soweit das Beispiel vom Leben auf dem Lande.

Die Wissenschaft ist sich sicher, dass das Leben auf dem Lande weit mehr ist als eine weit verbreitete Sehnsucht. Sie glauben, die Natur mache die Menschen tatsächlich glücklicher. Der Glücksatlas der Deutschen Post bestätigt, dass die glücklichsten Deutschen seit vielen Jahren im Norden leben, dort, wo das Wasser nah ist und das Land weit.

Im Übrigen nutze das Glück nicht nur dem einzelnen, sondern einer ganzen Gesellschaft, glaubt der meistzitierte Glücksforscher, der Amerikaner Ed Diener. Zufriedenheit ist nicht nur wertvoll, weil sie sich gut anfühlt. Sie ist wertvoll, weil sie vorteilhafte Folgen hat. Diener beruft sich auf andere Studien, denen zufolge glückliche Menschen mehr zu geben haben als Unzufriedene, nämlich eine höhere Arbeitsleistung, mehr soziales Engagement. Und sie seien gesünder und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit eine befriedigende und stabile Ehe. Eines gilt als sicher: gute Beziehungen zu Freunden, dem Partner und in der Familie sind sehr wichtig.

Das Umfeld ist der Glücksfaktor, auf den sich Wissenschaftler aller Denkrichtungen einigen können. Es geht nicht darum, wie ´viele Menschen man um sich herum hat, sondern wie gut man sich mit ihnen versteht. Wie nahe man an ihnen ist. Und es hat sehr viel damit zu tun, was man erwartet, von Freunden, der Familie und auch vom Leben.

Namhafte Wissenschaftler glauben, dass das Glück des Menschen eine Frage der Gene ist. Jeder Mensch habe ein genetisch festgelegtes, individuelles Glücksempfinden. Eine an der Universität von Minnesota in den USA laufende Langzeitstudie hat gezeigt, dass rund 50% auf unserer persönlichen Glücksskala der genetischen Veranlagung zuzuschreiben sind. Individuelle Lebensumstände sowie Faktoren, die täglichen Veränderungen unterliegen, sind für eine weitere Verschiebung um 10% auf der Glücksskala verantwortlich. Weil Glück eine schlecht messbare Größe ist, dürfen diese Prozentzahlen nur als grober Leitfaden verstanden werden. Ein Rolle spielt auch, was jeder Mensch für sich persönlich als Glück definiert. Glücksforscher haben herausgefunden, dass glückliche Menschen alle Ereignisse und Erlebnisse in ihrem Leben positiver betrachten als unglückliche. Rechnet man nun den erblichen Glücksquotienten und die von äußeren Faktoren abhängige Situationen ab, dann bleiben noch etwa 40% auf der individuellen Glücksskala, auf die wir innerhalb unseres eigenen Handlungsbedarfes Einfluss haben. Auf diese 40% sollte man sich konzentrieren, mit ihnen kann man das persönliche Glücksempfinden entscheidend verbessern. Studienergebnisse haben ergeben, dass es 4 Hauptbereiche gibt, in denen positive Veränderungen den entscheidenden Beitrag zu unserem persönlichen Glück leisten: das sind die Familie, die Gemeinschaft, die Arbeit und der Glaube.

In einer Umfrage in mehreren europäischen Ländern wurde die gleiche Frage gestellt: Welcher dieser vier Bereiche hat den größten Einfluss darauf, wie glücklich Sie sich fühlen; Glaube, Arbeit, Familie oder Gemeinschaft? Für die Mehrheit von 73% stand die Familie an erster Stelle.

Ich will diese 4 Bereiche nachfolgend nur kurz skizzieren:

In der Familie findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt. Hier werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Forscher sind der Auffassung, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, Liebe geben und empfangen zu können. Nur wenn Menschen in der Lage sind, echte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, können sie wirklich glücklich werden. Wichtig ist, die Beziehung zu Menschen zu suchen und sich Beziehungsangeboten zu öffnen. Das Geben und Empfangen von Liebe muss immer in beide Richtungen gehen.

Die Gemeinschaft der Menschen, die man um sich versammelt – in erster Linie sind das Freunde – kann unser persönliches Glück vergrößern. Dabei reicht es aber nicht, sich nur in der Gesellschaft zu befinden. Damit aus Bekanntschaften und Freundschaften tatsächlich Glück und Freude entstehen können, braucht es Vertrauen und Verlässlichkeit. Wirklich glückliche Menschen pflegen enge Beziehungen; sie haben Leute um sich, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können. Möglicherweise löst die Gegenwart von Menschen, die unsere Neigungen und Interessen verstehen, einen Entspannungsreflex in uns aus, der unser Glücksgefühle fördert. Einsame Menschen, die sich niemandem anvertrauen können, sind in der Regel unglücklich. Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenserwartung. Deshalb lohnt es sich, in Beziehungen zu investieren, die unserm Leben einen Sinn verleihen.

Der dritte Bereich, der Beruf, gibt unserem Leben Sinn und steht in einem engen Zusammenhang mit unserem persönlichen Glück. Wer im Arbeitsleben den Zeiger auf der persönlichen Glücksskala nach oben wandern lassen möchte, sollte vorzugsweise einer Tätigkeit nachgehen, die ihn befriedigt. Der Schlüssel zum Glück ist ein Beruf, für den wir nicht nur die Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, sondern der uns auch begeistert. Erst dann kann sich die berufliche Tätigkeit sowohl wertschöpfend auf das eigene Leben als auch wertschöpfend auf das Leben anderer Menschen auswirken.

Der vierte Bereich ist der Glaube. Auch im scheinbar so nüchternen 21. Jahrhundert gibt es noch viele Menschen, die ihr Glaube und ihre Spiritualität glücklicher machen. Gläubige Menschen sind in der Regel Teil einer Gemeinschaft – und gemeinsame Erfahrungen im Kreis von Gleichgesinnten erzeugen positive Gefühle. Zahllose wissenschaftliche Studien und Umfragen haben gezeigt, dass diejenigen Gruppen, in denen sich Menschen aus religiösen Gründen zusammenfinden, glücklicher waren als solche, in denen Glaube keine Rolle spielte.

Der Freimaurer und Bruder Jan von Berg, Hypnotherapeut, Coach und Buchautor, stellt in der Zirkelkorrespondenz ( Februar 2014) den Weg zum Glück über einen 7-Stufen-Plan dar. Ich will ihn nachstehend verkürzt vorstellen:

  1. Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn. Glauben, idealistische Ziele, Visionen gehören dazu – und damit auch die Arbeit. Denn nicht die Freizeit, sondern die Arbeit macht glücklich.
  2. Nehmen Sie Herausforderungen in Ihrem Leben an, die Sie bewältigen können. Die Hirnforscher würden sagen: Ich wünsche Ihnen lösbare Probleme. Wenn Sie eine Herausforderung erfolgreich bewältigen, dann werden Sie glücklich sein.
  3. Geben Sie! Man wird glücklicher, wenn man gibt. Helfen Sie anderen, engagieren Sie sich ehrenamtlich. Das ist wohltuend für die Seele und das Glücksgefühl. Viele von uns hier, die sich schon ehrenamtlich engagieren, wissen das.
  4. Achten Sie auf soziale Kontakte – sie sind sehr wichtig. Wer einsam ist, ist nicht glücklich. Sie können z.B. in Ihrer Familie dieses Glück finden. Aber auch in Gemeinschaften, in sozialen Einrichtungen, karitativen Organisationen, in Sportvereinen und vielen anderen Zusammenschlüssen, so auch in der Freimaurerei – die wollen wir nicht vergessen.
  5. Glauben Sie. An wen oder was auch immer. Gläubige Menschen sind zufriedener, weil sie selbst in schwierigen Zeiten eine Stütze haben.
  6. Entwickeln Sie Selbstvertrauen. Selbstbewusste Menschen sind von sich aus heraus glücklich, weil sie nicht auf Feedback von außen angewiesen sind. Die Meinung anderer ist nicht ausschlaggebend.
  7. Achten Sie auf Ihre Gedanken und trainieren Sie positives Denken. Es wird Ihre innere Realität verändern – und später auch die äußere.

Dieser letzte Punkt – so der Autor – ist so wichtig, weil er im Kern auf die alten Weisheiten der Alchemie zurückgreift: “Verwandle Unedles in Edles”. Bezogen auf unser Thema “Lerne Probleme in Glück zu verwandeln”. Das einzige Hindernis liegt im Glauben daran, dass es funktioniert. Menschen, die nicht an sich selbst glauben, fehlt die Basis für den Glauben an Erfolg, an das Glück, an eine bessere Welt.

Eine unverzichtbare Grundvoraussetzung für “ein glückliches Leben” ist übrigens die Gesundheit. Aktuelle Studien zeigen: 80% der Deutschen bewerten Gesundheit als das höchste Gut zum Glück. Damit liegt sie als Glücksfaktor – verständlicherweise – absolut an der Spitze.

Prof. Karlheinz Ruckriegel lehrt Volkswirtschaftslehre an der TH Nürnberg und ist renommierter Glücksforscher. In seinem Beitrag “Streben nach Glück” in der Mitgliederzeitung der BARMER GEK zeigt er 6 Wege zum Glück auf. Prof. Ruckriegel hat auf die Frage: “Kann es sein, dass wir es verlernt haben, glücklich zu sein?” wie folgt geantwortet:  “Beim Glücklichsein geht es um das subjektive Wohlbefinden, um die generelle Zufriedenheit mit dem Leben. Hier findet eine Abwägung zwischen dem, was man will, und dem, was man hat, statt. Es geht also um das Urteil, das Menschen fällen, wenn sie ihr Leben bewerten, wobei es hier entscheidend auf die Ziele ankommt, die Menschen für sich selbst setzen.”  Und auf die abschließende Frage: Ist jeder seines Glückes Schmied? Und wie funktioniert das in der Praxis?, antwortete er: “Wir können schon einiges tun. Wichtig ist, sich realistische und werthaltige Ziele zu setzen, damit man auf dem richtigen Weg ist. Um das Positive um uns herum stärker wahrzunehmen, sollte man für einige Zeit ein Dankbarkeitsbuch schreiben, also zwei- bis dreimal die Woche für einige Monate sich drei positive Dinge aufschreiben, die sich tagsüber ereignet haben, für die man dankbar ist. Dann ändert sich auch die Sichtweise auf das tägliche Leben.”

Im Grunde wäre diese Antwort, als Apell an uns alle, ein wunderbarer Abschluss gewesen, aber es gibt noch einige Anmerkungen zu einem Punkt, den ich zwar anfänglich erwähnt, aber dazu noch nichts ausgeführt habe: die Glücksformel. Ich werde sie nur kurz streifen. Also – die Glücksformel – es gibt sie wirklich.  Sie lautet:

Glück = P + (5xE) + (3xH).

Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. So definiert auf jeden Fall der britische Wissenschaftler Peter Cohen dieses Wohlgefühl. Dabei steht

  • P für persönliche Eigenschaften wie Lebenseinstellung und Anpassungsfähigkeit.
  • E bedeutet Existenz, darin enthalten sind Gesundheit, finanzielle Stabilität und Freundschaften.
  • Und H heißt höhere Werte wie Selbstwertgefühl, Erwartungen und Sinn für Humor.

So ein Quatsch, denken sicherlich viele. Warum sollte man Glück berechnen können? Der Psychologe behauptet, dass es weniger mit äußeren Umständen zu tun hat. Vielmehr sei Glück eine Frage der Persönlichkeit. Und wenn man vier Fragen zu den Themen beantwortet, könne man sein Glück sogar in Zahlen fassen.

Aristoteles sah das damals ganz pragmatisch, Für ihn galt als glücklicher Mensch, wer sein Leben tugendgemäß verbrachte und noch dazu mit äußeren Gütern ausreichend gut ausgestattet war. Und kann Glück von Dauer sein? Wie Reichtum oder Weisheit? Schon Konfuzius sagte „wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern” Ist der Weg also das Ziel? Der Weg zum Glück ist für jeden anders. Epikur, der Glücksphilosoph der Antike sieht dass ganz bescheiden, denn für ihn bedeutet Glück schon einfach: Schmerzfreiheit. Solange es uns nicht schlecht geht, wird es uns höchstwahrscheinlich gut gehen! Denn Glück funktioniert leider nun mal nur mit seinem Gegenpart. Ohne Nacht können wir uns auch über keinen Sonnenaufgang freuen! So wie es ein bekannter Fußballer auf den Punkt brachte:„Zuerst hatten wir kein Glück aber dann kam auch noch Pech dazu.”

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