Die Atmosphäre Freimaurerei

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Freimaurerei war immer“, schrieb Lessing, und so lange von ihr die Rede ist, gibt es die Diskussion, was eigentlich Freimaurerei ist.

Die einen sehen in ihr eine philosophische Schule, andere einen humanistischen Kampfbund. Ein ehemaliger Großmeister der Vereinigen Großlogen von Deutschland bezeichnete sie in einer Fernseh-Talkrunde als „eine Art Männerkirche“, andere sehen sie als Stätte moralischer Erziehung. Manche erwarten in der Freimaurerei eine Ersatzkarriere oder gar Geschäftsmöglichkeiten, andere hoffen auf Inspiration und geistigen Austausch. Wieder andere suchen Gleichgesinnte und finden Freunde fürs Leben. Was für den einen ein in der Antike wurzelnder Mysterienbund ist, mag für den anderen ein zeitgemäßer ethischer Lebensstil sein.

Mit welchen Vorstellungen auch immer man sich der Freimaurerei nähert, welche Erwartungen und Hoffnungen man in sie setzt, sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Atmosphäre. Zu meinen Betrachtungen inspirierte mich das Buch „Der Atemkreis der Dinge. Einübung in die Philosophie der Korrespondenz“ des Philosophen und Freimaurers Reinhard Knodt.
„Atmosphäre“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Atemkreis“. Eine auf den ersten Blick merkwürdige Bezeichnung, die auf den zweiten Blick auf etwas Lebendiges deutet, und das ist sie auch. Den Begriff Atmosphäre kennen wir vor allem im Zusammenhang mit Räumen und Situationen: Eine angespannte Atmosphäre, eine heimelige, eine bedrohliche, eine friedvolle, eine festliche Atmosphäre und viele mehr.

Doch was macht eine Atmosphäre eigentlich aus?

Beim Entstehen einer Atmosphäre wirken viele Faktoren zusammen. Sie ist viel mehr als ein durch Architektur und Einrichtung, Dekoration und Musik, Düfte und Geräusche, Licht und Schatten gestimmter Raum. Eine Atmosphäre ist nichts Statisches, sondern in erster Linie ein Geschehensverlauf, und das Entscheidende in diesem Geschehen sind die Menschen! Ihr Agieren und Interagieren, vor allem ihr Korrespondieren entscheiden über die Qualität der Atmosphäre.

Doch was bedeutet der Begriff „Korrespondieren“ im menschlichen Miteinander? Er bedeutet das Hin und Her zwischen Menschen, die Wirkung aller Elemente des Zusammenseins. Wenn wir spielen oder arbeiten oder musizieren oder tanzen oder etwas erzählen oder streiten oder uns lieben, dann korrespondieren wir. Selbst wenn wir nur schweigend mit anderen in einem Raum sind, korrespondieren wir nonverbal. Korrespondenz ist viel mehr als Kommunikation, sie erschafft erfühlbare, erlebbare Atmosphären. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir in das Geschehen eingreifen, allein unsere Anwesenheit, unsere Teilhabe, unsere Präsenz erzeugt Korrespondenz und beeinflusst die Atmosphäre. Dabei mag es erstaunen, dass Harmonie für das Zusammensein, das Zusammenleben keine Voraussetzung ist. Wenn wir „korrespondieren“, geht es zuerst einmal um Toleranz und Akzeptanz. Nicht Differenz, nicht Abgrenzung schafft eine gedeihliche Atmosphäre, sondern Korrespondenz, das Wirken miteinander.

Knodt sieht die Philosophie pragmatisch und fordert von ihr Alltagstauglichkeit: „Dass wir zusammen sind, ist das Einzige, dessen wir uns sicher sein können, womit Philosophen in einer Welt des ständigen Wandels auch eine sich ständig wandelnde Aufgabe haben, nämlich die Formen und Phänomene unseres Zusammenseins so zu beschreiben, dass der Weg zur Weisheit auch immer wieder neu geöffnet wird.“

Und: „Vor dreitausend Jahren meinten die Philosophen noch, über den Kosmos sprechen zu können, dann nur noch über die Götter, schließlich nur noch über das Sein, dann über die ewige Wiederkehr des Gleichen und heute schließlich reden wir nur noch über das allgemeine Geschehen, also den Strom der Korrespondenzen, zu dem wir selber gehören.“

Die Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts hat sich immer mehr der Methodik der Teilchenphysik genähert und jede Regung und jeden Begriff in der Dekonstruktion in seine atomaren Bestandteile zerlegt. Doch welch einen Vorteil bringt der gedankliche Teilchenzertrümmerer der Diskursphilosophie für unser Leben? Führt dies nicht zurück zu Fehlschlüssen wie das Postulat „Denken ist Rechnen mit Worten“ von Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert?

Welchen Erkenntnisgewinn oder welche Zunahme an Lebensqualität erreichen wir dadurch? Kann man den Sinn des Lebens wirklich beim Blick durchs Elektronenmikroskop finden?  Da erscheint mir der philosophische Ansatz der Atmosphären doch konstruktiver und menschlicher.

Die Tempelarbeit als Keimzelle der freimaurerischen Atmosphäre

Die Freimaurerei ist eine sehr komplexe Atmosphäre mit unterschiedlichen Aspekten und Stimmungen. Man kann sie mit der Architektur eines Logenhauses vergleichen, in dem es einen Tempel gibt, einen Clubraum, ein Beamtenzimmer, einen Vorraum mit Theke und mehr. All dies macht die Loge aus, diese ineinandergreifenden Atmosphären bilden unsere Wahrnehmung der Loge und prägen unsere Gefühle für sie.

Die Keimzelle freimaurerischer Atmosphären ist die Tempelarbeit. In ihr wurzeln die Grundlagen und Verhaltensmuster, sie ist quasi der Kompass für freimaurerisches Verhalten. Von der Begegnung auf der Winkelwaage bis zum Auftrag, auch draußen in der Welt zu wirken. Bei der Tempelarbeit wird die Freimaurerei zum Fest. Sie ist zugleich Bühne und Thema, Umgebung und Inhalt, Mittel und Zweck, Weg und Sinn.

Stellen wir uns in unserem „Kopfkino“ ein solches Tempelfest vor: Eine exklusive Gesellschaft trifft sich festlich gekleidet im Vorraum. Der Zutritt ist nur für Eingeweihte, die sich vor Betreten des Raumes als solche zu erkennen geben müssen. Was nun folgt, unterscheidet sich elementar vom Alltag jedes einzelnen Besuchers. Mit wenigen Schritten ist man in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit, in einem anderen Lebensrhythmus, in einer anderen Atmosphäre. Einrichtung, Beleuchtung und Symbole wechseln je nach Thema und Grad der Arbeit.

Ritualisierter Umgang untereinander mit merkwürdigen Anreden und in einer eigenen Sprache, fern eines Alltags- oder Fachjargons. Während des gesamten Ablaufs ein dramatischer Wechsel von Musik und Text. Es ist, als wären wir inmitten einer Oper oder eines Dramas, und zwar nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkende, als Teil der Inszenierung. Auch wenn wir scheinbar nur passiv in den Kolonnen sitzen, korrespondieren wir mit dem Ritual, sind wichtiger, lebendiger Teil davon. Allein durch unsere Anwesenheit tragen wir zur Atmosphäre und zum Gelingen des Rituals bei.

Danach findet ein gemeinsames Mahl statt oder wir werden gleich in die Alltagswelt entlassen. Doch es dauert eine Weile, bis wir dort wieder ankommen. Denn noch klingt etwas in uns nach, wir sind anders gestimmt, etwas von uns ist immer noch Teil der gerade erlebten Atmosphäre der Tempelarbeit. Diesen Teil können wir mitnehmen und so den Gehalt des Rituals in unserem Alltag wirken lassen.

Die freimaurerische Arbeit vor den Tempelpforten

In den meisten Ländern treffen sich die Brüder nur zu Tempelarbeiten, häufig mit anschließender Tafel. In Deutschland gibt es darüber hinaus mehr Treffen, die so genannten Club-, Bruder- oder Werkabende. Das „Wo“ ist von Loge zu Loge unterschiedlich — von einem Raum im Logenhaus über ein Nebenzimmer in einem Lokal bis zu Treffen in Privaträumen von Brüdern. Der Dresscode ist im Unterschied zur Tempelarbeit nicht festlich, sondern lässig, das, was man heute „casual“ nennt. Die Form der Veranstaltung ist nicht ritualisiert, allerdings klar strukturiert mit Versammlungsleiter, Diskussionsleiter, Referent, manchmal auch mit geladenen Gästen und Damen, Interessierten und Suchenden.

Dass in dieser gegenüber der Tempelarbeit anderen Ausgangsituation eine andere Atmosphäre herrscht, ist logisch und konsequent. Aber was macht diese dennoch zu einer freimaurerischen Atmosphäre?

Aus Rückmeldungen von Besuchern ist immer wieder festzustellen, dass man beeindruckt ist vom Umgangston, von der Herzlichkeit des Miteinanders und von der Offenheit gegenüber Fremden — also von der Freundlichkeit und Menschlichkeit.
Inhaltlich sind diese Logenabende Werkstätten, die durch Vorträge Wissens- und Erkenntnisgewinn bringen und inspirieren sollen.

Entstanden ist diese besondere Form der deutschsprachigen Freimaurerei aus den so genannten „Übungslogen“ der Loge „Zur Wahren Eintracht“ im Orient Wien in den 1780er Jahren. Diese gingen auf eine Initiative von Ignaz von Born zurück, jenem Stuhlmeister, der für Mozart und Schikaneder das Vorbild für die Figur des Sarastro in der Zauberflöte war. Schon damals legten die Brüder großen Wert auf die Themenvielfalt. Sie reichte von den „Mysterien der Ägyptier“ über die „Kabala der Hebräer“ bis zu den „Einflüssen der Maurerey auf die bürgerliche Gesellschaft“ und die Beweisführung, dass „die Fröhlichkeit sich mit dem Geiste des Freymaurers nicht nur vertrage, sondern auch eine unzertrennliche Gefährtin desselben sey“.

Eine Atmosphäre des Vertrauens

Eine freimaurerische Atmosphäre entsteht immer dann, wenn zwei oder mehr Brüder zusammentreffen. Hier kann man die besondere Verbundenheit der Bruderschaft spüren, den respektvollen Umgang genießen. Offenheit, Verschwiegenheit und Ehrlichkeit sind die Basis von Freundschaften, bei denen man sich im Gefühl des Grundvertrauens geborgen fühlt.
Doch wehe, wenn diese Atmosphäre durch Unaufrichtigkeit und Vertrauensbruch vergiftet wird! Dann merkt man schnell, dass sich die Antwort auf die rituelle Frage „Woran soll ich erkennen, dass Du ein Freimaurer bist?“ keineswegs auf die formalen Äußerlichkeiten beschränken darf.  Um wirklich als Freimaurer erkannt, sprich anerkannt zu werden, bedarf es mehr als ein paar geheimnisvoller Worte, eines Zeichens und eines Handgriffs.

Wer bei seiner Aufnahme gelobt, das, was einem ein Bruder anvertraut hat, verschwiegen zu bewahren, wer dieses Gelöbnis bei seiner Beförderung zum Gesellen und bei seiner Erhebung zum Meister zweimal feierlich wiederholt und bekräftigt und dieses dann bricht, disqualifiziert sich als Freimaurer. Solch ein Vertrauensbruch schafft berechtigtes Misstrauen und vergiftet nachhaltig die Atmosphäre. Das so verspielte Vertrauen wiederherzustellen, ist nahezu unmöglich. Die Vorstellung, dass man in einem solchen Fall nur miteinander reden müsse, um die Probleme zu lösen und automatisch einen Konsens zu erzielen, ist ein fataler Irrtum. Kommunikation wird hier lediglich zum Austausch von Standpunkten — A sagt A und B sagt B und das Resultat ist Null. Das Ergebnis ist in der Regel, dass sich die Fronten weiter verhärten. Es hilft nicht, den eigenen Standpunkt darzulegen, sondern nur wirkliche Korrespondenz, das aufeinander Eingehen, Toleranz und Akzeptanz. Es ist der Moment, wo interne Versammlungen der Loge zu einem echten Prüfstein für das brüderliche Miteinander werden. Hier entscheidet sich, welche Art von Atmosphäre wir wollen: Die Atmosphäre einer Freimaurerloge oder die Atmosphäre einer Stadtratssitzung?

Nicht draußen in der Welt, sondern hier, im internen Rahmen findet die erste Bewährung des Freimaurers statt. Hier lauern die Gefahren der Profanisierung und der Vereinsmeierei. Hier entscheidet sich, wer der Loge dienen will und wer dem Irrglauben verfällt, dass ein Amt Macht über andere verleiht und in erster Linie schmückt. Hier gilt das Gebot der Achtsamkeit — Achtsamkeit auf sich selbst und auf die Brüder. Hier ist der Ort, zur rechten Zeit zu warnen: „Zurück, ein Abgrund!“ Hier gilt es, auch einmal klare, deutliche Wort auszusprechen. Nur so können wir die Chance nutzen, die uns die geschützte Atmosphäre der Loge bietet, und zur rechten Zeit Wegzeichen setzen und Weichen stellen.

Bei all dem kann uns das freimaurerische Licht helfen, jenes Licht, das wir bei unserer Aufnahme empfangen durften.
Dieses Licht leuchtet nicht, damit wir uns in ihm sonnen, vielmehr ist es ein Arbeitslicht! Es hilft uns, die Dinge schärfer zu sehen, um sie besser zu erkennen. Dadurch kann sich das Denken zum Tun wandeln.
Die „Atmosphäre Freimaurerei“ ist hochkomplex und, wie sich in der Praxis zeigt, auch äußerst fragil. Wenn wir das Potenzial dieser Atmosphäre nutzen, wenn wir in ihr achtsam korrespondieren, können darin großartige Ideen und Dinge entstehen. Zum Nutzen der Loge, zum Nutzen der Gesellschaft und für uns selbst.

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