Licht als Metapher der Aufklärung

Foto: Tanja Richter / Pixabay

Der Br. Hans-Hermann Höhmann machte sich im Rahmen einer Zeichnung zur Verpflichtung des neuen Beamtenrates Gedanken zum Licht, das als Metapher eine bedeutende Rolle in der Freimaurerei spielt.

Die Humanistische Freimaurerei, zu der sich die Loge „Ver Sacrum“ seit ihrer Gründung vor 70 Jahren bekennt und in deren Sinne sich unsere Brüder Beamten heute neu oder wieder verpflichten, beruht auf vier, allesamt aus der Geschichte unseres Bundes ableitbaren Säulen:

  • Freundschaft und Geselligkeit
  • Ethische Orientierung und ethische Diskurse
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen
  • Einübung in Lebenskunst und moralische Bewährung im Alltag

Das Ritual konstituiert dabei den spirituellen Erfahrungsraum der Loge. Es schafft im symbolischen Raum unserer Tempel-Werkstatt auf nachhaltige Weise eine symbolische Zeit, die einerseits Ruhe, Gelassenheit und Nachdenklichkeit ermöglicht, andererseits zugleich unsere Persönlichkeit und die Kultur unseres Miteinanders im Sinne unserer Werte fördert, wozu vor allem die Arbeit mit Symbolen und Metaphern dient.

Zu den bewusst gewählten Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören vor allem vier Gruppen von Sprachbildern oder auch Metaphernfeldern, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in vielen entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden.

Es sind dies die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „brüderliche Liebe“, die zu immer neuen Sinnstiftungen und Konzepten für die freimaurerische Praxis führen. Dabei ist freilich stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr auf sinnvolle Weise in die performative Gesamtstruktur des Rituals einzubinden sind.

Das Ritual ist ein Gesamtkunstwerk und wir vergessen zuweilen, dass seine Wirkung vom harmonischen Zusammenklang aller seiner Elemente abhängt, von der Art und Weise vor allem, wie Sprechen, Schweigen, Bewegungen und Musik miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt sind.

Mir geht es heute – dem Anlass entsprechend – um das Metaphernfeld „Licht“ mit den vielen, uns allen vertrauten Einzelmetaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational konnotiert (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell verstanden (im Sinne von „Zuversicht“ und „innerer Erleuchtung“).

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:

  • Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.
  • Lasst uns diese Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.
  • Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.
  • Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.
  • Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung.

In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so fordert es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten, und das Ritual erläutert weiter: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass – so Lessing wörtlich – „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Und wenn ich von „Licht“ spreche, dann bin ich bei einem wesentlichen Element der Frei­maurerei, dann bin ich bei Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, das bringt ihre Benennung im Englischen – Enlightenment – und im Französischen – Lumières – viel­leicht noch deutlicher zum Ausdruck als ihre deutsche Bezeichnung.

Viele Aufklärer gehörten dem Freimaurerbund an, in England, in Frankreich, nicht zuletzt aber auch in Deutschland, wo vor allem an Gotthold Ephraim Lessing und das Weimarer Dreigestirn Wieland, Herder und Goethe zu denken ist.

Aufklärung gehört aber nicht nur zur freimaurerischen Tradition, Aufklärung ist auch ein wichtiger Bestandteil und Zielpunkt der Freimaurer in der Gegenwart.

Stellen wir also die alte Frage „Was ist Aufklärung“ und fragen wir dann weiter, was Aufklä­rung heute bedeutet.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der Begriff der Aufklärung untrennbar an die Meta­pher des Lichts gebunden ist (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täu­schung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings: Unumstritten war Aufklärung nie. Dass die Vernunft zu weit gehen, sich über­schätzen, selbst dogmatisch werden kann – dieser Verdacht begleitete die Aufklärung von ihrem Anbeginn an.

Als der Berliner Pfarrer und Freimaurer Johann Friedrich Zöllner im Jah­re 1783 in der Berlinischen Monatsschrift die berühmt gewordene Frage „Was ist Aufklä­rung“ stellte – auf die dann – neben anderen – Immanuel Kant seine berühmten Antworten gab –, da stellte er seiner Frage ein kleines Gedicht voran, das aus seiner Skepsis keinen Hehl machte. Das Ge­dicht trägt den bezeichnenden Titel „Der Affe – ein Fabelchen“ – und liest sich folgender Maßen:

Ein Affe steckt‘ einst einen Hain von Zedern nachts in Brand, und freute sich dann ungemein, als er’s so helle fand. „Kommt Brüder, seht, was ich vermag; Ich, – ich verwandle Nacht in Tag!“ Die Brüder kamen groß und klein, bewunderten den Glanz und alle fingen an zu schrein: „Hoch lebe Bruder Hans! Hans Affe ist des Nachruhms werth, Er hat die Gegend aufgeklärt.“

Johann Friedrich Zöllner

Zöllner gibt mit seinem kleinen Gedicht zu bedenken, dass man die Welt – scheinbar – auch dadurch er­leuchten kann, dass man sie in Brand steckt, und so lässt sich diese Fabel durchaus als erste Vari­ante jener „Dialektik der Aufklärung“ verstehen, die Theodor Adorno und Max Horkheimer im 20. Jahrhundert konstatierten: Eine rabiate, instrumentell verkürzte und losgelassene Ver­nunft kann in ihr Gegenteil umschlagen. Die Vernunft erkrankt, wenn sie zu einer „instrumentellen“ Vernunft wird und zu einem von einer wertfreien oder gar wertfeindlichen Zweck-Mittel-Logik gesteuerten Herrschaftsinstrument verkommt.

Wir werden darüber gleich noch weiter nachdenken, doch noch sind wir nicht soweit. Denn in derselben zuvor zitierten Nummer der Berlinischen Monatsschrift des Jahrgangs 1783 versuchte sich kein geringerer als Immanuel Kant an der Beantwortung der von Zöllner gestellten Frage nach Wesen und Struktur der Aufklä­rung.

Die Bestimmung, die Kant in seiner Zuschrift der Aufklärung gegeben hat, erscheint bis heute so gültig, so griffig, so klar, und auch so freimaurerisch, dass sie unverzichtbar ist für jede weitere Überlegung. Hören wir deshalb hin und folgen wir wieder einmal dem Gedankengang des Königsberger Philosophen:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! (Wage es, weise zu sein!) – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben – und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.“

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es im Aufnahmeritual der Großloge AFuAM, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Ha­rald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annähe­rung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Eine der wirklich dramati­schen Gegenwartsfragen lautet doch zweifellos: Was, generell betrachtet, sind Fakten in der heutigen Medien­gesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Be­wusstsein längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesell­schaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alter­native Fakten“ (sprich Vorurteile oder gar Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, dann brauchen wir ebenso dringend wie eine feste Wert-orientierung genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all unserer Gegenwartsprobleme sowie eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen und der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Herbert Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahr­heit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer der Gegenwart.

Gehen wir also an die Arbeit meine Brüder im Lichte der Aufklärung aber auch mit jener Bescheidenheit innerer Erleuchtung, die verhindert, dass aus Aufklärung ein Fetisch wird, ein Schlagwort oder eine Ideologie. Bescheiden zu sein, gründlich im Nachdenken und redlich in der Vermittlung unserer Auffassungen, ist nicht nur ratsam für jeden Einzelnen von uns, es könnte sich auch als die entscheidende Qualität der Freimaurerei erweisen, wenn es darum geht, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Orientierung zu leisten in einer unübersichtlich gewordenen Welt.

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Auf der Flucht – Was geht uns das an?

Immigration emigration migration concept, paperboat with meeples

Der nachfolgende Text entstammt der Zeichnung, wie der Vortrag im Rahmen einer rituellen Arbeit heißt, anlässlich des 180. Stiftungsfestes der Loge “Furchtlos und Treu”. Am Beginn der Reise nach Stuttgart stand eine Bitte: “Lieber Bruder Hans-Hermann – so hieß es – wir haben folgendes Thema als Anliegen an dich: Millionen Menschen kommen nach Europa und Deutschland, wie stehen wir als Freimaurer dazu? Viele werden an unserer Tür anklopfen.”

Und ich habe geantwortet: Einverstanden. Mein Thema heißt:

Auf der Flucht – Was geht uns das an?
Die Flüchtlingsproblematik und der Weltbund der Humanität

Ja, meine Brüder: Was geht uns das an?

Ich meine, es geht uns gründlich an, als Menschen, als Bürger der ersten gelungenen Demokratie in Deutschland und auch als Brüder Freimaurer.

Denn der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft. Von der Art und Weise, wie die Freimaurerei heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgeht, hängt die Zukunft des Bundes ab: Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche Ernst nehmen.

Allerdings: eine flächendeckende freimaurerische Antwort auf die mir gestellte Frage gibt es nicht. Denn es handelt sich bei dem, was heutzutage verkürzend gern die Flüchtlingsproblematik genannt wird, um eine sehr komplexe und interdependente Problematik mit vielen Aspekten, es geht um ein schwer zu entwirrendes Knäuel von Flucht, Asyl, Migration und Integration, von Innen-, Europa- und Weltpolitik, von Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten. Und beides: Dimension der Aufgabe und Möglichkeiten, sie zu lösen, sind nicht starr. Die Lösungsmöglichkeiten insbesondere hängen ja sehr von unserer Bereitschaft ab, Lösungsmöglichkeiten ausfindig zu machen und zu nutzen. Wenn wir starr sind und uns verweigern, sind wir mit unserem Latein schnell am Ende.

In Anbetracht all dieser Gesichtspunkte muss sich der Redner der Großloge, selbst wenn er Politikwissenschaftler ist, vor Schnellschüssen und Gemeinplätzen hüten und auch davor, unter die schrecklichen Vereinfacher zu geraten, zumal es von solchen ja schon reichlich viele gibt.

Demokratie ist ein offenes System. Was richtig und möglich ist in der Politik, steht in keiner Weise a priori fest. In der Demokratie ist politisches Denken und Handeln immer perspektivisch, es ist prinzipiell ergebnisoffen, und es ist das Wechselspiel zwischen politischen Gruppen, Interessen und Überzeugungen, von Zielvorstellungen und Sachverstand, in dem um effektive und effiziente Lösungen gerungen wird. Und da gilt zunächst auch hier die von Euch zum Wahlspruch Eurer Loge auserkorene These von Karl Jaspers: „Niemand hat die Wahrheit, wir alle suchen sie.“

Trotzdem will ich Überlegungen darüber anstellen, ob es nicht trotz aller Komplexität der Flüchtlingskrise gemeinsame Überzeugungen der Brüder Freimaurer geben könnte oder sollte, vielleicht gar schon gibt, und ich will mir Gedanken darüber machen, inwieweit dabei spezifisch freimaurerische Denkweisen und Handlungsformen vorstellbar sind.

Als Ausgangspunkte meiner Überlegungen zur Flüchtlingsproblematik wähle ich einige Feststellungen unseres Bundespräsidenten. Beim Festakt zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 in Frankfurt am Main führte Joachim Gauck u. a. folgendes aus:

„Der Empfang der Flüchtlinge im Sommer dieses Jahres war und ist ein starkes Signal gegen Fremdenfeindlichkeit, Ressentiments, Hassreden und Gewalt. Und was mich besonders freut: Es ist ein ganz neues, ganz wunderbares Netzwerk entstanden – zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Es haben sich auch jene engagiert, die selbst einmal fremd in Deutschland waren oder aus Einwandererfamilien stammen. Auf Kommunal-, Landes- wie Bundesebene wurde und wird Außerordentliches geleistet. Darauf kann dieses Land zu Recht stolz sein und sich freuen.

Und dennoch spürt wohl fast jeder, wie sich in diese Freude Sorge einschleicht, wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird. Das ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Tatsache ist: Wir tun viel, sehr viel, um die augenblickliche Notlage zu überwinden. Aber wir werden weiter darüber diskutieren müssen: Was wird in Zukunft? Wie wollen wir den Zuzug von Flüchtlingen, wie weitere Formen der Einwanderung steuern – nächstes Jahr, in zwei, drei, in zehn Jahren? Wie wollen wir die Integration von Neuankömmlingen in unsere Gesellschaft verbessern?“

Joachim Gauck spricht hier einen grundlegenden Widerspruch an, ein Dilemma, wie er sagt, dem wir in der Tat nicht entgehen können und das es zu reflektieren gilt: Die Werte, die unserer politischen Ordnung zugrunde liegen, die politische Kultur des Grundgesetzes mit dem Recht auf Asyl als explizitem Bestandteil, die Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft freier Völker nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, schließlich auch die im Kettenlied der Freimaurer ausgedrückte alte Hoffnung, „dass das menschliche Geschlecht eine Bruderkette werde, stark durch Wahrheit, Licht und Recht“: All das fordert Offenheit und Hilfe für in Not geratene Menschen, wo immer sie sind und woher sie auch kommen, das heißt jetzt vor allem für die Menschen, die aus Verfolgung, Krieg und lebensbedrohender Not nach Deutschland kommen, auch wenn sie nicht nur vorübergehend physische und materielle Sicherheit suchen, sondern bei uns heimisch werden wollen.

Doch ein Zustrom ohne Grenzen begrenzt die Möglichkeiten, die uns für die Lösung der damit verbundenen Probleme zur Verfügung stehen, und der derzeitige Stand des Flüchtlingsproblems verlangt von uns, das notwendige Gleichgewicht zu finden zwischen der Notwendigkeit einer wirksamen Hilfe und besonnenen Integration auf der einen und der Sicherung der erforderlichen Bedingungen für eine stabile, von der breiten Mitte der Gesellschaft getragene Weiterentwicklung der deutschen Demokratie auf der anderen Seite.

Um ein Begriffspaar des großen Soziologen Max Weber aufzugreifen: Gesinnungsethik und Verantwortungsethik müssen auch beim Flüchtlingsproblem zusammenkommen. Gesinnungsethik erfordert Empathie, Offenheit und Hilfe – Verantwortungsethik lässt dabei aber auch nach dem Machbaren und Verkraftbaren, nach dem Vernünftigen fragen.

Von Weber stammt auch der Hinweis, dass es vor allem drei maßgebliche Qualitäten sind, die einen guten Politiker (und eine gute Politik) auszeichnen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

  • Leidenschaft im Sinne des unermüdlichen Einsatzes für die als richtig erkannte Sache,
  • Verantwortlichkeit gegenüber dieser Sache und den damit verbundenen Menschen als – so Weber – Leitstern des Handelns und
  • Augenmaß als unverzichtbare Fähigkeit, vor dem und beim politischen Handeln die Strukturen der Wirklichkeit mit – so wiederum Weber – innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, nicht zuletzt, um dem zu entgehen, was der Autor im gleichen Text mit dem Begriff sterile Aufgeregtheit beschreibt und kritisiert.

Was Weber hier mitteilt, sind nun genau die Eigenschaften, die man sich für den Freimaurer wünscht: Zunächst, den Flüchtlingen praktisch zu helfen, materiell und durch persönlichen Einsatz, furchtlos und treu, ist eine Aufgabe für uns alle. Gewiss, da mag der eine oder andere von uns besorgt fragen: aber sind nicht Betrüger unter denen, die um Hilfe bitten, oder vielleicht gar aktuelle oder potentielle Terroristen? Und sicherlich ist das auch so, und selbstverständlich muss dagegen mit den Mitteln des Rechtsstaats und der öffentlichen Ordnung konsequent vorgegangen werden.

Aber erlaubt dies einen Generalverdacht, mit dem alle überzogen werden? Muss da nicht genau hingeschaut und gründlich differenziert werden? Könnte es nicht sein, dass bis an den Rand der Hysterie übertrieben wird, wenn – so hörte ich neulich gar in einer Loge – inzwischen der Selbstmord Deutschlands eingeleitet wurde? Und was die Flüchtlinge betrifft: Ist nicht jeder von ihnen zunächst einmal der „bloße Mensch“, von dem Lessing spricht? Lessing, wenn er sein Alter Ego Falk sagen lässt, dass „jede Glückseligkeit des Staates, bei welcher, so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, Bemäntelung der Tyrannei ist“, und dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen – zur Absicht gehabt hätte, sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Auch hier – wie nicht selten anderswo – hätte der Freimaurer der Versuchung zu widerstehen, seine Wertgrundlagen wie ein Taxi zu verwenden, in das man bei Bedarf ein- und aussteigen kann.

Außer persönlich zu helfen, sollte sich der Freimaurer – einzeln oder gemeinsam mit seinen Brüdern – dem gesellschaftlichen Diskurs stellen, dem Gespräch auch mit den Menschen, die zu uns kommen, über ihre Schicksale, ihre Erwartungen, ihre Potenziale, die Bereicherung, die sie uns mitbringen, aber auch über die Pflichten, die sie in unserer Gesellschaft erwarten.

Auf diese Weise könnten sich die Freimaurer als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, die die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen, nicht nur durch Erklärungen, sondern auch im Handeln.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeuten.

Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche des Gemeinwesens. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Über all das sollten die Freimaurer sprechen, und zwar mit der von Max Weber angemahnten inneren Sammlung und Ruhe. Die von Weber gleichfalls benannte Unkultur der „sterilen Aufgeregtheit“ taugt nicht für den gesellschaftlichen wie den freimaurerischen Diskurs. Pegida-Parolen dürfen nicht in die Loge eindringen, und die Gespräche, die wir führen, sollten nicht den Fremdenhass und die Oberflächlichkeit der Internetforen und der Stammtische bei uns heimisch werden lassen.

Wir haben uns vielmehr in unserer Arbeit und bei den Diskursen unter uns und mit unseren Partnern in der Zivilgesellschaft an Prinzipien auszurichten, die zu den besten Traditionen unseres Bundes gehören und in denen wir Freimaurer sicher übereinstimmen: Menschenwürde, Demokratie, Toleranz, soziale Gerechtigkeit, Friede unter den Menschen und mit der Natur sowie die Bereitschaft, beim politischen Handeln vernünftigen und rationalen Lösungen den Vorrang einzuräumen gegenüber Vorurteilen und Ideologien.

Solche Orientierungen an europäischen Werten, Werten der Aufklärung zumeist, sind nicht dogmatisch, aber auch nicht beliebig. Sie repräsentieren vielmehr den erforderlichen Konsensrahmen für eine politische und gesellschaftliche Leitkultur, ohne die ethisch verantwortliches Handeln unter den komplexen Bedingungen der Welt von heute und morgen nicht möglich ist und bei deren Fehlen die Gesellschaft auseinander zu fallen droht.

Versuchen wir zu bilanzieren: Die Flüchtlingsströme werden so schnell kein Ende finden. Die Reaktion darauf aber darf nicht aus Hilflosigkeit, Hass und Gewalt bestehen. Hass, der inzwischen ja zum mörderischen Hass geworden ist, wenn wir den Mordanschlag bedenken, dem die zukünftige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am vergangenen Samstag zum Opfer gefallen ist, und der einen fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Hintergrund hatte.

Doch wenn wir uns nicht über unsere Werte verständigen und ebenso gründlich wie aufrichtig prüfen, was uns erwartet, wozu wir verpflichtet sind, was wir leisten können und wo unsere Grenzen liegen, wenn wir nicht umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste, Hass und Feindseligkeit bei uns wie anderswo zunehmen, so sehr vielleicht, dass wir sie nicht mehr kontrollieren können.

Über das Flüchtlingsproblem hinaus reflektiert werden müssen deshalb auch Zustand und Entwicklungstendenzen unserer deutschen Gesellschaft. Zu Recht hat die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan kürzlich in einem Beitrag für die Wochenzeitung DIE ZEIT davon gesprochen, dass Gesellschaften mit einer breiten Mittelschicht und ohne große soziale Diskrepanzen an und für sich durchaus in der Lage sind, günstige soziale Voraussetzungen für Demokratie und für eine freiheitliche, gemäßigte Politik zu schaffen.

Wenn aber – so führt Schwan dann weiter aus – (ich zitiere)

„wenn aber die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich immer größer werden und die Mittelschicht Angst bekommt, zwischen Reich und Arm zerrieben zu werden, wenn auch den einzelnen Menschen jederzeit Prekariat und sozialer Abstieg drohen, dann sucht sich diese mit Ohnmacht gepaarte Angst eben als Blitzableiter jene Menschen, an denen sie ohne Gefahr ihre Wut abreagieren kann.“

Und Gesine Schwan folgert:

„Wir müssen auf allen Ebenen politisch und zivilgesellschaftlich handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft, im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, in Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Interdependenz einen ganzheitlichen Ansatz der Umkehr erfordert.“

Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und nicht zuletzt vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren die Bedrohlichkeit und das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments zur Kenntnis nehmen und uns damit auseinandersetzen.

Nein, meine Brüder, die Welt wird auf absehbare Zeit nicht bequemer. Ja, meine Brüder, Turbulenzen und Verwerfungen aller Art werden uns begleiten, national und international.

Auch für uns Freimaurer wird es weder angenehmer noch bequemer, sofern wir uns unseren Werten verpflichtet fühlen und uns nicht hinter die Mauern zurückziehen, die die Welt von unseren Tempeln trennen, zurückziehen in die Verantwortungslosigkeit und vielleicht gar noch unser Gewissen mit der Vorstellung beruhigen, dass das Politische doch tabu sei für uns.

Ein humanitärer Bund aber darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Und seine Repräsentanten sollten auch im Kontext der europäischen Freimaurerei ausloten, wo es Möglichkeiten gibt, dem Flüchtlingsproblem, das ja weit über den deutschen Rahmen hinausgeht und ein europäisches Problem ist, entgegenzuwirken. Handeln statt repräsentieren, darauf käme es auf der europäischen Freimaurer-Ebene an.

Humanismus hat keine nationalen, er hat europäische Wurzeln, und er begründet verpflichtende Traditionen. Es sollte keine rhetorische Leerformel sein, wenn es auf der Internet-Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland heißt:

„Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland steht in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“,

und wenn auch die Verfassung unserer Großloge ganz eindeutig darauf hinweist, welche ethischen Maßstäbe den Freimaurern innerhalb und außerhalb der Loge vorgegeben sind:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten (die Freimaurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und für Erziehung hierzu.“

Es geschehe also!

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