Von der Baukunst zur Lebenskunst

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100 Jahre „Bauhaus“ – ­Anmerkungen zu einer symbolischen Verwandtschaft zur „Bauhütte“.

Den Begriff „Bauhütte“ hat Goethe erstmals in einer Schrift von 1816 benutzt („Kunst und Altertum am Rhein und Main“). Zuvor sagte man einfach nur „Hütte“, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“.  Eine solche „Hütte“ war zunächst nicht mehr als ein zentrales Areal auf einer gotischen Dom-Baustelle mit einer einfachen Überdachung auf drei Hüttenpfeilern. Weil es beim Behauen der Steine staubte, war sie meist seitlich offen. Weil es dabei auch splitterte, trugen die Werkleute bei ihrer Arbeit am rauen Stein Schurze.  Der Begriff „Hütte“ hatte spätestens dann Berechtigung, als man dieses zentrale Areal auch als Versammlungs- und Beratungsstätte nutzte. Dort vertiefte man sich in die Baurisse, d. h. die Zeichnungen wurden aufgelegt, Pläne erörtert, man versuchte weitgehende Mitbestimmung.

Gropius machte aus der Bauhütte das Bauhaus

1919 hat Walter Gropius (1883–1969) die Bezeichnung „Bauhütte“ in den zeitgemäßeren Begriff „Bauhaus“ übersetzt und gesagt, wie er diese zentrale Versammlungsstätte sah, nämlich so wie einst: Als Stätte für ein „bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander“.  Das geschah bei den alten Bauhütten im besonderen Maße bei den vergleichsweise souveränen Steinmetzbruderschaften, die eine eigene Ordnung und eine eigene Rechtsprechung hatten und sich untereinander mit Zeichen, Wort und Griff auswiesen.

Die Freimaurer-Symbolik lehnt sich daran an. Aber auch die Bauhäusler verwendeten gewisse Rituale in Anlehnung an die alten Bruderschaften. „Bei Veranstaltungen wurden mittelalterliche Bauhüttenzeremonien nachgeahmt“, schreibt Frauke Mankartz („Das Bauhaus und der Gedanke der Dombauhütte“, 1999).

Die Bauhäusler haben bei allem Sinn für verbindende Architektur und gradlinige Formgebung immer auch Rückgriffe auf symbolische Entsprechungen praktiziert und zitiert. Auch das übernahmen sie — wie die Freimaurer — von den Bauhütten.
Von Walter Gropius stammt die Überlegung, man müsse „die geistig gleichgesinnten Werkleute wieder um sich sammeln. Zu enger, persönlicher Fühlung — so, wie der Meister der gotischen Dome in den Bauhütten des Mittelalters …“

Eine solche Idee bilde den „geistigen Nährboden“ des Bauhauses, behauptet Annemarie Jaeggi in einem redaktionellen Beitrag mit dem Titel: „Ein geheimnisvolles Mysterium: Bauhütten-Romantik und Freimaurerei am frühen Bauhaus“, 2005). Ja, eine „Idee“ sagt Bauhaus-Meister Mies van der Rohe, „nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten“.

Die Gedankenbrücke zwischen Bauhütte, Bauhaus und Freimaurerei reizt zum näheren Hinsehen. Interessanterweise tun das viele Nichtfreimaurer, wie beispielsweise Andreas Jahn, der in einem Essay mit dem schönen Titel „Konstruktion des Geheimnisses“ (für die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) 2011 schreibt: „Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Form-Meister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art.“

Dem Bauwerk und dem Leben Form und Inhalt geben

Gropius nahm diesen Bezug als symbolisches Idealbild des Miteinanders und Für­einanders, so, wie es sich auch die Freimaurer vorgestellt hatten. Daraus leitet sich ab, was Bauhäusler und Freimaurer gleichermaßen adaptiert haben: Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.

Im Sinne dieser Idee setzen beide – Bauhäusler und Freimaurer – symbolisches Material ein, was Andreas Jahn in seinem Essay sehr sinnfällig „Bausteine einer Denkbarkeit“ genannt hat. Ein treffendes Bild, denn wir tun ja doch eigentlich nichts anderes, als symbolische Bausteine (und Werkzeuge) einzusetzen, um darüber nachzudenken. Walter Gropius sagt: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“ Das symbolträchtige „Gebilde“ der alten „Bauhütte“ hat man am Bauhaus ebenso als „Gleichnis eines Gedankens“ verstanden, wie wir das in der Freimaurerei tun.

„Fast alle Zeichen scheinen einen dreifachen Sinn besessen zu haben“, schreibt Ludwig Keller („Zur Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheimnisse“, 1898). „… sie dienten einmal zur rituellen Symbolik, ferner zum Ausdruck sittlich-religiöser Vorstellungen und endlich zur Versinnbildlichung fachlicher Begriffe und Regeln.“ „Dieser mehrfache Sinn erschwert natürlich (bewusst!) für Uneingeweihte das Verständnis der Hüttensprache.“

Diese „Hüttensprache“ haben einige Bauhütten in Verse gefasst. Gereimte Texte waren leichter zu behalten, zumal nur wenige der Werkleute lesen und schreiben konnten. Als Beispiel mag ein altes „Stain-Mez-Büchlein“ aus dem 16. Jahrhundert gelten. Ein Gedicht (Auszug) im „dreifachen Sinn“ daraus (sprachlich auf unser Verständnis abgestimmt):

„Was in Stein-Kunst zu sehen ist:
dass kein Irr- noch Abweg ist.
Sonder Schnur recht, ein Lineal
durchzogen den Zirkel überall.
So findest du Drei in viere stehn
und also durch eins ins Zentrum gehen …“

Ein Nichteingeweihter kann damit nichts anfangen. „Eingeweihte“, wie symbolgeübte Freimaurer, sind immer noch in der Lage, einiges davon zu übersetzen: „Kunst“ und „Ohne Irr- und Abwege“ — das ist zunächst Ausdruck der Tradition und des Selbstbewusstseins der Steinmetze. Mit Schnur und Lineal ist die Bleiwaage oder Winkelwaage gemeint, mit einer Lot-Schnur (an der das Senkblei hängt). Mit beiden kann man einen rechten Winkel darstellen.
Das Fundament (das Niveau) war sichergestellt, wenn sich das Lot in der Mittelkerbe eingependelt hatte. Symbolisch kennzeichnet das die gleiche Ebene aller, auf der wir uns gleichberechtigt begegnen.
Des „Zirkels Kunst und Gerechtigkeit“ galt seit alten Zeiten als Werkzeug, mit dem man rationale wie irrationale Kreise ziehen und übertragen konnte („Gedankenkreise“).
„Drei“ schrieb man damals deswegen in Versalien, um die „heilige Zahl“ hervorzuheben. Vier steht für ein konstruiertes Quadrat, in dem ein gleichseitiges Dreieck steht. Das „Zentrum“ ist hier der gemeinsame Mittelpunkt (der Konstruktionszeichnung und des Denkens). Das alte Gedicht aus dem Steinmetz-Büchlein geht natürlich noch sehr viel weiter als der oben zitierte Ausschnitt. Die gereimte Symbolik führt letztlich zu einer Konstruktionszeichnung.
Über solche Verschlüsselungen konnten die Bauhäusler auch spotten. Oskar Schlemmer:

„Fort mit allem Eigendünkel,
Glück ist nur im rechten Winkel.
In diesem Zeichen wirst du siegen,
sterben oder Kinder kriegen.“

In den Werkstätten der Bauhaus-Meister

Symbolische Entsprechungen aus den alten Bauhütten finden sich in vielfältiger Form am Bauhaus. Marcel Breuer, der berühmte Designer, schuf zum Beispiel 1921 einen ganz besonderen Chair für seinen Chairman.
Christoph Wagner von der Uni Saarland, schreibt („Das Bauhaus und die Esoterik“, 2005), Marcel Breuer habe ein Stuhl-Unikat designed als eine Art „Thron für den Bauhaus-Direktor Walter Gropius in seiner Rolle als Meister der Bauloge“.

Nun gab es den „Meister vom Stuhl“ am Bauhaus nicht, obwohl man beim Stuhl-Designer Breuer und beim Seitenblick auf die Freimaurerei vielleicht darauf hätte kommen können. Und auch die Definition der „Bauloge“ gab es nicht, wohl aber das, was sie meinte: Eine enge, „verschworene“ Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nur nach bestimmten Kriterien aufnahm. Der Nicht-Freimaurer Gropius war ihr „Meister“.
Im Bauhaus hießen alle Lehrkräfte „Meister“, und die Klassen hießen bei Gropius „Werkstätten“. Wer sich im Bauhaus einschrieb, war zunächst „Lehrling“. Gropius: „Die Werklehre des Bauhauses soll den Lehrling zur … Arbeit vorbereiten … Erst der Geselle ist durch Werk- und Formenlehre geistig und werklich reif geworden zur Mitarbeit am Bau.“

Lehrling — Geselle — Meister. Klassischer Auf­bau des Lernens und Könnens, wie das schon in der alten Bauhütte praktiziert wurde. Werklehre gehört dazu und auch die „geistige“ Reife. Freimaurerei und Bauhaus hatten in ihrer spekulativen Anlehnung an die operative „Hütte“ ganz ähnliche Wege im Sinn: „Erkenntnisstufen“. Stufenweise Vertiefung. Aber auch immer wieder die gemeinsame Lehrlingsarbeit im ersten Grad. Gropius sprach von „Künstlern und Handwerkern aller Grade“, die sich „zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben“.

Ja, es gab auch „esoterische Denkfiguren und Bildvorstellungen“, die „in geheimnisvollen symbolischen Kodierungen weitreichende Fragen zur esoterisch-geistigen Kultur“ am Bauhaus aufwerfen (Christoph Wagner, 2005). „Esoterik“, aus der griechischen Wortwurzel „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“, ist etwas, was sich dem Außenstehenden nicht erschließt. „Symbolische Kodierungen“ nennt Wagner das. Also Sehbilder, die für Eingeweihte zu Denkbildern werden, wie unsere freimaurerischen Symbole auch. Solche Bilderwelten waren am Bauhaus und in der Freimaurerei Chiffren aus der Welt des Bauens, die sich dazu anboten, aus „Bauen“ auch „Leben“ zu denken.

Die Ideale gleichen einander

Der Bauhäusler Hannes Mayer deutet 1927 „Leben“ als „Drang zur Harmonie“, und er sagt: „Arbeiten heißt: Suchen nach der harmonischen Daseinsform.“ Unser Verständnis von „Tempelarbeit“ ist da wohl sehr ähnlich.
Das ist im Kern dasselbe Ideal, an welches die Bauhaus-Denker dachten. Der „neue Baugeist“, sagt Gropius, „bedeutet Ausgleich der Gegensätze.“ Wie gleicht man Gegensätze aus? Indem man sie toleriert.
Auch das Musivische Pflaster im Westen ist die „gleiche Ebene“. Selbstfindung und Sinnsuche beginnen dort, wo das symbolische Fundament für den Bau gedacht werden darf, der himmelwärts strebt wie eine Kathedrale, wie ein Dom, wie ein imaginärer Tempel.

Am Bauhaus wurde „die Kathedrale des Mittelalters … zum Leitbild, die Bauhütte zum Ideal“, schreibt Hanno Rautenberg unter der Überschrift „Die ganze Welt ein Bauhaus“ in der Wochenzeitung die „Die Zeit“ (2009).
„Weltoffene Gemeinschaftsarbeit am großen Bau einer humaneren Gesellschaft“ hat Michael Siebenbrodt die Bauhaus-Idee 1925 genannt. Diesen Gedanken hatte auch Gropius als „Großen Bau“ bezeichnet und gefordert: Wir müssen ihn gemeinsam „wollen, erdenken, erschaffen“.

„Warum nennen wir uns Freimaurer?“, heißt es im AFAM-Ritual. Antwort: „Weil wir als freie Männer am großen Bau arbeiten.“ „An welchem Bau, mein Bruder?“ — „Wir bauen den Tempel der Humanität.“
Die Arbeit am „Großen Bau“ war und ist die Idee des Großen Ganzen. Der ideelle Tempel, die idealistisch gedachte Kathedrale. Daran wollte man am Bauhaus als „verschworene Geistes- und Werkgemeinschaft“ (Peter Hahne, 1993) arbeiten, nach Gropius „ohne klassentrennende Anmaßung“.

Das Machbare des Denkbaren tun

Wir Freimaurer nennen so etwas „Brüderlichkeit“ und sagen: „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus.“ Wir begreifen uns als Idealisten, die das Phantastische denken. Die freilich aber auch nicht müde werden (sollten), das Machbare des Denkbaren zu tun. Ideal und Alltag. Es ist der gleiche Zwiespalt zwischen Ideal und Alltag, der auch Walter Gropius und die Seinen umtrieb. Einige haben die Alltagserfahrung schmerzlich empfunden. Oskar Schlemmer beispielsweise mit der Reminiszenz an die Dombauhütten: „Der Gedanke an den Dom ist vorläufig in den Hintergrund getreten. Heute ist es so, dass wir bestenfalls ein Haus denken dürfen.“ Auch die große Idee des freimaurerischen Tempelbaus ist manchmal nur ein bescheidenes Haus, aber immerhin hat unser symbolischer Baugedanke auch mal in einer „Hütte“ angefangen. Um daraus einen Tempel zu denken, braucht man Ideale, Utopien, Träume. Auch das sind Stichworte zur Verwandtschaft von Bauhaus und Freimaurerei. In einem Instruktionstext unserer Großloge heißt es u. a.: „Solange es Kunde von Menschen gibt, haben sie versucht, in Bildern festzuhalten, was ihnen bedeutsam erschien. Dabei handelt es sich nicht nur um Aufzeichnungen äußeren Geschehens, sondern auch um solche inneren Erlebens. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Intellekt zu fördern“, sondern die Seele anzusprechen. Das sahen die Bauhaus-Künstler ganz ähnlich.

Bauhaus-Symbolik und freimaurerische Symbolik kommen aus der Welt des Bauens. Die ist ohne die Welt der Kunst nicht zu denken. Es war immer der Künstler, der den Menschen lehrt, die Welt zu sehen. Der kreative Akt der Gestaltung, der Formgebung, ist sinnbildlich auf das Leben zu übertragen. Man gibt seinem Leben Form und Inhalt. So, wie der Künstler seinem Kunstwerk Form und Inhalt gibt.  Die geistige und symbolische Nähe zu den Freimaurern war den Bauhäuslern durchaus bewusst, aber sie waren ein Werkbund eigener Prägung. Sie lehrten und lebten einen eigenen Stil. „Wir müssen uns immer vor Augen halten“, sagt Gropius, „dass das Bauhaus eine Bildungsstätte sein soll.“ Darunter verstand er Menschenbildung plus fachliche Ausbildung. Aus dieser Symbiose sollten beispielhafte Architekturen und menschengerechte Designs entstehen. Gradlinig und zeitlos, wie wir das heute immer noch, oder besser: wieder verstehen.

Das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Idee 2019 mag uns an symbolische Verwandtschaften mit den Bauhütten erinnern, die am Schluss eines Gedichtes um das „Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund“ gemahnen:

„Hier habt ihr die ganze Kunst,
versteht ihr‘s nicht, so ist‘s umsonst.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Starkes Zeichen für weltweiten Bruderbund

Die Freimaurerloge Zur alten Linde feiert 164. Stiftungsfest mit Brüdern aus England,Österreich, Stuttgart und Herne – Partnerinnen waren beim Schwesternfest dabei.

Dortmund. Die Weltbruderkette verbindet Freimaurer in der ganzen Welt: Während Brexit, nationale Interessen im internationalen Handel und unterschiedliche Vorstellungen über Normen und Werte zu Spannungen und Streit führen, fühlen sich Millionen Freimaurer auf der ganzen Welt auch heute noch durch die Ideale der Aufklärung verbunden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Menschenliebe und Toleranz sind ihnen wichtig. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass beim 164. Stiftungsfest der humanitären Freimaurerloge “Zur alten Linde” in Dortmund viele besuchende Brüder aus Wiltshire (England), Wien (Österreich), Stuttgart und Herne dabei waren.

Im Logenhaus an der Landgrafenstraße hielt Meister vom Stuhl Harald Ulbrich eine Festarbeit im Lehrlingsgrad ab, bei der auch ein neuer Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Beim anschließenden Schwesternfest waren die Ehefrauen und Partnerinnen der Freimaurer geladen – und hörten eine außergewöhnliche Rede von Alt-Großmeister Axel Pohlmann. Anschließend ging es zur Festtafel ins Restaurant „Syght“ im Casino Hohensyburg. Dort kam es schon
während des Trinkspruchs auf die Vaterländer der Gäste zu Gänsehaut-Momenten, als Freimaurer und Damen die Nationalhymnen Österreichs, Englands und Deutschlands sangen.

Neben Arbeit und Feierlichkeiten stand die gute Tat im Mittelpunkt des Stiftungsfestes. „Wir Freimaurer fühlen uns der Humanität verpflichtet“, erklärt Harald Ulbrich. So war den Brüdern der Alten Linde nicht entgangen, dass der Dortmunder Journalist Dirk Planert sich beinahe übermenschlich für Menschlichkeit einsetzt. Während des Bosnienkrieges war Dirk Planert 1994 in Bihac, um zu helfen. 25 Jahre danach kehrte er in diesem Jahr dorthin zurück und musste mit ansehen, wie aus Opfern Täter wurden. Behörden vor Ort hatten rd. 1.000 Geflüchtete, die über die Balkanroute kamen, auf einer ehemaligen Müllkippe
untergebracht. Die Not war groß und Dirk Planert half. Die Freimaurer ihrerseits wollten nun helfen, wenn auch nicht vor Ort, dann doch wenigstens finanziell. Knapp 1.200 Euro Spenden kamen für das Projekt des Dortmunders zusammen.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten des Stiftungsfestes mit einem Meet & Greet aller Beteiligten, bei dem mit selbstgemachter Musik die Weltbruderkette verstärkt wurde. Der Besuch des Ballettzentrums mit ergreifenden Vorführungen der Tänzerinnen und Tänzer sowie Erläuterungen vom Chefdramaturg Dr. Beier, die Werbung für Dortmund waren, bildete den kulturellen Höhepunkt. Bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant klang das Stiftungsfest-Wochenende am Sonntagabend aus.

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Pforzheim als Zentrum des Humanismus

Pforzheim (tn). Till Neumann, Meister vom Stuhl der Loge Reuchlin, und der Verleger Jef Klotz, Inhaber des gleichnamigen Buchhauses, präsentieren das von der Pforzheimer Loge und dem Buchhaus gemeinsam herausgegebene Buch “Pforzheim , ein Zentrum des Humanismus in Deutschland.”

Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die geistigen Strömungen in der Renaissance in Pforzheim mit seiner bedeutenden Lateinschule und ihren Lehrern und Schüler wie Johannes Reuchlin, Philipp Melanchthon oder den ersten deutschen Prior der Sorbonne, Johannes Heymlin aus Stein bei Pforzheim.

Die Pforzheimer Loge “Reuchlin” hat auch durch Spenden der Brüder das Projekt mitfinanziert und mit herausgegeben. Es war der Loge ein Anliegen, die Bedeutung der Stadt Pforzheim für  den Humanismus in Deutschland , wie er durch den Namensgeber der Loge symbolisiert wird, wieder in das allgemeine Bewusstsein zu bringen. Das Buch ist ein Einstieg in das bedeutsame Thema der seinerzeit weithin bedeutenden Pforzheimer Lateinschule und der Pforzheimer Humanisten.

Das Buch ist im Pforzheimer Buchhandel und bei der Loge erhältlich.

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Was nicht im Archiv steht, wird nicht gefunden

Seit mehr als 10 Jahren betreut Br. Hartmut Jentzsch das Großlogenarchiv in Altenburg. Eine große Kiste mit ungeordneten Papieren, Dokumenten aus vergangenen Jahrzehnten, Büchern und Infobroschüren steht vor ihm auf dem Tisch. Sie stammt aus einer kürzlich aufgelösten Loge.

„Das müssen wir jetzt alles ins Archiv einpflegen“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch, während er den Laptop hochfährt. Eine Aufgabe, die ihm keine Angst macht, denn diesbezüglich hat er schon ganz anderes erlebt: Riesige Massen an Archivgut haben sie damals sortiert und registriert, vor etwa 12 Jahren, als alles begann. Wochenlang haben sie Blatt um Blatt sorgfältig ausgewertet und in eine Datenbank eingetragen.

In Altenburg in Thüringen befindet sich eines der schönsten und ältesten Logenhäuser Deutschlands. 1804 wurde es eingeweiht. Bis heute dient es der 1742 gegründeten Loge „Archimedes zu den drei Reißbretern“ als Heimstatt. Nachdem das Anwesen 1935 von den Nationalsozialisten enteignet worden war, befand es sich zu DDR-Zeiten im Besitz der Stadt Altenburg. 1992 wurde das Haus an die Großloge A.F.u.A.M.v.D. rückübertragen. Es wurde als modernes Veranstaltungshaus saniert, viel Geld wurde investiert, und lange beschäftigte es — vor allem wegen des finanziellen Aufwandes — die Gemüter. Beim Großlogentag 2002 in Altenburg fiel die Entscheidung, das Archiv der Großloge A.F.u.A.M.v.D. in Altenburg anzusiedeln. 2007 begann die eigentliche Arbeit am Aufbau des Archivs.

„Damals war Br. Dennis Kramer der Großarchivar“, erzählt sein Nachfolger Hartmut Jentzsch, „er fragte mich, ob ich ihm nicht helfen könne.“ Die Archivschränke und Regale waren schon aufgebaut, was fehlte, war der Inhalt. Das erste Archivgut kam vor allem aus dem Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth. „Die hatten einen feuchten Keller und wollten das Papier dort raushaben. Genau so sah es auch aus, als es hier ankam: Zum Teil nur noch Schnipsel. Der ganze Raum war voller Kisten und Säcke mit Papier.“ Die Brüder Dennis Kramer und Hartmut Jentzsch baten den damaligen Altenburger Stuhlmeister, er möge doch einige helfende Brüder mobilisieren, um die riesigen Mengen an Dokumenten zu sichten, zu entklammern, zu säubern und archivgerecht zu verpacken: „Alle paar Minuten kam einer mit einem fertigen Umschlag, ich habe reingeguckt, alles im Computer registriert und eingetragen. So ging das ungefähr sechs Wochen lang“, erzählt Br. Hartmut Jentzsch, „dann hatten wir den Grundstock.“

Besonders stolz ist der Bruder Großarchivar auf die Software, die extra für diese Mammutaufgabe programmiert wurde: für Erfassung, Recherche und Datenpflege.  Das Archivgut stammt zum größten Teil aus der Kanzlei der Großloge. Einige Akten sind den Vereinigten Großlogen oder dem Schottischen Ritus zuzuordnen. Vieles kommt aus den Distrikten, manches aus einzelnen Logen, ein umfangreicherer Bestand vom „Collegium Masonicum“ ist dabei, auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Geschäftsführung haben ihre Dokumente hier hinterlegt.

Es ist kein museales Archiv, in dem man große Schätze aus der Frühzeit der Freimaurerei erwarten darf. Eine Stiftungsurkunde aus dem 18. Jahrhundert wird man hier nicht finden. „Das Archiv geht zurück bis zur Gründung unserer Großloge in den 40er Jahren“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch und gibt den Namen des ersten Großmeisters Theodor Vogel in die Suchmaske ein. Schnell wird er fündig: „Hier zum Beispiel aus dem Jahre 1952, eine Akte des Collegiums Masonicum — Kasten 35, Nr. 1368.“
Es gibt inzwischen mehr als 2300 Inventarnummern in über 800 Archivkästen. Jede Inventarnummer umfasst in der Regel bis zu 800 Seiten. Und jede dieser Akten hat der Bruder Großarchivar persönlich in die Hand genommen, gelesen oder zumindest überflogen.

Bruder Hartmut Jentzsch ist aber nicht nur Verwalter des Archivs, sondern auch einer seiner fleißigsten Nutzer. Vor sechs Jahren schrieb er eine Chronik über das „Collegium Masonicum“ in Niedersachsen. Dafür hat er viele Dokumente hier einsehen können. Auch andere bekannte Freimaurerforscher, wie Br. Hans-Hermann Höhmann oder Br. Alexander Süß, sind gute „Kunden“ des Altenburger Großlogenarchivs.

Deshalb hat der Großarchivar auch eine Mission: „Was die Logen und die Brüder nicht ins Archiv geben, können wir nicht finden. So einfach ist das“, sagt er. Eigentlich sollte es in den Distrikten einen Distriktarchivar geben. Doch er selbst kenne überhaupt nur zwei in Deutschland, meint Br. Hartmut. Der Distriktarchivar sollte die Logen laufend mahnen, ihren Schriftverkehr ins Archiv zu geben, gerne auch als Kopie, vor allem Wahlunterlagen. Es ist ein Aufruf an die Logen, ihre Tätigkeiten zu dokumentieren, die Akten regelmäßig abzuheften. „Wir haben zum Beispiel das komplette Archiv des Distriktes Niedersachsen hier. Dort läuft das hervorragend, die haben einen eigenen Archivar, der ordnet die Unterlagen vor und ich brauche das nur noch in Archivkästen zu packen und zu nummerieren.“ So sollte das eigentlich laufen. Eigentlich.
Es ist schon erstaunlich, dass viele Logenchronisten über einen Zustand klagen, der kaum nachvollziehbar ist: Akten aus der Frühzeit der Freimaurerei, aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es jede Menge. Viele Logen können — auch dank der Bestände im Berliner Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz — auf eine nahezu lückenlose Dokumentation ihrer Geschichte bis Anfang der 30er Jahre zurückblicken. Doch was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschehen ist, können die Forscher meist nur unter größten Mühen in Erfahrung bringen. „Heute kümmert sich oft niemand mehr“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, „die Sekretäre in den Logen wechseln häufig, geben die Unterlagen nicht weiter. Oder es ist alles auf irgendeinem Rechner gespeichert, der irgendwann kaputt geht.“ Das Gedächtnis der Logen geht auf diese Weise verloren oder bekommt zumindest Lücken.

Jede Loge sollte sich ein Konzept für ihre Archivierung zurechtlegen, rät der Großarchivar. Natürlich kommen auch Stadtarchive oder das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, wo bereits die meisten Logenakten aus der Zeit vor 1935 lagern, in Frage. Doch auch das Altenburger Großlogenarchiv hat noch viel Platz: „Wenn eine Loge kommt und mir einen Kasten mit Archivgut bringt, dann wird das unter dem Logennamen eingeordnet.“

Der größte Lieferant von Archivgut ist jedoch nach wie vor die Kanzlei der Großloge. „Vor zwei Jahren bekamen die einen neuen Fußboden und haben aussortiert, da erhielt ich eine ganze Lkw-Ladung mit Archivgut“, erinnert sich Br. Hartmut Jentzsch. Im Augenblick versucht er, bei der Beschreibung und Auswertung noch stärker ins Detail zu gehen, um die Suche zu vereinfachen.

Doch so langsam wird es Zeit, ans Aufhören zu denken: Bruder Hartmut ist Jahrgang 1941 und wohnt nicht in Altenburg, sondern in Hannover. Die regelmäßigen Fahrten nach Thüringen werden nicht einfacher für ihn. Als er das Amt des Großarchivars bekam, ging er gerade in Rente. Der Architekt musste sich das Wissen um und über das Archivwesen erst einmal aneignen. Seit November 1987 ist Br. Hartmut Jentzsch Freimaurer, war 2004 bis 2007 Meister vom Stuhl der Loge „Zum Schwarzen Bär“ in Hannover und arbeitet seit vielen Jahren im Ritualkollegium der Großloge mit. 2010 wurde er zum Großarchivar der Großloge berufen. „Inzwischen geht es los mit Zipperlein“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, ohne sich zu beklagen. So sei das nun einmal. Doch in nicht allzu langer Zukunft brauche er einen Nachfolger, weiß er. Und der scheint jetzt tatsächlich in Sicht.

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Jahrestagung der Forschungsloge QC in Kempten

Dominique Freymond von der Großloge der Schweiz und Thomas Forwe, Meister der Forschungsloge unterzeichnen die Freundschaftscharta

Die Kemptener Freimaurerloge „zum hohen Licht“ war Gastgeber für die Jahrestagung der deutsche freimaurerische Forschungsloge „Quatuor Coronati“. Mitglieder aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kamen nach Kempten.

Kempten. (me) Die Freimaurerei mit ihrer 300jährigen Tradition versteht sich als ein ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt.

Die Forschungsloge hat rund 1.600 Mitglieder und ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland. Ihre Hauptaufgabe ist die Zusammenführung von Freimaurern um die Geschichte, Brauchtum, soziale Struktur und gesellschaftliche Stellung des Freimaurerbundes erforschen.

In Kempten wurde neben dem gesellschaftlichen Rahmenprogramm ein Ritual zelebriert, das bereits die Loge von Wolfgang Amadeus Mozart in Wien für ihre Zusammenkünfte verwendete. Weitere Programmpunkte waren Vorträge von Dominique Freymond: Freimaurerei in den „bandes dessinés“/im Comic sowie von Gerald Huber: Zur Geschichte der Freimaurerei in Bayern – Wahrheit oder trügerischer Schein?

Einen besonderen Höhepunkt stellte die Unterzeichnung einer Freundschaftscharta zwischen der deutschen Forschungsloge Quatuor Coronati und der Schweizer Großloge „Alpina“ dar, in der eine weitere vertiefte Zusammenarbeit vereinbart wurde.

Der Meister vom Stuhl der Loge zum Hohen Licht in Kempten Dr. Jürgen Rogalla zeigte sich sichtlich erfreut über die Ehre, dass die Kemptener Loge die Jahreskonferenz ausrichten durfte und das Lob für die gute Organisation, das vom Meister der Forschungsloge Thomas Forwe ausgesprochen wurde.

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Anstehende Termine

Foto: Basti93 / pixabay

Die Logen, Distrikte und Großloge haben viele Veranstaltungen im Jahr, viele davon öffentlich. Schauen Sie, ob etwas für Sie dabei ist. Die Logen freuen sich über Ihren Besuch.

September

26Sep20:00Düsseldorf: Hilfe zur Selbsthilfe20:00 Heinrich Heine, Uhlandstraße 42, Düsseldorf Organisator: Heinrich Heine Öffentlich:Öffentlich

27Sep19:30Düsseldorf: Vortrag "Kann unsere Energiewende das Klima retten?"19:30 Logenhaus, Uhlandstraße 38-42, Düsseldorf Organisator: Avalun Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

27Sep20:00Duisburg: Menschenwürde im 21. Jahrhundert20:00 Zur deutschen Burg, Friedensstraße 100, 47053 Duisburg Organisator: Zur deutschen Burg Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

28Sep14:00Erfurt: Zehn Jahre Alpha Ori14:00 Haus Dacheröden, Anger 37, Erfurt Organisator: Alpha Ori Öffentlich:Öffentlich

Oktober

03Oct14:05Radio-Feature DeutschlandRadio Kultur: "Mozart und die Freimaurerei"14:05 Organisator: Ekhart Wycik Öffentlich:Öffentlich

04Oct18:30Hamburg: Freimaurerische Stadtführung18:30 Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

19Oct13:00Essen: Ruhrgebietsloge 201913:00 Chorforum Essen, Fischerstraße 2-4 Organisator: Schiller Öffentlich:Anmeldung erbeten,Intern

21Oct19:30Hamburg: Mozart am Montag19:30 Roland, Welckerstraße 8 Organisator: Roland Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

26Oct11:00Nördlingen: Lichteinbringung "Zum königlichen Adler"11:00 Organisator: Zum königlichen Adler Öffentlich:Intern

26Oct19:00Mannheim: Vortrag "Verfall der Weltordnung und die Folgen für den europäischen Frieden"19:00 Marchivum, Archivplatz 1, Mannheim Organisator: Kurpfalz und Carl zur Eintracht Öffentlich:Anmeldung erbeten,Öffentlich

Eine vollständige Übersicht können Sie unter https://freimaurerei.de/termine/ abrufen.

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Freimaurerei ist Jazz!

© Punnarong / Adobe Stock

Diese Zeichnung soll einen wichtigen Aspekt der Tempelarbeit auf besondere Weise beleuchten: die Musik.

Nach den physischen Gegebenheiten (Anwesenheit und Handlungen im Tempel) und den geistigen (die feierliche, kontemplative Stimmung) ist die Musik für mich eine Art dritte Dimension, die der Arbeit im Tempel – eben wie die dritte Dimension – Tiefe gibt. Was Schnee für den Winter ist, Farbe für ein Bild oder Butter für ein Nutellabrot, ist Musik für eine Tempelarbeit – es ginge auch ohne, aber erst durch diese besondere Zugabe erlangt man eine zusätzliche Facette, eine Würze und eine weitere Ebene von Eindrücken. Die Musik begleitet und ergänzt die Arbeit, so wie ein guter Wein ein gutes Essen unterstützt. Hierfür ist unser Musikmeister zuständig, der für jede einzelne Tempelarbeit feierliche, zur Stimmung passende Stücke auswählt und uns die Arbeit versüßt.

Wir stellen uns vor, dass die uns gewohnte klassische Musik ausnahmsweise etwas Anderem weicht, etwas in dieser Umgebung Fremdartigem: dem Jazz.

Dies hier soll freilich keine Revolution werden. Vielmehr soll es eine andere Betrachtungsweise sein, eine Überlegung, eine andere Perspektive geben. Aber wozu? Und warum ausgerechnet Jazz, dieses Genre, mit dem viele so überhaupt nichts anfangen können? Der Grund: In meinen Augen sind Jazz und Freimaurerei nur verschiedene Umsetzungen der gleichen Sache. Dafür möchte im Folgenden Beispiele geben:

Die Geselligkeit.

Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, keine Frage. Wir treffen uns allwöchentlich, um in den Tempel zu gehen, Vorträge zu hören oder einfach nur nett beisammen zu sitzen und zu tratschen. Wir sind Brüder, wir sind Freunde, wir arbeiten Hand in Hand an einem großen Werk und haben Spaß daran. Jazz und die Bühnen, auf denen Jazz gespielt wird, sind schon seit der Geburt dieser Musikrichtung vor ungefähr einhundert Jahren ein Symbol für gemeinsame Leistung sowie für die Gemeinsamkeit und Geselligkeit an sich. Ich komme aus einer Familie von überwiegend klassischen Musikern, bin mit Rock und Heavy Metal groß geworden und in verschiedenen Musikerszenen unterwegs. Aber ich habe in keinem anderen musikalischen Umfeld jemals ein solches „Wir“-Gefühl erlebt.

Bei einer Jamsession oder einem Konzert arbeitet man zusammen gewissermaßen – wie wir Freimaurer auch – an einem Bauwerk: Wir bauen den Tempel der Harmonie. Die Steine, derer wir bedürfen, sind die Musiker. Und wenn sich diese auf der Bühne nicht in das Werk einfügen und nicht „um sich schauen“, gelingt das Werk nicht. Im Jazz ist auf der Bühne kein Platz für einsame Wölfe – für Leute, die nur stur in ihre Noten schauen, nur auf sich hören oder nur für sich selbst spielen. Es gilt – und wird zu Recht von jedem Dozenten gebetsmühlenartig gepredigt –, nicht auf sich allein zu hören, sondern auf das Ganze – mit sich selbst als Teil davon. Als kubischen Stein im großen Gefüge sozusagen. Auf der Bühne wird gemeinsam gelacht, gefeiert und Spaß gemacht, was der gebotenen Ernsthaftigkeit keinen Abbruch tut. Es ist in den meisten Fällen ein Fest der Herzlichkeit und des Ausdrucks von Gefühlen. Die Geselligkeit und das Miteinander sind allgegenwärtig.

Offenheit und Kommunikation.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Logenaktivität sind Vorträge, bei denen ein Bruder sein Wissen mit uns teilt und es an uns weitergibt, im Anschluss wird darüber diskutiert und die Brüder tauschen sich über das neu Gelernte und die neuen Denkansätze aus. Danach geht jeder mit etwas Neuem im Kopf nach Hause, etwas, über das man nachdenken kann. Die Suche nach Licht, nach Erkenntnis, das Streben nach neuem Wissen sowie offen für Neues zu sein sind Dinge – zumindest nach meinem Verständnis –, die einen Freimaurer auszeichnen sollten. So ist auch Jazz ein Konstrukt aus verschiedenen Einflüssen. Ursprüngliche Wurzeln waren Blues, Worksongs der afroamerikanischen Sklaven, Ragtime und auch klassische Musik.
Kaum ein Genre enthält so viele äußere Einflüsse, seien es kulturelle oder musikstilistische. Der klassisch ausgebildete Jazzpianist Dave Brubeck beispielsweise bezog viel Inspiration aus klassischer Musik. Bill Evans wäre ein weiteres Beispiel oder der vor kurzem verstorbene Jacques Loussier, der mit seiner Verjazzung von Bachstücken bekannt wurde. Viele Jazzer ließen sich von traditioneller afrikanischer Musik beeinflussen und bezogen sie in ihre Musik mit ein. Sun Ra ließ in seine Musik sowie in seine gesamte Identität ägyptische Kultur mit einfließen, Al DiMeola spanische Flamencomusik und so weiter. Latin Jazz, wie beispielsweise Bossa Nova, ist ein ganzes Subgenre, das Jazz mit traditioneller lateinamerikanischer Musik vermischt. Die Fusionbands der 70er- und 80er-Jahre, wie die Brecker Brothers oder Weather Report, vermischten traditionellen Jazz mit damals zeitgenössischer Rockmusik. Moderne Jazzmusiker wie Robert Glasper oder Snarky Puppy beziehen unter anderem Inspiration von Hiphop oder Soul. Kurzum: Jazz wäre nicht halb so interessant und so lebendig ohne diese Weltoffenheit, dieses Willkommenheißen von Neuem und das Annehmen von anderen Ansichten, allerdings ohne dabei den eigenen Charakter und Ursprung zu vergessen.

Zudem ist die Kommunikation ein wichtiges Stilmittel. Sei es zwischen zwei oder mehreren Musikern beim sogenannten „Call and Response“, bei dem sich Instrumente mittels musikalischer Phrasen gewissermaßen „unterhalten“ und Motive von einem anderen Instrument musikalisch beantwortet werden, wie auch bei der Kommunikation zwischen Solist und einer unbekannten Instanz. Wie ein Sänger in einem Lied beispielsweise seine Geliebte anspricht, kann man in gewissen Stücken eine gewisse Form von Anrede wahrnehmen. Der Musiker spielt sein Instrument für eine meist unbekannte, dritte Person und als Zuhörer darf man dieser beinahe intimen Unterhaltung lauschen.

Wenn man auf der Internetplattform YouTube Coltranes „Spiritual“ anhört, findet man unter dem Video den folgenden Kommentar eines Nutzers: „The sound of Coltrane speaking to God.“ Diese Formulierung finde ich sehr treffend. Man hört dabei zu, wie jemand sich mittels eines Werkzeugs immer weiter und weiter in einen Monolog verstrickt, der aussagen mag, was auch immer der Hörer hineininterpretiert, und dessen wahre Bedeutung wahrscheinlich einzig John Coltrane bekannt ist.
Oder ein persönlicher Moment, der mir stark in Erinnerung geblieben ist: Mein Onkel, der bei der Beerdigung meines Großvaters, also seines Vaters, im Regen am noch offenen Grab stand und dort Saxophon spielte – eine Improvisation in das Grab hinab, und ein letztes Mal das Wort an seinen Vater richtete, in der Sprache, die sie beide so gut sprachen. Was er ihm genau gesagt hat, weiß nur er, aber alle Anwesenden hörten und verstanden. Kommunikation ist ein grundlegendes Werkzeug des Menschen und für uns Freimaurer ganz besonders wichtig. Nur durch Austausch untereinander und durch Miteinanderreden können wir gemeinsam wachsen.

Progressivität.

Wir Freimaurer möchten die Welt besser machen, wir bemühen uns, eine Gesellschaft voller Liebe, Toleranz und Humanität zu schaffen und zu erhalten. Jazz wollte schon immer verändern, revolutionieren, Neues in die Welt bringen.
Sei es ein politischer Wandel für mehr Gerechtigkeit (damals insbesondere die Gleichberechtigung für Afroamerikaner) oder ein musikalisches Umdenken. Jazz war nach der Dixieland-Ära nicht mehr einfache Unterhaltungsmusik, sondern ein Statement. Er war Protest, er war Demonstration von Meinungen und Forderung nach Wandel.

Auf der musikalischen Ebene: Aus gutem Grund nennt man die teilweise vom Jazz beeinflusste Rockmusik, die in den späten 60er Jahren entstand „Progressive Rock“. Bands wie King Crimson, Yes, EL&P, Gentle Giant etc. zeichneten sich dadurch aus, dass sie die harmonisch, rhythmisch und thematisch relativ einfache Rockmusik mit komplexeren Harmonien, Taktarten und motivischer Arbeit anreicherten. Diese Musik ist progressiv, fortschrittlich, und wurde demnach auch so genannt. Sie ging über die Grenzen der Rockmusik hinaus und stellte eine Weiterentwicklung dar. Auch Jazz selbst entwickelte das bis dato Bekannte weiter – die Pioniere des Jazz drangen in ganz neue harmonische Tiefen vor und experimentierten, was das Zeug hielt.
Diesen Punkt könnte man so zusammenfassen: Sowohl die Freimaurerei als auch Jazz haben ihren Ursprung in dem Wunsch, die Dinge in die Hand zu nehmen und Wandel hervorzubringen.

Freiheit.

Schon der Name unserer Bruderschaft bezieht sich darauf. Sowohl die physische Freiheit im Sinne von uneingeschränkter Bewegungsfreiheit als auch die geistige Freiheit (freie Religionswahl, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit etc.) sind grundlegende Menschenrechte und ein Bestreben der Freimaurerei. Freiheit war (und ist) nicht nur ein musikalisches Bestreben, das sich in freier Improvisation, freierer Harmonik und Rhythmik und irgendwann auch im Free Jazz äußerte.
Zu den Ursprüngen des Jazz gehört der Blues. Der Wunsch nach Freiheit benachteiligter Afro-Amerikaner spiegelte sich oft in den Texten wider. Blues war schon immer stark politisch, und der Tenor der Unzufriedenheit übertrug sich später auch auf den Jazz. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark diskriminierten Afroamerikaner fanden mithilfe des Jazz Gehör, Anschluss und Bewunderung.

Barack Obama sagte bei seiner Rede am International Jazz Day 2016 folgendes: „Jazz ist in so vielen Punkten die Geschichte des Fortschritts unserer Nation. Geboren aus den Schwierigkeiten der Afroamerikaner, die sich nach Freiheit sehnten. Jazz hat etwas Furchtloses und Wahres an sich. Es ist Wahrheit erzählende Musik.“

Duke Ellington sagte, von Barack Obama in eben jener Rede zitiert: „Jazz ist ein Barometer der Freiheit.“ Ebenfalls beim International Jazz Day 2016 sagte Herbie Hancock: „Jazz stand immer schon für Hoffnung in der Welt.“

Diese Hoffnung auf eine bessere Welt, diese Herzlichkeit und Liebe und dieser Drang, Neues zu finden – all das waren vermutlich Gründe, warum so viele Jazzmusiker selbst Freimaurer sind und waren. Duke Ellington, Nat King Cole, Count Basie, Fats Waller, Lionel Hampton, Irving Berlin, um nur einige zu nennen. Sie alle waren Freimaurer, sie alle waren Jazzmusiker und sie alle versuchten, die Welt ein wenig besser zu machen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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