Humor als Humus der Humanität

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Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Das Symbol des 24-zölligen Maßstabs

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Von den Puhdys, einer ostdeutschen Kultband, stammt der Soundtrack zu dem 1973 veröffentlichten Film „Die Legende von Paul und Paula“. Das Lied „Wenn ein Mensch lebt“ besitzt dabei einen außergewöhnlich bewegenden Text, geschrieben von Ulrich Plenzdorf.

Von Paul Franke

„Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine verstreuen,
Bäume pflanze, Bäume abhauen,
Leben und Sterben und Streit.“

Die Vorlage dazu findet sich jedoch schon im Alten Testament in den Texten des Predigers Salomo:
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat eine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Die Zeit mit Weisheit einzuteilen, das ist die Forderung, die das Symbol des 24-zölligen Maßstabs an uns stellt. Jeder von uns denkt und redet mehrmals am Tag über die Zeit: „Ich habe keine Zeit“ oder „ich habe heute Zeit“ für dieses oder jenes. Aber wenn ich mich frage: Was ist denn eigentlich die Zeit?, dann gerate ich schon ins Stocken. Gut, es ist eine physikalische Größe, man kann mit ihr rechnen. Die Wirtschaft, der Verkehr, die Arbeit, ja unser ganzes Leben ist danach und von ihr eingeteilt, also gibt es sie. Das wird niemand bestreiten. Aber was weiß ich denn wirklich über sie, über die Zeit? Ich kann Zeit nicht schmecken, nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen und nicht anfassen. Ja, wir können die Zeit nicht einmal direkt messen, so wie man zum Beispiel eine Menge abwiegen kann. Wir messen die Zeit nur indirekt, indem wir die Menge der Sandkörner in einer Sanduhr messen oder die Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt einer Uhr oder die scheinbare Bewegung der Sonne oder des Mondes am Firmament. Und von dem Messen dieser verschiedenen Abstände des sich bewegenden Gegenstandes schließen wir auf die Zeit, die vergangen ist. Das ist nach allen unseren Erfahrungen auch richtig und führt zu überprüfbaren Ergebnissen. Aber die Zeit, die tatsächliche Zeit können wir nicht messen. Ja wir wissen nicht einmal, ob die Zeit kommt und vergeht oder ob sie nicht vielmehr einfach da ist. Zieht die Zeit an uns vorüber, wie der ständige Strom eines Flusses? Oder bewegen wir uns an der Zeit entlang und die Zeit steht wie ein stabiler Strang von einer Ewigkeit zur anderen Ewigkeit?

Früher fuhren auf vielen Flüssen Kettendampfer. Auf dem Grunde des Flusses zog sich eine sehr lange Kette entlang, die am Bug des Dampfers über eine Welle aufgenommen und am Heck wieder hinabgelassen wurde. Das Schiff zog sich an dieser Kette gewissermaßen bergauf. Ziehen wir uns in unserem Leben gewissermaßen auch an einer Kette entlang, deren einzelne Glieder wir jeweils Gegenwart nennen, einem unbekannten Ziel entgegen? Sozusagen von einer Gegenwart zur nächsten Gegenwart?

Wir teilen unsere Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Die Vergangenheit ist das, was hinter uns liegt und woran wir uns, wenigstens teilweise und meist sehr subjektiv, erinnern können. Zukunft liegt vor uns und ist uns von der Erfahrung her noch unbekannt. Sie ist der Ort der Hoffnungen und Befürchtungen. Soweit ganz einfach. Aber was ist nun eigentlich die Gegenwart? In dem Moment, in dem ich diesen Satz denke und aufschreibe, ist er schon Vergangenheit und nicht mehr Gegenwart. Die Gegenwart scheint fast unmessbar kurz zu sein, denn kaum ist sie da, vergeht sie sofort und wird Vergangenheit.

Es kann ja sein, dass das fast unnütze Gedanken sind, „ohne Nährwert“, würde meine Großmutter sagen, aber vielleicht doch bedenkenswert. Leibniz schreibt: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen.“ Das klingt einleuchtend, aber bin ich deshalb wirklich klüger? „Zeit ist eine Erscheinung, die sich in Form von Tag und Nacht darstellt“, schrieb Sextus Empiricus im zweiten Jahrhundert, aber bringt uns das weiter?

Augustinus schrieb in seinen Confessiones: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Dieser Satz kommt meinem Gefühl der Zeit gegenüber deutlich am nächsten.
Und warum ist die Wahrnehmung der Zeit in unserem eigenen Leben, in unseren Lebensabschnitten so unterschiedlich?

Rasend schnell ist die Zeit vorbei, wenn wir in einer angeregten und zufriedenen Runde miteinander sind. Scheinbar lang und ewig erstreckt sie sich in einem langweiligen Vortrag. Als ganz furchtbar empfinde ich, dass man im Alter des Lebens die Zeit als rasend schnell vorübergleitend wahrnimmt. Ehe man es sich versieht, ist schon wieder ein Jahr vorüber. Als Kind dagegen schien mir die Zeit vom 20. Dezember bis zum Heiligen Abend überhaupt nicht zu vergehen. „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorüber, in der man kann“, sagte Marie von Ebner-Eschenbach. Manchmal sprechen wir von einer Beschäftigung als von einem „Zeitvertreib“. Eigentlich ein schlimmer Begriff, denn haben wir so viel Lebenszeit, dass wir sie auch noch vertreiben möchten? Wohl kaum, denke ich. Auch Seneca schrieb dazu: „Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen!“

Die Zeit erscheint wie ein riesiger feststehender Fels, neben dem alles andere herum winzig und in ständiger Bewegung ist. Ist die Zeit ewig? Und noch zaghafter gefragt: Ist die Zeit vielleicht Gott? Oder eine Erscheinungsform von Gott?

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken höchst unfertig sind. Ich habe den Versuch unternommen, über etwas nachzudenken, was eigentlich nicht zu fassen ist. Daher muss es notwendigerweise unvollkommen bleiben. Und dennoch scheint mir die Zeit als etwas, über das es sich lohnt nachzudenken, denn wir alle sind immer mitten in der Zeit. Letztendlich ist unsere Lebenszeit das einzige, was wir wirklich besitzen.

Wie oft sagten oder dachten wir schon: „Die Zeit vergeht.“ Welch ein Irrtum! Nicht die Zeit vergeht – wir sind es, die vergehen. Die Zeit bleibt.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Der unterbestimmte Mensch und das freimaurerische Ritual

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In unseren westlichen Philosophien seit der griechischen Antike tritt der Mensch auf als ein Wesen, das wesentlich bestimmt sei.

Von Klaus-Jürgen Grün

Das Wesen des Menschen sei – so Aristoteles – ein zoon politicon. Er widersprach damit Platon, der das Wesen des Menschen als verkörperte Idee des Guten bestimmte. Menschen, die dieser Idee zu wenig entsprachen, sollten mit Methoden der Bildung und Gewalt umerzogen werden. Wo dies nicht zu gelingen schien, riet Platon auch schon einmal zum Töten. Überhaupt erweist sich Platon als Chefideologe der Dogmatiker, seien sie Anhänger der katholischen Inquisition oder der islamistischen Terrormiliz. Wer sein Menschenbild ohne Bezug auf Gott und die Götter schafft, dem soll, wenn ihn auch alle Überredungskunst im Kerker nicht zum Abschwören geführt hat, „von Neuem der Prozeß gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden“ (Platon: Nomoi).

Die vom Platonischen abgeleitete Wesensbestimmung des Menschen im Christentum erklärte den Menschen gottähnlich. Individuen oder ganze Völker, die diesem Ideal nicht entsprachen, sind oftmals pyrotechnisch oder kolonisatorisch entsorgt worden. Aber die zunehmende Unglaubhaftigkeit, dass solcherlei Grausamkeit mit der Gottähnlichkeit vereinbar sein könnte, schuf in der europäischen Aufklärung den Vernunftmenschen, der als die Inkarnation der Vernunft bestimmt war. Aufklärer legten von Anbeginn die Bestimmung des Menschen in die Vernunft. Sie konzipierten den Menschen dabei – meistens verschleiert – als göttliches Wesen, denn die Vernunft des Menschen war strukturiert wie vormals der christliche Gott: Vernunft sei der Sitz von Gut und Böse; sie sei vor jeder moralischen Entscheidung um Rat zu befragen; ihrem Rat sei stets Folge zu leisten; und die Vernunftentscheidung entsprach immer der Wahrheit.

Noch die Väter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat zu Beginn unserer neuen Republik gingen davon aus, dass der deutsche Wähler ein vernunftbegabter und mündiger Bürger sei. In der Gegenwart allerdings erleben wir, dass die lautesten und barbarischsten Stimmen zur Verteidigung des völkisch orientierten deutschen Wesens des Menschen weder mit Aufklärung noch mit Vernunft etwas zu tun haben wollen.

Hier nun ist der vorläufige Gipfel der Komplexität erreicht, der jede vormals für einzigartig gehaltenen Bestimmung des Menschen ad absurdum führt. Dass jeder Nazi, jeder Islamist, jeder dogmatische Katholik, aber auch jeder Moralist immer noch der Illusion aufgesessen ist, er oder sie hätte die einzig objektive Bestimmung des Menschen erfasst, widerspricht der hier vertretenen Auffassung nicht. Denn jede dieser Illusionen ist Bestandteil der Komplexität, und sie alle zusammen bestätigen die These der Unterbestimmtheit des Menschen.

Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft die Beobachtung, dass man „sehr leicht ohne Religion und vielleicht ohne Kunst leben [kann]. Man kann aber nicht ohne Recht und ohne Geld leben“ (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 79). Keine Bestimmung des Menschen leistet, was sie verspricht, aber alle zusammen strukturieren, was keine der einzelnen wahr haben will: Es gibt keine einzig und allein gültige Bestimmung des Menschen. Von allen Seiten aber reden uns Ideologen mehr oder weniger gewaltsam ein, dass man als Mensch nicht ohne die in der jeweiligen Ideologie für unverzichtbar erklärte Bestimmung des Menschen leben könnte.

Freimaurerei verfährt perspektivisch

Freimaurerei pflegte allerdings von Anfang an einen klugen Umgang mit der Unterbestimmtheit des Menschen. Sie holte die Männer mit unterschiedlichstem Dünkel, was die Bestimmung des Menschen angeht, in die Logen. Dort mussten sie erfahren, dass ihre eigene Religion, ihre eigene politische Überzeugung, ihre eigene Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand nichts weiter war als eine von vielen Perspektiven. Sicher war es ein Glück für das Gelingen der Freimaurerei, dass diese Männer nicht gleichzeitig noch überfordert wurden damit, dass auch Frauen eine Perspektive in Bezug auf die Bestimmung des Menschen haben. Die Großloge von England ist ja bis heute noch überfordert damit, dass Frauen als echte Freimaurerinnen in den Logen einen Beitrag zur Offenheit der Bestimmung des Menschen leisten.

Vergleichen wir die Bestimmungen des Menschen in Theologie, Philosophie und Anthropologie mit der Praxis im Ritual der Freimaurerei, so fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge. In der Freimaurerei wird keine Theologie, keine Philosophie und keine Anthropologie, die das Wesen des Menschen metaphysisch festgelegt hat, vorausgesetzt. Die Praxis der Freimaurer zelebriert die Unterbestimmtheit des Menschen. Was die Bestimmung des Menschen sein könnte, bleibt wie der unvollendete Bau des symbolischen Salomonischen Tempels stets offen. Die empirischen Tätigkeiten in den rituellen Arbeiten – nicht die Ideologien in den Köpfen vieler individueller Freimaurer und Freimaurerinnen – offenbaren das Bild eines rauen Steines, der in Gesellschaft anderer an sich selbst arbeitet, um sich mit diesen zu einem funktionierenden Sozialverband zu vernetzen. Keine scheinbar an sich feststehenden Tatsachen über den Menschen, sondern die sich stets neu zusammensetzenden Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven strukturieren eine vorläufige Vorstellung von der Bestimmung des Menschen. Und sie bleibt immer vorläufig und unvollendet.

Freimaurer und Freimaurerinnen treten zusammen in ihren Tempeln, wo sie das Bild konstruieren, das sich aus Individuen zusammensetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie sind in verschiedenen Religionen aufgewachsen, gehören verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, haben verschiedene Bildungswege hinter sich, leben verschiedene Interessen aus, bringen unterschiedlichste Begabungen zum Ausdruck, und vieles mehr an Unterschieden. Von einem einheitlichen Wesen des Menschen oder sogar einer einheitlichen Bestimmung zu sprechen, schließt dieses Bild aus.

Freilich beschleicht manche Menschen panisches Unbehagen, wenn sie sich ihre eigene Unterbestimmtheit vorstellen sollen. Sie konstruieren dann eine Bestimmung des Menschen, indem sie ihre eigene Wahrheit über Religion und Ethik als absolut gültige und als das Ziel der freimaurerischen Arbeit unterstellen. Aber ihre Wahnvorstellung von einer Objektivität ihrer Konstruktionen wird in der Praxis der Tempelarbeit parodiert. Wer hierbei Bauchschmerzen bekommt, der macht sich dann seine eigene Freimaurerei, in der er beschließt, nur Männer oder Frauen eintreten zu lassen, die ihm unentwegt bestätigen, dass seine Perspektive die einzige sei, die der objektiven Wahrheit entspreche. Freimaurerei hat sich jedoch von diesen dogmatischen Sonderwegen nie vereinnahmen lassen.

Jeder ist Gestalter der Welt und für sein Tun selbst verantwortlich

Freimaurerei arbeitet nicht auf der Basis irgendwelcher Einheitlichkeiten wie der Einheit der Welt. Sie stellt vielmehr eine von unzähligen Möglichkeiten des Zustandekommens solcher Einheiten durch ihr Dasein als ein Gesamtkunstwerk vor. Vollkommen unabhängig von den Vorstellungen jedes Einzelnen zeigt der Vollzug des Rituals, dass in ihm keine außenstehenden Beobachter existieren. Wer an einer freimaurerischen Tempelarbeit teilnimmt, ist niemals ein außenstehender Beobachter. Stattdessen dienen bereits die vorbereitenden Ritualhandlungen dem Erlebnis, dass die Welt der außenstehenden Beobachter für die Dauer einer Tempelarbeit durch „Deckung“ ausgegrenzt wird. Innerhalb des gedeckten Tempels ist jeder einzelne Teilnehmer des Rituals. Keiner ist mehr unbeteiligter Beobachter.

Im Theater und in der Kirche ebenso wie im Museum ist das anders. Im Museum steht der Betrachter vor dem Bild oder der Statue; in der Kirche sind die Profanen auf der einen Seite des Geschehens untertänigst angeordnet – sie verbeugen sich vor dem Priester und empfangen von ihm die Weihe oder die Hostie, und der Priester seinerseits ist geweiht und kann niemals durch einen Profanen ersetzt oder gar durch freie Wahl abgelöst werden. Deutlicher noch sind im Theater die Beobachter von den Handelnden der Handlung getrennt. Sie entrichten ihren Eintritt, verhalten sich ruhig und geben nur dann Zeichen ihres Daseins kund, wenn es die Handelnden vorgesehen haben.

Mit dem Fehlen einer objektiven Bestimmung und dem rituellen Aufbau eines beständig neu konzipierten vorläufigen Bildes des Menschen sowie der Humanität sperrt sich Freimaurerei gegen jede Art völkischer, rassistischer oder religiöser und kirchlicher Festlegungen. Von daher nähert sich die Metapher „Toleranz“ dem Gedanken, dass man es beim Menschen mit etwas sichtlich undurchschaubar Komplexem zu tun hat.

Das überfordert natürlich das Toleranzverständnis der meisten Menschen. Denn hierbei werden „Ungewissheiten unserer Orientierung und die Risiken der Desorientierung … so stark, dass es beruhigt, wenn andere sich ähnlich orientieren“ (Werner Stegmaier, Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche, Berlin/Boston 2016, S. 57). Die ähnliche Orientierung stellt aber auch das rituelle Geschehen im Freimaurer-Tempel bereit – und zwar weit ab von der Vorstellung, dass Deutsche nur gegenüber Deutschen tolerant sind; Christen nur gegenüber Christen usw. Sie erleichtert es, bei der Vielfalt der Unterbestimmtheiten den Menschen nicht aus dem Auge zu verlieren. Was für Kommunikationsstrukturen allgemein gilt, gilt für Freimaurerei im Besonderen: „An die Stelle der ‚Einheit des Menschen‘ tritt so ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Systemtypen“ (Stegmeier, Orientierung im Nihilismus, S. 148). Dadurch erfährt Freimaurerforschung einen besonderen Sinn. Sie erweist sich als eine Forschung, die nicht letztgültige Wahrheiten aufzuspüren bestrebt ist, sondern zur Artikulation verschiedener Perspektiven ermuntert.

Die Forschungsloge Quatuor Coronati mit Sitz in Bayreuth untersteht den Vereinigten Großlogen von Deutschland. Sie ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland mit insgesamt etwa 1.500 Mitgliedern. Mit ihren Publikationen und Tagungen ist Quatuor Coronati als vereinsrechtlich eingetragene Forschungsgesellschaft auch für Nichtfreimaurer geöffnet und bildet ein einzigartiges internationales Netzwerk.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Die beliebtesten Beiträge im Jahr 2019

Olivier Le Moal / Adobe Stock

Weit über 700 Meldungen, 80 Podcasts, 185 Newsletter mit rund 8000 Abonnenten — die Website der Großloge ist längst eine Institution geworden. Die nachfolgende Übersicht zeigt eine Auswahl der meistgelesenen Beiträge des abgelaufenen Jahres.

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Rostocker Loge lädt zur Podiumsdiskussion

Blick auf die Hansestadt Rostock © SeanPavonePhoto / Adobe Stock

Einen ungewöhnlichen Weg der Öffentlichkeitsarbeit geht die Rostocker Loge "Zu den drei Sternen" mit einer Podiumsdiskussion.

Für den 28. Februar 2020 lädt die Rostocker Loge zu einem öffentlichen Informationsabend mit Podiumsdiskussion über Freimaurerei ein. “Auch wenn Freimaurerei ein offenes Geheimnis ist, bleibt ein Mythos, etwas Geheimnisvolles,
weil die Rituale nur schwer verständlich sind und Freimaurerei immer in geschützten Räumen stattfindet, sich nie vermarktet, nie in den Vordergrund spielt und doch seit Jahrhunderten die Weltgeschichte im Sinne von Humanität, Freiheit und Toleranz maßgeblich mitgeprägt hat”, so der Text der Einladung. Wofür Freimaurer seit Jahrhunderten stehen, ist und bleibt ein gesellschaftliches Thema. Humanität, Freiheit und Toleranz haben heute wieder mächtige Gegner. Ein Grund, warum sich die 1760 gegründete altehrwürdige Loge „Zu den drei Sternen“ in Rostock, öffnet und das offene Geheimnis um die Freimaurerei gern mit Gästen diskutieren möchte.

Nach einer Einführung über Freimaurerei durch den amtierenden Meister vom Stuhl Thomas Born diskutieren Annegret Mahn, Prof. Dr. Rüdiger Templin und Thomas Born und beantworten die Fragen der Besucher, die Moderation führt Dr. Ulrich Vetter. Die Veranstaltung findet am 28. Februar 2020 ab 19 Uhr in der Aula / Konzilzimmer der Universität Rostock statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter loge-gaestabend@web.de wird gebeten.

Schwester Annegret Mahn (Dipl.-Psychologin, Geschäftsführerin, Freimaurerin seit 2005, Mitglied der Loge „Märkisches Mosaik“ Potsdam.

Bruder (Prof. Dr.) Rüdiger Templin (Prof. Dr. med. em., Alt-Großmeister Vereinigte Großlogen von Deutschland, 1997–2000 Meister vom Stuhl der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock, 2002–2006 Zugeordneter Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, 2006–2009 Stellvertretender Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, 2009–2015 Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Mitgliedschaft u.a. in Logen in Havanna, Liepaja, London, Belgrad, Bukarest und Lissabon)

Bruder Thomas Born, (Unternehmensberater, Geschäftsführer, amtierender Meister vom Stuhl. der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock. Aktuell: Mitbegründer einer deutschsprachigen Loge auf Teneriffa)

Bruder (Dr.) Ulrich Vetter, (Geschäftsführer Entwicklungsgesellschaft, Coach)

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Einladung zur freimaurerischen Gedenkveranstaltung

Foto: Komwanix / Adobe Stock

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur laden die Freimaurer des Distriktes Bremen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Esterwegen zu einer Gedenkveranstaltung am 9. Mai 2020 ein.

Die Veranstaltung findet zweigeteilt in der Gedenkstätte Esterwegen sowie auf der Begräbnisstätte Bockhorst/Esterwegen statt. Der Ort der Veranstaltung wurde mit Bedacht gewählt. In den Emslandlagern wurden nicht nur die Brüder der Loge „Liberté Chérie“ und der Bruder Carl von Ossietzky gefangen gehalten, auf der Begräbnisstätte Bockhorst/Esterwegen befindet sich zudem ein freimaurerischer Gedenkstein.

Der Beginn der Veranstaltung ist für 12:30 Uhr vorgesehen.  Die Begrüßung erfolgt durch den Zugeordneten Distriktmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland und die Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, Frau Dr. Andrea Kaltofen, die auch den anschließenden Vortrag über die Emslandlager hält. Anschließend spricht Ruth Breuer aus Brüssel (Freimaurerein und Übersetzerin) über die Gründung der Freimaurerloge “Liberté Cherie” im KZ Esterwegen. Hasso Henke, Zugeordneter Großmeister, referiert über die Frage “Was uns die Brüder der Liberté Cherie lehren sollten”. Für die musikalische Untermalung sorgen “Die Grenzgänger” mit Stücken aus ihrem Programm “Und weil der Mensch ein Mensch ist — Lager, Lieder, Widerstand”.

Um 14:30 Uhr besteht die Möglichkeit der Besichtigung der Ausstellung sowie des Geländes der Gedenkstätte Esterwegen. Um 17 Uhr findet eine Trauerzeremonie auf der Begräbnisstätte  Bockhorst/Esterwegen statt.

Freimaurerischer Gedenkstein
Freimaurerischer Gedenkstein Foto: Thorsten Lieder

Da die Plätze begrenzt sind, ist eine fristgerechte Anmeldung zwingend notwendig. Diese erfolgt bitte unter der Mailadresse zdm.hb.tl@freimaurerei.de. Der Anmeldeschluss ist der 31. Dezember 2019.

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Meinungen achten und Brücken bauen

Grußadresse des Großmeisters zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel

Foto: © chingis61 / Adobe Stock

„Wer wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe.“

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe, *4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Am kommenden Sonntag ist bereits der 3. Advent und es sind nur noch wenige Tage zum Jahreswechsel. Es ist die Zeit, in der man innehalten will, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und dem kommenden Jahr vielleicht nachdenklich, vor allem aber hoffnungsfroh entgegensieht.

Ein wichtiges Ereignis 2019 war das 70. Jubiläum unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Am 19. Juni 1949 wurde in der Geburtsstadt unseres Bruders Johann Wolfgang v. Goethe in der Paulskirche zu Frankfurt am Main unsere Großloge gegründet. Die damals formulierten „freimaurerischen Grundsätze“ sind noch immer richtungweisend und wesentlicher Teil der “Freimaurerischen Ordnung”.

Artikel 2 unserer freimaurerischen Grundsätze formuliert wie folgt: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Für das zurückliegende Jahr sind zunehmende Beschimpfungen und Gewalt, so zum Beispiel gegen Migranten, gegen Juden, gegen Rettungshelfer und Ordnungskräfte, gegen Journalisten und Politiker, in Einzelfällen bis hin zum Mord, Hasskommentare im Internet sowie die Verrohung der Sprache als Bestandteil der politischen Auseinandersetzung festzustellen. Einem für eine demokratische Weiterentwicklung wünschenswerten und unerlässlichem gesellschaftlichem Zusammenhalt sind diese Tendenzen nicht förderlich.

Für uns Freimaurer ist der oben zitierte Artikel 2 unserer Verfassung der Auftrag, Zivilcourage zu zeigen und Brücken zu bauen. Es gilt, unsere elementaren humanistischen Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum einfachen Zuhören können alltäglich zu leben, um zumindest in unserem Umfeld den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Jahreswende ist allerdings auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unseres Newsletters für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich eine frohe und stimmungsvolle Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2020. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. 

Stephan Roth-Kleyer

Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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