Der unterbestimmte Mensch und das freimaurerische Ritual

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In unseren westlichen Philosophien seit der griechischen Antike tritt der Mensch auf als ein Wesen, das wesentlich bestimmt sei.

Von Klaus-Jürgen Grün

Das Wesen des Menschen sei – so Aristoteles – ein zoon politicon. Er widersprach damit Platon, der das Wesen des Menschen als verkörperte Idee des Guten bestimmte. Menschen, die dieser Idee zu wenig entsprachen, sollten mit Methoden der Bildung und Gewalt umerzogen werden. Wo dies nicht zu gelingen schien, riet Platon auch schon einmal zum Töten. Überhaupt erweist sich Platon als Chefideologe der Dogmatiker, seien sie Anhänger der katholischen Inquisition oder der islamistischen Terrormiliz. Wer sein Menschenbild ohne Bezug auf Gott und die Götter schafft, dem soll, wenn ihn auch alle Überredungskunst im Kerker nicht zum Abschwören geführt hat, „von Neuem der Prozeß gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden“ (Platon: Nomoi).

Die vom Platonischen abgeleitete Wesensbestimmung des Menschen im Christentum erklärte den Menschen gottähnlich. Individuen oder ganze Völker, die diesem Ideal nicht entsprachen, sind oftmals pyrotechnisch oder kolonisatorisch entsorgt worden. Aber die zunehmende Unglaubhaftigkeit, dass solcherlei Grausamkeit mit der Gottähnlichkeit vereinbar sein könnte, schuf in der europäischen Aufklärung den Vernunftmenschen, der als die Inkarnation der Vernunft bestimmt war. Aufklärer legten von Anbeginn die Bestimmung des Menschen in die Vernunft. Sie konzipierten den Menschen dabei – meistens verschleiert – als göttliches Wesen, denn die Vernunft des Menschen war strukturiert wie vormals der christliche Gott: Vernunft sei der Sitz von Gut und Böse; sie sei vor jeder moralischen Entscheidung um Rat zu befragen; ihrem Rat sei stets Folge zu leisten; und die Vernunftentscheidung entsprach immer der Wahrheit.

Noch die Väter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat zu Beginn unserer neuen Republik gingen davon aus, dass der deutsche Wähler ein vernunftbegabter und mündiger Bürger sei. In der Gegenwart allerdings erleben wir, dass die lautesten und barbarischsten Stimmen zur Verteidigung des völkisch orientierten deutschen Wesens des Menschen weder mit Aufklärung noch mit Vernunft etwas zu tun haben wollen.

Hier nun ist der vorläufige Gipfel der Komplexität erreicht, der jede vormals für einzigartig gehaltenen Bestimmung des Menschen ad absurdum führt. Dass jeder Nazi, jeder Islamist, jeder dogmatische Katholik, aber auch jeder Moralist immer noch der Illusion aufgesessen ist, er oder sie hätte die einzig objektive Bestimmung des Menschen erfasst, widerspricht der hier vertretenen Auffassung nicht. Denn jede dieser Illusionen ist Bestandteil der Komplexität, und sie alle zusammen bestätigen die These der Unterbestimmtheit des Menschen.

Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft die Beobachtung, dass man „sehr leicht ohne Religion und vielleicht ohne Kunst leben [kann]. Man kann aber nicht ohne Recht und ohne Geld leben“ (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 79). Keine Bestimmung des Menschen leistet, was sie verspricht, aber alle zusammen strukturieren, was keine der einzelnen wahr haben will: Es gibt keine einzig und allein gültige Bestimmung des Menschen. Von allen Seiten aber reden uns Ideologen mehr oder weniger gewaltsam ein, dass man als Mensch nicht ohne die in der jeweiligen Ideologie für unverzichtbar erklärte Bestimmung des Menschen leben könnte.

Freimaurerei verfährt perspektivisch

Freimaurerei pflegte allerdings von Anfang an einen klugen Umgang mit der Unterbestimmtheit des Menschen. Sie holte die Männer mit unterschiedlichstem Dünkel, was die Bestimmung des Menschen angeht, in die Logen. Dort mussten sie erfahren, dass ihre eigene Religion, ihre eigene politische Überzeugung, ihre eigene Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand nichts weiter war als eine von vielen Perspektiven. Sicher war es ein Glück für das Gelingen der Freimaurerei, dass diese Männer nicht gleichzeitig noch überfordert wurden damit, dass auch Frauen eine Perspektive in Bezug auf die Bestimmung des Menschen haben. Die Großloge von England ist ja bis heute noch überfordert damit, dass Frauen als echte Freimaurerinnen in den Logen einen Beitrag zur Offenheit der Bestimmung des Menschen leisten.

Vergleichen wir die Bestimmungen des Menschen in Theologie, Philosophie und Anthropologie mit der Praxis im Ritual der Freimaurerei, so fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge. In der Freimaurerei wird keine Theologie, keine Philosophie und keine Anthropologie, die das Wesen des Menschen metaphysisch festgelegt hat, vorausgesetzt. Die Praxis der Freimaurer zelebriert die Unterbestimmtheit des Menschen. Was die Bestimmung des Menschen sein könnte, bleibt wie der unvollendete Bau des symbolischen Salomonischen Tempels stets offen. Die empirischen Tätigkeiten in den rituellen Arbeiten – nicht die Ideologien in den Köpfen vieler individueller Freimaurer und Freimaurerinnen – offenbaren das Bild eines rauen Steines, der in Gesellschaft anderer an sich selbst arbeitet, um sich mit diesen zu einem funktionierenden Sozialverband zu vernetzen. Keine scheinbar an sich feststehenden Tatsachen über den Menschen, sondern die sich stets neu zusammensetzenden Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven strukturieren eine vorläufige Vorstellung von der Bestimmung des Menschen. Und sie bleibt immer vorläufig und unvollendet.

Freimaurer und Freimaurerinnen treten zusammen in ihren Tempeln, wo sie das Bild konstruieren, das sich aus Individuen zusammensetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie sind in verschiedenen Religionen aufgewachsen, gehören verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, haben verschiedene Bildungswege hinter sich, leben verschiedene Interessen aus, bringen unterschiedlichste Begabungen zum Ausdruck, und vieles mehr an Unterschieden. Von einem einheitlichen Wesen des Menschen oder sogar einer einheitlichen Bestimmung zu sprechen, schließt dieses Bild aus.

Freilich beschleicht manche Menschen panisches Unbehagen, wenn sie sich ihre eigene Unterbestimmtheit vorstellen sollen. Sie konstruieren dann eine Bestimmung des Menschen, indem sie ihre eigene Wahrheit über Religion und Ethik als absolut gültige und als das Ziel der freimaurerischen Arbeit unterstellen. Aber ihre Wahnvorstellung von einer Objektivität ihrer Konstruktionen wird in der Praxis der Tempelarbeit parodiert. Wer hierbei Bauchschmerzen bekommt, der macht sich dann seine eigene Freimaurerei, in der er beschließt, nur Männer oder Frauen eintreten zu lassen, die ihm unentwegt bestätigen, dass seine Perspektive die einzige sei, die der objektiven Wahrheit entspreche. Freimaurerei hat sich jedoch von diesen dogmatischen Sonderwegen nie vereinnahmen lassen.

Jeder ist Gestalter der Welt und für sein Tun selbst verantwortlich

Freimaurerei arbeitet nicht auf der Basis irgendwelcher Einheitlichkeiten wie der Einheit der Welt. Sie stellt vielmehr eine von unzähligen Möglichkeiten des Zustandekommens solcher Einheiten durch ihr Dasein als ein Gesamtkunstwerk vor. Vollkommen unabhängig von den Vorstellungen jedes Einzelnen zeigt der Vollzug des Rituals, dass in ihm keine außenstehenden Beobachter existieren. Wer an einer freimaurerischen Tempelarbeit teilnimmt, ist niemals ein außenstehender Beobachter. Stattdessen dienen bereits die vorbereitenden Ritualhandlungen dem Erlebnis, dass die Welt der außenstehenden Beobachter für die Dauer einer Tempelarbeit durch „Deckung“ ausgegrenzt wird. Innerhalb des gedeckten Tempels ist jeder einzelne Teilnehmer des Rituals. Keiner ist mehr unbeteiligter Beobachter.

Im Theater und in der Kirche ebenso wie im Museum ist das anders. Im Museum steht der Betrachter vor dem Bild oder der Statue; in der Kirche sind die Profanen auf der einen Seite des Geschehens untertänigst angeordnet – sie verbeugen sich vor dem Priester und empfangen von ihm die Weihe oder die Hostie, und der Priester seinerseits ist geweiht und kann niemals durch einen Profanen ersetzt oder gar durch freie Wahl abgelöst werden. Deutlicher noch sind im Theater die Beobachter von den Handelnden der Handlung getrennt. Sie entrichten ihren Eintritt, verhalten sich ruhig und geben nur dann Zeichen ihres Daseins kund, wenn es die Handelnden vorgesehen haben.

Mit dem Fehlen einer objektiven Bestimmung und dem rituellen Aufbau eines beständig neu konzipierten vorläufigen Bildes des Menschen sowie der Humanität sperrt sich Freimaurerei gegen jede Art völkischer, rassistischer oder religiöser und kirchlicher Festlegungen. Von daher nähert sich die Metapher „Toleranz“ dem Gedanken, dass man es beim Menschen mit etwas sichtlich undurchschaubar Komplexem zu tun hat.

Das überfordert natürlich das Toleranzverständnis der meisten Menschen. Denn hierbei werden „Ungewissheiten unserer Orientierung und die Risiken der Desorientierung … so stark, dass es beruhigt, wenn andere sich ähnlich orientieren“ (Werner Stegmaier, Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche, Berlin/Boston 2016, S. 57). Die ähnliche Orientierung stellt aber auch das rituelle Geschehen im Freimaurer-Tempel bereit – und zwar weit ab von der Vorstellung, dass Deutsche nur gegenüber Deutschen tolerant sind; Christen nur gegenüber Christen usw. Sie erleichtert es, bei der Vielfalt der Unterbestimmtheiten den Menschen nicht aus dem Auge zu verlieren. Was für Kommunikationsstrukturen allgemein gilt, gilt für Freimaurerei im Besonderen: „An die Stelle der ‚Einheit des Menschen‘ tritt so ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Systemtypen“ (Stegmeier, Orientierung im Nihilismus, S. 148). Dadurch erfährt Freimaurerforschung einen besonderen Sinn. Sie erweist sich als eine Forschung, die nicht letztgültige Wahrheiten aufzuspüren bestrebt ist, sondern zur Artikulation verschiedener Perspektiven ermuntert.

Die Forschungsloge Quatuor Coronati mit Sitz in Bayreuth untersteht den Vereinigten Großlogen von Deutschland. Sie ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland mit insgesamt etwa 1.500 Mitgliedern. Mit ihren Publikationen und Tagungen ist Quatuor Coronati als vereinsrechtlich eingetragene Forschungsgesellschaft auch für Nichtfreimaurer geöffnet und bildet ein einzigartiges internationales Netzwerk.

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Humor als Humus der Humanität

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Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität

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240 Jahre Freimaurerei in Saarbrücken

Die Stuhlmeisterin der Saarbrücker Frauenloge "Europa im Licht", referiert im Logentempel vor interessierten Saarbrückerinnen und Saarbrückern über Freimaurerei

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am 21 Oktober 2019 kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen.

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am Samstag, dem 21.09., kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen. Großmeister Stephan Roth-Kleyer war zu diesem Anlass nach Saarbrücken gereist und bereicherte die Arbeit durch die ihm eigene Herzlichkeit und Brüderlichkeit.

Die Festarbeit diente dabei weniger der Rückschau auf die lange Saarbrücker Freimaurertradition, die mit dem Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken begann und aufgrund der Grenzlage Unterbrechungen und Wendungen erlebt hat, die Brüdern im Norden Deutschlands möglicherweise fremd sind. Vielmehr ging es darum, den Blick nach vorne zu richten.

Das verdeutlichte der Sinnspruch, den der MvSt. der gastgebenden Loge Bruderkette zur Stärke und Schönheit i. Or. Saarbrücken Nr. 13,  Br. Albert Augustin, für die Öffnung der Loge ausgewählt hatte: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme“.

In seiner Zeichnung beschäftigte sich Sokrates Evangelidis, Redner der Bruderkette, deshalb mit der Spannung zwischen maurerischem Geheimnis, das existiere, aber unaussprechbar sei, und der Notwendigkeit von Öffentlichkeitsarbeit.

Freimaurerei habe kein einzigartiges Markenversprechen, das durch Werbung penetriert werden könne, jeder einzelne Maurer für sich sei ein einzigartiges Argument für die Königliche Kunst. Letztlich müssen Maurer im Kontakt mit Profanen nicht mehr und nicht weniger tun als maurerisch zu handeln.

Dazu hatten die Saarbrücker Brüder nach einer recht kurzen Nacht am darauffolgenden Tag reichlich Gelegenheit: Am Sonntag, dem 22.09. öffnete das Saarbrücker Logenhaus seine Pforten für die Öffentlichkeit.

Kurz war die Nacht wegen der Weißen Tafel, an der nicht nur Brüder der AFuAM-Logen teilnahmen, sondern auch die Saarbrücker Frauenloge und französische Brüder und Schwestern aus anderen Obödienzen, die im Saarbrücker Logenhaus ihre Heimat gefunden haben – auch diese Konstellation ist der besonderen Grenzlage Saarbrückens geschuldet.

Rund 100 Gäste kamen zum Tag des Offenen Logenhauses am 22.09, den Großmeister Stephan Roth-Kleyer eröffnete,  viele nicht nur aus reiner Neugier, sondern aus echtem Interesse an der Königlichen Kunst. Das bestätigte auch der Gästeabend der Bruderkette zur Stärke und Schönheit freitags drauf: Reger Zuspruch, viele neue Gesichter, Brüder und Gäste waren etwa gleich stark vertreten. Öffentlichkeitsarbeit und freimaurerisches Geheimnis lassen sich wunderbar in Einklang bringen, wenn Maurer nicht mehr und nicht weniger tun, als auch Profanen gegenüber maurerisch zu handeln.

Links: Br. Albert Augustin, MvSt. der Loge "Bruderkette zur Stärke und Schönheit", rechts Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer
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Einfach mal Gemeinschaft pflegen

Martin Marx (rechts) begrüßt die ersten Besucher des Sommerfestes im Wetzlarer Logenhaus. Foto: Klimaschewski

Gut dreißig Gäste, Freunde, Schwestern und Brüder folgten einer Einladung der Loge "Wilhelm zu den drei Helmen" in das Klubhaus am Rande der Altstadt zum Sommerfest in Wetzlar.

Wetzlar (mf). Aufgrund der wechselhaften Witterung entschlossen sich die Anwesenden spontan dazu, die Feier in den großen Saal zu verlegen und sie nicht wie geplant im neugestalteten Logengarten stattfinden zu lassen. Martin Marx begrüßte als Meister vom Stuhl der Wetzlarer Freimaurerloge alle Anwesenden herzlich, bevor auf das Wohl einer Familie angestoßen wurde, die aufgrund ihres Hochzeitstages spontan zu einem Umtrunk eingeladen hatte. Anschließend dankte Marx den vielen fleißigen Händen, die beim Auf- und Abbau immer wieder mit anpacken, dafür sorgen, dass ein vielfältiges Buffet bereitsteht und Grillgut zubereitet werden kann.

Die Kraft der spätsommerlichen Sonne, deren Strahlen sich einen Weg durch die aufklarende Wolkenschicht bahnten, sorgte dann zur Freude der Festteilnehmer doch noch dafür, dass einige Bierzeltgarnituren im Garten besetzt wurden und die Grillmeister bei ihrer Arbeit Gesellschaft hatten.

Mit vielen guten Gesprächen und in heiterer Stimmung feierten Alt und Jung gemeinsam bis in die Abendstunden und taten, was die Wetzlarer Loge früher über Jahre auszeichnete, als man sich noch jeden Sonntagmittag zum gemeinsamen Essen, Spielen und Kaffeetrinken mit den Familien im Logensaal versammelte: Einfach mal Gemeinschaft pflegen.

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Von der Baukunst zur Lebenskunst

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100 Jahre „Bauhaus“ – ­Anmerkungen zu einer symbolischen Verwandtschaft zur „Bauhütte“.

Den Begriff „Bauhütte“ hat Goethe erstmals in einer Schrift von 1816 benutzt („Kunst und Altertum am Rhein und Main“). Zuvor sagte man einfach nur „Hütte“, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“.  Eine solche „Hütte“ war zunächst nicht mehr als ein zentrales Areal auf einer gotischen Dom-Baustelle mit einer einfachen Überdachung auf drei Hüttenpfeilern. Weil es beim Behauen der Steine staubte, war sie meist seitlich offen. Weil es dabei auch splitterte, trugen die Werkleute bei ihrer Arbeit am rauen Stein Schurze.  Der Begriff „Hütte“ hatte spätestens dann Berechtigung, als man dieses zentrale Areal auch als Versammlungs- und Beratungsstätte nutzte. Dort vertiefte man sich in die Baurisse, d. h. die Zeichnungen wurden aufgelegt, Pläne erörtert, man versuchte weitgehende Mitbestimmung.

Gropius machte aus der Bauhütte das Bauhaus

1919 hat Walter Gropius (1883–1969) die Bezeichnung „Bauhütte“ in den zeitgemäßeren Begriff „Bauhaus“ übersetzt und gesagt, wie er diese zentrale Versammlungsstätte sah, nämlich so wie einst: Als Stätte für ein „bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander“.  Das geschah bei den alten Bauhütten im besonderen Maße bei den vergleichsweise souveränen Steinmetzbruderschaften, die eine eigene Ordnung und eine eigene Rechtsprechung hatten und sich untereinander mit Zeichen, Wort und Griff auswiesen.

Die Freimaurer-Symbolik lehnt sich daran an. Aber auch die Bauhäusler verwendeten gewisse Rituale in Anlehnung an die alten Bruderschaften. „Bei Veranstaltungen wurden mittelalterliche Bauhüttenzeremonien nachgeahmt“, schreibt Frauke Mankartz („Das Bauhaus und der Gedanke der Dombauhütte“, 1999).

Die Bauhäusler haben bei allem Sinn für verbindende Architektur und gradlinige Formgebung immer auch Rückgriffe auf symbolische Entsprechungen praktiziert und zitiert. Auch das übernahmen sie — wie die Freimaurer — von den Bauhütten.
Von Walter Gropius stammt die Überlegung, man müsse „die geistig gleichgesinnten Werkleute wieder um sich sammeln. Zu enger, persönlicher Fühlung — so, wie der Meister der gotischen Dome in den Bauhütten des Mittelalters …“

Eine solche Idee bilde den „geistigen Nährboden“ des Bauhauses, behauptet Annemarie Jaeggi in einem redaktionellen Beitrag mit dem Titel: „Ein geheimnisvolles Mysterium: Bauhütten-Romantik und Freimaurerei am frühen Bauhaus“, 2005). Ja, eine „Idee“ sagt Bauhaus-Meister Mies van der Rohe, „nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten“.

Die Gedankenbrücke zwischen Bauhütte, Bauhaus und Freimaurerei reizt zum näheren Hinsehen. Interessanterweise tun das viele Nichtfreimaurer, wie beispielsweise Andreas Jahn, der in einem Essay mit dem schönen Titel „Konstruktion des Geheimnisses“ (für die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) 2011 schreibt: „Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Form-Meister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art.“

Dem Bauwerk und dem Leben Form und Inhalt geben

Gropius nahm diesen Bezug als symbolisches Idealbild des Miteinanders und Für­einanders, so, wie es sich auch die Freimaurer vorgestellt hatten. Daraus leitet sich ab, was Bauhäusler und Freimaurer gleichermaßen adaptiert haben: Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.

Im Sinne dieser Idee setzen beide – Bauhäusler und Freimaurer – symbolisches Material ein, was Andreas Jahn in seinem Essay sehr sinnfällig „Bausteine einer Denkbarkeit“ genannt hat. Ein treffendes Bild, denn wir tun ja doch eigentlich nichts anderes, als symbolische Bausteine (und Werkzeuge) einzusetzen, um darüber nachzudenken. Walter Gropius sagt: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“ Das symbolträchtige „Gebilde“ der alten „Bauhütte“ hat man am Bauhaus ebenso als „Gleichnis eines Gedankens“ verstanden, wie wir das in der Freimaurerei tun.

„Fast alle Zeichen scheinen einen dreifachen Sinn besessen zu haben“, schreibt Ludwig Keller („Zur Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheimnisse“, 1898). „… sie dienten einmal zur rituellen Symbolik, ferner zum Ausdruck sittlich-religiöser Vorstellungen und endlich zur Versinnbildlichung fachlicher Begriffe und Regeln.“ „Dieser mehrfache Sinn erschwert natürlich (bewusst!) für Uneingeweihte das Verständnis der Hüttensprache.“

Diese „Hüttensprache“ haben einige Bauhütten in Verse gefasst. Gereimte Texte waren leichter zu behalten, zumal nur wenige der Werkleute lesen und schreiben konnten. Als Beispiel mag ein altes „Stain-Mez-Büchlein“ aus dem 16. Jahrhundert gelten. Ein Gedicht (Auszug) im „dreifachen Sinn“ daraus (sprachlich auf unser Verständnis abgestimmt):

„Was in Stein-Kunst zu sehen ist:
dass kein Irr- noch Abweg ist.
Sonder Schnur recht, ein Lineal
durchzogen den Zirkel überall.
So findest du Drei in viere stehn
und also durch eins ins Zentrum gehen …“

Ein Nichteingeweihter kann damit nichts anfangen. „Eingeweihte“, wie symbolgeübte Freimaurer, sind immer noch in der Lage, einiges davon zu übersetzen: „Kunst“ und „Ohne Irr- und Abwege“ — das ist zunächst Ausdruck der Tradition und des Selbstbewusstseins der Steinmetze. Mit Schnur und Lineal ist die Bleiwaage oder Winkelwaage gemeint, mit einer Lot-Schnur (an der das Senkblei hängt). Mit beiden kann man einen rechten Winkel darstellen.
Das Fundament (das Niveau) war sichergestellt, wenn sich das Lot in der Mittelkerbe eingependelt hatte. Symbolisch kennzeichnet das die gleiche Ebene aller, auf der wir uns gleichberechtigt begegnen.
Des „Zirkels Kunst und Gerechtigkeit“ galt seit alten Zeiten als Werkzeug, mit dem man rationale wie irrationale Kreise ziehen und übertragen konnte („Gedankenkreise“).
„Drei“ schrieb man damals deswegen in Versalien, um die „heilige Zahl“ hervorzuheben. Vier steht für ein konstruiertes Quadrat, in dem ein gleichseitiges Dreieck steht. Das „Zentrum“ ist hier der gemeinsame Mittelpunkt (der Konstruktionszeichnung und des Denkens). Das alte Gedicht aus dem Steinmetz-Büchlein geht natürlich noch sehr viel weiter als der oben zitierte Ausschnitt. Die gereimte Symbolik führt letztlich zu einer Konstruktionszeichnung.
Über solche Verschlüsselungen konnten die Bauhäusler auch spotten. Oskar Schlemmer:

„Fort mit allem Eigendünkel,
Glück ist nur im rechten Winkel.
In diesem Zeichen wirst du siegen,
sterben oder Kinder kriegen.“

In den Werkstätten der Bauhaus-Meister

Symbolische Entsprechungen aus den alten Bauhütten finden sich in vielfältiger Form am Bauhaus. Marcel Breuer, der berühmte Designer, schuf zum Beispiel 1921 einen ganz besonderen Chair für seinen Chairman.
Christoph Wagner von der Uni Saarland, schreibt („Das Bauhaus und die Esoterik“, 2005), Marcel Breuer habe ein Stuhl-Unikat designed als eine Art „Thron für den Bauhaus-Direktor Walter Gropius in seiner Rolle als Meister der Bauloge“.

Nun gab es den „Meister vom Stuhl“ am Bauhaus nicht, obwohl man beim Stuhl-Designer Breuer und beim Seitenblick auf die Freimaurerei vielleicht darauf hätte kommen können. Und auch die Definition der „Bauloge“ gab es nicht, wohl aber das, was sie meinte: Eine enge, „verschworene“ Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nur nach bestimmten Kriterien aufnahm. Der Nicht-Freimaurer Gropius war ihr „Meister“.
Im Bauhaus hießen alle Lehrkräfte „Meister“, und die Klassen hießen bei Gropius „Werkstätten“. Wer sich im Bauhaus einschrieb, war zunächst „Lehrling“. Gropius: „Die Werklehre des Bauhauses soll den Lehrling zur … Arbeit vorbereiten … Erst der Geselle ist durch Werk- und Formenlehre geistig und werklich reif geworden zur Mitarbeit am Bau.“

Lehrling — Geselle — Meister. Klassischer Auf­bau des Lernens und Könnens, wie das schon in der alten Bauhütte praktiziert wurde. Werklehre gehört dazu und auch die „geistige“ Reife. Freimaurerei und Bauhaus hatten in ihrer spekulativen Anlehnung an die operative „Hütte“ ganz ähnliche Wege im Sinn: „Erkenntnisstufen“. Stufenweise Vertiefung. Aber auch immer wieder die gemeinsame Lehrlingsarbeit im ersten Grad. Gropius sprach von „Künstlern und Handwerkern aller Grade“, die sich „zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben“.

Ja, es gab auch „esoterische Denkfiguren und Bildvorstellungen“, die „in geheimnisvollen symbolischen Kodierungen weitreichende Fragen zur esoterisch-geistigen Kultur“ am Bauhaus aufwerfen (Christoph Wagner, 2005). „Esoterik“, aus der griechischen Wortwurzel „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“, ist etwas, was sich dem Außenstehenden nicht erschließt. „Symbolische Kodierungen“ nennt Wagner das. Also Sehbilder, die für Eingeweihte zu Denkbildern werden, wie unsere freimaurerischen Symbole auch. Solche Bilderwelten waren am Bauhaus und in der Freimaurerei Chiffren aus der Welt des Bauens, die sich dazu anboten, aus „Bauen“ auch „Leben“ zu denken.

Die Ideale gleichen einander

Der Bauhäusler Hannes Mayer deutet 1927 „Leben“ als „Drang zur Harmonie“, und er sagt: „Arbeiten heißt: Suchen nach der harmonischen Daseinsform.“ Unser Verständnis von „Tempelarbeit“ ist da wohl sehr ähnlich.
Das ist im Kern dasselbe Ideal, an welches die Bauhaus-Denker dachten. Der „neue Baugeist“, sagt Gropius, „bedeutet Ausgleich der Gegensätze.“ Wie gleicht man Gegensätze aus? Indem man sie toleriert.
Auch das Musivische Pflaster im Westen ist die „gleiche Ebene“. Selbstfindung und Sinnsuche beginnen dort, wo das symbolische Fundament für den Bau gedacht werden darf, der himmelwärts strebt wie eine Kathedrale, wie ein Dom, wie ein imaginärer Tempel.

Am Bauhaus wurde „die Kathedrale des Mittelalters … zum Leitbild, die Bauhütte zum Ideal“, schreibt Hanno Rautenberg unter der Überschrift „Die ganze Welt ein Bauhaus“ in der Wochenzeitung die „Die Zeit“ (2009).
„Weltoffene Gemeinschaftsarbeit am großen Bau einer humaneren Gesellschaft“ hat Michael Siebenbrodt die Bauhaus-Idee 1925 genannt. Diesen Gedanken hatte auch Gropius als „Großen Bau“ bezeichnet und gefordert: Wir müssen ihn gemeinsam „wollen, erdenken, erschaffen“.

„Warum nennen wir uns Freimaurer?“, heißt es im AFAM-Ritual. Antwort: „Weil wir als freie Männer am großen Bau arbeiten.“ „An welchem Bau, mein Bruder?“ — „Wir bauen den Tempel der Humanität.“
Die Arbeit am „Großen Bau“ war und ist die Idee des Großen Ganzen. Der ideelle Tempel, die idealistisch gedachte Kathedrale. Daran wollte man am Bauhaus als „verschworene Geistes- und Werkgemeinschaft“ (Peter Hahne, 1993) arbeiten, nach Gropius „ohne klassentrennende Anmaßung“.

Das Machbare des Denkbaren tun

Wir Freimaurer nennen so etwas „Brüderlichkeit“ und sagen: „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus.“ Wir begreifen uns als Idealisten, die das Phantastische denken. Die freilich aber auch nicht müde werden (sollten), das Machbare des Denkbaren zu tun. Ideal und Alltag. Es ist der gleiche Zwiespalt zwischen Ideal und Alltag, der auch Walter Gropius und die Seinen umtrieb. Einige haben die Alltagserfahrung schmerzlich empfunden. Oskar Schlemmer beispielsweise mit der Reminiszenz an die Dombauhütten: „Der Gedanke an den Dom ist vorläufig in den Hintergrund getreten. Heute ist es so, dass wir bestenfalls ein Haus denken dürfen.“ Auch die große Idee des freimaurerischen Tempelbaus ist manchmal nur ein bescheidenes Haus, aber immerhin hat unser symbolischer Baugedanke auch mal in einer „Hütte“ angefangen. Um daraus einen Tempel zu denken, braucht man Ideale, Utopien, Träume. Auch das sind Stichworte zur Verwandtschaft von Bauhaus und Freimaurerei. In einem Instruktionstext unserer Großloge heißt es u. a.: „Solange es Kunde von Menschen gibt, haben sie versucht, in Bildern festzuhalten, was ihnen bedeutsam erschien. Dabei handelt es sich nicht nur um Aufzeichnungen äußeren Geschehens, sondern auch um solche inneren Erlebens. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Intellekt zu fördern“, sondern die Seele anzusprechen. Das sahen die Bauhaus-Künstler ganz ähnlich.

Bauhaus-Symbolik und freimaurerische Symbolik kommen aus der Welt des Bauens. Die ist ohne die Welt der Kunst nicht zu denken. Es war immer der Künstler, der den Menschen lehrt, die Welt zu sehen. Der kreative Akt der Gestaltung, der Formgebung, ist sinnbildlich auf das Leben zu übertragen. Man gibt seinem Leben Form und Inhalt. So, wie der Künstler seinem Kunstwerk Form und Inhalt gibt.  Die geistige und symbolische Nähe zu den Freimaurern war den Bauhäuslern durchaus bewusst, aber sie waren ein Werkbund eigener Prägung. Sie lehrten und lebten einen eigenen Stil. „Wir müssen uns immer vor Augen halten“, sagt Gropius, „dass das Bauhaus eine Bildungsstätte sein soll.“ Darunter verstand er Menschenbildung plus fachliche Ausbildung. Aus dieser Symbiose sollten beispielhafte Architekturen und menschengerechte Designs entstehen. Gradlinig und zeitlos, wie wir das heute immer noch, oder besser: wieder verstehen.

Das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Idee 2019 mag uns an symbolische Verwandtschaften mit den Bauhütten erinnern, die am Schluss eines Gedichtes um das „Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund“ gemahnen:

„Hier habt ihr die ganze Kunst,
versteht ihr‘s nicht, so ist‘s umsonst.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Starkes Zeichen für weltweiten Bruderbund

Die Freimaurerloge Zur alten Linde feiert 164. Stiftungsfest mit Brüdern aus England,Österreich, Stuttgart und Herne – Partnerinnen waren beim Schwesternfest dabei.

Dortmund. Die Weltbruderkette verbindet Freimaurer in der ganzen Welt: Während Brexit, nationale Interessen im internationalen Handel und unterschiedliche Vorstellungen über Normen und Werte zu Spannungen und Streit führen, fühlen sich Millionen Freimaurer auf der ganzen Welt auch heute noch durch die Ideale der Aufklärung verbunden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Menschenliebe und Toleranz sind ihnen wichtig. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass beim 164. Stiftungsfest der humanitären Freimaurerloge “Zur alten Linde” in Dortmund viele besuchende Brüder aus Wiltshire (England), Wien (Österreich), Stuttgart und Herne dabei waren.

Im Logenhaus an der Landgrafenstraße hielt Meister vom Stuhl Harald Ulbrich eine Festarbeit im Lehrlingsgrad ab, bei der auch ein neuer Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Beim anschließenden Schwesternfest waren die Ehefrauen und Partnerinnen der Freimaurer geladen – und hörten eine außergewöhnliche Rede von Alt-Großmeister Axel Pohlmann. Anschließend ging es zur Festtafel ins Restaurant „Syght“ im Casino Hohensyburg. Dort kam es schon
während des Trinkspruchs auf die Vaterländer der Gäste zu Gänsehaut-Momenten, als Freimaurer und Damen die Nationalhymnen Österreichs, Englands und Deutschlands sangen.

Neben Arbeit und Feierlichkeiten stand die gute Tat im Mittelpunkt des Stiftungsfestes. „Wir Freimaurer fühlen uns der Humanität verpflichtet“, erklärt Harald Ulbrich. So war den Brüdern der Alten Linde nicht entgangen, dass der Dortmunder Journalist Dirk Planert sich beinahe übermenschlich für Menschlichkeit einsetzt. Während des Bosnienkrieges war Dirk Planert 1994 in Bihac, um zu helfen. 25 Jahre danach kehrte er in diesem Jahr dorthin zurück und musste mit ansehen, wie aus Opfern Täter wurden. Behörden vor Ort hatten rd. 1.000 Geflüchtete, die über die Balkanroute kamen, auf einer ehemaligen Müllkippe
untergebracht. Die Not war groß und Dirk Planert half. Die Freimaurer ihrerseits wollten nun helfen, wenn auch nicht vor Ort, dann doch wenigstens finanziell. Knapp 1.200 Euro Spenden kamen für das Projekt des Dortmunders zusammen.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten des Stiftungsfestes mit einem Meet & Greet aller Beteiligten, bei dem mit selbstgemachter Musik die Weltbruderkette verstärkt wurde. Der Besuch des Ballettzentrums mit ergreifenden Vorführungen der Tänzerinnen und Tänzer sowie Erläuterungen vom Chefdramaturg Dr. Beier, die Werbung für Dortmund waren, bildete den kulturellen Höhepunkt. Bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant klang das Stiftungsfest-Wochenende am Sonntagabend aus.

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Pforzheim als Zentrum des Humanismus

Pforzheim (tn). Till Neumann, Meister vom Stuhl der Loge Reuchlin, und der Verleger Jef Klotz, Inhaber des gleichnamigen Buchhauses, präsentieren das von der Pforzheimer Loge und dem Buchhaus gemeinsam herausgegebene Buch “Pforzheim , ein Zentrum des Humanismus in Deutschland.”

Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die geistigen Strömungen in der Renaissance in Pforzheim mit seiner bedeutenden Lateinschule und ihren Lehrern und Schüler wie Johannes Reuchlin, Philipp Melanchthon oder den ersten deutschen Prior der Sorbonne, Johannes Heymlin aus Stein bei Pforzheim.

Die Pforzheimer Loge “Reuchlin” hat auch durch Spenden der Brüder das Projekt mitfinanziert und mit herausgegeben. Es war der Loge ein Anliegen, die Bedeutung der Stadt Pforzheim für  den Humanismus in Deutschland , wie er durch den Namensgeber der Loge symbolisiert wird, wieder in das allgemeine Bewusstsein zu bringen. Das Buch ist ein Einstieg in das bedeutsame Thema der seinerzeit weithin bedeutenden Pforzheimer Lateinschule und der Pforzheimer Humanisten.

Das Buch ist im Pforzheimer Buchhandel und bei der Loge erhältlich.

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