Ordnung, oder: Was ich am Puzzeln schätze

Puzzle

Winterzeit ist Puzzlezeit. Die Tage sind kurz und trüb, man geht im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln wieder heim. Wind, Kälte, Nässe und eine gut beschreibbare Ungemütlichkeit lassen uns zu Hause bleiben und selten gehen wir abends noch vor die Tür. Man liest, sieht fern, macht Dinge, die man das ganze Jahr vor sich hergeschoben hat und dann kommt es: Ein Familienmitglied geht auf den Dachboden, um eines der vielen dort aufbewahrten Puzzle zu holen, damit wir es auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten.

Die Puzzle sind nicht zu klein und nicht zu groß, meist mit 1000, 1500, aber maximal 2000 Teilen. Weniger wäre keine Herausforderung, mehr würde die Größe des Tisches nicht hergeben. Es sind, wie schon erwähnt, nicht immer neue Puzzle, denn das Neue ist nicht das Wesentliche am Puzzeln. — Was aber macht den Reiz dieses Spieles aus?

Wenn ich den Deckel des Kartons öffne, sehe ich ein Großmaß an Unordnung; Chaos. Ich schüttle den Karton, durchkämme mit den Fingerspitzen die losen Einzelteile und greife die ersten Teile, meistens die mit einer geraden Schnittkante, die sich als Randteile zu erkennen geben, heraus. Und jedes Randteil, das ich erspähe und zur Seite lege, ist ein kleiner Erfolg, eine kleine Belohnung meines Bemühens, ein kleines Glücksgefühl. Nach dem ersten Sichten werden Teile systematisch untersucht und so der gesamte Puzzlerand erst lose und dann mit der Zeit passend zusammengesetzt. Dann werden die Puzzleteile ohne Schnittkante grob in Farben sortiert und in verschiedenen Gefäßen gesammelt, um dem Ganzen eine Grobstruktur zu geben. Und immer wieder habe ich eindeutige Entscheidungen zu treffen: Es gibt eine Ober- und eine Unterseite, ein richtig und falsch. Bei den Farben aber ist es noch eine vage Unterteilung.

Jedes Puzzleteil ist individuell, kein Teil gleicht einem Zweiten, es hat Nasen oder Buchten, die ineinandergreifen. Sie haben ihren eigenen präzisen Platz in dem entstehenden Bild. Es wird probiert und probiert, aber am Ende gibt es kein „Vielleicht“, kein „Eventuell“, kein „Könnte sein“, oder mehr als eine Möglichkeit, sondern nur: passt oder passt nicht.

Wichtig ist das Licht. Ohne die richtig Ausleuchtung, damit kaum Schatten fällt, die Puzzleteile nicht spiegeln und der Kontrast für ein klares Erkennen der Einzelteile ausreicht, wird es anstrengend. Und dann kommt es: Man starrt minutenlang auf das unfertige Bild, die vielen Teile verschwimmen vor den Augen, man verliert die Konzentration und dann kommt ein Dritter, völlig Unbeteiligter, schaut kurz, nimmt ein Puzzelteil und legt es an die passende Stelle. Und man denkt: Was für ein Glückspilz und lobt ihn; nicht wirklich aufrichtig. Und wenn dann von dem Glücklichen noch ein „Passt!“ oder „Siehste?“ kommt, presst man leicht die Lippen zusammen, denn das kratzt schon am Puzzlerstolz. Und ich denke, es ist wie im richtigen Leben: Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht und in dem Moment kommt ein Laie daher, macht wenig bei viel Erfolg und du stehst da wie ein Depp.

Was nun hat das alles mit der Freimaurerei zu tun? Die Gemeinsamkeiten sind nicht offensichtlich. Der Reiz des Puzzlens ist nicht das Ergebnis, nicht das fertige Bild, an dem ich mich, wenn es denn vollendet ist, eine paar Tage erfreue, um es dann wieder zu zerstören und auf dem Dachboden zu verstauen. Ich kenne kaum einen Zeitvertreib, bei dem der Spruch vom Weg, der das Ziel sei, so passend ist. Es befriedigt gleichzeitig die Sehnsucht nach Struktur und Ordnung in einer immer chaotischer werdenden Welt. Gemeinsam puzzeln, schweigend, in einer gefühlten erholsamen Verbundenheit, ist ein Erlebnis, auf das ich mich jedes Jahr (und so geht es meiner Familie auch) wieder freue.

Hier gibt es sehr wohl Gemeinsamkeiten zur Freimaurerei.

Die Ruhe, die ich beim Puzzeln finde, in mich gekehrt, gedankenverloren, die Welt und die Zeit um mich vergessend, um dann entspannt und zufrieden wieder in die wirkliche Welt einzutauchen. Die Geduld, die ich benötige, den Eifer und den Fleiß sowie die Beharrlichkeit, die mich zum Erfolg führen; das alles läßt sich auch in unseren Lehrgesprächen der Lehrlinge wiederfinden. Hier sehe ich die Gemeinsamkeiten zu unserer rituellen Arbeit.

Gefundene Teile kann man, wie Brüder, nicht in eine vorhandene Lücke pressen, sondern muss mit Bedacht und Eifer den passenden Platz für sie finden, und die Teile müssen passgenau in die Lücken gleiten, jeder Zwang oder jedes Verformen, jedes Nötigen wäre fatal; mit Gewalt zurechtgebogene Teile fehlen an anderer Stelle und das Gesamtbild wäre krumm und schief. Hier ist die Verbindung zur Bruderkette.

Nur einen gravierenden Unterschied gibt es doch zwischen Puzzeln und Freimaurerei: Ein Puzzle ist endlich, die Maurerei ist es nicht.

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Über die Orden

Gold and silver sport medals

Manche Themen sind zeitlos. Die nachfolgende unterhaltsame Polemik wurde bereits im Jahre 1989 in der zwischenzeitlich nicht mehr existenten norddeutschen Loge “Klar Kimming” als Zeichnung aufgelegt. Klar Kimming heißt übrigens soviel wie “klarer Horizont”. Den hat der Autor sicher gehabt.

“Angeblich gab es einmal eine Zeit, da waren alle Menschen gleich. Von der weiß ich nichts zu erzählen. In der Zeit, von der ich euch berichten will, war es genau umgekehrt: Die Menschen lebten in scharf voneinander getrennten Schichten, Klassen und Gruppen. Es gab sehr hohe und sehr niedere, weniger hohe und weniger niedere, und eine Unzahl von Zwischenstufen. Jede Schicht war sorgsam darauf bedacht, sich von den anderen deutlich abzugrenzen.Die Menschen legten sich schmückende Titel, Abzeichen und prunkvolle Gewänder zu. Mit ihnen stellten sie an hohen Festtagen sich und ihresgleichen stolz vor aller Welt zur Schau und erfreuten sich ihrer Würde und Wichtigkeit.

Und alle waren zufrieden.

Da aber kam die Kirche und redete ihnen ins Gewissen. Es ist nicht recht, sagte sie, dass ihr so eitel und gefallsüchtig seid. Lebte nicht unser aller Herr und Meister arm und enthaltsam? Ihr reitet auf stolzen Rossen — er aber ritt auf einer Eselin nach Jerusalem ein und starb für uns, für unsere Sünden und Dummheiten am Kreuz. Darum, ihr Menschen: Folgt ihm nach und seid bescheiden!

Das sahen die Menschen ein und richteten sich fortan danach.

In ihrer Dankbarkeit machten sie jene, die ihnen so viel Weisheit beigebracht hatten, zu hochwürdigsten Prälaten und Domkapitularen, zu Excellenzen und Eminenzen, und den Obersten der Kirche nannten sie gar Euere Heiligkeit oder Heiliger Vater. Nicht nur klingende Titel, Reichtum und Macht gaben sie ihnen, sie schmückten sie auch mit kostbaren Kleidern, mit Orden und Zeptern und anderen sichtbaren Insignien ihrer Herrlichkeit. Und wenn jetzt so ein großer Mann durch die Gegend kam, dann rannten die Mütter herbei und hielten ihm ihre Kinder entgegen, dass er sie segnen solle.

Auch dies ging eine Zeitlang gut, da kamen Männer, die an der bestehenden Kirche Kritik übten und sie erneuern wollten. Unser Herr lebte in evangelischer Armut, sagten sie, und nun seht euch mal an, wie satt und feist und selbstherrlich unsere geistlichen Würdenträger ihr Amt versehen! Wollt ihr euch das noch länger gefallen lassen?  Nein, das wollten die Menschen nicht, und so erneuerten sie die Kirche aus wahrhaft evangelischem Geiste heraus. Diejenigen, die ihnen dabei mit gutem Beispiel vorangingen, machten sie zu Oberkonsistorialräten und Konsistorialpräsidenten, zu Dompröpsten, Landesbischöfen und Generalsuperintendenten. Und um aller Welt von der Würde dieser bedeutenden Männer Kenntnis zu geben, verlieh man ihnen kostbare silberne Kreuze, mit denen sie nun ihre Brust schmückten — zum ehrenden Andenken an jenen Mann, der auch einst sein Kreuz getragen hatte, wenn auch unter etwas anderen Umständen.

Wie in der Kirche, so machten es die Menschen aber auch in der übrigen Gesellschaft. Besonders vornehme Leute wurde adelig genannt; sie hatten Anspruch auf ehrfurchtsvolle Anreden wie Durchlaucht oder Erlaucht, fürstliche oder gräfliche Gnaden usw. Wer länger als andere zur Schule gegangen war, der wurde zum Magister, zum Doktor oder Professor, oder gar zur Spektabilität und Magnifizenz. Und selbstverständlich blieben weder ihm noch den Adeligen die prunkvollen Gewänder und Orden vorenthalten. Über die Staatsdiener goss sich ein wahres Füllhorn wohlklingender Titel aus, vom Regierungskanzleisekretär bis zum Leitenden K, u. K Obermilchdirektor. Und nun gar erst das Militär! Was es da alles an Rängen und Rangabzeichen, an Orden und Medaillen gab, das übersteigt fast unsere Vorstellungskraft.

Aber wieder kam eine Zeit, da wurden die Menschen dieser ganzen Spielerei überdrüssig. Muss denn das alles überhaupt sein? fragten sie. Da behaupten wir immer, dass alle Menschen vor Gott gleich seien — und tatsächlich lassen wir keine Gelegenheit aus, um bestehende Unterschiede zwischen uns herauszustellen und neue zu erfinden! Wie viel Streit und Unfriede ist dadurch schon entstanden! Lasst uns doch endlich versuchen, sagten die Leute, auf alle diese Mätzchen zu verzichten und in unserem Nächsten nur den Menschen, den Mitmenschen zu sehen! Vielleicht kommt er dann tatsächlich, der ewige Friede, von dem wir alle träumen!

Eine Gruppe war dabei, die ging noch weiter als die anderen.

Lasst uns einen Bund von Männern bilden, sagten sie, in dem die Vorrechte der Geburt oder der gesellschaftlichen Stellung nichts sehr gelten sollen. Bei uns soll nur die Würde gelten, die jedem von uns als Mensch zukommt. Im übrigen sind wir unter uns völlig gleich. Zum Zeichen dieser Gleichheit nennen wir einander Brüder. Mit Feuereifer gingen sie ans Werk. Viele freie Männer von gutem Ruf traten dem Bund bei; sie waren begeistert von den Gedanken, die sie hier hörten und die für die damalige Zeit so unerhört neu waren. So wuchs der Bund und ward groß und ansehnlich; aus Hunderten von Mitgliedern wurden Tausende und aus diesen Zehn- und Hunderttausende.

Das allerdings machte die Einführung gewisser Unterschiede erforderlich. Einige trugen mehr, andere weniger Verantwortung. Einige waren schon länger dabei, andere erst kurze Zeit. Wieder einige bekleideten ein wichtiges Amt, das andere nicht hatten usw. Wie sollte man die alle auseinanderhalten?

Die Brüder taten das Nächstliegende und einzig Richtige. Sie schufen eine Vielzahl von Orden und Abzeichen, mit denen sie die verdienten Brüder vor allen anderen auszeichneten. So konnte jedermann jederzeit leicht erkennen, wem Ehre zuteil geworden war und wem nicht. Die Brüder schufen aber auch eine Vielzahl von Ämtern, die sie untereinander verteilten; und bunt und vielgestaltig, wie diese Ämter und die mit ihnen verbundenen Abzeichen waren auch die Benennungen, die sie für ihre Amtswalter bereitstellten. Neben den geliebten Brüdern gab es nun würdige, ehrwürdige und ehrwürdigste; es gab leuchtende, hoch- und höchstleuchtende Brüder; und wenn einer was ganz Besonderes geworden war, dann durfte er gar noch vor das Amt, das er nun verwaltete, die Bezeichnung “Groß“ setzen, so dass aus unserem wackeren Beamten nun ein Großbeamter geworden war.

Diese glänzenden Aussichten auf eine bessere Zukunft erfüllten die Brüder mit neuer Schaffensfreude. Kamen sie einander besuchen, so überhäuften sie sich mit schmückenden Auszeichnungen und wussten sich dabei viel Schmeichelhaftes zu sagen. Vor allem aber überbrachten sie einander die herzlichen, herzlichsten und allerherzlichsten Grüße, worauf die von soviel unerwarteter Herzlichkeit ganz überwältigten Gastgeber ihrerseits darum baten, doch auch den Entsendern ganz besonders herzliche Grüße auszurichten. Und alle diese Grußbotschaften wurden in wohltönender Weise untermalt vom liebliches Klang der zahlreichen Orden, die die Brust so manches verdienstvollen Bruders zierten und die dort nun im Chore um die Wette baumelten.

Bei all diesem neuen Glanz vergaßen die Brüder jedoch niemals ihre ursprüngliche Bescheidenheit. Wurde jemand von ihnen vor Gott und Menschen ausgezeichnet, weil er nämlich eine Doktorarbeit geschrieben hatte und sich fortan Doktor nennen durfte, dann setzte er im Bruderkreis diesen Titel bescheiden in Klammern. Das sollte heißen: Ich bin zwar ein Doktor, dass Ihr’s nur wisst und niemals vergesst, aber gleichzeitig bin ich von so edler Gesinnung, dass ich Euch gegenüber so tun will, als wäre ich‘s nicht.

So also kam endlich die Gleichheit aller Menschen zumindest im Bund dieser Brüder wieder in die Welt. Damit bin ich unversehends in die Gegenwart geraten und muss nun sehen, wie ich seine Geschichte zu Ende kriege. Vermutlich hat sie folgenden Ausgang:

Eines Tages kamen die Brüder zusammen, und einige von ihnen sprachen: Hängen wir uns nicht eigentlich zuviel Zierrat an den Hals und um die Brust? Und könnten wir auf unsere Titel und schmückenden Bezeichnungen nicht eigentlich verzichten? Schließlich waren wir es doch, die vor über 250 Jahren nach dem Wert des Menschen und nicht nach dem seiner Ämter und Orden gefragt haben! Zurück also zu den Ursprüngen unseres Bundes!”

Wohl gesprochen, werden daraufhin die anderen antworten, so und nicht anders wollen wir es halten! Es geschehe also! Und die Brüder, die uns die Augen geöffnet und diesen klaren Weg gewiesen haben, sie wollen wir als Zeichen unserer Anerkennung mit einem ganz besonderen Orden ehren!

Und dankend werden die Brüder den Orden annehmen.

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Die Moderne hat Migrationshintergrund

Arbeitsplatz mittelalterlicher Steinmetze

Die Welt nicht zu kennen und mit dem Ort der Geburt bis zum Tode verwachsen zu sein, das war immer nur das Ideal der zwangsweise Sesshaften. Ihre Heimat war im Räumlichen, und nicht kultureller Natur. Odysseus trieb es in die Welt, Humboldt wie Gauß und die Hanse. Migrant, Vagabund oder Fremder und Flaneur, das waren nicht immer Schimpfworte. Die Moderne entstand in Migration.

Die Vorstellung von einer Aufklärung, in der die Sonne die Wahrheit an den Tag bringt, meint historisch den Anbruch der Neuzeit aus der Finsternis eines Mittelalters, das so finster nicht überall war. Jedenfalls meint „enlightment“ nicht erst das Wirken Immanuel Kants und seiner Zeitgenossen im 18. Jahrhundert, sondern schon Entwicklungen im 12. bis 15. Jahrhundert. In der Architektur der christlichen Gotteshäuser ist dies die Gotik, später im Übergang zur Renaissance. Man denkt an den Kölner Dom in Deutschland, an die Kathedralen zu Straßburg, Chartres, Notre Dame in Paris in Frankreich, die Kathedralen zu Exeter, Oxford und Sheffield in England, vielleicht sogar an St.Giles im schottischen Edinburgh, außerdem an den Tallinner Dom im fernen Estland, den Veitsdom in Prag, die Dominikanerkirche in Krakau, schließlich auch an gotische Gotteshäuser in Italien (Genua, Venedig, Siena und besonders Palermo) oder Spanien (Valencia, Sevilla, Palma de Mallorca) oder sogar Zypern. Diese Baudenkmäler sind nicht zu denken ohne die Städte, die sie beherbergten und die immer noch durch sie glänzen.

Die mittelalterlichen Zeiten sind gekennzeichnet durch eine enorme, erzwungene Sesshaftigkeit. An die Scholle gebunden waren ganz sicher die Bauern und Kleinbauern, die in einer noch nicht intensiven Landwirtschaft sich vom kargen Ertrag ihrer Höfe ernähren und zugleich hohe Abgaben, manchmal auch Dienste leisten mussten. Agrikultur war bittere Gefangenschaft auf eigenem Grund und Boden.

Gebunden waren am anderen Ende der sozialen Skala aber auch der Adel und seine Fürsten, die zum guten Teil in sehr kleinen Fürstentümern lebten. Sie versuchten immer wieder, mit Hilfe von Raubzügen oder durch Allianzen zwischen den Fürstentümern ein Reich zu bauen, was in Deutschland erst sehr spät gelingen sollte. Adel konnte Gefangenschaft auf einem Erbe ungewisser Prosperität bedeuten.

Ein Dichter der bürgerlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts war Georg Büchner. Man verdankt seiner Schrift mit dem Titel „Der hessische Landbote“ einen eindrucksvollen architektonischen Hinweis, und zwar in dem politischen Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist ein sehr früher Klassenkampf, der die Paläste des Feudalismus, des Adels angreift und sich selbst als Sachwalter der kleinen Leute der Hütten versteht.

Als deutlichster Abschluss dieses Prozesses gilt die Französische Revolution, in der die Köpfe des Adels unter der Guillotine liegen, nachdem sie den frischen Luftzug des Fallbeils erfahren haben, und die Bürger, citoyen genannt, die Macht übernehmen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Parole, der es um Toleranz und Humanität ging.

Schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution entsteht zwischen den Hütten des Landlebens und den Palästen des Adels, die eher Bollwerke als Luxuswohnsitze waren, eine Lebensform, die, bezogen auf die Weiten des Feudalismus, zunächst nur in Enklaven zu finden ist. Es bilden sich wehrhafte Einfriedungen sozialer Gemeinwesen, die die neuen Zeiten ankündigen. Wir sprechen von den Städten, die zwar in der Antike schon einmal existierten, dann aber durch kriegerische Zerstörungen, Völkerwanderungen, Auflassungen in ihrer Struktur vernichtet waren.

Die revolutionär neue mittelalterliche Stadt ist eines der eindrucksvollsten historischen Ereignisse, weil sie von einer großen Ungleichzeitigkeit getragen ist. In den mittelalterlichen Städten entstehen schon die künftigen Zustände, schon das Denken der Neuzeit, während noch das Land, die Länder, die Reiche im Feudalismus verharren und von der sehr partikularen Herrschaft des Adels und wohl auch der Kirche geprägt sind.

Blickt man in diese Städte, so entstehen in der Mitte des Zirkels der Stadtmauern kathedralenhafte Bauten von Gotteshäusern, die noch heute in Pracht, Ausmaß, Kunst eindrucksvoll sind. Wie eindrucksvoll sie für die Zeitgenossen gewesen sein müssen, erahnt man nur, wenn man sich vorstellt, dass diese gigantischen Gebäude von Menschen betreten wurden, die in den vorgenannten Hütten lebten, aber eben auch von jenen in den Palästen. Die sehr mächtige Kirche mit der Unterstützung des sehr mächtigen Adels setzte ihrem Gott und sich als Institution hier gewaltige Denkmäler.

Eine nur beiläufig behandelte Frage zu dieser Zeit ist, wer so kühne Pläne wie die zu einer gotischen Kathedrale realisieren konnte. Es bedurfte ja nicht nur des Geldes, erpresst durch eine Kirchensteuer, den Zehnten, oder die Fron, die an den Adel zu entrichten war. Und der Bereitschaft reicher Bürger, Händler im Wesentlichen, aber auch reicher Handwerker, also der Bereitschaft der Gilden und der Zünfte in den Städten, eben jene Bauten zu finanzieren. Es bedurfte also nicht nur der finanziellen Mittel, sondern auch der Fähigkeit zur Baumeisterschaft.

Hier gerät wieder eine Hütte in den Fokus des Historikers. Wir reden jetzt von den Unterbringungen und dann den Organisationen jener Bauleute, zunächst Steinmetze, aber dann auch Handwerker aller anderen Professionen und der sie begleitenden Künstler, die in der Lage waren, die gigantischen gotischen Kathedralen zu bauen. Die Bauhütte oder Hütte war zunächst die Unterbringungsform jener Meister, Gesellen, Lehrlinge, die durch die Kunst des Steinbaus und anderer maurerischer Fähigkeiten in der Lage waren, die kühnen Pläne des Kirchenbaus zu realisieren.

Die Hütte war gleichzeitig auch die Selbstorganisation dieser Profession der Steinmetze, die von einem hohen Selbstbewusstsein getragen war. Es gab in dieser Zeit, wir reden über das 12./13. Jahrhundert, bereits ein differenziertes Sozialsystem innerhalb der Genossenschaft der Maurer. Es existierten eine eigene, vom Rest der Stadt und dem Fürsten anzuerkennende Gerichtsbarkeit und ein eigenes Recht. Wir haben es also mit einer sehr selbstbewussten Gruppe hoch qualifizierter, heute würde man sagen, Architekten und Künstler zu tun.

Zum Wesen des Kirchenbaus gehörte, dass er zwar viel Zeit in Anspruch nahm, aber irgendwann dann nun doch abgeschlossen wurde. Die deutlichste Unterscheidung zwischen den Handwerkern am Ort, organisiert in den Zünften, und den Steinmetzen in den Bauhütten an den Domen war, dass die Handwerker sesshaft waren wie die Bauern, wie die Fürsten. Man war sesshaft. Anders die Steinmetze, die Maurer, die Künstler der Hütte; sie zogen weiter zu weiteren großen Projekten des Kirchenbaus. Diese Migration erzeugte das Selbstbewusstsein, dass man vor allem sich selbst verantwortlich sei, nicht der jeweiligen Kirche oder gar dem jeweiligen Fürsten.

Es gibt die Nebenform der Migrationsbereitschaft innerhalb der Zünfte, dass man von dem ausgebildeten Lehrling ein Wandergesellentum erwartete, das ihn verpflichtete, andere Länder, andere Sitten, vor allen Dinge andere Fertigkeiten kennenzulernen, um mit diesem Wissen zurückzukehren. Aber dieses Wandergesellentum war lediglich ein Ausflug aus der Sesshaftigkeit. Und die Schiffe der Hanse legten in London wie Riga an, aber dort auch an den eigenen Stapelhöfen, und waren gedacht als Heimkehrer. Die Hanse plünderte die Welt, aber sie baute nichts auf.

Im ganz originären Sinne nicht an den Ort gebunden, nicht mal an die Gesetzlichkeit des Ortes, nicht an die Beschränkungen des Geistes des Ortes gebunden, nicht an den örtlichen Glauben gebunden, sondern Herren ihrer eigenen Fertigkeit waren die Hütten, die einer Migration frönten, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.

Geometrie war ein intellektueller Eckpfeiler der Profession. Heute würde man von Statik oder Architektur reden. Es gab aber auch soziale Eckpfeiler wie ein geregeltes Lohnsystem, Tarifverträge also, die an den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten gebunden waren. So bekam der Steinmetz, der das Laub zu meißeln hatte, eben 2 Pfenning mehr als jener, der die Quader fertigte. Es gab eine Krankenversicherung, eine frühe Form der Hinterbliebenenfürsorge, die im Erwerbsunfähigkeits- oder Todesfall soziale Sicherung versprach und über allem eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich nicht dem Willen der Bauherren unterstellte. Dass all dies nicht ohne Spannung zum Umfeld wirken konnte, ist evident.

Der Bergbau hat solche Organisationsformen der Moderne in der Knappschaft hervorgebracht: vor 750 Jahren. In der Kaiserpfalz Goslar, die schon stand, als Amerika noch nicht mal entdeckt war, findet sich heute ein Gedenkstein an die 750jährige Tradition der Knappschaft als professionelle Selbstorganisation. Übrigens eine Gedenktafel an einen großen Gesteinsbrocken, der erkennbar Erz enthält. Das Montanwesen gründet auf der Fähigkeit, in der Verhüttung das Erz vom Stein zu trennen.

In den Hütten wurde nicht nur Arbeit verwaltet, Lohn ausgezahlt und Recht gesprochen, man erzählte sich auch die Geschichten der eignen Bedeutung. Dabei griff man weit in die Tradition zurück und erinnerte sich der Mythen um den Tempel Salomons als Beispiel des ersten großen Projektes der Baumeisterei. Diese Mythen wanderten mit den Maurern an die Orte der Migration und nahmen dort die Einflüsse des Judentums, der Christenheit wie des Islam auf. In deren Gottesbegriffen fanden sie immer wieder den einen, einen großen Baumeister vieler Welten.

Die Moderne hat Migrationshintergrund, sie war in den Reihen der Steinmetzbruderschaften gut aufgehoben.

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

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Schillers Ode an die Freude — eine Annäherung

Schiller-Statue in WIesbaden

Schiller-Statue in WIesbaden

Die nachfolgende Zeichnung (Vortrag während eines freimaurerischen Rituales) wurde am 8. Januar 2016 in der Loge “St. Alban zum Æchten Feuer” in Hoya gehalten. Das Manuskript wurde für die wörtliche Rede im kleinen Kreis konzipiert, für die vorliegende Fassung wurden nur kleinere Anpassungen vorgenommen. (Anm. d. Red.)

Es war einmal vor einigen Jahren in der Loge. Da kam das Gespräch auf Schillers „An die Freude“. Ein Bruder meinte: „Elysium habe ich nachgeschlagen, das ist so eine Art griechisches Paradies. Aber sonst kann ich mit dem Text überhaupt nichts anfangen!“ Ein anderer Bruder meinte: „Schillers Hymne An die Freude – das wäre doch einmal ein Thema für eine Zeichnung.“ Also kommt hier eine kurze Einführung.

Nun kann man ja sagen: „Was geht uns der alte Schiller an!“ Und dann noch dieser teilweise unverständliche Text. Wer so denkt, muss einfach weghören! Aber immer wieder ertönt Beethovens Neunte mit dem herrlichen Gesang. Da will man doch wenigstens etwas verstehen. Außerdem geht es dabei um Werte, Verhaltensweisen und Gefühle,die auch heute noch bedeutsam sind. Nur damals hat man das anders ausgedrückt; das gilt besonders für Schiller. Und dann die vielen Bezüge zur Freimaurerei. Da wird man doch neugierig! Obwohl ich hier nur eine Verbindung zur Freimaurerei in den Mittelpunkt stelle.

Nun werde ich weder den ganzen Text vortragen noch alles erklären, das verbietet sich bei 16 Strophen, die aus 96 Versen bestehen. Das verbietet sich natürlich im Hinblick auf das Brudermahl,das sonst ausfallen würde.

Das Lied ist gegliedert in Vorsängerteile, also für einen Solisten (8 Strophen aus 8 Versen, das sind schon mal 64 Verse), und in Chorgesänge (8 Strophen aus 4 Versen, noch einmal 32 Verse). Diese Solo- und Chorstrophen wechseln sich ganz regelmäßig ab. Und natürlich hat auch Beethoven in seiner 9. Sinfonie – übrigens die einzige Sinfonie, in der gesungen wird – nur einen Teil des Schillerschen Textes übernommen. Und er hat die Solo- und Chorpartien auch anders kombiniert. Ich wähle für meine Einführung nur 5 Strophen aus, insgesamt 28 Verse.

Wie ist diese Hymne eigentlich entstanden? Schillers Hymne „An die Freude“ ist eine Auftragsarbeit. Das kann man so sagen. Auftraggeber ist Christian Gottfried Körner, dem Schiller 1785 in Leipzig begegnet ist. Das ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Körner lebt in gesicherten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, hat Jura studiert, promoviert, sich habilitiert, ist seit 1784 an der Landes-Ökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation in Dresden tätig. Wir würden heute sagen: Sein Arbeitsplatz ist das sächsische Wirtschaftsministerium. Daher ist er auch in der Lage, den meistens klammen Schiller immer wieder finanziell zu unterstützen. Körner ist außerdem umfassend gebildet, musiziert, komponiert und schätzt besonders die Sturm-und-Drang-Literatur. Das hat ihn auch zu Schiller geführt. Weiter ist Körner – das dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen – Mitglied der Leipziger Loge „Minerva“, später der Dresdener Loge „Zu den drei Schwertern“.

Wir dürfen uns folgendes Gespräch vorstellen. Sehr ungewöhnlich ist dabei, dass Körner Schiller schon bald das freundschaftliche Du angeboten hat. Also beginnt Körner nicht: “Sehr verehrter Friedrich Schiller, wir haben da eine Bitte”, sondern: “Lieber Fritz, wir haben da in unserer Loge ein Problem. Die Lieder, die wir in der Loge singen, sind vom Text her nicht nur unpassend und langweilig, sondern geradezu saft- und geistlos. Die passen überhaupt nicht in unsere euphorische Stimmung. Wir brauchen dringend für unsere Loge ein Lied, das die freudige, erhabene, freundschaftliche Atmosphäre wiedergibt, die am Ende der Tafel zwischen uns Brüdern herrscht! Schreib uns mal was mit Gefühl und Power!” Schillers Antwort müssen wir jetzt nicht erfinden; denn wir wissen: Er hat dieses Lied geschrieben. Und es muss in einer euphorischen Stimmung entstanden sein.

Schiller fühlt sich bei Körner in Dresden wohl, er hat Freunde gefunden, und durch Körners Freundschaft auch eine existenzielle Sicherheit. Da ist die Rede „vom stolzen Gebäude einer Freundschaft, die vielleicht ohne Beispiel sei, vom Glück unserer wechselseitigen Vereinigung und dass der Himmel in unserer Freundschaft ein Wunder gethan habe.“ (Brief Schillers an Körner 1785; Damm, S. 68). In solch einer glückseligen Stimmung ist Schillers „An die Freude“ entstanden.

Sigrid Damm schreibt in ihrer Schillerbiographie (S. 68): „Ein trunkener Freundschaftskult. Die Stilisierung der Freundschaft zur Religion.“ Als Beleg zitiere ich gleich die ganze 3. Strophe:

„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur e i n e Seele
S e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“

Das war ein Vorgriff auf den Text, noch haben wir die Hymne ja gar nicht erscheinen lassen. Sie wird 1786 mit der Musik von Körner veröffentlicht als „Ein Rundgesang für freye Männer von Friedrich Schiller“.

Moment, jetzt muss ich unterbrechen. 1786, da war doch was! Wenn ihr alles vergesst, was ich hier erzähle, das bleibt euch hoffentlich im Gedächtnis: 1786 wurde Schillers „An die Freude“ veröffentlicht, und in dem Jahr wurde unsere Loge gegründet. 1786 starb Friedrich der Große. Und 1789 beginnt die Französische Revolution, das sage ich nur zur historischen Einordnung.

Nähern wir uns nun diesem erhabenen Gedicht: „An die Freude“. Beginnen wir mit dem Anfang:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.“

Die Überschrift „An die Freude“ zeigt uns, dass Schiller sich zunächst an die Freude wendet. Da wird also die Freude direkt angesprochen, als sei sie ein Gegenüber, eine Person. Also: „Du Freude!“ Halt, nicht ganz richtig! „Du Freude“ ist zu wenig! Zwar wird die Freude direkt angeredet, aber sie steht uns nicht gegenüber, sie schwebt erhaben über uns. Also verbeugen wir uns und denken: „Sehr ehrwürdige Freude!“ Und damit blicken wir in die Sphären, in denen Schiller die Freude thronen lässt: „Götter, Elysium, Himmlische, Heiligtum!“ In nur 4 Zeilen eine solche Anhäufung von überirdischen Attributen! Man könnte kritisch anmerken: „Er übertreibt!“ Aber damit wird man einer Hymne nicht gerecht, nicht mit einem nüchternen und kritischen Blick. Denn die Hymne will verherrlichen, Festlichkeit, Würde und Gefühlstiefe ausstrahlen, und sie gibt sich pathetisch, enthusiastisch, erhaben. Vielleicht haben wir deshalb so Schwierigkeiten mit Schillers Text, vertritt sie doch ein Lebensgefühl, das uns fremd ist. Und hinzu kommt die Wortwahl, die dieser Absicht angemessen ist und aus einer anderen Zeit stammt. Da haben wir zuerst den „Götterfunken“. Das Wort ist mir sonst noch nirgends begegnet. Aber in diesen Begriff kann ich mich hineindenken: ein Funke, der von den Göttern ausgesandt wird. Dadurch erhält er Kraft, Gewalt und Macht und springt in uns ein, versetzt uns in einen Freudentaumel, macht uns „feuertrunken“. Unser Glück: es ist ein schöner Funke! Die Freude, eine Tochter aus Elysium, also eine Tochter des Paradieses, eine Tochter der vollkommenen Glückseligkeit! Die Freude wird weiter als Himmlische bezeichnet, und ihr Reich ist ein Heiligtum.

Und weiter dichtet Schiller:

„Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Bei diesen Versen ahnen wir schon, was Schiller meint: Die Menschen, die gemeinsam in den Zustand der Freude fallen, verhalten sich unter einander wie Brüder (und Schwestern). Sichtbares Zeichen: Sie umarmen sich! Oder gratulieren sich mit einem Händedruck. Beispiele: Fußballfans, wenn ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat. Das war jetzt sehr profan! Schon besser: Prüflinge, die gemeinsam eine Herausforderung bestanden haben. Noch besser: Brüder in der Loge, die eine würdige Tempelarbeit erlebt haben. Das gemeinsame Erlebnis der Freude eint: Die Personen verhalten sich brüderlich.

Aber da war von der „Mode“ die Rede. Das irritiert uns heutzutage. Die Mode soll die Menschen getrennt haben? Was trennt und trennte Menschen? Es sind die Standesunterschiede, die gesellschaftliche Stellung, unterschiedliche Bildung, arm und reich. Das sind die Schranken zwischen Menschen. Im Zustand der Freude verschwinden sie. Der Zauber der Freude lässt die Unterschiede nichtig werden, der sanfte Flügel der Freude glättet alles. Die trennende „Mode“, also die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Gewohnheiten werden bedeutungslos. Während Schiller am Anfang auf die Gewalt der Freude hinweist durch „Götterfunken“ und „feuertrunken“, erscheint auch hier die andere Form der Freude: eine gemäßigte, ruhige Art, angedeutet durch den „sanften Flügel“, der die Unterschiede glättet.

Das war jetzt die erste Strophe, die aus 8 Versen besteht. An diese erste Strophe schließt an eine Strophe aus 4 Versen. Das ist der Text für den Chorgesang, der sich an den Sologesang anschließt. Aber hören wir die Strophe doch selbst:

„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“

Ging in der ersten Strophe die Anrede an die Freude, so wendet sich Schiller jetzt an die Zuhörer, an die Leser, an die Menschen, ja, an die ganze Menschheit. Mit dem „Seid umschlungen“ tritt der Dichter selbst auf. Er möchte, von der verbindenden Freude erfüllt, alle umarmen, und die Chorsänger handeln danach: „Seid umschlungen Millionen!“ Damit wird die Aussage „Alle Menschen werden Brüder“ der ersten Strophe aufgegriffen und in eine Aufforderung umgewandelt.

Genug vom Anfang dieser Hymne, ich springe sofort zum Schluss des Textes. In den letzten vier Strophen wird deutlich, dass es sich um ein Trinklied handelt, zum Beispiel:

„Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist!“

Und die letzte Strophe:

„Schließt den heil´gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!“

So endet das Lied, das Schiller für seinen Freund Körner dichtete, für die Loge.  Manfred Mai kommentiert in seiner Schillerbiographie (S. 129): „In dieser Hymne, die durch Beethovens Musik um die Welt getragen wurde und wird, findet sich alles, was den jungen Schiller ausmachte: Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ebenso wie der Wunsch nach Kraft und Größe, um die hohen Ideale von einer brüderlichen Welt verwirklichen zu können.“ Der Zusammenhang zur Freimaurerei wird nicht erwähnt, auch nicht in Sigrid Damms Schillerbiographie.

„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ — mit seiner Begeisterung strahlt Schiller ein „Æchtes Feuer“ aus.

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