Neues Wagen und beim Alten bleiben

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"Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat des italienischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird aktuell immer wieder gerne wiederholt.

Egal, in welchen gesellschaftlichen Bereich man schaut, überall wird Wandel und Veränderung gefordert: in der Europapolitik, in der Wirtschaft, in der Energieerzeugung, in der Kirche, im Sozialstaat, in der Kommunikation, in der Mobilität, in der IT … – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

„Nichts ist beständiger, als der Wandel.“ Diese alte Lebensweisheit wird dem griechischen Philosophen Heraklit zugesprochen. Die Beständigkeit des Wandels wird uns in fast allen Facetten des täglichen Lebens gepredigt — nein, sie wird uns förmlich um die Ohren gehauen. Aber hat sich in den vergangenen 2500 Jahren an dieser Wahrheit wirklich nichts geändert? Sind wir zu einer stetigen Veränderung verdammt? Müssen wir uns blind dem herrschenden Zeitgeist, den aktuellen Gegebenheiten und den damit einhergehend geforderten Veränderungen unterwerfen? Oder gilt es nicht, auch einmal wie der Fels in der Brandung zu sein, wie ein Monolith, der den Strömungen der Zeit entgegensteht und das Bewährte bewahrt? Müssen nicht gerade wir, liebe Brüder, dieser Stein, dieser unbehauene Stein sein?

Was wir früher hatten, wünschen wir heute oft zurück.

Sicher, Veränderungen der Zeit fordern auch Veränderungen an Althergebrachtem — aber dann doch bitte immer mit Prüfung und Weitsicht. Denn einmal veränderte Gegebenheiten können später durchaus auch als schmerzlicher Verlust empfunden werden. An einem aktuellen Beispiel aus der Verkehrspolitik möchte ich es verdeutlichen: In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde alles darangesetzt, den Güterverkehr von der Schiene auf die Straße zu verlagern. Die Bahn war — aus damaliger Sicht — nicht mehr zeitgemäß. Zudem sollte der Staatskonzern privatisiert werden und an die Börse gehen. Strukturen wurden verschlankt, Bahnstrecken zurückgebaut, Gütertransportkapazitäten zurückgefahren, Gü­ter­bahn­höfe in zentraler City-Lage stillgelegt, die Gebäude abgerissen, das Gelände verkauft. „Just in time“ liefern konnte aus damaliger Sicht nur der LKW, denn die Autobahnen und Straßen waren frei. Noch. Aber heute erleben wir genau das Gegenteil: Der Lkw- und Pkw-Verkehr verstopft die Autobahnen und stößt viel CO2 aus. Die Bahn wäre — auch um die Pariser Klimaziele zu erreichen — die Alternative und Lösung. Aber: Infrastruktur fehlt, ebenso wie Flächen und Anschlüsse. Das, was wir früher hatten, wünschen wir uns heute wieder.

Ebenso erging es beispielsweise Straßenbahnen im Öffentlichen Personennahverkehr: Sie galten nicht mehr als zeitgemäß, heute sind die Städte glücklich, die sich seinerzeit nicht dem aktuellen Zeitgeist angepasst haben.
Oder werfen wir in der Sozialpolitik einen Blick auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften: Sie wurden verkauft, weil sie nicht als „Kerngeschäft“ der Städte galten. Heute wird sozialer Wohnungsbau wegen der steigenden Miet- und Immobilienpreise immer mehr gefordert.

Warum ich diese Beispiele bringe? Weil ich die Befürchtung habe, dass auch wir Freimaurer in der Gefahr sind, uns einem aktuellen Zeitgeist zu unterwerfen und in Entscheidungen drängen zu lassen, die wir mindestens sorgfältig prüfen, aber besser noch kritisch hinauszögern sollten, damit wir sie später nicht bereuen. Ich meine die immer weitere Öffnung unserer Logen und die immer größere Öffentlichkeit und Transparenz unserer Bruderschaft.

Was unterscheidet uns vom Stammtisch?

Sicherlich benötigt die heutige Zeit gewisse Information und Kommunikation — neudeutsch auch Public Relations genannt. Aber, so frage ich, wie weit darf diese Öffnung gehen? Was wollen wir von unserer Arbeit, von unserem Tun und unseren Ritualen nach außen tragen? Ich meine, dass wir aufpassen müssen, getrieben durch den Zeitgeist nicht in der Beliebigkeit zu landen. Was unterscheidet uns dann von einem Service-Club, wenn wir nur noch Spenden übergeben, uns öffentlich treffen und vernetzen? Was unterscheidet uns von einem Stammtisch, wenn wir für jeden zugänglich miteinander sprechen und diskutieren? Was unterscheidet uns von einer Kirche, wenn wir Rituale öffentlich durchführen, ausführlich erklären und dann doch immer wieder auf Unverständnis stoßen?

ie Freimaurerei, der alte europäische Bruderbund weltoffener Humanität, kann mittlerweile auf eine wechselvolle Geschichte von über dreihundert Jahren zurückblicken. Viele bedeutende Männer gehörten ihm an, mancher Anstoß zu politischen und gesellschaftlichen Reformen ist von ihm ausgegangen. Wir Freimaurer haben aber nicht nur eine Tradition, wir haben auch ein Alleinstellungsmerkmal, das viele andere nicht haben. In der Marketingsprache heißt das USP – unique selling proposition: Wir sind ein Bund von Gleichgesinnten, der die traditionsreichen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Wir sehen uns als raue, unvollkommene Steine. Wir wollen an uns arbeiten, um uns zum Kubus zu wandeln, damit wir beim symbolischen Tempelbau, der freimaurerischen Utopie einer harmonischen Vereinigung aller Menschen als Brüder, als passender Teil in das Gesamtkunstwerk eingefügt werden können. Der selbstkritische Freimaurer wird sich sein Leben lang als rauer Stein begreifen, denn Vollkommenheit ist uns Menschen nun mal leider nicht gegeben. Die Freimaurerei vereint Menschen aller sozialen Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen. Und sie zeichnet sich aus durch Brüderlichkeit und Verschwiegenheit. Dabei bezieht sich die von uns Freimaurern geübte Verschwiegenheit auf einige Einzelheiten der freimaurerischen Bräuche und ist das Symbol für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz des persönlichen Vertrauens. Freimaurer haben sich der Verschwiegenheit, dem Datenschutz sowie dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche nicht nach außen zu tragen. Dies soll intern den freien Ideen- und Meinungsaustausch ermöglichen. Nur so können wir frei und untereinander offen an uns arbeiten, um vom unbehauenen Stein zum Kubus zu werden. Das gegenseitige Versprechen zur Verschwiegenheit dient nicht der Geheimniskrämerei, sondern soll Privatsphäre bieten. Mit keiner Art von Verschwörung hat die Freimaurerei etwas zu tun.

Freimaurerei ist hochmodern, weil sie zeitlos ist

Und wir sind auch keine Versammlung Ewiggestriger. Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung. Dieses Erbe ist eine Verpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft. Immerhin dürfen wir nicht ganz unbescheiden feststellen, dass einige definierte Ziele der Freimaurer, zum Beispiel Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zumindest teilweise in Erfüllung gegangen sind. Es war die unter anderem nicht zuletzt durch einzelne Freimaurer geprägte Fortschrittsidee, die den Glauben hervorbrachte, dass Gesellschaften, die mit materiellem Wohlstand gesegnet sind, automatisch bessere Lebensbedingungen hervorbringen. Selbst wenn wir längst an die Grenzen des Wachstums gestoßen sind, bedeutet das doch nicht, dass es sich nicht lohnt, für eine gerechtere Verteilung zu kämpfen. Oder wie es in einem unserer Ritualtexte heißt: „Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer, seid wachsam auf euch selbst, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken.“

Der deutsche Philologe, Literaturhistoriker, Kritiker, Hochschullehrer und Schriftsteller Walter Jens hat einmal gesagt: „Die entscheidenden Veränderer der Welt sind immer gegen den Strom geschwommen.“ Das sollte auch unsere Maxime sein. Wir als Freimaurer, als unbehauene Steine, haben immer die Aufgabe, uns selbst zu prüfen und nach der Perfektion zu streben, wissend, dass diese wohl nie komplett erreicht werden kann. Ebenso muss es mit unserem Denken und Handeln sein: Wir sind aufgefordert, unseren Mann in der sich verändernden Welt zu stehen, auch gegen die Strömungen und Stürme des Zeitgeistes. Denn der Fels, der uns festen Untergrund in der Brandung gibt, besteht aus unseren Werten, die ewig gelten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Sie alleine sind die Richtschnur unseres Handelns.

Ich wage die These aufzustellen: Die Freimaurerei, ihre Werte und Ideale, sind hochmodern, weil sie zeitlos sind. Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität verlieren niemals an Aktualität.

Eines steht fest: Die Welt ist technischer und rationaler geworden. Im Wandel der Zeiten änderten sich Weltbilder und Wertmaßstäbe. Die Fortsetzung der Verwirklichung unserer Werte kann — nein, sie wird unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit guttun. Oder wie es der Schriftsteller Wilhelm Raabe sagte: „In der jetzigen Zeit ist es mal was Neues, beim Alten zu bleiben.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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