Freigärtners Garten

© Daria / Adobe Stock

Von einer besonderen Gärtnerei, einer Schlange und einem versteinerten Gesicht – eine symbolträchtige Exkursion

Eine Zeichnung von Peter Stumpe von der Loge „Prometheus“ in Bonn, September 2019

Der kleine Garten muss der eines Freigärtners sein, kein Garten geschwollen zu einem Reich. Die eigenen Hände zu benutzen, nicht die Hände von anderen zu befehlen.

Tolkin-Roman „Der Herr der Ringe“

Eines „Freigärtners“ Garten? Was ist ein Freigärtner? Freigärtnerei gab es neben der frühen Freimaurerei bereits im 17. Jahrhundert in Schottland. Freigärtner arbeiten dort bis heute. Verwandtschaft sozusagen. Vereinfacht ausgedrückt arbeiten wir Freimaurer bekanntermaßen am Tempel der Humanität, also an einem Bauwerk, die Freigärtner also an einem symbolischen Paradies. Wir Freimaurer schöpfen unsere Symbolik aus der Architektur und dem Bauhandwerk, die anderen aus der Tradition der Gartenkultur.

Warum erzähle ich das? Zunächst einmal finde ich den Gedanken außerordentlich reizvoll, einen angelegten Garten als Allegorie und Symbol zu betrachten, wie es Voltaire und Rousseau im 18. Jahrhundert getan haben und die in einem solch angelegten Garten ein neues ethisches und gesellschaftliches Ideal sahen. Wobei ich das Paradies als einen ausgesprochen irdischen Garten Eden sehe, dessen wohlgeordnete und wunderschöne Pflanzen durch florale Harmonie
u. a.Menschenliebe und Frohsinn hervorrufen und nicht etwa ein Himmelreich, wie ein immer auch fantasievoll ausgemaltes religiöses Paradies gemeint sein könnte. Der religiöse „Baum des Lebens“, wie der „Baum der Erkenntnis“ sind für mich denn auch lediglich irdisch identifizierbare Symbole. Das ist mir ganz wichtig. Kein Wunder, dass der bedeutende Gartentheoretiker Friedrich Casimir Ende des 18. Jahrhunderts Freimaurer war.

Es geht mir, indem ich die Freigärtner vorstelle, in der Hauptsache um unser freimaurerisches Verhältnis zu Natur und Umwelt, welches ich in unserem Wertekanon zwar erwähnt sehe, aber für unzureichend betrachtet empfinde. Der Betrachtung notwendig in der gesamten Weltbruderkette, im jetzigen 250. Geburtsjahr von Alexander von Humboldt ganz besonders.

So rufe ich denn in diesem Zusammenhang eine Symbolfigur unseres Bundes aus der Tierwelt auf, die nicht sehr häufig betrachtet wird: den Ouroboros. Vor einigen Jahren habe ich in der Weimarer Stadtkirche das Grab unseres Bruders
Johann Gottfried Herder (1744 — 1803) aufgesucht. Die Grabplatte trägt ein Alpha und ein Omega, umgeben von den mir in der Freimaurerei besonders am Herzen liegenden Symbolworten „Licht, Liebe, Leben“. Wobei mir, wenn ich das hier einflechten darf, das Licht gleichbedeutend ist für die Erhellung durch Aufklärung und nicht etwa ein göttliches Licht, selbst wenn als seine Herkunft das Johannesevangelium zu identifizieren ist. Zurück zur Grabplatte in Weimar: die genannten Worte „Licht, Liebe, Leben“ werden eingefasst von der Darstellung einer sich selbst verzehrenden Schlange. Warum nun wurde diese Darstellung für die Grabplatte unseres Bruders Herder genommen? Das „Licht, Liebe, Leben“ war sein Lebenswahlspruch, den ich neben dem „Sapere aude“ von Kant resp. Horaz nur zu gerne auch für mich persönlich übernommen habe.

Der Ouroboros, übersetzt aus dem Altgriechischen mit „Schwanzfresser“ ist ein bereits in der Ikonografie Ägyptens belegtes Symbol. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Für uns Freimaurer gilt diese Schlange als ein Symbol der Unendlichkeit, “die ewige Wiederkehr und die Vereinigung von Gegensätzen”. Wir sollten, so meine ich, diesem kreatürlichen Symbol mehr Bedeutung beimessen als bisher. Bedeutet es nicht mehr und nicht weniger, dass der Abschluss eines Weges oder eines Prozesses immer auch einen Neubeginn darstellt. Es ist eine starke Metapher etwa für den Kreislauf der Zeiten, der Weltuntergänge und Neuschöpfungen, des Sterbens und der Geburt. Und zwar in einem ausschließlich natur-ethischen und nicht in einem religiösen Sinne. So hege ich denn auch keinerlei religiöse Heilserwartung, um dieses zu verdeutlichen. Der Ouroboros ist eine eingängige, kreatürliche Ergänzung der auf unserem Arbeitsteppich gezeigten Lemniskate. Ich denke, dies ist auch bei der Grablegung unseres Bruders Herder am 18. Dezember 1803 maßgeblich gewesen. Unser Bruder Herder war im übrigen ein Bewunderer von Immanuel Kant, er hat bei Kant in Königsberg von 1762 bis 1764 studiert.

Was hat es sich nun mit dem im Thema meiner Zeichnung genannten “versteinerten Gesicht” auf sich?

An unzähligen Kapitellen, insbesondere sakraler Bauten des europäischen Mittelalters, finden sich, oft auch als Verzierung von Gewölbeschlusssteinen, sogenannte “green man”, “Grüne Männer” beziehungsweise “Blattmasken“; Archetypen der Erdverbundenheit wie sie in der einschlägigen Literatur genannt werden. Ein bedeutendes Beispiel in Deutschland ist die entsprechend gestaltete Stütze des Bamberger Reiters aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Im Bonner Rheinischen Landesmuseum befindet sich die sog. “Pfalzfelder Säule”, ein keltisches Stelenfragment, auf der ein Kopf mit Mistelblättern dargestellt ist. Die sogenannte “Marktfontaine” auf dem Bonner Marktplatz zeigt einen entsprechend gestalteten goldenen Wasserspeier von 1777. Soweit einige Beispiele.

In den meisten Abbildungen lässt der Grüne Mann die Attribute der Natur aus seinem Mund hervorquellen oder das Gesicht wird aus Blättern gebildet oder Pflanzliches wächst aus Auge, Nase, Ohr und Haut. Was wollen uns die mittelalterlichen Steinmetze mit diesen mysteriösen Arbeiten sagen? Und was können diese Arbeiten uns Angenommenen Maurern bedeuten, die wir ja die Werkzeuge dieser Steinmetze für unsere symbolische Arbeit nutzen? Ich denke, auch hier liegt ein weiteres Feld, das wir von den Steinmetzen des Mittelalters übernehmen sollten. Das Feld – wie schon angesprochen – unserer Beziehung zu Natur und Umwelt. Die bisher nicht eindeutig erklärbare Figur des “green man” scheint einen Einklang, zumindest aber eine intensive Beziehung zur Natur zu symbolisieren. Seine Darstellungen – sie sind ausgesprochen vielfältig – vermitteln den Eindruck, dass der “green man” scheu ist und sich zurückzieht , dass er selbst nur noch als Pflanze sichtbar bleibt. Wenn ihm also die äußere Welt nicht mehr entspricht, die umgebende Welt also nicht mehr den Gesetzen der Natur zu entsprechen scheint.

Was soll ein solches Gesicht, aus dem Blätter wachsen, z.B.in einer mittelalterlichen Kirche? Aus der christlichen Ikonografie leitet sich dieses versteinerte Gesicht jedenfalls nicht ab. Nehmen wir also, wie ich es tue, den mysteriösen “green man” als eine Idee innerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, als eine mahnende Personifizierung eines Aspektes der Natur.

An dieser Stelle ist eine ergänzende Betrachtung nötig, betrifft doch eine Naturbetrachtung auch das Naturell von uns Menschen und insbesondere von uns Freimaurern. Und da bin ich auch bei Weltanschauungsfragen. Damit meine ich nicht etwa Fragen innerhalb eines Gesellschaftssystems, sondern Fragen der freimaurerischen Anschauung der Welt. Dies ist die uns Freimaurer bestimmende Art, die Welt, die Natur und das Wesen der Menschen ganz undogmatisch zu begreifen suchen.

Für unverzichtbar halte ich zunächst in diesem Zusammenhang auch in unserer Bruderschaft einen Diskurs über die Stellenwerte von Esoterik und Spiritualität, wenn sie denn auch mystische oder abergläubische Bestandteile haben können. Um es klar zu positionieren: Ich halte es für unverzichtbar, dass sich die Freimaurerei des 21. Jahrhunderts ausschließlich an den Ergebnissen sogenannter evidenzbasierter Wissenschaft orientiert. Ich nenne als Stichwort hier den unverzichtbaren Evolutionismus als die Entwicklungslehre, die sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckt und das Wesen der Welt in einer stetigen Änderung, meist im Sinn des Fortschritts, sieht. Aber ich glaube auch dies (Zitat): “Was die Welt im Innersten zusammenhält”, was schon Goethes Faust zu hinterfragen suchte. Da bin ich dabei: mit Weisheit, Stärke und Schönheit getragen von Licht, Liebe und Leben den symbolischen Tempel der Humanität zu errichten. Dabei stehe ich aber, und ich lese dies im Freimaurerlexikon von Lennhof, Posner und Binder, auf einem agnostizistischen Standpunkt. Dort heißt es nämlich, dass die Freimaurerei “insofern auf dem Standpunkt des Agnostizismus steht, als sie selbst keine dogmatische Auffassung des Weltengrundes, also kein Wissen vom absoluten Sein, vom Ding an sich hat und es ihren Anhängern überlässt, sich darüber selbst ihre Anschauung zu bilden.“ (Zitatende). Das tue ich, betrachte aber eine auch in unserer Bruderschaft diskutierte fragwürdige freimaurerische Ökumene über die Obödienzgrenzen etwa zum Rosenkreuzertum hinweg mit großer Skepsis.

Das schließt für mich denn auch eine Esoterik aus, deren Erscheinungsformen u. a. den von Kant zu Recht gegeißelten Mystizismus, okkulte Praktiken wie z.B. in der Black-Moon-Bewegung oder etwa im Rosenkreuzertum beziehungsweise auch in einigen Hochgradsystemen, einige anthroposophische Entgleisungen unseres vormaligen Pseudobruders Rudolf Steiner, Paraphänomene oder gar eines animalischen Magnetismus bzw. Mesmerismus umfassen, wobei letzterer bis auf den heutigen Tag noch im alternativmedizinischen Bereich für wirksam gehalten wird. Für unakzeptabel, weil wissenschaftlich unhaltbar, halte ich denn auch eine Betrachtung, die der Natur neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zuspricht. Das schließt natürlich den zwingenden Respekt vor der Natur nicht aus. So muss ich weiterhin die auch in unseren Kreisen oft eingebrachte Erkenntnis „Wie oben, so unten, wie innen, so außen, wie der Geist, so der Körper“ als exemplifizierte Grundlage aller Esoterik ablehnen. Zurückzuführen auf einen gewissen Mystiker Hermes Trismegistos , u.a.von Okkultisten im Buch Kybalon nachzulesen. Eine solche Entsprechnungsphilosophie sog. hermetischer Prinzipien erschließt sich mir nicht. Es versteht sich vor diesem Hintergrund, dass ich einer Spiritualität – wie bereits angedeutet – nur dann folgen kann, wenn sie ohne jeglichen Gottes- oder Transzendenzbezug daherkommt. Spiritualität muss für mich klar von Glaube und Religion abgegrenzt werden. Religiosität schränkt mit Blick auf die ihr innewohnende Dogmatik zu sehr ein.

Wie antwortet Goethes Faust auf die berühmte „Gretchenfrage“ was spirituelles Bewusstsein ausmache sinngemäß: kein persönlicher Gott mehr, keine Konfession, keine Glaubensgemeinschaft, keine Kirche, keine damit verbundene Weltordnung – aber das Gefühl einer Allheit und Allverbundenheit, emotionale Übereinstimmung mit dem Weltganzen, das absolute Chiffre für die Liebe. Dem möchte ich mich nur allzu gerne anschließen. Auf Spiritismus muss ich an dieser Stelle natürlich überhaupt nicht eingehen. Ich setze darauf, mir eine Symbolwelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Das Paradies der Freigärtner, der Kreislauf der Zeiten des Ouroboros und der Grüne Mann, sie alle mögen uns allein mit ihrer Symbolkraft helfen, auch unser Verhältnis zur Natur und zur Umwelt nachdrücklich zu bestimmen und besonders in unseren Zeiten zu festigen. Mensch versus Natur und Umwelt darf sich nicht weiter verstetigen! Auch dies: das schließt selbstverständlich eine aktiv notwendige Biodiversitätspolitik mit ein, damit die Not der Natur nicht zur Not der Menschen wird, wenn ich dies als Mitglied der Bonner Alexander-Koenig-Gesellschaft einflechten darf. Der Natur- und Umweltethik im biologischen und wohlverstandenen philosophischen Sinne muss entschieden mehr Bedeutung beigemessen werden! Es geht, wie gesagt, um die Vermeidung der ökologischen Selbstzerstörung! Es geht um die planetary health in umfassendem Sinne.

Der sog.“Greta-Effekt“, benannt nach der jungen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die nachfolgend aufgekommene „fridays for future“-Bewegung mögen vielleicht wegen des damit ausgelösten Hypes nicht immer überzeugen, müssen aber zumindest als Signal gelten. Genau so wie die jährlichen Ergebnisse am sogenannten „Erdüberlastungstag“. Dabei sollte es nicht dazu kommen dass, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. September schrieb, diese Klimadebatte aus dem Ruder läuft.

Im Jahre 1969, also vor 50 Jahren, gab es eine Ballade, die ich vor Kurzem im Radio wieder einmal gehört habe. Sie ging so: “In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive.” Diese Ballade schildert einen Weltuntergang durch passive Inkaufnahme und übermäßige Abhängigkeit der Menschen von ihren übertriebenen Technologien, die – so heißt es – die Menschheit letztendlich entmenschlichen. Es ging vor allen Dingen auch um eine Kritik an grenzenloser Naturausbeutung. Vorgetragen vor 50 Jahren.

Ich denke, diese Ballade hat bis heute, auch mit Blick etwa auf das Problem der Mikroplastik in uns, um nur ein Beispiel zu nennen, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, von dem Klimawandel ganz zu schweigen, oder von der um sich greifenden Verrohung des menschlichen Miteinanders. Möge die der Ballade inne wohnende Mahnung Eingang finden in alle Algorithmen und in die Heuristik der unaufhaltsamen Künstlichen Intelligenz, in die wir trotz der ihr in vielen Bereichen zweifellos innewohnenden Bedeutungen als physische oder kognitive Assistenzfunktionen unverändert das genannte „Sapere Aude“, also den sogenannten „Gesunden Menschenverstand“ einbringen müssen. Möge die Mahnung alle Blogger, alle Influencer, alle Sozialen Netzwerke erreichen, heißen sie Facebook, Twitter, Instagram oder Reddit, und so auf ihre Follower einwirken und vor allen Dingen sogenannte Deep Fakes verhindern. Mögen Trolle nicht noch schlimmer im World Wide Web ihr Unwesen treiben, sondern nur in der Fabelwelt der Natur Freude bereiten. Möge dabei helfen, wie es in der genannten Ballade ganz lyrisch heißt, “the twinkling of starlight” am Ende des Tunnels und die Hoffnung “maybe it’s only yesterday”. Apropos „twinkling of starlight“: müssen wir nicht auch über unsere Anschauung der Welt hinaus ins Weltall denken? Geht es nicht mittlerweile schon um Probleme planetarischer Gesundheit? Stichworte „Weltraumschrott“ bzw. „Plastik im menschlichen Organismus“.

Tun wir als Freimaurer zumindest das Unsrige, um die ganz offensichtliche Zeitenwende auf unserem ach so unglaublich kleinen und im Gefüge des Alls gänzlich unbedeutenden Planeten zu begreifen und sie in positivem Sinn
mitzugestalten, auf dass wir ihr nicht hilflos ausgeliefert werden, auf dass nicht allzu zeitnah nur noch ein “twinkling of starlight” übrig bleibt. Wirken wir einer Entwicklung entgegen, nach der etwa aus Langeweile, Einsamkeit
und Desillusionierung innerhalb der Gesellschaft Verlockungen für extreme Weltanschauungen entstehen. Moral darf nicht zu einem Schimpfwort verkommen.

Wie heißt es so treffend bei den Monisten und dem vormaligen „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“, dem ich nur zu gerne wieder nahe stehen würde (Zitat): „Das höchste Ziel der Natur- und Kulturentwicklung ist die völlige Naturkenntnis und Naturbeherrschung, vollendete Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung der Natur in ihrem Teilsystem Mensch“ (Zitatende). Hoffen wir, dass die Schwägerin unseres guten Prometheus, eine gewisse Pandora aus der griechischen Mythologie, nicht noch einmal ihre Büchse öffnet, auf dass nicht auch noch die Hoffnung entweicht.

Bei all unserer skeptischen Zukunftsbetrachtung sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Denken wir einfach daran, was uns an unserer Welt gefällt. Was uns guttut, was wir lieben. Das kann und sollte doch auch eine gehörige Portion Frohsinn bedeuten. Ich jedenfalls glaube daran mit großer Hoffnung. Tragen wir deshalb froh gestimmt unsere freimaurerischen Ideale und Wertvorstellungen aktiv in die uns umgebende Gesellschaft. Dies ist im allgemeinen Humanismusgefüge der Zivilgesellschaft nicht nur gerechtfertigt, sondern mit Blick auf die unübersehbare Verrohung in unserer Gesellschaft geradezu überfällig.

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Menschenliebe, Bruderliebe

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Die freimaurerische "Bruderliebe" ist ein irreführender Begriff. Sie hat mehr zu tun mit einer geistigen Verwandtschaft, mit Vertrauen, Respekt; sie ist eine vernunftbegründete Entscheidung freien Willens. Dieser Beitrag untersucht die Begrifflichkeiten.

Vor längerer Zeit habe ich folgenden bemerkenswerten Abspann in einem Kriminalroman von Elisabeth George gelesen, der mich sehr berührt hat:

Die Welt ist ein schöner und zugleich schrecklicher Ort. Jeden Augenblick werden Gräueltaten begangen, und am Ende sterben die, die wir lieben. Wären die Schreie aller Lebewesen dieser Erde zu einem einzigen Schmerzensschrei vereint, würde er die Sterne erzittern lassen. Aber wir haben die Liebe. Sie mag uns zu zart erscheinen, um uns gegen die Schrecken dieser Welt zu schützen, aber wir müssen an ihr festhalten und an sie glauben, denn sie ist alles, was wir haben.

Elisabth George

Die Liebe soll also, so verstehe ich das, nichts weniger als die menschliche Identität, die Wahrheit des Menschseins auf unserer Erde ausmachen. Weil das so ist und für die Freimaurerei im Besonderen von so fundamentaler Bedeutung sein soll, so stehen am Anfang meiner Betrachtungen natürlich die Fragen: Was ist das überhaupt, die Liebe? Und wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Lexikalisch wird die Liebe, aus dem Mitteldeutschen kommend und – Gutes, Angenehmes, Wertes bedeutend – als die stärkste Zuneigung beschrieben, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Menschenliebe ist nach gleicher Quelle ein allgemein menschenfreundliches Denken und Verhalten.

Bruderliebe im freimaurerischen Sinne schließlich bezeichnen Eugen Lennhoff und Oskar Posner in ihrem Freimaurerlexikon als „gesteigerten Grad der Zuneigung … in geistiger Blutsverwandtschaft“. Ein wenig schwülstig, wie ich meine.

Menschenliebe nicht auf „Charity“ reduzieren!

Wie dem auch sei: Das Wortkompositum „Menschenliebe“ taucht im 18. Jahrhundert, im umwälzenden Zeitalter der Aufklärung, erstmals auf. In einer Zeit also, in der auch die Freimaurerei ihren ersten Ausdruck fand. So wurde die Liebe Bestandteil auch des freimaurerischen Katechismus. Es kam zu dieser Zeit unter der Bezeichnung Philanthropismus zu einer Ausbildung einer regelrechten Lehre von der Erziehung zu Natürlichkeit, Vernunft und „Menschenfreundschaft“, wie es damals hieß.

Leider wurde der Begriff „Menschenliebe“ im 20. Jahrhundert eher ungebräuchlich und bis heute etwa auf Karitas oder – schlimmer noch – auf „Charity reduziert und dem Non-Profit-Sektor zugewiesen. Diese Begrifflichkeiten deuten, bei allem Wohlwollen, eher auf ein Tun, eine Handlung, als auf eine innere Einstellung hin. Oft heißt es in diesem Zusammenhang, dass das Christentum, um nur eine Religion zu nennen, für sich in Anspruch nimmt, den Gedanken der Menschenliebe als eine Kardinaltugend eingeführt habe. Ja das Postulat der Menschlichkeit sei überhaupt ein Vorrecht, weil es Bestandteil der sogenannten Gottesliebe sei.

Ich glaube demgegenüber nicht, dass die unverzichtbare Liebe unter uns Menschen von einer göttlichen Herkunft ist. Da würden allein die von mir eingangs bei Elisabeth George geschilderten Gräuel auf unserer Erde entsprechende Fragezeichen setzen.

Die Freimaurerei begründet ihre Ethik nach meiner Auffassung zunächst aus Vernunft und nicht aus einer dogmatischen göttlichen Satzung. Für mich fordert die Freimaurerei ja auch nicht ein seliges Leben im Jenseits, sondern ein sittliches Leben im Diesseits.

Schon bei dem Naturrechtslehrer Christian Thomasius ist Anfang des 18. Jahrhunderts aufklärerisch zu lesen, dass im Gegensatz zu traditionellen christlichen Modellen die Menschenliebe nicht von einer Gottesliebe abhängig gemacht wird, sondern als eigenständige Naturgegebenheit zu würdigen und in den Mittelpunkt zu stellen ist. Menschenliebe könne nicht auf Gottesliebe reduziert werden, sondern eher Gottesliebe auf die Menschenliebe.

So glaube ich denn auch mit einer gewissen Konsequenz, dass nicht ein Gott den Menschen nach seinem Bild schuf, sondern der Mensch schuf seinen Gott oder seine Gottheiten nach seinem idealisierten Bilde.

Die Liebe unter den Menschen ist somit Auswirkung zunehmender Aufklärung über die Zeiten. Dies führt mich weiter zum Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten, den ich nur als ein Sinnbild betrachte, das dazu auffordern möchte, den eigenen sittlichen Willen in einer gewissen Weisheit zu stärken und meine eigene Unvollkommenheit zu erkennen. Der also auch nicht eine Liebe spendende Funktion für mich haben kann, ich ihn im christlichen Sinne nicht anrufen kann.

Wie dem auch immer es für jeden einzelnen Bruder sei und welche Bedeutung es für ihn haben möge: Ich gehe davon aus, dass der ethische Fortschritt auf unserer Erde schon vor der Begründung des Christentums entstand und nicht selten von Revolutionären und Außenseitern ausging.

„Wo Mensch den Menschen liebt“

Die Philanthropie jedenfalls hat schon in vorchristlicher Zeit ihre Erkenntnis gefunden und erfuhr in den Religionen der Neuzeit ihre, zugegeben eindrucksvolle Ausdeutung. Hier seien als Stichworte Der Liebe Gott, das Hohe Lied der Liebe im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus und die Stichworte Barmherziger Samariter und Martin von Tours, den Sankt Martin, gegeben.

Als bemerkenswertes und möglicherweise frühestes Beispiel sei Aischylos aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert genannt, der die Tat des uns in Bonn besonders verbundenen Titanen Prometheus, den Menschen das Feuer zu verschaffen, als – wörtlich übersetzt – menschenfreundlichen Akt bezeichnete. Denn es scheint plausibel: Ohne die Schlüsseltechnologie der Feuerbändigung, da haben die alten Griechen schon recht mit ihrem Prometheus-Mythos, wären wir niemals zu dem geworden, was wir sind.

Aus gleicher Zeit sei Konfuzius zitiert: „Menschenliebe ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.“ Lessing fragt: „Was ist ein Held ohne Liebe?“, während Kant die Liebe als „Pflicht zu tätigem Wohlwollen“ identifiziert.
Der freimaurerische Autor Franz Carl Endres schrieb in einem seiner Werke über die Liebe: „Nichts ist unsittlich, wo (seelische) Wahrhaftigkeit maßgebend ist, und nichts ist sittlich, wo der Egoismus motivlich beteiligt ist.“

In Sarastros Hallenarie in Mozarts „Zauberflöte“ ist von Menschenliebe die Rede, die einen gefallenen Menschen wieder zur Pflicht führt: „Wo Mensch den Menschen liebt.“  Dostojewski lässt den alten Sossima im Roman „Die Brüder Karamasow“ sagen: „Ihr Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr zu lieben vermag.“
Der Freimaurer Heinrich Heine ging idealistisch noch weiter. Für ihn war „Cosmopolitismus, allgemeine Völkerliebe“. Er glaubte 1831, zwölf Jahre bevor er unserem Bund beitrat, bereits an eine „neue Religion der Liebe und Brüderlichkeit“.

Das freimaurerische Symbol der Liebe ist schließlich in den mir besonders am Herzen liegenden drei Johannisrosen enthalten, die Licht, Liebe und Leben symbolisieren.  All das, was ich bisher als Stichworte, Hinweise und Zitate ausgeführt habe, wäre einer eigenen umfänglichen Betrachtung wert.  Für mich, und damit möchte ich den ersten Teil meiner Zeichnung abschließen, gilt in diesem Zusammenhang ein Bedeutungspaar, wie es der Naturwissenschaftler Carl Friedrich Gauß in der Zeit der Aufklärung zusammengestellt hat:

„Durch zwei Dinge kann man wirklich glücklich werden: durch reine Liebe und durch reine Vernunft.“

Carl Friedrich Gauß

Respekt und Vertrauen sind der Ausdruck brüderlicher Liebe

Ich möchte mich nun weiter dem für uns Freimaurer so fundamentalen Thema mit zwei Fragen widmen: Was ist denn eigentlich genau diese Liebe, die wir Brüder Maurer füreinander empfinden sollen? Verwenden wir in der Freimaurerei das Wort „Liebe“ nicht oft zu bedenkenlos? Als erste mögliche Deutung möchte ich Friedrich Mossdorf von 1818 vortragen:
„Es ist ein Gewinn für den Mann, des Geist und Herz von reiner Menschenliebe warm und für sie empfänglich ist, in der Maurerbrüderschaft einen Bund zu erblicken, welcher Bruderliebe zu seinem Wesentlichen rechnet und Gelegenheit giebt, sich mit gleichgesinnten liebevollen Brüdern zu geselligem Fleiß im Geiste reiner Menschenliebe zu vereinen. Die Maurerbrüder sollen, nach der Vorschrift ihrer Kunstlehre, in Liebe und Friede zu allem Menschlichen vereint seyn, wie eine Seele.“
Bei diesem Bruder Mossdorf und auch bei anderen aus dieser Zeit finden wir ein stark gefühlsmäßiges Erfassen einer freimaurerischen Wahrheit vor.

Der Bezug auf den Begriff Seele greift dabei aber ganz offensichtlich auf unterschiedliche, insbesondere religiöse, philosophische oder psychologische Traditionen zurück. Mit rein rationalen Gründen wäre eine solche Liebe nicht zu erklären. Dennoch ist die so von Mossdorf erklärte Bruderliebe auch heute vielfach unverändert die Basis des sittlichen Denkens der Freimaurerei. So interpretiert wird die seelische Bruderliebe – wenn ich sie einmal so nennen darf – zum Bestandteil des freimaurerischen Traumes, der den Tempel der Humanität fertig gebaut sieht.

Das kann man so betrachten. Allerdings: Die brüderliche Liebe, so als Seelenvereinigung der Brüder interpretiert, lässt außer Acht, dass jeder Bruder für seine persönliche Quest, also seinen Weg der Individuation, zunächst einmal selbst verantwortlich ist. Bei jedem Bruder persönlich beginnt die Suche nach seinem verlorenen Wort.

Der Bezug auf eine angeblich unsterbliche „Seele“ setzt außerdem zweifellos Glauben voraus, hat also – wie bereits dargestellt – neben einem mythischen bzw. philosophischen insbesondere einen religiösen Hintergrund.

Dies wäre für mich, der ich mit Kant für eine Befreiung der Ethik aus der Bevormundung durch die Theologie einig bin, nicht akzeptabel. So halte ich denn auch Religionen für ein psychisches Phänomen. Dies alles ist der Kontext, in dem sich meine Vorstellung von ehrlicher, aufrichtiger Menschen- und Bruderliebe bewegt.

Deshalb sollte man – um zum Thema Bruderliebe direkt zurückzukehren – meines Erachtens so argumentieren: Die brüderliche Liebe beruht im Wesentlichen auf einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens. Dem anderen Bruder sollen ohne Vorbehalte vor allem zwei Gefühle entgegengebracht und dürfen auch erwartet werden: Respekt und Vertrauen.

Dies ist am besten gepaart mit einer durchaus empathischen Fähigkeit, sich in den Anderen hineinzudenken und seine Beweggründe zu verstehen. Dieses Einfühlungsvermögen kann man sich durchaus anerziehen. Hierzu muss der Sinnbild gebende raue Stein nur kräftig genug bearbeitet werden, damit als Resultat auch Zuneigung entsteht.
Kennenlernen im geschützten Raum der Loge

Welcher Interpretation man nun eher zuneigt, der seelischen oder der eher rational begründeten brüderlichen Beziehung, kann jeder Bruder natürlich für sich entscheiden. Auch hier gilt, wie in der Freimaurerei im Allgemeinen: Vielfalt in der Einheit.
Das darf aber, um nicht missverstanden zu werden, nicht bedeuten, dass auf die gemeinsame freimaurerische Innenarbeit verzichtet werden kann. Ganz im Gegenteil!

Ich meine hiermit das gemeinsame Versenken in den immer wieder anrührenden Zauber des Ritualgeschehens, das stets aufs neue angebotene Erschließen unserer Symbole, also die kontemplative Tätigkeit bei den beruhigend von der profanen Welt abgeschlossenen Tempelarbeiten.

Hier im Tempel ist, um mit dem von mir geschätzten freimaurerischen Autor Klaus- Jürgen Grün zu sprechen, der Spielraum, „in dem wir uns spielerisch die Szenen des Lebens vergegenwärtigen, um selbst tüchtig für eine humanitäre Gesellschaft zu werden“. Hier im Tempel kann man sie immer wieder spüren, wenn wir singen, „unsrer Freundschaft Harmonien“. Mit Verlaub: alle Brüder, alte wie junge gemeinsam! Das „Mögen wir uns alle so wiederfinden“ zum Schluss jeder Tempelarbeit ist für mich denn auch jedes Mal wieder eine Verheißung.

Fest steht für mich, dass wir nur mit so gespeister Hingabe und mit offenem Herzen dem wohlverstandenen freimaurerischen Gebot der Bruderliebe werden entsprechen können. Ich denke, man muss an sich selbst in Erfahrung bringen, wie dem Anderen zumute sein kann. Das geht nur durch vertiefendes Kennenlernen untereinander, durch Gespräche, durch Zuhören im geschützten Raum der Loge. Es geht, wie unser Bruder Friedrich-Karl es ausdrückte, um „die mächtige Kunst der heilenden Kommunikation“. Diese persönlich gehaltene Zeichnung soll auch ein Beitrag dazu sein.

Die brüderliche Liebe muss fußen auf Erfahrungen des „Erkenne dich selbst!“, dem vorchristlichen „nosce te ipsum“, und mit Demut, Disziplin und Beharrlichkeit erworben werden. Die brüderliche Liebe muss zweitens basieren auf der von Gauß neben der Liebe geforderten Vernunft, denn die Freimaurerei begründet ihre Ethik aus eben dieser Vernunft und nicht aus einer göttlichen Satzung. Dafür müssen wir unermüdlich am rauen Stein arbeiten. Das Ziel dieser Arbeit an sich selbst sollte sich ausdrücken in Fürsorge, Verständnis, Interesse, Freude, Hilfsbereitschaft, Respekt und Vertrauen – und nicht zu vergessen: in Aufrichtigkeit. Das alles, es ist ja nicht gerade wenig, getragen von Güte und Nachsicht.

Für mich steht fest: Wenn sich die so interpretierte brüderliche Liebe im Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft auch mit einer nicht geringen Portion Frohsinn und Lebensoptimismus verwirklicht wird, dann wird diese Liebe erfüllend sein.

Mit Optimismus aus dem Jammertal herausfinden

Wir Freimaurer müssen allem Jammertalgerede auf unserer Erde widerstehen. Es gibt, um mit Bertrand Russell zu sprechen, auch keine Hölle und keine ewige Verdammnis. Da sei die irdische Liebe vor. Nur derart überzeugt, froh und lebensbejahend gestimmt, ich wiederhole es, wird unsere Liebe wirklich erfüllend und ansteckend sein. Es darf auch nicht um ein Trostspenden in einer angeblich unerträglichen Moderne gehen oder um ein Beklagen mit Blick auf die unaufhaltsame „Chinaisierung“ unserer Lebenswelt bzw. um Frustzustände etwa bei den Followern und Likes in den sozialen Netzwerken. Es darf nicht um Angst vor Algorithmen oder vor künstlicher Intelligenz gehen bzw. etwa um die düsteren Prognosen des Philosophen Richard David Precht, dem „Fackelträger der deutschen Verzagtheit“ (Siering).

„Think positive!“ muss die Devise sein.

Da hält man es besser mit dem im Jahr 2018 verstorbenen Stephen Hawking: „Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.“

Erwerben wir diese Weisheit mit freimaurerischen Mitteln!

Und dabei sollten wir nicht vergessen: Die Welt ist aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da. Da versteigt sich ja auch heute bereits die aktuelle Evolutionsforschung zu der Aussage, es gäbe keine „Mutter Natur“. Mit einer derartigen Romantik käme der nicht weiter, der die Geschichte des Lebens erklären wolle. Es habe auch keinen Plan gegeben, nach dem dabei der Mensch herausgekommen sei (Axel Meyer, 2019). Nicht mehr, aber auch nicht weniger an dieser Stelle zum Thema Zukunftsorientierung, mit der sich auch die Freimaurerei so schnell wie möglich auseinandersetzen muss.

Für uns Freimaurer ergibt sich somit ein anspruchsvolles Programm, zweifellos sehr idealistisch. Aber sind wir Freimaurer nicht alle unverbesserliche Idealisten? Nur so ehrlich erfüllt und idealistisch durchdrungen kann jeder Bruder Freimaurer auch den immerwährenden Existenzanspruch und die Notwendigkeit der Freimaurerei gerade in unserer Zeit überzeugend und beispielgebend in die uns umgebende schnelllebige profane Welt tragen.

Unsere Bemühungen als Menschen und Brüder müssen deshalb schlussendlich unverdrossen – wider alle noch so populistischen Fake News dieser Welt und wider alle Verschwörungstheorien – münden in eine überzeugende vernunft- und nicht religiös bezogene Nächstenliebe, sind es doch die Menschen, will sagen alle Menschen, derer wir beim Tempelbau bedürfen. Da darf sich kein Bruder Freimaurer irritieren lassen. Diese Liebe, die Nächstenliebe also, beinhaltet – ich fasse zusammen – jede dem Wohl der Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung.
Hierher gehört der Begriff Barmherzigkeit, aber auch ein Verweis auf Kants Kategorischen Imperativ.

Das ist die Quintessenz meiner Zeichnung. „Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch.” Hierbei Hilfreiches lese ich abschließend bei Sebastiao Magalhaes Lima, dem 1850 geborenen Vorkämpfer des portugiesischen Liberalismus und Freimaurer: „Es gibt nur ein dauerndes Gesetz auf der Welt, das ist das Gesetz der Liebe. Es ist nicht allein die Liebe , die sich in Güte und unendlicher Schönheit offenbart, in dem großen Mitleid mit jeglicher Kreatur , sondern es ist auch die Liebe, die sich kurz als die Liebe zum Weltall ausdrücken lässt, als brennender Wunsch, für andere zu leben. Es ist die Liebe für die Kleinen, für die Bescheidenen, für die Bedrückten. Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch: Das ist die Liebe des Freimaurers.“

Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch! So soll es sein.

Kant hat die „Nächstenliebe“ auf seine Art in dem Werk „Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft“ so beschrieben: „Die Pflicht der Nächstenliebe kann also auch so ausgedrückt werden: sie ist die Pflicht, anderer ihre Zwecke (sofern diese nur nicht unsittlich sind) zu den meinen zu machen; die Pflicht der Achtung meines Nächsten ist in der Maxime enthalten, keinen anderen Menschen bloß als Mittel zu meinen Zwecken abzuwürdigen (nicht zu verlangen, der andere solle sich selbst wegwerfen, um meinem Zwecke zu frönen).“

Diese so bei Lima und Kant identifizierte Nächstenliebe – die Menschenliebe und Bruderliebe gleichermaßen umfasst – hilft, den Grundgedanken der Freimaurerei, die Autonomie des Sittengesetzes zu realisieren. Diese Nächstenliebe muss also zum Schlussstein unseres symbolischen Tempelbaues werden.

Das könnte und sollte das Ende meiner Zeichnung sein.

Da ich aber dem Freimaurersein eine gehörige Portion Fröhlichkeit beimessen möchte und da meiner Zeichnung ganz offensichtlich ein Link zur erotischen Liebe gefehlt hat, hier zum definitiven Schluss einige Zeilen aus der Feder unseres Bruders Heinrich Heine:

Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl. „Die Liebe muß sein platonisch“, der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie. „Ach!“ Der Domherr öffnet den Mund weit: „Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit.“ Das Fräulein lispelt: „Wieso?“ Die Gräfin spricht wehmütig: „Die Liebe ist eine Passion!“ Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tisch war noch ein Plätzchen; Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine
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Toleranz — Vom Begegnen auf gleicher Ebene

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Der englische Philosoph John Locke – er war kein Freimaurer –  schrieb Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts eine Reihe von sogenannten Toleranzbriefen. Sein Grundgedanke der Toleranz bedeutete für ihn die Duldung jeder religiösen Ansicht und Gemeinschaft, und zwar unbeschränkte, gleichmäßige Duldung. Diese Gedankengänge der Duldung gelten als Grundlage der glaubens- und gesinnungsbezogenen Forderungen der Andersonsen „Alten Pflichten“.

Der Forscher August Wolfstieg, ein Vordenker unserer geliebten Freimaurerei, schrieb in seinem Werk „Die Philosophie der Freimaurerei“ Anfang des 20. Jahrhunderts: „Toleranz ist das Palladium“, also ein unantastbares Gut, „der Freimaurerei immer gewesen und muss es bleiben.“ Damit war sich Wolfstieg einig mit Friedrich III. der schon früher ausführte: „Zwei Grundsätze bezeichnen vor allem unser (freimaurerisches) Streben: Gewissensfreiheit und Duldung“.

Unsere heute noch in diesen Punkten weitgehend aktuellen Vordenker Eugen Lennhoff und Oskar Posner schließlich schreiben über unseren Bund: „Durch ihre Mission [der Toleranz] wirkt [die Freimaurerei] an der Vergeistigung und Befriedigung der sozialen Wechselbeziehungen in hervorranger Weise mit und ist in diesem Sinne berufen, ein wichtiger Kulturfaktor zu sein, wenn sie ihrer Sendung gerecht wird.“ Und nun kommts: „Die Loge hat daher keine wichtigere Aufgabe als die Erziehung zur Duldsamkeit.” So  als Duldsamkeit interpretiert finden wir die Toleranz bis heute im freimaurerischen Ritual, wenn sie dort als Bestandteil des „für den Tempelbau nötigen Mörtels“ angesehen wird.

Toleranz gleich Duldung ? Ist das nicht zu wenig ? Kann das Dulden allein für den Mörtel unseres Tempelbaus ausreichen?  Kann es vielleicht sogar sein, dass eine solchermaßen identifizierte Toleranz nicht unbedingt eine Tugend sein muss, wie der von Lessing gleichermaßen bewunderte wie gehasste Voltaire behauptete? Kann es somit stimmen, wenn Goethe in seiner Aphorismensammlung schreibt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein.Sie muss zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Dulden heißt beleidigen? — Das sehe ich auch so: Reines Dulden ist für mich nicht das Begegnen auf gleicher Ebene!

Beispiele: der Ruf nach mehr Toleranz gegenüber dem Ausländer, gegenüber dem Obdachlosen, gegenüber dem Fremdsprachigen, gegenüber dem Wartenden in der Schlange, gegenüber dem Kellner im Restaurant und so weiter und sofort  ist meines Erachtens ausgesprochen überheblich und arrogant. So habe ich mich jedenfalls oft selbst empfunden und empfinde mich bedauerlicherweise manchmal immer noch. Wer also erst jemand anderen „tolerieren“ muss, steht immer schon eine Stufe über ihm. Und das kann es doch für einen Freimaurer nicht sein. Es geht nicht um Menschen erster und zweiter Klasse. Es geht um Menschen.

Noch einmal: lexikalisch ist Toleranz Duldsamkeit und damit lediglich ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Das ist für einen in heutigem Sinne aufgeklärten Freimaurer zu wenig, wie ich meine. Die 300 Jahre alten  „Alten Pflichten“ scheinen mir in diesem Punkte fortzuschreiben sein, und ,wie ich  einflechten darf, nicht nur in diesem Punkte.
Die Toleranzedikte vergangener Zeit, wie wir sie bis in die Aufklärung hinein betrachten können, waren zu ihrer Zeit selbstverständlich in humanistischem Sinne enorm fortschrittlich, ganz ohne Zweifel. Sie werden also zurecht als Meilensteine der Menschheitsentwicklung gefeiert. So führte beispielsweise das Toleranzedikt des römischen Kaisers Gaius Galerius Valerius Maximianus kurz vor seinem Tod im Jahre 311 zur Beendigung der Christenverfolgung. Führte aber lediglich zu einer Duldung!

Auch das von Joachim Stephani 1612 lateinisierte „cuius regio, eius religio“, im Westfälischen Frieden von 1648 zur Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 festgelegt, wurde durch die preußischen Könige ebenfalls aufgegeben, zuletzt durch Friederich den Großen 1740 bekanntermaßen, aus welchen Gründen auch immer. Führte aber ebenfalls lediglich zu einer Duldung!

Ich denke, unsere humanitären Ansprüche von heute sollten von höherer Qualität sein. Ich möchte jetzt aus Artikel 1 der Erklärung der UNESCO über die Prinzipien der Toleranz vom 16.November 1995 wie folgt zitieren: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdruckformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt“. Nun wird man auf den ersten Blick dieser klangvollen Interpretation von Toleranz wie selbstverständlich zustimmen wollen. Allerdings stimmt aus meiner Sicht bei dieser Interpretation die qualitative Reihenfolge nicht, will sagen,  stimmt die begriffliche Hierarchie nicht! Die Reihenfolge muss lauten: aus Toleranz erwächst Akzeptanz, aus Akzeptanz erwächst bestenfalls Respekt!

Toleranz bedeutet, daß ich Menschen mit all ihren Eigenschaften lediglich hinnehme, ohne sie deswegen z.B.  verbal oder körperlich anzugreifen.Damit bedeutet Toleranz anders gesagt, Menschen so zu ertragen, wie sie sind, ohne sie deswegen zu verletzen , egal in welcher Form. Bei der Toleranz bleibe ich also passiv.

Reicht das einem Freimaurer? Ich denke: Nein.

Akzeptanz hingegen bedeutet, dass ich einen Menschen so annehme wie er ist. Ihn annehme, wie gesagt. Wenn ich ihm seine möglicherweise ungewöhnlichen Eigenschaften nachsehe und diese für sich selbst als „in Ordnung“ festlege. Akzeptanz ist somit für mich die Grundvorausetzung dafür, dass echte Freundschaften, dass bestenfalls freimaurerische  Bruderliebe entstehen können. Bei einer solcherart beschriebenen Akzeptanz muss ich also in meinem Innern aktiv werden.

Nun gehe ich aber noch einen Schritt weiter beim Betrachten eines optimalen Umgangs miteinander: Die höchste Einstellung gegenüber anderen Menschen ist nach meiner Ansicht Respekt. Wobei ich frage, ob wir uns überhaupt darüber im Klaren sind, dass und wann wir es an einem solchen Respekt anderen gegenüber fehlen lassen. Ich jedenfalls frage mich  manchmal, ist Respekt nur etwas , das ich haben, aber nicht geben will? Begegnen sich in der Respektlosigkeit nicht Arroganz und Ignoranz? Zerstört diese Respektlosigkeit nicht jede Beziehung?

Noch einmal: Akzeptanz setzt Toleranz voraus. Respekt nun ist auf Toleranz und Akzeptanz aufgebaut und nicht so, wie die UNESCO die Reihenfolge wählte. Respekt ist für mich eine Haltung, die den anderen als Menschen achtet und seine Menschenwürde anerkennt. Egal, woher er kommt, wie er aussieht, ob oder zu welchem Gott er betet. Respekt heisst, Rücksicht auf den anderen nehmen, auf seine Bedürfnisse und seine Verletzlichkeit. Das ist mehr als Toleranz und Akzeptanz. Dass das nicht immer einfach ist, ist mir klar. Trotzdem: Respekt im wahren Wortsinn zollen zu können muss nach meiner Meinung deshalb immer wieder bei der persönlichen Arbeit am rauhen Stein in geduldiger, ja demütiger Haltung eingeübt werden. Respekt und nicht nur bloße Toleranz muss also das Endziel nicht nur allen freimaurerischen Tuns sein. Respekt gegenüber mir zuerst und sodann gegenüber dem Bruder. Respekt gegenüber dem Partner, gegenüber den Mitmenschen, gegenüber dem Gemeinwesen, der Natur.

Toleranz, Akzeptanz, Respekt. Das sollte die stufige Abfolge unseres Lernweges sein.

Der amerikanische Publizist Richard Sennet schreibt in seinem Werk „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“: „Es genügt nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben.“ — „Jenen Menschen mit Respekt begegnen, die dazu verurteilt sind,schwach zu bleiben“! Wenn wir uns in dieser Erkenntnis fortwährend strebend bemühen, werden wir durch eine solchermaßen winkelgerechte Lebensführung sowohl im Inneren unserer Bauhütte als auch in der profanen Welt als Freimaurer überzeugend bestehen können. Erst mit Respekt wird es gelingen, allem Lebendigen auf wirklich gleicher Ebene zu begegnen.

Unser Bruder K. R. schreibt in einem Essay, dass das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ der katholischen Lehre besser, man beachte die Nuance, besser interpretiert heißen müsste „ Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist wie Du.“ Perfekt erschiene mir – wenn ich das hier persönlich einflechten darf  – bezogen auf unseren Umgang miteinander der Mensch, der mich auf diese Weise respektierte, wie ich bin, ja der sogar stolz auf mich sein könnte, der glücklich oder zumindestens erfreut wäre, wenn er mich sieht.

Ach ja, Respekt hat wahrscheinlich – wenn ich recht überlege – sogar etwas mit Ehrfurcht zu tun. Doch das wäre einen weiteren Aufsatz wert.

Der 1990 verstorbene Schriftsteller und langjährige Mitarbeiter der F.A.Z., Hans Kasper, schreibt: „Die Humanität erreichte mehr, wenn sie statt die Gleichheit zu loben, zum Respekt vor dem Wunder der Vielfalt riete .“

Dem ist aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen.

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