Vom Schenken

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Als Kind war für mich Weihnachten weniger das Fest Christi Geburt. Vielmehr war es die Spannung, was sich wohl in dem abgedunkelten Wohnzimmer, dessen Läden ge- und dessen Zugangstür verschlossen war.

Und auch wenn ich mir noch solche Mühe gab: Ich konnte keinen Blick erhaschen, hatte keinen Hinweis, was sich dort verbarg, in diesem für wenige Tage nahezu hermetisch abgeriegelten Bereich, zu dem nur meine Mutter und der Weihnachtsmann Zutritt hatten.

Zu Heiligabend wurden die Kerzen am Baum entzündet, meine Mutter spielte die Weihnachtplatte ab und mein Bruder und ich wurden in das weihnachtlich geschmückte Zimmer gerufen. Ein schneller Blick auf den Baum, ein kurzes Mitsummen mit der Musik und schon ging mein Augenmerk auf die unter dem Baum liegenden Pakete und Päckchen. Da meine Mutter uns weihnachtliche Stimmung verordnete, wurde vor der Bescherung ein Weihnachtslied gesungen und /oder eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen.  Während des Zuhörens entglitten meine Gedanken und ich fragte mich, welche der Geschenke meines manchmal doch recht üppigen Wunschzettels sich in den Päckchen verbarg.

Freude und Enttäuschung lagen manchmal sehr eng beieinander. 

Dann war der Spuk mit dem Weihnachtsmann vorbei, ich musste mich bei einer Reihe von Menschen, beginnend bei Mutter, Vater, Großmutter – und Onkel, Tanten und diversen anderen lieben und weniger liebenswerten Verwandten und Bekannten artig bedanken. Und damit begann auch meine eigene Schenk-Karriere.

Im Laufe der Jahre änderte sich meine Einstellung zum Schenken gewaltig.

War es zu Anfang noch die Erwartung und der Wert der Geschenke, die mich elektrisierten, so merkte ich schon früh, dass es auch Freude bereitete, selber zu schenken. Und je näher mir die Person war, um so mehr Gedanken und Mühe gab ich mir, nahm jeden kleinen Hinweis auf die Vorlieben und Wünsche des von mir zu Beschenkenden auf, zerbrach mir tage- wochenlang den Kopf, womit ich meinem Gegenüber eine Freude machen konnte. Und wenn dann auch noch der wohlige Zustand der Verliebtheit hinzukam, konnte es schon mal zu kuriosen Aktionen kommen.

Schenken und beschenkt werden stärkt die soziale Bindung. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns gegenseitig beschenken, sondern ob wir in der Lage sind, uns gegenseitig etwas zu geben. Das Geben wie das Schenken und Helfen ist von der Frage der Persönlichkeitsstruktur des Sendenden bestimmt und welche Motive ihn treiben. Macht es ihn glücklich? Versteckt sich eine bestimmte Absicht hinter dem Geschenk? Ist es eventuell gar nicht so gut gemeint, wie es scheint?

„Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.“ Vergil, der Autor dieses Zitats, war ein römischer  Dichter und Epiker, der mit diesem Ausspruch auf das Geschenk eines hölzernen Pferdes, das die Danaer, bzw. Griechen, bei ihrem scheinbaren Abzug von Troja zurückließen und mit dessen Hilfe sie dann Troja eroberten.

Schenken will gelernt sein. Und der ein oder andere kann abendfüllende Geschichten erzählen, von Geschenken, die enttäuschten, die zum Disput, zum handfesten Streit oder auch dem Zerbrechen einer Beziehung führten. Die positive Situation, nämlich, dass der Schenkende wie auch der Beschenkte sich gleichfalls über das Geschenk freuen, ist der Idealfall.

„Es gibt eine interessante Studie von der Harvard Business School, die sich mit diesem Thema, dem Schenken, beschäftigt. Es wurden verschiedene Versuche gemacht, mit Erwachsenen, mit Kindern, sowie mit Primaten. Untersucht wurde vor allem die „Geberlaune“, das heißt, die Gründe, aus denen Menschen anderen Menschen Gutes tun, und zwar unter dem Aspekt der jeweils eigenen Interessen der Gebenden. Die Verfasser der Studie und des zugrunde liegenden Papiers beziehen sich auf eine Reihe von Beispielen, die untersucht wurden, und stellten fest: Glückliche Menschen geben mehr als unglückliche Menschen. Sie stellten außerdem fest, dass diese Menschen sich, nachdem sie etwas für andere getan oder ihnen etwas geschenkt hatten, tatsächlich noch glücklicher fühlten. Das legt durchaus die Vermutung nahe, dass es sich dabei um einen Kreislauf handelt: Der Schenkende ist glücklich und möchte diese positive Grundstimmung behalten und gibt aus diesem Grund gerne, weil er spürt, dass ihn das glücklich macht. Es legt allerdings auch die Vermutung nahe, dass die Beweggründe, etwas für andere Menschen zu tun, unter Umständen nicht in der Motivation zu suchen sind, anderen eine Freude zu machen, sondern sich mit dem Geben vor allem selbst glücklich zu machen. „Altruismus“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort.“ (Zitat aus „Die Psychologie des Gebens und Schenkens…“ von Ernst Ferstl).

Verschiedene Studien belegen, dass glückliche Menschen mehr zu geben haben, mehr geben wollen, weil sie sozusagen innerlich angeheizt sind durch ihre eigene, sehr positive Glücksstimmung. Und es zeigte sich, dass Männer sehr großzügig sind, wenn das Geben für sie nicht allzu teuer wird. Bei Frauen hingegen darf es schon mal etwas mehr sein. Wenn diese Versuche beispielhaft sind, dann ist es offenbar so, dass Männer gerne geben, wenn Dinge nicht viel kosten und das eigene Einkommen wenig belasten. Frauen hingegen entscheiden sich offenbar häufiger für teurere Geschenke.

Schenken, um die eigene Reputation zu verbessern? Auch das gibt es. Und natürlich den Zusammenhang zwischen Reputation und des Geschenkwertes, bei dem beides parallel steigt, bzw. fällt. Gleichzeitig kann der Schenkende seinem sozialen Umfeld seinen Reichtum mitteilen, ohne Zahlen zu nennen. Spenden, die ebenfalls eine Form des Schenkens sind, haben positiven Einfluss auf das Prestige des Gebenden. Und die Veröffentlichung des Gebenden bringt ihm nicht nur Anerkennung, sondern verleitet ihn ggf. auch dazu, weiter und mehr zu spenden. Bedeutet das auch, dass diese Menschen ein besonderes Mitgefühl haben? Man kann hier zweifeln.

Etwas Gutes zu tun, ob nun als Geschenk oder der Bereitschaft, seine Freizeit für ein Engagement zu geben, ist eine Gesellschaftskomponente. Organisationen haben die Bedeutung erkannt und betreiben ein „Sozialmarketing“. Der Erfolg des Marketings setzt die Kenntnis des Spenderverhaltens, wie beschrieben, voraus. Das Leid der Menschen, die von der Spende profitieren sollen, wird vom Spender als unangenehm empfunden. Leid, mit dem man durch die Medien täglich konfrontiert wird und an dem kaum ein Mensch vorbeischauen kann. Es entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit. Durch eine Geld- oder Sachspende hat der Spender das Gefühl, etwas geleistet zu haben, um diesem Elend und Leid entgegenzuwirken. Er hat das tatkräftige Handeln, das ihm verwehrt ist, ersetzt und fühlt sich nach der geleisteten Spende besser. Sehr geschickt arbeitet das Sozialmarketing nicht mit Schuldgefühlen, sondern mit der Dankbarkeit der Menschen, denen es so viel besser geht, um sie zum Geben und Spenden zu motivieren.

Das Schenken und Geben unter Freunden und Verwandten unterliegt einer Besonderheit: Je näher uns ein Mensch, ein Freund ein Verwandter steht, um so mehr machen wir uns Gedanken. Es gibt aber auch Menschen, die nie etwas schenken. Wie sieht hier die Sozialbeziehung aus? Kann man davon ausgehen, dass die Person, die nie beschenkt wird, der Person, die sie nie beschenkt, vollkommen gleichgültig ist?

Was hat all das mit Freimaurerei zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Betrachten wir allerdings Vorträge und Zeichnungen als Geschenke an die Loge, an die Brüder, müssten wir auch unsere Sozial- und Freundschaftsbindung zum Nebenmann, zum Gegenüber überprüfen.

Aber ich glaube, das schenk ich mir an dieser Stelle.

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