Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Beharrlichkeit einer Hoffnung

Trauerfeier für Siegfried Lenz im Hamburger Michel (Foto: Daniel Posselt/Hamburgische Bürgerschaft)

Ein Nachruf auf Siegfried Lenz

Zweitausend Menschen waren am gestrigen Tage anwesend bei der Trauerfeier in Hamburgs Hauptkirche “Sankt Michaelis”, die die Hamburger nur den “Michel” nennen. Und noch viel mehr haben Anteil genommen am Tode eines der bekanntesten und bedeutendsten Chronisten der Nachkriegsgeneration; bedeutend nicht nur gemessen an den ungeheuren Verkaufserfolgen seiner zahlreichen Bücher, bedeutend eher, weil er als Autor und Mensch sich aufgrund seiner Bescheidenheit großer Beliebtheit bei Lesern und Weggefährten erfreute.

Unzählige Nachrufe sind bereits erschienen. Und nun noch einer der Freimaurer. Ist nicht bereits alles gesagt? Sicher, das meiste wohl, und es ist die Frage, ob dieser Nachruf den bekannten Informationen noch etwas Wesentliches hinzufügen kann. Gleichwohl gibt es Verbindungen zwischen Siegfried Lenz und den deutschen Freimaurern, die in den anderen Veröffentlichungen nicht Gegenstand waren.

(Foto: Daniel Posselt/Hamburgische Bürgerschaft)

Als einer der ersten Preisträger der seit 1966 unregelmäßig vergebenen Auszeichnungen der Deutschen Freimaurer erhielt Siegfried Lenz den Lessingring und den Literaturpreis der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland im Jahre 1970. Vor ihm waren erst Max Tau und Erich Kästner ausgezeichnet worden. Aber auch für Siegfried Lenz war es einer der ersten nennenswerten Würdigungen, denen danach, zurecht, viele folgen sollten.

Die Kombination des Lessingringes und des Literaturpreises ist eine Besonderheit, sozusagen eine gleich doppelte Auszeichnung, die es bei der Großloge nur wenige Male gegeben hat. Der Literaturpreis, heute heißt er Kulturpreis, würdigt das literarische bzw. kulturelle Wirken im Sinne des humanistischen Weltbildes der Aufklärung; aus dem Bewusstsein heraus, dass menschliches Streben insbesondere der Erforschung, aber nicht dem Besitz der Wahrheit dienen kann.

Mit dem Lessingring bekundet die Großloge ihre besondere Verbundenheit, mit der sie den Preisträger “in die Kette derer einbindet, denen Menschlichkeit und Duldsamkeit, Freiheit und Brüderlichkeit als Grundsätze ihres Strebens und Handelns gelten.”

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreußen (heute Ełk, Polen) geboren. Sein Vater war Zollbeamter, nach dessen frühem Tod zog die Mutter fort und ließ den jungen Siegfried bei den Großeltern zurück. Nach dem Notabitur 1943 wurde er zur Kriegsmarine eingezogen.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges desertierte er in Dänemark. Auf seiner Flucht geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und wurde Dolmetscher. Nach seiner Entlassung studierte in Hamburg Philosopie, Anglistik und Literaturwissenschaft, brach jedoch vorzeitig ab und begann ein Volontariat bei der Tageszeitung “Die Welt” und war dort kurze Zeit Redakteur.

1951 machte Lenz mit der Veröffentlichung seines ersten Romanes “Habichte in der Luft” als Schriftsteller auf sich aufmerksam. Vierzehn Romane und über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Reden und Rezensionen hat Lenz verfasst. Die verkaufte Auflage soll mehr als 50 Millionen Bücher betragen, etliche seiner Werke wurden, teilweise mehrfach, verfilmt.

Sein zweifellos größter Erfolg war “Deutschstunde”, in dem Lenz unkritische Pflichterfüllung als Handlanger gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausmacht, aber die menschlichen Konflikte und Zerrissenheit der Beteiligten in wunderbarer Sprache beschreibt.

 Lenz macht aber auch Hoffnung, indem er den Erzähler mitfühlend, aber konsequent nach der Wahrheit suchen lässt. “Wir sehen, dass der Roman lehrt, dass das Leben würdig, frei, mutig, wahr, zu führen sei”, so Dr. Hans Peter Johannsen 1970 in seiner Laudatio zur Verleihung des Lessingringes der Freimaurer.

Lenz galt als humorvoller, bescheidener Mensch, der nicht die große Bühne suchte, auch nicht als Schriftsteller. Es wurde ihm gelegentlich als betulich ausgelegt, wenn er betonte: „Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.“

Siegfried Lenz sagte: “Ich vertraue auf die langsame, unterwandernde, kaum messbare Qualität der Literatur und Wirkung der Literatur, die sich unter anderem darin zeigt, dass wir für bestimmte Probleme eine besondere, neue Empfindlichkeit bekommen.” Und weiter: “Ich betrachte die Literatur als ein sehr demokratisches Angebot, niemals mit einem Zwang versehen, sondern immer nur als Angebot an den anderen, der es annimmt oder zurückweist.”

Auf Freimaurer dürfte diese Aussage eine besondere Wirkung haben, denn so empfinden sie auch das Wirken ihrer Lebensweise, und hier findet man wohl eine gewisse Seelenverwandschaft zum Menschen Siegfried Lenz, der auf seine ruhige und beständige Art die Menschen mochte und respektierte, auch eingedenk ihrer Fehler und Irrtümer.

Es war Siegfried Lenz, der die angesprochene Verwandtschaft der Literatur zur Freimaurerei würdigte. Anlässlich der Preisverleihung führte er aus: “Was die Literatur mitunter braucht, ist Starrsinn, ein unentmutigter Starrsinn, der angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht aufhört, seine Fragen an die Welt zu stellen.

Ich meine, der Freimaurerbund gibt ein Beispiel dafür. Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei zeugen von der Beharrlichkeit einer Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will. Von der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit verlangen; in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern; angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden: auch dafür hat der Freimaurerbund ein Beispiel gegeben.”

Wir gedenken eines großen Menschen und Schriftstellers, der mit Standhaftigkeit und Zuversicht ein Vorbild war und bleiben wird.

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