Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

“Denken und Gefühle sind nicht Ich”

© Jorm S / Adobe Stock

Über und in der Freimaurerei wurde nicht ohne Koketterie viel über das Geheimnis diskutiert und dabei versucht u.a. das Ritual und die Symbolik verstandesmäßig zu deuten. So ist der Tempel der Humanität zentral für die masonische Arbeit und das Verfolgen der Ziele der Bruderschaft. In der Übungsstätte wird Raum geschaffen, sich vom aufdrängenden Denken und alltäglichen Dualitäten und Impulsen zu befreien.

„Der Mensch soll an sich arbeiten, sich an den Idealen der Humanität, Toleranz, Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit orientieren und nach sittlicher Vollkommenheit streben.“ So präsentiert sich manche Loge bei der Darstellung ihrer Ziele der Öffentlichkeit. Und diese hehren Ziele setzen sich Humanisten und Freimaurer und verfolgen diese auf unterschiedlichste Weise. Vor einiger Zeit erst hatte Br. Peter Doderer in einem „Zwischenruf“ in der „Humanität“ (4/2019) die Frage gestellt, was denn Freimaurerei vom Stammtisch unterscheide. Und mit eben diesen Zielen auch die Antwort gegeben und angemerkt, dass dies auch der Unterschied der Freimaurer zu Service-Clubs sei.
So wurde der Bau am Tempel der Humanität das Grundsymbol masonischer Arbeit. Und so ist der Tempel nicht nur Symbol, sondern auch tatsächlich der erste Ort freimaurerischer Praxis geworden. Dieser Ort ist ein besonderer, denn was als Tempel bezeichnet wird, ist nach Altgroßmeister Br. Jürgen Holtorf die „Übungsstätte für das schwierige Geschäft der zwischenmenschlichen Beziehungen“, eine „Übungsstätte für toleranten Umgang, eine Übungsstätte zur ethischen Höherentwicklung, eine Übungsstätte für geistige Entfaltung und zur Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Vor allem aber ist der Tempel nach Jürgen Holtorf eine „Übungsstätte zur Auseinandersetzung mit uns selbst“, also der Ort, an dem Freimaurer im geschützten Raum üben, sich zu erkennen und sich ihrer reflexhaften Impulssteuerung gewahr zu werden und dadurch im besten Falle ihr Leiden zu überwinden.

Der Lärm der Welt

Als junger Freimaurer braucht es etwas Zeit, Akzeptanz und Frieden zu finden in der Pluralität der humanistischen und weniger humanistischen Strömungen (sei es liberaler, christlicher oder evolutionärer Couleur), im windigen Getöse der Meinungen und Gegenmeinungen, der Intellekte und dem, was gemeinhin als (Hoch-)Kultur bezeichnet wird. Man benötigt auch etwas Zeit im klirrenden Lärm der Facebook-Benachrichtigungspiepserei, des Twitter-Klingelträllerns und der niedlichen Katzenvideomeldungen, um zu erkennen, welcher Schatz im Grunde in der Zusammenkunft im Tempel liegt. Und selbst an diesem Ort wartet viel Ablenkung auf einen, der die Aufmerksamkeit gewaltig binden kann: So bedarf es Übung, sich an die Anlehnungen religiöser Symbolik und die nicht immer scharf gezogenen Linien der Säkularität des Freimaurer-Rituals zu gewöhnen; sich nichts vorzumachen im Gewühle der Auslegungen und Interpretationen, mit der Vielfalt an Ideologien und des Verhaltens bis an die äußersten Pole von Altruismus oder von Gier, Neid, Hass und Anstandslosigkeit; bei all dem die Balance zu halten und einen positiven, gelasseneren Umgang innerhalb der Bruderschaft zu finden.

Das Besondere ist, dass durch die beharrliche Art und Weise der Zusammenkunft, in der ritualhaften Schleife der Wiederholung dem Profanen, dem Getöse des Alltags, zumindest für die kurze Zeit der Arbeit, Grenzen gesetzt werden. Dabei ist der Alltag nicht per se ein Problem, durch seine Komplexität und seine Anforderungen an uns wird er jedoch häufig als freiheitseinschränkend und antreibend wahrgenommen. Dies sind keine guten Voraussetzungen für den Zugang zu eigenen inneren Bedürfnissen, geschweige denn zu denen meines Gegenübers.

So ist der Tempel zumeist der Ort, in dem das Profane im besten Falle weitestgehend außen vor bleibt und plötzlich ein kognitiver Raum geschaffen wird, der es ermöglicht, den Moment bewusst wahrzunehmen. Dieser Moment wird von vielen Brüdern nicht selten als tiefe Entspannung empfunden und drückt sich bei dem einen oder anderen Bruder mitunter auch im Einschlafen aus.

Das Geheimnis königlicher Kunst

Viel zu lange wurde über das Geheimnis der Freimaurerei auch öffentlich disputiert. Und, seien wir ehrlich, hier und da haben auch Freimaurer gerne in der öffentlichen Debatte mit dem Geheimnis der Freimaurerei kokettiert. Theismus, Deismus, Pantheismus, Agnostizismus, versteckte Zeichen u.v.m. – darüber lässt sich vorzüglich spekulieren, debattieren und streiten. Nur werden wir damit der rituellen Arbeit nicht gerecht.

In seiner auch heute noch aktuellen Analyse zur Geschichte der Freimaurerei von 1965 fasst Manfred Steffens pointiert zusammen, was das Geheimnis der Freimaurerei nicht ist: Weder Ideologie noch Konfession, weder Religion noch Ersatzreligion, und auch keine Symbole, Grade, Erkennungszeichen oder irgendwelche Rituale sind das Geheimnis. Der Schlüssel zum Geheimnis der Freimaurerei liegt gerade darin, anzuerkennen, dass die Freimaurerei im Grunde genommen keinen Inhalt hat, keine Fiktion ist und keine Erzählung, sehr wohl jedoch eine Form der Humanität. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass in dem Moment der Zusammenkunft, im gemeinsamen Erleben der Brüderlichkeit in einem gemeinsamen Raum, der vom Getöse des Alltags abgeschirmt ist, das Geheimnis geschieht.

Mindfulness ist die Königliche Kunst

In der Tat ist die rituelle Arbeit Kontemplation, also ein Richten des Blickes auf uns und in uns selbst. Der Weg, die Methode der Kontemplation ist die Meditation, das Ritual. Die Wirkung, das, was das Geheimnis der erfüllten Kontemplation ist, ist das Erreichen von Achtsamkeit oder auch Gewahrsein oder Mindfulness. Mindfulness hat insofern seinen Charme als Fachterminus, da im Angelsächsischen zwischen Geist und Verstand nicht scharf unterschieden wird im Vergleich zum Deutschen und diese Unterscheidung hier zu eher unnötiger Konfusion führt. Interessant ist, dass in den südostasiatischen Sprachräumen mind, also Geist/Verstand auch synonym für Herz steht. Aus diesem Grund wird in der kontemporären Fachliteratur „mindfulness“ auch als „heartfulness“ verwendet, wenn vom bewussten Gewahrsein gesprochen wird. Achtsamkeits-basiertes oder präziser mindfulness-basiertes Leben ist der Schlüssel zum Bewältigen des Alltags.

Dieses Bei-sich-sein ist eine Kunst, die viel Übung bedarf. Achtsamkeit ist der Weg dahin und trainiert eine ganz besondere Form der Aufmerksamkeit, die aus drei Elementen besteht:

  1. Absichtsvoll: Der Wille und die Bereitschaft, sich auf sich selbst zu konzentrieren.
  2. Hier-und-Jetzt-Bezogenheit: Den gegenwärtigen Moment wahrnehmend.
  3. Urteilsfrei: Bewusst keine Wertung über richtig oder falsch treffen.

Die Verinnerlichung der Achtsamkeit führt zum Präsentsein, Dasein – und, darin liegt die besondere Kraft für soziale Wesen, letztlich zum Allsein, indem alle als Teil des Ganzen wahrgenommen werden. Durch Achtsamkeit können wir unsere eigenen Grenzen der Selbstbeschränktheit, der Kritik, der Wertung, des „meiner Meinung nach“ und der Sorgen verlassen und damit einen Zugang zur Akzeptanz des fehlbaren Menschseins finden. Wenn Achtsamkeit/Mindfulness verinnerlicht wird, wird ein Zugang zu Toleranz und Menschenliebe eröffnet. Mehr noch, der Zugang zum Allsein ist der Moment, in dem ich jedem Bruder, jedem Menschen, jedem Lebewesen so nahestehe, dass nichts Trennendes mehr zwischen uns ist. Beruhigend für vielleicht skeptische oder weniger Aufgeschlossene ist an dieser Übung, dass es sich nicht um Esoterik handelt, sondern um eine Praxis aufgeklärter, wissenschaftlich und klinisch fundierter Methodik wie der Meditation. Diese Methodik hat mittlerweile sogar Eingang in die Politik des britischen Unterhauses in Form eines achtwöchigen Mindfulness-Programms gefunden. Man kann also sagen, dass in der guten Bauhütte mindfulness-basiertes Leben im Ritual trainiert wird.

Der zweite Aufseher antwortet auf die Frage des Meisters, ob wir dem Ziel nähergekommen sind, mit: „Wir haben uns bemüht. Die Brüder fühlen sich gestärkt und kehren ruhig und sicher zu den Pflichten des Alltags zurück.“
Die wahre Königliche Kunst liegt nun darin, das Gelernte in den Alltag zu transformieren. Was macht Achtsamkeit mit uns im Alltag und in der Berufswelt? Mindfulness-basiertes Leben macht uns:

  1. Aufmerksam für die Not in uns und bei anderen, es eröffnet empathisches Mitgefühl, nicht Mitleid.
  2. Positiv, akzeptierend und gelassen in Diskussion: Wir lassen zu, wir urteilen nicht (zumindest nicht sofort) und sind somit emotional balanciert.
  3. Offen für Veränderungen und Begegnungen mit anderen, die zur Kooperation führt.
  4. Resilient, d.h. es hilft, die Komplexität des Alltags anzunehmen.

Und: Mindfulness-basiertes Leben harmonisiert die Gedanken im Kopf und lässt unseren Geist mit unserem Körper verbinden.

Mindfulness und der Moment bewussten Gewahrseins

Aber was macht diese Kontemplation so schwer? Warum brauchen wir ein Ritual, um Achtsamkeit zu üben?

Ein jeder von uns wird ständig durch externe Reize gestört, und gestört von dem Wirrwarr des eigenen Gedankenstromes. Denn der Fluss der Gedanken kann in gedankenloses Denken und letztlich zu unendlichem Leid führen. Gedanken bewegen sich häufig konzentrisch. Und das dauernd, permanent. Bei dem einen ist es ein schon vergangenes Ereignis, bei dem anderen konzentrieren sich die Gedanken auf Zukünftiges, häufig gepaart mit Sorgen über das, was demnächst ansteht oder was kürzlich geschehen ist und eventuell noch kommen kann. Seltsamerweise kreisen die Gedanken, kreist das Denken, nicht wirklich um den Moment des Hier und Jetzt.

Unsere Gedanken erwecken in uns den Anschein, dass wir durch intensives Denken, durch Anstrengung unseres Intellekts unseren Zustand ändern könnten und sie lassen uns so vor lauter Wollen das Sein vernachlässigen. Allerdings spielt sich jedoch das Leben genau hier im Jetzt, im Sein ab, und nicht im Gestern und nicht im Morgen. Denken ist in unserer Gesellschaftsform zum Dogma erhoben und mit diesem Dogma der Dualismus zur Realität erklärt worden. Dieser Dualismus entkoppelt uns zusehends von unserer sinnlichen Erfahrungswelt und letztlich von unserem eigenen Körper. Unsere Gedanken haben uns so fest im Griff, dass wir beinahe glauben, dass wir das Denken seien. Wir sind Denken. Ich denke, also bin ich? Würde dieser vielzitierte erste Grundsatz des Philosophen René Descartes wirklich stimmen, wäre im Umkehrschluss das Ich „nur“ ein Gedanke?

In Wirklichkeit hilft es, sich von diesem selbstbezogenen Dualismus zu befreien, zu glauben, dass Denken identisch sei mit dem, was wir als Ich bezeichnen. Denken ist in neurowissenschaftlicher Sichtweise genau genommen nur ein weiterer Sinneseindruck, wenn auch ein enorm einflussreicher, aber auch leiderzeugender. So wie Sehen, Hören, Schmecken, Empfinden und Riechen ist Denken ein Eindruck, verursacht durch unsere Sinne (und weitgehend neuronal unverstandene Prozesse). So wie auch Fühlen nur ein weiterer Sinneseindruck ist. Allerdings ist ein Sinneseindruck nicht gleichbedeutend mit dem Ich. Sinne sind nur jeweils Qualitäten, die meinem Ich zuteil geworden sind und bestenfalls helfen, die Realität zu erfassen. Und so verhält es sich mit dem Denken. Denken ist nur ein Sinneseindruck wie das Hören des Straßenlärms, der von draußen gerade in den Tempel dringt. Wenn Denken nicht Ich ist, fällt es mir vielleicht auch leichter, mich von den Gedanken nicht ablenken zu lassen. Und damit, bei mir zu sein. Bei mir zu sein bedeutet Hier-Sein in genau diesem Moment. Hinter den Gedanken und Gefühlen und all den Sinneseindrücken ist genau der Ort, an dem man sich wahrlich begegnet. Das ist der Moment des bewussten Gewahrseins.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 1-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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