Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Der konzeptuelle Mythos in der Freimaurerei

Auf die Frage eines Teilnehmers in einer vom Autor moderierten Diskussionsrunde, ob es denn eine absolute Wahrheit wäre, was der Referent da erzählt, antwortete dieser sinngemäß: „Wir wissen heute, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Das ist erwiesen.“ Zunächst war spannend zu erleben, dass offensichtlich nur wenigen der Widerspruch aufzufallen schien. Dieser Widerspruch ist scheinbar in heutigen Debatten so selbstverständlich geworden, dass er wohl als solcher überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird.

Gelesen von Hasso Henke

Fotos: © jackmac34 / pixabay.com | spaxlax / Adobe Stock

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Vor kurzem durfte ich eine Diskussionsrunde moderieren. Auf die Frage eines Teilnehmers, ob es denn eine absolute Wahrheit wäre, was der Referent da erzählt, antwortete dieser sinngemäß: „Wir wissen heute, dass es keine absolute
Wahrheit gibt. Das ist erwiesen.“

Zunächst war spannend zu erleben, dass offensichtlich nur wenigen der Widerspruch aufzufallen schien. Dieser Widerspruch ist scheinbar in heutigen Debatten so selbstverständlich geworden, dass er wohl als solcher überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird. Dabei führte bereits Aristoteles das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs in die Redekunst ein:

“Doch das sicherste Prinzip von allen ist das, bei dem eine Täuschung unmöglich ist […] Welches das aber ist, wollen wir nun angeben: Denn es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. […] Doch wir haben eben angenommen, es sei unmöglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei.“ (Aristoteles, Metaphysik, 1005b)

Gandhi wird das Zitat zugeschrieben: „Die Geschichte lehrt die Menschen, daß die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Ob er von der Widersprüchlichkeit seiner Aussage wusste? Neben der widersprüchlichen Aussage als solcher, fällt aber auch auf, dass es offensichtlich ein großes Interesse an der Wahrheit gibt. Aber was ist die Wahrheit? Die wohl grundlegendste aller philosophischen Fragestellungen ist interessanterweise nicht mit einem oder mehreren bestimmten Philosophen verbunden, sondern mit einem Politiker bzw. einem politischen Akteur: Pontius Pilatus. Aus heutiger Sicht und auch mit Verweis auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie.

Was ist die Wahrheit?

Nun versuchen sich bereits seit mehr als 2000 Jahren zahlreiche Philosophen daran, die Wahrheit zu finden. Man könnte also geneigt sein, die These zu formulieren: Die Wahrheit ist unauffindbar, also ist die weitere Suche danach auch sinnlos. Aus einem zeitgenössischen, ökonomischen Blickwinkel heraus ist die These jedoch nicht aufrecht zu erhalten. Es gibt die Wahrheit, es gibt sogar mehrere. Letztlich ist für jeden eine Wahrheit da. Es gibt einen Markt für Wahrheiten, auf dem ein Überangebot unterschiedlichster Wahrheitsarten herrscht: religiöse, wirtschaftliche, philosophische, gesellschaftliche und auch politische Wahrheiten. Ökonomen würden den Markt als gesättigt bezeichnen. Wahrheitskonsumenten müssen also ähnlich effizient vorgehen, wie bei allen anderen Warenangeboten auch. Sie wählen aus einigen Angeboten das für sie passende aus. Und wenn sie dann auch noch andere daran teilhaben lassen möchten, ergeht es ihnen ähnlich wie dem Wahrheitssuchenden im Höhlengleichnis. Man wird ungläubig angeschaut, vielleicht sogar als Verschwörungstheoretiker oder als Phobist betitelt.

Wir sollten uns aber immer wieder klarmachen, dass wir mit Begriffen nicht das Wesen von Dingen erfassen, sondern – wie Nietzsche es ausdrückt – „die Relationen der Dinge zu den Menschen“. Nietzsche spricht hier und in seiner berühmten kurzen Abhandlung „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ von Metaphern. Dort lesen wir:

„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“

Nicht die Wahrheit ist das Problem, sondern warum Menschen ihr nachjagen, obgleich sie selbst nicht daran glauben, dass ihr etwas entsprechen könnte. Denn oft ist ihre Wahrheit kaum etwas anderes als das Resultat von Rechthabenwollen. Dogmatisch handelnde Personen halten ihre Wahrheit für die einzige Wahrheit und reduzieren nun alle anderen Personen auf diese eine, nämlich ihre eigene Vorstellung. Und schon immer gab es Menschen, die versuchten, ihre Wahrheit durch Berufung auf höhere Ziele mit absoluter Gewalt durchzusetzen.

Es ist aber auch ein Ausdruck der Philosophie Nietzsches, dass wir sagen können: Es gibt keine Wahrheit. Und wie Sie alle sofort bemerkt haben, ist er hier wieder, der Widerspruch, von dem ich zu Anfang gesprochen habe. Denn jemand, der sagt, es gibt keine Wahrheit, hält diesen Satz für wahr. Die Wahrheit über die Wahrheit besteht darin, dass wir sie für wahr halten, selbst wenn sie falsch ist. Was wir lernen müssen, ist die Fähigkeit, es auszuhalten, dass unsere Wahrheiten nicht immer halten, was sie versprechen; dass wir gelassen bleiben, wenn sich das, was wir für wahr halten, als falsch ausweisen wird. Wir haben mit unseren Wahrheiten stets nur subjektive Metaphern
der Dinge gebildet und nicht etwa das Wesen der Dinge an sich erreicht. Das Wesen der Dinge ist ein ähnliches Zauberwort wie das Wort Wahrheit. Das Wesen scheint etwas zu sein, was unbezweifelbar sein müsse. Aber tatsächlich wissen wir nichts von einem Wesen der Dinge, wir wissen nur etwas davon, wie uns Dinge erscheinen. Und wieder ist dies zumeist etwas sehr Subjektives.

„Ich will indessen so deutlich sprechen als möglich“

Wenn Nietzsche die Wahrheit in das Reich der Metaphern rückt, dann macht er Ernst mit der Lehre Kants und Schopenhauers. Deren Erkenntnistheorie, dass wir nur mit Bewusstsein erkennen können, was wir selbst konstruiert haben, hatte bereits den frommen Glauben an die Wahrheit demoliert. Diese Zerstörung der Wahrheit hatte Heinrich von Kleist in eine tiefe Depression gestürzt, von der er sich nicht wieder erholte. An seine Verlobte Wilhelmine von Zenge schrieb er am 22. März 1801 einen verzweifelten Brief, in dem es lautete:

„… Ich hatte schon als Knabe (mich dünkt am Rhein durch eine Schrift von Wieland) mir den Gedanken angeeignet, daß die Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung wäre. Ich glaubte, daß wir einst nach dem Tode von der Stufe der Vervollkommnung, die wir auf diesem Sterne erreichten, auf einem andern weiter fortschreiten würden, und daß wir den Schatz von Wahrheiten, den wir hier sammelten, auch dort einst brauchen könnten. Aus diesen Gedanken bildete sich so nach und nach eine eigne Religion, und das Bestreben, nie auf einen Augenblick hienieden still zu stehen, und immer unaufhörlich einem höheren Grade von Bildung entgegenzuschreiten, ward bald das einzige Prinzip meiner Tätigkeit. Bildung schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist. – Ich weiß nicht, liebe Wilhelmine, ob Du diese zwei Gedanken: Wahrheit und Bildung, mit einer solchen Heiligkeit denken kannst, als ich – das freilich, würde doch nötig sein, wenn Du den Verfolg dieser Geschichte meiner Seele verstehen willst. Mir waren sie so heilig, daß ich diesen beiden Zwecken, Wahrheit zu sammeln, und Bildung mir zu erwerben, die kostbarsten Opfer brachte – Du kennst sie. – Doch ich muß mich kurz fassen. Vor kurzem ward ich mit der neueren sogenannten Kantischen Philosophie bekannt – und Dir muß ich jetzt daraus einen Gedanken
mitteilen, indem ich nicht fürchten darf, daß er Dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird, als mich. Auch kennst Du das Ganze nicht hinlänglich, um sein Interesse vollständig zu begreifen. Ich will indessen so deutlich sprechen, als möglich.“

Mythen verschwinden nicht durch Wahrheit

Wir haben uns heute kaum besser daran gewöhnt, dass das, was wir Wahrheit nennen, letzten Endes nur eine sprachliche Konvention ist. Es wäre damit illusorisch zu glauben, dass man mit Sprache die Welt korrekt abbilden könnte. Philosophen haben versucht, mit Hilfskonstruktionen etwas von der Wahrheit zu retten und sind auf die Idee einer Philosophie des Als-Ob gestoßen. Der Kantianer Hans Vaihinger hat sie vor gut hundert Jahren ausgearbeitet. Er stellt bereits in seiner Philosophie des Als-Ob fest:

„Man muß hierbei sich daran erinnern, daß die ganze Vorstellungswelt in ihrer Gesamtheit nicht die Bestimmung hat, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein – es ist dies eine ganz unmögliche Aufgabe – sondern ein Instrument, um sich leichter in derselben zu orientieren.“

Aber Philosophen – ausgenommen Artisten wie Friedrich Nietzsche, denen die Artes, die Künste, eine Erkenntnis transportieren können – haben eine wichtige Grundlage unserer Erkenntnisse übersehen. Nur wo sich Erkenntnistheorie mythischer Erfahrung und deren Ausdruck zuwenden konnte, hat sie eine kaum erschlossene Quelle für Wahrheit auch rational zugänglich gemacht. Odo Marquard beispielsweise ist der festen Überzeugung, dass Menschen ohne Mythen überhaupt nicht leben könnten. Mythen sind, so Marquard, immer Geschichten. Und Menschen sind immer und irgendwie „in Geschichten verstrickt“. So verwundert es auch nicht, dass er es als einen Irrtum ansieht, wenn man glaubt, dass dort, wo die Wahrheit auftritt, der Mythos verschwindet. Mythen „sind eben keine Vorstufen und Prothesen der Wahrheit [… ]“. Es ist „die Kunst, die (nicht etwa fehlende, sondern) vorhandene Wahrheit in die Reichweite unserer Lebensbegabung zu bringen.“ Dennoch übt auch er Mythenkritik und bringt diese mit seiner These: „Bekömmlich ist Polymythie, schädlich ist Monomythie“ auf den Punkt. Und liefert auch gleich ein konkretes Beispiel dazu. So formuliert er in seinem „Lob des Polytheismus“:

„Von dieser monomythischen Art ist der erfolgreichste Mythos der modernen Welt: der Mythos des unaufhaltsamen weltgeschichtlichen Fortschritts zur Freiheit in Gestalt der Geschichtsphilosophie der revolutionären Emanzipation.“

Es fällt schwer, den Begriff des Mythos in eine wissenschaftlich eindeutige Definition zu pressen. Eine dennoch passende Definition findet sich im Handbuch der Mythologie. Christoph Jamme und Stefan Matuschek formulieren dort: „Mythen sind historisch nicht überprüfbare oder durch ihren fantastischen Charakter wunderbare Erzählungen, die dennoch als Erklärungen, Deutungen oder Sinnstiftungen funktionieren.“ Der Mythos hat verschiedene Eigenarten, die uns nachdenklichmachen lassen. Zunächst einmal fällt auf, dass wir nicht wissen, wer der Autor von Mythen ist. Wir wissen zwar manchmal, wer sie überliefert hat, also etwa, dass Homer vom sagenhaften Troja und vom Supermann Odysseus schreibt. Aber Homer kannte die Geschichten, die er überlieferte, auch nur vom Hörensagen.

Mythos und Aufklärung

Mythen haben keinen Autor, nur eine Überlieferungsgeschichte. Keiner kann die Urheberrechte auf einen Mythos beanspruchen. Mythen sind der Allgemeinbesitz einer Kultur. In ihnen spricht sich etwas aus, was Menschen bewegt. Aber Mythen sprechen nicht explizit aus, was sie meinen – der Mythos um König Ödipus handelt zwar vom Inzesttabu, aber davon ist im Mythos selbst nicht die Rede. Deutlicher noch spüren wir dies bei Märchen, wie sie uns die Hanauer Brüder Wilhelm und Jakob Grimm gesammelt haben. Was Menschen bewegte, was ihnen peinlich, lustvoll, beängstigend oder ersehnt war, das tritt im Märchen symbolisch in Erscheinung. Symbole sind nicht willkürlich erfunden, vielmehr scheinen sie eine analogische Kraft zu haben. Wo Griechen von Poseidon, dem Meergott, sprachen, haben sie einer menschenähnlichen Göttergestalt Eigenschaften des Meeres angedichtet. Wenn Germanenstämme zu einem Donnergott beteten, hatten sie einer Göttergestalt Eigenschaften des Donners angedichtet. Und so weiter.

Die Symbole erscheinen als der uneigentliche Ausdruck von etwas, das aus der Erfahrung schon irgendwie vertraut ist. In dieser Analogie – also nicht einer formalen oder rationalen Logik, sondern in einer Analogik – liegt offenbar der Ursprung dessen, was wir Wahrheit nennen. „Schon der Mythos ist Aufklärung und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“, so lautet die These in der Dialektik der Aufklärung. Adorno und Horkheimer identifizieren das Gemeinsame
von Mythos und Aufklärung in ihrer Zielsetzung, die Natur zu beherrschen.

„Die Mythen, wie sie die Tragiker vorfanden, stehen schon im Zeichen jener Disziplin und Macht, die Bacon als das Ziel verherrlicht. An die Stelle der lokalen Geister und Dämonen war der Himmel und seine Hierarchie getreten, an die Stelle der Beschwörungspraktiken des Zauberers und Stammes das wohl abgestufte Opfer und die durch Befehl vermittelte Arbeit von Unfreien. […] Ohne Rücksicht auf die Unterschiede wird die Welt dem Menschen untertan.“

Aufklärerisches Denken, welches nun diese Herrschaftsstrukturen mit der alleinigen Zielsetzung der Naturbeherrschung nicht reflektiert, lässt diese Herrschaftsstruktur als eine Art Naturordnung bestehen. Adorno und Horkheimer führen dazu aus:

„Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden, automatischen Prozeß, der Maschine nacheifernd, die er selber hervorbringt, damit sie ihn schließlich ersetzen kann. […] Die mathematische Verfahrungsweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens. […] sie macht das Denken zur Sache, zum Werkzeug, wie sie es selber nennt. Mit solcher Mimesis aber, in der das Denken der Welt sich gleichmacht, ist nun das Tatsächliche so sehr zum Einzigen
geworden, daß noch die Gottesleugnung dem Urteil über die Metaphysik verfällt. Dem Positivismus, der das Richteramt der aufgeklärten Vernunft antrat, gilt in intelligible Welten auszuschweifen nicht mehr bloß als verboten, sondern als sinnloses Geplapper.“

Freimaurer als Retter von Mythen

Damit ist die Aufklärung zurückgeschlagen in den Mythos. Während beim Mythos am Ende das unabänderlich Hinzunehmende das göttliche Schicksal war, ist es beim Logos nunmehr die Naturgesetzlichkeit. Lakoff/Johnson liefern uns mit ihrer Idee der konzeptuellen Metapher eine Möglichkeit, Wirklichkeit zu beschreiben, ohne dabei dogmatische Voraussetzungen und metaphysische Annahmen zu treffen. Denn diese Idee bedient sich nicht einer klassischen Theorie der Wahrheit, wo man also sagen müsste, Wahrheit ist die Übereinstimmung von Urteil und Sachverhalt oder Wahrheit ist der Konsens verschiedener Meinungen oder, oder. Ganz im Gegenteil, dieses Konzept kommt gänzlich ohne Wahrheitstheorie aus. Basis dieser Idee bildet die Einsicht, dass wir beim Denken, Sprechen und Handeln immer Bilder erzeugen und damit automatisch eine Kategorie der Wirklichkeit hervorheben, damit aber immer auch eine andere Kategorie gerade ausblenden. Wir sind also angekommen bei dem, was Nietzsche als Metapher beschrieb.

So funktioniert unsere Weltwahrnehmung. Welche Kategorie nun die wahre ist, ist im Grunde irrelevant. Wenn wir verstehen wollen, was wirklich ist, müssen wir also so viele Kategorien wie möglich wahrnehmen. Wir müssen uns immer bewusst machen, was wir eben auch gerade ausblenden, wenn wir reden. Und genau das tun wir bei unseren Symbolen und unseren Ritualen. Auch wir Freimaurer retten die Mythen, indem wir sie aufgreifen, den Mythos von Isis und Osiris, den Mythos von Tubalkain, den Mythos vom Salomonischen Tempel, die Hiramlegende und, und, und. Aber in der Freimaurerei passiert etwas Einzigartiges mit den Mythen. Freimaurer setzen die jeweilige Geschichte (Mythos) in einen feierlichen Rahmen und richten damit die gesamte Aufmerksamkeit auf eben diese Geschichte. Dadurch wird sie nicht zu einer abstrakten Erzählung, sondern für einen Moment zu einer Lebensbeschreibung der eigenen Gruppe. Gleichzeitig aber stehen alle Handlungen, Aussagen und Symbole in dieser feierlichen Atmosphäre in einem rein symbolischen Kontext. Dadurch laden die Freimaurer den alten Mythos mit neuer Bedeutung auf, d. h. aber nicht, dass sie die alte Bedeutung erneuern, sondern sie geben ihm eine neue Bedeutung. Wir erzählen die Geschichte Hirams einerseits so, als sei sie eine historische Tatsache, während sie aber gleichzeitig in einer Symbolform auftritt, innerhalb derer nichts als eine historische Tatsache gewertet werden kann. Jeder Teilnehmer am freimaurerischen Ritual wird durch den feierlichen Rahmen in ein bestimmtes Klima getaucht, während er gleichzeitig innerhalb dieses Klimas größtmögliche Freiheit hat, seine eigene Bedeutung in die Geschichte zu legen. Das Allgemeine am Beispiel der Hiramlegende bleibt das starre Gerüst eines Primus inter pares, der sich der Missgunst anderer ausgesetzt sah.
Aber nichts ermuntert im freimaurerischen Ritual dazu, eine einzige Auslegung als die ewig gültige Wahrheit eines historischen Ereignisses festzuschreiben.

Aus den Fängen dogmatischen Denkens befreien

Indem Freimaurer durch die rituelle Arbeit Mythen zum Leben erwecken, ohne ihre ursprüngliche Bedeutung festzuschreiben, wenden sie die Aufklärung mit aufklärerischem Anspruch gegen sich selbst, denn der Mythos wird nicht rational interpretiert, sondern erscheint im neuen Kontext in einer neuen Bedeutung. Jürgen Habermas hat einmal von der „Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen“ geschrieben. Freimaurer haben sich des Themas oft angenommen, ohne sich auf Habermas zu beziehen. Das war auch nicht nötig, denn Freimaurer haben ihre Kritik an einer dogmatischen Vernunft von vornherein nach diesem Muster konzipiert. Habermas nannte das Format, in dem diese Einheit hergestellt wird, „Diskursethik“. Freimaurer nennen es Tempelarbeit.

In beiden Fällen geht es darum, dass abgebaut wird, was nicht zum Aufbau einer sozialen Gemeinschaft beiträgt. Ein anderer, der sich sehr früh schon geäußert hatte, war Karl Raimund Popper. Sein wichtigstes Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ fasst Strukturen zusammen, in denen Offenheit ausgeschlossen wird. Die wichtigste Struktur nennt er Essentialismus, also das Denken, das meint, es hätte das Wesen einer Sache ausgesprochen – etwa
des Menschen. Stattdessen empfiehlt er nominalistisches Denken, also die Übung, zu verstehen, dass wir immer nur Worte auf Sachen oder Gedanken kleben. Vor allem warnte er davor, dass wir die Zukunft vorhersagen könnten, wenn wir das Wesen der Geschichte oder des Guten in der Ethik erfasst zu haben meinen.

Freimaurer haben mit Ihren Symbolen und ihrem konzeptuellen Umgang mit ihnen ein wirkmächtiges Instrument an Hand, sich nicht in die Fänge dogmatischen Denkens zu begeben, sondern mit der Metapher des Salomonischen Tempels als Sinnbild einer offenen Gesellschaft auch folgerichtig offenes Denken einzufordern.

Dieser Text wurde als Vortrag auf der 66. Jahrestagung der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati e. V. am 8. Juli 2017 in Hanau-Wilhelmsbad verfasst. Der Autor, Br. Thomas Forwe, ist Vorsitzender und Meister
der Forschungsloge Quatuor Coronati. Die zirka 1.500 Mitglieder der QC erhalten die Zeitschrift „TAU“, das QC-Jahrbuch sowie diverse Sonderveröffentlichungen und Jahresgaben kostenlos. QC veranstaltet jährlich zwei Arbeitstagungen in Frankfurt und Hannover sowie eine Jahrestagung an wechselnden Orten. Die Forschungsgesellschaft bildet das wichtigste deutschsprachige Netzwerk zur Freimaurerforschung. Weitere Informationen zu den Inhalten und zur Mitgliedschaft unter www.quatuor-coronati.

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Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2017 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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