Die “Bauhüttensonate” wurde in Dessau uraufgeführt

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Die Mitwirkenden der „Bauhaus-Sonate“ (v.l.n.r.): Frank Richter, Thomas Bierling, Gabrielle Heidelberger, Cornelius Rinne, Jens Oberheide (Foto: Bastian Salier)

Am 5. Oktober 2019, fand in Dessau eine viel beachtete Uraufführung statt: Die „Bauhütten-Sonate“ setzte im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ einen höchst eigenwilligen, tiefgründigen kammermusikalischen Markstein.

Die ausverkaufte öffentliche Abendveranstaltung rief ein großes Echo auch in der regionalen Presse hervor. Altgroßmeister Jens Oberheide, allseits bekannt auch durch sein hartnäckiges Recherchieren von historischen Zusammenhängen mit masonischem Bezug, untersuchte akribisch, inwieweit sich Bauhäusler und Freimaurer – unabhängig voneinander – von den Grundgedanken der alten Bauhütten inspirieren ließen. Und in der Tat, er wurde fündig, entdeckte etliche Querverbindungen aus Zitaten von Walter Gropius und anderen Bauhaus-Lehrmeistern zum Wertekanon der Freimaurerei als „geistig gleichgesinnte Werkleute …“ (Gropius). Für Jens Oberheide war das der kreative Ansporn, seine Erkenntnisse in eine „symbolspielerische Collage vom Bauen und Denken“ zu verdichten. Der Autor und Dramaturg gewann für sein Bühnenprojekt Mitwirkende aus dem Kreise von PEGASUS, dem freimaurerischen Verein für Kunst und Kommunikation: Thomas Bierling (Komposition und Musik), Gabrielle Heidelberger (Gesang), Cornelius Rinne (Illustration) und Jens Oberheide (Moderation/Rezitation).

Die Uraufführung der Sonate fand im Dessauer „Kornhaus“ statt, einem original im Bauhausstil erhaltenen Gebäude mit einer kleinen Theaterbühne, in dem die Bauhäusler eigene Bühnenbearbeitungen aufführten – welch ein symbolträchtiger Zusammenhang!
Zunächst erläuterte Jens Oberheide dem Publikum seine Grundgedanken zur „Bauhütten-Sonate“, die Symbole aus der Welt des Bauens vertont, gezeichnet und mit „ethisch-praktischem Doppelsinn“ darstellt. Er führte das Auditorium in die historische Entwicklung einer Hütte (engl. lodge, franz. loge) bzw. Bauhütte ein. Im Verlauf seiner Moderation und Rezitation benannte er aus dem Bereich des Bauens Begriffe wie Bleiwaage, Fundament, Maß und Zahl sowie 24-zölliger Maßstab und zitierte den Bauhäusler Oskar Schlemmer: „Architektur ist edelste Baukunst.“ Er verwies außerdem auf die architektonische Formel von Shaftesbury aus dem 17. Jahrhundert: „Wisdom – Strength – Beauty“ (Weisheit – Stärke – Schönheit), sowie auf weitere Bausymbole, die über den direkten handwerklichen Bezug hinaus Ausdruck entsprechender Sinnbilder für menschliche Befindlichkeiten und Lebensformen in einer Baugemeinschaft als Manifestation von hoher Handwerkskultur und ethisch-sozialer Hinwendung waren, ebenfalls ganz im Sinne des Bauhäuslers Gropius: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“

Die beziehungsreichen Textsequenzen fanden ihre virtuose Interpretation durch die Kompositionen von Thomas Bierling als spritzige Chansons und Couplets, Jazz-Stücke und mitreißendem Swing, bis hin zu Zwölfton-Elementen in Anspielung auf die musikalischen Experimente des Bauhauses. Als kongeniale Partnerin überzeugte die temperamentvolle Sopranistin Gabrielle Heidelberger mit unverhohlener Leidenschaft und zog den Saal in ihren Bann. Texte aus der alten Kölner Bauhütten-Ordnung, Verse von Ringelnatz und Morgenstern, Bauhaus-Zitate ihrer Lehrmeister und Erläuterungen des Altgroßmeisters Jens Oberheide schossen wie ein musikalisches Feuerwerk ins begeisterte Publikum.

Währenddessen stand der PEGASUS-Vorsitzende Cornelius Rinne vor seinem Reißbrett und zeichnete in treffsicheren Strichen die Bausymbole aufs großformatige Papier, um Gedanken und Worte, Gesungenes und Konzertiertes für alle „sichtbar“ zu machen. Für diese Vielfalt der Ausdrucksformen mag ein weiteres Zitat von Walter Gropius stehen, der im Bau „… die Auseinandersetzung zwischen den gestalterischen Möglichkeiten von Mensch und Raum“ sah.

Am Ende der Aufführung betrat Oberbürgermeister a. D. Klemens Koschig die Bühne. Er dankte im Namen der Stadt Dessau für die gelungene „Bauhaus-Sonate“ und hob die enge Verbindung zur Freimaurerei hervor, die ihren Ausdruck 2012 mit der Uraufführung des Bühnenstücks „Mein lieber Moses …“ im Bauhaus-Theater erfuhr und seither intensiv weiter gepflegt worden ist. Er beglückwünschte die Dessauer Loge „Zu den drei Säulen“ auch zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Wiedergründung. Dieses Jubiläum wurde am darauffolgenden Tag mit einer Festarbeit unter der Leitung des Meisters vom Stuhl, Uwe Dorand, und anschließender Tafelloge gefeiert.

Nach der Aufführung war die Abendgesellschaft zu einem Buffet geladen. Mit angeregten Gesprächen fand die „Bauhaus-Sonate“ somit einen überaus angenehmen Ausklang. Man kann nur jeder Bauhütte empfehlen, weitere Aufführungen dieser Sonate zu ermöglichen, denn sie ist ein absolutes Highlight an freimaurerischer Öffentlichkeitsarbeit – von intelligentem Witz und mitreißender Kraft. So konnte der Besucher nach diesem Abend viele Bausteine nach Hause tragen, auch wenn es nicht für ein ganzes Bauhaus reichen mag, so waren es dennoch mehr als genug.