Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Die Bruderkette 2.0

Foto: © peshkova / Adobe Stock

Der Juli 2020 hat uns erreicht und an allen Fronten der Pandemie ist in unserem Land die leicht bröckelnde Schutzhaltung zu erkennen. Die ersten Logen treffen sich und die ersten Logen beginnen auch wieder zu arbeiten. Was die Einen gut nennen ist für Andere eine Gefahr.

Ein Kommentar von

Marcus Schmitz

Doch ich will mich nicht hier an den täglichen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit eines Lockdowns oder einer Lockerung beteiligen. Vielmehr gilt mein kurzer Blick einem kurzen Zwischenergebnis im brüderlichen Alltag. Bereits mehrfach ist nun im Newsletter oder auch in der freimaurerischen Zeitschrift “Humanität” über die Videokonferenzen geschrieben worden. Vorteile und Nachteile sind sorgsam abgewogen worden. Auch die ersten positiven Berichte und Ergebnisse liegen vor und ich würde gerne aus der Praxis heraus ein wenig berichten wollen.

Als eine der ersten Hürden galt es die technische Herausforderung anzunehmen, die Brüder an diese Art der Technologie heranzuführen. Dabei galt es nicht nur, die unterschiedlichen Hardware-Plattformen, sondern auch die richtige Software für die regelmäßige Nutzung zu finden. Da sich nun in den meisten Logen bereits Technik affine Brüder finden, konnte hier recht schnell eine Lösung definiert werden. Der wöchentlichen digitalen Zusammenkunft stand nichts mehr im Weg. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass sich gerade für die Generation 60+ eine Herausforderung ergab. Sei es, dass technische Voraussetzungen fehlten, sei es, dass sich die Brüder schlichtweg dem Medium nicht öffnen wollten, sei es, dass die Komplexität im Missverhältnis zu deren Wunsch stand, „sich das noch alles antun zu wollen“. So ergibt sich ein weiterer Aspekt, der anfänglich vollkommen unterschätzt wurde, sich aber während des Lockdowns als Segen erwies. Die parallele Option, sich per Telefon in eine Videokonferenz einzuwählen. Diese Option erwies sich schon nach wenigen Tagen als eine echte Bereicherung, denn sie eröffnete nicht nur die Teilnahme der noch fehlenden 60+ Brüder, sondern auch die erstmalige Möglichkeit, die Brüder wieder zu erreichen, die zuvor aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen nicht mehr regelmäßig an Logenabenden haben teilnehmen können. Mit anderen Worten, wir konnten digitale Logenabende gemeinsam gestalten, bei denen sich auch Brüder beteiligen konnten, die wir schon lange nicht mehr gesehen und gehört hatten. Was für ein Erfolg! Der damit einhergehende Effekt war die erneute Anbindung dieser Brüder an das wöchentliche Logenleben und der Profit der zuvor „aktiven“ Brüder, weitere Stimmen, Meinungen und Erfahrungen zu erhalten.

Aus diesem Erfolg ergibt sich eine grundsätzliche Überlegung für die Handhabung von brüderlichen Abenden für die Zukunft. Richtig gefragt wurde schon an anderer Stelle, ob wir dann in einer Zeit „BC Corona“ oder „AD Corona“ sein werden. Anders ausgedrückt erscheint die Frage, wenn solche technischen Möglichkeiten existieren, warum eröffnen wir den Brüdern, die nicht regelmäßig zu den Bruder Abenden kommen konnten, nicht auch in der Zukunft diese Möglichkeit, auch wenn Corona und der Lockdown Geschichte sein werden? Natürlich ist es richtig, dass eine technische Teilnahme niemals die Bruderkette ersetzen wird. Dennoch ist die Fragestellung berechtigt, denn die Realisierung ist möglich.

Aus diesem theoretischen Gedankenkonstrukt ergibt sich eine schleichend entstehende Erwartungshaltung. Denn der Beweis, dass Brüder auch digital teilnehmen können, wurde erbracht. Selbstredend wird es niemals anwendbar sein auf Tempelarbeiten (Anwesenheit obligatorisch), oder auch auf die Bruderabende mit sensitiven Themen. Doch noch einmal in aller Deutlichkeit: Brüder, denen die regelmäßige Teilnahme an Bruderabenden aus bestimmten Gründen verwehrt war und ist, dürfen eine Erwartungshaltung entwickeln, die sich in einer Bruderkette 2.0 manifestieren kann. Darüber werden in den nächsten Wochen und Monaten mit Sicherheit viele Gespräche geführt werden, denn unser Beispiel in unserer Loge wird nur exemplarisch für viele andere Logen sein. So sollten viele Aspekte noch besprochen und Regularien definiert werden und es können noch viele ambitionierte Forderungen gestellt werden, doch eines ist gewiss: AD Corona hat der Freimaurerei einen technischen Sprung verschafft, der ohne diese schreckliche Pandemie so nicht stattgefunden hätte. Die Anforderungen an die Großloge und die Aktualisierung der Freimaurerischen Ordnung haben sich neu definiert.

Bevor dies jedoch alles seinen Weg und Platz in unsere Bruderschaft findet, sind wir Logen aufgefordert behutsam mit den neuen Entwicklungen umzugehen. Meines Erachtens ist es wichtig, keine falschen Hoffnungen zu wecken und einer Implementierung von Brüdern via Videokonferenzen und/oder Telefonkonferenzen an brüderlichen Abenden mit „Vorsicht“ zu begegnen. Und das nicht, weil ich einen Missbrauch befürchte, sondern weil es die Kernstruktur eines solchen Abends berührt. Die Bruderkette 2.0 kann also nicht die Lösung sein, um dauerhaft alle „an einen Tisch“ zu bringen. Es ist jedoch eine wertvolle Überlegung, inwieweit sich eine solche technische Neuerung bei uns in den Arbeitsplänen wiederfindet, in Form eines alle drei Monate wiederkehrenden Bruderabends 2.0, zum Beispiel. Das, so denke ich, ist realistisch und ist allemal besser als die verhinderten Brüder, wenn überhaupt, nur einmal im Jahr bei uns zu haben.

Zurück zu unseren Erfahrungen. Die wöchentlichen Video-/Telefonkonferenzen sind bis heute ein enormer Erfolg. Von einigen Brüdern hört man sogar, dass die Intensität und durch die mit solchen Konferenzen verbundene „Sprachdisziplin“ die inhaltliche Wertschöpfung gesteigert werden konnte. Der Austausch zwischen den Brüdern war intensiv.

Wie dem auch sei, es ist an der Zeit festzustellen, dass die Freimaurerei im digitalen Zeitalter angekommen ist und die konstruktive Anregung, die sich hieraus ergibt, ist die ehrliche und aufgeschlossene Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Chancen und Risiken, die damit verbunden sind. Meiner Meinung nach haben die Logen bewiesen, wie grandios es funktionieren kann. Nun ist es an uns, diese Erfolge auch in die Zukunft zu tragen und sie gestalterisch so zu verwenden, dass die Bruderkette 2.0 auf die eine oder andere Art eine Zukunft haben wird. Natürlich immer nur als Ausnahme, aber reguliert.

Kommentare stellen die Meinung des Verfassers dar, nicht zwingend die der Großloge oder der Mehrheit der Bruderschaft. Sie sollen die Vielfalt der Anschauungen in der humanitären Freimaurerei darstellen.

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Leserbriefe

Seit einiger Zeit bekomme ich die sehr tiefgründigen Nachrichten der Bruderschaft und möchte mich herzlich darüber bedanken. Normalerweise vergesse ich in geistigen Diskursen mein eigenes Geschlecht, denn ich bin in einer Generation aufgewachsen, die in Bildung und Teilnahme keine rigiden geschlechtsspezifischen Einschränkungen vorgab. In Ihrem Beitrag ist mir die Anrede, die sich nur auf das "andere Geschlecht" bezieht, im Verlauf des Lesens immer mehr zu Bewusstsein gekommen, und wurde immer mehr von mir als einseitige Darstellung empfunden. Es wäre erfreulich, wenn Sie zukünftig Brüder und Schwestern ansprechen könnten. M.S. H.-S.

Ich nutze die (mir bekannten) Möglichkeiten über Smartphone und PC. Natürlich kann ein Anruf oder eine Videokonferenz den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Aber die letzten Jahre haben mir (sehr positiv) gezeigt, dass gerade über diese Medien ein längst (fast) erloschener Kontakt wieder sehr aktiv zum Leben erweckt wird. Natürlich sind dabei Grenzen zu beachten, die nicht überschritten werden können und dürfen. Diese Grenzen müssen erarbeitet und gefunden werden und gelten damit als festes Regelwerk. Ich denke, dass man diesen Weg betrachten und ausbauen sollte. Ein erweitertes "Wir-Gefühl" wird am Ende die Belohnung. Rainer Butscher

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