Die Forschungsloge beschäftigt sich mit der “Zweiten Freimaurerei”

(Foto: dTosh / Adobe Stock)

Kein Bruder Freimaurer zweifelt daran, dass sich die Freimaurerei durch die Geschichte hindurch als Gemeinschaft von Wert und Bedeutung bewährt hat und dass sie für viele Menschen soziale Heimat und Vermittlerin von Lebenssinn und moralischer Orientierung war und ist.

Wir alle schätzen diese “Erste Freimaurerei”, diese Freimaurerei, von der wir hoffen, dass sie als eine wahrhaft “Königliche Kunst” lebt und wirkt. Und sicherlich gibt es auch viele Elemente dieser “Ersten Freimaurerei”, die uns Freude machen und die keinen Gedanken daran aufkommen lassen, uns vom Freimaurerbund zu trennen.

Aber wenn wir realistisch sind, so erkennen wir doch auch Tendenzen zu Formen der freimaurerischen Praxis, die uns verstimmen und skeptisch stimmen und die man die “Zweite Freimaurerei” nennen möchte. Darunter ist eine Freimaurerei zu verstehen, die im Widerspruch zu den ideellen Grundlagen des Bundes zum Selbstzweck geworden ist, die sich auf sich selbst konzentriert, und zwar nicht im Sinne einer moralisch erzieherischen Arbeit am eigenen Ich und eines Bemühens um bessere Verhältnisse im Umfeld des Freimaurers, sondern als freimaurerische Fehlhaltung, als Ausleben nicht kritisch hinterfragter Aktionsbedürfnisse, als Ausweiten persönlicher Macht- und Einflussbereiche sowie als selbstgefällig-narzisstisches Streben nach persönlichem “symbolischem Kapital” (Orden, Anreden, höhere Grade etc.). Diese “Zweite Freimaurerei” führt zu administrativem Leerlauf, ist mit Konflikten verbunden, die u.a. auch zu Logenspaltungen führen können, enttäuscht immer wieder wirklich engagierte Brüder, führt zu Austritten und “innerer” Deckung und trägt zu manchen hartnäckigen Stagnationserscheinungen bei, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.

Eine analytische Aufarbeitung dieser “Zweiten Freimaurerei” ist dringend erforderlich und sollte auch Gegenstand der freimaurerischen Forschung sein. Was muss geschehen, wenn wir die angesprochenen strukturellen Störungen der Freimaurerei überwinden wollen? Auf welchen Baustellen hätten wir zu arbeiten? Die Baustellen, auf denen Brüder und Logen zu wirken hätten, lassen sich leicht benennen:

  • Wir selbst als Menschen gehören dazu, die wir uns mit Fleiß und Ausdauer um Erwerb und Entwicklung wahrhaft freimaurerischer Eigenschaften zu bemühen haben;
  • die Loge gehört dazu, damit sie nicht nur in unseren Reden, sondern auch in der Wirklichkeit zur Heimat brüderlicher Gesinnung wird, zum Werkraum für humanitäres Handeln und zur sicheren Stätte für alle, die Wahrheit suchen;
  • die freimaurerische Konzeption gehört dazu, damit die Tradition von Humanismus und Aufklärung in ihrer heutigen Bedeutung und Lebenskraft zu erkennen ist und nicht immer wieder von obskuren Mythen überlagert wird;
  • die organisatorischen Strukturen des Bundes gehören dazu, damit effizient geleitet und verwaltet werden kann und freimaurerische Ämter als wirkliche "Ehrenämter" ausgeübt werden und sich nicht in Objekte von Ehrgeiz und persönlichem Interesse verwandeln;
  • unser Wirken in der Gesellschaft gehört dazu, damit die Bedeutung unseres Bundes nicht nur als kulturelles Erbe geschätzt wird, sondern als Gestaltungsfaktor der Gegenwart erkennbar ist, und
  • unser Ritual gehört dazu, damit es in seiner besonderen Eigenschaft als spiritueller Erfahrungsraum auch in einem säkularen Umfeld verstanden werden kann, und nicht mit Religion oder, schlimmer noch, mit obskuren Mythen verwechselt wird.

Fortschritte auf diesen Baustellen sind nur mit Arbeit, mit “redlichem Bemühen” (Goethe) zu erreichen. Auf ihrer 57. Arbeitstagung am 21. und 22. März 2020 in Frankfurt (Näheres unter Termine) will sich die Forschungsloge “Quatuor Coronati” der Problematik annehmen. Alle Brüder Freimaurer sind herzlich eingeladen, an unseren Bemühungen teilzunehmen.

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