Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Die Krise als Praxistest für die Freimaurerei

“Loge als Forum” kann Lösungen für Fragen der Zeit vorantreiben.

Gelesen von Arne Heger

Foto: © spaxlax / Adobe Stock | kelly2 / pixabay

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I.

Wir kennen es alle: Plötzlich vermissen wir den normalen Alltag. Uns trifft ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, die Trennung von der Lebenspartnerin, Arbeitslosigkeit oder finanzielle Einbußen. Wir wünschen dann den Alltag zurück. Es soll wieder so werden, wie es war. Oder zumindest in doch vertrauter Weise neu.

Etwas Ähnliches erleben wir während der Zeit der Coronapandemie als Gesellschaft. Da Ethik und Politik in der Erhaltung des Lebens eine nicht relativierbare Grundnorm anerkennen, ist die Anzahl der verfügbaren Intensivpflegebetten und -pflegekräfte bzw. der Beatmungsmöglichkeiten der limitierende Faktor. Auch wenn die Meinungen zu Dauer und Intensität der Restriktionen auseinandergingen und -gehen: Die Politik musste das soziale und wirtschaftliche Leben einschränken. Nähe, Zuneigung und Verantwortung beweisen sich nun dadurch, dass man Abstand wahrt. Neben dem Fehlen der menschlichen Nähe stehen die Gewissheit, dem Virus ausgeliefert zu sein, Ängste vor dem Tod und vor dem wirtschaftlichen Niedergang. Die Normalität ist weg. Und das kann (Sachstand jetzt: Anfang Mai 2020), trotz wieder wachsender Freiräume andauern, da ein Impfstoff erst in einiger Zeit zu erwarten ist. Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen werden eine längere Zeit fortbestehen und vielleicht wieder verschärft werden, sobald sich neue Krankheitswellen anbahnen. Hier gilt der u.a. Bruder Kurt Tucholsky zugesprochene Satz: „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“

Vieles wird nach der Pandemie nicht mehr so sein, wie es einmal war. Werden wir nahestehende Menschen verloren haben? Fallen wir in ein wirtschaftliches Loch? Sind unsere Gesellschaft und Europa nachher noch in einem Zustand wie vor der Krise?
Derartige Zeiten der Herausforderung und des Wandels fördern und fordern das Nachdenken darüber, wie man den aktuellen Handlungsnotwendigkeiten gerecht wird und wie es danach weitergehen soll. Sie sind aber auch Chance für das Neue. Neue Formen des gesellschaftlichen Miteinanders, eine geänderte Betrachtung selbst der Klimakrise und der Digitalisierung der Gesellschaft. Herausforderung und Chance gelten für alle gesellschaftlichen Organisationen – auch für die Freimaurerei.

II.

Wir Brüder unterliegen gegenwärtig ebenfalls den Kontaktbeschränkungen, Logen waren und sind möglicherweise längerfristig geschlossen, Veranstaltungen wurden abgesagt: „Freimauerei in privater Isolation.“ Ohne Bruderabende, Tempelarbeiten, Treffen mit Gästen. Hierbei ist von Bedeutung, dass das Durchschnittsalter unserer Gemeinschaft und damit der Anteil der zu Risikogruppen Gehörigen höher ist als in der Gesamtbevölkerung.
Die Kontaktbeschränkungen lehren, mit Abstand brüderliche Nähe zu erhalten und nach den Lockerungen neue Formen des räumlichen Miteinanders zu finden. Es ist in gewisser Weise ein Praxistest dahingehend, wie fest unsere Kette wirklich ist. Dieser Zustand birgt viele Möglichkeiten.

Zunächst ist da ganz einfach die Gelegenheit, einmal über die Bedeutung der Freimaurerei und über sich selbst als Teil der Loge nachzudenken. Und das kann positive Ergebnisse zeitigen. Unter vielem: In unserer Gemeinschaft der Ungleichen (was uns im Logenalltag oft nicht hinreichend bewusst ist) gibt es immer wieder auch überflüssige Meinungsverschiedenheiten, die bis ins Detail ausdiskutiert werden, im Einzelfall sogar zu Ehrengerichtsverfahren führen. Im Angesicht der Epidemie müsste das nun als äußerst überflüssig angesehen werden. Sind es nicht Brüderlichkeit, Empathie und Zuneigung, die uns verbinden sollten? Wie ist es mit der brüderlichen Streitkultur bestellt? Da viele von uns zu den Risikogruppen gehören: Im Einzelfall könnten unüberlegte Worte nie mehr korrigiert werden.

Aber nach den ersten Wochen der privaten Isolation waren erfreuliche positive Impulse zu spüren. Es fand und findet noch immer eine breite Suche nach neuen Formen des Gesprächs und des Miteinanders statt. Im Internet etablierten sich Kommunikationsforen, in denen man das intensive brüderliche Gespräch und die gegenseitige Verständigung sucht. Die Digitalisierung gewinnt in der Freimaurerei Raum. Es schalten sich nun Brüder dazu, die wegen Alter, Krankheit oder Umzug Bruderabende und Tempelarbeiten nicht (mehr) besuchen können. Daraus lässt sich für die Zeit nach Corona lernen, dass ein Bruderabend im Internet nicht nur die verhinderten Brüder einbinden kann, sondern gerade für Logen mit breiten Einzugsgebieten die Möglichkeit bietet, die Brüder ohne lange Anfahrten (insbesondere in Winterzeiten) zusammenzuführen.

Falls noch nicht geschehen, ist den Brüdern Redner zu empfehlen, weiterhin den Umständen entsprechende Arbeitspläne vorzulegen. Es gibt viele Themen und Gesprächsformen, die sich für Internetabende und begrenzt geöffnete Logen eignen, bei denen Abstandsregeln eingehalten werden müssen und aufgrund der Platzverhältnisse die Teilnehmerzahlen begrenzt sind. Außerdem steigert die fortbestehende Strukturierung der Logenabende die Ernsthaftigkeit der Treffen.

Es ist spannend zu verfolgen, wie Brüder die Kommunikation per Internet nutzen. Und es ist auch nachvollziehbar, die Tempelarbeit per Internet versuchen zu wollen. Doch auch ohne Tempelarbeiten wird unser Seelenheil nicht leiden. Wir zelebrieren keine religiösen Feierstunden, die zu absolvieren sind. Wir haben einen geistigen Reichtum und die Kette der Herzen, die uns auf die Tempelarbeiten als die bedeutendste Ausdrucksform unserer freimaurerischen Gemeinschaft warten lassen können. Ohne die physische Anwesenheit der Brüder in einem Raum und mit der durch unsere Hände konkret geschlossenen Kette droht, dass die Arbeit mit einem Ritual seine Würde verliert und zu einem technischen Spiel wird. Lasst uns deshalb unverändert darüber nachdenken, wie wir uns in der Kommunikation verbunden bleiben und was Freimaurerei angesichts der Coronakrise Konkretes tun kann.

Eine erste und sehr praktische Antwort erscheint vielleicht banal, kann aber große Wirkung entfalten: helfen. So gibt es das rührende Beispiel der jüngeren Brüder, die sich nach Abwesenheit von der Loge und längerem Schweigen nun plötzlich bei risikobehafteten Brüdern melden und fragen, welche Unterstützung möglich ist. Dieser Impuls ließe sich auch über die Loge hinaus ausdehnen: Vielleicht gibt es (große) Bauhütten, in denen viele Brüder über die Möglichkeit verfügen, ein Hilfsangebot der Loge in die Öffentlichkeit zu tragen.

Einen weiteren Ansatzpunkt bieten unsere vielfältigen Stiftungen und Preise. So wäre es denkbar, dass man diese schon bei den Ausschreibungen auf Personen und deren besondere Handlungen in der Coronazeit ausrichtet, bzw. diese bei der Auswahl von Preisträgern besonders berücksichtigt.

III.

Aber natürlich sollten die Gedanken über diese konkret-praktischen Aspekte hinausgehen und sich auch auf den Übergang in die Nach-Coronazeit richten: Entsteht eine Fremdheit zwischen den Generationen, weil ein Einfrieren des öffentlichen Lebens – sollte es erneut zu Schließungen kommen – vor allem dem Schutz der Älteren dient? Wie werden gerade letztere mit der Sinnhaftigkeit zurechtkommen, auf dem Weg in die Normalität weiterhin das öffentliche Leben zu meiden? Gibt es eine Diskussion zum absoluten Lebenserhalt bei einer speziellen Gruppe von potenziell Erkrankten, auch wenn diese eine breite Bresche in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben schlägt und nachhaltig auf die persönlichen Lebensumstände weiter Kreise der Bevölkerung einwirkt? Haben wir nachher eine höhere Wertschätzung für die im Gesundheitssystem oder andere, in sogenannten „systemrelevanten Bereichen“ arbeitenden Menschen, die häufig schlecht bezahlt werden? Wurden viele Existenzen zerstört, weil Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz und Unternehmer ihre Betriebe verloren? Was geschieht mit den erhöhten Staatsschulden und daraus abgeleiteten Verteilungsfragen hinsichtlich deren Tilgung?

Und die „alten“ Themen wie Europa und der Klimawandel bleiben: Werden diese nun konsequenter angegangen, weil sich Staat und Bürger in Coronazeiten an mehr staatliche Leitung gewöhnt haben oder wirkt z. B. der Druck zur wirtschaftlichen Erholung umweltpolitischen Maßnahmen gar entgegen?

Bemerkenswert ist eine Sichtweise im Umfeld der Leopoldina-Stellungnahme, die einen Zusammenhang von Infektionen wie die mit dem Coronavirus mit der zunehmenden Ausbeutung der Umwelt herstellt („Süddeutsche Zeitung“ vom 15. April 2020). Für derartige Prozesse gebe es Evidenzen selbst schon für die große Pestepidemie im 14. Jahrhundert.

Über allem steht die Frage der Toleranz. Behält die Demokratie das hohe Niveau des Ausgleichs von Meinungen und Interessen oder gewinnt der Populismus von rechts oder links, von Verschwörungstheoretikern und Predigern der Apokalypse – auch durch die schnellere Verbreitung im Netz – nachhaltig Auftrieb?

IV.

In der Toleranz liegt eine Kernkompetenz der Freimauerei: Der Zusammenschluss der vier Logen aus London und Westminster 1717 fand in einem Umfeld statt, das lange durch politisch-religiöse Auseinandersetzungen zerrissen war. Man suchte einen Common sense, beschwor das Verbot, mit einem Bruder über dessen politische und religiöse Vorstellungen zu streiten. Diese Grundlegung prägt die Freimaurerei bis heute. Sie schult die Brüder in dem Auftrag, sich in der Welt tolerant als Freimaurer zu bewähren. Hier hat die Freimaurerei ein authentisches Potenzial und über die Mitglieder die Möglichkeit, einen konstruktiven Beitrag in der Zeit nach Corona zu leisten.

Aber wie ist es mit den anderen oben angesprochenen Themen, von der Einkommensverteilung über die Medizinethik und die europäische Integration bis hin zum Umweltschutz? Diese kennt die Freimaurerei nicht aus der eigenen (internen) Praxis und Erfahrungswelt. Würde sie diese aufgreifen und mit einer Meinung in die Öffentlichkeit tragen, ergriffe sie Partei. Sie könnte nicht mehr im Sinne der „Alten Pflichten“ Sammelbecken der unterschiedlichsten Brüder sein, sondern würde im Gerangel der politischen Parteien und Interessengruppen ihr Gesicht verlieren.

Und dabei ist es doch gerade notwendig, dass eine Gemeinschaft, die ihre Identität immer wieder mit der Herkunft auch aus dem Geist der Aufklärung begründet, die Wahrnehmung der Verantwortung für die Belange der Welt deutlich erweitert. In diesem Sinne gibt Hans Jonas (ähnlich Yuval Noah Harari) mit seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ einen Denkansatz. Er beschreibt die bisherige Ethik als anthropozentrisch, weil sie im Wesentlichen nur das sittliche Handeln zwischen Menschen mit seinen Konsequenzen sieht. Und das war ja auch lange naheliegend, da die Natur sich von den menschlichen Eingriffen erholen konnte. Phänomene wie der Klimawandel oder die Ressourcenausbeutung haben aber eine Tragweite, die sich zumindest nicht in einer überschaubaren Zeit und vielleicht nie mehr in einem für den Menschen verträglichen Gleichgewicht einspielen. Und deshalb muss sich die Perspektive auch der freimaurerischen Humanität erweitern und die grundlegenden Fragen dieser Zeit aufgreifen.

Ein neuer Weg könnte es sein, dass die Freimaurerei das Gespräch und die Lösungsfindung zu den Themen der Zeit mit vorantreibt. Das Stichwort ist „Loge als Forum“. In diesem Sinne sollte neben den (klassischen) Vortrags- und Kulturabenden ein neues Veranstaltungsformat eingeführt werden, in dem man zu Gästeabenden Vertreter verschiedener Perspektiven zu den Fragen der Zeit einlädt, einführend zu einer offenen Diskussion kurz ihre Sichtweisen vorzustellen. Und dann wäre in freimaurerischer Disziplin ein moderiertes Gespräch unter Einbindung des Publikums zu führen. Freimaurerei würde zum Diskurs einladen, neutral bleiben, einen vernünftigen Austausch der Positionen moderieren.

Das ist die Vision: Wie wäre es, wenn man in der Öffentlichkeit zukünftig sagen würde: „Die Freimaurer sagen zu vielen Dingen zwar wenig, aber sie führen die, die was sagen möchten, zu einem Gespräch zusammen. Dort werden die Fragen dieser Zeit kompetent erörtert, ohne den sonst üblichen Streit. Und man kann mal mitreden.“ Dann wäre die Freimaurerei nicht nur gut durch die Coronakrise gekommen. Sie hätte die Chance genutzt, in ein neues Profil für den Dialog mit der Gesellschaft hineinzuwachsen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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