Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Dreimal Drei in Dur und Moll

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Musik und Freimaurerei. Theorie und Praxis. Theoretisch könnte man Musik auch lesen. Über Noten. Aber Musik erschließt sich erst, wenn man sie erlebt. Auch über Freimaurerei kann man vieles lesen, aber auch Freimaurerei erschließt sich erst, wenn man sie erlebt. Das Erleben von Freimaurerei wird immer auch begleitend unterstützt durch Musik. Es gibt eine Fülle freimaurerisch inspirierter Kompositionen.Oft ist das ein Geben und Nehmen. Eine Wechselwirkung.

Von Jens Oberheide

Von Beginn an hat die Musik eine bedeutende Rolle in der Freimaurerei gespielt. Schon in den ersten Logen wurde gesungen. Sänger, Instrumentalisten, Librettisten und Komponisten haben die rituellen und gesellschaftlichen Zusammenkünfte der Freimaurer mitgestaltet, und einige von Ihnen haben mit ihrem Wirken sogar die Musikgeschichte geprägt. Mozart, Haydn, Liszt, Sibelius, Lortzing oder Loewe waren ebenso Freimaurer wie Irving Berlin, Count Basie, Duke Ellington, Lionel Hampton oder Nat „King“ Cole.

Menschen, die dem Erlebnisgehalt von Musik und Freimaurerei anhängen, sind oft Seelenverwandte. Sowohl Musik als auch Freimaurerei haben mit Selbstfindung und Sinnsuche zu tun. Sie sind im sensiblen Sinn von „Harmonie“ miteinander verschwistert. Wenn man Musik als Übersetzung des Gefühls versteht, dann erschließt sie sich durch individuelle Rückübersetzung in persönliche Empfindungen. Jeder erlebt Musik auf eigene Weise. Man bleibt im schönsten Sinne „frei“. Das ist beim Erleben von Freimaurerei und bei der individuellen Rückübersetzung und Interpretation freimaurerischer Rituale und Symbole ähnlich.

Die Musikgeschichte kennt viele Beispiele für die Übersetzung von Stimmungen. Außermusikalischen Sinngehalt stellt man gern durch bestimmte Kompositionstechniken dar. Die Verbindung zur Freimaurerei scheint nahezuliegen, wenn man sich verdeutlicht, dass man Allegorien ebenso durch musikalische Mittel hörbar machen kann, wie etwa Symbole oder Zahlen.

Schon in barocken Kompositionen ist ein Text wie „Et hi tres“ („und die Drei“) durch einen Dreiklang dargestellt und das folgende „unum sunt“ („sind eins“) durch einen Einklang. Der Dreiklang ist klassischer Bestandteil der Musiklehre. Dreiklangschritte wirken ursprünglich und ungezwungen. Der „liegen gebliebene Ton“, der Einklang, kann hingegen ausdruckssymbolisch Ruhe, Schlaf oder beispielsweise auch Tod signalisieren.

Die Übersetzung von Stimmungsbildern ist musikalisches Allgemeingut. Aber die Übersetzung von Stimmungsbildern hat in der Freimaurerei eine spezielle Bedeutung. Da es in der Freimaurerei um Selbstfindung und Sinnsuche geht, haben Musiker immer wieder versucht, dieses zu unterstützen, wenigstens zu untermalen. Mozart hat von sich gesagt, er könne „Gesinnungen und Gedanken in Tönen ausdrücken“.

Wenn Musik die Kunst ist, durch Töne Empfindungen auszudrücken, dann versteht man leichter, warum sich so viele Musiker zu einem Bund hingezogen fühlen, der Empfindungen sensibel über Symbole ausdrückt, über Sinnbilder, die zu Denkbildern werden, die man miteinander teilt und gemeinsam bewegt.

Die frühe Freimaurermusik bestand zunächst aus ganz einfachen Liedschöpfungen mit simplen Melodien, die jeder behalten und mitsingen konnte. Die meisten der frühen Freimaurerlieder basieren auf schlichten Reimen, die brüderliche Gelegenheitsdichter zu freimaurerischen Themen gemacht haben. Zum Singen und zum rituellen Umtrunk an der lebensfrohen Tafelloge waren allerdings schon früh Klopfrhythmen besonders beliebt, die symbolhafte Aufsetzer von Trinkgläsern im Dreivierteltakt ermöglichten.

Das „Altenburger Liederbuch“ von 1746 ist das älteste überlieferte freimaurerische Gesangbuch in Deutschland. Gesammelt und herausgegeben hat die frühen „Freymäuer-Lieder“ der Verwaltungsjurist und Gelegenheitsdichter Ludwig Friedrich Lenz (1717-1780) aus Altenburg. Im Vorwort schreibt er u.a.: „Das Singen hat seinen großen Nutzen, den Geist der Einigkeit … auszubreiten.“ Die ernste Arbeit solle man „durch angenehme Gesänge“ unterbrechen, „welche teils die Grundsätze ihrer Lehren unter sinnreicher Verkleidung der Dichtkunst“ enthalten, „teils die Tugend zur unschuldigen Freude ermahnen.“ „Eben aus diesem Grunde singen wir Freimaurer in unseren Logen.“

Die Zahl der speziellen Freimaurerlieder allein aus dem 18. Jahrhundert wird auf rd. 15.000 geschätzt. Sie stehen in hunderten von freimaurerischen Liederbüchern. Die Bibliothek des Freimaurermuseums in Bayreuth hat 160 gedruckte Liederbücher im Bestand.

Viele der in diesen Büchern veröffentlichten Lieder beziehen sich auf rituelle und symbolische Zusammenhänge. Der schon zitierte Ludwig Friedrich Lenz dichtete z.B. „Zunftgenossen! Edle Brüder/ der berühmten Maurerei!/ Auf, genießt des Lebens Güter,/ braucht sie, seid vergnügt dabei./ Lasst den Wein im Becher blinken!/ Dreimal das bewegte Glas/ zeige, dass wir einig trinken/ nach der Maurer Regel-Maß!“

Ein charakteristisches Beispiel freimaurerischer Rhythmik ist auch das Lied „Willkommen, ihr Brüder“ mit punktierten Rhythmen bei aufsteigendem Dreiklang .. – .. – .. – wird noch heute gern bei der Tafelloge gesungen. Die dramaturgische Anweisung in den Noten verlangt, dass die Brüder mit Löffeln den Takt an die Gläser schlagen. Zum Gleichklang auf Dreimal Drei.

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Derartige Zahlenmystik entzieht sich zwar rationaler Analyse, aber die symbolische oder rituelle Umdeutung liegt dennoch nahe. Vereinfacht darf man festhalten: Die Zahl Drei gilt seit urdenklichen Zeiten als „heilige Zahl“. Sie steht in vielen Kulturen als Symbolzahl für geistige Vollkommenheit. „Omne trium perfectum“ – sprichwörtlich „Aller guten Dinge sind Drei“. Dreimal Drei gleich Neun soll den Inbegriff höchster Vollendung symbolisieren. Symbolische Additionen wie Drei plus Vier gleich Sieben stehen für Geist plus Materie gleich Schöpfung.

Die Fünf besteht aus der ersten geraden und der ersten ungeraden Zahl, fünf Sinne hat der Mensch, und das Pentagramm ist das Fünfeck. Als unteilbare Zahl ist die Fünf auch Symbol der Liebe. Mozart verwendet die Fünf auch musikalisch und inhaltlich symbolspielerisch für männliche und weibliche Deutungen.

Kommen Drei und Fünf zusammen, könnte man deuten, dann trifft der unvollkommene („natürliche“) Mensch auf das Ideal der (geistigen) Vollkommenheit. Mozart setzt in der „Zauberflöte“ fünf Anfangsakkorde und lässt drei zentrale Akkorde folgen. Schließlich bilden fünf Wirkungskomponenten die Ganzheit der Musik. Klang, Rhythmus, Melodie, Dynamik und Form.

Mit dem sogenannten „Freimaurerakkord“ der Zauberflöten-Ouvertüre hat Mozart die freimaurerische Zahlensymbolik auf Dreimal Drei in einem ganz speziellen Rhythmus umgesetzt, so, dass Freimaurer die pointierten Klopfrhythmen aus rituellen Zusammenhängen erkennt: – – . – – . – – .

Thematische Bezüge sind ebenfalls übersetzbar. Als irdisches Prinzip haben wir Freimaurer etwa das Musivische Pflaster mit seinen Schwarz/Weiß-Polaritäten. Klangsinnlich übersetzt auch die Musik gern den Wechsel von Tag und Nacht, Hell und Dunkel, Spannung und Entspannung. Das Spannungsverhältnis von Schwarz und Weiß personalisiert Mozart mit der Königin der Nacht und der Lichtgestalt des Sarastro. Allegorisch erzählen uns Musik und Handlung vom Sieg des Lichts über das Dunkel.

Mozart-Kenner merken übrigens immer wieder an, dass Mozart den symbolhaften Konsonanten „B“ gezielt einsetzt. Es wäre mehr als kühn, zu behaupten, dass er das „B“ von einer der beiden salomonischen Säulen genommen hat, um es musikalisch bedeutsam zu nutzen. Aber die Tonarten mit „drei b“ sind die manchmal sogenannten „freimaurerischen Tonarten“ in Es-Dur und C-Moll, wie sie Mozart als Musik-Sinnbilder verwendet.

Es-Dur ist die Grundtonart der „Zauberflöte“, die das Suchen und Kämpfen zwischen Licht und Dunkel untermalt. In Mozarts Freimaurermusik steht C-Moll möglicherweise für das symbolische Sterben und C-Dur für die „Erhebung“. Zwischendurch verwendet er G-Moll als Ausdruck der Bedrängnis. Auch hier eine spekulative Rückkopplung auf die freimaurerische Chiffre „G“ wie Geometrie, Großer Baumeister oder Gnosis. Das „G“ im Flammenden Stern findet man schon auf dem Programmtitel der Uraufführung.

Symbolspielerisch setzt Mozart etwa die Note „G“ dreimal zwischen eine Dreierweisheit. Spielerisch deswegen, weil es kompositorisch nicht unbedingt erforderlich ist. Ich meine die Aufforderung der drei Knaben in der Zauberflöte:

„Sei standhaft -g- duldsam -g- und verschwiegen -g-. Mozart signalisiert mit einem symbolhaften Ton – g – den Freimaurerbrüdern: Hört her! Wir meinen das gleiche!

Nun hat Mozart keine zahlenstrukturierte „Geheimsprache“ entwickelt, die nur Eingeweihten verständlich ist. Vieles bleibt auch Eingeweihten verrätselt.

Des Rätsels Lösung für Freimaurer und Nichtfreimaurer ist einfach wunderbare Musik.

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Nicht jeder kann und will derartige Musik „lesen“, „deuten“ und „verstehen“. Die meisten wollen sie wohl ohne spezifische Übersetzung einfach nur „genießen“. Und tatsächlich lässt sich Musik von Freimaurern nicht immer auch eindeutig freimaurerisch erklären. Selbst Mozarts „Maurerische Trauermusik“ KV 477 ist zunächst nichts anderes, als eine Komposition in Moll wie andere ernste Werke auch. Auch Haydns „Pariser Sinfonien“ verraten nur im Texthinweis, dass sie im Auftrag einer Freimaurerloge geschrieben wurde. „Typisch freimaurerische Musik“ wird auch der Eingeweihte nur selten heraushören. Wird sie aber im Tempel oder in anderen freimaurerischen Zusammenhängen gespielt, dann ist man nicht frei davon, daran zu denken, dass der Komponist die selbe Initiation erfahren hat wie wir selbst. Wir fühlen uns mit ihm verwandt, und, weil seine Musik einst für die Loge geschrieben wurde, auch mit seiner Musik.

Sogar mit Nichtfreimaurern wie Schiller, der sich freilich durch einen Freimaurer, seinen Freund Christian Gottfried Körner, inspirieren ließ, durchaus auch freimaurerisch interpretierbare Textpassagen zu verfassen, als er seine berühmte „Ode an die Freude“ schrieb, die dann ein anderer Nichtfreimaurer – Beethoven – vertont hat.

„Alle Menschen werden Brüder“. Das ist textlich und musikalisch umgesetzter freimaurerischer Geist, ohne dass Freimaurer als Autoren zeichnen. Man könnte meinen, sogar die Textstruktur habe freimaurerischen Hintergrund. Schillers originale Ode besteht aus dreimal drei Strophen.

Wir Freimaurer singen übrigens noch heute Lieder, die im 18. Jahrhundert entstanden sind. Unter anderem das Kettenlied von Aloys Blumauer: „Wir folgen dem schönsten der Triebe, der Menschen mit Menschen verband, und reichen zur Kette der Liebe uns herzlich einander die Hand.“ Oder von Robert Burns: „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr …“ Von Matthias Claudius: „Gute Nacht und fröhlich leben …“ Lessings Trinklied „Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben …“ geriet in jedes Kommersbuch. Und natürlich Mozarts „Kettenlied“ KV 623a, dessen Melodie Österreichs Nationalhymne ist: „Brüder reicht die Hand zum Bunde …“