Erinnerung an einen Freund und Schriftsteller

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Alfried Lehner

Ein so reichhaltiges Leben! Kann man das in wenige Zeilen fassen? Kann man es in einer Viertelstunde erzählen? Ist das möglich, wenn man jedem Aspekt gerecht werden will? Ich habe Zweifel. Es bleibt mir nur ein strebendes Bemühen, unserem Bruder und Freund annähernd gerecht zu werden.

Das Geburtsjahr unseres Bruders Alfried lag in einer unseligen Zeit. Drei Jahre von den „tausend“ waren erst vorüber. Dr. med. Adolf Lehner und seine Frau Babette, die Eltern, sowie der ältere Bruder Olf bildeten seine Familie. Man lebte gut situiert in einer Villa in Dresden. Weißer Hirsch und „Blaues Wunder“.
Vom beginnenden Weltenbrand dürfte der Junge nichts mitbekommen haben. Als er zu Beginn der 1940er Jahre in Dresden eingeschult wurde, rückten die mit erschreckendem Erfolg weit ausgeworfenen Fronten schon auf die Heimat zu.

Ab Herbst 1944 gab es die ersten Luftangriffe auf den Großraum Dresden. Im Zuge der historisch bekannten vier Angriffswellen vom 13. bis 15. Februar 1945 floh die Familie. In Solnhofen an der Altmühl lebten die Großeltern mütterlicherseits. Dort verbrachte Alf dann auch seine Jugend und nahm eher das Fränkische denn das Sächsische als Muttersprache an. In Eichstätt besuchte der Gescheite das humanistische Gymnasium. Dort baute er im Jahr 1956 auch das Abitur.

Im Jahr davor war die junge Bundesrepublik Deutschland der Nato beigetreten. Damit wurde auch die Frage eines nationalen Wehrbeitrages grundsätzlich entschieden. Die historisch einmalige Herausforderung, neu aufzustellende Streitkräfte in ein bestehendes Staatswesen einzubinden, reizte viele junge Männer – auch unseren Bruder Alfried. Sie wollten es besser machen als die Väter. Aber nicht im revanchistischen Sinne, sondern einer Konzeption folgend, mit deren Hilfe die unverzichtbare hierarchische Struktur der neu aufzubauenden Armee und ihr Prinzip von Befehl und Gehorsam mit den Grundrechten des Bürgers in Einklang gebracht und ein „Staatsbürger in Uniform“ geschaffen werden sollte.

Husum war sein erster Standort. Weitere folgten – ein typisches Offiziersschicksal. Das auch die Familie betraf, die sich selbstredend einstellte. Aus der Ehe mit seiner ersten Frau Helga ging 1964 ein Sohn hervor, Ulf Lehner.
Bis 1967 war Alfried – ganz klassisch – zuerst als Panzerzugführer und später als Kompaniechef eingesetzt. Von 1967 bis 1969 absolvierte er die Generalstabsausbildung. Es folgten weitere Verwendungen im Truppengeneralstabsdienst und im Bundesministerium der Verteidigung. Zuletzt war er als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig. Oberstleutnant i. G., das heißt im Generalstabsdienst. So der letzte Dienstgrad.
1977 lernte er seine spätere zweite Frau Ulla kennen. Erst als Alfried 1986 mit 50 Jahren die Bundeswehr altershalber verließ, konnten beide zusammenziehen. 1988 dann die Eheschließung, 2002 der Einzug in das neuerbaute Haus in Rudersberg.

Zum Bund der Freimaurer kam Alfried im Jahr 1977. Eine Zeitungsannonce hatte ihn ins Logenhaus in der Hamburger Welckerstraße gelockt. Dort fing er sofort Feuer. In seinem Aufnahmeantrag ließ er die Loge „Roland“ wissen: „Der aus den dortigen Vorträgen leuchtende Geist ließ mich erkennen, dass hier eine geradezu verblüffende Parallelität mit meinen Vorstellungen vorhanden ist.“
Alfried hatte die Freimaurerei nicht nur schnell so gut verinnerlicht wie wenige, er konnte auch erklären, was es mit dem Tempelbau der Humanität auf sich habe. Er übernahm schon bald zahlreiche Aufgaben und bekleidete hervorgehobene Ämter, die er nicht suchte, die aber zu ihm kamen. Ich will sie gar nicht alle aufzählen. Ihm wäre das peinlich. Dennoch sei als Beispiel die Leitung des Ritualkollegiums unserer Großloge genannt. Dort kann nur mittun, wer den Sinn von Ritual versteht. Ehrungen blieben auch nicht aus. So zum Beispiel im Oktober 1985 die Silberne Matthias-Claudius-Medaille der Vereinigten Großlogen für Verdienste auf dem Gebiet der freimaurerischen Literatur und Kunst. Im Juni 1994 folgte das goldene Ehrenzeichen der Großloge.

Mit seinem Wechsel in den Süden schloss er sich 1987 der Loge „Sarastro“ in Stuttgart an, wo er ebenfalls wirkte. Erneut auch – wie bei „Roland“ – als Stuhlmeister. 2006 wechselte er nach Esslingen zur Loge „Zur Katharinenlinde“. Ende 2017 konnten wir sein 40. Freimaurer-Jubiläum feiern. Dabei wurde ihm auch – als letzte große Auszeichnung – der Goldene Verdienstorden der Vereinigten Großlogen von Deutschland verliehen.

Wichtig war ihm aber vor allem das Schreiben. Und dazu hatte er nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr Zeit. Mehrere Bücher erschienen und fast jeder von uns Freimaurern hat ein paar davon in seinem Bücherschrank. Einige wenige Titel möchte ich nennen: „Das wunderbare Wissen vom Wesen der Welt“, „Eines zu sein mit allem“, „Sagt es niemand“, „Lyrik von Sehnsucht nach Frieden und Harmonie“, „Ich bin eine Stufe“.

Er reiste nun durch die Republik und stand den Logen für Öffentlichkeitsarbeit, rituelle Weiterbildung sowie Dichterlesungen zur Verfügung. Daneben interessierten ihn Philosophie, Religionswissenschaften, Mythologie, Ornithologie, klassische Musik, Kunstgeschichte und Literatur. Auch andere Gesellschaften profitierten von seiner Mitarbeit. Er betätigte er sich sowohl in der Sokratischen als auch der Humboldt-Gesellschaft. Nicht vergessen sei der pythagoreische Orden.

Br. Thomas Seng hat nun das letzte Buch mit Alfrieds Referaten herausgeben. Erschienen ist es im April 2019, wenige Wochen nach seinem Tod.

Dann kam das Jahr 2013 mit einem Hirnschlag. Die Folgen setzen ihm mehr und mehr zu. Zu Beginn des Jahres 2015 benötigte Alfried dann endgültig professionelle Pflege. Im Karlsstift in Schorndorf hat er seine letzten Jahre verbracht. Zunehmend entrückt von dieser Welt. Bemerkenswert war seine heitere Gelassenheit, sein Lächeln, wenn er den Besuch sah: „Du lieber Bruder“, auch wenn der Name dahin war. Keine bittere Aggression wegen seines Schicksals, sondern stets Dankbarkeit und Zuversicht. Selbst dort noch, im Stift, bei seinen limitierten Möglichkeiten, hat er sich eingebracht, zum Beispiel mit einer Dichterlesung, gemeinsam mit Ulla.

Am 22. Februar 2019 wurde Br. Alfried Lehner zur höheren Arbeit abberufen. Und also verlosch ihm das Licht seines irdischen Lebens! Das Licht im ewigen Osten leuchte ihm!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.