Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Jürgen Streich

Freemasons for Future

Während die tödliche Corona-Pandemie die Menschheit plötzlich und unvorbereitet trifft, vollzieht sich die Aufheizung der Erde schleichend, aber ebenso gnadenlos. Schreiende Ungerechtigkeit und bittere Armut, Umweltkatastrophen bisher ungekannten Ausmaßes und blutige Kriege verursachen wachsende Flüchtlingsströme, mit denen die Staatenwelt schon jetzt kaum fertig wird. Der Nationalismus ist auf dem Vormarsch, irrlichternde Populisten sind in manchen Ländern längst an der Macht.

Gelesen von Hasso Henke

Fotos: © spaxlax / Adobe Stock | Ms.Moloko / Adobe Stock

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Der Höhepunkt unserer Reise war die Erkenntnis, dass das Universum harmonisch, zweckvoll und schöpferisch ist. Der Tiefpunkt lag in der Feststellung, dass sich die Menschheit nicht dieser Erkenntnis gemäß verhält.

Edgar Mitchell, Astronaut

Das schrieb einer der weitestgereisten Menschen überhaupt, unser Bruder Edgar Mitchell (1930 – 2016), nach seiner Rückkehr vom Mond, den er am 5. Februar 1971 im Rahmen der Apollo-14-Mission als sechster Astronaut betreten hatte. 25 Jahre später betonte er:

Wir müssen unsere Lebensweise ändern. Doch wo setzen wir den Hebel an? Auf dem Weg zur Bestimmung dieses Planeten hat der Mensch auf dem Fahrersitz Platz genommen und rast durch das ‚globale Dorf‘. Dabei hat er die Macht über, nicht jedoch die Verantwortung für die Konsequenzen unseres Kollektivverhaltens übernommen. Und Macht und Verantwortung müssen, wie jeder Management-Student im ersten Jahr lernt, zusammengehen.

Bei all dem ist die Gefahr, dass in künftigen Konflikten Atomwaffen eingesetzt werden könnten, keineswegs gebannt. Die zerrissene Menschheit hat also eine Menge Probleme, weshalb eine Wissenschaftler-Jury des amerikanischen „Bulletin of the Atomic Scientist“ die Zeiger der „Weltuntergangsuhr“ auf 100 Sekunden vor 12 vorgestellt hat. Lösungen sind kaum in Sicht.

or diesem Hintergrund findet der Autor, dass die Freimaurerei als Stimme des Humanismus und einer neuen Aufklärung vernehmlich Stellung zu den Problemen der Welt beziehen und sich selbstbewusst einmischen sollte.

Ohne die Akteure heutiger Politik allzu pauschal kritisieren zu wollen, so zeigt sich angesichts der aktuellen Probleme doch immer deutlicher, dass die Politiker-Spezies, der beim Streben nach und dem Umgang mit Macht das Verantwortungsbewusstsein nicht abhandengekommen ist, nicht gerade stärker wird. Viele Jahre, in denen der Fokus auf Wirtschafts- und andere Lobbyinteressen gerichtet war, haben unübersehbar zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen, von der lokalen bis zur globalen, geführt. Diese muss dringend überwunden werden. Politik und Wirtschaft müssen wieder für die Menschen da sein, nicht etwa umgekehrt.

Wo bleibt die Freimaurerei als Stimme der Vernunft?

Da sich am Beispiel der Corona-Krise gerade zeigt, wie träge teilweise die Politik, unvorbereitet die Wirtschaft und interessenorientiert selbst angesichts solcher Szenarien manche Lobbygruppen reagieren, ist die Zivilgesellschaft, sind Nichtregierungsorganisationen umso stärker gefordert. Einige Berufsgruppen, Unternehmer und Bewegungen laufen in dieser Zeit zu bewundernswerter Form auf. Auch einzelne Logen und Brüder. Aber wo bleibt die Freimaurerei als solche? Als Stimme der Aufklärung, der Vernunft?

Der verdiente Bruder Hans-Hermann Höhmann mahnte in der vergangenen Ausgabe der „Humanität“: „Wenn wir aufhören, unsere Gedanken und Handlungen an den Prinzipien Humanität, Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz und Friedensliebe auszurichten, hören wir auf, Freimaurer zu sein.“ Und Bruder Helmut Reinalter aus Innsbruck schrieb im Ankündigungstext seines 2018 erschienenen Buches „Die Zukunft der Freimaurerei“: „Die Freimaurerei war und ist eine Vereinigung, die unter Achtung der Würde des Menschen für Aufklärung, konkrete Humanität, evolutionären Humanismus, Ethik, freie Entwicklung der Persönlichkeit, Menschenrechte, allgemeine Menschenliebe, Glaubensfreiheit und Toleranz eintritt. Diese Werte müssen mit den geistigen Strömungen der Zeit konfrontiert und vertiefend weiterentwickelt werden. Nur so kann zeitgemäß und auf dem aktuellen Wissensstand Freimaurerei als Idee und gemeinschaftliche Praxis lebendig gehalten werden.“

Genau. Und wenn wir den Satz aus dem Ritual „Geht nun hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer“ befolgen und, wie Erich Kästner empfohlen hat, Gutes tun und darüber reden, können wir eine Menge bewirken. Aber dazu müssen wir dringend aus unserer Kuschelecke heraus, denn die Freimaurerei ist in diesen bewegten und bewegenden Zeiten, in denen die Menschheit vor immensen Herausforderungen steht, als aufklärerische und humanistische Kraft sehr gefordert.

In der jetzigen Situation steckt auch eine große Chance

Um dem gerecht zu werden, müssen wir viel konsequenter agieren. Denn ebenso wenig wie es reicht, als Christ die Kirchensteuer zu bezahlen und den Gottesdienst zu besuchen, um tätige Nächstenliebe zu praktizieren, genügt es, als Freimaurer seinen Logenbeitrag zu entrichten und die Tempelarbeiten zu besuchen, dort über oftmals wichtige Themen und über unsere hehren Ziele zu reden, um diesen auch faktisch näher zu kommen. Schließlich reden wir vom „Bau des Tempels der Humanität“ und nicht nur von dessen Beschreibung.

Die Freimaurerei ist einmal als Kraft für die Aufklärung, als Avantgarde eines gesellschaftlichen Aufbruchs angetreten. Doch jetzt lähmt sie sich mit Diskussionen über Regularität und manche Traditionen selbst, schaut zu Recht stolz auf unsere Altvorderen zurück, aber heute nicht mehr selbstbewusst nach vorn. Und deshalb auch nicht auf ihre Gegenwart, denn da gäbe es einiges zu ändern. Dabei werden diejenigen, die es wagen, Neues anzustoßen, allzu oft als störend empfunden. Stagnation und dadurch – das ist nicht nur meine Sorge – zunehmende Bedeutungslosigkeit dürften die Folgen sein. Dabei steckt so vieles in der Freimaurerei, das jetzt gefragt wäre. „Freimaurerei war immer“, hat Lessing gesagt. Sie bleibt wahrscheinlich auch immer, aber fraglich ist, wie lange sie von außen überhaupt noch wahrgenommen und für das, was in ihr steckt, geschätzt wird.

In der jetzigen Situation steckt aber auch eine große Chance. „Charakter zeigt sich in der Krise“, soll Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt haben. Dass die Freimaurerei einen sehr guten kollektiven Charakter hat, kann sie nun über ihre eigenen Reihen hinaus beweisen. Dabei darf sie genauso wenig wie Politiker, die meinen, mit Konzepten von gestern oder vorgestern die Politik von heute und für die Zukunft gestalten zu können, nur auf ihre wirklich tolle Vergangenheit und Traditionen verweisen, sondern muss sich vielmehr präsentieren als Teil der (Welt-) Gesellschaft, der die Probleme verstanden und zu den Lösungen Gedanken, Ideen und eine Haltung beizutragen hat.

Das Bestehende zu verändern und zu verbessern ist unser Antrieb

Im Gegensatz dazu habe ich die real existierende Freimaurerei zuletzt aber immer mehr als mit sich selbst beschäftigte Gruppierung erlebt, die schon dann, wenn sie zumindest einmal in sich selbst ruht, zufrieden ist. Die über die Welt, deren Probleme und über mögliche Lösungen redet, sie auch erkennt, aber nichts oder allenfalls nur wenig tut im Sinne des großen Zieles, des Tempelbaus der Humanität.

Dabei gibt es durchaus vielversprechende neuere Entwicklungen in der Freimaurerei. Wenngleich sie einen Großteil ihrer Kraft aus der Vergangenheit schöpft, verfügt sie auch aktuell über großes Potenzial. Schließlich hat sie Spezialisten für nahezu alle Bereiche in ihren Reihen, die für die Gesellschaft und die ganze Menschheit von großer Bedeutung sind. Viele Brüder arbeiten in sogenannten systemrelevanten Berufen oder engagieren sich als Ehrenamtler und auf anderen Wegen für die Allgemeinheit.
Die Freimaurerei könnte gerade in Krisenzeiten wie diesen viel mehr nach innen und vor allem nach außen leisten, wenn sie nur in der Lage wäre, sich kontinuierlich selbst zu hinterfragen und sich auf Basis der Antworten fortzuentwickeln. Sie darf nicht zu einem unbeweglichen Klotz aus der Vergangenheit verkommen, sondern muss fortlaufend an sich selbst hämmern und meißeln. Wie jede Bewegung und Organisation, die zeitgemäß wirken und fortschrittliche Ziele verfolgen will.

Das vermissen einige Brüder in der freimaurerischen Praxis inzwischen sehr. Ich bin mir sehr sicher, dass unsere altvorderen Brüder, wie etwa der Verfasser der „Alten Pflichten“, James Anderson, uns heute, könnten sie unsere Arbeit verfolgen, so oder ähnlich raten würden: „Liebe Brüder im noch halbwegs jungen 21. Jahrhundert! Wir waren vor gut 300 Jahren Avantgarde und fanden, dass die Welt nichts mehr brauchte, als Aufklärung. Wir haben versucht, diese zu fördern. Tut dies bitte in Eurer Zeit ebenfalls nach Kräften. Ihr habt nun andere Voraussetzungen und Möglichkeiten. Nutzt diese Werkzeuge. Denn das Bestehende zu verändern und zu verbessern war auch unser Antrieb.“

Mein erstes freimaurerisches „Patenkind“ hat in seiner Lehrlingszeichnung betont, dass er in der Freimaurerei eine Art Werkzeugkasten für das Leben sehe. Inzwischen ist der Bruder längst zum Meister erhoben und wir sind uns darin einig, dass dieser Werkzeugkasten den Gegebenheiten und Erfordernissen unserer Zeit angepasst werden muss, damit wir ihn auch zielgerichtet einsetzen können. Dabei werden althergebrachte Werkzeuge wie Hammer und Meißel, Winkelmaß und –waage, Zirkel, Senkblei und Maßstab nie ihre Bedeutung verlieren. Ebenso wie manche Traditionen, die unsere humanistischen Werte symbolisieren, diese konservieren und auch heute an sie erinnern. Doch Letzteres müssen wir auch ernstnehmen, als Auftrag verstehen. Ansonsten verkommen Traditionen zum bloßen Selbstzweck.

Zu tun gibt es in der Gegenwart wahrlich genug. Während wir von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ reden und diesen Ansprüchen auch in unseren eigenen Reihen nicht immer gerecht werden, hat die Welt ein großes Gerechtigkeitsproblem, das zu Unfreiheit, Ungleichheit und Missgunst führt – innerhalb der jeweiligen Gesellschaften und weltweit. Dazu hat Bruder Hans-Hermann Höhmann einen wunderbaren Vorschlag gemacht: Statt über eine Aktualisierung der „Alten Pflichten“ oder gar „Neue Pflichten“ nachzudenken, sollte die Freimaurerei sich künftig der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“ des aus ehemaligen Staats- und Regierungschefs bestehenden InterAction Councils (IAC) verpflichtet fühlen, deren Inhalt nach außen vertreten und durch eigene Aktivitäten mit Leben füllen. Das wäre im Kampf gegen Hunger, Krankheiten und zur Bekämpfung von Fluchtursachen schon ein großer Schritt.

Auch in anderen Zusammenhängen gilt, dass die Freimaurerei nicht vollkommen unpolitisch bleiben kann, es im Grunde auch nie war. Es war und ist richtig, sich als Organisation, die das Trennende überwinden und das Verbindende stärken will, aus Parteiengezänk herauszuhalten. Doch Aufklärung und Humanität zu vertreten und zu stärken ist Politik. Und sollen wir Parteien, die unsere Werte mit Füßen treten, wirklich einfach ignorieren? Das ist in der Geschichte schon einmal übel schiefgegangen.

Wie können wir zu Kriegen wie dem in Syrien und anderen, in denen die Humanität unmenschlichen Interessen geopfert wird, schweigen? Ebenso zum Klimawandel, der schon jetzt weiten Teilen der Welt schwer zu schaffen macht, aber unsere Kinder und Enkel bedrohen wird, wenn die meisten von uns in den ewigen Osten vorangegangen sein werden?

„In der Krise offenbart sich der Charakter“

Da der Tempel der Humanität wohl nie ganz fertig werden wird, ist er ein dauerhaft in die Zukunft gerichtetes Projekt. Der berühmte britische Schriftsteller H. G. Wells, der zwar kein Mitglied war, der Freimaurerei aber inhaltlich sehr nahestand, betonte, dass bestmögliche Kenntnis der Geschichte einen in die Lage versetze, in der Gegenwart die Zukunft zu gestalten. Die Freimaurerei sollte genau in diesem Sinne ein wesentlicher Faktor werden, denn würde sie sich auf ihrem traditionellen Fundament aus Aufklärung und Humanität ins Geschehen einmischen, würden „alle den wohltätigen Einfluss der Maurerei erkennen.“

Die Corona-Krise, die uns mit ihren Aus- und Nachwirkungen sicherlich noch lange Zeit beschäftigen wird, bietet die Gelegenheit zu zeigen, welch positive Kraft in der Freimaurerei steckt. Schließlich offenbart sich derzeit besonders deutlich, wer im Gegensatz zu Raffgierigen und Egoisten human und empathisch handelt, sich für andere und die Allgemeinheit einsetzt. Letztere sollten wir nach Kräften unterstützen und auch darüber reden. Es wäre Dienst im Sinne der Humanität und würde die Freimaurerei als in der Gegenwart anpackende und zukunftsgerichtete Kraft mit Tradition für die Öffentlichkeit sichtbarer machen und stärken.

Der eingangs zitierte Bruder und Astronaut Edgar Mitchell schrieb 25 Jahre nach seiner Mondlandung im Vorwort meines Buchporträts des berühmten Denkerzirkels „Club of Rome“: „Die Aufgaben sind gewaltig, und doch finden die Lösungen ihren Anfang in einer einzigen Überlegung. Und die muss sein, jedes einzelne Handeln unseres tagtäglichen Lebens in Frage zu stellen und zu beurteilen, ob es zum Problem oder zur Problembewältigung beiträgt.“

Eben. Deshalb sollten wir Freimaurer den „Tempel der Humanität“ nicht nur als Spruch auf den Lippen führen, sondern vielmehr die Werkzeuge in die Hand nehmen, um auch weiter an ihm zu bauen. Die Menschheitsprobleme werden drückend, schreien nach Lösungen oder zumindest Linderung. Wenn wir Freimaurer es mit der Humanität ernst meinen, dann müssen wir, wie es neudeutsch heißt, nun liefern. Denn, wie unser Bruder Johann Wolfgang von Goethe es formulierte: „Alles Gute, was geschieht, setzt seiner Natur nach sogleich das nächste in Bewegung.“ Die Welt kann es gebrauchen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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