Freimaurerei – ethischer Bund oder Religionsgemeinschaft?

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Freimaurer teilen Werte, die sich auf den Menschen im Hier und Jetzt beziehen. Freimaurer stimmen in den moralischen Überzeugungen überein, aus denen heraus sie empfinden, denken und handeln. Freimaurer müssen aber nicht im Hinblick auf die Quellen übereinstimmen, aus denen sich ihre freimaurerischen Werte und Überzeugungen jeweils individuell speisen, wie zum Beispiel einen religiösen Glauben.

„Habt ihr ihn gefragt, welchen Standes er ist, zu welchem Glauben er sich bekennt und welcher politischen Partei er angehört?“ – so will der leitende Meister bezüglich des Suchenden vor der Aufnahme vom Vorbe¬reitenden Bruder wissen, und die Antwort lautet: „Nein, denn die Gesetze unseres Bundes verbieten es, danach zu fragen“.

Rudolf Penzig

Rudolf Penzig, in den neunzehnhundertzwanziger Jahren Großmeister des reformorientierten „Freimaurerbunds zur aufgehenden Sonne“, hat diesen Gesichtspunkt bereits vor hundert Jahren inhaltlich überzeugend und sprachschön zum Ausdruck gebracht (Zitat): „Wie ein Strom von den verschiedensten Quellen und Nebenflüssen aus Himmelshöhen und Erdentiefen gespeist wird, so mag auch der Wille zur Vervollkommnung der Menschheit seine lebendige Kraft aus religiösen oder humanen, göttlichen oder menschlichen Beweggründen schöpfen – dass er da sei und wirke und die ganze Menschheit endlich erfülle, – darauf kommt es an.“

Was bedeutet Freimaurerei in der Tradition von Humanismus und Aufklärung?

Für mich findet humanitäre Freimaurerei in einem vierfachen Selbstverständnis ihren Aus­druck, wobei sich die genannten Aspekte gleichrangig miteinander verbinden:

Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Frei­maurerei Pflege von Freundschaft und Geselligkeit. Die Logen der Freimaurer sind Gemeinschaften, die „gute und redliche Männer, Männer von Ehre und An­stand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen“ (so bekanntlich die Alten Pflichten) über alle weltanschaulich-religiösen, politi­schen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg verbinden wollen.
Die Geselligkeit der Logen ist ebenso traditionsreich wie komplex: freundschaftliches Miteinander, Empathie und Takt, soziales Handeln, gemeinsames Erleben und Praktizieren von Kultur, geistige Arbeit und Pflege von Diskursen: all das gehört zusammen, und durch all das wollten ja auch schon die Bürger und Brüder der Aufklärungszeit Tugend und Bildung einüben und – als Vorbild für die gesamte Menschheit – zu besseren Menschen werden.

In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimau­rer ethisch orientierte Assoziationen, in denen ge­meinsam „laut nachgedacht“ werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation für moralisches Handeln ausfindig zu ma­chen. Freimaurer stimmen darin überein, dass sie Werten verpflichtet sind, die sie – im Sinne eines Orientierungsrahmens – mit alten humanistisch-aufklärerischen Begrifflichkeiten wie Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe umschreiben. Der Freimaurerbund entwickelt zwar kein eigenes ethisches System und versucht schon gar nicht, ethische Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Dennoch gibt die Freimaurerei mit ihren alten Wertpositionen Orientierungen für ihre Mitglieder vor, moralische Wegweiser gleichsam für den Lebensweg. Im Vergleichen von Realität und Wert­maßstab, im gemeinsamen Nachdenken und in kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile eingeübt werden, die ein Umset­zen ethischer Überzeugungen in die Lebenspra­xis des einzelnen Freimaurers bewirken.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden, in sieben Thesen zusammengefassten Grundsätze für die Freimaurerei, wie wir sie verstehen, von besonderer Bedeutung:

  1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.
  2. Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.
  3. Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.
  4. Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.
  5. Friede mit der Natur und nachhaltiger Umgang mit ihren Ressourcen sind Bedingungen menschlichen Daseins in industriegesellschaftlichen Verhältnissen.
  6. Wertschätzung von Reichtum und Vielfalt der Kulturen der Welt und Orientierung an der alten freimaurerischen Hoffnung, „dass das menschliche Geschlecht eine Bruderkette werde“ sind Grundlagen einer stabilen internationalen Friedensordnung,
  7. und schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbst-kritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind. Wissen und Vernunft dürfen nicht rein instrumentell zum Wirken kommen, sie sind mit Verantwortung zu verbinden.

Diese sieben Orientierungen, die mehr pragmatischen als systematischen Charakter besitzen, die den Charakter von Themen tragen für eigene diskursive Variationen, bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ für den Maurer von heute eine vorzügliche Methode sein.

Ihr betont säkularer Charakter bedeutet gleichzeitig, dass sich eine humanistisch orientierte Freimaurerei sowohl gegenüber der christlich-gnostischen Tradition des Bundes als auch gegenüber hermetisch-esoterischen Mythen skeptisch verhält. Einer christlichen Freimaurerei ist die in meiner Sicht unverzichtbare Eigenschaft verloren gegangen, Brücken zwischen den Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung zu bauen, und was die Esoterik betrifft, so können freimaurerische Rituale zwar auch in der humanistischen Freimaurerei esoterisch verstanden werden, und die Freimaurerei kann Ort esoterischer Diskurse sein. Diese dürften umso fruchtbarer ausfallen, je mehr man sich von der in alten Ritualen – auch denen heute noch aktiver „Hochgradsysteme“ – geronnenen, oft wenig authentischen Esoterik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts befreit, sich den heute zugänglichen ursprünglichen Quellen der Esoterik zuwendet und die mittlerweile beachtlichen Resultate der Esoterikforschung in seinen freimaurerischen Horizont mit einbezieht. Die Beschäftigung mit Esoterik als einer Denktradition und überlieferten religiösen Sichtweise bedeutet aber nicht, dass die Verheißung einer Entschlüsselung geheimer Codes und „verlorener Symbole“ im Mittelpunkt der Freimaurerei und ihrer Rituale stehen dürfte. Mit einer Freimaurerei à la Dan Brown und den damit verbundenen obskuren Bilderwelten ginge jeder Anspruch auf Ernsthaftigkeit verloren.

Die Logen der Freimaurer bieten einen auf Symbole und Rituale gegründeten spiri­tuellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder ver­ankert werden. Das Ritual ist keineswegs die ganze Freimaurerei, doch es ist das, was Freimaurerei von anderen Bünden mit humanitärer Einstellung unterscheidbar macht. Das Ritual lehrt durch Symbole, Metaphern und rituelle Handlungen und rundet so die soziale und diskurs-ethische Praxis der Loge durch eine die Gesamtperson des Bruders erfassende und verändernde spirituelle Dimension ab. Initiationen, performatives Sprechen und Handeln sowie mimetisches Lernen sind hierbei die wesentlichen Elemente.

Das Ritual lässt die Werte des Bundes, die wechselseitigen Beziehungen der Brüder sowie die Chancen für die eigene innere Entwicklung sinnlich und emotional erfahren.

Das Ritual öffnet das Bewusstsein des Maurers für ein Wahrnehmen bisher verborgen gebliebener Schichten der Persönlichkeit. Dadurch vermittelt es nicht nur Denkanstöße, sondern es wird auch zum Medium der Selbsterfahrung und der Selbstentwicklung.

Allerdings: Das Ritual besitzt keinen Offenbarungscharakter, es vermittelt keine Heilslehren, und es hat keine magische Qualität. Zuletzt und ganz deutlich: Das Ritual begründet keine Religion, und es sollte auch keine ersatzreligiösen Funktionen übernehmen.

Durch die Zusammenfassung der drei vorgenannten Elemente in einem auf einander abgestimmten Gesamtkonzept wird Freimaurerei zu einer Lebenskunst der Praxis, die freundschaftliches Miteinander und ethisch-moralische Daseinsorien­tierung durch Symbole und Rituale in der Gemeinschaft der Loge sowohl ratio­nal erfassbar als auch emotional erlebbar macht. Freimaurerische Lebenskunst zielt nicht zuletzt darauf hin, Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst wie Selbsterkenntnis, Selbstkritik und Selbstrespekt,
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen wie Empathie, gegenseitige Hilfe und tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose;
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt wie Verantwortung zu übernehmen für Gesellschaft und Umwelt;
  • schließlich Stile des Umgangs mit Transzendenz, was letztlich meint, im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.

Insgesamt ist humanitäre Freimaurerei somit keineswegs primär Kultgemeinschaft oder gar religiöse Vereinigung, wie dies gelegentlich postuliert wird. Die Logen sind vielmehr in erster Linie ethisch orientierte Freundschaftsbünde, in denen sich humanistische Gesinnung und humanitäre Praxis auf symbolisch-ritueller Grundlage im Sinne einer auch im Alltag tauglichen Lebenskunst entfalten können.

Wie steht es nun um das Verhältnis zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion?

Trotz aller Abgrenzung gegenüber der Religion war die Entwicklung der Freimaurerei von Anfang an in starkem Maße von religiösen Diskursen bestimmt. Und diese Diskurse müssen im Sinne notwendiger Klärungen und Festlegungen auch weitergeführt und zu einem Abschluss mit klaren Aussagen gebracht werden – und zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext. Sonst können sich die Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion, Loge und Kirche nicht befriedigend entwickeln. Dabei müssen Vernunft und Argumente gelten und hergebrachte Abhängigkeiten von der Vereinigten Großloge von England überwunden werden.

Mir stellt sich das Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion – in vier Thesen gefasst – folgendermaßen dar:

  1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Selbst auf der Internetseite der doch eher konservativ eingestellten Vereinigten Großloge von England heißt es dazu (Zitat): „Freimaurerei beansprucht nicht, die Religion eines Bruders zu ersetzen. Sie hat es mit dem Verhältnis des Menschen zu seinem Mitmenschen zu tun, nicht mit seinem Verhältnis zu Gott.“ Es ist bedauerlich, dass die Englische Großloge aus solchermaßen richtigen Einzelerkenntnissen bisher noch nicht die erforderlichen allgemeinen Schlussfolgerungen gezogen hat und dass die internationale Freimaurerei nicht den Mut hat, hier einmal kritisch einzuhaken.
  2. Die Freimaurer haben und brauchen keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters der Welt“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und als solches ist ihm vom Freimaurer mit Ehrfurcht zu begegnen. Ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch durch Konsens gefunden – Verantwortung begründet und auf das Ethik und moralisches Verhalten des Freimaurers letztlich rückbezogen sind.
    Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne seinen Charakter auszubuchstabieren, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ verstanden werden kann, wie es der Philosoph Ernst Tugendhat einmal formuliert hat.
    In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der humanitären Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol.
    Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte dies in meiner Sicht daher da geschehen, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist, d.h. 1. Könige 6 oder 2. Chronik 3.
  3. Die freimaurerische Tempelarbeit ist Feier und Fest, sie ist Kontemplation und Reflexion, sie ist ein kreatives und ein emotionales Erlebnis, aber sie ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole, Metaphern und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  4. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Der Mensch steht im Mittelpunkt, der „bloße“ Mensch, wie Lessing sagt. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass die Brüder Freimaurer mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen,
    dass sie
    zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind
    und dass sie dem Gebot der Alten Pflichten folgen: „Vor allem übt brüderliche Liebe. Sie ist Grundstein und Schlussstein, Kitt und Ruhm unserer alten Bruderschaft“. 
    Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann eine überzeugende konzeptionelle Grundlage der humanitären Freimaurerei entwickelt werden, eine konzeptionelle Grundlage, die auch in der Öffentlichkeit gut vertreten werden kann und die eine überzeugende Grundlage ist für die Gewinnung neuer Mitglieder.
    Auf einer solchen Grundlage kann auch das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist: die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

Für den Freimaurer gibt es keine prinzipiellen Widersprüche zwischen Freimaurerei, Religion und Kirche. Freimaurerei bedeutet weder militanten Atheismus noch Kirchenkampf. Freimaurerei bedeutet religiöse Toleranz, wenn auch hier – wie überall stets – eine wache, eine kritische, eine skeptische Toleranz am Platze ist. Andererseits sieht der Freimaurer auch bei gründlichster und gewissenhaftester Prüfung keinerlei Gründe dafür, dass Kirchen die Mitgliedschaft in Logen untersagen.

Erfreulicherweise stimmen dieser Auffassung inzwischen ja auch prominente Katholiken zu. So sagte etwa Hans Küng in seiner Dankansprache nach der Verleihung des „Kulturpreises Deutscher Freimaurer“ hier in Köln im Jahre 2007 (Zitat): „Mit vielen anderen in allen christlichen Kirchen teile ich die Überzeugung, dass ein Christ Freimaurer sein kann und ein Freimaurer Christ. Besonders in den USA, in Italien und Österreich sind die Zugehörigkeit zu Kirche und Freimaurertum alltägliche Praxis. Hier und da gehören auch herausragende Vertreter der römisch-katholischen Kirche dem Bund an. Und gerade, dass der Freimaurerbund als solcher dogmenfrei sein will, ermöglicht die Mitgliedschaft ja sowohl Angehörigen eines religiösen Glaubens als auch Vertretern anderer Weltanschauungen, solange sie tolerant und den Idealen der Menschlichkeit verpflichtet sind.“

Ein letzter Gedanke noch zum Kontext Freimaurerei und Religion: Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen durch den Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich – was immer der einzelne Bruder denkt und glaubt – als Freimaurerei spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.

Meine Brüder, „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“. Dies gilt in meiner Sicht auch für Freimaurerei.

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt. Ein Weg – es gibt andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – bescheiden, aber vielleicht doch spürbar – dazu beitragen kann, die Gesellschaft der Gegenwart mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.