Freimaurerei ist für Menschen da

Grafik: bakhtiarzeln / Adobe Stock

Wie sich aus den Menschenrechten und -pflichten eine Zukunftsperspektive für unseren Bruderbund ableitet.

Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von den Vereinten Nationen proklamiert, als direkte Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Ihre Vorläufer sind die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789. Unter den Verfassern befanden sich zahlreiche Brüder Freimaurer. Und: Vor 22 Jahren wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ verfasst.

Freimaurerei sollte sich immer wieder erkennbar in die Tradition beider Erklärungen stellen und dazu positionieren, wenn Menschrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden. Als Lebensschule kann sie weltweit für alle Menschen da sein. Gelingt ihr das, hat sie eine Zukunftsperspektive, leistet sie einen Beitrag zu dauerhaftem Frieden und zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Das Zitat aus Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 dürfte jedem von uns hinlänglich bekannt sein. Leider verhallen diese und die Sätze der 29 folgenden Artikel der Menschrechtscharta der Vereinten Nationen in unserer bewegten Zeit immer wieder.

Weniger präsent sind uns die beiden anderen Zitate der Artikel 1 und 7 aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Menschenpflichten! Als Zusatz, als Ergänzung, Erweiterung oder, wie wir in Wikipedia lesen können, als Gegengewicht zu den Menschenrechten.

Wobei ich diese Pflichten nicht als Gegengewicht empfinde. Rechte und Pflichten gehören meiner Ansicht nach zusammen. Unzertrennlich. Wer auf seinem Recht besteht, hat auch die Pflicht, es zu wahren und es seinem Nächsten zuzugestehen.
Anders als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ kein offizielles Dokument der Vereinten Nationen. Sie wurde 1997 vom InterAction Council (IAC) der Öffentlichkeit übergeben.
Das IAC wurde 1983 vom inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründet, als lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs. Nach Angaben von Loki Schmidt war der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt an der Idee und der Planung beteiligt.

Die Freimaurerei beschneidet sich in ihrer Wirkkraft

Wir erinnern uns: Helmut Schmidt war nicht nur Staatsmann, er war auch derjenige, der uns Freimaurern vor geraumer Zeit diese Worte ans Herz legte: „Wenn ich es richtig verstehe, so stellen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität die Grundideale der Freimaurerei dar. Diese Grundwerte sind notwendig. Ohne sie kann Europa nicht wirklich zusammenhalten.”

Ich würde das ergänzen: Ohne sie kann die Welt nicht zusammenhalten. Schmidt sagte dies anlässlich der Verleihung des Gustav-Stresemann-Preises im Januar 2015. Unsere Großloge vergab diesen Preis verbunden mit einer Medaille erstmals und würdigte damit die Lebensleistung des früheren Kanzlers.

Schmidt sagte aus diesem Anlass auch:

„Freimaurerei hat prinzipiell keinen Unterschied gemacht hinsichtlich der Nationalität oder der Hautfarbe. Wohl aber hat sie sich durch eine weit ausgedehnte Geheimhaltung ihrer Aktivitäten selbst in ihrer Reichweite eingegrenzt. Ich habe deshalb vor eineinhalb Jahrzehnten schon einmal an die Freimaurer appelliert, ihre begrüßenswerten Gründungen, ihre Spenden, ihre Aktivitäten öffentlich zu machen.“

Der Kanzler spricht hier von einer Freimaurerei, die sich durch Schweigen und Geheimhalten selbst in Wirkung und Reichweite eingrenzt. Seine Worte bergen Zündstoff. Kaum etwas taugt mehr dazu, die Bruderschaft in Wallung zu bringen, als die Frage, wie das, was die Freimaurerei an Gutem tut, nach außen zu kommunizieren wäre. In den vergangenen 30 Jahren ist von der Großloge allerdings sehr viel zur Öffnung unternommen worden, um gegenüber der Öffentlichkeit transparenter zu werden.

Ich würde noch weiter gehen als Helmut Schmidt, der uns den Spiegel vorgehalten hat. Die Freimaurerei hat sich nicht allein durch Geheimhalten ihrer Aktivitäten in ihrer Reichweite und Wirkkraft selbst begrenzt. Auch anderweitig ist es ihr „gelungen“, sich selbst zu beschneiden. Sie hat den ihr in die Wiege gelegten globalen Anspruch in zweifacher Hinsicht vernachlässigt.

Freimaurerei als weltweites Angebot wahrnehmen

Als globale Lebensschule für alle Menschen, gerichtet in alle Länder und in alle Nationen der Welt, hat Freimaurerei es zum einen bisher versäumt, als solche weltweit erkennbar aufzutreten. In der Freimaurerei, vor allem in ihren weiterführenden Graden, gibt es nicht gerade wenige landes-, europa- und weltweite Treffen oder Konferenzen. Aber wer erfährt davon? In der Regel der Bruderkreis. Das ist schön und gut. Aber reicht das heute wirklich noch aus?
Wenn ich ein weltweites Angebot für Menschen habe, eine humanitäre Bewegung global initiieren oder befördern will, dann muss das auch entsprechend kommuniziert werden. Allen Verschwörungstheorien über eine angeblich durch die Freimaurerei angestrebte Weltregierung zum Trotz. Es kommt eben darauf an, wie ich die Freimaurerei als globale Lebensschule, als weltweites Angebot für Menschen kommuniziere. Dies dürfte jedoch kein Problem darstellen, denn in unseren Reihen gibt es genügend Brüder, die sich damit auskennen.

Freimaurerei strebt Weltherrschaft oder eine Weltregierung nicht an. Sie strebt danach, dass Menschen einander im Geist der Menschlichkeit frei, offenen Herzens und ohne Vorbehalte begegnen können und sollen, schwesterlich und brüderlich.

Ja, sie möchte, dass die Welt menschlicher wird und die Menschen dadurch besser, friedvoller und toleranter miteinander umgehen, respektvoller und füreinander interessierter. Ja, sie möchte, dass es uns Menschen gelingt, mehr Kraft für die Bewahrung unserer Erde aufzuwenden, indem wir die weltanschaulichen und religiösen Gegensätze zwischen uns zu überwinden suchen und uns auf das uns allen Gemeinsame, das Menschsein, konzentrieren. Ja, sie möchte, dass Menschen fähiger werden, sich stärker mit sich selbst, mit ihren Schicksalen, mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, als damit, einander Schaden zuzufügen, die gemeinschaftlichen Ressourcen auszubeuten und damit die Natur und ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Nein, sie hat nicht vor, die Menschheit unter ihre Fuchtel zu bekommen und alle Menschen in einer Weltdiktatur gleichzuschalten, aber sie will die Menschheit zur Menschlichkeit und menschlichem Umgang wachrufen. Nein, sie will nicht das Ende der Religionen herbeiführen und auch nicht deren Vielfalt abschaffen, aber das Zeitalter der unabdinglichen religiösen Toleranz einläuten. Nein, ihr Ziel ist es nicht, Relativität und Relativismus in allem und von allem zu mehren, ihr Ziel ist es, das Menschsein und die Menschlichkeit in allem und von allem zu fördern.

Wenn es tatsächlich einmal so etwas wie eine Weltregierung in freimaurerischem Geist geben sollte, sie wirklich der Humanität diente, sich mit ihr Hunger, Not und Krankheit auf der Erde beseitigen ließen und sie uns vor den gegenwärtigen Bestrebungen bewahren könnte, die Grenzen zwischen Menschen und digitalen Maschinen aufzuheben, wäre sie dann so schlecht, wie Verschwörungstheorien uns das nahelegen wollen?

Freimaurerei geht alle Menschen an

Als globale Lebensschule hat Freimaurerei es zum anderen vernachlässigt, hervorzuheben und zu betonen, dass sie ihrem Wesen und ihrer Natur nach ein Angebot darstellt, das sich zuallererst an Menschen wendet, an Männer wie Frauen, nicht an Geschlechter. Dadurch ist der Eindruck entstanden – und er besteht vielerorts immer noch –, Freimaurerei sei nur etwas für Männer. Schlimmer noch: Freimaurerei sei antiquiert, machoistisch, altbacken, frauenfeindlich. Was sie aber partout nicht ist und auch nicht sein will. Freimaurerei, zwar auf das vorwiegend von Männern geprägte Zunftwesen zurückzuführen, ist aus ihrem Entstehen, ihren Statuten und Lehren heraus eine auf den Menschen, nicht auf die Geschlechter zielende Lehre.

An der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 haben acht Männer und Frauen aus Australien, Chile, China, Frankreich, dem Libanon, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten zwei Jahre gearbeitet, und Eleanor Roosevelt, Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, eine Frau, hat sie verkündet.

Nirgendwo in den Vorläufern der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist die Rede von Männern. Immer wird von Menschen, manchmal auch Bürgern, gesprochen, in der „Virginia Declaration of Rights“ von 1776, in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus demselben Jahr, in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789. Auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ spricht von Menschen und Personen, nicht von Männern und Frauen.

Die Freimaurerei steht in der Tradition der Menschenrechte, nicht der alleinigen Männerrechte oder Frauenrechte. Ebenso in der Tradition der Menschenpflichten. Niemand, der Freimaurerei wirklich verstanden hat, kann allen Ernstes sagen, Freimaurerei richte sich nur an Männer. Freimaurerei geht den Menschen an, nicht das Geschlecht. Sie ist für den Menschen da.

Ziele und Zwecke der Bruderschaft nach außen kommunizieren

Die Begrenzung in Wirkung und Reichweite, die sich die Freimaurerei selbst auferlegt hat, besteht also nicht nur in Bezug auf das Geheimhalten ihrer Aktivitäten und den Umgang mit der Öffentlichkeit. Auch ein fehlendes weltweit sichtbares Bekenntnis, von Beginn an in der Tradition der Menschenrechte und inzwischen auch in der der Menschenpflichten zu stehen, das fehlende Hervorheben, eine globale Bewegung mit Jahrhunderte alter Menschenrechtstradition zu sein, beschränkt die Freimaurerei hinsichtlich ihrer Reichweite und Wirksamkeit überdeutlich und zu Unrecht.

Was also sollte Freimaurerei unternehmen, um überhaupt eine Zukunftsperspektive zu haben?

Sie sollte erstens für sich selbst ein entspanntes Verhältnis zur Geheimhaltung ihrer Aktivitäten und zum Arkanum gewinnen. Letzteres kann nicht preisgegeben werden, soviel man auch darüber sagen, debattieren oder schreiben mag. Es kann nur erlebt werden. Das wird immer so sein.

Noch weiter als bisher gehende Kommunikation der Ziele, Zwecke und Wirkweise der Freimaurerei ist das Gebot der Stunde, in allen Medien, auch in den sozialen, in denen sie nur rudimentär vertreten ist, und zwar auf der gesamten Breite und Palette der mittlerweile vorhandenen digitalen Möglichkeiten und Kanäle. Über die aufklärerische Tradition, die humanistische Lehre und das Gute, das Humanitäre zu sprechen, das der Freimaurerei innewohnt, ist nicht verwerflich. Es verrät kein Geheimnis. Es nimmt Einzuweihenden nicht einen Deut vom Erlebnis.

Freimaurerei sollte sich zweitens ganz bewusst und freien Mutes, sichtbar und dauerhaft immer wieder weltweit erkennbar in die Tradition der Menschenrechte und -pflichten stellen, aus der sie sich entwickelt hat. Dazu gehört es, dass sie sich lokal, national und global positioniert, wenn Menschenrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden.

Es gibt dazu eine Einschätzung von John McCain, dem 2018 verstorbenen republikanischen Gegenspieler Donald Trumps und ehemaligen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: „Wenn man die Verpflichtung Amerikas, international zu führen, zurückweist, ebenso wie unsere Pflicht, die letzte große Hoffnung der Welt zu bleiben, um einem halb garen, zweifelhaften Nationalismus nachzugeben, der auf Leute zurückgeht, die lieber Sündenböcke suchen, als Probleme zu lösen, dann ist das unpatriotisch. Ebenso unpatriotisch, wie anderen Lehren der Vergangenheit zu folgen, die die Amerikaner schon auf dem Aschehaufen der Geschichte sahen. Wir leben in einem Land, das aus Idealen gemacht ist, nicht aus Blut und Boden.“ Wir können in diesem Zitat Amerika gegen Europa austauschen und erhalten denselben wichtigen Aufruf.

Freimaurerei sollte drittens den alten Zopf abschneiden, zu meinen und zu publizieren, sie sei eine Einrichtung und Lebensschule ausschließlich für Männer. Das ist sie ihrem Geist nach nicht. In meinen Augen war sie es nie. Ihre durchaus vorhandenen und männlich geprägten Traditionen muss sie deswegen nicht verwerfen oder aufgeben. Das bedeutet auch anzuerkennen und zuzulassen, dass es Männerlogen, Frauenlogen und gemischte Logen geben kann, dass vom freien und offenen Besuch untereinander keinerlei Gefahren für das Wesen und Überleben der Freimaurerei ausgehen. Natürlich, sofern gewährleistet ist, dass alle jene Logen im humanistischen freimaurerischen Geist arbeiten.

Freimaurerei als weltweit wirksame Lebensschule

Dazu, um eine wirkliche, letztlich tiefgreifende und von Grund auf erneuernde Veränderung in Gang zu setzen, kann es und muss es vielleicht sogar notwendig werden, dass sich Freimaurerei von der langen Tradition verabschiedet, das Entstehen neu gegründeter, regulärer Logen allein von der Anerkennung der freimaurerischen Institutionen des freimaurerischen Mutterlandes abhängig zu machen und die Arbeitsweise bereits existierender Logen allein von den Reglements des freimaurerischen Mutterlandes aus zu beurteilen. Eines freimaurerischen Mutterlandes, das es übrigens erst kürzlich zugelassen hat, dass es sich selbst von einer zutiefst freimaurerischen Idee verabschiedet hat: von Europa.

Könnte Freimaurerei lokal, national und global diesen Gedanken durchsetzen, ergäben sich durchaus Zukunftsperspektiven, die folgendermaßen aussähen:

Aus der Freimaurerei würde tatsächlich die erste weltweit wirksame Lebensschule für Menschen aller Nationen, zu der nicht nur alle Menschen Zutritt haben, sondern in der auch alle Menschen gemäß den Allgemeinen Menschenrechten und Allgemeinen Menschenpflichten unterrichtet würden.  Aus der Freimaurerei könnte, gerade weil sie eine Schule der Humanität und Toleranz ist, endlich weltweit die Wirkkraft werden, die es vermag, die seit Jahrtausenden währenden Gegensätze zwischen den Weltreligionen und allen anderen Religionen zu überwinden und die damit verbundenen Feindseligkeiten und Kriege zwischen den Menschen auf der Erde.
Sie könnte das, weil sie eine Lebensschule ist, die es Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und Religion ermöglicht, sie zu besuchen, ohne dabei die eigenen Lebenseinstellungen und Glaubensgrundsätze aufgeben zu müssen, solange sie nicht gegen die allgemeinen Menschenrechte und -pflichten verstoßen.

Religionen sind dazu nicht in der Lage, weil Missionsgeist, Selbstbezogenheit und Tunnelblick sie in der Regel bremsen und oft gerade das Gegenteil bewirken.

Schließlich könnte Freimaurerei dazu beitragen, dass es der Menschheit immer mehr gelingt, dauerhaft in Frieden zu leben, dauerhaft ohne Hunger und Not auszukommen und sich endlich gemeinsam und dauerhaft der Erhaltung und Pflege unserer Lebensgrundlage zu widmen: der Erde. Nicht nur die Menschen auf diesem Planeten sind in Bedrängnis, sondern auch der Planet selbst.

Hierfür müsste es der Freimaurerei jedoch gelingen, sich aus dem Stadium absolut nicht mehr zeitgemäßer Traditionen, übertriebener Selbstbeschau und fortwährender männlicher Selbstbezogenheit zu befreien.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.