Freimaurerei und Bildung

Wer sich mit der Freimaurerei beschäftigt, vor allem, wenn er Freimaurer ist, wird bald feststellen, dass die Freimauerei sehr unterschiedliche Aspekte hat, die für jeden Betrachter ein anderes Gewicht haben:

  • geselliges Beisammensein mit den Brüdern,
  • kontemplative Versenkung während der Tempelarbeiteten,
  • das Bearbeiten des eigenen rauen Steins,
  • karitative Taten,
  • vielleicht auch die Möglichkeit, sich innerhalb der Loge oder gar der Großloge, auf welcher Ebene auch immer, zu betätigen,
  • das Hören der Vorträge und Zeichnungen (so werden die Vorträgen während der Tempelarbeiten genannt) aus den unterschiedlichsten Bereichen

Dazu kommen vermutlich noch mehr Punkte, die ich nicht kenne und die ich nicht kennen muss. Und vor allem stellt diese Liste keine Rangfolge dar, denn es kommt mir überhaupt nicht zu, eine Reihenfolge nach „Wichtigkeit“ oder „wahrer Freimaurer-Haltung“ vorzunehmen.

Für mich persönlich ist ein Kern-Thema der Freimaurerei „Bildung“, allerdings nicht verstanden als Bildung im hergebrachten Sinn, sonders sehr viel umfassender. Ich möchte deshalb in dem nachfolgenden Vortrag darstellen, was ich unter Bildung verstehe, und wo ich dieses Element in allen genannten Punkten finde. Es ist ein sehr subjektiver Vortrag, über Bildung im akademischen Sinne werde ich nicht berichten, da wird man eher bei Wilhelm von Humboldt oder Wolfgang Klafki fündig.

Wenn ich vorhin von „Bildung im hergebrachten Sinn“ gesprochen habe, habe ich natürlich gleichzeitig angedeutet, dass es auch noch eine andere Bildung gibt. Und ich glaube, die Antwort, was diese andere Bildung für mich ist, steckt in dem Wort „Bildung“ selbst. Ich will mich bilden, und ich glaube nicht, dass dieser Prozess jemals abgeschlossen sein könnte. Dabei meine ich mit „Bildung“ eben nicht die Schulbildung, ob sie sich auf die grundlegenden Kulturtechniken beschränkt oder Fremdsprachen, höhere Mathematik und den Zitronensäurezyklus umfasst. Für mich ist Bildung vielmehr ein umfassender Vorgang, den ich in der eigentlichen Bedeutung des Wortes verstehe: ich „bilde“ mich, ich bilde etwas an mir, ich schaffe etwas, wobei natürlich nicht das Äußere gemeint ist, sondern etwas Geistiges. So wie wir auf der Ebene der Moral den rauen Stein bearbeiten, so sollten wir, jedenfalls verstehe ich es so, auf der geistigen Ebene ebenfalls an uns arbeiten. Und ich meine damit nicht das Schlagwort vom „Lifelong Learning“, was immer wieder in Diskussionen auftaucht. da habe ich den starken Verdacht, dass es dabei nur darum geht, uns alle für die ständigen, immer schneller werdenden Veränderungen im Arbeitsleben kompatibel zu machen. Volkswirtschaftlich ein nachvollziehbares Ziel, aber ich komme mir dabei dann doch wie „Humankapital“ vor, das vollkommen austauschbar ist. Wenn die Löhne in Deutschland zu hoch sind, dann verlege ich die Produktion eben nach Tschechien oder Vietnam. Hauptsache, ich finde dort die Infrastruktur und das Humankapital vor, das ich benötige.

Nein, wenn ich Bildung sage und mich bilden will, dann möchte ich nicht Objekt sein, sondern handelndes Subjekt. Ich lege meine Ziele in Freiheit fest, suche mir unter den für mich verfügbaren Medien die geeignetsten aus, und schaue nicht auf irgendwelche Zeugnisse, Bescheinigungen oder Diplome. Die Ziele und Mittel sind allerdings nicht in alle Ewigkeit fest geschrieben, sondern verändern sich fortlaufend, alles was ich lerne, in mich aufnehme, wirft neue Fragen auf, vielleicht komme ich auch an Punkte, wo ich einsehen muss, dass ich an einer bestimmten Stelle nicht weiterkomme, dann suche ich mir eben etwas neues. Aber alles, was ich lerne, nehme ich tatsächlich in mich auf, es wird mehr oder weniger deutlich ein Teil von mir, es verändert und formt mich. Und Lernen meine ich hier nicht rein auf intellektuelle Fähigkeiten beschränkt. Es gibt auch andere Bereiche, in denen wir uns bilden können, und wenn wir uns noch einmal die Liste anschauen, die ich eingangs genannt habe, werden wir feststellen, dass uns die Freimaurerei in all ihren Facetten Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt, auch wenn nicht jeder von uns in jedem Bereich gleich „bedürftig“ ist.

  1. Geselliges Beisammensein mit den Brüdern: Hier übe ich soziale Fähigkeiten ein, zum Beispiel Wahrnehmung des Anderen, Empathie, Kontrolle von Nähe und Distanz, kurz ein Verhalten, das wir alle sicher beherrschen, aber etwas Nachhilfeunterricht kann dem einen oder anderen vielleicht nicht schaden, wobei ich natürlich die Brüder meiner Loge definitiv davon ausnehme.
  2. Kontemplative Versenkung während der Tempelarbeiteten: das ist ein Feld, das im Alltag sicher zu kurz kommt. Wer sich nicht regelmäßig zu Meditationsübungen oder Einkehrtagen im Kloster zurückzieht, hat in der heutigen Welt kaum die Chance, hier an sich zu arbeiten. Ohne Leistungsdruck es einfach einmal aushalten, dass eine Stunde lang nichts Spektakuläres geschieht, dass wir auf uns selbst verwiesen werden, dass wir einfach über Wahrheiten nachdenken, die uns normalerweise leicht entgleiten.
  3. Das Bearbeiten des eigenen rauen Steins: Wenn das nicht Bildung im eigentlichen Sinn ist, dann weiß ich es nicht. Hier stimmt sogar das Bild der Tätigkeit, nämlich einen rauen, unebenen Stein von seinen Ecken und Kanten zu befreien, mit meinem Begriff von Bildung überein, wie überhaupt die gesamte Bausymbolik eine geniale Übersetzung anbietet vom Bauen mit den Händen hin zum Bauen mit geistigen Mitteln.
  4. Karitative Taten: Auch wenn die karitativen Beiträge, die jeder einzelne von uns leistet, nicht die gesamten Probleme der Gesellschaft lösen, so denke ich doch, dass auch in diesem Punkt eine „Bildung“ stattfinden kann, eine „Herzensbildung“ wenn mir dieser altmodische Begriff gestattet ist.
  5. Die Möglichkeit, sich innerhalb der Loge oder gar der Großloge zu betätigen: Was lerne ich hier, wie bilde ich mich hier? Neben sozialen Fähigkeiten erarbeite ich mir hier organisatorische Kenntnisse, vielleicht die Fähigkeit, vor einer größeren Gruppe Menschen zu reden oder Punkte in einer Diskussion angemessen vertreten zu können. Das sind Fähigkeiten, die mich durchaus bilden können im Sinne von „formen“. Vielleicht habe ich diese Fähigkeiten schon vorher besessen, aber auch wenn ich sie erst in der Loge erlernt habe, werde ich sie auf jeden Fall nicht beim Verlassen der Loge wieder ablegen. Ich nehme diese Eigenschaften, die dann zu mir gehören, mit, ich habe mich also verändert, mich „gebildet“.
  6. Vorträge und Zeichnungen: Vielleicht sind wir hier noch am dichtesten an einer „schulischen“ Definition von Bildung dran. Für mich geht es in diesem Punkt jedoch sehr viel weiter, denn ich höre von Themen, die normalerweise weit außerhalb meines normalen Lebensumfeldes liegen. Ich beschäftige mich mit Dingen und bekomme jenseits von purem Faktenwissen möglicherweise einen Eindruck, womit sich die Brüder beschäftigen, was sie bewegt. Auch das erweitert meinen Horizont.

Ich halte die Freimaurerei weder für eine Volkshochschule, in der ich nach Belieben Kurse belege, noch für eine Selbsterfahrungsgruppe, in der mit die Gruppenmitglieder mein Verhalten spiegeln, Feedback geben und so zu einer Verhaltensänderung beitragen. Auch ist die Freimaurerei keine Yoga- oder Meditationsgruppe, kein Stammtisch, an dem ich einmal in der Woche hemmungslos im Kreise von Gleichgesinnten schwadronieren könnte. Wir sind kein Ortsverein von Amnesty International oder Terre des Hommes, keine politische Partei und keine Kirche.

Wir sind viel mehr: Die Loge ist der Ort, an dem Bildung im Sinne von Selbsterziehung geschieht. Wenn ich aus dem Vortrag eines Bruders etwas mitnehmen kann, wenn mich die Stimmung einer Tempelarbeit zum Nachdenken anregt oder mich für eine kurze Zeit dem Alltag entrückt, wenn ich an die Not um mich her denke und meinen kleinen Beitrag leiste, dann habe ich an mir gearbeitet, mich gebildet. Es ist keine klassische Bildung, keine schulische oder akademische, sondern es ist eine umfassendere Bildung. Sie fordert mich als ganzen Menschen, und gibt mir in meiner Gesamtheit etwas. Denken und Fühlen, der Blick nach innen wie der Blick auf die Welt werden geschult, selbst eine Ahnung einer Transzendenz, eines Höheren kann ich möglicherweise erlangen. Und das alles bedeutet für mich „Bildung“.

Ich bilde meinen rauen Stein zu einem behauenen Stein, in den Grenzen, die mir gesetzt sind, aber auch in Freiheit. Ziel ist es nicht, aus allen Brüdern vollkommen gleichförmige Quader zu hauen, so etwas verlangt nur ein totalitäres Regime, eine totalitäre Ideologie. Ich bilde mich in Freiheit, nehme das an, was ich annehmen will, und wenn ein Bruder der Meinung ist, an mir sei noch eine ganz besonders unangenehme Ecke zu bearbeiten, dann kann er es mir sagen. Dann werde ich mich mit ihm auseinandersetzen und versuchen, zu einer für uns beide gangbaren Lösung zu kommen. Denn auch das gehört zur Bildung: Offen bleiben für Anregungen und Vorschläge von außen und dabei doch seinen eigenen Weg in Freiheit gehen.

A. J., St. Alban zum Æchten Feuer, Hoya

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