Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.)

Geselligkeit, Ethik, Ritual: Die drei Säulen der Freimaurerei

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Hans-Hermann Höhmann erklärt in einem Vortrag für Gäste in erfrischender Klarheit und ohne Pathos, aber doch mit spürbarer Begeisterung für die Freimaurerei ihre Idee und Grundlagen.

Ein dreifaches Selbstverständnis kennzeichnet die Grundzüge einer Freimaurerei, die ihre Akzente unmissverständlich im Sinne von Aufklärung und Humanismus setzt. Dabei sind drei Aspekte gleichrangig miteinander verbunden:

I.

Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Freimaurerei Pflege von Geselligkeit. Die Logen der Freimaurer (und der Freimaurerinnen) sind Freundschaftsbünde, die Menschen miteinander verbinden wollen, die – so wussten schon die „Alten Pflichten“ von 1723 – sich sonst nie begegnet wären.

II.

In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimaurer ethisch orientierte Gemeinschaften, in denen gemeinsam nachgedacht werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation für moralisches Handeln ausfindig zu machen.

III.

Schließlich bieten die Logen der Freimaurer einen auf Symbole und Rituale gegründeten spirituellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder verankert werden.

Durch die Zusammenfassung der drei genannten Elemente in einem ganzheitlichen Konzept wird Freimaurerei zu einer Lebenskunst der Praxis, die freundschaftliches Miteinander und ethisch-moralische Daseinsorientierung durch Symbole und Rituale in der Gemeinschaft der Loge sowohl rational erfassbar als auch emotional erlebbar macht.

Freimaurerei ist keineswegs primär Kultgemeinschaft, wie immer wieder postuliert wird. Die Logen sind vielmehr ethisch orientierte menschliche Gemeinschaften, in denen sich humanistische Gesinnung und humanitäre Praxis im Sinne einer auch im Alltag tauglichen Lebenskunst entfalten können. Gewiss spielen die Rituale dabei eine große Rolle, aber die Rituale sind nicht die Freimaurerei.

Dieses dreifache Selbstverständnis, dieses Ruhen auf drei Säulen  gleichsam möchte ich nachfolgend erläutern.

Erste Säule: Geselligkeit und Freundschaft

Freimaurerei will ein Freundschaftsbund sein, der über alle weltanschaulichen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg Menschen miteinander verbindet. Die Freimaurer folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu verbinden, die sich – ich erwähnte es schon – nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufs- und Arbeitswelt, durch die Aufspaltung der Gesellschaft in Menschen, die Arbeit haben, und solche, die arbeitslos sind, durch die vielfältigen Migrationsprobleme, durch die Ausdifferenzierung des Konsum- und Freizeitverhaltens, schließlich durch die sozialen Folgen der Corona-Pandemie neue Schranken zwischen den Menschen entstanden. Demgegenüber wollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein.

Das Leben einer lebendigen Loge hat viele Seiten und eröffnet damit Zugang für unterschiedliche menschliche Neigungen. Die Pflege von Geselligkeit und Kultur gehört von Anfang an ebenso dazu wie die geistige Arbeit, das gemeinsame Nachdenken und der brüderliche Dialog. Die rituelle Arbeit, der festliche Umgang mit Brauchtum und Symbolen, hat ebenso Platz darin wie das gemeinsame karitative Handeln. Viele Logen sind wegen ihrer sozialen Aktivitäten in ihrer Stadt bekannt und geschätzt.

Allerdings: Lebendig sind die Logen nur dann, wenn die Brüder sich und ihren Bund als Freimaurer ernst nehmen. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr. Nichts ist wichtiger als durch engagierte Mitmenschlichkeit glaubwürdig zu sein. Damit sich Freimaurerei als menschliches Miteinander ereignet, ist freilich immer wieder der Mut zu umfassender Begegnung auf der Grundlage der Bruderliebe erforderlich, die, wie der Psychologe und Philosoph Erich Fromm deutlich gemacht hat, immer eine Vielfalt von Verhaltensweisen einschließt:

Sorge tragen, Verantwortung, Respekt und Wissen umeinander. Wenn ich liebe, so trage ich dem geliebten Wesen Sorge, das heißt, ich bin aktiv um sein Gedeihen und sein Glück bemüht, ich stehe ihm nicht als Zuschauer gegenüber. Ich fühle Verantwortung, mit anderen Worten: Ich komme seinen Bedürfnissen entgegen – denen, die der Partner ausdrücken kann, und noch mehr denen, die er nicht ausspricht. Ich respektiere ihn, das bedeutet – im eigentlichen Sinne des Wortes respicere –, ich sehe ihn, wie er ist, objektiv und ohne Verzerrungen durch Wunschdenken und Befürchtungen. Ich weiß um ihn, kenne ihn, bin durch die Oberfläche seines Wesens hindurch zum Kern vorgestoßen und vereine mich mit ihm von meinem eigenen Kern aus, von meiner Wesensmitte, im Gegensatz zum äußeren Sein.

Erich Fromm

Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden. Dass Freimaurerei bis heute meist als Männerbund verstanden und praktiziert wird, ist auf die männerbündische Tradition der Freimaurerei zurückzuführen, soll die Homogenität der Logengruppe festigen und ist mit keinerlei Diskriminierung von Frauen verbunden. Deshalb ist Freimaurerei heute auch bewusst ein „offener“ Männerbund, der Partnerin und Familie weitgehend in das Gemeinschaftsleben der Logen einbezieht.

Zudem hat die deutsche Freimaurerei in den letzten Jahrzehnten durch die Entstehung und erfolgreiche Entwicklung von Frauenlogen eine wesentliche Bereicherung erfahren, und die Tatsache, dass es heute immer mehr Logen freimaurerisch arbeitender Frauen gibt, stellt die weitere Existenz der Loge als Männerbund keineswegs infrage. Im Gegenteil: Sozialform, Ideenwelt und rituelle Praxis erfahren hierdurch eine größere gesellschaftliche Relevanz. Durch eine zunehmende Kooperation zwischen den Logen der Männer und den Logen der Frauen können die freimaurerischen Diskurse gehaltvoller und das Gewicht der Freimaurerei in Kultur und Öffentlichkeit gestärkt werden, ohne dass die Logen der Männer und die Logen der Frauen als Initiationsgemeinschaften ihren jeweils spezifischen Gendercharakter verlieren.

Zweite Säule Ethische Orientierung

Als ethisch orientierter Bund ist die Freimaurerei seit jeher werteverpflichtet, und zwar im Sinne einer wirklich praktizierten Moral. Der Bund entwickelt zwar kein eigenes ethisches System und versucht nicht, ethische Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Dennoch gibt die Freimaurerei mit ihren alten, doch stets aktuellen Wertpositionen Humanität, Brüderlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Friedensliebe und Toleranz Orientierungen für das Denken und Handeln ihrer Mitglieder vor. Im Vergleichen von Realität und Wertmaßstab, in stammtischfernen analytischen Anstrengungen, im gemeinsamen Nachdenken über adäquate Lösungswege und in kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile eingeübt werden, die ein Umsetzen ethischer Überzeugungen in die moralische Lebenspraxis des einzelnen Freimaurers heutzutage bewirken.

Die Verfassung der Großloge AFuAM, zu der auch unsere Loge „Ver Sacrum“ gehört, beschreibt, welche Elemente für die ethische Orientierung der Freimaurer wesentlich sind:

Artikel 2, Absatz 1

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft sowie Erziehung hierzu.“

Artikel 2, Absatz 2

„Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Artikel 2, Absatz 3

„Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden; sie bilden keine Glaubensgemeinschaft“.

Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt. Das Spezielle im Freimaurerbund ist die Methode der Umsetzung. Dabei kommt dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu, denn „Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde“ – auf diese gelungene Formel hat Lessing dies Prinzip gebracht. Ein solcher Diskurs soll Möglichkeiten schaffen, sich zu informieren, sich zu orientieren, eigene persönliche und freimaurerische Identitäten zu entwickeln und sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken.

Vor allem kommt es darauf an, eine neue Sensibilität für Gesellschaft und soziales Umfeld zu schaffen. Freimaurer gehen davon aus, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten. Damit dies gelingen kann, ist freilich eine Verpflichtung zu kritischer Haltung erforderlich. Eine solche fällt nicht leicht. Doch auch hier kann an Traditionen der Aufklärung und an älteres freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Erkenntnis nämlich, dass auch das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen. Es geht um die von K. R. Popper empfohlene Einsicht, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, (Zitat) „die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden“; eine Einstellung, welche die Hoffnung nicht aufgibt, „durch Argumente und sorgfältiges Beobachten zur Übereinstimmung zu kommen, und daß es sogar dort, wo verschiedene Interessen und Forderungen aufeinanderprallen möglich ist, … einen Kompromiß zu erreichen, der wegen seiner Billigkeit für die meisten, wenn nicht für alle annehmbar ist.“ Hier ist auch abermals an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass „nicht der Irrthum, sondern der sektirische Irrthum, ja sogar die sektirische Wahrheit, … das Unglück der Menschen (machen) oder (machen) würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Mit seiner ethischen Orientierung und den auf Ethik und Moral gerichteten Diskursen befindet sich der Freimaurer an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft, und es ist zu vermuten, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche ernst nehmen.

Die Maßstäbe dafür haben sich mit der Zeit gewandelt und sind immer wieder neu durchdacht und inhaltlich präzisiert worden. Ich selbst habe sieben Orientierungen für ein freimaurerisches „Interesse an der Politik“ vorgeschlagen, die inzwischen oft in freimaurerische Diskussionen übernommen wurden. Ich gebe sie hier noch einmal wieder und ordne ihnen jeweils pointierte inhaltliche Festlegungen zu:

1.

die humanistische Orientierung: Zentrale Werte der Freimaurerei sind Würde und Glückseligkeit jedes einzelnen Menschen;

2.

die demokratische Orientierung: Freimaurer gehen davon aus, dass Würde und Glückseligkeit des Menschen sich aller Erfahrung nach am besten in der politischen Freiheit demokratisch verfasster Systeme sichern lassen;

3.

die soziale Orientierung: Auch Freimaurer sind der Überzeugung, dass Würde und Freiheit des Menschen ohne Bemühen um soziale Gerechtigkeit nicht verwirklicht werden können;

4.

die ökologische Orientierung: Freimaurer stimmen darin überein, dass ohne Frieden mit der Natur menschliches Dasein unter industriegesellschaftlichen Bedingungen nicht möglich ist;

5.

die multikulturelle Orientierung: Freimaurer bekennen sich zum vielfältigen Reichtum der in der Welt vertretenen Kulturen, und lehnen jede kulturelle Dominanz ab.
Im Zusammenhang damit:

6.

die globale Orientierung: Alle Politik ist heute an globalen Maßstäben, symbolisch ausgedrückt an der freimaurerischen Idee der Weltbruderkette, zu messen und schließlich

7.

die rationale Orientierung: Auch die Freimaurer gehen davon aus, dass handlungsleitende Orientierungen in der Welt Wissenschaftlichkeit und kritisch rationale Diskurse erfordern.

Diese Orientierungen sind nicht dogmatisch, aber auch nicht beliebig. Sie repräsentieren gleichermaßen den minimalen Konsensrahmen, ohne den ethisch verantwortliches individuelles wie gesellschaftliches Handeln unter den komplexen Bedingungen der Welt von heute und morgen nicht möglich ist und ohne den die Gesellschaft auseinanderfällt. Meine Absicht ist dabei, Erörterungsebenen anzubieten, die aus freimaurerischem Wertbewusstsein hervorgehen, ohne die für politisches Entscheiden und Handeln erforderlichen inhaltlichen Auffüllungen vorzunehmen. Denn diese müssen dem Diskurs und der individuellen Entscheidung vorbehalten sein.

Neben der Vermittlung solcher Orientierungen für die Brüder Freimaurer und dem Schaffen von Gesprächsräumen zu ihrer Erörterung innerhalb der Loge, gibt es ein weiteres Handlungsfeld freimaurerischer Gruppen, das ebenso sinnvoll wie nötig ist: das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Hier sind viele Varianten möglich. Auf kommunaler Ebene beispielsweise könnte und sollte sich eine lebendige Loge in das Leben ihrer Stadt einbringen. Sie kann zum Forum toleranter Auseinandersetzung um die Lösung örtlicher Probleme werden. Sie kann Plattform sein für das Benennen humanitärer Missstände und für die Suche nach konstruktiven Ansätzen, diese Missstände zu überwinden.

Logen können sich als Gruppen engagierter Bürger aber auch selbst manch brennender sozialer Probleme annehmen. Die Zahl der Aufgaben ist Legion. Eine neue und akute ist die Eingliederung der zu uns kommenden und bei uns bleibenden Migranten aus anderen Ländern. Hier zu helfen, hier Toleranz einzufordern wäre eine Aufgabe, die den Brüdern das Gefühl gemeinsamer Verantwortung vermittelt und zudem der Öffentlichkeit zeigt, dass Freimaurer nicht nur schöne Lieder und Reden, nicht nur gehaltvolle Diskurse, sondern auch praktische Hilfe anzubieten haben.

Doch bei einem muss es bleiben: Freimaurerei ist keine politische Aktionsgruppe. Wer meint, aus einer freimaurerischen Vereinigung eine parteiische Gruppierung machen zu können, riskiert, dass sich die Freimaurerei in konkurrierende Fraktionen auflöst und der Bund schließlich gänzlich zerfällt. Das öffentliche Auftreten von Freimaurern erfordert daher viel Behutsamkeit, und kein Repräsentant des Bundes sollte Aussagen zu politischen Vorgängen als „freimaurerisch“ deklarieren, wenn diese Vorgänge und die mit ihnen verbundenen politischen Optionen im Rahmen einer demokratischen Ordnung umstritten sind und folglich auch von Freimaurern ganz unterschiedlich beurteilt werden können

Drittens schließlich Säule drei: Symbole und Rituale – der spirituelle Erfahrungsraum

Symbole und Rituale spielen eine große Rolle in der Freimaurerei. Das Ritual ist zwar keineswegs die ganze Freimaurerei, doch es ist das, was die Freimaurerei von anderen Bünden mit ethischer Zielsetzung (wie Lyons oder Rotary etwa) unterscheidbar macht.

Das Ritual ist ein spezifisches Medium der Kommunikation:

  • Es vermittelt Denkanstöße,
  • es öffnet das Bewusstsein des Maurers für ein Wahrnehmen bisher verborgen gebliebener Schichten der Persönlichkeit,
  • es lehrt durch Symbole und rituelle Handlungen und
  • es rundet so die soziale und diskursethische Praxis der Loge durch eine die Gesamtperson des Bruders erfassende spirituelle Dimension ab.

Gleichzeitig muss jedoch deutlich gesagt werden

  • Das Ritual besitzt keinen Offenbarungscharakter,
  • Es vermittelt keine Heilslehren und hat keine magische Qualität.
  • Insbesondere begründet es keine Religion und sollte auch keine ersatzreligiösen Funktionen übernehmen.

Die rituelle „Arbeit“ ordnet die Zeit, indem sie als „Moratorium des Alltags“ (Odo Marquardt) wirkt. Das Ritual schafft keine „heilige Zeit“, doch die rituelle Zeit der freimaurerischen Arbeit ist eine Zeit, die Heimat stiftet. „Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist“, betont der französische Dichterphilosoph Antoine des Saint-Exupéry. Dies wird von ihm dann weiter erläutert: „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist“.

Auch der Tübinger Philosoph Otto Friedrich Bollnow kommentiert bezüglich der symbolischen Zeit ganz im Sinne meiner eigenen Auffassung: „Darin ist vor allem der Gedanke bedeutsam, dass die Überwindung der ‚verrinnenden Zeit’ nicht in der Abkehr von der Zeitlichkeit und so im unmittelbaren Durchstoß auf die Ewigkeit gesehen wird, sondern darin, dass der Mensch in der Zeit die Zeit zum ‚Bauwerk’ gestaltet, ganz ähnlich wie er auch räumlich seine Umwelt gestaltet.“

Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene Haltepunkte.

Die Rituale der Freimaurer sollen solche Haltepunkte sein, Haltepunkte, zurückzutreten aus den tagtäglichen, oft belastenden Rhythmen der Alltagszeit. Noch einmal Otto Friedrich Bollnow:

„Indem der Mensch in diesen Pausen ganz aus der immer nur vorwärtsdrängenden Hast zurücktritt, gewinnt er Kontakt mit einem tieferem, im Zeitlosen ruhenden Lebensgrund und kehrt aus ihm nicht nur ausgeruht, sondern wirklich verjüngt in den zeitlichen Ablauf des Alltags zurück“.

Die Abfolge der drei Grade der Freimaurerei und die dazu gehörenden Übergangsriten der Aufnahme, Beförderung und Erhebung spiegeln wechselnde Lebenssituationen, denn: „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben“ (Goethe). Die in sich abgeschlossenen und auf sinnvolle Weise nicht erweiterbaren Gradstufen, mit denen es nach meiner Auffassung in der Humanistischen Freimaurerei sein Bewenden hat, schaffen Raum für Reflexion über sich verändernde existenzielle Befindlichkeiten des Menschen und bieten symbolisch-rituelle Anstöße dazu an:

  • Lehrling zu sein bedeutet zu beginnen, heißt, sich seiner selbst bewusst zu werden, sich zu vergegenwärtigen, über welche Ressourcen man verfügt, zu wissen, was man will und an welchen Leitvorstellungen man sich orientiert.
  • Geselle zu sein meint, sich in seinem aktuellen Lebenslauf aktiv zu verorten, sich in der Welt zu orientieren, Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen und mit ihnen innerhalb und außerhalb der Freimaurerei gemeinsam zu handeln.
  • Meister werden heißt, den Verlauf des bisherigen Lebens kritisch anzunehmen, sein Ende zu bedenken, die Konfrontation mit Lebenskrisen und Tod auszuhalten und angesichts der Transzendenz neue Möglichkeiten zu erkennen.

Die im Ritual präsente spirituelle Dimension der Freimaurerei kann, aber muss in keiner Weise religiös oder gar esoterisch begriffen werden. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen (Rudolf Sponsel).

Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern.

Eine so erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinische Dimension, von der Schönheit der Symbole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüber reicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Das Ritual ist multimedial. Es wirkt durch seine besondere Kombination von Sprache, Mimik, Gestik, Bewegung und Musik, wobei es für die Wirkung des freimaurerischen Rituals immer darauf ankommt, die einzelnen Medien sorgfältig aufeinander abzustimmen und dafür zu sorgen, dass Sprechakte und Körperinszenierungen stets im Vordergrund bleiben.

Ganz wichtig ist die ästhetische Dimension des Rituals. Das Ritual muss „schön“ ausgeführt werden, hässlich ausgeführte Rituale scheitern in ihrer Wirkung. Vom Grad der Ästhetik beim Vollzug des Rituals hängt es letztlich auch ab, ob sich jene emotionale Verzauberung einstellt, die das „Geheimnis“ des freimaurerischen Rituals ausmacht, das in der Tat als das Geheimnis erlebter Verzauberung nicht verraten werden kann, und das im Grunde sehr wesentlich ja auch ein subjektives Geheimnis ist, das jeder Freimaurer auf seine ganz spezifische Weise erlebt.

Zum Abschluss:

Freimaurerei kann Vieles sein und ist auch in der Geschichte des Bundes Vieles gewesen. Freimaurerei – so kann man sagen – existierte und existiert immer nur im Plural.

Das von mir vorgestellte, an Humanismus und Aufklärung orientierte Konzept der Freimaurerei scheint aus meiner Sicht den Herausforderungen der Gegenwart am besten gewachsen zu sein. Freundschaft, Ethik, Ritual: Eine sich in diesem Gestaltungsdreieck verstehende und praktisch umsetzende Humanistische Freimaurerei ist plausibel und in sich geschlossen. Sie kann zu einer klaren Identität im Inneren des Bundes führen und ist leicht nach außen zu vermitteln. Und sie würde sich auch durch die Art und Weise ihrer Konzeption und Praxis quasi von selbst gegen Verschwörungsunterstellungen immunisieren.

Leserbriefe

Als ein lebenslang Suchender fand ich bisher wenig Platz in Konzepten, die universelle Deutungsansprüche erheben ("am besten gewachsen zu sein") und doch nur persönliche Akzentsetzung ihrer jeweiligen Autoren sein können. Persönlich schätze ich auch eine Freimaurerei mehr, die jeden individuell erarbeiteten Lebensweg neugierig als gültige Antwort auf die Frage des Daseins respektiert, die also mit Bescheidenheit im Suchen und im Verborgenen agiert, und die weniger Stolz und Applaus auf das vermeintlich Gefundene nötig hat: Der Trend scheint offenbar, ich meine: leider, in eine ganz andere Richtung zu weisen. N. Storch, Innsbruck

Ganz ausgezeichnete Darstellung eines freimaurerischen Gestaltungsdreiecks, das in unsere Zeit passt und der Vermittlung der Ziele der Freimaurerei sehr dienlich sein kann. Einen weiteren Fortschritt konnte ich in Br. Höhmanns Beitrag feststellen: Bei meinem Wechsel in die AF&AM-Maurerei vor vierzig Jahren war ausschließlich von einem Männerbund die Rede; nun wird immerhin schon von Menschen gesprochen, wenn es um die humanistische Idee der FM geht, und sogar die Existenz von Frauenlogen als Bereicherung wird erwähnt. Höhmanns beeindruckende rhetorische Volte täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass er offensichtlich Probleme mit der Existenz gleichberechtigter gemischter Logen zu haben scheint. Vielleicht handelt es sich ja nur um einen Hauch von Nostalgie und einer Sehnsucht nach der guten alten Zeit oder um eine Momentaufnahme im Zuge des fortschrittlichen Wandels, und wahrscheinlich wird die rein maskuline, Geschlechter trennende Maurerei in den kommenden Jahrzehnten da ankommen, wo sich die heutige Gesellschaft schon längst befindet - auf gleicher Ebene. Nicht tragisch, die Sache, Maurerei muss man ja nicht, kann man, und das je nach Gusto. Timo Piecha, Berlin

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