Meinungen achten und Brücken bauen

Grußadresse des Großmeisters zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel

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„Wer wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe.“

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe, *4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Am kommenden Sonntag ist bereits der 3. Advent und es sind nur noch wenige Tage zum Jahreswechsel. Es ist die Zeit, in der man innehalten will, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und dem kommenden Jahr vielleicht nachdenklich, vor allem aber hoffnungsfroh entgegensieht.

Ein wichtiges Ereignis 2019 war das 70. Jubiläum unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Am 19. Juni 1949 wurde in der Geburtsstadt unseres Bruders Johann Wolfgang v. Goethe in der Paulskirche zu Frankfurt am Main unsere Großloge gegründet. Die damals formulierten „freimaurerischen Grundsätze“ sind noch immer richtungweisend und wesentlicher Teil der “Freimaurerischen Ordnung”.

Artikel 2 unserer freimaurerischen Grundsätze formuliert wie folgt: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Für das zurückliegende Jahr sind zunehmende Beschimpfungen und Gewalt, so zum Beispiel gegen Migranten, gegen Juden, gegen Rettungshelfer und Ordnungskräfte, gegen Journalisten und Politiker, in Einzelfällen bis hin zum Mord, Hasskommentare im Internet sowie die Verrohung der Sprache als Bestandteil der politischen Auseinandersetzung festzustellen. Einem für eine demokratische Weiterentwicklung wünschenswerten und unerlässlichem gesellschaftlichem Zusammenhalt sind diese Tendenzen nicht förderlich.

Für uns Freimaurer ist der oben zitierte Artikel 2 unserer Verfassung der Auftrag, Zivilcourage zu zeigen und Brücken zu bauen. Es gilt, unsere elementaren humanistischen Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum einfachen Zuhören können alltäglich zu leben, um zumindest in unserem Umfeld den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Jahreswende ist allerdings auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unseres Newsletters für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich eine frohe und stimmungsvolle Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2020. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. 

Stephan Roth-Kleyer

Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Großlogen unterzeichnen Unvereinbarkeitserklärung

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Aus gegebenem Anlass veröffentlichten die Vereinigten Großlogen von Deutschland — Bruderschaft der Freimaurer — am 27. November 2019 eine Unvereinbarkeitserklärung.

Die Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) und die ihnen angehörenden Großlogen und Logen fußen auf der verfassungsrechtlichen Grundordnung unseres Landes.

Gedankengut, das dieser Ordnung und den demokratischen Grundprinzipien unseres Landes entgegensteht, ist mit den Grundgedanken, Prinzipien und Tugenden der Freimaurerei nicht vereinbar.

Dies ist insbesondere der Fall bei Erklärungen und Handlungsweisen, wie sie seit einiger Zeit seitens gewisser Gruppierungen und ihrer Sympathisanten (u.a. UNITER e.V., Reichsbürger) publiziert und praktiziert werden.

Die VGLvD und ihre Großlogen rufen ihre Logen zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber den beschriebenen Tendenzen und erforderlichenfalls zu personellen Konsequenzen auf.

Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland

Die Unvereinbarkeitserklärung wurde unterzeichnet von allen in den Vereinigten Großlogen zusammengeschlossenen Großlogen, vertreten durch die Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, der Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln, der American Canadian Grand Lodge und der Grand Lodge of British Freemasons Germany.

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Freimaurerische Identität – eine Ressource, ohne die es nicht geht!

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Als Kernaufgabe des Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft kann die Suche nach einer unverwechselbaren, kraftvollen freimaurerischen Identität verstanden werden. Hinter dieser Feststellung steht die – teils gefühlte, teils bewusst gemachte – Einsicht, dass Freimaurerei ohne Wissen darum, was sie ist und sein kann, auf Dauer nicht bestehen kann.

Meistens beruft sich die Freimaurerei auf ihre Geschichte, wobei das aus heutiger Sicht Positive der Vergangenheit, insbesondere der um die Begriffe Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz kreisende Wertekanon des Bundes, in aller Regel in den Vordergrund gerückt wird, während negative und diffuse Erscheinungsbilder verschwiegen oder verdrängt werden. Ein ethischer Bund, der sich selbst ernst nimmt und der von der Gesellschaft ernst genommen werden will, darf jedoch nicht so verfahren. Er muss sich Gedanken über sich selbst machen und sich in seiner Selbstreflexion von den hohen Maßstäben leiten lassen, die er für sich selbst beansprucht, kurz: Er muss sich auf die Tragfähigkeit seiner Identität in Konzeption und Wirklichkeit befragen lassen.

Einige Überlegungen zur freimaurerischen Identität sollen im Folgenden zur Diskussion gestellt werden.

I.

Nach Identität als einem selbstbewussten Einssein mit sich selber kann sowohl für den einzel­nen Freimaurer als auch für die verschiedenen freimaurerischen Gruppen (Logen, Großloge, Leitungs­gremien etc.) gefragt werden.

Was die individuelle freimaureri­sche Identi­tät betrifft, so hat ein Freimaurer als Maurer („by his tenure“, wie die Alten Pflichten sagen) unabhängig von seinen indivi­duellen Wertvorstellungen und seinem spezifi­schen Selbstverständnis als Mensch, Mann, Be­rufstätiger, gläubiger oder nichtgläubiger Mensch etc. dann Identität, wenn er überzeugend, fundiert, redlich und erkennbar hinter sei­nen freimaureri­schen Vorstellungen steht und wenn sich seine freimaurerischen Auffassungen auch im Alltag be­währen.

Je größer die Zahl der Brüder mit überzeugender freimaurerischer Identität ist, desto besser lassen sich die Gegenwarts- und Zukunfts­aufgaben des Bundes lösen. Wir alle müssen uns folglich um diese individu­elle maurerische Identität bemühen, auch wenn wir immer wieder scheitern und der „Raue Stein“ ein treffli­ches Symbol für uns bleibt. Über die Werkzeuge zur Identitätsfindung verfügen wir in rei­chen Maß, sei es die tolerante Mitmenschlichkeit in der Loge, sei es der kritisch-selbstkritische Dis­kurs der Brüder, sei es das Ritual, in dem es ja im Grunde um nichts anderes geht als um Be­stim­mung, Einübung und Verinnerlichung von Identität.

Unter freimaurerischer Gruppenidentität sollen Selbstverständnis und Ausdruck, Kon­zeptio­nen und Art und Weisen der Umsetzung von Konzeptionen verstanden werden, wie sie für eine Gruppe von Freimau­rern (Logen, Großloge) in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort kenn­zeichnend sind. Wie bei den ein­zelnen Freimaurern gibt es bei freimaurerischen Gruppen solche mit einer starken, überzeugenden, griffigen und solche mit einer schwachen, verschwommenen Identität.

Die Identität freimaureri­scher Gruppen setzt sich jeweils aus zwei Komponenten zusammen:

  • aus inhaltlichen Elementen wie Konzeptionen und Zielvorstellungen
  • sowie aus der Art und Weise, wie diese inhaltlichen Elemente in der Gruppenpraxis umgesetzt werden, d.h. aus der Qualität des Gruppenprozesses.

Hier sind menschliche Atmosphäre, in­tellektuelle und emotionale Lebendigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Diskursqualität, Ausstrah­lung (Charisma) etc. wichtige Stichworte.

Beides, Inhalte und Gruppenqualität, muss zusammenkommen. Eine schwache Gruppen­identität (und damit unzureichende Wirkung nach innen und außen) liegt dann vor, wenn sich verschwommene Inhalte mit mäßiger oder keiner Ausstrahlung verbinden; eine starke Grup­penidentität und in­tensive Wirkung nach innen und außen kann dagegen da angenommen werden, wo klare Inhalte und über­zeugende Umsetzung vorhanden sind.

II.

In der freimaureri­schen Diskussion wird im Allgemeinen die Notwendigkeit betont, an der Profilierung der kon­zeptionellen Inhalte der Freimaurerei (Ziele, Wertvorstellungen) zu arbeiten. Auch aus meiner Sicht ist es wichtig, ein konzeptionell klares Bild des Bundes zu entwickeln. Auf der ande­ren Seite wäre es gefährlich, bei der Formulierung pro­grammatischer Plattformen zu weit zu gehen und der Gefahr einer Ideologisierung zu erliegen. Dies würde intellektuell aufgeschlos­sene Männer nur abstoßen. Diese kommen ja gerade deshalb zur Freimaurerei, weil wir bei aller Wertge­bundenheit geistig offen sind. Wer als geistig offener Mann Kontakt zur Freimau­rerei sucht, ist wohl eher an toleranten Such- und Orientierungsprozessen als an verbindlich vorgegebenen Positionen interessiert. Daher ist es so wichtig, jedem Fundamentalis­mus abzusagen, die Gruppenquali­tät der Freimau­rerei zu verbessern sowie dafür zu sorgen, dass inhaltliche Abklärungen auf jedes dog­matische Aus­formulieren verzichten und sich mit einem hohen menschlichen Niveau sowie mit intellek­tueller Redlichkeit verbinden.

Zur inhaltlichen Bestimmung freimaurerischer Identität wurden von mir einige Eckpunkte herausgearbeitet, die mittlerweile ihren Weg durch die deutsche Bruder­schaft gemacht haben und gern (mit oder ohne Nennung ihrer Herkunft) verwendet werden. Auch die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (GL A.F.u.A.M.) macht inzwischen auf ihrer Webseite von ihnen Gebrauch.

Mir ging es dabei darum, Anhaltspunkte dafür bestimmen, was Freimaurerei ist, und was sie nicht ist, bzw. nicht sein will, und ich habe formuliert:

  • Freimaurerei ist Freundschaftsbund, ethisch orientierte Gemeinschaft, symbolisch-initiatischer Werkbund und Schule der Lebenskunst.
  • Freimaurerei ist nicht politische Gruppierung, Interessenverband, Kirche, Religion oder Religionsersatz, Geheimbund oder Verschwörung.

III.

Obwohl mir diese Definitionen nach wie vor sehr geeignet scheinen, um nach Innen und Außen ein klares Bild der Freimaurerei zu entwickeln, möchte ich sie jetzt nicht im Einzelnen wiederholen, sondern einen anderen Ansatz wählen, der sich an das zuvor zur „Identität“ ausgeführte anschließt. Dabei interessiert mich vor allem, was aus der Sicht eines an Freimaurerei interessierten Mannes das Besondere an der Freimaurerei, das „Alleinstellungsmerkmal“ ist, das ihn veranlassen könnte, vom Interessenten zum Suchenden und schließlich zum Bruder zu werden.

Ich bin davon überzeugt, dass drei Elemente unverzichtbar sind, aber – wo vorhanden – auch mit Gewissheit zum Erfolg führen:

  • Die überzeugende Persönlichkeit von Freimaurern, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte;
  • die Qualität einer Logengruppe, zu der – weil sie Heimat bietet – der Suchende gern gehören würde;
  • die Originalität des „Konzepts Freimaurerei“, die den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, denn es vermittelt meinem Leben Sinn“.

Auch hier ist wieder wichtig, auf die Säulen „Freundschaft“ und „ethische Diskurse“ zu verweisen, nicht zuletzt aber ist erforderlich, sich mit dem Ritual zu beschäftigen, seine Funktionen zu verstehen und sich Möglichkeiten anzueignen, über das Ritual auch mit (noch) Außenstehenden zu sprechen und dennoch das Arkanum zu bewahren.
Im Zentrum der Freimaurerei steht das Ritual, gewiss. Doch Wirkung geht nur dann von ihm aus, wenn zunächst erst einmal sehr gründlich das Heraustreten aus dem Alltag, die Fähigkeit zur Reflexion und die Bereitschaft zur Kontemplation geübt und eingeübt werden.

Das „Öffnen der Loge“ bedeutet, einen abgegrenzten, symbolischen Raum zu schaffen und eine besondere, symbolische Zeit einzuleiten, doch vor allem geht es darum, das Bewusstsein der Brüder zu öffnen für das, was im Tempel geschieht:

  • die Vermittlung von Ordnungsvorstellungen („in Ordnung“, meine Brüder!)
  • die Teilhabe an der Initiation der Mitbrüder sowie
  • den Anstoß zu eigener Entwicklung und Veränderung.

Vermittlung von Ordnungsvorstellungen

Das Ritual soll eine dreifache Einordnung des Freimaurers bewirken und veranschaulichen:

  • in die Moralische Ordnung: Setze Werte um, erkenne Dich selbst, mach Dir und anderen nichts vor. Formel: „Schaue in Dich!“ Spezielles Symbol: das Winkelmaß;
  • in die Soziale Ordnung: Mensch und Gesellschaft, Ich und Du gehören zusammen, der „Tempelbau der Humanität“ gelingt nur Menschen, die durch Menschenliebe miteinander verbunden sind. Formel: „Schaue um Dich!“ Spezielles Symbol: Zirkel;
  • in die Kosmologische Ordnung: Die Loge ist Abbild und Metapher des Universums, die „Arbeit“ des Freimaurers dient einem höheren Sinn. Formel: „Schaue über Dich!“ Spezielle Symbole für den transzendenten Bezug des Menschen: Buch des (heiligen) Gesetzes und „Großer Baumeister aller Welten“.

Anstoß zu Entwicklung und Veränderung

Die Rituale der Freimaurer dienen der Einübung in eine wertbezogene Lebenspraxis. Sie sollen durch die symbolische Arbeit am „Rauen Stein“ eine Veränderung des mitgebrachten Habitus bewirken.

Dabei symbolisiert die Initiation die für Selbsterkenntnis, Mitmenschlichkeit und ethisches Handeln erforderliche Veränderung des Menschen.

Insoweit die Rituale der Freimaurer der „Einübung in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ (Th. Luckmann) dienen, haben sie als Bestandteil der Sozialisierung und „Personwerdung“ des Menschen einen religiösen Charakter, auch wenn Freimaurerei weder Religion noch Kirche ist.

Immer kommt es darauf an, Freimaurerei („Königliche Kunst“) als „Gesamtkunstwerk“ zu verstehen, zu verinnerlichen und nach außen darzustellen. Gemeinschaft, Ethik und Ritual gehören untrennbar zusammen:

Freimaurerei ist eine Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht.

IV.

Doch so wichtig wohl überlegte Antworten auf konzeptionelle Fragen auch sind: Es muss immer wieder betont werden, dass für eine weitere gedeihliche Entwicklung der Freimaurerei das stete Bemühen um eine hohe Quali­tät der freimaurerischen Gruppen mindestens so wich­tig ist wie die Klarheit der Inhalte. Stets müssen wir davon aus­gehen, dass die geistigen Inhalte der Freimaurerei und das rituelle Brauchtum in Überzeu­gung und Wirkung ganz ent­scheidend davon abhängen, wie sie von den Freimaurern in den Logen praktiziert werden. Wir müssen weiter feststellen, dass zumindest ein Teil dessen, was Freimaurerei ausmacht (Ge­selligkeit, ethische Überzeugungen) auch in anderen Gruppen zu finden ist, das heißt, man sucht es bei uns nur dann, wenn wir in der Praxis der freimaureri­schen Gruppen besonders überzeugend sind. Wir sollten darüber hinaus aner­ken­nen, dass selbst das, was spezifisch freimaurerisch ist (vor allem das Ritual), nur über­zeugt, wenn es von Freiheit im Zugang und hoher menschlicher Qualität begleitet ist. Schließlich muss beachtet werden, dass die Frei­maurerei heutzutage in einer schwieri­gen Konkurrenz zu einer Fülle von (hochwertigen und weniger hochwertigen, aber dennoch attraktiven) Frei­zeitange­boten steht, in der wir wie­derum nur durch Qualität und Originalität bestehen können.

All das bedeutet, dass wir als Logen und Großlogen keineswegs durch „Freimaurerei an sich“ ausstrahlungskräftig sind, sondern nur durch eine glaubwürdige Umsetzung von Frei­mau­rerei, wozu nicht zu­letzt eine überzeugende freimaurerische Individual- und Gruppen­identität gehört. Deshalb müssen wir auf vielen Ebenen arbeiten: an der Qualität unserer Kon­zepte, an der Qualität der freimaureri­schen Gruppen und immer wieder an unserer ganz per­sönlichen freimaurerischen Integrität und Überzeugungskraft.

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Noch Sonderhefte der Zeitschrift “Humanität” verfügbar

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Von Sonderheften der "Humanität", dem deutschen Freimaurermagazin, gibt es noch Exemplare. Logen, Freimaurer und Nichtfreimaurer können bei der Großloge Hefte erwerben.

Einmal jährlich erscheint eine Sonderausgabe der Zeitschrift “Humanität”, die speziell für die Öffentlichkeitsarbeit der Logen gedacht ist. Von den folgenden Ausgaben gibt es noch Hefte, die bei der Großloge bestellt werden können.

Heft 1 / 2004

Grußwort des Großmeisters Jens Oberheide

Vorwort der Redaktion zum Heft, insbesondere dem Schwerpunktthema Lessing.

Übersicht über die wichtigsten Lebensstationen Lessings

Aufklärung, das geistige Projekt des 18. Jahrhunderts und seine Gültigkeit

Zwischen Idee und Wirklichkeit: Lessing und das Theater

1997 wurde die Lessing-Gesellschaft in Hamburg mit dem Ziel gegründet, das Werk Lessings der Öffentlichkeit durch eigene Schrift- und Vortragsreihen sowie Studienfahrten heranzutragen.

Moses Mendelssohn zwischen orthodoxen Juden und Christen

Lessings Neugestaltung der historischen Ring-Parabel in “Nathan der Weise”

Vorstellung zweier Gesellschaften, die sich mit Lessing beschäftigen

Lessings “Ernst & Falk”, Gespräche für Freimaurer

Kamenz, hier wurde Lessing geboren, beherbergt ein Lessing-Museum

Heft 1 / 2006

Grußwort des Großmeisters Jens Oberheide

Mozart zum 250. Geburtstag

Zitate von Wolfgang Amdeaus Mozart

Das Rätsel namens Mozart

Aufklärung und Maurerei in Wien

“Man sieht recht wie sehr und immer wieder die Oper steigt.”

Im Deutschen Freimaurermuseum

Mit den Augen des Malers

“Die Zauberflöte – Oper und Mysterium” von Jan Assmann sowie “Von der Säule der Schönheit – Zur ästhetischen Dimension der Freimaurerei”, Quatuor Coronati

Heft 2 / 2018

Herzlich willkommen bei den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland – Begleitwort zur Sonderausgabe der „Humanität“ – Von Großmeister Stephan Roth-Kleyer

16 gute Gründe, ein Freimaurer zu sein. Oder: Warum es sich lohnt, einen Schurz zu tragen. Von Carlos Urban.

“Meine Mutterloge” — Von Rdyard Kipling

Freimaurer … was sind sie, was tun sie, was sind sie nicht und warum gibt es sie? Einge Antworten.

Die Deutschen Logen feierten das Jubiläumsjahr auf vielfältige Weise. Ein Rückblick.

Von den Bauhütten des Mittelalters zur humanitären Freimaurerei – Von Hartwig Kloevekorn, Jens Oberheide und Bastian Salier

Von Klischees und Verschwörungstheorien: „Wo kann man Ihre schwarzen Messen besuchen?“ – Von Thomas Müller
Kann Freimaurerei heute noch etwas bewirken? Gedanken zur Zukunft unseres Bruderbundes – Von Rolf Appel
„Ich wurde sofort auf Augenhöhe angenommen.“ Interview mit einem jungen Bruder

Charity: Tue Gutes und rede darüber …

Frauen und Freimaurerei

Mit dem Mikroskop neue Welten entdecken. Der Fotograf und Freimaurer Karl Deckart.
Alte und neue Pflichten für Freimaurer. Vom Betragen und Umgang unter den Menschen
Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland stellt sich vor
Das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth: Geschichte bewahren und Zukunft sichern.
„Kehr niemals der Not und dem Elend den Rücken“: Das Freimaurerische Hilfswerk e.V.
Quatuor Coronati e. V. – „Die vier Gekrönten“ mit Blick auf die Wissenschaft; Kunst und Kultur: Pegasus – Freimaurerischer Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation e.V.

Hannover / Leipzig / Darmstadt

Regensburg / Wildeshausen / Passau

Eine Wunde wird geschlossen. Statue für den freimaurerischen Reformer Friedrich Ludwig Schröder in Hamburg rekonstruiert.
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Ihre Bestellung richten Sie bitte vorzugsweise per E-Mail an die Kanzlei der Großloge unter kanzlei@freimaurerei.de. Postalische Bestellungen bitte an Großloge A.F.u.A.M.v.D., Emser Straße 11, 10719 Berlin. Telefonische Rückfragen unter 030-86422034.

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Was nicht im Archiv steht, wird nicht gefunden

Seit mehr als 10 Jahren betreut Br. Hartmut Jentzsch das Großlogenarchiv in Altenburg. Eine große Kiste mit ungeordneten Papieren, Dokumenten aus vergangenen Jahrzehnten, Büchern und Infobroschüren steht vor ihm auf dem Tisch. Sie stammt aus einer kürzlich aufgelösten Loge.

„Das müssen wir jetzt alles ins Archiv einpflegen“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch, während er den Laptop hochfährt. Eine Aufgabe, die ihm keine Angst macht, denn diesbezüglich hat er schon ganz anderes erlebt: Riesige Massen an Archivgut haben sie damals sortiert und registriert, vor etwa 12 Jahren, als alles begann. Wochenlang haben sie Blatt um Blatt sorgfältig ausgewertet und in eine Datenbank eingetragen.

In Altenburg in Thüringen befindet sich eines der schönsten und ältesten Logenhäuser Deutschlands. 1804 wurde es eingeweiht. Bis heute dient es der 1742 gegründeten Loge „Archimedes zu den drei Reißbretern“ als Heimstatt. Nachdem das Anwesen 1935 von den Nationalsozialisten enteignet worden war, befand es sich zu DDR-Zeiten im Besitz der Stadt Altenburg. 1992 wurde das Haus an die Großloge A.F.u.A.M.v.D. rückübertragen. Es wurde als modernes Veranstaltungshaus saniert, viel Geld wurde investiert, und lange beschäftigte es — vor allem wegen des finanziellen Aufwandes — die Gemüter. Beim Großlogentag 2002 in Altenburg fiel die Entscheidung, das Archiv der Großloge A.F.u.A.M.v.D. in Altenburg anzusiedeln. 2007 begann die eigentliche Arbeit am Aufbau des Archivs.

„Damals war Br. Dennis Kramer der Großarchivar“, erzählt sein Nachfolger Hartmut Jentzsch, „er fragte mich, ob ich ihm nicht helfen könne.“ Die Archivschränke und Regale waren schon aufgebaut, was fehlte, war der Inhalt. Das erste Archivgut kam vor allem aus dem Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth. „Die hatten einen feuchten Keller und wollten das Papier dort raushaben. Genau so sah es auch aus, als es hier ankam: Zum Teil nur noch Schnipsel. Der ganze Raum war voller Kisten und Säcke mit Papier.“ Die Brüder Dennis Kramer und Hartmut Jentzsch baten den damaligen Altenburger Stuhlmeister, er möge doch einige helfende Brüder mobilisieren, um die riesigen Mengen an Dokumenten zu sichten, zu entklammern, zu säubern und archivgerecht zu verpacken: „Alle paar Minuten kam einer mit einem fertigen Umschlag, ich habe reingeguckt, alles im Computer registriert und eingetragen. So ging das ungefähr sechs Wochen lang“, erzählt Br. Hartmut Jentzsch, „dann hatten wir den Grundstock.“

Besonders stolz ist der Bruder Großarchivar auf die Software, die extra für diese Mammutaufgabe programmiert wurde: für Erfassung, Recherche und Datenpflege.  Das Archivgut stammt zum größten Teil aus der Kanzlei der Großloge. Einige Akten sind den Vereinigten Großlogen oder dem Schottischen Ritus zuzuordnen. Vieles kommt aus den Distrikten, manches aus einzelnen Logen, ein umfangreicherer Bestand vom „Collegium Masonicum“ ist dabei, auch das Freimaurerische Hilfswerk und die Geschäftsführung haben ihre Dokumente hier hinterlegt.

Es ist kein museales Archiv, in dem man große Schätze aus der Frühzeit der Freimaurerei erwarten darf. Eine Stiftungsurkunde aus dem 18. Jahrhundert wird man hier nicht finden. „Das Archiv geht zurück bis zur Gründung unserer Großloge in den 40er Jahren“, erklärt Br. Hartmut Jentzsch und gibt den Namen des ersten Großmeisters Theodor Vogel in die Suchmaske ein. Schnell wird er fündig: „Hier zum Beispiel aus dem Jahre 1952, eine Akte des Collegiums Masonicum — Kasten 35, Nr. 1368.“
Es gibt inzwischen mehr als 2300 Inventarnummern in über 800 Archivkästen. Jede Inventarnummer umfasst in der Regel bis zu 800 Seiten. Und jede dieser Akten hat der Bruder Großarchivar persönlich in die Hand genommen, gelesen oder zumindest überflogen.

Bruder Hartmut Jentzsch ist aber nicht nur Verwalter des Archivs, sondern auch einer seiner fleißigsten Nutzer. Vor sechs Jahren schrieb er eine Chronik über das „Collegium Masonicum“ in Niedersachsen. Dafür hat er viele Dokumente hier einsehen können. Auch andere bekannte Freimaurerforscher, wie Br. Hans-Hermann Höhmann oder Br. Alexander Süß, sind gute „Kunden“ des Altenburger Großlogenarchivs.

Deshalb hat der Großarchivar auch eine Mission: „Was die Logen und die Brüder nicht ins Archiv geben, können wir nicht finden. So einfach ist das“, sagt er. Eigentlich sollte es in den Distrikten einen Distriktarchivar geben. Doch er selbst kenne überhaupt nur zwei in Deutschland, meint Br. Hartmut. Der Distriktarchivar sollte die Logen laufend mahnen, ihren Schriftverkehr ins Archiv zu geben, gerne auch als Kopie, vor allem Wahlunterlagen. Es ist ein Aufruf an die Logen, ihre Tätigkeiten zu dokumentieren, die Akten regelmäßig abzuheften. „Wir haben zum Beispiel das komplette Archiv des Distriktes Niedersachsen hier. Dort läuft das hervorragend, die haben einen eigenen Archivar, der ordnet die Unterlagen vor und ich brauche das nur noch in Archivkästen zu packen und zu nummerieren.“ So sollte das eigentlich laufen. Eigentlich.
Es ist schon erstaunlich, dass viele Logenchronisten über einen Zustand klagen, der kaum nachvollziehbar ist: Akten aus der Frühzeit der Freimaurerei, aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt es jede Menge. Viele Logen können — auch dank der Bestände im Berliner Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz — auf eine nahezu lückenlose Dokumentation ihrer Geschichte bis Anfang der 30er Jahre zurückblicken. Doch was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschehen ist, können die Forscher meist nur unter größten Mühen in Erfahrung bringen. „Heute kümmert sich oft niemand mehr“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, „die Sekretäre in den Logen wechseln häufig, geben die Unterlagen nicht weiter. Oder es ist alles auf irgendeinem Rechner gespeichert, der irgendwann kaputt geht.“ Das Gedächtnis der Logen geht auf diese Weise verloren oder bekommt zumindest Lücken.

Jede Loge sollte sich ein Konzept für ihre Archivierung zurechtlegen, rät der Großarchivar. Natürlich kommen auch Stadtarchive oder das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, wo bereits die meisten Logenakten aus der Zeit vor 1935 lagern, in Frage. Doch auch das Altenburger Großlogenarchiv hat noch viel Platz: „Wenn eine Loge kommt und mir einen Kasten mit Archivgut bringt, dann wird das unter dem Logennamen eingeordnet.“

Der größte Lieferant von Archivgut ist jedoch nach wie vor die Kanzlei der Großloge. „Vor zwei Jahren bekamen die einen neuen Fußboden und haben aussortiert, da erhielt ich eine ganze Lkw-Ladung mit Archivgut“, erinnert sich Br. Hartmut Jentzsch. Im Augenblick versucht er, bei der Beschreibung und Auswertung noch stärker ins Detail zu gehen, um die Suche zu vereinfachen.

Doch so langsam wird es Zeit, ans Aufhören zu denken: Bruder Hartmut ist Jahrgang 1941 und wohnt nicht in Altenburg, sondern in Hannover. Die regelmäßigen Fahrten nach Thüringen werden nicht einfacher für ihn. Als er das Amt des Großarchivars bekam, ging er gerade in Rente. Der Architekt musste sich das Wissen um und über das Archivwesen erst einmal aneignen. Seit November 1987 ist Br. Hartmut Jentzsch Freimaurer, war 2004 bis 2007 Meister vom Stuhl der Loge „Zum Schwarzen Bär“ in Hannover und arbeitet seit vielen Jahren im Ritualkollegium der Großloge mit. 2010 wurde er zum Großarchivar der Großloge berufen. „Inzwischen geht es los mit Zipperlein“, sagt Br. Hartmut Jentzsch, ohne sich zu beklagen. So sei das nun einmal. Doch in nicht allzu langer Zukunft brauche er einen Nachfolger, weiß er. Und der scheint jetzt tatsächlich in Sicht.

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Vernetzte Intelligenz — Freimaurerei in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

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Es existierten gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben.“

Von Thomas Forwe
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

Florian Maurice zitiert in seiner Dissertation über die „Freimaurerei um 1800“ aus dem „Taschenbuch für Freymaurer auf das Jahr 1803“. Dort heißt es:

„Getrennt von der Welt ist die Loge, eine Welt für sich, des Profanen Auge undurchdringlich, und doch so groß als die Welt. Keine der Auszeichnungen im körperlichen Leben, keine der Verschiedenheiten, die Staat, Gewohnheit, Vorurtheil geschaffen haben, keine der Erwerbungen, die außerhalb dem Menschen liegen, gehen mit dem Maurer in die Loge hinein. Drinnen sind alle Menschen, und weiter nichts; Brüder grüßen sich da, und ein anderes Verhältnis findet unter ihnen nicht statt.“

Florian Maurice führt weiter aus: „Die Loge lag in der Welt, aber in ihrem Selbstverständnis bildete sie eine Welt außerhalb der Welt. Sie war getrennt von der Welt, und das Geheimnis war die Scheidemauer, die die Welt der Loge gegen die Außenwelt abtrennte.“

Ich möchte zu Beginn zwei Aspekte zur sog. Außenwelt herausstellen, die mir im Hinblick auf Freimaurerei besonders interessant erscheinen.

1. Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke

Die Außenwelt, von der Florian Maurice spricht, kann als die Gesellschaft verstanden werden. Wenn wir von der Gesellschaft reden, unterstellen wir allerdings häufig stillschweigend, dass es ein Objekt mit dem Namen Gesellschaft gibt, das sich aus einer Beobachterrolle heraus objektiv beschreiben ließe. Wir reden hier aber von einer Beobachtung zweiter Ordnung, die uns daran erinnern soll, dass wir uns als Beobachter beim Beobachten nicht selbst beobachten können. Wir uns also dessen, was wir beim Beobachten nicht wahrnehmen, nicht bzw. nicht immer bewusst sind. Der Soziologe Armin Nassehi hat einmal den schönen Satz geprägt: „Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke.“ Was hat er damit gemeint? Wenn wir herausfinden möchten, ob unser Bewusstsein das, was es wahrnimmt, wirklich richtig wahrnimmt, müssen wir das Bewusstsein erst einmal voraussetzen, damit wir es zugleich zum Gegenstand unserer Beobachtung machen können. Wir haben es hier erkenntnistheoretisch also mit einer Paradoxie zu tun. Auch die Freimaurerei ist ein derartiges nicht sichtbares Objekt. Und wenn wir Freimaurer befragen, was denn nun Freimaurerei sei, so bekommen wir einen bunten Strauß an Antworten, weil es eben unterschiedlichste Wahrnehmungen gibt. Und diese Wahrnehmungen werden auch geprägt durch die Fragestellung, was jeder Einzelne in der Freimaurerei sucht oder zu finden glaubt.

Wenn wir einen Aspekt wahrnehmen, nehmen wir gleichzeitig einen anderen nicht wahr. Wir leuchten eine Stelle des Objektes aus und verdunkeln damit automatisch eine andere Stelle. Wollen wir also etwas über eine Sache erfahren, so sollten wir nicht andere Wahrnehmungen abwerten oder gar verbieten, sondern möglichst viele verschiedene Wahrnehmungen zulassen. Vertrauen wir doch einfach einmal darauf, dass sich nur die Wahrnehmungen halten werden, die sich auch im Zeitablauf bewähren. Diese Existenz unterschiedlichster Wahrnehmungen gilt für die Freimaurerei und die Gesellschaft gleichermaßen. Armin Nassehi definiert daher Gesellschaft mit den Worten: „Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Unterschieden.“ Das gilt für Freimaurerei ebenso bzw. sollte gelten.

2. Moderne Gesellschaften sind funktional differenziert

Differenzierungen in der Gesellschaft gab es schon immer: Ältere Gesellschaften überall in der Welt unterteilten sich in Kasten, Schichten und Stände. In diese gesellschaftlichen Großkollektive wurde man hineingeboren und verblieb dort meist bis zum Tode. In den vergangenen beiden Jahrhunderten hat sich aber eine radikal neue Gesellschaftsordnung herausgebildet. Niklas Luhmann nannte sie eine „funktional differenzierte Gesellschaft“. An Stelle von Status traten nun unterschiedliche Kommunikationsformen als Ordnungskriterium. So existierten nun gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben. Es gibt temporäre Mitgliedschaften, Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften. Es kann sogar sein, dass einem die Mitgliedschaft nicht einmal bewusst ist. In den heutigen Gesellschaftsformen legen Menschen „mehr Wert auf Individualismus und universelle Gesetze, sodass der moralische Kompass immer weniger in Richtung Autorität und Loyalität ausschlägt, dafür mehr in Richtung Fairness und Freiheit“, wie Philipp Hübl in seinem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ den amerikanischen Anthropologen Alan Fiske zitiert.

Jedes dieser Subsysteme ist zwar Teil des Gesamtsystems Gesellschaft, arbeitet aber eigenständig nach eigenen Festlegungen und Organisationsstrukturen. Das Gesamtsystem steuert sich also nicht zentral, sondern dezentral. Das macht die Sache einfacher und schwieriger zugleich. Die Digitalisierung erhöht diese Komplexität noch weiter. Anstelle nämlich von klaren eindeutigen und sichtbaren Merkmalen reden wir heute mehr und mehr von Mustern und Mustererkennung. Unsichtbarkeit der Gesellschaft(en) und Uneindeutigkeiten sind die Folge.

Beide eben genannten Aspekte: Unterschiedlichkeit in Wahrnehmungen und funktional differenzierte Gesellschaft stellen uns aber auch vor große Herausforderungen:

  1. Zerfall der Gesellschaft in Teil-Gesellschaften
  2. Verlust der Anschlussfähigkeit durch Sprachlosigkeit bzw. Sprachbarrieren zwischen den Subsystemen und Rückzug der Subsysteme
  3. offen ausgetragene Spannungen und Konflikte zwischen den Subsystemen gerade im Hinblick auf das Beharren auf die Alleingültigkeit der eigenen Wahrnehmung.

Ein ökonomisches Beispiel hierzu: Sie können heute T-Shirts für unter 3 EUR pro Stück erwerben. Wir wissen im Grunde, dass dieser Preis nur möglich ist, wenn Teile der Wertschöpfungskette nicht fair entlohnt werden. Die Mitglieder des Subsystems Moral sind zu Recht empört. Dennoch gibt es Konsumenten, die diese T-Shirts kaufen. Sie argumentieren z.B. damit, dass sie sich teurere Kleidung nicht leisten können. Sie ahnen es schon, es sind die Mitglieder des Subsystems Wirtschaft. Moralische Subsysteme lösen moralische Fragen, Wirtschaftssysteme lösen wirtschaftliche Fragestellungen. Und wir merken schon die inneren Konflikte, die entstehen, wenn ein Konsument in beiden Subsystemen Mitglied ist, ganz abgesehen von den Konflikten zwischen den einzelnen Subsystemen selbst. Aus der Sozialforschung wissen wir, dass es so etwas wie eine „Gesamtvernunft“ eben nicht gibt.

Auch Freimaurerei ist mindestens ein Subsystem. Und auch wir bemerken die Spannungen und Konfliktfelder z. B. in Bezug auf das Subsystem „Religion“ oder auch „Politik“. Hier wäre es eine wichtige und dringende Aufgabe, das Selbstverständnis von Freimaurerei und ihren (gesellschaftlichen) Bezug zu Religion und Politik deutlich(er) herauszuarbeiten. Mein Vor-Vorgänger im Amt als Vorsitzender der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati, Br. Hans-Hermann Höhmann, hat dazu im aktuellen A.F.u.A.M.v.D-Newsletter einige grundlegende Gedanken geäußert. Dies wäre eine gute Basis, um weitergehende, durchaus auch kritische Debatten zu führen. Auch wenn dieser Prozess schmerzhaft für den einen oder anderen werden kann.

Sobald mehrere Subsysteme zusammenwirken, können sie sich behindern oder bestärken. Es kommt zu Wechselwirkungen, das Gegenstück von Kausalität. Der schottische Philosoph David Hume bezeichnete schon während der Aufklärung die Kausalität, also die Verbindung von Ursache und Wirkung als „das Zement des Universums“. Es sei aber erwähnt, dass wir uns — Hume folgend — keiner Kausalität sicher sein können, d. h. wir können gar nicht wissen, ob zwei Ereignisse, die in der Vergangenheit (genauer formuliert eigentlich in unserer Erinnerung) zusammen oder kurz aufeinander folgend auftraten, auch in der Zukunft zusammen oder kurz aufeinander folgend auftreten werden. Diese Struktur des kausalen Denkens und der damit verbundenen Mustererkennung hat sich bei Menschen während der Evolution herausgebildet und war immer hilfreich bei Hypothesenbildungen, Prognosen, Planungen und Handlungen.

Man kann auch sagen, dieses kausale Denken war überlebenswichtig. Wenn z. B. jemand eine Pflanze gegessen hatte und kurz darauf starb, war es für die anderen offensichtlich vernünftig, den Genuss dieser Pflanze zu meiden. David Hume bezeichnete es als einen „inneren Zwang“, von der Existenz von Kausalität auszugehen, obwohl diese nicht wahrnehmbar ist.

Aufgrund der wechselseitigen Wirkung dieser Subsysteme zueinander, ist die uns bisher vertraute Kausalität nicht mehr als Prädiktor geeignet. Wir arbeiten nicht mehr im Modus „wenn – dann“, sondern eher im Szenario-Bereich verschiedener Möglichkeiten. Um diese Szenarien aufzuzeigen, bedarf es einer Vielzahl von Experten, die wir verteilt in den einzelnen Subsystemen vorfinden. Jedes Mitglied eines Subsystems ist intelligent und lässt sich nicht von außen steuern. Aufgrund der Selbstorganisation hat das System ein Maximum an Autonomie erreicht. Man könnte dies auch mit Schwarmintelligenz vergleichen. „Schwärme sind“, nach Eva Horn, „nicht nur mehr als die Summe der Individuen, die sie bilden. Schwärme sind, in der Wissenschaft wie in der Fiktion, Modellierungen für etwas, das den Grund allen ‚Lebens‘ darstellt. Schwärme sind das ‚Leben selbst‘, sie machen die unüberschaubare Verwobenheit der Prozesse des Lebens sichtbar in einer Figur, die immer zugleich vieles und eines ist. Als Relationalität, aus deren Einzelelementen das Zusammenspiel der Gesamtheit nicht ableitbar ist, figuriert der Schwarm die irreduzible Konnektivität des Lebendigen […]“. Schwarmintelligenz meint, dass simple Akteure kooperativ Lösungen finden, ohne einen vorgefertigten Plan zu haben. An dessen Stelle treten einfache Verhaltensregeln, die in ihrer Struktur so unkomplex sind, dass sie oft durch einfache Schaltkreise realisierbar sind.

Helmut Willke führt in seinem Buch „Dezentrierte Demokratie“ aus: „Es gilt ohne jeden Vorbehalt die Aussage, dass Demokratie als die beste verfügbare Steuerungsform moderner, funktional differenzierter Gesellschaften alternativlos ist […].“ Willke schlussfolgert: „Mit Globalisierung und Wissensgesellschaft hat die Menschheitsentwicklung in der Tat eine Wendung genommen, welche die für Demokratie prägende Kombination von Recht und Politik auflöst und eine weiter gehende Entzauberung des normativen Erwartungsstils vorantreibt. Statt formaler Gesetze werden für die Politik Vorhaben, Programme, Investitionen, Anreize und Kampagnen wichtiger und prägender, und der Stil der Durchsetzung von Entscheidungen wandelt sich von hoheitlicher Anweisung zu evidenzbasierter Überzeugungsarbeit, die auf das durch Anreiz und Motivation veränderte Verhalten der Bürger zielt.“ Die Aufgabe der Demokratie wäre es damit, so Willke, „die ‚verteilte Intelligenz‘ vieler Expertengruppen und Fachgemeinschaften zu nutzen.“ Dies gelingt am einfachsten, wenn man diese verteilten Intelligenzen vernetzt.

Was ist mit dieser Vernetzung gemeint? Es gilt nicht mehr nur, verschiedene Kompetenzen, die in verschiedenen Subsystemen verteilt sind, zu nutzen. Dies würde ja nur bedeuten: „Ich benötige zur Erfüllung meiner individuellenZielsetzung die Kompetenz eines anderen.“ Dieses Kooperationsmodell funktioniert immer nur solange, bis es zu Zielkonflikten bei einem der beteiligten Subsystemen kommt. Vernetzung geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Vernetzung versucht, Zielkonflikte dadurch zu entschärfen bzw. zu lösen, indem auf das gemeinsame Dritte hingewiesen wird. Dieses gemeinsame Dritte wäre eine Art Existenzbedingung der Subsysteme überhaupt, um ein langfristiges Agieren für beide Systeme zu ermöglichen. Vernetzung könnte also das Nullsummenspiel in ein Nicht-Nullsummenspiel transformieren.

Ich möchte zusammenfassend fünf Punkte nennen, die aus meiner Sicht dazu beitragen könnten, die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vernetzung zu erhöhen:

  1. Stetiges Werben um ein gemeinsames Wertverständnis als kleinster gemeinsamer Nenner aller Subsysteme.
  2. Offenheit im Denken und Handeln aller ihrer Mitglieder, damit sie ohne Vorfestlegungen oder gar Vorverurteilungen aufeinander zugehen können und dabei zu akzeptieren, dass ein Meinungsaustausch auch zur Änderung der eigenen Meinung führen kann.
  3. Kreativität, damit immer wieder neue Ideen entstehen, um gemeinsame Erlebnisse unterschiedlicher Subsysteme zu schaffen und das Gegenüber erfahrbar zu machen.
  4. Mut, diese Ideen mit oft ungewissem Ausgang einfach umzusetzen und sich ergebnisoffen darauf einzulassen.
  5. Beharrlichkeit, um beim Scheitern nicht aufzugeben, sondern eine neue Idee auszuprobieren.

Interessant ist auch eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2018 über die zukünftig benötigten Fähigkeiten für Berufe mit Blick auf das Jahr 2022: Analytisches Denken, Kreativität, kritisches Denken, emotionale Intelligenz und Sozialverhalten stehen unter den Top Ten. (Studie kann abgerufen werden unter http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs.pdf, zuletzt abgerufen am 02.06.19).
Es braucht nicht viel Fantasie, um an diesen von mir genannten Punkten bereits zu erahnen, wie hilfreich Freimaurerei für den Einzelnen sein kann, um bei diesen Aufgaben erfolgreich mitzuwirken. Freimaurerei wäre in diesem Sinne quasi das geistige Fitnessstudio zur Vorbereitung auf die anstrengende Abenteuerreise, die wir Leben nennen.

Ich habe auch bereits ausgeführt, dass ein zentraler normativer Erwartungsstil in funktional differenzierten Gesellschaften seine Wirkkraft verliert und durch eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen zu ersetzen wäre.
Auf der Homepage der Großloge A.F.u.A.M.v.D. ist zu lesen: „Als Glieder eines ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein.“ Fürwahr, wir haben wichtige Werte, sie transportieren ein humanistisches Menschen- und Weltbild. Und wir erleben täglich in den Nachrichten, was passiert, wenn diese Werte nicht gelebt werden oder gelebt werden können (beispielhaft sei hier auf den Demokratieindex der Zeitschrift „The Economist“ hingewiesen, abrufbar unter https://www.eiu.com/topic/democracy-index, zuletzt abgerufen am 2.6.2019). Auch im Inneren unseres Bundes merken wir, wie schwierig es gelegentlich sein kann, diese Werte zu leben. Deshalb üben wir uns darin auch permanent in unseren Ritualen. Und wenn uns diese Werte wirklich wichtig sind, dann müssen wir sie auch verteidigen, wo sie in Gefahr scheinen. Dies gilt nicht nur innerhalb der Loge, dies gilt insbesondere in der Außenwelt.

Auf der Homepage heißt es weiter: „Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte.“

Die Loge trägt eine Besonderheit in sich, die ich gerne den freimaurerischen Unterschied nenne. Also eine Besonderheit des Ortes, der, wie es Br. Hans-Hermann Höhmann gerne mit Lessings Worten ausdrückt, „ein laut denken mit einem Freund“ ermöglicht und fordert. Der französische Philosoph Michel Foucault führte in einem Vortrag vor Architekten einen neuen Begriff ein, den der Heterotopie. Im Unterschied zu Utopien, sind Heterotopien Orte, die es tatsächlich gibt. Allerdings verkörpern diese Orte eine räumlich und zeitlich situierte Andersartigkeit, die mit alltäglichen Situationen und Orten nicht im Einklang stehen. Utopien sind den Menschen schon seit dem 16. Jahrhundert vertraut. Sie basieren auf dem Wunsch der Menschen, sich an einen anderen, besseren, schöneren Ort zu wünschen. Er selber führte als Beispiele heterotopischer Orte an: Altenheime, Friedhöfe, Krankenhäuser, Gefängnisse, Kinos, Theater, Gärten etc. Sie alle zeichnen sich im Wesentlichen durch vier Eigenschaften aus: 1. Sie haben eine besondere räumliche Struktur, können also beispielsweise die ganze Welt an diesem einen Ort abbilden. 2. Sie haben eine besondere zeitliche Struktur, sie können sowohl endlos Zeit sammeln als auch nur wenige Momente umfassen. 3. Das Betreten dieser Räume ist an spezielle Ein- und Ausgangsrituale gebunden. Sie sind nicht ohne weiteres für jedermann zugänglich. Und 4. schließlich entstehen in heterotopischen Räumen entweder Illusionen von neuen Wirklichkeiten oder aber es formen sich andere Wirklichkeiten, die den realen gegenüber vollkommener und damit besser erscheinen. Von all diesen Orten geht Foucaults Einschätzung nach eine gewisse Faszination aus, da sie in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentieren, negieren oder umkehren.

Im Raum Loge gilt beispielsweise eine andere Zeitrechnung, mit der es möglich scheint, zumindest für die Dauer der Anwesenheit, Entschleunigung zu erfahren. Für einen — wenn auch nur kurzen — Moment, entziehen wir uns dem Diktat des Immer-Schneller-Besser-Weiter-Prinzips. Wir entziehen uns dem kräftezehrenden Wettbewerb im Berufs- wie Privatleben, entledigen uns des oftmals anstrengenden Funktionieren-Müssens. Mitglieder der Loge haben nicht nur die Chance, nein, sie haben die Pflicht, sich ausreichend Zeit für den eigenen Reifungsprozess zu nehmen. Wir begleiten typischerweise diesen Prozess, den wir die „Arbeit am rauen Stein“ nennen, gerne mit den Aufforderungen: „Schau in Dich! Schau um Dich! Schau über Dich!“ Wie trägt nun der Ort der Loge im Besonderen zu diesem Reifungsprozess bei? Versteht man die Loge als einen heterotopischen Raum, dann wird Freimaurerei quasi zu einer realen Utopie, indem sie von einer Wirklichkeit kündet, die es weder gab noch bisher gibt. Die utopische Besonderheit zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie den Charakter des Erwartbaren und des Möglichen gewinnt und der unvollendete Bau dereinst einmal Wirklichkeit werden könnte. Aber wie sieht diese reale Utopie aus? Ich hatte zu Beginn bereits versucht zu verdeutlichen, dass wir bei der Beschreibung von „Objekten“ (Gesellschaft, Freimaurerei) individuelle Wahrnehmungsfilter anwenden und somit jeder ein anderes „Bild“ vom „Objekt“ zeichnet. Wenn dies stimmt, und das setze ich jetzt einfach einmal voraus, stellt sich die Frage, wie wir denn die Anschlussfähigkeit herstellen, um über eine Sache gemeinsam zu reden, von der wir im Grunde alle ein anderes Bild haben. Anders gesagt: Wie können wir trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen über dasselbe reden? Wir nutzen Metaphern und Symbole. Wir bezeichnen diese Utopie als „unvollendeten Bau“ (im Übrigen sehen wir gerade in Berlin, dass der „unvollendete Bau“ eine reale Utopie sein kann). Oder: Wir bauen am Tempel der Humanität. Auch hier ist die Metapher „Bauen“ sehr interessant. Bauen heißt, man hat es mit etwas zu tun, das noch nicht fertig ist, das während des Bauens auch immer noch geändert werden kann. Bauen ist ein Verb, wir nannten es früher „Tu-Wort“, was zum Ausdruck bringen will, wir Brüder müssen tätig werden. Der Freimaurer beweist sich im Tun. Der Tempel der Humanität ist kein Zustand, wir werden auch den Bau nie vollenden. Der Prozess des Bauens ist wichtiger als das Erreichen des Endzustandes. Unsere Arbeit wird nie aufhören.

Und gerade weil wir uns auf kein konkretes, detailliertes Bild dieses Tempels geeinigt haben, können wir trotz aller verschiedenen Wahrnehmungen über den Tempel der Humanität reden. Auch wenn dieser Bau bzw. dieser Tempel vielleicht nicht final beschrieben ist, ist er dennoch nicht beliebig. So bleibt im Übrigen auch Platz für den jeweiligen Zeitgeist über die Jahrhunderte hinweg. Es verbindet sich also Stabilität mit Wandel.

Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, wo wir hinwollen, so bemerken wir doch (durch die Rückschau, durch das Zurückkehren in die Welt), ob wir vom Kurs abgekommen sind oder ob wir uns in die gewünschte Richtung bewegen.
Und wie wirken wir Freimaurer in der Außenwelt? Diese Frage haben Klaus-Jürgen Grün, mein Vorgänger im Amt des QC-Vorsitzenden und ich versucht, in einem Beitrag in der „Humanität“ zu beantworten. Dort schreiben wir:
„Im Ritual begegnen wir einem Menschen, der an sich selbst arbeitet, der Freimaurer ist Beobachter und zugleich das Beobachtete. Im Ganzen vollführen die Rituale ein Leben, das sich selber lebt. Niemand ist im Ritual ein außenstehender Beobachter, der durch das Geschehen unberührt bleiben kann. Freimaurer inszenieren den Prozess des Lebens, das sich selber lebt. Man kann sich nicht außerhalb des Rituals stellen und es von außen beobachten. Entweder man ist im Tempel dabei oder man bleibt außen vor. […] Diese Szene entwickelt Ethik auf eine ganz andere Weise, als es unsere traditionellen Ethiken tun. Wer selbst ein Bestandteil der Szene ist, die er beobachtet, ist mitverantwortlich für alles, was dort geschieht. Übertragen wir die Szene der Tempelarbeit auf die alltägliche Welt, so entsteht die Anforderung an sich selbst, sich stets als Bestandteil derjenigen Welt zu betrachten, die man vor sich hat. Durch unser Handeln in der Welt verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. Sofern ich mich aber als ein Wesen betrachte, das nur eine Außenwelt in sich abbildet, dann kann ich gar nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie sich in mir abbildet. Ich bin ja dann nur der passive Empfänger der Daten aus der Welt. […] Die Arbeit der Freimaurer erweist sich als eine Umwandlung der transitiven Bedeutung des Wortes in seine intransitive Bedeutung. Die transitive Bedeutung von Arbeit wäre das Arbeiten für etwas Anderes, für einen anderen. Die intransitive Bedeutung wäre das Arbeiten an sich selbst.

Deutlicher erkennbar ist dieser Sachverhalt an dem transitiven Verb ‚organisieren‘. Der Kybernetiker Heinz von Foerster legt dar, welcher fundamentale Wandel mit der Umwandlung der transitiven Bedeutung in ihre intransitive verbunden ist: Das Transitive ist, wenn ‚Organisator und seine Organisation so fundamental voneinander getrennt sind wie die Formen des Aktivs und des Passivs; es handelt sich um die Welt der Organisation des anderen, die Welt des Gebots: ‚Du sollst …!‘ Wenn wir andererseits die Organisation einer Organisation betrachten, so daß die eine in die andere hineinschlüpft, d. h. also ‚Selbstorganisation‘ entsteht, dann setzen wir eine Welt, in der ein Akteur letztendlich immer mit Bezug auf sich selbst handelt, denn er ist in seine Organisation eingeschlossen; es handelt sich um die Welt, in der man sich selbst organisiert, die Welt des Gebots: ‚Ich soll …!‘“

Unser Tempel verwandelt die verteilte Intelligenz der Individuen in die vernetzte Intelligenz der behauenen Steine. Zu einer gelungenen Tempelarbeit müssen alle Brüder gleichermaßen ihren Beitrag leisten. Alle müssen sich zu einem Ganzen organisieren. Es wird keine gelungene Arbeit, wenn jeder nur seine Rolle im Auge hat. Denken wir doch einmal daran, was passiert, wenn z. B. der Erste Aufseher seinen Einsatz verpasst oder textlich an die falsche Stelle gerät. Wenn der Stuhlmeister jetzt nicht „die Situation elegant rettet“, wird es keine gelungene Tempelarbeit. Und dies selbst, wenn der Stuhlmeister in seiner Rolle keine Fehler machte. Rettet er dagegen die Situation, kann es trotz des Patzers eine sehr gelungene Tempelarbeit werden.

Wir erkennen also, dass wir als Individuen immer auch von anderen abhängig sind und wandeln die Metapher des Nullsummenspiels, bei dem es immer einen Gewinner und einen Verlierer geben muss, in die Metapher einer Win-win-Situation ab, bei der alle gewinnen können, wenn vielleicht auch nicht immer in gleichem Maße. Es entsteht so die Weisheit der Vielen, die wir als soziale Gemeinschaft identifizieren und wertschätzen.
Richtig und ernsthaft ausgeführt, lassen uns unsere Rituale spüren, wie sich das rechte Maß anfühlt, wenn wir im Miteinander unsere Werte üben. Durch permanentes Üben wird aus der moralischen Mittelwahl ein tugendhafter Habitus. Deshalb scheint auch hier der Begriff der „Einübungsethik“ gerechtfertigt.

In Anlehnung an Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“ kann man den Freimaurer als Übenden, als ein sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen vorstellen. Seine Aktivitäten wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter und die Freimaurerei auf den Freimaurer. Wir verändern nicht die Welt, wir verändern uns und kehren als veränderte Menschen in die Welt zurück, auf die wir dann anders einwirken und die wir dann anders erleben. Was sich bewährt, funktioniert, was sich nicht bewährt, funktioniert nicht. Diese Bewährung ist auch die Bewährung der Freimaurerei. Zugegeben, es wird nur ein bescheidener kleiner Beitrag zur Verbesserung der Welt sein, aber es ist einer.

Zum Schluss: Was wünsche ich uns Freimaurern für die Zukunft? Dass wir aufhören zu suchen und anfangen zu finden.

In den Worten von Pablo Picasso ausgedrückt:

„Ich suche nicht — ich finde. Suchen — das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden — das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht — menschlich beschränkt und eingeengt — das Ziel bestimmen. Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

Thomas Forwe

Thomas Forwe ist Associate Partner einer großen mittelständischen Unternehmensberatung. Seit 2016 leitet er die Forschungsloge Quatuor Coronati und ist in der Großloge A.F.u.A.M.v.D. für die Aus- und Weiterbildung mitverantwortlich. Das wissenschaftliche Tagungsprogramm des Großlogentreffens in Mannheim wurde von ihm organisiert.

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Unsere Großloge im 21. Jahrhundert

© bartsadowski / Adobe Sttock

Freimaurerei war stets von der jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und auch religiösen Situation geprägt und wandelte sich mit ihr. Seit dem Entstehen der ersten Logen und Großlogen entwickelte sich in den einzelnen Staaten jeweils eine eigene, von der nationalen Geschichte geprägte Freimaurerei oder sogar deren mehrere unterschiedliche.

Von Karl-Henning Kröger, Zugeordneter Großmeister
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

In Deutschland haben wir in den Vereinigten Großlogen (VGLvD) fünf verschiedene Lehrarten in fünf Großlogen mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und auch Inhalten.

Die Identität der Großloge A.F.u.A.M.v.D. im 21. Jahrhundert

Auch unsere Großloge hat ihre eigene Identität. Hierauf möchte ich besonders eingehen, weil wir uns unserer inhaltlichen Identität bewusst sein sollten. In der Präambel zu unserer Verfassung (der Vereinssatzung) steht seit 1974, dass „die in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland zusammengeschlossenen Freimaurer auf der Grundlage der Alten Pflichten von 1723“ sich diese Verfassung gaben.

Die „Alten Pflichten“ sind ein Text des frühen 18. Jahrhunderts, der in der damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation in England entstanden ist. Unsere heutige Situation ist eine völlig andere. Daraus folgt meiner Meinung nach, dass wir uns an die Prinzipien dieses Textes halten, ihn aber im Sinne des frühen 21. Jahrhunderts interpretieren und anwenden müssen.

Die freiheitlich-humanitäre Tradition

In der genannten Präambel heißt es weiter, die Großlogenverfassung stehe im Geiste der durch die „Alten Pflichten“ von 1723 begründeten freiheitlich-humanitären Tradition.

Wenn wir uns in einer solchen Tradition sehen, müssen wir uns im Klaren darüber sein oder werden, was das eigentlich bedeutet. Von Freiheit im Allgemeinen ist in den „Alten Pflichten“ gar nicht die Rede. Mit der freiheitlichen Komponente dieser Tradition kann nur die Religionsfreiheit gemeint sein, die der Reverend James Anderson im ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“ empfiehlt. Was aber ist die humanitäre Komponente unserer Tradition?

Das Wort „humanitär“ gibt es in der hier gemeinten Bedeutung nur im freimaurerischen „Sonderwortschatz“. Seine übliche Bedeutung ist laut dem aktuellen Duden:

„auf die Linderung menschlicher Not bedacht, ausgerichtet“, z. B. „eine humanitäre Organisation“,
„durch die existenzielle Not vieler Menschen gekennzeichnet“, z. B. „eine humanitäre Katastrophe“.

Vor dem nationalsozialistischen Verbot gab es in Deutschland zwei Gruppen von Großlogen:

Die drei christlich orientierten sogenannten „Altpreußischen“ Großlogen wandten sich nach „… ihrem Ritualinhalt und ihrem ganzen System … nur an Bekenner christlicher Glaubensbekenntnisse …“ Diese waren die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, die Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln und die Große Loge von Preußen, genannt zur Freundschaft. 1933 gehörten ihnen zusammen etwa 70% der deutschen Freimaurer an. Heute hat noch die Große Landesloge eine Sonderstellung innerhalb der VGLvD. Sie gehört „mit den skandinavischen Großlogen zur sogenannten christlichen Ausrichtung der Freimaurerei, die nach dem sogenannten ‚Schwedischen System‘ arbeitet.“

Die übrigen sieben Großlogen machten keinen Unterschied nach dem Glaubensbekenntnis. Diese waren die Großlogen von Bayreuth, Frankfurt, Hamburg, Darmstadt und Sachsen sowie die Deutsche Bruderkette. „Das Bestehen einer christlichen Freimaurerei in Deutschland hatte die übrigen deutschen Großlogen veranlasst, sich selbst ein sprachlich unterscheidendes Merkmal zu geben, wobei die nicht gerade glückliche Wortverbindung ‚Humanitätsmaurerei‘ erfunden wurde …“

Von diesem Begriff ist das Adjektiv „humanitär“ abgeleitet. Es bezeichnet eine Freimaurerei, die nicht an ein religiöses Bekenntnis gebunden ist. Das Wort hat diese Bedeutung erst seit dem frühen 20. Jahrhundert, das Konzept ist aber bereits in den „Alten Pflichten“ formuliert. Dort steht nämlich in dem schon angesprochenen ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“, man solle die Menschen nicht mehr wie früher zu der jeweiligen Religion des Landes oder der Nation verpflichten, sondern nur noch dazu, gute und wahrhaftige Männer zu sein und ihnen ihre jeweiligen persönlichen Überzeugungen selbst zu überlassen.

Genau das ist mit der freiheitlich-humanitären Tradition, in der unsere Großloge steht, gemeint!

Die Tradition der Aufklärung und des Humanismus

Immer wieder heißt es, dass die Freimaurerei in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus stehe. Diese beiden Begriffe treten in vielerlei Zusammenhängen auf und haben ihre Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen und im Laufe der Geschichte gewandelt. Professor Binder hat heute zu „Humanismus als politischem Auftrag der Freimaurerei“ vorgetragen. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Aspekt der Aufklärung kurz ansprechen:

Viele Menschen flüchten sich heute, angesichts neuer, unverstandener Technologien, von bedrohlichen Veränderungen ihrer Berufswelt, von Globalisierung, Migrationswellen, politischen Umwälzungen usw., in scheinbar einfache Lösungen, in Nationalismus, in Verschwörungstheorien oder in fundamentalistische Interpretationen von Religionen. Man könnte auf die Idee kommen, dass die Aufklärung schon wieder zurückgedrängt werde.

Angesichts solcher Trends genügt es meines Erachtens nicht mehr, „in der Tradition der Aufklärung zu stehen“, sondern wir müssen — jeder Einzelne für sich — aktiv den Vereinfachern und Dogmatikern entgegentreten. Zur Tradition der Aufklärung gehört ein wissenschaftliches Weltbild. Man kann sich heute im Internet unentgeltlich zu jedem beliebigen Thema informieren, man kann allerdings auch jeden beliebigen Unsinn finden. Kritisches Denken ist also angesagt, wenn uns etwas an der Aufklärung liegt.

Steven Pinker hat im vergangenen Jahr ein meines Erachtens wichtiges Buch vorgelegt. Der deutsche Titel lautet: „Aufklärung jetzt, für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“.

Das Sittengesetz

Im ersten Abschnitt der Alten Pflichten heißt es im ersten Satz: „A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law; …“ Das bedeutet auf Deutsch: „Der Freimaurer ist durch seine lebenslange Verpflichtung daran gebunden, dem Sittengesetz zu gehorchen.“

Was ist denn das Sittengesetz? Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Das Sittengesetz, dem der Freimaurer gehorchen soll, steht also auf gleicher Höhe wie die verfassungsmäßige Ordnung. Es ist zwar mit den staatlichen Gesetzen, mit dem sogenannten „positiven Recht“ gleichwertig, aber es handelt sich um einen unbestimmten Begriff. Dieses Sittengesetz muss also beim praktischen Handeln im Rahmen der staatlichen Verfassung jeweils mit Inhalt gefüllt werden.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich.

Immanuel Kant hat in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ das Konzept des Sittengesetzes durchdrungen, in mehreren Varianten des Kategorischen Imperativs formuliert und damit auch das freimaurerische Denken wesentlich mitgeprägt. „Kant löste die Moral von der Religion los.“ Wikipedia sagt zum Stichwort „Sittengesetz“: „Im verfassungsrechtlichen Verständnis umfasst das Sittengesetz alle sittlichen Normen, die als Allgemeingut der Zivilisation weltweit anerkannt sind.“

Nun gelten aber in den verschiedenen Regionen unseres Planeten und galten auch zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche sittliche Normen. Diese Definition halte ich deshalb für unbrauchbar. (Man sollte nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht!) Stattdessen sagt mein Brockhaus von 1973: „Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes sind entscheidend die Wertvorstellungen, die nach ‚allgemeinem sittlichen Urteil‘ für die im Geltungsbereich des GG lebende Rechtsgemeinschaft bestimmend sind.“ Das ist also das heute in Deutschland vom Grundgesetz gemeinte und damit verbindliche Sittengesetz.

Dementsprechend nennen wir die in der Tempelarbeit aufgeschlagene Bibel nicht „Buch der heiligen Gesetze“ (damit wären etwa die 613 Gebote und Verbote oder die „10 Gebote“ im Alten Testament gemeint), sondern wir sprechen vom „Buch des Heiligen Gesetzes“. Wir verstehen das Buch nicht als religiöses Bekenntnisbuch, sondern als Symbol für das Sittengesetz.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich. So interpretiere ich auch die ältere der beiden Schöpfungsgeschichten, die am Anfang der Bibel stehen. Indem Adam und Eva im Paradies vom Baum der Erkenntnis essen, gehen ihnen die Augen auf. Ihnen wird das Licht erteilt, die Erkenntnis. Sie erkennen jetzt den Unterschied zwischen Gut und Böse. Sie können fortan nicht mehr wie die Tiere, die weder Gut noch Böse kennen, im Paradies leben. Indem Adam und Eva ein sittliches Bewusstsein bekommen haben, sind sie wirkliche Menschen geworden. Sie kennen nicht nur den Unterschied zwischen Gut und Böse, sondern sie sind selbst dafür verantwortlich, ob sie gut oder böse sind.

Die Geschichte, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, ist voll von Menschen, die sich für das Böse entschieden haben. Die erste Pflicht, die dem Freimaurer in den „Alten Pflichten“ genannt wird, ist, dem Sittengesetz zu gehorchen. Das ist nicht immer leicht, man muss daran arbeiten. Das verstehen wir unter der der „Arbeit am Rauen Stein“.

Der Große Baumeister aller Welten

Die Vereinigte Großloge von England zählt zu den Bedingungen, die für die Anerkennung einer ausländischen Großloge erfüllt sein müssen, dass Freimaurer unter deren Jurisdiktion an ein „Supreme Being“ glauben müssen. Im Artikel 3, Absatz 2 unserer Großlogenverfassung ist definiert, was wir darunter verstehen: „Sie (die Freimaurer) sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit.“

Mit „Weltenbau“ ist nach heutigem Stand der Wissenschaft gemeint: Die Existenz der Raum-Zeit, von Materie und Energie, die Gesamtheit der Naturgesetze, einschließlich der seltsamen Gesetze der Quantenwelt, die Existenz von Hunderten von Milliarden von Galaxien und vieles mehr, von dem wir noch nichts wissen und vielleicht nie etwas wissen werden.

Das „Lebendige“ als zweite Komponente dieses Konzeptes ist die überaus erstaunliche Tatsache, dass so etwas wie Leben überhaupt existiert und dass die Materie nicht etwa unbelebt ist, und dann die unvorstellbare Vielfalt der Lebensformen von scheinbar primitiven Einzellern bis beispielsweise zum Menschen, der sich für die Krone der Schöpfung hält, der aus etwa 100000 Milliarden von Zellen besteht , von denen jede einzelne den gesamten Bauplan für seinen Körper enthält, und der wiederum von vielen Milliarden Bakterien bewohnt wird. Das Gehirn des Menschen ist der komplexeste Gegenstand, von dem wir wissen. Über das sittliche Bewusstsein habe ich eben gesprochen. Soweit wir wissen, unterscheidet es den Menschen von allen anderen Lebensformen.

Wenn es in diesem Verfassungsartikel heißt, dass die Freimaurer in all dem ein „göttliches Wirken“ sehen, erinnert diese Formulierung an eine theistische Gottesauffassung, an die Vorstellung eines Gottes, der die Welt aktiv regiert und in ihr handelt. Eine solche Vorstellung steht genau genommen im Widerspruch zu dem humanitären Prinzip. Wenn wir das humanitäre Prinzip ernst nehmen, müssen wir auch die Formulierung „göttliches Wirken“ als Metapher auffassen und nicht wörtlich verstehen.

Die Erforschung und Betrachtung der drei genannten Bestandteile der Welt kann man auch unter den Begriffen „Kosmologie“, „Biowissenschaften“ und „Ethik“ zusammenfassen. Auch wer nicht einer bestimmten Religion angehört und vielleicht keine bestimmte Gottesvorstellung hat, sich aber mit diesen Themen ernsthaft beschäftigt, wird von großer Ehrfurcht erfasst werden und, wenn er Freimaurer ist, wird er „dies alles … unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten“ verehren.
Ich finde, dass diese Definition einerseits in wenigen Worten die dem Menschen angemessene Ehrfurcht vor einem „Supreme Being“ einem „Höchsten Sein“ ausdrückt und andererseits nicht behauptet, über das Wesen des Schöpfers oder eines Schöpfers genau Bescheid zu wissen. Ich finde, dass sich unter dieser Definition Angehörige aller religiösen Überzeugungen wiederfinden können. Ich finde außerdem, dass diese Definition einem wissenschaftlichen Weltbild entspricht, das im Zeitalter der Aufklärung entstanden ist. Dieses Zeitalter heißt im Englischen sehr treffend „the age of enlightenment“, was man auch wörtlich mit „Zeitalter der Erleuchtung“ übersetzen kann.

Übrigens heißt es noch in der Großlogenverfassung von 1964: „Der Freimaurer erblickt im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen das Wirken eines göttlichen Schöpfergeistes voll Weisheit, Stärke und Schönheit und verehrt ihn (den göttlichen Schöpfergeist!) unter dem Sinnbild des Allmächtigen Baumeisters aller Welten.“  Erst in der Freimaurerischen Ordnung von 1975 steht die heute gültige Definition:

„Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dies alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Auch darin sehen wir eine Entwicklung von einem traditionellen, noch stark religionsgebundenen, eher theistischen Verständnis eines Schöpfers hin zu dem Großen Baumeister als dem „umfassenden Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit“ . Dies ist meines Erachtens ein Verständnis des „Supreme Being“, in dem sich Angehörige ganz unterschiedlicher Weltanschauungen wiederfinden können. Br. Hans-Hermann Höhmann schreibt hierzu: „Das Symbol des ‚Großen Baumeisters‘ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz […] verstanden werden kann.“ Dieser transzendente Bezug des Freimaurers entsteht aus der Einsicht (oder der Vermutung), dass es etwas geben muss, das unsere raum-zeitliche, mit den Sinnen des Menschen oder mit den Instrumenten der Wissenschaft erfassbare Welt übersteigt.

Kontinuität und Wandel — Was muss bleiben?

„Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat aus dem Roman „Il Gattopardo“ von Tomasi di Lampedusa ist Untertitel zum Thema unseres Großlogentreffens. Der Roman handelt von den gewaltigen politischen und sozialen Umwälzungen in Italien nach 1860, vom Aufstieg des Bürgertums, und davon, wie der traditionelle Adel versuchte, mit den modernen Zeiten fertig zu werden.

Die Freimaurerei hat über mehr als drei Jahrhunderte eine erstaunliche Stabilität gezeigt. Das liegt vermutlich an einer konservativen Grundhaltung, am Beibehalten von Prinzipien, während das Logenleben sich flexibel an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst hat.

Es blieben weitgehend unverändert: Die Organisation in Logen und Großlogen als „Männerbund“, (auf weibliche Freimaurerei komme ich noch zu sprechen), das Ritual mit Initiation als Alleinstellungsmerkmal unter allen Formen von „Vereinsleben“, die Hauptinhalte, nämlich das Ideengut der Aufklärung und des Humanismus, die ethische Ausrichtung, und nicht zuletzt Geselligkeit, die weitgehende Einhaltung von allgemein anerkannten Regeln, den „Basic Principles“, den Kriterien, die sich die Vereinigte Großloge von England für die Anerkennung von anderen Großlogen als regulär gegeben hat, Verschwiegenheit, die „diskrete Gesellschaft“, die strikte Neutralität in politischen und religiösen Angelegenheiten, wozu auch die humanitäre Ausrichtung gehört.

Wenn die Annahme zutrifft, dass das Festhalten an diesen Prinzipien ein wesentlicher Grund für die jahrhundertelange Attraktivität und Stabilität der Freimaurerei ist, sollten wir m. E. unbedingt an diesen Prinzipien festhalten und allen Versuchungen, durch vermeintliche „Modernisierung“ attraktiver zu werden, widerstehen.

Das Wesen des Wandels heute

In der zweiten Hälfte des 20. und jetzt im 21. Jahrhundert beschleunigen sich in einem vorher nicht geahnten Maße technologische Entwicklungen und in ihrer Folge die gesellschaftlichen Umwälzungen. Unter den zahlreichen globalen und langfristigen Trends, den sogenannten Megatrends, greife ich einige beispielhaft heraus, von denen ich annehme, dass sie konkrete Auswirkungen auf unseren Bund haben:

Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt beschleunigt sich weiter.

Die Digitalisierung durchdringt immer weiter auch das Alltagsleben. Automatisierung, „Industrie 4.0“ und Künstliche Intelligenz verändern die Wirtschaft und die Realitäten in den Berufen und auch ganz allgemein das Privatleben schneller, als Gesellschaften und Politik sich anpassen können. Auch die Gentechnologien werfen zahlreiche Fragen zu sozialen, ethischen und rechtlichen Aspekten auf. Der Abstand zwischen den Gewinnern und den Verlierern dieser Trends vergrößert sich, auch in Deutschland. In einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach sagten gerade 32% der Deutschen, sie glaubten an den Fortschritt. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahrzehnten. Das hat bedeutende Auswirkung in der Gesellschaft.

Wir sollten meines Erachtens in den Logen mit Hilfe kompetenter Brüder auch über technologische Entwicklungen, vor allem aber über die damit verbundenen sozialen und ethischen Themen sprechen.

Frauen in der Gesellschaft

In den meisten Ländern nehmen Status und Anteil an Führungspositionen von Frauen zu, so auch in Deutschland. In England und Wales gibt es zwei Großlogen von weiblichen Freimaurern. Die UGLE hat 1999 in einer Erklärung den Frauenlogen Regularität und Ernsthaftigkeit bestätigt, ohne sie offiziell anzuerkennen. Bei zahlreichen Aktionen der Öffentlichkeitsarbeit im Jubiläumsjahr 2017 sind die örtlichen Frauenlogen ganz selbstverständlich integriert worden. Die Brüder müssen dann gar keine Fragen mehr beantworten, warum sie keine Frauen aufnehmen und den Schwestern geht es umgekehrt genauso.
Wir bleiben uns aber einig mit der Frauengroßloge von Deutschland, dass wir einander nicht bei rituellen Arbeiten besuchen oder aufnehmen oder annehmen werden.

Ideen und Identitäten

Umfassende Internetkommunikation bei gleich­zeitig schwächerem Wirtschaftswachs­tum fördert Rechts- und Linkspopulismus sowie Spannungen zwischen Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen. Neue Medien und Kommunikationsmittel ermöglichen es einer steigenden Zahl von Akteuren, die öffentliche Meinungsbildung und damit die Politik zu beeinflussen, sowohl im nationalen wie im internationalen Rahmen.

In zahlreichen Ländern steigt der Einfluss der Religionen, in anderen, z. B. auch in unserem, nimmt er ab.

Damit komme ich zum Thema Religion und Politik in der Loge. In manchen Logen ist immer noch der Irrtum verbreitet, in der Loge seien alle Gespräche über Religion und Politik verboten. In den „Alten Pflichten“ von 1723 heißt es im Abschnitt VI., 2, „Benehmen nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind“ bei genauer Übersetzung: (Deshalb) „… dürfen keine persönlichen Provokationen oder zornigen Streitereien über Religion, Nation oder staatliche Politik in die Loge getragen werden, gehören wir als Maurer doch alle der allgemeinen ‚Religion‘ an, von der schon die Rede war“ (d. h. gute und redliche Männer zu sein).
Diese Vorschrift wurde unter dem Eindruck der Religions- und Bürgerkriege des vorangegangenen Jahrhunderts formuliert und gilt richtig verstanden auch heute unverändert.

Damals verstand man unter „Politicks“ die Bürgerkriegsparteien in England. Heute haben wir einen ganz anderen Politikbegriff. Man unterscheidet z. B. Außenpolitik, Energiepolitik, Entwicklungspolitik, Gesundheitspolitik und viele mehr.

In unserer Großlogenverfassung heißt es in Artikel 2 Abs. 2: „Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes (!) Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“ Wir sollten deshalb in den Logen bewusst unsere Gesprächskultur pflegen: Nicht strittige Themen vermeiden, sondern zivilisierten Diskurs pflegen, zuhören, andere Meinungen gelten lassen! Konflikte sind normaler Bestandteil des menschlichen Lebens. Es kommt darauf an, richtig mit ihnen umzugehen.

Digitalisierung

Nach allgemeiner Wahrnehmung ist die Digitalisierung der dominierende Bereich des technologischen Fortschritts. Die Digitalisierung hat eine Explosion des Wissens mit sich gebracht, zugleich aber auch eine „Explosion des Unwissens“ und des falschen Wissens, und erst recht keine Explosion der Weisheit. Solche Trends können wir als verhältnismäßig kleine soziale Gruppe nicht aufhalten oder auch nur wesentlich beeinflussen.

Wir Freimaurer profitieren von der Digitalisierung z. B. bei der Kommunikation untereinander. Aber: Es gibt keine digitale Freimaurerei! Rituelle Arbeiten sollten bewusst Auszeiten von der digitalen Welt sein, bei denen niemand ein iPad oder Smartphone benutzt. Ausnahmen können gegebenenfalls der Musikmeister mit seinen Datenträgern oder ein Arzt im Bereitschaftsdienst sein. Zu Stil und Umgangsformen einiger Brüder in den sogenannten Sozialen Medien ist schon viel gesagt worden. Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Ermahnungen.

Arbeitswelt

Heute ist es eine Binsenweisheit, dass kaum noch jemand in dem Beruf oder dem Arbeitsgebiet, in dem er begonnen hat, in Rente geht. Lebenslanges Lernen ist zur Normalität für alle geworden, die erfolgreich bleiben wollen. Die Mobilität, die beruflich gefordert wird, betrifft auch die regionale Mobilität. In manchen Branchen ist häufiges Umziehen und/oder Pendeln zur Normalität geworden. Das hat auch Auswirkungen auf das Logenleben. Glücklicherweise kann jeder reguläre Bruder weltweit jede reguläre Loge besuchen. Ich selbst habe z. B. insgesamt sieben Jahre lang im Ausland jeweils eine Loge an meinem neuen, zeitweiligen Orient so regelmäßig wie ein Mitglied besucht und mich dort schon nach kurzer Zeit heimisch gefühlt.

Wir sollten neue Brüder von Anfang an mit dieser modernen freimaurerischen Realität vertraut machen und auch als aufnehmende Logen gezielt um solche Gäste werben. Außerdem sollten wir den Brüdern der eigenen Loge, die von ihrem Arbeitgeber in eine andere Stadt oder ein anderes Land geschickt werden, helfen, dort eine Loge zu finden und sie regelmäßig zu besuchen. Und wir sollten auch Suchende zu Freimaurern machen, von denen wir wissen, dass sie einige Jahre später an einem anderen Ort wohnen werden. Wenn sich eine solche Praxis verbreitet, profitieren alle davon.

Zusammenfassung

Umwälzungen in der Gesellschaft sind seit der Aufklärung und dem Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters etwas Normales. Was neu ist und uns auf absehbare Zeit begleiten wird, ist die ungeahnte Beschleunigung, die durch Technologieschübe bewirkt wird. Ich sehe die Entwicklung auf unserem Planeten insgesamt positiv, anders als meist dargestellt. Auch hierzu möchte ich eine Buchempfehlung geben: Das Buch von Hans Rosling mit dem Titel „Factfulness, wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“

Was die Freimaurerei betrifft, sollten wir, wie gesagt, an unseren bewährten Prinzipien festhalten. Unsere Logen sind Einrichtungen der Arbeit an uns selbst. Sie sind bewusst eine Alternative zu anderen, nur scheinbar ähnlichen Organisationen. Unsere Logen, unsere Großloge, wir „ändern manches, damit das Ganze bleibt, wie es ist“.

Karl-Henning Kröger

Br. Karl-Henning Kröger ist pensionierter Bundeswehroffizier. 2018 wurde er zum Zugeordneten Großmeister der Großloge A.F.u.M.v.D. gewählt und war vorher viele Jahre ehrenamtlich als Großkanzler der Großloge tätig.

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