Meinungen achten und Brücken bauen

Grußadresse des Großmeisters zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel

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„Wer wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe.“

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe, *4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Am kommenden Sonntag ist bereits der 3. Advent und es sind nur noch wenige Tage zum Jahreswechsel. Es ist die Zeit, in der man innehalten will, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und dem kommenden Jahr vielleicht nachdenklich, vor allem aber hoffnungsfroh entgegensieht.

Ein wichtiges Ereignis 2019 war das 70. Jubiläum unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Am 19. Juni 1949 wurde in der Geburtsstadt unseres Bruders Johann Wolfgang v. Goethe in der Paulskirche zu Frankfurt am Main unsere Großloge gegründet. Die damals formulierten „freimaurerischen Grundsätze“ sind noch immer richtungweisend und wesentlicher Teil der “Freimaurerischen Ordnung”.

Artikel 2 unserer freimaurerischen Grundsätze formuliert wie folgt: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Für das zurückliegende Jahr sind zunehmende Beschimpfungen und Gewalt, so zum Beispiel gegen Migranten, gegen Juden, gegen Rettungshelfer und Ordnungskräfte, gegen Journalisten und Politiker, in Einzelfällen bis hin zum Mord, Hasskommentare im Internet sowie die Verrohung der Sprache als Bestandteil der politischen Auseinandersetzung festzustellen. Einem für eine demokratische Weiterentwicklung wünschenswerten und unerlässlichem gesellschaftlichem Zusammenhalt sind diese Tendenzen nicht förderlich.

Für uns Freimaurer ist der oben zitierte Artikel 2 unserer Verfassung der Auftrag, Zivilcourage zu zeigen und Brücken zu bauen. Es gilt, unsere elementaren humanistischen Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum einfachen Zuhören können alltäglich zu leben, um zumindest in unserem Umfeld den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Jahreswende ist allerdings auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unseres Newsletters für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich eine frohe und stimmungsvolle Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2020. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. 

Stephan Roth-Kleyer

Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Freimaurerei ist für Menschen da

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Wie sich aus den Menschenrechten und -pflichten eine Zukunftsperspektive für unseren Bruderbund ableitet.

Von Sylvio J. Godon

Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von den Vereinten Nationen proklamiert, als direkte Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Ihre Vorläufer sind die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789. Unter den Verfassern befanden sich zahlreiche Brüder Freimaurer. Und: Vor 22 Jahren wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ verfasst.

Freimaurerei sollte sich immer wieder erkennbar in die Tradition beider Erklärungen stellen und dazu positionieren, wenn Menschrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden. Als Lebensschule kann sie weltweit für alle Menschen da sein. Gelingt ihr das, hat sie eine Zukunftsperspektive, leistet sie einen Beitrag zu dauerhaftem Frieden und zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Das Zitat aus Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 dürfte jedem von uns hinlänglich bekannt sein. Leider verhallen diese und die Sätze der 29 folgenden Artikel der Menschrechtscharta der Vereinten Nationen in unserer bewegten Zeit immer wieder.

Weniger präsent sind uns die beiden anderen Zitate der Artikel 1 und 7 aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Menschenpflichten! Als Zusatz, als Ergänzung, Erweiterung oder, wie wir in Wikipedia lesen können, als Gegengewicht zu den Menschenrechten.

Wobei ich diese Pflichten nicht als Gegengewicht empfinde. Rechte und Pflichten gehören meiner Ansicht nach zusammen. Unzertrennlich. Wer auf seinem Recht besteht, hat auch die Pflicht, es zu wahren und es seinem Nächsten zuzugestehen.
Anders als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ kein offizielles Dokument der Vereinten Nationen. Sie wurde 1997 vom InterAction Council (IAC) der Öffentlichkeit übergeben.
Das IAC wurde 1983 vom inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründet, als lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs. Nach Angaben von Loki Schmidt war der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt an der Idee und der Planung beteiligt.

Die Freimaurerei beschneidet sich in ihrer Wirkkraft

Wir erinnern uns: Helmut Schmidt war nicht nur Staatsmann, er war auch derjenige, der uns Freimaurern vor geraumer Zeit diese Worte ans Herz legte: „Wenn ich es richtig verstehe, so stellen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität die Grundideale der Freimaurerei dar. Diese Grundwerte sind notwendig. Ohne sie kann Europa nicht wirklich zusammenhalten.”

Ich würde das ergänzen: Ohne sie kann die Welt nicht zusammenhalten. Schmidt sagte dies anlässlich der Verleihung des Gustav-Stresemann-Preises im Januar 2015. Unsere Großloge vergab diesen Preis verbunden mit einer Medaille erstmals und würdigte damit die Lebensleistung des früheren Kanzlers.

Schmidt sagte aus diesem Anlass auch:

„Freimaurerei hat prinzipiell keinen Unterschied gemacht hinsichtlich der Nationalität oder der Hautfarbe. Wohl aber hat sie sich durch eine weit ausgedehnte Geheimhaltung ihrer Aktivitäten selbst in ihrer Reichweite eingegrenzt. Ich habe deshalb vor eineinhalb Jahrzehnten schon einmal an die Freimaurer appelliert, ihre begrüßenswerten Gründungen, ihre Spenden, ihre Aktivitäten öffentlich zu machen.“

Der Kanzler spricht hier von einer Freimaurerei, die sich durch Schweigen und Geheimhalten selbst in Wirkung und Reichweite eingrenzt. Seine Worte bergen Zündstoff. Kaum etwas taugt mehr dazu, die Bruderschaft in Wallung zu bringen, als die Frage, wie das, was die Freimaurerei an Gutem tut, nach außen zu kommunizieren wäre. In den vergangenen 30 Jahren ist von der Großloge allerdings sehr viel zur Öffnung unternommen worden, um gegenüber der Öffentlichkeit transparenter zu werden.

Ich würde noch weiter gehen als Helmut Schmidt, der uns den Spiegel vorgehalten hat. Die Freimaurerei hat sich nicht allein durch Geheimhalten ihrer Aktivitäten in ihrer Reichweite und Wirkkraft selbst begrenzt. Auch anderweitig ist es ihr „gelungen“, sich selbst zu beschneiden. Sie hat den ihr in die Wiege gelegten globalen Anspruch in zweifacher Hinsicht vernachlässigt.

Freimaurerei als weltweites Angebot wahrnehmen

Als globale Lebensschule für alle Menschen, gerichtet in alle Länder und in alle Nationen der Welt, hat Freimaurerei es zum einen bisher versäumt, als solche weltweit erkennbar aufzutreten. In der Freimaurerei, vor allem in ihren weiterführenden Graden, gibt es nicht gerade wenige landes-, europa- und weltweite Treffen oder Konferenzen. Aber wer erfährt davon? In der Regel der Bruderkreis. Das ist schön und gut. Aber reicht das heute wirklich noch aus?
Wenn ich ein weltweites Angebot für Menschen habe, eine humanitäre Bewegung global initiieren oder befördern will, dann muss das auch entsprechend kommuniziert werden. Allen Verschwörungstheorien über eine angeblich durch die Freimaurerei angestrebte Weltregierung zum Trotz. Es kommt eben darauf an, wie ich die Freimaurerei als globale Lebensschule, als weltweites Angebot für Menschen kommuniziere. Dies dürfte jedoch kein Problem darstellen, denn in unseren Reihen gibt es genügend Brüder, die sich damit auskennen.

Freimaurerei strebt Weltherrschaft oder eine Weltregierung nicht an. Sie strebt danach, dass Menschen einander im Geist der Menschlichkeit frei, offenen Herzens und ohne Vorbehalte begegnen können und sollen, schwesterlich und brüderlich.

Ja, sie möchte, dass die Welt menschlicher wird und die Menschen dadurch besser, friedvoller und toleranter miteinander umgehen, respektvoller und füreinander interessierter. Ja, sie möchte, dass es uns Menschen gelingt, mehr Kraft für die Bewahrung unserer Erde aufzuwenden, indem wir die weltanschaulichen und religiösen Gegensätze zwischen uns zu überwinden suchen und uns auf das uns allen Gemeinsame, das Menschsein, konzentrieren. Ja, sie möchte, dass Menschen fähiger werden, sich stärker mit sich selbst, mit ihren Schicksalen, mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, als damit, einander Schaden zuzufügen, die gemeinschaftlichen Ressourcen auszubeuten und damit die Natur und ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Nein, sie hat nicht vor, die Menschheit unter ihre Fuchtel zu bekommen und alle Menschen in einer Weltdiktatur gleichzuschalten, aber sie will die Menschheit zur Menschlichkeit und menschlichem Umgang wachrufen. Nein, sie will nicht das Ende der Religionen herbeiführen und auch nicht deren Vielfalt abschaffen, aber das Zeitalter der unabdinglichen religiösen Toleranz einläuten. Nein, ihr Ziel ist es nicht, Relativität und Relativismus in allem und von allem zu mehren, ihr Ziel ist es, das Menschsein und die Menschlichkeit in allem und von allem zu fördern.

Wenn es tatsächlich einmal so etwas wie eine Weltregierung in freimaurerischem Geist geben sollte, sie wirklich der Humanität diente, sich mit ihr Hunger, Not und Krankheit auf der Erde beseitigen ließen und sie uns vor den gegenwärtigen Bestrebungen bewahren könnte, die Grenzen zwischen Menschen und digitalen Maschinen aufzuheben, wäre sie dann so schlecht, wie Verschwörungstheorien uns das nahelegen wollen?

Freimaurerei geht alle Menschen an

Als globale Lebensschule hat Freimaurerei es zum anderen vernachlässigt, hervorzuheben und zu betonen, dass sie ihrem Wesen und ihrer Natur nach ein Angebot darstellt, das sich zuallererst an Menschen wendet, an Männer wie Frauen, nicht an Geschlechter. Dadurch ist der Eindruck entstanden – und er besteht vielerorts immer noch –, Freimaurerei sei nur etwas für Männer. Schlimmer noch: Freimaurerei sei antiquiert, machoistisch, altbacken, frauenfeindlich. Was sie aber partout nicht ist und auch nicht sein will. Freimaurerei, zwar auf das vorwiegend von Männern geprägte Zunftwesen zurückzuführen, ist aus ihrem Entstehen, ihren Statuten und Lehren heraus eine auf den Menschen, nicht auf die Geschlechter zielende Lehre.

An der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 haben acht Männer und Frauen aus Australien, Chile, China, Frankreich, dem Libanon, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten zwei Jahre gearbeitet, und Eleanor Roosevelt, Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, eine Frau, hat sie verkündet.

Nirgendwo in den Vorläufern der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist die Rede von Männern. Immer wird von Menschen, manchmal auch Bürgern, gesprochen, in der „Virginia Declaration of Rights“ von 1776, in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus demselben Jahr, in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789. Auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ spricht von Menschen und Personen, nicht von Männern und Frauen.

Die Freimaurerei steht in der Tradition der Menschenrechte, nicht der alleinigen Männerrechte oder Frauenrechte. Ebenso in der Tradition der Menschenpflichten. Niemand, der Freimaurerei wirklich verstanden hat, kann allen Ernstes sagen, Freimaurerei richte sich nur an Männer. Freimaurerei geht den Menschen an, nicht das Geschlecht. Sie ist für den Menschen da.

Ziele und Zwecke der Bruderschaft nach außen kommunizieren

Die Begrenzung in Wirkung und Reichweite, die sich die Freimaurerei selbst auferlegt hat, besteht also nicht nur in Bezug auf das Geheimhalten ihrer Aktivitäten und den Umgang mit der Öffentlichkeit. Auch ein fehlendes weltweit sichtbares Bekenntnis, von Beginn an in der Tradition der Menschenrechte und inzwischen auch in der der Menschenpflichten zu stehen, das fehlende Hervorheben, eine globale Bewegung mit Jahrhunderte alter Menschenrechtstradition zu sein, beschränkt die Freimaurerei hinsichtlich ihrer Reichweite und Wirksamkeit überdeutlich und zu Unrecht.

Was also sollte Freimaurerei unternehmen, um überhaupt eine Zukunftsperspektive zu haben?

Sie sollte erstens für sich selbst ein entspanntes Verhältnis zur Geheimhaltung ihrer Aktivitäten und zum Arkanum gewinnen. Letzteres kann nicht preisgegeben werden, soviel man auch darüber sagen, debattieren oder schreiben mag. Es kann nur erlebt werden. Das wird immer so sein.

Noch weiter als bisher gehende Kommunikation der Ziele, Zwecke und Wirkweise der Freimaurerei ist das Gebot der Stunde, in allen Medien, auch in den sozialen, in denen sie nur rudimentär vertreten ist, und zwar auf der gesamten Breite und Palette der mittlerweile vorhandenen digitalen Möglichkeiten und Kanäle. Über die aufklärerische Tradition, die humanistische Lehre und das Gute, das Humanitäre zu sprechen, das der Freimaurerei innewohnt, ist nicht verwerflich. Es verrät kein Geheimnis. Es nimmt Einzuweihenden nicht einen Deut vom Erlebnis.

Freimaurerei sollte sich zweitens ganz bewusst und freien Mutes, sichtbar und dauerhaft immer wieder weltweit erkennbar in die Tradition der Menschenrechte und -pflichten stellen, aus der sie sich entwickelt hat. Dazu gehört es, dass sie sich lokal, national und global positioniert, wenn Menschenrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden.

Es gibt dazu eine Einschätzung von John McCain, dem 2018 verstorbenen republikanischen Gegenspieler Donald Trumps und ehemaligen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: „Wenn man die Verpflichtung Amerikas, international zu führen, zurückweist, ebenso wie unsere Pflicht, die letzte große Hoffnung der Welt zu bleiben, um einem halb garen, zweifelhaften Nationalismus nachzugeben, der auf Leute zurückgeht, die lieber Sündenböcke suchen, als Probleme zu lösen, dann ist das unpatriotisch. Ebenso unpatriotisch, wie anderen Lehren der Vergangenheit zu folgen, die die Amerikaner schon auf dem Aschehaufen der Geschichte sahen. Wir leben in einem Land, das aus Idealen gemacht ist, nicht aus Blut und Boden.“ Wir können in diesem Zitat Amerika gegen Europa austauschen und erhalten denselben wichtigen Aufruf.

Freimaurerei sollte drittens den alten Zopf abschneiden, zu meinen und zu publizieren, sie sei eine Einrichtung und Lebensschule ausschließlich für Männer. Das ist sie ihrem Geist nach nicht. In meinen Augen war sie es nie. Ihre durchaus vorhandenen und männlich geprägten Traditionen muss sie deswegen nicht verwerfen oder aufgeben. Das bedeutet auch anzuerkennen und zuzulassen, dass es Männerlogen, Frauenlogen und gemischte Logen geben kann, dass vom freien und offenen Besuch untereinander keinerlei Gefahren für das Wesen und Überleben der Freimaurerei ausgehen. Natürlich, sofern gewährleistet ist, dass alle jene Logen im humanistischen freimaurerischen Geist arbeiten.

Freimaurerei als weltweit wirksame Lebensschule

Dazu, um eine wirkliche, letztlich tiefgreifende und von Grund auf erneuernde Veränderung in Gang zu setzen, kann es und muss es vielleicht sogar notwendig werden, dass sich Freimaurerei von der langen Tradition verabschiedet, das Entstehen neu gegründeter, regulärer Logen allein von der Anerkennung der freimaurerischen Institutionen des freimaurerischen Mutterlandes abhängig zu machen und die Arbeitsweise bereits existierender Logen allein von den Reglements des freimaurerischen Mutterlandes aus zu beurteilen. Eines freimaurerischen Mutterlandes, das es übrigens erst kürzlich zugelassen hat, dass es sich selbst von einer zutiefst freimaurerischen Idee verabschiedet hat: von Europa.

Könnte Freimaurerei lokal, national und global diesen Gedanken durchsetzen, ergäben sich durchaus Zukunftsperspektiven, die folgendermaßen aussähen:

Aus der Freimaurerei würde tatsächlich die erste weltweit wirksame Lebensschule für Menschen aller Nationen, zu der nicht nur alle Menschen Zutritt haben, sondern in der auch alle Menschen gemäß den Allgemeinen Menschenrechten und Allgemeinen Menschenpflichten unterrichtet würden.  Aus der Freimaurerei könnte, gerade weil sie eine Schule der Humanität und Toleranz ist, endlich weltweit die Wirkkraft werden, die es vermag, die seit Jahrtausenden währenden Gegensätze zwischen den Weltreligionen und allen anderen Religionen zu überwinden und die damit verbundenen Feindseligkeiten und Kriege zwischen den Menschen auf der Erde.
Sie könnte das, weil sie eine Lebensschule ist, die es Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und Religion ermöglicht, sie zu besuchen, ohne dabei die eigenen Lebenseinstellungen und Glaubensgrundsätze aufgeben zu müssen, solange sie nicht gegen die allgemeinen Menschenrechte und -pflichten verstoßen.

Religionen sind dazu nicht in der Lage, weil Missionsgeist, Selbstbezogenheit und Tunnelblick sie in der Regel bremsen und oft gerade das Gegenteil bewirken.

Schließlich könnte Freimaurerei dazu beitragen, dass es der Menschheit immer mehr gelingt, dauerhaft in Frieden zu leben, dauerhaft ohne Hunger und Not auszukommen und sich endlich gemeinsam und dauerhaft der Erhaltung und Pflege unserer Lebensgrundlage zu widmen: der Erde. Nicht nur die Menschen auf diesem Planeten sind in Bedrängnis, sondern auch der Planet selbst.

Hierfür müsste es der Freimaurerei jedoch gelingen, sich aus dem Stadium absolut nicht mehr zeitgemäßer Traditionen, übertriebener Selbstbeschau und fortwährender männlicher Selbstbezogenheit zu befreien.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.

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Gesellschaft der Angst, oder: Die Vertreibung aus dem Paradies

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Zorn und sogar Hass werden immer mehr, insbesondere im Internet, zur Form der politischen Auseinandersetzung. Wir als Freimaurer sind in besonderer Weise gefordert, hier Stellung zu beziehen.

Hasskommentare im Internet, Beschimpfungen und Gewaltandrohungen gegen Migranten, gegen Politiker und Journalisten, in Einzelfällen auch physische Gewalt bis hin zum Mord sind Bestandteil der politischen Auseinandersetzung geworden. Es ist Zeit, sich zu fragen – und hier sind gerade wir als Freimaurer gefordert -: woran liegt es?

Wir leben in einer Zeit des Wandels. Globalisierung mit all ihren Folgen ist nur eines der Stichworte hierfür. Der Fortschrittsglaube nach dem Zweiten Weltkrieg in der Phase des Wirtschaftswunders ist spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre gebrochen. Die Gewissheit, im Laufe des Lebens den erreichten sozialen und finanziellen Stand zumindest zu halten, wenn nicht zu verbessern, ist verloren gegangen. Wir stellen eine Veränderung der Gesellschaft fest. Die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft ist größer und auch offensichtlicher geworden. Eine vergleichsweise kleine Schicht profitiert von diesen Veränderungen und erlebt einen sozialen und finanziellen Aufstieg. Für weite Schichten ist das nicht möglich, sie kämpfen, um den einmal erreichten Stand zu halten oder die Veränderungen bedeuten für sie einen sozialen Abstieg. Allerdings bedeutet Abstieg nicht den Fall ins Elend. Auch die Verlierer bei diesen Veränderungen werden durch soziale Systeme aufgefangen.

Auffallend ist, dass die Wenigsten, die solche Befürchtungen und Ängste äußern, tatsächlich der Gefahr eines Abstiegs ausgesetzt sind. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Gesellschaft – und zwar in allen industrialisierten Ländern – einem starken sozialen Wandel unterzogen ist. Jeder soziale Wandel bedeutet die Vertreibung aus einem Paradies, einem Ort, der im Rückblick als ein Hort von Frieden, Ruhe und Ordnung und Wohlstand gesehen wird. Man kann hier von einem nostalgischen Nationalismus sprechen.

Sicherlich sind die Zeiten der Sorglosigkeit vorbei. Die Politik kann kein sorgenfreies Leben mehr versprechen. Dabei ist die Angst vor der Zukunft keine rein deutsche Erscheinung, auch wenn man im Ausland gerne von der „German Angst“ spricht. Nach Schätzungen tragen mehr als 50 Prozent der Deutschen chronische Ängste mit sich herum. Die gleichen Erscheinungen sind in allen europäischen Ländern und auch in den USA festzustellen. Viele erleben oder empfinden die Globalisierung als kollektiven Kontrollverlust. Wir stellen einen gefühlten Verlust der Zukunftsperspektive fest. Der Glaube an den Fortschritt weicht der Angst vor dem Abstieg. Die politische Linke redet vom Abstieg, die Rechte vom Niedergang, die Mitte schweigt eher. Das bedeutet aber nicht, dass die Mitte keine Angst empfindet. Das Gefühl, dass alles, was vor kurzem noch sicher erschien, ins Rutschen gekommen ist, geht weit über die Vertreter der politischen Extreme hinaus. Das Vertrauen in eine bessere Zukunft ist verloren. Ängstlichkeit und Resignation bei den einen, Misstrauen und Zorn bei den anderen sind die Folge. Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ hat wieder einen Platz in der politischen Diskussion.

Globalisierungsprozesse im Sinne von Zunahme weltweiter wirtschaftlicher Verflechtungen haben schon im ausgehenden Mittelalter stattgefunden. Damals bildeten sich globale Handels- und Hafenstädte (z.B. die Hanse). Kunst, Handwerk und Wissenschaft waren in der damals bekannten Welt weitgehend vernetzt. Was ist nun das Neue an der modernen Globalisierung? Was macht sie so bedrohlich? Der wichtigste Unterschied ist darin zu sehen, dass die Globalisierung der Frühmoderne kontinuierlich geschah und zur Herausbildung von souveränen Nationalstaaten im Rahmen einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft beigetragen hat. Die 1989 eingeleitete Globalisierung zeichnet sich dagegen durch ihren umwälzenden Charakter und die Gleichzeitigkeit des schnellen Wandels von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aus.

Die Angst vor dem Kontrollverlust über das eigene Leben führt verbreitet zur Sehnsucht nach Geborgenheit und Gemeinschaft. Auffallend ist, dass die Globalisierungsgegner und Angstbürger nicht nur zu den unteren sozialen Schichten gehören, die tatsächlich abstiegsgefährdet sind. Diese Empfindung geht bis tief in die Mittelschicht in allen sozioökonomischen Situationen hinein.

Die alltägliche Besorgtheit verdichtet sich zur Sorge. Aus der Sorge wird schließlich Angst: Angst vor der Zukunft, vor dem Neuen, vor dem Fremden. Die soziale Deklassifizierung oder auch nur die Angst hiervor und die damit verbundenen Kränkungen können ein persönlichkeitsänderndes Potential entfalten. Häufig ist es auch die Angst vor einem Verlust sozialer Beziehungen, die Angst vor der Einsamkeit. Der Betroffene steckt häufig in seinen Emotionen fest, weil er der Situation nicht entfliehen kann und dauerhaft ein Gefühl der Unterlegenheit hat. Die persönliche Niederlage wird als unverschuldetes und ungerechtes Schicksal empfunden. Die negative Emotion entwickelt dann häufig ein Eigenleben, es entstehen Gefühle wie Ressentiment oder Zorn bis hin zum Hass. Dies kann durchaus Auswirkungen auf das Persönlichkeitsbild haben und zu politischen Emotionen und Auffassungen heranwachsen. Die empfundene Vereinsamung ist natürlich besonders empfänglich für angebotene Gemeinschaften und kollektive Identitäten.

Ressentiment bezeichnet hierbei einen heimlichen Groll, der entsteht, wenn mächtige Wünsche dauerhaft unerfüllt bleiben. Dies ist eine Art Selbstvergiftung. Ohnmächtig zur Rache am vermeintlichen Verursacher, drückt sich die Aggression im Ressentiment aus. Zum Ressentiment trägt ein starkes Gefühl bei, betrogen worden zu sein. Der Wert der eigenen Person, die eigene harte Arbeit werde nicht ausreichend gewürdigt. Deshalb könne man den Niedergang nicht aufhalten. Anderen Gruppen hingegen (z.B. Migranten, Homosexuellen) werde alles nachgeworfen. Sie erhielten alle Leistungen, die einem „normalen Bürger“ vorenthalten würden und ziehen so sozial und wirtschaftlich an diesem vorbei. Hinsichtlich der Bewältigung von Niederlagen erfüllt das insoweit das Kriterium eines Abwehrmechanismus. Letztlich geht es hier um Neid. Warum erhalten die alles, was mir vorenthalten wird? Aus diesem Neid wird Verachtung, aus der Verachtung kann Hass werden. Unterstützt wird diese Entwicklung durch den Kontakt zu Gleichgesinnten. Sie bestätigen die eigenen Gefühle und verleihen ein Gefühl der Stärke. Angst ist ansteckend. Ressentiments sind insoweit eben auch kollektivstiftende Emotionen. Sie helfen, die individuelle Isolation in einer Wir-Erfahrung zu überwinden. Hinzu kommt, dass das Verbreiten von Angst Aufmerksamkeit sichert.

Es besteht kein Zutrauen mehr in die eigene oder auch die kollektive Zukunft. Die Zuversicht in die Leistungsfähigkeit der bestehenden politischen Ordnung ist entfallen. Deshalb greift man sie auch vehement an, verbunden mit dem Aufruf zur Umkehr. Die Vergangenheit wird als Vorbild und Orientierungsmaske dargestellt. Ob der behauptete Verlust nationaler Handlungsmöglichkeiten in eine indifferenzierte Kapitalismuskritik oder einen lamentierten Verlust eigener Identität (fremd im eigenen Land) mündet, macht keinen großen Unterschied. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass die Identifizierung von Kapitalismus mit einer angeblichen jüdischen Finanzelite eine lange, unselige Tradition hat und einen der Grundpfeiler des europäischen Antisemitismus darstellt.

Die weitere Folge kann dann der Aufruf zum realen Widerstand gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten und das System sein. Im Kollektiv geäußert, wirkt er besonders bedrohlich. Gleichzeitig bietet das Kollektiv dem Drohenden einen gewissen Schutz in der Anonymität der Masse, was durchaus zu größerer Enthemmung führen kann.

Wogegen richtet sich der Hass? Gegen die etablierte Politik, gegen Politiker als Personen und Parteien, letztlich gegen das bestehende politische System; gegen die Kapitalisten, gegen alle, denen es besser geht, die die sogenannte Großfinanz, die häufig mit „den Juden“ gleichgesetzt wird, demzufolge generell gegen Juden in unserer Gesellschaft; gegen alles, was anders ist: Ausländer, Homosexuelle (letztlich alle, die nicht heterosexuell sind), Migranten, moderne Kunst.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die meisten verfügbaren Daten die Krisenszenarien des Abstiegs oder Niedergangs nicht bestätigen. Dies gilt jedenfalls, soweit sie sich auf ein Land in seiner Gesamtheit beziehen, was natürlich Einzelfälle des Abstiegs nicht ausschließt. Bezogen auf die Gesamtheit besteht also ein Widerspruch zwischen vorherrschender Stimmung und tatsächlicher Lage. Auffallend ist, dass auch die meisten als Einzelpersonen befragten ihre Situation eher als positiv empfinden.

Natürlich gibt es Branchen, deren Arbeitsplätze ins Ausland verlegt werden oder der Digitalisierung zum Opfer fallen. Das kann zwar eine gespaltene Stimmungslage erklären, nicht aber den vorherrschenden negativen Grundton. Was wir brauchen, ist ein mentaler und politischer Neuanfang. Dies kann nur durch Reformmaßnahmen geschehen. Allerdings brauchen Reformen Zeit. Die Angst- und Wutbürger behaupten, diese Zeit stehe nicht mehr zur Verfügung. Zur Abwendung einer Katastrophe müsse sofort gehandelt und unmittelbar wirkende Maßnahmen ergriffen werden. In der Ablehnung des bestehenden demokratischen Systems wird dies dann häufig mit dem Ruf nach dem „starken Mann“ verknüpft. Derartige Szenarien entwerfen das Bild des politischen Führers, der weiß und umsetzt, was das Volk zu seiner Rettung bedarf. Gleichzeitig werden vorliegende Reformvorschläge oder eingeleitete Reformmaßnahmen mit Hohn und Spott überzogen. Die Anwürfe werden zunehmend persönlich. Es ist häufig eine Art Eskalationsschema festzustellen: Was als Kritik an Politik und Politikern beginnt, steigert sich zum Vorwurf der moralischen Verkommenheit und Korruption.

Was hat das alles mit der Freimaurerei zu tun?

Wir sind gefordert, meine Brüder! Wir müssen der unbegründeten Angst und insbesondere der Aggression entgegentreten. Auf der Ebene der Gesamtgesellschaft kann dies eigentlich nur durch Bildung und Vermittlung von Wissen erfolgen. Wenn wir als Freimaurer uns der Tradition der Aufklärung und der Toleranz und Menschenliebe verpflichtet fühlen, dürfen wir uns solchen irrationalen Ängsten und Vorurteilen gegenüber nicht tolerant zeigen. Auch wenn Vertreter dieser Positionen möglicherweise demokratisch legitim in politische Positionen gewählt werden, bedeutet dies nicht, dass wir uns dem anschließen müssen oder es auch nur zu respektieren haben. Wir müssen den Mund aufmachen gegenüber solchen Auffassungen, die den freimaurerischen Idealen zutiefst widersprechen. Ich wiederhole mich: „Steht auf meine Brüder und wehrt Euch!“.

Gerade auch soweit die Freimaurerei unmittelbar betroffen ist, können Ansichten, die eigentlich auf die Müllkippe der deutschen Geschichte gehören, nicht achselzuckend unter Hinweis auf freimaurerische Toleranz hingenommen werden. Populistische Weltbilder, Intoleranz, Hass und Fremdenfeindlichkeit sind keine Ausdrucksformen, die in einer Freimaurerloge Platz haben. Sie sind mit unserem Weltbild nicht kompatibel. Hier ist jede Loge gefordert. Wir dürfen nicht schweigen, sondern müssen darüber reden. Insbesondere dürfen wir es auch nicht dulden!

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Stuttgarter Freimaurer unterstützen “KinderHelden”

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Die „Humane Welt e.V.“, der humanitäre Arm der Freimaurerloge „Furchtlos und Treu“ Stuttgart, sponsorte einen Ausflug des Vereins „KinderHelden gemeinnützige GmbH“ Stuttgart zur Experimenta nach Heilbronn.

Der Verein KinderHelden fördert Kinder mit schwierigen Startbedingungen mit Mentoring-Programmen.

Für 18 KinderHelden-Tandems ging es 26. Oktober gut gelaunt los. Nach der gemeinsamen Zugfahrt von Stuttgart nach Heilbronn startete der Ausflug im “Science Dome”, einer weltweit einzigartigen Kombination aus Planetarium und Theater mit einem 700 qm großen Kuppelscreen. Die Tandems konnten dort eine spektakuläre 3D Reise über den Traum des Fliegens erleben und staunten nicht schlecht.

Im Anschluss ging es in die Entdeckerwelt, welche mit über 275 interaktiven Exponaten spannende wissenschaftliche Phänomene aus Wissenschaft und Technik erlebbar und begreifbar macht. Gerade das spielerische Erkunden der Exponate war für jedes Tandem eine perfekte Gelegenheit, das eigene Wissen und Geschick zu prüfen und gemeinsam Neues zu erkunden. In den gläsernen Studios konnten die Tandems daraufhin selbst kreativ werden und unter anderem ein Fahrzeug basteln, einen eigenen Film produzieren oder zusammen Musikstücke komponieren. All dies ganz nach dem Motto der Experimenta: Erleben schafft Wissen.

Die Experimenta bot den Tandems die Möglichkeit, ganz individuell den eigenen Interessen nachzugehen und Neues gemeinsam auszuprobieren. Beim Aufbruch zurück nach Stuttgart war die einhellige Meinung der Mentees, dass man doch hätte noch länger bleiben können.

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Großlogen unterzeichnen Unvereinbarkeitserklärung

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Aus gegebenem Anlass veröffentlichten die Vereinigten Großlogen von Deutschland — Bruderschaft der Freimaurer — am 27. November 2019 eine Unvereinbarkeitserklärung.

Die Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) und die ihnen angehörenden Großlogen und Logen fußen auf der verfassungsrechtlichen Grundordnung unseres Landes.

Gedankengut, das dieser Ordnung und den demokratischen Grundprinzipien unseres Landes entgegensteht, ist mit den Grundgedanken, Prinzipien und Tugenden der Freimaurerei nicht vereinbar.

Dies ist insbesondere der Fall bei Erklärungen und Handlungsweisen, wie sie seit einiger Zeit seitens gewisser Gruppierungen und ihrer Sympathisanten (u.a. UNITER e.V., Reichsbürger) publiziert und praktiziert werden.

Die VGLvD und ihre Großlogen rufen ihre Logen zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber den beschriebenen Tendenzen und erforderlichenfalls zu personellen Konsequenzen auf.

Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland

Die Unvereinbarkeitserklärung wurde unterzeichnet von allen in den Vereinigten Großlogen zusammengeschlossenen Großlogen, vertreten durch die Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, der Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln, der American Canadian Grand Lodge und der Grand Lodge of British Freemasons Germany.

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Karlsruher Loge veranstaltet Themenabend Demokratie

Links der Gastredner Prof. Kirchberg, rechts der Meister vom Stuhl Michael Dietrich

Die Karlsruher Freimaurerloge "Leopold zur Treue" lud zu einem Themenabend zur Demokratie in Deutschland ein. Es ging um Theorie und Praxis der Verfassungsbeschwerde.

Karlsruhe (md). Der renommierte Verfassungsrechtler Herr Prof. Dr. Christian Kirchberg sprach über „Theorie und Praxis der Verfassungsbeschwerde“. Anschaulich berichtete er den interessierten geladenen Gästen, darunter auch mehrere Stadträte und ein Richter des BGH, aus der Praxis.

Die Verfassungsbeschwerde ermöglicht insbesondere den Bürgerinnen und Bürgern, ihre grundrechtlich garantierten Freiheiten gegenüber dem Staat durchzusetzen. Besonders beeindruckend ist die hohe Anzahl der jährlichen Beschwerden (über 6.000), von denen nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz erfolgreich ist. Der dahinterstehende Arbeitsaufwand für das Bundesverfassungsgericht, das Gericht und Verfassungsorgan zugleich ist, ist jedoch enorm. Wird ihm damit doch eine herausragende Stellung als Hüter des Grundgesetzes zuteil zum Schutze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Viele bekannte Juristen finden sich in den historischen Mitgliederlisten der Loge. Daher beschäftig sich die Loge regelmäßig mit dem gesellschaftlichen Vermächtnis dieser Brüder. Auch dem Meister vom Stuhl, Br. Michael Dietrich ist es wichtig, dass die Freimaurerei klar Stellung bezieht für ihre Ideale: Toleranz und Menschenliebe, für Grundrechte und Demokratie sowie für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Die Geschichte der Loge “Leopold zur Treue” ist eng mit der Entstehung der badischen Verfassung und den ersten demokratischen Strömungen in Deutschland verbunden. Karl Friedrich Nebenius, der Schöpfer der badischen Verfassung von 1818, deren Entstehung sich vergangenes Jahr das 200. Mal jährte, war Mitglied der Loge. Im Jahr 1813 musste er, wie alle badischen Beamten, auf Drängen von Großherzog Karl aus der Loge austreten. Im selben Jahr erfolgte das generelle Verbot. Einige Jahre später war es vor allem seinem Einsatz zu verdanken, dass die “Leopold zur Treue” unter dem Protektorat von Großherzog Leopold im Jahr 1847 wiedereröffnet werden konnte, die sich ihm zu Ehren umbenannte (von „Carl zur Einigkeit“).

Seine Verfassung war die modernste seiner Zeit. Als erste demokratische Verfassung Deutschlands war sie geprägt von freimaurerischen Idealen. Insbesondere enthalten war ein Katalog von Grundrechten für alle Bürgerinnen und Bürger. Vielleicht war sie noch etwas zu fortschrittlich im damaligen gesellschaftlichen Zusammenhang. So setzten bereits 1819 die Karlsbader Beschlüsse die in der Verfassung enthaltenen Grundrechte wieder außer Kraft. Bis zur Ausrufung der Republik in Deutschland sollten dann noch 100 Jahre (1918) vergehen. Die Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen jährte sich letztes Jahr erst zum 70. Male. Nebenius kann aus heutiger Sicht als Vordenker, Visionär und Wegbereiter angesehen werden. Er setzte die Ideale der Freimaurerei und damit der Aufklärung um und integrierte sie in seinen Entwurf der badischen Verfassung.

Sein Ehrengrab besuchten die Brüder der Loge erst kürzlich.

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Neues Wagen und beim Alten bleiben

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"Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat des italienischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird aktuell immer wieder gerne wiederholt.

Egal, in welchen gesellschaftlichen Bereich man schaut, überall wird Wandel und Veränderung gefordert: in der Europapolitik, in der Wirtschaft, in der Energieerzeugung, in der Kirche, im Sozialstaat, in der Kommunikation, in der Mobilität, in der IT … – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

„Nichts ist beständiger, als der Wandel.“ Diese alte Lebensweisheit wird dem griechischen Philosophen Heraklit zugesprochen. Die Beständigkeit des Wandels wird uns in fast allen Facetten des täglichen Lebens gepredigt — nein, sie wird uns förmlich um die Ohren gehauen. Aber hat sich in den vergangenen 2500 Jahren an dieser Wahrheit wirklich nichts geändert? Sind wir zu einer stetigen Veränderung verdammt? Müssen wir uns blind dem herrschenden Zeitgeist, den aktuellen Gegebenheiten und den damit einhergehend geforderten Veränderungen unterwerfen? Oder gilt es nicht, auch einmal wie der Fels in der Brandung zu sein, wie ein Monolith, der den Strömungen der Zeit entgegensteht und das Bewährte bewahrt? Müssen nicht gerade wir, liebe Brüder, dieser Stein, dieser unbehauene Stein sein?

Was wir früher hatten, wünschen wir heute oft zurück.

Sicher, Veränderungen der Zeit fordern auch Veränderungen an Althergebrachtem — aber dann doch bitte immer mit Prüfung und Weitsicht. Denn einmal veränderte Gegebenheiten können später durchaus auch als schmerzlicher Verlust empfunden werden. An einem aktuellen Beispiel aus der Verkehrspolitik möchte ich es verdeutlichen: In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde alles darangesetzt, den Güterverkehr von der Schiene auf die Straße zu verlagern. Die Bahn war — aus damaliger Sicht — nicht mehr zeitgemäß. Zudem sollte der Staatskonzern privatisiert werden und an die Börse gehen. Strukturen wurden verschlankt, Bahnstrecken zurückgebaut, Gütertransportkapazitäten zurückgefahren, Gü­ter­bahn­höfe in zentraler City-Lage stillgelegt, die Gebäude abgerissen, das Gelände verkauft. „Just in time“ liefern konnte aus damaliger Sicht nur der LKW, denn die Autobahnen und Straßen waren frei. Noch. Aber heute erleben wir genau das Gegenteil: Der Lkw- und Pkw-Verkehr verstopft die Autobahnen und stößt viel CO2 aus. Die Bahn wäre — auch um die Pariser Klimaziele zu erreichen — die Alternative und Lösung. Aber: Infrastruktur fehlt, ebenso wie Flächen und Anschlüsse. Das, was wir früher hatten, wünschen wir uns heute wieder.

Ebenso erging es beispielsweise Straßenbahnen im Öffentlichen Personennahverkehr: Sie galten nicht mehr als zeitgemäß, heute sind die Städte glücklich, die sich seinerzeit nicht dem aktuellen Zeitgeist angepasst haben.
Oder werfen wir in der Sozialpolitik einen Blick auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften: Sie wurden verkauft, weil sie nicht als „Kerngeschäft“ der Städte galten. Heute wird sozialer Wohnungsbau wegen der steigenden Miet- und Immobilienpreise immer mehr gefordert.

Warum ich diese Beispiele bringe? Weil ich die Befürchtung habe, dass auch wir Freimaurer in der Gefahr sind, uns einem aktuellen Zeitgeist zu unterwerfen und in Entscheidungen drängen zu lassen, die wir mindestens sorgfältig prüfen, aber besser noch kritisch hinauszögern sollten, damit wir sie später nicht bereuen. Ich meine die immer weitere Öffnung unserer Logen und die immer größere Öffentlichkeit und Transparenz unserer Bruderschaft.

Was unterscheidet uns vom Stammtisch?

Sicherlich benötigt die heutige Zeit gewisse Information und Kommunikation — neudeutsch auch Public Relations genannt. Aber, so frage ich, wie weit darf diese Öffnung gehen? Was wollen wir von unserer Arbeit, von unserem Tun und unseren Ritualen nach außen tragen? Ich meine, dass wir aufpassen müssen, getrieben durch den Zeitgeist nicht in der Beliebigkeit zu landen. Was unterscheidet uns dann von einem Service-Club, wenn wir nur noch Spenden übergeben, uns öffentlich treffen und vernetzen? Was unterscheidet uns von einem Stammtisch, wenn wir für jeden zugänglich miteinander sprechen und diskutieren? Was unterscheidet uns von einer Kirche, wenn wir Rituale öffentlich durchführen, ausführlich erklären und dann doch immer wieder auf Unverständnis stoßen?

ie Freimaurerei, der alte europäische Bruderbund weltoffener Humanität, kann mittlerweile auf eine wechselvolle Geschichte von über dreihundert Jahren zurückblicken. Viele bedeutende Männer gehörten ihm an, mancher Anstoß zu politischen und gesellschaftlichen Reformen ist von ihm ausgegangen. Wir Freimaurer haben aber nicht nur eine Tradition, wir haben auch ein Alleinstellungsmerkmal, das viele andere nicht haben. In der Marketingsprache heißt das USP – unique selling proposition: Wir sind ein Bund von Gleichgesinnten, der die traditionsreichen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Wir sehen uns als raue, unvollkommene Steine. Wir wollen an uns arbeiten, um uns zum Kubus zu wandeln, damit wir beim symbolischen Tempelbau, der freimaurerischen Utopie einer harmonischen Vereinigung aller Menschen als Brüder, als passender Teil in das Gesamtkunstwerk eingefügt werden können. Der selbstkritische Freimaurer wird sich sein Leben lang als rauer Stein begreifen, denn Vollkommenheit ist uns Menschen nun mal leider nicht gegeben. Die Freimaurerei vereint Menschen aller sozialen Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen. Und sie zeichnet sich aus durch Brüderlichkeit und Verschwiegenheit. Dabei bezieht sich die von uns Freimaurern geübte Verschwiegenheit auf einige Einzelheiten der freimaurerischen Bräuche und ist das Symbol für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz des persönlichen Vertrauens. Freimaurer haben sich der Verschwiegenheit, dem Datenschutz sowie dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche nicht nach außen zu tragen. Dies soll intern den freien Ideen- und Meinungsaustausch ermöglichen. Nur so können wir frei und untereinander offen an uns arbeiten, um vom unbehauenen Stein zum Kubus zu werden. Das gegenseitige Versprechen zur Verschwiegenheit dient nicht der Geheimniskrämerei, sondern soll Privatsphäre bieten. Mit keiner Art von Verschwörung hat die Freimaurerei etwas zu tun.

Freimaurerei ist hochmodern, weil sie zeitlos ist

Und wir sind auch keine Versammlung Ewiggestriger. Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung. Dieses Erbe ist eine Verpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft. Immerhin dürfen wir nicht ganz unbescheiden feststellen, dass einige definierte Ziele der Freimaurer, zum Beispiel Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zumindest teilweise in Erfüllung gegangen sind. Es war die unter anderem nicht zuletzt durch einzelne Freimaurer geprägte Fortschrittsidee, die den Glauben hervorbrachte, dass Gesellschaften, die mit materiellem Wohlstand gesegnet sind, automatisch bessere Lebensbedingungen hervorbringen. Selbst wenn wir längst an die Grenzen des Wachstums gestoßen sind, bedeutet das doch nicht, dass es sich nicht lohnt, für eine gerechtere Verteilung zu kämpfen. Oder wie es in einem unserer Ritualtexte heißt: „Geht hinaus in die Welt und bewährt euch als Freimaurer, seid wachsam auf euch selbst, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken.“

Der deutsche Philologe, Literaturhistoriker, Kritiker, Hochschullehrer und Schriftsteller Walter Jens hat einmal gesagt: „Die entscheidenden Veränderer der Welt sind immer gegen den Strom geschwommen.“ Das sollte auch unsere Maxime sein. Wir als Freimaurer, als unbehauene Steine, haben immer die Aufgabe, uns selbst zu prüfen und nach der Perfektion zu streben, wissend, dass diese wohl nie komplett erreicht werden kann. Ebenso muss es mit unserem Denken und Handeln sein: Wir sind aufgefordert, unseren Mann in der sich verändernden Welt zu stehen, auch gegen die Strömungen und Stürme des Zeitgeistes. Denn der Fels, der uns festen Untergrund in der Brandung gibt, besteht aus unseren Werten, die ewig gelten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Sie alleine sind die Richtschnur unseres Handelns.

Ich wage die These aufzustellen: Die Freimaurerei, ihre Werte und Ideale, sind hochmodern, weil sie zeitlos sind. Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität verlieren niemals an Aktualität.

Eines steht fest: Die Welt ist technischer und rationaler geworden. Im Wandel der Zeiten änderten sich Weltbilder und Wertmaßstäbe. Die Fortsetzung der Verwirklichung unserer Werte kann — nein, sie wird unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit guttun. Oder wie es der Schriftsteller Wilhelm Raabe sagte: „In der jetzigen Zeit ist es mal was Neues, beim Alten zu bleiben.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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