Künstlergruppe “Pegasus” traf sich in Bielefeld

Br. Cornelius Rinne (2. v. r.) im Kreise von Brüdern seiner Loge „Armin zur Deutschen Treue“ Foto: Oliver Barckhan

Die Mitglieder des freimaurerischen Vereins für Kunst und Kultur "Pegasus" trafen sich anlässlich des 175. Stiftungsfestes der Bielefelder Loge "Armin zur Deutschen Treue".

Bielefeld. Im Märchenschach wird eine Figur wegen ihrer besonderen Fähigkeiten Pegasus genannt. Dieses geflügelte Pferd aus der griechischen Mythologie, das Namensgeber des freimaurerischen Vereins für Kunst, Kultur und Kommunikation ist, hat die Loge „Armin zur Deutschen Treue“ am letzten September-Wochenende 2019 bei ihrem 175-jährigen Logenjubiläum in Bielefeld zu lichten Höhen fliegen lassen: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“

Ein Wochenende, das sich so leicht, locker und ungezwungen anfühlt, ist schon etwas Besonderes. Die Kombination aus einem Logen-Event und einem PEGASUS-Treffen könnte Schule machen. Es ist ein Glücksfall, dass Br. Cornelius Rinne, Meister von Stuhl der Loge „Armin zur Deutschen Treue“ und Vorsitzender von PEGASUS, diese unvergessliche Zusammenkunft im Doppelpack in seiner Heimatstadt Bielefeld organisieren konnte.

Schon beim Eintreffen der Schwestern und Brüder im Hotel „Bayerisches Landhaus“, gleich hinter dem Ortsschild Bielefeld mit seinen 333-tausend Einwohnern, stand einem das Grinsen im Gesicht: Der Slogan „Bayern First“ auf den Fahnen des Hotels wehte den Gästen entgegen. Jawohl, Bielefeld existiert! Am Nordende eines Quertals des Teutoburger Waldes liegt es. Und es ist überraschend weitläufig.

Trotzdem waren die Veranstaltungsorte schnell erreichbar. Am Freitagabend ging es für die PEGASUS-Mitglieder zur Vernissage ins „Alte Rathaus“. Die Ausstellung „Der Große Baumeister“ zeigte bis Ende Oktober mehr als 30 Werke von elf PEGASUS-Malerinnen und -Malern sowie -Karikaturisten, kuratiert von Bruder Cornelius Rinne. Die Vernissage war ausgezeichnet besucht und die Lichtgebung im prächtigen „Alten Rathaus“ verbreitete eine warme und wohltuende Atmosphäre.

Bei der Tempelarbeit im barrierefreien Souterrain des Logenhauses „Lessinghaus“ am Samstagmittag führte natürlich auch Br. Cornelius Rinne als Meister vom Stuhl der gastgebenden Loge „Armin zur Deutschen Treue“ den Hammer. Goethes Sinnspruch eröffnete die Tempelarbeit:

„Einst hat er sich ein Bild gemacht, erstaunte, wer es sah; Es stand in aller Schönheit Pracht ein junges Mädchen da. Sie schien belebt und weich und warm, war nur von kaltem Stein; Die hohe Brust, der weiße Arm lud zur Umarmung ein.“

Besonders eingeführt wurden der Altgroßmeister Br. Jens Oberheide und Br. Hans-Dieter Bertuch als VGLvD-Großvertreter von Österreich. Br. Cornelius konnte Grußworte von 19 (!) Logen entgegennehmen, die seiner Einladung gefolgt waren. Eine Schweigeminute legten die versammelten Brüder für den verstorbenen PEGASUS-Mitgründer Bruder Rolf Appel sowie für Bruder Dirk Große-Lohheide und den viel zu früh vorausgegangenen Bruder Michael Stössel ein.

Am Sonntagabend verwandelte sich das Lessinghaus dann zur Theaterbühne. Die Aufführung der szenischen Lesung „Mein lieber Moses …“ vom langjährigen PEGASUS-Vorsitzenden Br. Jens Oberheide endete mit einem kräftigen, langen Applaus. Der international renommierte Schauspieler Br. Gehard Fehn aus München schlüpfte in die Rolle Lessings. Seinen Gesprächspartner am Schachbrett, Moses Mendelssohn, verkörperte Florian Wessels vom Bielefelder Theaterprojekt. Die musikalischen Intermezzi spielte Komponist Br. Franck Adrian Holzkamp selbst am schwarzen Flügel. Das Stück hat sich mittlerweile zu einem freimaurerischen Klassiker entwickelt und ist seit seiner Uraufführung in Dessau bereits über 20 Mal in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Bühne gebracht worden. Wer es noch nicht gesehen hat, kann es auf CD hören: „Mein lieber Moses …“ ist als Hörspiel bei Fidelitas Records erschienen.

Den Gipfelpunkt erreichte das ereignisreiche Wochenende am Sonntag bei der Matinee in der Oetkerhalle zum 175. Jubiläum der Loge „Armin zur Deutschen Treue“. Den Festvortrag zum Thema „Die Gesellschaft, die Angst – und ich?“ hielt Bruder Ekhart Wycik. Er ist nicht nur PEGASUS-Mitglied, sondern „Armin zur Deutschen Treue“ ist sogar seine Mutterloge, die er gern besucht. Anschließend erlebten die Teilnehmer die Welturaufführung von Br. Franck Adrian Holzkamps Werk „Auf d’Nacht“ (w 270). Das Ensemble der Premiere bildeten: Monica Grion (Viola), Sebastian Sorte (Violine) und Stephanie Kostenbader (Violoncello). Der tosende Applaus und die Standing Ovations ließen einen strahlenden Komponisten zurück, der sich bereits in der Vergangenheit über einige internationale Preise freuen konnte. Aus Holzkamps 75-minütiger Komposition in acht Sätzen ließen sich durchaus Einflüsse von Bruckner, Bruder Sibelius und natürlich Bruder Mozart deutlich heraushören. Es kommt ganz anders daher, als die üblichen, atonal-experimentellen Werke zeitgenössischer Komponisten. „Auf d’Nacht“ ist komponiert im ursprünglichen Wortsinn: Ein modernes Meisterwerk unserer Zeit, das sich durch seine Harmonien sanft anzuschmiegen vermag, in dem beschwingte Rhythmus-Striche über die Saiten tanzen und sich vereinen zu einem verzaubernden Klangteppich, der einen aufhebt und den Zuhörer mitnimmt auf eine fantastische, musikalische, märchenhafte Reise.
Der Schauplatz für das nächste PEGASUS-Treffen im Jahre 2020 wird München sein.

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Noch Sonderhefte der Zeitschrift “Humanität” verfügbar

Foto: candy1812/ Adobe Stock

Von Sonderheften der "Humanität", dem deutschen Freimaurermagazin, gibt es noch Exemplare. Logen, Freimaurer und Nichtfreimaurer können bei der Großloge Hefte erwerben.

Einmal jährlich erscheint eine Sonderausgabe der Zeitschrift “Humanität”, die speziell für die Öffentlichkeitsarbeit der Logen gedacht ist. Von den folgenden Ausgaben gibt es noch Hefte, die bei der Großloge bestellt werden können.

Heft 1 / 2004

Grußwort des Großmeisters Jens Oberheide

Vorwort der Redaktion zum Heft, insbesondere dem Schwerpunktthema Lessing.

Übersicht über die wichtigsten Lebensstationen Lessings

Aufklärung, das geistige Projekt des 18. Jahrhunderts und seine Gültigkeit

Zwischen Idee und Wirklichkeit: Lessing und das Theater

1997 wurde die Lessing-Gesellschaft in Hamburg mit dem Ziel gegründet, das Werk Lessings der Öffentlichkeit durch eigene Schrift- und Vortragsreihen sowie Studienfahrten heranzutragen.

Moses Mendelssohn zwischen orthodoxen Juden und Christen

Lessings Neugestaltung der historischen Ring-Parabel in “Nathan der Weise”

Vorstellung zweier Gesellschaften, die sich mit Lessing beschäftigen

Lessings “Ernst & Falk”, Gespräche für Freimaurer

Kamenz, hier wurde Lessing geboren, beherbergt ein Lessing-Museum

Heft 1 / 2006

Grußwort des Großmeisters Jens Oberheide

Mozart zum 250. Geburtstag

Zitate von Wolfgang Amdeaus Mozart

Das Rätsel namens Mozart

Aufklärung und Maurerei in Wien

“Man sieht recht wie sehr und immer wieder die Oper steigt.”

Im Deutschen Freimaurermuseum

Mit den Augen des Malers

“Die Zauberflöte – Oper und Mysterium” von Jan Assmann sowie “Von der Säule der Schönheit – Zur ästhetischen Dimension der Freimaurerei”, Quatuor Coronati

Heft 2 / 2018

Herzlich willkommen bei den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland – Begleitwort zur Sonderausgabe der „Humanität“ – Von Großmeister Stephan Roth-Kleyer

16 gute Gründe, ein Freimaurer zu sein. Oder: Warum es sich lohnt, einen Schurz zu tragen. Von Carlos Urban.

“Meine Mutterloge” — Von Rdyard Kipling

Freimaurer … was sind sie, was tun sie, was sind sie nicht und warum gibt es sie? Einge Antworten.

Die Deutschen Logen feierten das Jubiläumsjahr auf vielfältige Weise. Ein Rückblick.

Von den Bauhütten des Mittelalters zur humanitären Freimaurerei – Von Hartwig Kloevekorn, Jens Oberheide und Bastian Salier

Von Klischees und Verschwörungstheorien: „Wo kann man Ihre schwarzen Messen besuchen?“ – Von Thomas Müller
Kann Freimaurerei heute noch etwas bewirken? Gedanken zur Zukunft unseres Bruderbundes – Von Rolf Appel
„Ich wurde sofort auf Augenhöhe angenommen.“ Interview mit einem jungen Bruder

Charity: Tue Gutes und rede darüber …

Frauen und Freimaurerei

Mit dem Mikroskop neue Welten entdecken. Der Fotograf und Freimaurer Karl Deckart.
Alte und neue Pflichten für Freimaurer. Vom Betragen und Umgang unter den Menschen
Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland stellt sich vor
Das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth: Geschichte bewahren und Zukunft sichern.
„Kehr niemals der Not und dem Elend den Rücken“: Das Freimaurerische Hilfswerk e.V.
Quatuor Coronati e. V. – „Die vier Gekrönten“ mit Blick auf die Wissenschaft; Kunst und Kultur: Pegasus – Freimaurerischer Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation e.V.

Hannover / Leipzig / Darmstadt

Regensburg / Wildeshausen / Passau

Eine Wunde wird geschlossen. Statue für den freimaurerischen Reformer Friedrich Ludwig Schröder in Hamburg rekonstruiert.
1,00 € zzgl. Versandkosten
1,00 € zzgl. Versandkosten
4,50 € zzgl. Versandkosten

Ihre Bestellung richten Sie bitte vorzugsweise per E-Mail an die Kanzlei der Großloge unter kanzlei@freimaurerei.de. Postalische Bestellungen bitte an Großloge A.F.u.A.M.v.D., Emser Straße 11, 10719 Berlin. Telefonische Rückfragen unter 030-86422034.

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Freigärtners Garten

© Daria / Adobe Stock

Von einer besonderen Gärtnerei, einer Schlange und einem versteinerten Gesicht – eine symbolträchtige Exkursion

Eine Zeichnung von Peter Stumpe von der Loge „Prometheus“ in Bonn, September 2019

Der kleine Garten muss der eines Freigärtners sein, kein Garten geschwollen zu einem Reich. Die eigenen Hände zu benutzen, nicht die Hände von anderen zu befehlen.

Tolkin-Roman „Der Herr der Ringe“

Eines „Freigärtners“ Garten? Was ist ein Freigärtner? Freigärtnerei gab es neben der frühen Freimaurerei bereits im 17. Jahrhundert in Schottland. Freigärtner arbeiten dort bis heute. Verwandtschaft sozusagen. Vereinfacht ausgedrückt arbeiten wir Freimaurer bekanntermaßen am Tempel der Humanität, also an einem Bauwerk, die Freigärtner also an einem symbolischen Paradies. Wir Freimaurer schöpfen unsere Symbolik aus der Architektur und dem Bauhandwerk, die anderen aus der Tradition der Gartenkultur.

Warum erzähle ich das? Zunächst einmal finde ich den Gedanken außerordentlich reizvoll, einen angelegten Garten als Allegorie und Symbol zu betrachten, wie es Voltaire und Rousseau im 18. Jahrhundert getan haben und die in einem solch angelegten Garten ein neues ethisches und gesellschaftliches Ideal sahen. Wobei ich das Paradies als einen ausgesprochen irdischen Garten Eden sehe, dessen wohlgeordnete und wunderschöne Pflanzen durch florale Harmonie
u. a.Menschenliebe und Frohsinn hervorrufen und nicht etwa ein Himmelreich, wie ein immer auch fantasievoll ausgemaltes religiöses Paradies gemeint sein könnte. Der religiöse „Baum des Lebens“, wie der „Baum der Erkenntnis“ sind für mich denn auch lediglich irdisch identifizierbare Symbole. Das ist mir ganz wichtig. Kein Wunder, dass der bedeutende Gartentheoretiker Friedrich Casimir Ende des 18. Jahrhunderts Freimaurer war.

Es geht mir, indem ich die Freigärtner vorstelle, in der Hauptsache um unser freimaurerisches Verhältnis zu Natur und Umwelt, welches ich in unserem Wertekanon zwar erwähnt sehe, aber für unzureichend betrachtet empfinde. Der Betrachtung notwendig in der gesamten Weltbruderkette, im jetzigen 250. Geburtsjahr von Alexander von Humboldt ganz besonders.

So rufe ich denn in diesem Zusammenhang eine Symbolfigur unseres Bundes aus der Tierwelt auf, die nicht sehr häufig betrachtet wird: den Ouroboros. Vor einigen Jahren habe ich in der Weimarer Stadtkirche das Grab unseres Bruders
Johann Gottfried Herder (1744 — 1803) aufgesucht. Die Grabplatte trägt ein Alpha und ein Omega, umgeben von den mir in der Freimaurerei besonders am Herzen liegenden Symbolworten „Licht, Liebe, Leben“. Wobei mir, wenn ich das hier einflechten darf, das Licht gleichbedeutend ist für die Erhellung durch Aufklärung und nicht etwa ein göttliches Licht, selbst wenn als seine Herkunft das Johannesevangelium zu identifizieren ist. Zurück zur Grabplatte in Weimar: die genannten Worte „Licht, Liebe, Leben“ werden eingefasst von der Darstellung einer sich selbst verzehrenden Schlange. Warum nun wurde diese Darstellung für die Grabplatte unseres Bruders Herder genommen? Das „Licht, Liebe, Leben“ war sein Lebenswahlspruch, den ich neben dem „Sapere aude“ von Kant resp. Horaz nur zu gerne auch für mich persönlich übernommen habe.

Der Ouroboros, übersetzt aus dem Altgriechischen mit „Schwanzfresser“ ist ein bereits in der Ikonografie Ägyptens belegtes Symbol. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Für uns Freimaurer gilt diese Schlange als ein Symbol der Unendlichkeit, “die ewige Wiederkehr und die Vereinigung von Gegensätzen”. Wir sollten, so meine ich, diesem kreatürlichen Symbol mehr Bedeutung beimessen als bisher. Bedeutet es nicht mehr und nicht weniger, dass der Abschluss eines Weges oder eines Prozesses immer auch einen Neubeginn darstellt. Es ist eine starke Metapher etwa für den Kreislauf der Zeiten, der Weltuntergänge und Neuschöpfungen, des Sterbens und der Geburt. Und zwar in einem ausschließlich natur-ethischen und nicht in einem religiösen Sinne. So hege ich denn auch keinerlei religiöse Heilserwartung, um dieses zu verdeutlichen. Der Ouroboros ist eine eingängige, kreatürliche Ergänzung der auf unserem Arbeitsteppich gezeigten Lemniskate. Ich denke, dies ist auch bei der Grablegung unseres Bruders Herder am 18. Dezember 1803 maßgeblich gewesen. Unser Bruder Herder war im übrigen ein Bewunderer von Immanuel Kant, er hat bei Kant in Königsberg von 1762 bis 1764 studiert.

Was hat es sich nun mit dem im Thema meiner Zeichnung genannten “versteinerten Gesicht” auf sich?

An unzähligen Kapitellen, insbesondere sakraler Bauten des europäischen Mittelalters, finden sich, oft auch als Verzierung von Gewölbeschlusssteinen, sogenannte “green man”, “Grüne Männer” beziehungsweise “Blattmasken“; Archetypen der Erdverbundenheit wie sie in der einschlägigen Literatur genannt werden. Ein bedeutendes Beispiel in Deutschland ist die entsprechend gestaltete Stütze des Bamberger Reiters aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Im Bonner Rheinischen Landesmuseum befindet sich die sog. “Pfalzfelder Säule”, ein keltisches Stelenfragment, auf der ein Kopf mit Mistelblättern dargestellt ist. Die sogenannte “Marktfontaine” auf dem Bonner Marktplatz zeigt einen entsprechend gestalteten goldenen Wasserspeier von 1777. Soweit einige Beispiele.

In den meisten Abbildungen lässt der Grüne Mann die Attribute der Natur aus seinem Mund hervorquellen oder das Gesicht wird aus Blättern gebildet oder Pflanzliches wächst aus Auge, Nase, Ohr und Haut. Was wollen uns die mittelalterlichen Steinmetze mit diesen mysteriösen Arbeiten sagen? Und was können diese Arbeiten uns Angenommenen Maurern bedeuten, die wir ja die Werkzeuge dieser Steinmetze für unsere symbolische Arbeit nutzen? Ich denke, auch hier liegt ein weiteres Feld, das wir von den Steinmetzen des Mittelalters übernehmen sollten. Das Feld – wie schon angesprochen – unserer Beziehung zu Natur und Umwelt. Die bisher nicht eindeutig erklärbare Figur des “green man” scheint einen Einklang, zumindest aber eine intensive Beziehung zur Natur zu symbolisieren. Seine Darstellungen – sie sind ausgesprochen vielfältig – vermitteln den Eindruck, dass der “green man” scheu ist und sich zurückzieht , dass er selbst nur noch als Pflanze sichtbar bleibt. Wenn ihm also die äußere Welt nicht mehr entspricht, die umgebende Welt also nicht mehr den Gesetzen der Natur zu entsprechen scheint.

Was soll ein solches Gesicht, aus dem Blätter wachsen, z.B.in einer mittelalterlichen Kirche? Aus der christlichen Ikonografie leitet sich dieses versteinerte Gesicht jedenfalls nicht ab. Nehmen wir also, wie ich es tue, den mysteriösen “green man” als eine Idee innerhalb der menschlichen Vorstellungskraft, als eine mahnende Personifizierung eines Aspektes der Natur.

An dieser Stelle ist eine ergänzende Betrachtung nötig, betrifft doch eine Naturbetrachtung auch das Naturell von uns Menschen und insbesondere von uns Freimaurern. Und da bin ich auch bei Weltanschauungsfragen. Damit meine ich nicht etwa Fragen innerhalb eines Gesellschaftssystems, sondern Fragen der freimaurerischen Anschauung der Welt. Dies ist die uns Freimaurer bestimmende Art, die Welt, die Natur und das Wesen der Menschen ganz undogmatisch zu begreifen suchen.

Für unverzichtbar halte ich zunächst in diesem Zusammenhang auch in unserer Bruderschaft einen Diskurs über die Stellenwerte von Esoterik und Spiritualität, wenn sie denn auch mystische oder abergläubische Bestandteile haben können. Um es klar zu positionieren: Ich halte es für unverzichtbar, dass sich die Freimaurerei des 21. Jahrhunderts ausschließlich an den Ergebnissen sogenannter evidenzbasierter Wissenschaft orientiert. Ich nenne als Stichwort hier den unverzichtbaren Evolutionismus als die Entwicklungslehre, die sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckt und das Wesen der Welt in einer stetigen Änderung, meist im Sinn des Fortschritts, sieht. Aber ich glaube auch dies (Zitat): “Was die Welt im Innersten zusammenhält”, was schon Goethes Faust zu hinterfragen suchte. Da bin ich dabei: mit Weisheit, Stärke und Schönheit getragen von Licht, Liebe und Leben den symbolischen Tempel der Humanität zu errichten. Dabei stehe ich aber, und ich lese dies im Freimaurerlexikon von Lennhof, Posner und Binder, auf einem agnostizistischen Standpunkt. Dort heißt es nämlich, dass die Freimaurerei “insofern auf dem Standpunkt des Agnostizismus steht, als sie selbst keine dogmatische Auffassung des Weltengrundes, also kein Wissen vom absoluten Sein, vom Ding an sich hat und es ihren Anhängern überlässt, sich darüber selbst ihre Anschauung zu bilden.“ (Zitatende). Das tue ich, betrachte aber eine auch in unserer Bruderschaft diskutierte fragwürdige freimaurerische Ökumene über die Obödienzgrenzen etwa zum Rosenkreuzertum hinweg mit großer Skepsis.

Das schließt für mich denn auch eine Esoterik aus, deren Erscheinungsformen u. a. den von Kant zu Recht gegeißelten Mystizismus, okkulte Praktiken wie z.B. in der Black-Moon-Bewegung oder etwa im Rosenkreuzertum beziehungsweise auch in einigen Hochgradsystemen, einige anthroposophische Entgleisungen unseres vormaligen Pseudobruders Rudolf Steiner, Paraphänomene oder gar eines animalischen Magnetismus bzw. Mesmerismus umfassen, wobei letzterer bis auf den heutigen Tag noch im alternativmedizinischen Bereich für wirksam gehalten wird. Für unakzeptabel, weil wissenschaftlich unhaltbar, halte ich denn auch eine Betrachtung, die der Natur neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zuspricht. Das schließt natürlich den zwingenden Respekt vor der Natur nicht aus. So muss ich weiterhin die auch in unseren Kreisen oft eingebrachte Erkenntnis „Wie oben, so unten, wie innen, so außen, wie der Geist, so der Körper“ als exemplifizierte Grundlage aller Esoterik ablehnen. Zurückzuführen auf einen gewissen Mystiker Hermes Trismegistos , u.a.von Okkultisten im Buch Kybalon nachzulesen. Eine solche Entsprechnungsphilosophie sog. hermetischer Prinzipien erschließt sich mir nicht. Es versteht sich vor diesem Hintergrund, dass ich einer Spiritualität – wie bereits angedeutet – nur dann folgen kann, wenn sie ohne jeglichen Gottes- oder Transzendenzbezug daherkommt. Spiritualität muss für mich klar von Glaube und Religion abgegrenzt werden. Religiosität schränkt mit Blick auf die ihr innewohnende Dogmatik zu sehr ein.

Wie antwortet Goethes Faust auf die berühmte „Gretchenfrage“ was spirituelles Bewusstsein ausmache sinngemäß: kein persönlicher Gott mehr, keine Konfession, keine Glaubensgemeinschaft, keine Kirche, keine damit verbundene Weltordnung – aber das Gefühl einer Allheit und Allverbundenheit, emotionale Übereinstimmung mit dem Weltganzen, das absolute Chiffre für die Liebe. Dem möchte ich mich nur allzu gerne anschließen. Auf Spiritismus muss ich an dieser Stelle natürlich überhaupt nicht eingehen. Ich setze darauf, mir eine Symbolwelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger, zu erschließen und nutzbar zu machen.

Das Paradies der Freigärtner, der Kreislauf der Zeiten des Ouroboros und der Grüne Mann, sie alle mögen uns allein mit ihrer Symbolkraft helfen, auch unser Verhältnis zur Natur und zur Umwelt nachdrücklich zu bestimmen und besonders in unseren Zeiten zu festigen. Mensch versus Natur und Umwelt darf sich nicht weiter verstetigen! Auch dies: das schließt selbstverständlich eine aktiv notwendige Biodiversitätspolitik mit ein, damit die Not der Natur nicht zur Not der Menschen wird, wenn ich dies als Mitglied der Bonner Alexander-Koenig-Gesellschaft einflechten darf. Der Natur- und Umweltethik im biologischen und wohlverstandenen philosophischen Sinne muss entschieden mehr Bedeutung beigemessen werden! Es geht, wie gesagt, um die Vermeidung der ökologischen Selbstzerstörung! Es geht um die planetary health in umfassendem Sinne.

Der sog.“Greta-Effekt“, benannt nach der jungen Umweltaktivistin Greta Thunberg, die nachfolgend aufgekommene „fridays for future“-Bewegung mögen vielleicht wegen des damit ausgelösten Hypes nicht immer überzeugen, müssen aber zumindest als Signal gelten. Genau so wie die jährlichen Ergebnisse am sogenannten „Erdüberlastungstag“. Dabei sollte es nicht dazu kommen dass, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. September schrieb, diese Klimadebatte aus dem Ruder läuft.

Im Jahre 1969, also vor 50 Jahren, gab es eine Ballade, die ich vor Kurzem im Radio wieder einmal gehört habe. Sie ging so: “In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive.” Diese Ballade schildert einen Weltuntergang durch passive Inkaufnahme und übermäßige Abhängigkeit der Menschen von ihren übertriebenen Technologien, die – so heißt es – die Menschheit letztendlich entmenschlichen. Es ging vor allen Dingen auch um eine Kritik an grenzenloser Naturausbeutung. Vorgetragen vor 50 Jahren.

Ich denke, diese Ballade hat bis heute, auch mit Blick etwa auf das Problem der Mikroplastik in uns, um nur ein Beispiel zu nennen, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, von dem Klimawandel ganz zu schweigen, oder von der um sich greifenden Verrohung des menschlichen Miteinanders. Möge die der Ballade inne wohnende Mahnung Eingang finden in alle Algorithmen und in die Heuristik der unaufhaltsamen Künstlichen Intelligenz, in die wir trotz der ihr in vielen Bereichen zweifellos innewohnenden Bedeutungen als physische oder kognitive Assistenzfunktionen unverändert das genannte „Sapere Aude“, also den sogenannten „Gesunden Menschenverstand“ einbringen müssen. Möge die Mahnung alle Blogger, alle Influencer, alle Sozialen Netzwerke erreichen, heißen sie Facebook, Twitter, Instagram oder Reddit, und so auf ihre Follower einwirken und vor allen Dingen sogenannte Deep Fakes verhindern. Mögen Trolle nicht noch schlimmer im World Wide Web ihr Unwesen treiben, sondern nur in der Fabelwelt der Natur Freude bereiten. Möge dabei helfen, wie es in der genannten Ballade ganz lyrisch heißt, “the twinkling of starlight” am Ende des Tunnels und die Hoffnung “maybe it’s only yesterday”. Apropos „twinkling of starlight“: müssen wir nicht auch über unsere Anschauung der Welt hinaus ins Weltall denken? Geht es nicht mittlerweile schon um Probleme planetarischer Gesundheit? Stichworte „Weltraumschrott“ bzw. „Plastik im menschlichen Organismus“.

Tun wir als Freimaurer zumindest das Unsrige, um die ganz offensichtliche Zeitenwende auf unserem ach so unglaublich kleinen und im Gefüge des Alls gänzlich unbedeutenden Planeten zu begreifen und sie in positivem Sinn
mitzugestalten, auf dass wir ihr nicht hilflos ausgeliefert werden, auf dass nicht allzu zeitnah nur noch ein “twinkling of starlight” übrig bleibt. Wirken wir einer Entwicklung entgegen, nach der etwa aus Langeweile, Einsamkeit
und Desillusionierung innerhalb der Gesellschaft Verlockungen für extreme Weltanschauungen entstehen. Moral darf nicht zu einem Schimpfwort verkommen.

Wie heißt es so treffend bei den Monisten und dem vormaligen „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“, dem ich nur zu gerne wieder nahe stehen würde (Zitat): „Das höchste Ziel der Natur- und Kulturentwicklung ist die völlige Naturkenntnis und Naturbeherrschung, vollendete Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung der Natur in ihrem Teilsystem Mensch“ (Zitatende). Hoffen wir, dass die Schwägerin unseres guten Prometheus, eine gewisse Pandora aus der griechischen Mythologie, nicht noch einmal ihre Büchse öffnet, auf dass nicht auch noch die Hoffnung entweicht.

Bei all unserer skeptischen Zukunftsbetrachtung sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Denken wir einfach daran, was uns an unserer Welt gefällt. Was uns guttut, was wir lieben. Das kann und sollte doch auch eine gehörige Portion Frohsinn bedeuten. Ich jedenfalls glaube daran mit großer Hoffnung. Tragen wir deshalb froh gestimmt unsere freimaurerischen Ideale und Wertvorstellungen aktiv in die uns umgebende Gesellschaft. Dies ist im allgemeinen Humanismusgefüge der Zivilgesellschaft nicht nur gerechtfertigt, sondern mit Blick auf die unübersehbare Verrohung in unserer Gesellschaft geradezu überfällig.

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Die “Bauhüttensonate” wurde in Dessau uraufgeführt

Die Mitwirkenden der „Bauhaus-Sonate“ (v.l.n.r.): Frank Richter, Thomas Bierling, Gabrielle Heidelberger, Cornelius Rinne, Jens Oberheide (Foto: Bastian Salier)

Am 5. Oktober 2019, fand in Dessau eine viel beachtete Uraufführung statt: Die „Bauhütten-Sonate“ setzte im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ einen höchst eigenwilligen, tiefgründigen kammermusikalischen Markstein.

Die ausverkaufte öffentliche Abendveranstaltung rief ein großes Echo auch in der regionalen Presse hervor. Altgroßmeister Jens Oberheide, allseits bekannt auch durch sein hartnäckiges Recherchieren von historischen Zusammenhängen mit masonischem Bezug, untersuchte akribisch, inwieweit sich Bauhäusler und Freimaurer – unabhängig voneinander – von den Grundgedanken der alten Bauhütten inspirieren ließen. Und in der Tat, er wurde fündig, entdeckte etliche Querverbindungen aus Zitaten von Walter Gropius und anderen Bauhaus-Lehrmeistern zum Wertekanon der Freimaurerei als „geistig gleichgesinnte Werkleute …“ (Gropius). Für Jens Oberheide war das der kreative Ansporn, seine Erkenntnisse in eine „symbolspielerische Collage vom Bauen und Denken“ zu verdichten. Der Autor und Dramaturg gewann für sein Bühnenprojekt Mitwirkende aus dem Kreise von PEGASUS, dem freimaurerischen Verein für Kunst und Kommunikation: Thomas Bierling (Komposition und Musik), Gabrielle Heidelberger (Gesang), Cornelius Rinne (Illustration) und Jens Oberheide (Moderation/Rezitation).

Die Uraufführung der Sonate fand im Dessauer „Kornhaus“ statt, einem original im Bauhausstil erhaltenen Gebäude mit einer kleinen Theaterbühne, in dem die Bauhäusler eigene Bühnenbearbeitungen aufführten – welch ein symbolträchtiger Zusammenhang!
Zunächst erläuterte Jens Oberheide dem Publikum seine Grundgedanken zur „Bauhütten-Sonate“, die Symbole aus der Welt des Bauens vertont, gezeichnet und mit „ethisch-praktischem Doppelsinn“ darstellt. Er führte das Auditorium in die historische Entwicklung einer Hütte (engl. lodge, franz. loge) bzw. Bauhütte ein. Im Verlauf seiner Moderation und Rezitation benannte er aus dem Bereich des Bauens Begriffe wie Bleiwaage, Fundament, Maß und Zahl sowie 24-zölliger Maßstab und zitierte den Bauhäusler Oskar Schlemmer: „Architektur ist edelste Baukunst.“ Er verwies außerdem auf die architektonische Formel von Shaftesbury aus dem 17. Jahrhundert: „Wisdom – Strength – Beauty“ (Weisheit – Stärke – Schönheit), sowie auf weitere Bausymbole, die über den direkten handwerklichen Bezug hinaus Ausdruck entsprechender Sinnbilder für menschliche Befindlichkeiten und Lebensformen in einer Baugemeinschaft als Manifestation von hoher Handwerkskultur und ethisch-sozialer Hinwendung waren, ebenfalls ganz im Sinne des Bauhäuslers Gropius: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“

Die beziehungsreichen Textsequenzen fanden ihre virtuose Interpretation durch die Kompositionen von Thomas Bierling als spritzige Chansons und Couplets, Jazz-Stücke und mitreißendem Swing, bis hin zu Zwölfton-Elementen in Anspielung auf die musikalischen Experimente des Bauhauses. Als kongeniale Partnerin überzeugte die temperamentvolle Sopranistin Gabrielle Heidelberger mit unverhohlener Leidenschaft und zog den Saal in ihren Bann. Texte aus der alten Kölner Bauhütten-Ordnung, Verse von Ringelnatz und Morgenstern, Bauhaus-Zitate ihrer Lehrmeister und Erläuterungen des Altgroßmeisters Jens Oberheide schossen wie ein musikalisches Feuerwerk ins begeisterte Publikum.

Währenddessen stand der PEGASUS-Vorsitzende Cornelius Rinne vor seinem Reißbrett und zeichnete in treffsicheren Strichen die Bausymbole aufs großformatige Papier, um Gedanken und Worte, Gesungenes und Konzertiertes für alle „sichtbar“ zu machen. Für diese Vielfalt der Ausdrucksformen mag ein weiteres Zitat von Walter Gropius stehen, der im Bau „… die Auseinandersetzung zwischen den gestalterischen Möglichkeiten von Mensch und Raum“ sah.

Am Ende der Aufführung betrat Oberbürgermeister a. D. Klemens Koschig die Bühne. Er dankte im Namen der Stadt Dessau für die gelungene „Bauhaus-Sonate“ und hob die enge Verbindung zur Freimaurerei hervor, die ihren Ausdruck 2012 mit der Uraufführung des Bühnenstücks „Mein lieber Moses …“ im Bauhaus-Theater erfuhr und seither intensiv weiter gepflegt worden ist. Er beglückwünschte die Dessauer Loge „Zu den drei Säulen“ auch zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Wiedergründung. Dieses Jubiläum wurde am darauffolgenden Tag mit einer Festarbeit unter der Leitung des Meisters vom Stuhl, Uwe Dorand, und anschließender Tafelloge gefeiert.

Nach der Aufführung war die Abendgesellschaft zu einem Buffet geladen. Mit angeregten Gesprächen fand die „Bauhaus-Sonate“ somit einen überaus angenehmen Ausklang. Man kann nur jeder Bauhütte empfehlen, weitere Aufführungen dieser Sonate zu ermöglichen, denn sie ist ein absolutes Highlight an freimaurerischer Öffentlichkeitsarbeit – von intelligentem Witz und mitreißender Kraft. So konnte der Besucher nach diesem Abend viele Bausteine nach Hause tragen, auch wenn es nicht für ein ganzes Bauhaus reichen mag, so waren es dennoch mehr als genug.

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240 Jahre Freimaurerei in Saarbrücken

Die Stuhlmeisterin der Saarbrücker Frauenloge "Europa im Licht", referiert im Logentempel vor interessierten Saarbrückerinnen und Saarbrückern über Freimaurerei

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am 21 Oktober 2019 kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen.

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am Samstag, dem 21.09., kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen. Großmeister Stephan Roth-Kleyer war zu diesem Anlass nach Saarbrücken gereist und bereicherte die Arbeit durch die ihm eigene Herzlichkeit und Brüderlichkeit.

Die Festarbeit diente dabei weniger der Rückschau auf die lange Saarbrücker Freimaurertradition, die mit dem Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken begann und aufgrund der Grenzlage Unterbrechungen und Wendungen erlebt hat, die Brüdern im Norden Deutschlands möglicherweise fremd sind. Vielmehr ging es darum, den Blick nach vorne zu richten.

Das verdeutlichte der Sinnspruch, den der MvSt. der gastgebenden Loge Bruderkette zur Stärke und Schönheit i. Or. Saarbrücken Nr. 13,  Br. Albert Augustin, für die Öffnung der Loge ausgewählt hatte: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme“.

In seiner Zeichnung beschäftigte sich Sokrates Evangelidis, Redner der Bruderkette, deshalb mit der Spannung zwischen maurerischem Geheimnis, das existiere, aber unaussprechbar sei, und der Notwendigkeit von Öffentlichkeitsarbeit.

Freimaurerei habe kein einzigartiges Markenversprechen, das durch Werbung penetriert werden könne, jeder einzelne Maurer für sich sei ein einzigartiges Argument für die Königliche Kunst. Letztlich müssen Maurer im Kontakt mit Profanen nicht mehr und nicht weniger tun als maurerisch zu handeln.

Dazu hatten die Saarbrücker Brüder nach einer recht kurzen Nacht am darauffolgenden Tag reichlich Gelegenheit: Am Sonntag, dem 22.09. öffnete das Saarbrücker Logenhaus seine Pforten für die Öffentlichkeit.

Kurz war die Nacht wegen der Weißen Tafel, an der nicht nur Brüder der AFuAM-Logen teilnahmen, sondern auch die Saarbrücker Frauenloge und französische Brüder und Schwestern aus anderen Obödienzen, die im Saarbrücker Logenhaus ihre Heimat gefunden haben – auch diese Konstellation ist der besonderen Grenzlage Saarbrückens geschuldet.

Rund 100 Gäste kamen zum Tag des Offenen Logenhauses am 22.09, den Großmeister Stephan Roth-Kleyer eröffnete,  viele nicht nur aus reiner Neugier, sondern aus echtem Interesse an der Königlichen Kunst. Das bestätigte auch der Gästeabend der Bruderkette zur Stärke und Schönheit freitags drauf: Reger Zuspruch, viele neue Gesichter, Brüder und Gäste waren etwa gleich stark vertreten. Öffentlichkeitsarbeit und freimaurerisches Geheimnis lassen sich wunderbar in Einklang bringen, wenn Maurer nicht mehr und nicht weniger tun, als auch Profanen gegenüber maurerisch zu handeln.

Links: Br. Albert Augustin, MvSt. der Loge "Bruderkette zur Stärke und Schönheit", rechts Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer
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Großes Kino in Hamburg

Von links nach rechts: Christoph Kaut (Umweltstiftung Michael Otto), Br Norbert Schoen (Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg), Regisseur Br. Tristan Bourlard, Thomas Stuwe (Distriktmeister Hamburg), Bernd Brauer (Zugeordner Großmeister VGLvD) Foto: Sw. Maike Ullmann/Metamorphosis i. Or. Hamburg

Ungewöhnlich, beeindruckend und hochinteressant – mit diesen Attributen versehen präsentierte sich der Film „Terra masonica – Reise um die Welt in 80 Logen“ als Premiere in Hamburg. Die Distriktloge Hamburg hatte am 22. September zur Matinee in das Metropolis-Filmtheater eingeladen – und mehr als 100 Gäste wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

Produziert hat den Film der belgische Regisseur Br. Tristan Bourlard, der zur Hamburger Kinoaufführung persönlich kam, um mit seinem Publikum zu diskutieren und Fragen zu beantworten.

Es sind faszinierende Bilder aus verschiedenen Kontinenten und Ländern, spannende Interviews, die der Filmemacher eingesammelt hat. In der Dokumentation wird sehr deutlich, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten Logen in der ganzen Welt zu kämpfen haben und wie die Brüder dennoch die Freimaurerei aus vollem Herzen leben.

Der Film hat einen starken Eindruck hinterlassen, der noch lange nachwirken wird. Als Fazit könnte man ziehen, dass wir hier in Deutschland in einem „freimaurerischen Paradies“ leben.

Das Publikum hatte Gelegenheit, Fragen an den Regisseur zu richten, der in seinen Antworten sehr ausführlich berichtete, sodass es dem Moderator der Matinee, Br. Norbert Schoen, Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg, manchmal schwerfiel, das Wesentliche in Kurzform zu präsentieren.

Im Zusammenhang mit der Filmvorführung fand eine Charity-Sammlung zu Gunsten der „Umweltstiftung Michael Otto“ statt. Ziel dieser Stiftung ist es, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren und nachfolgenden Generationen einen zukunftsfähigen Planeten zu erhalten. Christoph Kaut von der „Umweltstiftung Michael Otto“ wird den noch nicht bezifferten Spendenbetrag entgegennehmen, an dem sich auch die Vereinigten Großlogen von Deutschland beteiligten. Deren Großmeister hatte bereits vor zehn Jahren die Freimaurer weltweit dazu aufgerufen, „durch geeignetes Verhalten eine drohende Umwelt-Katastrophe zu verhindern“.

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Not und Elend auf der Müllkippe

Gerade hatte der Bruder Dirk Planert seinen persönlichen Frieden geschlossen mit einer Hilfsaktion während des Bosnien-Krieges, dessen Bilder und Erlebnisse ihn 25 Jahre verfolgt hatten. Nun bricht das nächste Elend über ihn hinein und er kann nicht wegsehen. Seit mehr als hundert Tagen hilft er auf einer Müllkippe.

Tag 86 auf der Müllkippe”, so begann eine der ersten E-Mails von Dirk Planert, die mich zum Thema erreichten. Und es folgten detaillierte Schilderungen von den unsagbaren Zuständen.

Aber der Reihe nach. Dirk Planert hatte während des Bosnien-Krieges privat Hilfstransporte organisiert und vor Ort mitten im Kampfgeschehen verteilt. Die Bilder ließen ihn nicht los und so reiste er nach 25 Jahren wieder nach Bihac, um mit neuen Bildern und Begegnungen in der wieder aufgebauten Stadt seine Bilder im Kopf “wie eine Festplatte zu überschreiben, wie er es nannte. In Bihać gibt es offenbar das gleiche Bedürfnis und so wird der Journalist eingeladen, eine Ausstellung mit Bildern von damals und heute zu gestalten.

Im Umfeld der Ausstellung erfährt er zufällig, dass Flüchtlinge in der Stadt aufgegriffen und in ein eilends angelegtes Behelfslager transportiert worden, wo sie weitgehend sich selbst überlassen wurden. Nur das Rote Kreuz ist vor Ort, hat Zelte aufgestellt und verteilt zweimal am Tag Essen. Die Stadt Bihać ist mit der Situation überfordert. Zwar gib es finanzielle Hilfen für die Flüchtlingsunterbringung, die kommt aber in Bihać​ nicht an. Die Situation in der Stadt eskaliert und so entschließt man sich, hastig ein Lager einzurichten, das sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt.

Dirk Planert ist Journalist und neugierig, ahnt aber auch, was dort geschieht. Er fährt den Bussen nach und muss feststellen, dass die Flüchtlinge zu einer ehemaligen Müllkippe gebracht werden, die gerade einmal notdürftig mit einer dünnen Schicht Kies und Schotter überzogen wurde. Es stinkt, angeblich steigen aus dem Boden Methangase auf, wie ihm Anwohner berichten. Dirk Planert sieht verletzte Menschen und kann nicht anders: Er packt seinen kleinen Verbandkasten aus und hilft. Und er bleibt, sammelt bei seinen Brüdern und anderen Freunden Geld ein, kauft vor Ort ein, was gebraucht wird: Schlafsäcke, Kleidung, Verbandmaterial. Medikamente.

"Am 14. Juni wurden die ersten Flüchtlinge hier nach Vucjak deportiert. Seitdem wächst das illegal von den bosnischen Behörden errichtete Camp stetig. Zum Glück hat der türkische rote Halbmond (red cross) die Zelte geschickt. Sie sind auch bei Regen meist dicht. Täglich werden neue Flüchtlinge von der Polizei hier her deportiert. Ebenso brechen täglich Gruppen Richtung EU auf. Sie müssen knapp hinter dem Camp an den Minenfeldern vorbei."
"Eine Entzündung im Knie. Der Eiter musste raus. Trotz lokaler Betäubung mussten wir den Patienten zu Viert festhalten. Jetzt kann er wieder gehen. Die Alternative: Im schlimmsten Fall Verlust des Beines. Unter den unhygienischen Umständen in Vucjak geht es sehr schnell, das aus kleinen Wunden eine lebensgefährliche Sepsis werden kann."
"Der junge Mann links im Bild gehört zu unserem dreiköpfigen Kernteam. Er ist Slowene, Ex-Soldat mit Einsatzerfahrung und Ausbilder für Militärsanitäter. Er ist 23, medizinisch hochkompetent. Unsere Ärzte, die für Tage oder Wochen hier waren, hat er zum Staunen gebracht. Meist ist die „Klinik“ bis tief in die Nacht geöffnet. Notfälle sind in der Regel vor Erschöpfung zusammengebrochene Menschen."
"Das Kind hat 39 Fieber. Die Mutter trägt es den Berg hoch, der von Bihac City nach Vucjak führt. Die Lufttemperatur an dem Tag: 38 Grad. Kein Wasser. Wir haben immer alles Notwendige im Wagen. Für das Kind auch. Es gibt zuerst ein Lächeln und ein „Assalam u Aleikum“, wenn der fremde Mann im Auto plötzlich anhält. Es folgt medizinische Versorgung am Straßenrand, Kopflampen für die Nacht, Wasser, Honig oder Süßes für die Kinder und Sprühpflaster."
"Alltag in Vucjak. Ursache: die Krätze. Eine Seuche aus dem Mittelalter grassiert im Camp. Wir können die Wunden behandeln und das Wachsen der eitrigen Wunden verhindern. Was wir hier nicht können: Medikamente oder Salben gegen die Krätze nutzen. Dafür müssten die Menschen ihre Kleidung und Decken waschen können. So gibt es keine Chance."
"So gut wie täglich kommen Delegationen großer Hilfsorganisationen, Politiker oder Journalisten. Sie reden, sie gehen, sie kommen nicht mehr wieder. Die Meisten sprechen nicht mit den Menschen, die hier überleben müssen und trauen sich gerade mal die ersten 20 Meter in das Camp. Im Bild ist ein Teil einer 25-köpfigen Delegation des Red Cross aus verschiedenen Ländern zu sehen."

Er macht etliche Medien auf die unglaublichen Zustände vor Ort aufmerksam. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber etwa 700 oder 800 Flüchtlinge, manchmal mehr, befinden sich im Lager, ohne ausreichende Verpflegung, anfangs ohne jede medizinische Versorgung, die auch später nur durch Freiwillige improvisiert werden kann. Täglich versuchen Flüchtlinge über die nahe gelegene Grenze in das EU-Land Kroatien zu gelangen. Sie werden daran gehindert oder nach verschiedenen Medienberichten illegal zurückgeschoben. Es wird von Gewalt gegen Flüchtlinge berichtet, die am nächsten Morgen verletzt im Lager Bihać zurückkommen.

Auch im Lager spitzt sich die Situation angesichts der Enge und schlechten Versorgung zu. Vor wenigen Tagen gab es eine Messerstecherei mit einem Toten und mehreren Verletzten. Die internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort bereits andere Lager betreiben und keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, fühlen sich nicht zuständig und die Europäische Gemeinschaft schaut weg, beklagt Dirk Planert. Immerhin ist es ihm mittlerweile gelungen, neben etlichen größeren Medien auch die ersten Politiker zu sensibilisieren. Höchste Zeit, denn zwischenzeitlich ist die Hilfsaktion zu einem Politikum geworden. Heute Morgen sind die freiwilligen Helfer durch das Büro für Ausländer ausgewiesen worden, wie Dirk Planert telefonisch berichtete. Er selbst war gerade für ein paar Tage in Österreich, um von dort einige Dinge zu organisieren und weiß noch gar nicht, ob er überhaupt wieder in Bosnien-Herzegowina einreisen darf. Auch wie es weitergeht, ist im Moment noch unklar. Aber dass es weitergeht, irgendwie, dass weiß er genau.

Interview mit Dirk Planert

Einige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung bin ich informiert worden, das Busse der Polizei an einem Flüchtlingslager vorfahren und die Menschen gezwungen werden einzusteigen. Deportationen also. Es saßen die Menschen in den Bussen, die im Camp der IOM (International Organisation for Migration/UN) nicht mehr aufgenommen worden waren. Sie hatten bis zu dem Zeitpunkt auf einer Wiese „gelebt“. Ich bin den Bussen hinterhergefahren. 10 Kilometer außerhalb der Stadt mussten die Flüchtlinge aussteigen und noch etwa einen Kilometer einen Feldweg entlanglaufen. Dann landeten wir auf der ehemaligen Müllhalde Vucjak. Ich machte meine Arbeit, habe Fotos gemacht und mit der Kamera gedreht. Dann hielt ein kleiner Polizeibus und mir wurde ein schwerstkranker Mann, vermutlich Blinddarm, aus dem Bus heraus vor die Füße geworfen. Mir wurde in dem Augenblick klar, was da passierte: Menschen wurden weggeworfen wie Müll. Ich entschied, zu bleiben. Das ist jetzt über 100 Tage her. Aus der kleinen Tasche mit Erste-Hilfe-Material, die ich immer dabeihabe, ist seitdem ein Feldlazarett mit 200 Patienten täglich geworden.

Das Rote Kreuz Bihac hat nicht die Kapazitäten, mehr zu tun, als zwei Mahlzeiten am Tag zu verteilen. Morgens eine Scheibe Brot, nachmittags einen Eintopf mit Brot, der von der Menge der einer Vorspeise entspricht. Die großen Organisationen weigern sich, dort zu arbeiten. Sie sagen, das sei ein illegal von den bosnischen Behörden errichtetes Camp. Thema erledigt. In Kürze beginnt die ertragreichste Zeit für Hilfsorganisationen, die Weihnachtszeit. Möglicherweise kommt dann irgendeine der bekannten Organisationen, um das „Weihnachtsgeschäft“ mitzunehmen. 1.000 Menschen auf einer Müllhalde, das hat eine Wirkung in der PR. Wundern würde mich das nicht. Alle großen Organisationen waren schon hier, um sich alles anzusehen. Niemand hat etwas getan.

In den ersten zweieinhalb Monaten habe ich tagsüber in der Ambulanz gearbeitet und nachts die Kommunikation gemacht. Mein Ziel war, nicht nur den Menschen direkt zu helfen, sondern eine Veränderung auf politischer Ebene zu erwirken, die diesen Menschen helfen wird. Also habe ich sehr viel an Medien und die Politik geschrieben, dazu die Mails, Facebook-Nachrichten usw. von Spendern, die Informationen wollten. Mehr als drei oder vier Stunden Schlaf waren nicht machbar. Zurzeit ist das Team so gut und stabil, dass ich tagsüber diese Dinge erledige und dann nicht im Zelt mitarbeite. Das Basisteam sind zwei junge Männer und ich, dazu kommen zurzeit eine ungarische Ärztin, eine deutsche Notfallsanitäterin und eine Studentin. Zum Basisteam gehört ein junger Slowene, der Ausbilder für Militärsanitäter war. Er ist großartig und bringt auch Ärzte, die für ein paar Tage kommen, zum Staunen. Wir arbeiten jeden Tag. Alle etwa zwei oder drei Wochen gehen wir mal in einem Restaurant essen. Ab und an, wenn wir früh genug fertig sind, trinken wir abends Bier und bosnischen Schnaps. Ich hole dann schon mal die Gitarre raus.  Meistens arbeiten wir. Hilfslieferungen müssen sortiert werden, Einkäufe in der Apotheke beschafft werden usw. Es ist schon ein Haufen Arbeit.

Ja. Noch in der Nacht, als es anfing mit der Müllhalde als Camp, habe ich meine Brüder der Loge „Zur Alten Linde“ in Dortmund angeschrieben. Zwei Tage später hatte ich fast 2.000 Euro und konnte damit in Apotheken und Supermärkten einkaufen. Bei Feierlichkeiten oder Tempelarbeiten sammeln die Brüder Geld und überweisen es. Einige Brüder schicken auch unabhängig davon Geld auf das Spendenkonto. Großartig ist das. Auf meine Brüder ist Verlass. Der Kreis der Spender ist nach über drei Monaten natürlich viel größer geworden. Aber die Brüder sind ein verlässliches Fundament. Abgesehen davon, dass ich diese Spenden brauche, um diese Arbeit machen zu können ist das natürlich emotional ein Geschenk für mich persönlich. Gelebte Brüderlichkeit. Ich bin auch sehr dankbar für das Vertrauen meiner Brüder. Selbstverständlich ist das alles sicher nicht.

Meine Familie steht voll hinter mir. Mein Vater ist Br. Kurt Planert, er gehört zu einer Loge in Kiel. Meine Mutter ist selbst Flüchtlingskind. Meine Töchter sind 26 und 22 Jahre alt, die Enkelkinder sechs Jahre und das „Neue“ gerade mal 5 Monate. Meine jüngere Tochter hat vor ein paar Wochen gesagt: „Papa, wenn Du jetzt nicht bald mal nach Hause kommst, dann weiß Dein Enkelkind nicht, wer Du bist“. Noch in der Nacht habe ich einen Flug gebucht und war für drei Tage bei ihnen. Die Kinder wissen, dass ich in Notfällen immer da bin, wenn sie mich brauchen. Wir telefonieren oft. Ich habe von allen „grünes Licht“. Das ist ok.

Privatleben? Habe ich gerade kaum. Wenn, dann bin ich so kaputt, dass ich nur schlafen und essen möchte. Beruflich bin ich freier Journalist. Ich konnte das also machen, ohne vorher einen Chef nach unbezahltem Urlaub fragen zu müssen. Ich kann manchmal Fotos oder Filmmaterial verkaufen. Eine österreichische NGO zahlt mir eine kleine „Aufwandsentschädigung“. Die haben kapiert, das die ganze Hilfe in Vucjak zusammenbricht, wenn ich abreisen müsste, um Geld zu verdienen. Ich lebe relativ bescheiden. Viel Geld brauche ich also nicht, um Miete und Versicherungen zu bezahlen. Es kommt sehr knapp alles gerade so hin. Was wird, wenn das hier vorbei ist, dass weiß ich nicht. Ich bin zuversichtlich. Es wird weitergehen. Ich werde nicht hungern, meine Wohnung habe ich, wunderbare Töchter und Eltern, gute Freunde. Ich bin zufrieden.

Die Menschen in Vucjak müssen schnellstmöglich in Camps, die dem internationalen Standard entsprechen. Der ist klar definiert. Passiert das vor dem Winter nicht, wird es Tote geben. Ich werde Leichensäcke kaufen müssen. Ich fahre jetzt schon Notfälle mit meinem Wagen ins Krankenhaus. Die Toten würde ich gern vorher „einpacken“, bevor ich sie in meinen Wagen lege. Ich glaube, das ist verständlich.

Es müssten sich nur alle an die bestehenden Gesetze halten. Dann wäre alles anders. Die EU-Gesetze sehen vor, dass ein Flüchtling, der die EU erreicht, ein Recht hat einen Asylantrag zu stellen. Dieses Recht gibt es in der Realität nicht. Die Menschen werden illegal nach Bosnien zurück gepusht. Auffanglager in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland müssten geschaffen werden. Dann folgt die Prüfung der Asylanträge und danach Abschiebung oder Bleiberecht. So sieht es das Gesetz vor. Wir reden über gerade mal 12.000 Flüchtlinge etwa, die sich in Bosnien aufhalten. Für eine EU mit 28 Nationen und 580 Millionen Bürgern, mit Verlaub, ist das eine lächerliche Zahl. Die EU verrät ihre eigenen Grundsätze. Mit Zivilisation hat das alles nichts mehr zu tun. Ich sehe täglich die Opfer der verfehlten Politik. Nicht nur Hunger und Elend sind das Ergebnis. Knochenbrüche, Platzwunden, geprügelte Menschen.

Die großen Hilfsorganisationen wie die IOM müssten einen besseren Job machen. Wie kann es sein, dass die UN-Tochter IOM Menschen auf die Straße schickt, weil sie sagen, die Camps seien voll. Das sind die Vereinten Nationen. Da kann man mehr erwarten, theoretisch. Das Hauptcamp in Bihac ist Bira. Da sind 1.500 Menschen. 3.000 würden hineinpassen. Voll ist eine Frage der Definition.  Neben den 10 Millionen Euro der EU, die nach Sarajevo geflossen sind, hat die EU 36 Millionen Euro an die IOM gezahlt. Man soll nicht meinen, dass irgendwer kontrolliert was mit diesem Geld passiert. Die EU verschließt die Augen. Es gibt keine Lösungsansätze. Diese Lösungen zu finden ist Aufgabe der Politik. Nicht meine. Diese Politiker werden bezahlt, um Lösungen für Probleme zu finden. Das tun sie nicht. Sie sind ihr Geld nicht wert.

Außerdem muss der Stadt Bihac geholfen werden. Seit zwei Jahren werden die Flüchtlinge aus allen Balkanländern hier hergeleitet. Wie ein Flaschenhals, in den immer mehr hineinläuft, aber kaum etwas heraus. Es ist logisch, dass es eskalieren musste. Sarajevo kassiert das Geld der EU (10 Millionen) für Flüchtlinge, in Bihac ist aber nie etwas angekommen. Die Stadt weigert sich, ein anderes Grundstück für den Bau eines Camps bereitzustellen. Wird Bihac geholfen, könnte sich das ändern.

Gewalt- und Raubstraftaten, dazu kommt Nötigung und vieles mehr. Die meisten Flüchtlinge werden von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen. Ihnen werden Rucksack und, soweit vorhanden, Schlafsack abgenommen. Beides wird vor ihren Augen verbrannt. Dann werden sie nach Geld durchsucht. Wird welches gefunden, wird es den Menschen von der Polizei gestohlen. Dann werden sie mit Polizeischlagstöcken verprügelt. Bevor sie dann mitten im Wald über die Grenze zurück nach Bosnien getrieben werden, müssen viele vorher ihre Schuhe ausziehen. Sie laufen dann barfuß wieder zurück nach Bihac. Das hat System. Seit dem ersten Tag höre ich täglich solche Geschichten und sehe die Verletzungen. Es ist immer dasselbe. Schaffen sie es bis Slowenien und werden dort aufgegriffen, dann übergibt die slowenische Polizei die Menschen an die Kroaten und die schieben sie dann zurück nach Bosnien. 12 Tage dauert der Fußmarsch bis Italien. Wer bis dahin kommt, der hat es erstmal geschafft. Regelmäßig treffe ich Familien mit kleinen Kindern, die diesen Weg noch vor sich haben. Schrecklich ist das. Das trifft mich sehr. Ich darf dann nicht an meine Töchter und ihre Kinder denken. Dann treibt es mir das Wasser in die Augen. Sie haben die Minenfelder (Kriegsaltlasten) auf dem Weg in die EU und möglicherweise die Gewalt der Polizei noch vor sich. Ich hatte schon Menschen im Ambulanzzelt, auf die Polizeihunde gehetzt worden waren. Paradox ist, das die EU Kroatien den Auftrag gegeben hat, die EU Außengrenzen zu schützen. Der Auftraggeber weiß, dass dann gegen seine eigenen Gesetze verstoßen wird. Vor allem: Gegen die Menschenrechte und das im Auftrag der EU. Das ist alles ein verlogenes Spiel.

Nein. Es gibt aber eine kleine Hoffnung. Drei EU-Politiker haben mich kontaktiert. Diese drei habe ich miteinander verbunden. Sie wollen nun mit MEP Bettina Vollath (Österreich) eine Gruppe aufbauen, die sich im EU Parlament für die Menschen in Vucjak und die Stadt Bihac einsetzen soll. Wir müssen jetzt abwarten, ob es ihnen gelingt, etwas zu bewegen. Ich habe von Anfang an drei Ziele gehabt: direkte Hilfe „am Mann“, Information der Medien in Deutschland und Österreich sowie Information der gesamten EU-Politik. Punkt zwei und drei sind erledigt. Jetzt müssen die Politiker ihren Job machen. Ich arbeite weiter im Ambulanzzelt.

Geld spenden. Das ist das Wichtigste. Ich kann in Bosnien alles kaufen, was wir brauchen und das viel günstiger als in Deutschland.

Sie können die sehr persönliche Geschichte des Journalisten und Freimaurers Dirk Planert über die Aufarbeitung seiner Bosnien-Hilfe mitten im Krieg hier in drei Teilen nachlesen.

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