Alte Pflichten – Neue Pflichten: Ein (fast) vergessenes Dokument von großer Aktualität

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Die Orientierung an den „Alten Pflichten“, festgeschrieben in den Andersonschen Konstitutionen von 1723, gehört für jeden Freimaurer, der sich zur Tradition von Aufklärung und Humanismus bekennt, zu den Selbstverständlichkeiten seines masonischen Denkens und Handelns. Programmatisch ist bekanntlich vor allem die erste dieser Pflichten mit der Überschrift: „Von Gott und der Religion“ geworden:

„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, Männer von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“

Alte Pflichten

Die „Alten Pflichten“ enthalten tatsächlich die bis in die Gegenwart gültigen Grundlagen der Humanistischen Freimaurerei: Die Bedeutung der gesellschaftlichen Funktion der Freundschaft, die moralische Verpflichtung des Maurers, den von ihm geforderten Habitus von Ehre und Anstand, den Verzicht auf trennende religiöse Festlegungen und die Praxis der Toleranz als Grundlage von Einigkeit und menschlichem Miteinander.

So selbstverständlich der alte Text klingt, so sehr er das Erbe von Aufklärung und Humanismus verkörpert und so umfassend seine Anerkennung in der Weltfreimaurerei immer gewesen ist (nur die altpreußisch-christliche Freimaurerei hatte sich entschieden von ihm distanziert) –, so sehr wird doch immer wieder gefragt, ob er nicht ersetzt oder wenigstens ergänzt werden müsse durch so etwas wie „Neue Pflichten des Freimaurers“, und in der Tat ist immer wieder der Versuch unternommen worden, dem alten Text eine neue, aktuelle Fassung beizugeben oder gegenüberzustellen. Auch Brüder der Forschungsloge „Quatuor Coronati“ haben einmal einen solchen Beitrag vorgelegt. Geglückt sind alle diese Versuche nicht, und dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Alte Dokumente stehen in ihrer Zeit, ihre Bedeutung besteht in ihrer historischen Wirkung, der man nachspüren kann und muss, aus der man Impulse für die Gegenwart schöpfen kann, an denen aber nicht „herumgeschrieben“ werden kann, ohne ihren besonderen, im Falle der „Alten Pflichten“ historisch innovativen Charakter zu beschädigen oder gar zu zerstören.

Nun gibt es aber ein Dokument aus dem späten 20. Jahrhundert, dass in meiner Sicht die Frage nach zeitentsprechenden „Neuen Pflichten“ beantworten hilft und dass wegen seiner unverminderten, ja noch angewachsenen Aktualität im Jahre 2017 (20 Jahre nach der Erstveröffentlichung) in einer repräsentativen Ausgabe wieder herausgegeben wurde. Es handelt sich um die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ (Universal Declaration of Human Responsibilities), die als Initiative des InterAction Council im Jahre 1997 den „Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt“ wurde. Das InterAction Council (kurz IAC) ist eine im Jahre 1983 vom ehemaligen, inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründete lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs, unterstützt von einer sehr respektabel besetzten „Expertenkommission“. Nach Angaben von Loki Schmidt haben Takeo Fukuda und der deutsche Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt das Konzept des InterAction Councils gemeinsam ausgedacht und zusammen die ersten Aktionen geplant.

Bedauerlicherweise hat die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ in der internationalen Diskussion nur eine bescheidene Rolle gespielt und ist auch nicht – wie von den Autoren vorgeschlagen und erhofft – zu einer Erklärung der Vereinten Nationen geworden. Andererseits ist die Erklärung immer präsent geblieben und deshalb eben – wie erwähnt – vor zwei Jahren in einer repräsentativen vielsprachigen Fassung im Düsseldorfer Grupello Verlag wieder herausgebracht worden.

Die „Erklärung der Menschenpflichten“ ist sicherlich kein freimaurerischer Text im Sinne einer masonischen Autorenschaft, wenn auch sicher nicht daran zu zweifeln ist, dass es unter den Verfassern Freimaurer und Freimaurerfreunde, zu denen wir ja auch Helmut Schmidt zählen dürfen, gegeben hat. Und wenn ich auch sicherlich hier und da eine andere Formulierung gewählt hätte, so kann ich mich doch als Freimaurer voll mit dem Inhalt der Erklärung identifizieren. Religions- und kulturenübergreifend beschreiben die 19 Artikel die Grundlagen für ein ethisch orientiertes Verhalten in einer immer komplexer werdenden Welt, die ohne feste Bindung der Menschen an ein umfassendes Wertesystem nicht überlebensfähig ist. Dieses Wertesystem, auf dessen Wurzeln wir Freimaurer ja immer wieder stoßen, wenn wir nach unserer Herkunft fragen, ist das Wertesystem von Aufklärung und Humanismus. Wenn wir aufhören, unsere Gedanken und Handlungen an den Prinzipien Humanität, Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz und Friedensliebe auszurichten, hören wir auf, Freimaurer zu sein. Dies bedeutet aber auch, uns mit Entschiedenheit und Zivilcourage von Intoleranz, Ungerechtigkeit und Rassismus abzugrenzen und uns auf die Pflichten zu besinnen, die wir als Menschen haben, wohlgemerkt: als „bloße“ Menschen ohne nationale, religiöse und soziale Zutaten, wie Lessing dies so eindrücklich dargelegt hat. Hierfür gilt es im Diskurs der Brüder weiterführende Gedanken zu entwickeln und hierzu können wir uns an der „Erklärung der Menschenpflichten“ mit all ihren Facetten und Details abarbeiten – so, als ob es auch „unsere“ Neuen Pflichten wären.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten

Vorgeschlagen vom InterAction Council, 1997

Präambel

Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ist und Pflichten oder Verantwortlichkeiten einschließt,


da das exklusive Bestehen auf Rechten Konflikt, Spaltung und endlosen Streit zur Folge hat und die Vernachlässigung der Menschenpflichten zu Gesetzlosigkeit und Chaos führen kann,

da die Herrschaft des Rechts und die Förderung der Menschenrechte abhängt von der Bereitschaft von Männern wie Frauen, gerecht zu handeln,

da globale Probleme globale Lösungen verlangen, was nur erreicht werden kann durch von allen Kulturen und Gesellschaften beachtete Ideen, Werte und Normen,

da alle Menschen nach bestem Wissen und Vermögen eine Verantwortung haben, sowohl vor Ort als auch global eine bessere Gesellschaftsordnung zu fördern – ein Ziel, das mit Gesetzen, Vorschriften und Konventionen allein nicht erreicht werden kann,

da menschliche Bestrebungen für Fortschritt und Verbesserung nur verwirklicht werden können durch übereinstimmende Werte und Maßstäbe, die jederzeit für alle Menschen und Institutionen gelten,

deshalb verkündet die Generalversammlung der Vereinten Nationen diese Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten. Sie soll ein gemeinsamer Maßstab sein für alle Völker und Nationen, mit dem Ziel, dass jedes Individuum und jede gesellschaftliche Einrichtung, dieser Erklärung stets eingedenk, zum Fortschritt der Gemeinschaften und zur Aufklärung all ihrer Mitglieder beitragen mögen. Wir, die Völker der Erde, erneuern und verstärken hiermit die schon durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamierten Verpflichtungen: die volle Akzeptanz der Würde aller Menschen, ihrer unveräußerlichen Freiheit und Gleichheit und ihrer Solidarität untereinander. Bewusstsein und Akzeptanz dieser Pflichten sollen in der ganzen Welt gelehrt und gefördert werden.


Fundamentale Prinzipien für Humanität

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder  Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.

Artikel 3

Keine Person, keine Gruppe oder Organisation, kein Staat, keine Armee oder Polizei steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Gewaltlosigkeit und Achtung  vor dem Leben

 Artikel 5

Jede Person hat die Pflicht, Leben zu achten. Niemand hat das Recht, eine andere menschliche Person zu verletzen, zu foltern oder zu töten. Dies schließt das Recht auf gerechtfertigte Selbstverteidigung von Individuen und Gemeinschaften nicht aus.

Artikel 6

Streitigkeiten zwischen Staaten, Gruppen oder Individuen sollen ohne Gewalt ausgetragen werden. Keine Regierung darf Akte des Völkermords oder des Terrorismus tolerieren oder sich daran beteiligen, noch darf sie Frauen, Kinder oder irgendwelche andere zivile Personen als Mittel zur Kriegsführung missbrauchen. Jeder Bürger und öffentlicher Verantwortungsträger hat die Pflicht, auf friedliche, gewaltfreie Weise zu handeln.

Artikel 7

Jede Person ist unendlich kostbar und muss unbedingt geschützt werden. Schutz verlangen auch die Tiere und die natürliche Umwelt. Alle Menschen haben die Pflicht, Luft, Wasser und Boden um der gegenwärtigen Bewohner und der zukünftiger Generationen willen zu schützen.

Gerechtigkeit und Solidarität

Artikel 8

Jede Person hat die Pflicht, sich integer, ehrlich und fair zu verhalten. Keine Person oder Gruppe soll irgendeine andere Person oder Gruppe ihres Besitzes berauben oder ihn willkürlich wegnehmen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Artikel 11

Alles Eigentum und aller Reichtum müssen in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und zum Fortschritt der Menschheit verantwortungsvoll verwendet werden. Wirtschaftliche und politische Macht darf nicht als Mittel zur Herrschaft eingesetzt werden, sondern im Dienst wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialer Ordnung.

Wahrhaftigkeit und Toleranz

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

 Artikel 13

Keine Politiker, Beamte, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Künstler sind von allgemeinen ethischen Maßstäben entbunden, noch sind es Ärzte, Juristen und andere Berufe, die Klienten gegenüber besondere Pflichten haben. Berufsspezifische oder andersartige Ethikkodizes sollen den Vorrang allgemeiner Maßstäbe wie etwa Wahrhaftigkeit und Fairness widerspiegeln.

Artikel 14

Die Freiheit der Medien, die Öffentlichkeit zu informieren und gesellschaftliche Einrichtungen wie Regierungsmaßnahmen zu kritisieren – was für eine gerechte Gesellschaft wesentlich ist –, muss mit Verantwortung und Umsicht gebraucht werden. Die Freiheit der Medien bringt eine besondere Verantwortung für genaue und wahrheitsgemäße Berichterstattung mit sich. Sensationsberichte, welche die menschliche Person oder die Würde erniedrigen, müssen stets vermieden werden.

Artikel 15

Während Religionsfreiheit garantiert sein muss, haben die Repräsentanten der Religionen eine besondere Pflicht, Äußerungen von Vorurteilen und diskriminierende Handlungen gegenüber Andersgläubigen zu vermeiden. Sie sollen Hass, Fanatismus oder Glaubenskriege weder anstiften noch legitimieren, vielmehr sollen sie Toleranz und gegenseitige Achtung unter allen Menschen fördern.

Gegenseitige Achtung und Partnerschaft

 

Artikel 16

Alle Männer und alle Frauen haben die Pflicht, einander Achtung und Verständnis in ihrer Partnerschaft zu zeigen. Niemand soll eine andere Person sexueller Ausbeutung oder Abhängigkeit unterwerfen. Vielmehr sollen Geschlechtspartner die Verantwortung für die Sorge um das Wohlergehen des anderen wahrnehmen.

Artikel 17

Die Ehe erfordert – bei allen kulturellen und religiösen Verschiedenheiten – Liebe, Treue und Vergebung, und sie soll zum Ziel haben, Sicherheit und gegenseitige Unterstützung zu garantieren.

Artikel 18

Vernünftige Familienplanung ist die Verantwortung eines jeden Paares. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll gegenseitige Liebe, Achtung, Wertschätzung und Sorge widerspiegeln. Weder Eltern noch andere Erwachsene sollen Kinder ausbeuten, missbrauchen oder misshandeln.

Schluss

Artikel 19

Keine Bestimmung dieser Erklärung darf so ausgelegt werden, dass sich daraus für den Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht ergibt, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung vorzunehmen, welche auf die Vernichtung der in dieser Erklärung und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 angeführten Pflichten, Rechte und Freiheiten abzielen.


© InterAction Council: Verantwortung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten des InterAction Council in 40 Sprachen

Anlässlich des 20. Jahrestags 2017 im Grupello Verlag Düsseldorf erschienen

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Humor als Humus der Humanität

© ArtTower / Pixabay

Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Das Symbol des 24-zölligen Maßstabs

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Von den Puhdys, einer ostdeutschen Kultband, stammt der Soundtrack zu dem 1973 veröffentlichten Film „Die Legende von Paul und Paula“. Das Lied „Wenn ein Mensch lebt“ besitzt dabei einen außergewöhnlich bewegenden Text, geschrieben von Ulrich Plenzdorf.

Von Paul Franke

„Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine verstreuen,
Bäume pflanze, Bäume abhauen,
Leben und Sterben und Streit.“

Die Vorlage dazu findet sich jedoch schon im Alten Testament in den Texten des Predigers Salomo:
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat eine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Die Zeit mit Weisheit einzuteilen, das ist die Forderung, die das Symbol des 24-zölligen Maßstabs an uns stellt. Jeder von uns denkt und redet mehrmals am Tag über die Zeit: „Ich habe keine Zeit“ oder „ich habe heute Zeit“ für dieses oder jenes. Aber wenn ich mich frage: Was ist denn eigentlich die Zeit?, dann gerate ich schon ins Stocken. Gut, es ist eine physikalische Größe, man kann mit ihr rechnen. Die Wirtschaft, der Verkehr, die Arbeit, ja unser ganzes Leben ist danach und von ihr eingeteilt, also gibt es sie. Das wird niemand bestreiten. Aber was weiß ich denn wirklich über sie, über die Zeit? Ich kann Zeit nicht schmecken, nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen und nicht anfassen. Ja, wir können die Zeit nicht einmal direkt messen, so wie man zum Beispiel eine Menge abwiegen kann. Wir messen die Zeit nur indirekt, indem wir die Menge der Sandkörner in einer Sanduhr messen oder die Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt einer Uhr oder die scheinbare Bewegung der Sonne oder des Mondes am Firmament. Und von dem Messen dieser verschiedenen Abstände des sich bewegenden Gegenstandes schließen wir auf die Zeit, die vergangen ist. Das ist nach allen unseren Erfahrungen auch richtig und führt zu überprüfbaren Ergebnissen. Aber die Zeit, die tatsächliche Zeit können wir nicht messen. Ja wir wissen nicht einmal, ob die Zeit kommt und vergeht oder ob sie nicht vielmehr einfach da ist. Zieht die Zeit an uns vorüber, wie der ständige Strom eines Flusses? Oder bewegen wir uns an der Zeit entlang und die Zeit steht wie ein stabiler Strang von einer Ewigkeit zur anderen Ewigkeit?

Früher fuhren auf vielen Flüssen Kettendampfer. Auf dem Grunde des Flusses zog sich eine sehr lange Kette entlang, die am Bug des Dampfers über eine Welle aufgenommen und am Heck wieder hinabgelassen wurde. Das Schiff zog sich an dieser Kette gewissermaßen bergauf. Ziehen wir uns in unserem Leben gewissermaßen auch an einer Kette entlang, deren einzelne Glieder wir jeweils Gegenwart nennen, einem unbekannten Ziel entgegen? Sozusagen von einer Gegenwart zur nächsten Gegenwart?

Wir teilen unsere Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Die Vergangenheit ist das, was hinter uns liegt und woran wir uns, wenigstens teilweise und meist sehr subjektiv, erinnern können. Zukunft liegt vor uns und ist uns von der Erfahrung her noch unbekannt. Sie ist der Ort der Hoffnungen und Befürchtungen. Soweit ganz einfach. Aber was ist nun eigentlich die Gegenwart? In dem Moment, in dem ich diesen Satz denke und aufschreibe, ist er schon Vergangenheit und nicht mehr Gegenwart. Die Gegenwart scheint fast unmessbar kurz zu sein, denn kaum ist sie da, vergeht sie sofort und wird Vergangenheit.

Es kann ja sein, dass das fast unnütze Gedanken sind, „ohne Nährwert“, würde meine Großmutter sagen, aber vielleicht doch bedenkenswert. Leibniz schreibt: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen.“ Das klingt einleuchtend, aber bin ich deshalb wirklich klüger? „Zeit ist eine Erscheinung, die sich in Form von Tag und Nacht darstellt“, schrieb Sextus Empiricus im zweiten Jahrhundert, aber bringt uns das weiter?

Augustinus schrieb in seinen Confessiones: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Dieser Satz kommt meinem Gefühl der Zeit gegenüber deutlich am nächsten.
Und warum ist die Wahrnehmung der Zeit in unserem eigenen Leben, in unseren Lebensabschnitten so unterschiedlich?

Rasend schnell ist die Zeit vorbei, wenn wir in einer angeregten und zufriedenen Runde miteinander sind. Scheinbar lang und ewig erstreckt sie sich in einem langweiligen Vortrag. Als ganz furchtbar empfinde ich, dass man im Alter des Lebens die Zeit als rasend schnell vorübergleitend wahrnimmt. Ehe man es sich versieht, ist schon wieder ein Jahr vorüber. Als Kind dagegen schien mir die Zeit vom 20. Dezember bis zum Heiligen Abend überhaupt nicht zu vergehen. „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorüber, in der man kann“, sagte Marie von Ebner-Eschenbach. Manchmal sprechen wir von einer Beschäftigung als von einem „Zeitvertreib“. Eigentlich ein schlimmer Begriff, denn haben wir so viel Lebenszeit, dass wir sie auch noch vertreiben möchten? Wohl kaum, denke ich. Auch Seneca schrieb dazu: „Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen!“

Die Zeit erscheint wie ein riesiger feststehender Fels, neben dem alles andere herum winzig und in ständiger Bewegung ist. Ist die Zeit ewig? Und noch zaghafter gefragt: Ist die Zeit vielleicht Gott? Oder eine Erscheinungsform von Gott?

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken höchst unfertig sind. Ich habe den Versuch unternommen, über etwas nachzudenken, was eigentlich nicht zu fassen ist. Daher muss es notwendigerweise unvollkommen bleiben. Und dennoch scheint mir die Zeit als etwas, über das es sich lohnt nachzudenken, denn wir alle sind immer mitten in der Zeit. Letztendlich ist unsere Lebenszeit das einzige, was wir wirklich besitzen.

Wie oft sagten oder dachten wir schon: „Die Zeit vergeht.“ Welch ein Irrtum! Nicht die Zeit vergeht – wir sind es, die vergehen. Die Zeit bleibt.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Der unterbestimmte Mensch und das freimaurerische Ritual

Foto: Johannes Plenio / Pixabay

In unseren westlichen Philosophien seit der griechischen Antike tritt der Mensch auf als ein Wesen, das wesentlich bestimmt sei.

Von Klaus-Jürgen Grün

Das Wesen des Menschen sei – so Aristoteles – ein zoon politicon. Er widersprach damit Platon, der das Wesen des Menschen als verkörperte Idee des Guten bestimmte. Menschen, die dieser Idee zu wenig entsprachen, sollten mit Methoden der Bildung und Gewalt umerzogen werden. Wo dies nicht zu gelingen schien, riet Platon auch schon einmal zum Töten. Überhaupt erweist sich Platon als Chefideologe der Dogmatiker, seien sie Anhänger der katholischen Inquisition oder der islamistischen Terrormiliz. Wer sein Menschenbild ohne Bezug auf Gott und die Götter schafft, dem soll, wenn ihn auch alle Überredungskunst im Kerker nicht zum Abschwören geführt hat, „von Neuem der Prozeß gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden“ (Platon: Nomoi).

Die vom Platonischen abgeleitete Wesensbestimmung des Menschen im Christentum erklärte den Menschen gottähnlich. Individuen oder ganze Völker, die diesem Ideal nicht entsprachen, sind oftmals pyrotechnisch oder kolonisatorisch entsorgt worden. Aber die zunehmende Unglaubhaftigkeit, dass solcherlei Grausamkeit mit der Gottähnlichkeit vereinbar sein könnte, schuf in der europäischen Aufklärung den Vernunftmenschen, der als die Inkarnation der Vernunft bestimmt war. Aufklärer legten von Anbeginn die Bestimmung des Menschen in die Vernunft. Sie konzipierten den Menschen dabei – meistens verschleiert – als göttliches Wesen, denn die Vernunft des Menschen war strukturiert wie vormals der christliche Gott: Vernunft sei der Sitz von Gut und Böse; sie sei vor jeder moralischen Entscheidung um Rat zu befragen; ihrem Rat sei stets Folge zu leisten; und die Vernunftentscheidung entsprach immer der Wahrheit.

Noch die Väter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat zu Beginn unserer neuen Republik gingen davon aus, dass der deutsche Wähler ein vernunftbegabter und mündiger Bürger sei. In der Gegenwart allerdings erleben wir, dass die lautesten und barbarischsten Stimmen zur Verteidigung des völkisch orientierten deutschen Wesens des Menschen weder mit Aufklärung noch mit Vernunft etwas zu tun haben wollen.

Hier nun ist der vorläufige Gipfel der Komplexität erreicht, der jede vormals für einzigartig gehaltenen Bestimmung des Menschen ad absurdum führt. Dass jeder Nazi, jeder Islamist, jeder dogmatische Katholik, aber auch jeder Moralist immer noch der Illusion aufgesessen ist, er oder sie hätte die einzig objektive Bestimmung des Menschen erfasst, widerspricht der hier vertretenen Auffassung nicht. Denn jede dieser Illusionen ist Bestandteil der Komplexität, und sie alle zusammen bestätigen die These der Unterbestimmtheit des Menschen.

Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft die Beobachtung, dass man „sehr leicht ohne Religion und vielleicht ohne Kunst leben [kann]. Man kann aber nicht ohne Recht und ohne Geld leben“ (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 79). Keine Bestimmung des Menschen leistet, was sie verspricht, aber alle zusammen strukturieren, was keine der einzelnen wahr haben will: Es gibt keine einzig und allein gültige Bestimmung des Menschen. Von allen Seiten aber reden uns Ideologen mehr oder weniger gewaltsam ein, dass man als Mensch nicht ohne die in der jeweiligen Ideologie für unverzichtbar erklärte Bestimmung des Menschen leben könnte.

Freimaurerei verfährt perspektivisch

Freimaurerei pflegte allerdings von Anfang an einen klugen Umgang mit der Unterbestimmtheit des Menschen. Sie holte die Männer mit unterschiedlichstem Dünkel, was die Bestimmung des Menschen angeht, in die Logen. Dort mussten sie erfahren, dass ihre eigene Religion, ihre eigene politische Überzeugung, ihre eigene Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand nichts weiter war als eine von vielen Perspektiven. Sicher war es ein Glück für das Gelingen der Freimaurerei, dass diese Männer nicht gleichzeitig noch überfordert wurden damit, dass auch Frauen eine Perspektive in Bezug auf die Bestimmung des Menschen haben. Die Großloge von England ist ja bis heute noch überfordert damit, dass Frauen als echte Freimaurerinnen in den Logen einen Beitrag zur Offenheit der Bestimmung des Menschen leisten.

Vergleichen wir die Bestimmungen des Menschen in Theologie, Philosophie und Anthropologie mit der Praxis im Ritual der Freimaurerei, so fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge. In der Freimaurerei wird keine Theologie, keine Philosophie und keine Anthropologie, die das Wesen des Menschen metaphysisch festgelegt hat, vorausgesetzt. Die Praxis der Freimaurer zelebriert die Unterbestimmtheit des Menschen. Was die Bestimmung des Menschen sein könnte, bleibt wie der unvollendete Bau des symbolischen Salomonischen Tempels stets offen. Die empirischen Tätigkeiten in den rituellen Arbeiten – nicht die Ideologien in den Köpfen vieler individueller Freimaurer und Freimaurerinnen – offenbaren das Bild eines rauen Steines, der in Gesellschaft anderer an sich selbst arbeitet, um sich mit diesen zu einem funktionierenden Sozialverband zu vernetzen. Keine scheinbar an sich feststehenden Tatsachen über den Menschen, sondern die sich stets neu zusammensetzenden Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven strukturieren eine vorläufige Vorstellung von der Bestimmung des Menschen. Und sie bleibt immer vorläufig und unvollendet.

Freimaurer und Freimaurerinnen treten zusammen in ihren Tempeln, wo sie das Bild konstruieren, das sich aus Individuen zusammensetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie sind in verschiedenen Religionen aufgewachsen, gehören verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, haben verschiedene Bildungswege hinter sich, leben verschiedene Interessen aus, bringen unterschiedlichste Begabungen zum Ausdruck, und vieles mehr an Unterschieden. Von einem einheitlichen Wesen des Menschen oder sogar einer einheitlichen Bestimmung zu sprechen, schließt dieses Bild aus.

Freilich beschleicht manche Menschen panisches Unbehagen, wenn sie sich ihre eigene Unterbestimmtheit vorstellen sollen. Sie konstruieren dann eine Bestimmung des Menschen, indem sie ihre eigene Wahrheit über Religion und Ethik als absolut gültige und als das Ziel der freimaurerischen Arbeit unterstellen. Aber ihre Wahnvorstellung von einer Objektivität ihrer Konstruktionen wird in der Praxis der Tempelarbeit parodiert. Wer hierbei Bauchschmerzen bekommt, der macht sich dann seine eigene Freimaurerei, in der er beschließt, nur Männer oder Frauen eintreten zu lassen, die ihm unentwegt bestätigen, dass seine Perspektive die einzige sei, die der objektiven Wahrheit entspreche. Freimaurerei hat sich jedoch von diesen dogmatischen Sonderwegen nie vereinnahmen lassen.

Jeder ist Gestalter der Welt und für sein Tun selbst verantwortlich

Freimaurerei arbeitet nicht auf der Basis irgendwelcher Einheitlichkeiten wie der Einheit der Welt. Sie stellt vielmehr eine von unzähligen Möglichkeiten des Zustandekommens solcher Einheiten durch ihr Dasein als ein Gesamtkunstwerk vor. Vollkommen unabhängig von den Vorstellungen jedes Einzelnen zeigt der Vollzug des Rituals, dass in ihm keine außenstehenden Beobachter existieren. Wer an einer freimaurerischen Tempelarbeit teilnimmt, ist niemals ein außenstehender Beobachter. Stattdessen dienen bereits die vorbereitenden Ritualhandlungen dem Erlebnis, dass die Welt der außenstehenden Beobachter für die Dauer einer Tempelarbeit durch „Deckung“ ausgegrenzt wird. Innerhalb des gedeckten Tempels ist jeder einzelne Teilnehmer des Rituals. Keiner ist mehr unbeteiligter Beobachter.

Im Theater und in der Kirche ebenso wie im Museum ist das anders. Im Museum steht der Betrachter vor dem Bild oder der Statue; in der Kirche sind die Profanen auf der einen Seite des Geschehens untertänigst angeordnet – sie verbeugen sich vor dem Priester und empfangen von ihm die Weihe oder die Hostie, und der Priester seinerseits ist geweiht und kann niemals durch einen Profanen ersetzt oder gar durch freie Wahl abgelöst werden. Deutlicher noch sind im Theater die Beobachter von den Handelnden der Handlung getrennt. Sie entrichten ihren Eintritt, verhalten sich ruhig und geben nur dann Zeichen ihres Daseins kund, wenn es die Handelnden vorgesehen haben.

Mit dem Fehlen einer objektiven Bestimmung und dem rituellen Aufbau eines beständig neu konzipierten vorläufigen Bildes des Menschen sowie der Humanität sperrt sich Freimaurerei gegen jede Art völkischer, rassistischer oder religiöser und kirchlicher Festlegungen. Von daher nähert sich die Metapher „Toleranz“ dem Gedanken, dass man es beim Menschen mit etwas sichtlich undurchschaubar Komplexem zu tun hat.

Das überfordert natürlich das Toleranzverständnis der meisten Menschen. Denn hierbei werden „Ungewissheiten unserer Orientierung und die Risiken der Desorientierung … so stark, dass es beruhigt, wenn andere sich ähnlich orientieren“ (Werner Stegmaier, Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche, Berlin/Boston 2016, S. 57). Die ähnliche Orientierung stellt aber auch das rituelle Geschehen im Freimaurer-Tempel bereit – und zwar weit ab von der Vorstellung, dass Deutsche nur gegenüber Deutschen tolerant sind; Christen nur gegenüber Christen usw. Sie erleichtert es, bei der Vielfalt der Unterbestimmtheiten den Menschen nicht aus dem Auge zu verlieren. Was für Kommunikationsstrukturen allgemein gilt, gilt für Freimaurerei im Besonderen: „An die Stelle der ‚Einheit des Menschen‘ tritt so ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Systemtypen“ (Stegmeier, Orientierung im Nihilismus, S. 148). Dadurch erfährt Freimaurerforschung einen besonderen Sinn. Sie erweist sich als eine Forschung, die nicht letztgültige Wahrheiten aufzuspüren bestrebt ist, sondern zur Artikulation verschiedener Perspektiven ermuntert.

Die Forschungsloge Quatuor Coronati mit Sitz in Bayreuth untersteht den Vereinigten Großlogen von Deutschland. Sie ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland mit insgesamt etwa 1.500 Mitgliedern. Mit ihren Publikationen und Tagungen ist Quatuor Coronati als vereinsrechtlich eingetragene Forschungsgesellschaft auch für Nichtfreimaurer geöffnet und bildet ein einzigartiges internationales Netzwerk.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Die beliebtesten Beiträge im Jahr 2019

Olivier Le Moal / Adobe Stock

Weit über 700 Meldungen, 80 Podcasts, 185 Newsletter mit rund 8000 Abonnenten — die Website der Großloge ist längst eine Institution geworden. Die nachfolgende Übersicht zeigt eine Auswahl der meistgelesenen Beiträge des abgelaufenen Jahres.

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Dr. Charlotte Knobloch erhält die Wertheimer-Schloß-Medaille

Dr. Charlotte Knobloch mit der Verleihungsurkunde

Zum dritten Mal hat am 1. Dezember 2019 die Nürnberger Loge „Zur Wahrheit“ die Wertheimer-Schloß-Medaille verliehen, eine Auszeichnung benannt nach den beiden jüdischen Mitgliedern der Loge, Br. Moritz Wertheimer und Br. Dr. Siegfried Schloß, die in der Dunklen Zeit deportiert und im Konzentrationslager ermordet wurden.

Die Wertheimer-Schloß-Medaille wurde von der Loge 2007 anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens ins Leben gerufen, um einerseits das Gedenken an die beiden ermordeten Brüder aufrecht zu erhalten, andererseits Menschen zu ehren, die sich im Sinne der beiden Brüder in besonderer Weise humanitär engagieren.

Als Preisträgerin 2019 haben sich die Brüder der Loge für Dr. Charlotte Knobloch entschieden. Sie ist Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und war von 2006 bis 2010 auch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ausgezeichnet wurde mit der Übergabe der Medaille auch das von der Kultusgemeinde ins Leben gerufene „Café Zelig“, mit dem 2016 ein Ort der Begegnung für die noch lebenden Shoa-Überlebenden geschaffen wurde. Mit dieser Einrichtung soll einer zunehmenden Vereinsamung dieser Menschen, von denen es alleine in München noch etwa 1200 gibt und die oft seelisch und finanziell beeinträchtigt sind, entgegengewirkt werden. Bei vielen entsteht erst jetzt im Alter das Bedürfnis, darüber sprechen zu wollen. Das „Café Zelig“ will Raum für diese Gespräche geben. Einmal pro Woche bietet es die Möglichkeit der Kommunikation, eine sozialpädagogische Fachkraft steht zur Unterstützung und Vermittlung von Hilfsangeboten zur Verfügung.

Die Medaille ist mit einer Geldspende verbunden, die dieses Mal aufgrund der Unterstützung durch das Freimaurerische Hilfswerk (FHW) und der Großloge A.F.u.A.M.v.D. deutlich höher ausfallen konnte als in früheren Jahren. Der Preisträgerin konnte ein Scheck über 5000 Euro überreicht werden. Geld, das das „Café Zelig“ für seine Arbeit dringend benötigt.
Dass eine solche Preisverleihung auch im Bewusstsein des wieder ansteigenden Antisemitismus in der Gesellschaft und der spätestens mit den Ereignissen in Halle für jeden sichtbar gewordenen Bedrohungslage für hier lebende jüdische Menschen ihren Stellenwert hat, wurde schon bei der Begrüßung der Anwesenden durch den Meister vom Stuhl, Br. Wieland Walther, deutlich. In Erinnerung an die Aufforderung im Ritual, „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt!“, stellte er fest, dass wir über das „Wehret den Anfängen!“ längst hinaus sind, wenn jüdische Kinder in Schulen wieder verhöhnt werden und dies von Pädagogen hilflos als „hinzunehmen“ charakterisiert wird. Und wenn es wieder Menschen gibt, „die von nichts wissen, nichts gewusst haben, nichts sehen, nichts sehen wollen“.

Marcus König (CSU), der stellvertretend für den Oberbürgermeister das Grußwort für die Stadt Nürnberg sprach (und dessen Großvater, wie er verriet, Mitglied der ältesten Nürnberger Loge „Joseph zur Einigkeit“ war), berichtete über nationalistische Töne, die es im Stadtrat wieder gebe. Deshalb sei der Zusammenhalt wichtig. Im Hinblick auf die AfD sei es Zeit, aufzustehen und laut zu werden. „Aus unserer Stadt“, so König, „soll nur noch Frieden ausgehen, dafür kämpfen wir tagtäglich!“
In seiner sehr persönlich geprägten Ansprache berichtete der Zugeordnete Großmeister, Br. Hasso Henke, über seine Kindheit in einem Drei-Generationen-Haus, in dem seine Mutter bedauerte, dass es die „Kraft-Durch-Freude“-Urlaubsfahrten leider nicht mehr gäbe, seine Großmutter regelmäßig darauf hinwies, welcher Moderator, Journalist oder Schauspieler, der gerade im nun für viele erschwinglichen Fernsehgerät zu sehen war, ein Jude sei, den man mitunter auch mal „wohl vergessen“ habe. Als Nazi, das habe er im Nachgang begriffen, werde man nicht geboren, sondern man werde dazu gemacht.

Br. Henke forderte dazu auf, unserer Vergangenheit vorurteilslos entgegenzutreten; „Wenn Kultusminister, Lehrplangestalter oder Lehrer irgendwann in den vergangenen fast 75 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Mut und die Einsicht gehabt hätten, den 8. Mai 1945 nicht mehr länger als Tag der Niederlage zu bezeichnen oder gar anzusehen, sondern als Tag der Befreiung von der Herrschaft einer Diktatur, die einen Genozid nicht nur in Kauf nahm, sondern zum politischen Ziel hatte, dann wäre für jeden von uns Deutschen — Nachgeborene oder nicht — der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens sehr viel leichter gewesen.“ Die Menschen, die die Shoa überlebt haben, so Hasso Henke, „und denen mit dem Café Zelig ein Treffpunkt und eine Stätte der Kommunikation angeboten werden, gehören zu den letzten Überlebenden dieses geplanten Völkermords. Sie sind vielleicht die Letzten, die noch Zeugnis ablegen können (…). Wir brauchen diese Menschen und ihr Zeugnis, um uns erinnern zu können. Erinnerung ist das einzige, womit wir die Opfer dieser mörderischen Zeit noch ehren können.“

Br. Andreas Hornig, Redner der Loge, brachte in seiner Laudatio seine Traurigkeit darüber zum Ausdruck, dass es bislang in unserem Land nicht gelungen sei, das unmenschliche Gedankengut der Nazis und mit ihnen den Rassismus und den Antisemitismus ein für alle Mal aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Nicht durch Gewalt, sondern durch beste Bildung und Ausbildung und durch ein besonderes gelebtes Vorbild freier Menschen von gutem Ruf, ein Vorbild, das an allen Staatszielen unserer Verfassung ausgerichtet sei, die auch unsere freimaurerischen Ziele sind: Freiheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Mitmenschlichkeit. „Als wir in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts unsere Wertheimer-Schloß-Medaille erdachten, als Preis für eine menschliche Tat, geschah dies zugleich, um der Opfer der Unmenschlichkeit in Gestalt unserer beiden Brüder zu gedenken und um dazu beizutragen, dass die beständige Mahnung wach bleibt: Nie wieder.“

Als eine „besondere Auszeichnung“ bezeichnete die Preisträgerin selbst die Medaille, die mit den Werten der beiden Namensgeber Wertheimer und Schloß verbunden sei. Sie sei sich bewusst, dass gerade diese Medaille nicht nur Auszeichnung, sondern auch Auftrag sei. Mit der Benennung der Medaille werde die Erinnerung an zwei Menschen wachgehalten, die treue Bürger Nürnbergs waren und dennoch ausgegrenzt, verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Jüdische Menschen wurden über Nacht zu Ausgestoßenen. Die Verfolgung ging zwar von den Nazis aus, so Knobloch, aber sie war stets auf die fehlende Gegenwehr der Gesellschaft angewiesen. Es habe nicht nur eine Machtübernahme gegeben, sondern die Regierten hätten der Regierung nicht ernsthaft Paroli geboten und seien untätig geblieben, als der Holocaust begann.

Stille herrschte, als Charlotte Knobloch die Anwesenden an ihrer Kindheitserinnerung teilhaben ließ, als sie die brennende Synagoge in der Münchner Herzog-Straße sah. An der Erinnerung an die Großmutter, die sich von ihr verabschiedete, vorgebend, auf Kur zu fahren. An der Erinnerung, dass sie überlebte, weil sie von einer fränkischen Bauernfamilie aufgenommen und als deren uneheliches Kind ausgegeben wurde. Diese Familie, die nicht so gehandelt hat, wie es für sie bequem gewesen wäre, sondern wie es das Richtige war. Dieser Anstand sei es gewesen, so Charlotte Knobloch, der Deutschland nach 1945 wieder aufleben ließ. Es gelte, nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht. Die Angriffe, die es heute wieder gibt, seien beschämend, es handle sich um Angriffe auf das demokratische Fundament unseres Landes. Es brauche mehr als die Stimmen der jüdischen Gemeinschaft, nötig sei ein Aufschrei der gesamten Gesellschaft, die sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen muss.

Die Loge „Zur Wahrheit“, so Charlotte Knobloch, sei beispielgebend. Auch ihr Vater, so gab sie preis, sei Mitglied einer Freimaurerloge gewesen. Die mit der Medaille verbundene Geldzuwendung an das „Café Zelig“ sei ein richtiges Signal.
Musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung durch Br. Christoph von Weitzel (Bariton) und Br. Manuel Quesada (Flügel).
Zu einem besonderen Ereignis wurde die Preisverleihung nicht zuletzt auch dadurch, dass Nachfahren der Brüder Wertheimer und Schloß, Enkel und Urenkel, der Veranstaltung beiwohnten und hierfür extra aus Großbritannien, den USA und Israel nach Nürnberg gereist waren. Alleine dies wird den Tag für die Brüder in Nürnberg unvergesslich machen.

SPD-Stadträtin Diana Liberova, Dr. Charlotte Knobloch, Joachim Hamburger (Fotos: Kurt O. Wörl)

Die Namensgeber der Wertheimer-Schloss-Medaille

Br. Moritz „Fritz“ Wertheimer

wurde am 15. Juli 1884 in Bruchsal (Baden) geboren und war der dritte Meister vom Stuhl der 1907 gegründeten FzaS-Loge „Zur Wahrheit“ i.Or. Nürnberg. Da er als Rechtsanwalt überwiegend Klienten aus dem linken politischen Spektrum vertrat, befand er sich bereits ab 1933 auf der Liste der potenziellen Staatsfeinde. Von den Nazis wurde ihm zusammen mit 42 weiteren jüdischen Rechtsanwälten die Anwaltszulassung entzogen. 1938 wurde er durch die Nazi-Justiz wegen „Devisenvergehens“ zu 100000 Reichsmark Geldstrafe und sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Es kann vermutet werden, dass er seine Auswanderung vorbreitete und deswegen versuchte, sein Vermögen vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Von 1938 bis 1942 war er im Zuchthaus Amberg inhaftiert, wurde von dort aus 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 18. Mai 1944 nach Auschwitz. Er ist seither verschollen. Als gesichert kann angesehen werden, dass er wie viele andere in Auschwitz ermordet wurde.

Br. Dr. Siegfried Schloß

wurde am 3. März 1880 in Nürnberg geboren. Er war verheiratet mit Helene, geb. Wallersteiner, und Vater von drei Töchtern. Als Jurist war er von 1907 bis 1938 in Nürnberg tätig, wurde 1928 zum Justizrat ernannt. Er war als Unteroffizier Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, SPD-Mitglied, Mitglied des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und des „Bundes Akademischer Sozialisten“. Ferner war er Gründer und Vorsitzender des „Volksbundes zur Befreiung der Kriegsgefangenen“, Vorsitzender der Nürnberger „Kriegsgefangenenheimkehrerstelle“. Die „Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener“ ernannte ihn zum Ehrenmitglied, die Ortsgruppe Nürnberg der „Kriegsgräberfürsorge“ zu ihrem Vorsitzenden. Versah er all diese Ämter ehrenamtlich, so galt sein hauptamtliches Engagement, als Syndikus des Mietervereins Nürnberg, von 1918 bis 1933 dem Interessenschwerpunkt Mietsachen, denen er darüber hinaus Vorträge, Gutachten und Publikationen widmete. Ab 1933 vertrat er hauptsächlich jüdische Mieter und Hausbesitzer.
Der von den Nazis inszenierte und als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingegangene Pogrom vom 9. November 1938 traf die Familie von Schloß in voller Härte: Die Wohnung wurde von SA-Barbaren völlig demoliert. Um die Jahreswende 1939/40 wurde er zum inzwischen fünften Mal verhaftet und später in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 10. März 1940, kurz nach seinem 60. Geburtstag, wurde seine Frau zur Polizei vorgeladen. Dort wurde ihr die Asche ihres zwei Tage vorher in Sachsenhausen ermordeten Mannes ausgehändigt.

Die Wertheimer-Schloß-Medaille

Die Medaille besteht aus einem runden Kristall-Glas, in das die Portraits der beiden Brüder Wertheimer und Schloß eingraviert sind. Die Loge hat sich für Glas entschieden, da es ein zerbrechliches und ohne Schutz hoch gefährdetes Material ist, so gefährdet und schutzlos, wie es die beiden ermordeten Brüder waren. Das Glas der Medaille ist von einem Silberring umschlossen, der die Lebensdaten der beiden Brüder trägt. Er soll das Glas vor dem Zerbrechen schützen.

Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger: 2007 Karl Rebele, 2014 Sophie Anuth, 2019 Dr. Charlotte Knobloch

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 1-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Rostocker Loge lädt zur Podiumsdiskussion

Blick auf die Hansestadt Rostock © SeanPavonePhoto / Adobe Stock

Einen ungewöhnlichen Weg der Öffentlichkeitsarbeit geht die Rostocker Loge "Zu den drei Sternen" mit einer Podiumsdiskussion.

Für den 28. Februar 2020 lädt die Rostocker Loge zu einem öffentlichen Informationsabend mit Podiumsdiskussion über Freimaurerei ein. “Auch wenn Freimaurerei ein offenes Geheimnis ist, bleibt ein Mythos, etwas Geheimnisvolles,
weil die Rituale nur schwer verständlich sind und Freimaurerei immer in geschützten Räumen stattfindet, sich nie vermarktet, nie in den Vordergrund spielt und doch seit Jahrhunderten die Weltgeschichte im Sinne von Humanität, Freiheit und Toleranz maßgeblich mitgeprägt hat”, so der Text der Einladung. Wofür Freimaurer seit Jahrhunderten stehen, ist und bleibt ein gesellschaftliches Thema. Humanität, Freiheit und Toleranz haben heute wieder mächtige Gegner. Ein Grund, warum sich die 1760 gegründete altehrwürdige Loge „Zu den drei Sternen“ in Rostock, öffnet und das offene Geheimnis um die Freimaurerei gern mit Gästen diskutieren möchte.

Nach einer Einführung über Freimaurerei durch den amtierenden Meister vom Stuhl Thomas Born diskutieren Annegret Mahn, Prof. Dr. Rüdiger Templin und Thomas Born und beantworten die Fragen der Besucher, die Moderation führt Dr. Ulrich Vetter. Die Veranstaltung findet am 28. Februar 2020 ab 19 Uhr in der Aula / Konzilzimmer der Universität Rostock statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter loge-gaestabend@web.de wird gebeten.

Schwester Annegret Mahn (Dipl.-Psychologin, Geschäftsführerin, Freimaurerin seit 2005, Loge „Zur Humanität und Beständigkeit“ Berlin, der ersten Loge der Frauen-Großloge von Deutschland. 2012 Mitbegründerin der Loge „Märkisches Mosaik“ Potsdam, der ersten Freimaurerinnenloge in den neuen Bundesländern. Großaufseherin der Frauen-Großloge von Deutschland von 2016 bis 2019. Gründung einer schwerpunktmäßig Englisch sprechenden Loge in Berlin)

Bruder (Prof. Dr.) Rüdiger Templin (Prof. Dr. med. em., Alt-Großmeister Vereinigte Großlogen von Deutschland, 1997–2000 Meister vom Stuhl der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock, 2002–2006 Zugeordneter Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, 2006–2009 Stellvertretender Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, 2009–2015 Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Mitgliedschaft u.a. in Logen in Havanna, Liepaja, London, Belgrad, Bukarest und Lissabon)

Bruder Thomas Born, (Unternehmensberater, Geschäftsführer, amtierender Meister vom Stuhl. der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock. Aktuell: Mitbegründer einer deutschsprachigen Loge auf Teneriffa)

Bruder (Dr.) Ulrich Vetter, (Geschäftsführer Entwicklungsgesellschaft, Coach)

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