Rostocker Loge lädt zur Podiumsdiskussion

Blick auf die Hansestadt Rostock © SeanPavonePhoto / Adobe Stock

Einen ungewöhnlichen Weg der Öffentlichkeitsarbeit geht die Rostocker Loge "Zu den drei Sternen" mit einer Podiumsdiskussion.

Für den 28. Februar 2020 lädt die Rostocker Loge zu einem öffentlichen Informationsabend mit Podiumsdiskussion über Freimaurerei ein. “Auch wenn Freimaurerei ein offenes Geheimnis ist, bleibt ein Mythos, etwas Geheimnisvolles,
weil die Rituale nur schwer verständlich sind und Freimaurerei immer in geschützten Räumen stattfindet, sich nie vermarktet, nie in den Vordergrund spielt und doch seit Jahrhunderten die Weltgeschichte im Sinne von Humanität, Freiheit und Toleranz maßgeblich mitgeprägt hat”, so der Text der Einladung. Wofür Freimaurer seit Jahrhunderten stehen, ist und bleibt ein gesellschaftliches Thema. Humanität, Freiheit und Toleranz haben heute wieder mächtige Gegner. Ein Grund, warum sich die 1760 gegründete altehrwürdige Loge „Zu den drei Sternen“ in Rostock, öffnet und das offene Geheimnis um die Freimaurerei gern mit Gästen diskutieren möchte.

Nach einer Einführung über Freimaurerei durch den amtierenden Meister vom Stuhl Thomas Born diskutieren Annegret Mahn, Prof. Dr. Rüdiger Templin und Thomas Born und beantworten die Fragen der Besucher, die Moderation führt Dr. Ulrich Vetter. Die Veranstaltung findet am 28. Februar 2020 ab 19 Uhr in der Aula / Konzilzimmer der Universität Rostock statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter loge-gaestabend@web.de wird gebeten.

Schwester Annegret Mahn (Dipl.-Psychologin, Geschäftsführerin, Freimaurerin seit 2005, Mitglied der Loge „Märkisches Mosaik“ Potsdam.

Bruder (Prof. Dr.) Rüdiger Templin (Prof. Dr. med. em., Alt-Großmeister Vereinigte Großlogen von Deutschland, 1997–2000 Meister vom Stuhl der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock, 2002–2006 Zugeordneter Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, 2006–2009 Stellvertretender Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, 2009–2015 Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Mitgliedschaft u.a. in Logen in Havanna, Liepaja, London, Belgrad, Bukarest und Lissabon)

Bruder Thomas Born, (Unternehmensberater, Geschäftsführer, amtierender Meister vom Stuhl. der Loge „Zu den drei Sternen“ Rostock. Aktuell: Mitbegründer einer deutschsprachigen Loge auf Teneriffa)

Bruder (Dr.) Ulrich Vetter, (Geschäftsführer Entwicklungsgesellschaft, Coach)

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Der stille Krieg: Untätigkeit ist die Waffe

Der Journalist Dirk Planert engagiert sich seit langer Zeit in Bosnien. Zuerst leistete er während des dortigen Krieges in Eigenregie humanitäre Hilfe für Kriegsopfer, jetzt hilft er Flüchtlingen. Vor kurzem durfte er vor einem Plenum der Europäischen Union zur Situation sprechen. Wir veröffentlichen seine Rede.

Sehr verehrte Damen und Herren Parlamentarier, liebe Gäste!

  1. Juni 2019. Ein sonniger Freitag. Mein Telefon klingelt. „Die Polizei ist mit Bussen am Camp Bira, sie haben Waffen, die Flüchtlinge müssen einsteigen“, sagt eine aufgeregte Frau am anderen Ende der Leitung. 5 Minuten später stehe ich neben den Bussen, voll mit Menschen, die nicht wissen, was jetzt mit ihnen passiert. Die Busse fahren los, ich hinterher. Der Weg führt aus der Stadt hinaus. Es ist lange her, dass ich so etwas gesehen habe. 25 Jahre. Das war während des Bosnienkrieges. Der Fachbegriff dafür: Deportation.

Ich bin schon ein paar Tage hier, wegen einer Fotoausstellung mit meinen Bildern von damals. Weil ich wusste, dass viele Flüchtlinge unversorgt sind, hatte ich ein bisschen Geld mitgenommen und noch an diesem Nachmittag Lebensmittel verteilt. An genau die Menschen, die jetzt in den Bussen sitzen. Sie haben keinen Platz mehr in dem IOM-Lager Bira (Internationale Organisation für Migration) bekommen. Das bedeutet: kein Dach über dem Kopf, kein Wasser, kein Essen. Nichts.

Ich wollte 14 Tage bleiben, weiter an meiner Fotoserie arbeiten, alte Freunde besuchen, womöglich ein bisschen Hilfe leisten. Dann wieder zurück nach Deutschland. Jetzt fahre ich den Bussen hinterher und habe keine Ahnung, was passieren wird oder wo es hingeht.

Nach etwa 10 Kilometern halten die Busse, alle müssen aussteigen. Ich parke und gehe mit Abstand über einen Feldweg hinterher. Mehrere hundert Flüchtlinge, etwa 20 Polizisten und ich. Endstation ist ein elendig stinkender Platz, auf dem überall Müll aus der Erde ragt. Drei größere Zelte stehen herum, vier Wassertanks. Sonst nichts. Ich mache Fotos und filme. Dabei fällt mir etwas auf, das ich am Nachmittag in der Enge bei der Lebensmittelverteilung noch nicht bemerkt hatte. Viele dieser Männer haben eitrige Wunden an den Beinen, viele keine Schuhe. Für zwei von ihnen reicht das Erste-Hilfe-Pack an meiner Fototasche. Dann ist es leer. Die Menschen stehen herum und wissen nicht, was sie hier sollen. Ein kleiner Polizeibus hält direkt vor mir. Die Polizisten rufen ein paar Flüchtlinge herbei. Die müssen einen vor Schmerzen schreienden Mann heraustragen. Er liegt jetzt direkt vor meinen Füßen, ist nicht ansprechbar, seine Augen sind verdreht, er hält beide Hände auf die Stelle, wo der Blinddarm sitzt. Er schreit oder stöhnt immer wieder. Ich sage zu den Polizisten: „Der stirbt uns hier, ruft einen Krankenwagen, bitte!“ Der Beamte zuckt mit den Schultern und fährt weg. In diesem Moment wird mir klar: Hier werden Menschen weggeschmissen.

Dass es eskalieren wird, das lag schon tagelang in der Luft: Aber das? Wie soll man damit rechnen? Das ist eine ehemalige Müllhalde. Vucjak. Vuc bedeuted in der bosnischen Sprache: Wolf.

Seit zwei Jahren ist Bihac der Brennpunkt der Flüchtlingskrise in Bosnien. Krise, weil alle nach Bihac kommen und viele hier festhängen. Was es in Deutschland 2015 gab, gibt es hier nicht: Solidarität der Städte. Niemand will Flüchtlinge, Bihac sitzt mit dem Problem alleine da. Es gab Einbrüche in Häuser, Schlägereien auf der Straße, über die sozialen Medien hochgepuschte Diebstähle, eine Messerstecherei am helllichten Tag vor dem städtischen Kindergarten. Ich kenne Väter, die ihre Töchter nicht mehr allein in die Stadt gehen lassen. Sie haben Angst.

Am Anfang haben viele Bürger Flüchtlingen geholfen. Wenn fümf Leute am Tag an Deinem Haus vorbeigehen, die kein Wasser und nichts zu essen haben, dann kannst du geben. Bei 10 wird es schwierig, wenn du selbst keinen Job hast oder nur 300 Euro im Monat verdienst. Bei 100 kannst du noch einzelnen etwas geben. 1.000 – wie willst du das machen? Die Straßen waren voll mit Flüchtlingen, einfach überall. Kollaps. Und die EU: Wie damals im Krieg: Wir saßen in der Innenstadt, wurden von serbischen Militärs mit Panzern und schwerer Artillerie beschossen. Granaten auf Frauen und Kinder – und wen hat das interessiert? Niemanden! Heute ist es wieder so. Europa schaut weg. Das ist ja auch am einfachsten.   

Jetzt steht er Bürgermeister unter Druck. Irgendetwas musste er tun, das haben seine Bürger berechtigt von ihm erwartet. Aber das? Es war seine Entscheidung.

Dieser erste Tag Vucjak ist nun 151 Tage her. Das sind 4 Monate und 29 Tage.

Was ist seitdem passiert?

  • Noch am selben Tag habe ich mich entschieden zu bleiben und alles zu tun, was mir möglich ist, diesen Menschen zu helfen. Das auf drei Ebenen: Direkte humanitäre Nothilfe, Information der Medien und Information der europäischen Politik. Auch wenn ich aus genannten Gründen nicht so naiv bin zu glauben, das Letzteres wirklich Sinn macht. Trotzdem: Nur auf politischer Ebene kann eine tatsächliche Lösung gefunden werden: Die EU, das Parlament, die Politiker sind die einzige wirkliche Hoffnung. Am notwendigsten war die medizinische Hilfe. Ich habe also am 15. Juni meinen ersten Großeinkauf in einer Apotheke gemacht und bin wieder nach Vucjak gefahren. Von dem Tag an habe ich mit einem Rucksack neben mir im Dreck gesessen und Wunden verbunden. Nachts habe ich Mails geschrieben, Facebookpostings, telefoniert – also angefangen ein Netzwerk aufzubauen. 20 Stunden Arbeitstage. Nach drei Wochen kam die erste Ärztin aus Österreich dazu, dann stellte uns das rote Kreuz Bihac ein Zelt zur Verfügung. Als immer mehr freiwillige Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern aus Deutschland und Österreich kamen, wurde das Zelt größer und wir hatten bei Kosten von 500 Euro täglich etwa 200 Patienten. Macht 2,50 pro Patient. Jeden Tag haben wir zwei bis drei Kisten Bananen mitgenommen. Patienten, die gerade von „the game“ geschunden und verprügelt zurückkamen, hatten teilweise eine Woche nichts mehr gegessen. Die Bananen haben sie verschlungen. Meist hat das Zittern dann schnell aufgehört. Allein an Bananen kommen in dieser Zeit 3,5 Tonnen zusammen. Außerdem haben wir regelmäßig Schuhe und Schlafsäcke gekauft und verteilt, Taschenlampen, Powerbanks für Handys, vereinzelt Geld – eben das, was diese Menschen brauchten. In 105 Tagen waren etwa 40 freiwillige Helfer in unserem Ambulanzzelt tätig. Darunter Menschen wie Dean für mehrere Monate, Johanna für einen Monat, Dr. Wolfgang Heide aus Heidelberg mehrfach für einige Tage, ein slowenischer Ex-Soldat und Sanitäts-Ausbilder zweieinhalb Monate, eine ungarische Kinderärztin für einen Monat und viele andere.
  • Finanziert wurde das alles über private Spenden. Außerdem kamen Hilfstransporte mit medizinischem Material, Kleidung, Decken, Bargeld. Die großen Hilfsorganisationen waren zwar oft zum doof gucken im Camp, haben sich aber geweigert, dort zu arbeiten. Genau das ist der Grund, warum wir es gemacht haben. Es gab niemanden sonst. Völliges Versagen der Politik und der großen Hilfsorganisationen. Es sind alles Privatpersonen, die hier helfen. Gehen wir, oder geben wir auf, dann ist hier niemand mehr. Einzig das lokale rote Kreuz, das morgens eine Scheibe Brot und nachmittags eine Art Eintopf verteilt. Eine Menge, die einer Vorspeise in einem Restaurant entspricht. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.
  • Nach einiger Zeit meldeten sich mit Dietmar Köster, Erik Marquardt und Bettina Vollath die ersten EU Parlamentarier, die sich engagieren wollten. Frau Vollath und Herr Marquardt waren persönlich in Vucjak. Sie wollten es selbst sehen. Europa schaut jetzt nich mehr bloß weg und ignoriert Vucjak. Danke auch für eure Arbeit! Ich erlaube mir ein persönliches Wort: von Herzen Danke! Wo immer ich Ihnen bei ihrer Arbeit helfen kann, werde ich es tun. Wir gehen andere Wege, unser Ziel aber dürfte das selbe sein.
  • Vucjak war in den Tagesthemen, auf mehreren anderen Kanälen der ARD, im Spiegel, dpa war im Camp, Al Jazzera und Erich Rathfelder höchstpersönlich von der taz war da, die Zeitung „Welt“, sogar die New York Times hat berichtet. Ebenso der österreichische Nachrichtensender Puls 4, viele österreichische Zeitungen, Lokal- und Regionalzeitungen brachten Artikel über unsere Teammitglieder, wenn sie zurückkamen. Die Idee vom 14. Juni hat funktioniert, auf allen drei mir möglichen Ebenen.
  • Bis zum 27. September. 105 Tage Arbeit lagen hinter uns, der Winter vor uns. Ich war kurz in Österreich, als an einem Mittwochmorgen die Ausländerbehörde in unsere Ambulanz kam. Das Ergebnis: Das gesamte Team musste wegen illegaler Arbeit innerhalb von sieben Tagen das Land verlassen und pro Kopf 150 Euro Strafe zahlen. Das ist 23 humanitären Helfern so gegangen, seit Anfang 2018. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Das Richtige ist plötzlich das Falsche und umgekehrt. Noch im Februar dieses Jahres habe ich die höchste Auszeichnung der Stadt bekommen, die sogenannte Plakette der Stadt Bihac für meine humanitäre Arbeit während des Krieges. 7 Monate später wird mein Team aus dem Land geworfen und muss Strafe zahlen: wegen humanitärer Hilfe.

Was hat all das genutzt?

Hätte ich diesen Job perfekt gemacht, dann würde es Vucjak schon nicht mehr geben. Das ist mir, das ist uns, leider nicht gelungen. Noch nicht. Wir konnten 105 Tage in Vucjak arbeiten. Das hat mehreren tausend Menschen geholfen. Vucjak ist eigentlich ein Transitcamp. Wenn wir also davon sprechen, das dort etwa eintausend Menschen leben müssen, sind das über die Monate Tausende. Die Grenzen sind nicht zu. Zu ist anders. Unser Habib hat es geschafft. Etwa 20 Jahre alt. Er ist in Paris. Mein kleiner Freund Hussain, er nennt mich father, ebenfalls. Er ist jetzt in Trieste. Mit 18 Jahren fast noch ein Kind. Er kommt aus Pakistan. Er hat mich immer wieder gefragt: „Was soll ich tun, ich habe Angst, Du weißt, die kroatische Polizei“. Ich konnte immer nur sagen: Go game, versuche es. Es ist Deine einzige Chance. Du musst es noch vor dem Winter schaffen“. Hussains Englisch ist besser als meines, er ist intelligent, höflich, eine zarte Seele. Wir haben gestern noch telefoniert. Ein kleiner Junge, etwa 12, hat mir eine Nachricht geschickt, ebenfalls aus Paris. Wir alle, Mitglieder des Teams Vucjak, bekommen solche Nachrichten. Irgendwann schaffen sie es mit viel Glück. Es gibt also einen Abfluss aus dem Flaschenhals Bihac. Von 28.000 Menschen, die in diesem Jahr nach Bosnien gekommen sind, hängen jetzt noch 7.000 fest. 21.000 haben es also geschafft. Die Grenze ist nicht zu. Einge sind zurückgekehrt nach Griechenland. Aktuell sind etwa besagte 1.000 in Vucjak. Es werden immer wieder neue Flüchtlinge in das Jungle Camp deportiert, es ist eine hohe Fluktuation. Das Vucjak-Trauma betrifft also deutlich mehr Menschen als eintausend. Das ganze Geld für den Schutz der EU Außengrenze bringt nur eines: Ein menschliches Leid, das ein zivilisiertes Europa nicht wollen kann. Dieses Europa ist nicht zivilisiert. Es fördert nicht Menschlichkeit – sondern das Gegenteil. “Stiti se”, heißt es in Bosnien: Schämt Euch. Ja, ich auch, denn ich bin ein 512 Millionstel dieses Europas. Positiv ist der Schutz der EU Außengrenze ausschließlich für Heckler und Koch, für die kroatischen Grenzpolizisten, die Flüchtlingen ihr Geld rauben – bewaffneter Überfall im Wald und natürlich für die Schlepper. Ein einziger Flüchtling bringt ihnen 1.000 bis 5.000 Euro. Gutes Geschäft.

Durch unsere Arbeit konnten die Wunden hunderter Menschen heilen, sie hatten keine Schmerzen mehr, mussten nicht mehr hungern oder frieren und vor allem eines: Die Flüchtlinge wurden von uns behandelt wie Menschen, nicht wie Tiere. In ihren Erinnerungen in vielen Jahren wird das möglicherweise das Wichtigste sein. Wichtiger vielleicht als die genähte Wunde oder der Schlafsack. Das weiß ich, weil ich weiß, wie sich Menschen heute an meine humanitäre Arbeit während des Krieges erinnern. Das ist 25 Jahre her und anders, als ich es erwartet hatte: Nicht vergessen. Wie ein Licht in der Dunkelheit. So haben es mir Bosnier im Februar gesagt, als ich das erste Mal nach dem Krieg zurückgekommen war. Menschlichkeit, darum geht es. Oder noch deutlicher: Liebe am Leben, aber eben nicht nur am eigenen.   

Sie haben uns am 27. September hinausgeworfen, was nicht heißt, dass wir unsere Arbeit komplett einstellen mussten. Es sind immer wieder kleine Teams unterwegs, die humanitäre Hilfe liefern, auch an die wenigen lokalen Helfer, die dann die Verteilung übernehmen. Auch jetzt, heute, ist ein Team in Bihac im Einsatz. Deshalb sammeln wir natürlich weiter Geld, um unsere Arbeit auf diesem Weg fortsetzen zu können. In ein paar Tagen geht es wieder los: Dean und ich werden nach Bihac gehen und wieder dortbleiben. Wir arbeiten seit einiger Zeit daran, freiwillige Mitarbeiter einer bosnischen Organisation zu werden. Dann kann man uns nicht mehr wegen illegaler Arbeit vor die Tür setzen. Egal wo wir hingehen, das ganze Netzwerk steht hinter uns und wird uns unterstützen. Es wird sich also auch über den Winter einiges bewegen lassen, so hoffen wir zumindest.

 Der eigentliche Grund für unseren Rauswurf: Wir haben wohl zu viel Aufmerksamkeit nach Vucjak gelenkt, das wollte man nicht mehr. Außerdem gab es Geld: Der Kanton hatte 2 Millionen Euro EU-Gelder über Sarajevo erhalten, auch für medizinische Hilfe. Man hat dann, drei Wochen nach unserem Rauswurf, eine Ambulanz in einem naheliegenden Dorf installiert: Arbeitszeit dienstags und donnerstags für jeweils zwei Stunden mit maximal 30 Patienten am Tag: Kosten: 12.500 Euro pro Monat. Macht 781,25 Euro pro Arbeitsstunde für einen Arzt und zwei Schwestern. Das rechnet sich, für wen auch immer. Mittlerweile war MSF in dieser Dorfambulanz einen Kilometer vom Camp entfernt. Jetzt sind sie wieder weg, warum, weiß ich nicht. Die Menschen in Vucjak haben keine medizinische Hilfe mehr.

Eingeladen wurde ich hierhin, um über Vucjak und die Situation der Menschen dort zu sprechen. Wenn ich ihre Fantasie dafür bemühen darf, dann ist das eigentlich ganz einfach. Stellen Sie sich vor, Sie wären zufällig in Afghanistan oder Pakistan geboren. Taliban haben ihre Freunde ermordet, Drohnen der US-Army ihre beiden Brüder, nacheinander, nicht bei einem Angriff im sogenannten Krieg gegen den Terror, der selbst das ist, wogegen er vorgibt zu kämpfen. Was tun sie? Warten, bis Sie auch an der Reihe sind? Vermutlich nicht. Dann machen sie sich auf den monate- oder jahrelangen Weg Richtung Europa in der Hoffnung auf Frieden, Arbeit und ein normales Leben. Irgendwann stehen sie vor der Tür zum Ziel. Sie gehen durch, werden von Männern in Uniformen und schwarzen Skimasken im Wald aufgegriffen. Das kennen sie ja schon von den Taliban oder IS. Sie stehen unter Schock, weil ihnen das jetzt im Land der Träume passiert. Die Männer nehmen ihnen Rucksack und Schlafsack ab, verbrennen diese und dann werden Sie nach Geld durchsucht. Haben Sie welches, ist es weg. Dann werden Sie zu Boden geprügelt, getreten, geschlagen und, wenn sie Pech haben, sogar gefoltert. Anders kann man glühendes Metall auf einem Bein nicht nennen. Dann müssen sie Ihre Schuhe ausziehen und werden durch den Wald zurückgetrieben, raus aus der EU, deren Gesetz sagt, dass Sie das Recht gehabt hätten, einen Asylantrag zu stellen. Sie sind jetzt wieder vor der Tür, in Bihac City. Ihre Füße bluten. Die bosnische Polizei greift Sie auf der Straße auf, steckt sie bei 35 Grad in einen geschlossenen, fensterlosen Polizeibus, der im Übrigen von der IOM bezahlt wurde, und deportiert sie dorthin, wo sie ein paar Tage vorher gestartet sind: Vucjak. Dann sitzen sie dort, besitzen eine Hose, ein T-Shirt, sonst nichts. Können sie sich das vorstellen? Was sie nicht wissen können: Wir hier in diesem Saal riechen, unsere Körper riechen. Mancher sogar sehr angenehm. Meine Nase ist in den letzten Monaten nicht gerade verwöhnt worden. Ich nehme das also anders wahr, als Sie. Viele verschiedene Menschen. Jeder hat seinen persönlichen einmaligen Geruch. Hier. Nicht in Vucjak. Da stinken wir alle gleich. Nach Vucjak eben. Auch dieser kleine Unterschied löst sich auf, zwischen Müll und monatealten Kothaufen und Urin. Es gibt keine Toiletten. Die Mücken in Vucjak können mit einem einzigen Stich eine lebensgefährliche Sepsis auslösen. Es sind nicht wenige Beine, vielleicht sogar Leben, die unser slowenischer Militärsanitäter gerettet hat. Heute wird das in Vucjak niemand tun.

Die Information der europäischen Politik ist uns auch gelungen. Das Ergebnis bisher: Null. Ergebnisse messe ich daran, ob sich für auch nur einen Flüchtling etwas verbessert hat. Ich kenne keinen. Deshalb sage ich das so deutlich. Null.

Uns allen dürfte klar sein: Es geht hier um tausende Einzelschicksale, es geht um Flüchtlinge, die Einwohner der Stadt Bihac, um kroatische Polizisten, die massenweise und täglich Straftaten begehen und es geht um noch etwas, für das es sich aus meiner Sicht auch zu kämpfen lohnt, ja gekämpft werden muss:

Die Idee der Europäischen Union. Die EU selbst zerstört sie gerade.

Die Würde eines jeden Menschen zum Beispiel, die Menschenrechte, Freiheit, Frieden. Wenn Du in Vucjak stehst, weißt Du, es ist nichts weiter als wertloses Geschwätz. Würde und Menschenrechte müssen auch für die Menschen vor der Tür gelten. Oder sind das die Anderen – für die all das nicht gilt. Ich hatte einige von ihnen im Arm, als sie geweint haben, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Fühlt sich nicht anders an, als wäre es einer von Euch. Das Europa, wie wir es kennen, wird sterben, weil die Werte, die es zum Leben erweckt haben, mit Füßen getreten werden.

Das muss man mal sacken lassen: Dieses Europa hat Kroatien mit dem Schutz der Grenzen beauftragt und damit, gegen seine eigenen Gesetze zu verstoßen. Das Recht auf Asyl – nicht mal das Papier wert, auf dem es steht.

Politik, besonders die der EU, gehört sicher nicht zu meinen Kernkompetenzen. Ich maße mir nicht an, Antworten zu haben. Aber ich habe Fragen. Vielleicht sind es die Richtigen:

  • Wir Europäer finanzieren die Straftaten und Menschenrechtsverletzungen durch die kroatische und slowenische Polizei? Warum stoppt die EU das nicht?
  • Warum hält man sich nicht einfach an die bestehenden Gesetze: Das Recht auf den Asylantrag in der EU. 7.000 in Bosnien, 35.000 in Griechenland. 42.000 Menschen – eine lächerliche Zahl im Verhältnis zur Größenordung der EU mit 512 Millionen Bürgern. Es müssen mindestens in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland Camps geschaffen werden, für die Zeit der Prüfung der Asylanträge. Auf der anderen Seite müssen dann natürlich Abschiebungen erfolgen, sonst lässt sich das politisch vermutlich nicht durchsetzen. Aber Menschen in Kriegsgebiete wie Afghanistan abzuschieben kann nicht die richtige Lösung sein. Dort herrschen Krieg und Gewalt. Ich weiß das, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe.
  • Warum hat die EU keine Werkzeuge, schnell auf eine humanitäre Krise reagieren zu können? Dieses Werkzeug muss geschaffen werden. Was ist, wenn wir betroffen sind? Wollen wir auch jahrelang auf Hilfe warten?
  • Warum bekommt ausgerechnet Ungarn das meiste Geld aller EU Mitgliedsstaaten? Es gibt kein Werkzeug bei Verstößen gegen EU-Gesetze oder Regeln, Geld zu streichen, das heißt Druck machen zu können. Die EU hat sich dadurch zum zahnlosen Tiger gemacht. Kein Balkanland nimmt die EU ernst, aus genau diesem Grund. Unsolidarisches Handeln muss zu Konsequenzen führen, die weh tun. Den Geldhahn zudrehen, das würde weh tun und wie wir alle wissen: durch nichts lernt der Mensch so schnell wie durch Schmerz.
  • Warum schickt man Geld nach Bosnien, ohne zu kontrollieren, was damit passiert? So doof kann man doch eigentlich gar nicht sein. Dass Bosnien massiv unter Korruption leidet, das scheint man ausblenden zu wollen.
  • Warum hilft die EU nicht der Stadt Bihac, die die gesamte Last der Flüchtlingskrise allein tragen muss? Die Stadt hat nicht das Geld, um auch nur ansatzweise handlungsfähig zu bleiben. Es ist doch klar, dass es immer weiter eskaliert.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Natürlich kann man das alles als Invasion von Flüchtlingen betrachten, wenn man das will. Wir vergessen, dass Migration so alt ist wie der Mensch. Da ist doch nichts Neues daran. Der Wandel ist ein Gesetz der Natur. Sich dagegen zu wehren – hoffnungslos und auch unnötig. Da kommt ja auch Wissen, Intelligenz, menschliche Energie, Arbeitskraft.  Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn fährt in den Kosovo, um dort Pflegekräfte abzuwerben. Klassisches kolonialistisches Verhalten. Wer soll denn dann in den kosovarischen Altenheimen arbeiten?

Habib und Hussain – die sind so helle Köpfe –  sowas brauchen wir und sie kommen freiwillig. Das ist doch wunderbar. In drei Jahren könnten sie schon Pflegehelfer sein. Aber die beiden sind so helle Köpfe, ich tippe eher auf Medizinstudium. Landärzte fehlen uns ja auch. Diese Menschen sind ein Geschenk für unsere Gesellschaft.

Wir brauchen eine klare Strategie – all das ist ja erst das Vorspiel. Was soll denn an den EU-Außengrenzen passieren, wenn Erdogan die Grenzen öffnet und 3,9 Millionen Flüchtlinge Richtung EU ziehen lässt? Wollen wir dann statt Pistolen Maschinengewehre für die Kroaten finanzieren? Wollen wir wirklich, das das Nichthandeln in letzter Konsequenz dazu führt, dass Grenzschutz Mord wird?

Allein in diesem Jahr: 20 Tote Flüchtlinge in der Leichenhalle in Bihac – Todesursache bei 16 davon: äußere Gewalteinwirkung. Gefunden wurden die Leichen auf der Route der Flüchtlinge, im Wald und in Flüssen. Wer sind die Täter? Fragt das mal jemand, oder besser: ermittelt da jemand? Nein. Es reicht, und zwar schon lange!

Ich gehe zurück. Für jeden Einzelnen, dem wir hoffentlich helfen können. Und: ich will meinen Teil dazu beitragen, dass meine, unsere Enkelkinder in 20 Jahren gerne Europäer sind, sich eben nicht dafür schämen müssen und mit reinem Gewissen sagen können:

Ich bin frei und ich bin ein Mensch!

Es ist egal, wo wir arbeiten – direkt vor Ort, in the middle oft the shit oder im Europäischen Parlament: Dafür, so hoffe ich, werden wir zusammenstehen.

Update: Statt eines Ausschnittes in der ursprünglichen Version wurde nun die ganze Rede veröffentlicht.

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Einladung zur freimaurerischen Gedenkveranstaltung

Foto: Komwanix / Adobe Stock

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur laden die Freimaurer des Distriktes Bremen der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Esterwegen zu einer Gedenkveranstaltung am 9. Mai 2020 ein.

Die Veranstaltung findet zweigeteilt in der Gedenkstätte Esterwegen sowie auf der Begräbnisstätte Bockhorst/Esterwegen statt. Der Ort der Veranstaltung wurde mit Bedacht gewählt. In den Emslandlagern wurden nicht nur die Brüder der Loge „Liberté Chérie“ und der Bruder Carl von Ossietzky gefangen gehalten, auf der Begräbnisstätte Bockhorst/Esterwegen befindet sich zudem ein freimaurerischer Gedenkstein.

Der Beginn der Veranstaltung ist für 12:30 Uhr vorgesehen.  Die Begrüßung erfolgt durch den Zugeordneten Distriktmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland und die Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, Frau Dr. Andrea Kaltofen, die auch den anschließenden Vortrag über die Emslandlager hält. Anschließend spricht Ruth Breuer aus Brüssel (Freimaurerein und Übersetzerin) über die Gründung der Freimaurerloge “Liberté Cherie” im KZ Esterwegen. Hasso Henke, Zugeordneter Großmeister, referiert über die Frage “Was uns die Brüder der Liberté Cherie lehren sollten”. Für die musikalische Untermalung sorgen “Die Grenzgänger” mit Stücken aus ihrem Programm “Und weil der Mensch ein Mensch ist — Lager, Lieder, Widerstand”.

Um 14:30 Uhr besteht die Möglichkeit der Besichtigung der Ausstellung sowie des Geländes der Gedenkstätte Esterwegen. Um 17 Uhr findet eine Trauerzeremonie auf der Begräbnisstätte  Bockhorst/Esterwegen statt.

Freimaurerischer Gedenkstein
Freimaurerischer Gedenkstein Foto: Thorsten Lieder

Da die Plätze begrenzt sind, ist eine fristgerechte Anmeldung zwingend notwendig. Diese erfolgt bitte unter der Mailadresse zdm.hb.tl@freimaurerei.de. Der Anmeldeschluss ist der 31. Dezember 2019.

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Das Judaskreuz

Das Judaskreuz

Ein historischer Roman, in dem unter anderem ein Geheimbund vorkommt, der aber gar nichts mit Freimaurern zu tun hat.

Obwohl es gar nicht um Freimaurer geht, wird das Buch auf dieser Website besprochen, die sich ansonsten nur mit Büchern von oder über Freimaurer beschäftigt. Das ist beides nicht der Fall. Und dennoch findet sich hier eine Buchbesprechung. Wie das? Ein Zufall.

Der Reihe nach. William Boehart schickte seinen Erstlingsroman zur Rezension an die Redaktion. Normalerweise wäre sein Buch nicht gelesen worden, weil der Bezug zur Freimaurerei nicht eindeutig war. Da er aber auch eine Publikation über Lessing beilegte, die er gemeinsam mit Hamburger Freimauren geschrieben hatte und da in dem Buch eine Geheimgesellschaft vorkommen sollte, lag die Vermutung nahe, dass es doch irgendwie um Freimaurerei gehen könnte.

Beim Lesen wurde dann bald deutlich, dass nicht ein einziger Freimaurer vorkommen würde. Das war aber keineswegs eine Enttäuschung, denn die spannende Handlung und die flotte Sprache zogen mich schnell in den Bann. Und zumindest tauchten die Werte der Freimaurerei und der Aufklärung sehr bald in dem Buch auf. So gesehen also doch ein Roman, in dem sich der Freimaurer wiederfinden kann.

Worum geht es? Es ist ein historischer Roman, den Boehart mit einem spannenden Kriminalfall und, natürlich, mit einer romantischen Liebesgeschichte verbindet. Die Handlung spielt im Jahre 1879 im schleswig-holsteinischen Mölln, bekannt als Eulenspiegel-Stadt, im Herzogtum Lauenburg und in Hamburg. An einem halbfertigen Kriegerdenkmal auf dem Möllner Marktplatz findet sich ein Toter, erwürgt, aber mit einem Dolch im Rücken. Hier taucht zum ersten Mal ein kleiner Anhänger mit einem Zeichen auf, einem Judaskreuz. Den Kommissar führt schon bald die Spur nach Hamburg, wo er auf einen antisemitischen Geheimbund stößt, gleichzeitig tief verstrickt in Grundstückspekulationen, Bestechung, Indiskretionen bis hinauf in den Hamburger Senat. Eine politisch und moralisch durch und durch verdorbene Gesellschaft, die skrupellos über Leichen und Ihresgleichen geht.

Viele haben Angst vor dem Neuen, dem Ungewohnten, dem Fremden. Unsere Gesellschaft wird neu gemischt, wie ein Kartendeck, und dass auch Juden dabei mitunter oben landen, passt denen nicht, die vielleicht etwas verloren haben oder zumindest das Gefühl haben, dass ihnen mehr zustünde. Diese Verlierer brauchen einen Sündenbock."

"Daveson", Romanfigur aus "Das Judaskreuz"

Aber es tauchen auch Helden auf, zunächst undurchsichtige, teilweise tragische Personen, Advokaten, Schriftsteller, Künstler, Kaufleute, die für das Nachdenkliche, mitunter das Gute stehen. Gelenkt von den politischen Entwicklungen im Land, aber auch getrieben von Rachsucht und Machthunger, von Liebe und Tatendrang, geraten die Akteure dieser unheilvollen Vorgänge in ein Netz aus Verstrickungen. Diese reichen weit in die Vergangenheit, bis zur gescheiterten Revolution 1848 zurück. Lessing, schon damals ein junger Klassiker, spielt eine wichtige Rolle, was nicht verwunderlich ist, hat doch der Autor über den Aufklärer (und Freimaurer) Gotthold Ephraim Lessing promoviert. Lessings Gedanken über Toleranz und Religion ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

Es gibt Kräfte, die die neuen Möglichkeiten der Druckpresse und der Mobilität der Eisenbahn nutzen, um aus Ängsten, uralten Vorurteilen und dem Unwissen vieler Menschen eine Bewegung zu schmieden. Das sind die Rattenfänger. Sie benutzen nur keine Flöte mehr, sondern zum Beispiel Flugblätter. Wir erleben ein Zeitalter der Demagogen, die nach Macht lechzen.

"Daveson", Romanfigur aus "Das Judaskreuz"

Es ist der erste Roman des “jungen” Autors, der nach seiner Pensionierung mit dem Schreiben begonnen hat. Es gibt nur sehr wenige Stellen, an denen man das Erstlingswerk merken würde. Im Gegenteil hat Boehart einen außerordentlich dichten und komplexen Roman geschrieben, der eine spannende Handlung mit den Nachwirkungen der gescheiterten Revolution von 1848 verbindet, mit dem wieder aufkeimendem Antisemitismus, mit den Werten der Aufklärung – und historischen Fakten. Geradezu beängstigend sind die Parallelen zur Gegenwart, wenn Boehart beschreibt, wie Populismus auch damals schon funktioniert hat. Was früher Druckpresse und Flugblätter waren, sind heute Facebook und vk. Wofür man früher Hinterzimmer und Geheimbünde hatte, reichen heute Echokammern und Chatrooms.

Solcherart Romane nennt man heute auch “Historische Fiktion”. Das wäre dem Autor sicherlich nicht recht. Beim Hausbesuch erklärt der Historiker, dass er sich penibel an historischen Begebenheiten orientiert hat und entschuldigt sich beinahe dafür, an wenigen Punkten nicht die geschichtlichen Fakten verzerrt, sondern ihre Reihenfolge leicht ändern zu müssen, um sie für seine Geschichte tauglich zu machen. Das sei aber auch alles.

Keine Freimaurerei im Buch, aber ihre Werte in ganzer Bandbreite und eine spannende und kurzweilige Geschichte dazu. Über üppige 500 Seiten kommt daher keine Langeweile auf.

William Boehart, “Das Judaskreuz”, erschienen im Osburg-Verlag, 500 Seiten, ISBN 978-3955101695, 22,00 Euro Gebundenes Buch, 12,99 Euro als Kindle.

Der Autor steht übrigens Freimaurerlogen gerne für eine Lesung zur Verfügung.

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Menschenliebe, Bruderliebe

Foto: motortion / Adobe Stock

Die freimaurerische "Bruderliebe" ist ein irreführender Begriff. Sie hat mehr zu tun mit einer geistigen Verwandtschaft, mit Vertrauen, Respekt; sie ist eine vernunftbegründete Entscheidung freien Willens. Dieser Beitrag untersucht die Begrifflichkeiten.

Vor längerer Zeit habe ich folgenden bemerkenswerten Abspann in einem Kriminalroman von Elisabeth George gelesen, der mich sehr berührt hat:

Die Welt ist ein schöner und zugleich schrecklicher Ort. Jeden Augenblick werden Gräueltaten begangen, und am Ende sterben die, die wir lieben. Wären die Schreie aller Lebewesen dieser Erde zu einem einzigen Schmerzensschrei vereint, würde er die Sterne erzittern lassen. Aber wir haben die Liebe. Sie mag uns zu zart erscheinen, um uns gegen die Schrecken dieser Welt zu schützen, aber wir müssen an ihr festhalten und an sie glauben, denn sie ist alles, was wir haben.

Elisabth George

Die Liebe soll also, so verstehe ich das, nichts weniger als die menschliche Identität, die Wahrheit des Menschseins auf unserer Erde ausmachen. Weil das so ist und für die Freimaurerei im Besonderen von so fundamentaler Bedeutung sein soll, so stehen am Anfang meiner Betrachtungen natürlich die Fragen: Was ist das überhaupt, die Liebe? Und wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Lexikalisch wird die Liebe, aus dem Mitteldeutschen kommend und – Gutes, Angenehmes, Wertes bedeutend – als die stärkste Zuneigung beschrieben, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Menschenliebe ist nach gleicher Quelle ein allgemein menschenfreundliches Denken und Verhalten.

Bruderliebe im freimaurerischen Sinne schließlich bezeichnen Eugen Lennhoff und Oskar Posner in ihrem Freimaurerlexikon als „gesteigerten Grad der Zuneigung … in geistiger Blutsverwandtschaft“. Ein wenig schwülstig, wie ich meine.

Menschenliebe nicht auf „Charity“ reduzieren!

Wie dem auch sei: Das Wortkompositum „Menschenliebe“ taucht im 18. Jahrhundert, im umwälzenden Zeitalter der Aufklärung, erstmals auf. In einer Zeit also, in der auch die Freimaurerei ihren ersten Ausdruck fand. So wurde die Liebe Bestandteil auch des freimaurerischen Katechismus. Es kam zu dieser Zeit unter der Bezeichnung Philanthropismus zu einer Ausbildung einer regelrechten Lehre von der Erziehung zu Natürlichkeit, Vernunft und „Menschenfreundschaft“, wie es damals hieß.

Leider wurde der Begriff „Menschenliebe“ im 20. Jahrhundert eher ungebräuchlich und bis heute etwa auf Karitas oder – schlimmer noch – auf „Charity reduziert und dem Non-Profit-Sektor zugewiesen. Diese Begrifflichkeiten deuten, bei allem Wohlwollen, eher auf ein Tun, eine Handlung, als auf eine innere Einstellung hin. Oft heißt es in diesem Zusammenhang, dass das Christentum, um nur eine Religion zu nennen, für sich in Anspruch nimmt, den Gedanken der Menschenliebe als eine Kardinaltugend eingeführt habe. Ja das Postulat der Menschlichkeit sei überhaupt ein Vorrecht, weil es Bestandteil der sogenannten Gottesliebe sei.

Ich glaube demgegenüber nicht, dass die unverzichtbare Liebe unter uns Menschen von einer göttlichen Herkunft ist. Da würden allein die von mir eingangs bei Elisabeth George geschilderten Gräuel auf unserer Erde entsprechende Fragezeichen setzen.

Die Freimaurerei begründet ihre Ethik nach meiner Auffassung zunächst aus Vernunft und nicht aus einer dogmatischen göttlichen Satzung. Für mich fordert die Freimaurerei ja auch nicht ein seliges Leben im Jenseits, sondern ein sittliches Leben im Diesseits.

Schon bei dem Naturrechtslehrer Christian Thomasius ist Anfang des 18. Jahrhunderts aufklärerisch zu lesen, dass im Gegensatz zu traditionellen christlichen Modellen die Menschenliebe nicht von einer Gottesliebe abhängig gemacht wird, sondern als eigenständige Naturgegebenheit zu würdigen und in den Mittelpunkt zu stellen ist. Menschenliebe könne nicht auf Gottesliebe reduziert werden, sondern eher Gottesliebe auf die Menschenliebe.

So glaube ich denn auch mit einer gewissen Konsequenz, dass nicht ein Gott den Menschen nach seinem Bild schuf, sondern der Mensch schuf seinen Gott oder seine Gottheiten nach seinem idealisierten Bilde.

Die Liebe unter den Menschen ist somit Auswirkung zunehmender Aufklärung über die Zeiten. Dies führt mich weiter zum Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten, den ich nur als ein Sinnbild betrachte, das dazu auffordern möchte, den eigenen sittlichen Willen in einer gewissen Weisheit zu stärken und meine eigene Unvollkommenheit zu erkennen. Der also auch nicht eine Liebe spendende Funktion für mich haben kann, ich ihn im christlichen Sinne nicht anrufen kann.

Wie dem auch immer es für jeden einzelnen Bruder sei und welche Bedeutung es für ihn haben möge: Ich gehe davon aus, dass der ethische Fortschritt auf unserer Erde schon vor der Begründung des Christentums entstand und nicht selten von Revolutionären und Außenseitern ausging.

„Wo Mensch den Menschen liebt“

Die Philanthropie jedenfalls hat schon in vorchristlicher Zeit ihre Erkenntnis gefunden und erfuhr in den Religionen der Neuzeit ihre, zugegeben eindrucksvolle Ausdeutung. Hier seien als Stichworte Der Liebe Gott, das Hohe Lied der Liebe im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus und die Stichworte Barmherziger Samariter und Martin von Tours, den Sankt Martin, gegeben.

Als bemerkenswertes und möglicherweise frühestes Beispiel sei Aischylos aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert genannt, der die Tat des uns in Bonn besonders verbundenen Titanen Prometheus, den Menschen das Feuer zu verschaffen, als – wörtlich übersetzt – menschenfreundlichen Akt bezeichnete. Denn es scheint plausibel: Ohne die Schlüsseltechnologie der Feuerbändigung, da haben die alten Griechen schon recht mit ihrem Prometheus-Mythos, wären wir niemals zu dem geworden, was wir sind.

Aus gleicher Zeit sei Konfuzius zitiert: „Menschenliebe ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.“ Lessing fragt: „Was ist ein Held ohne Liebe?“, während Kant die Liebe als „Pflicht zu tätigem Wohlwollen“ identifiziert.
Der freimaurerische Autor Franz Carl Endres schrieb in einem seiner Werke über die Liebe: „Nichts ist unsittlich, wo (seelische) Wahrhaftigkeit maßgebend ist, und nichts ist sittlich, wo der Egoismus motivlich beteiligt ist.“

In Sarastros Hallenarie in Mozarts „Zauberflöte“ ist von Menschenliebe die Rede, die einen gefallenen Menschen wieder zur Pflicht führt: „Wo Mensch den Menschen liebt.“  Dostojewski lässt den alten Sossima im Roman „Die Brüder Karamasow“ sagen: „Ihr Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr zu lieben vermag.“
Der Freimaurer Heinrich Heine ging idealistisch noch weiter. Für ihn war „Cosmopolitismus, allgemeine Völkerliebe“. Er glaubte 1831, zwölf Jahre bevor er unserem Bund beitrat, bereits an eine „neue Religion der Liebe und Brüderlichkeit“.

Das freimaurerische Symbol der Liebe ist schließlich in den mir besonders am Herzen liegenden drei Johannisrosen enthalten, die Licht, Liebe und Leben symbolisieren.  All das, was ich bisher als Stichworte, Hinweise und Zitate ausgeführt habe, wäre einer eigenen umfänglichen Betrachtung wert.  Für mich, und damit möchte ich den ersten Teil meiner Zeichnung abschließen, gilt in diesem Zusammenhang ein Bedeutungspaar, wie es der Naturwissenschaftler Carl Friedrich Gauß in der Zeit der Aufklärung zusammengestellt hat:

„Durch zwei Dinge kann man wirklich glücklich werden: durch reine Liebe und durch reine Vernunft.“

Carl Friedrich Gauß

Respekt und Vertrauen sind der Ausdruck brüderlicher Liebe

Ich möchte mich nun weiter dem für uns Freimaurer so fundamentalen Thema mit zwei Fragen widmen: Was ist denn eigentlich genau diese Liebe, die wir Brüder Maurer füreinander empfinden sollen? Verwenden wir in der Freimaurerei das Wort „Liebe“ nicht oft zu bedenkenlos? Als erste mögliche Deutung möchte ich Friedrich Mossdorf von 1818 vortragen:
„Es ist ein Gewinn für den Mann, des Geist und Herz von reiner Menschenliebe warm und für sie empfänglich ist, in der Maurerbrüderschaft einen Bund zu erblicken, welcher Bruderliebe zu seinem Wesentlichen rechnet und Gelegenheit giebt, sich mit gleichgesinnten liebevollen Brüdern zu geselligem Fleiß im Geiste reiner Menschenliebe zu vereinen. Die Maurerbrüder sollen, nach der Vorschrift ihrer Kunstlehre, in Liebe und Friede zu allem Menschlichen vereint seyn, wie eine Seele.“
Bei diesem Bruder Mossdorf und auch bei anderen aus dieser Zeit finden wir ein stark gefühlsmäßiges Erfassen einer freimaurerischen Wahrheit vor.

Der Bezug auf den Begriff Seele greift dabei aber ganz offensichtlich auf unterschiedliche, insbesondere religiöse, philosophische oder psychologische Traditionen zurück. Mit rein rationalen Gründen wäre eine solche Liebe nicht zu erklären. Dennoch ist die so von Mossdorf erklärte Bruderliebe auch heute vielfach unverändert die Basis des sittlichen Denkens der Freimaurerei. So interpretiert wird die seelische Bruderliebe – wenn ich sie einmal so nennen darf – zum Bestandteil des freimaurerischen Traumes, der den Tempel der Humanität fertig gebaut sieht.

Das kann man so betrachten. Allerdings: Die brüderliche Liebe, so als Seelenvereinigung der Brüder interpretiert, lässt außer Acht, dass jeder Bruder für seine persönliche Quest, also seinen Weg der Individuation, zunächst einmal selbst verantwortlich ist. Bei jedem Bruder persönlich beginnt die Suche nach seinem verlorenen Wort.

Der Bezug auf eine angeblich unsterbliche „Seele“ setzt außerdem zweifellos Glauben voraus, hat also – wie bereits dargestellt – neben einem mythischen bzw. philosophischen insbesondere einen religiösen Hintergrund.

Dies wäre für mich, der ich mit Kant für eine Befreiung der Ethik aus der Bevormundung durch die Theologie einig bin, nicht akzeptabel. So halte ich denn auch Religionen für ein psychisches Phänomen. Dies alles ist der Kontext, in dem sich meine Vorstellung von ehrlicher, aufrichtiger Menschen- und Bruderliebe bewegt.

Deshalb sollte man – um zum Thema Bruderliebe direkt zurückzukehren – meines Erachtens so argumentieren: Die brüderliche Liebe beruht im Wesentlichen auf einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens. Dem anderen Bruder sollen ohne Vorbehalte vor allem zwei Gefühle entgegengebracht und dürfen auch erwartet werden: Respekt und Vertrauen.

Dies ist am besten gepaart mit einer durchaus empathischen Fähigkeit, sich in den Anderen hineinzudenken und seine Beweggründe zu verstehen. Dieses Einfühlungsvermögen kann man sich durchaus anerziehen. Hierzu muss der Sinnbild gebende raue Stein nur kräftig genug bearbeitet werden, damit als Resultat auch Zuneigung entsteht.
Kennenlernen im geschützten Raum der Loge

Welcher Interpretation man nun eher zuneigt, der seelischen oder der eher rational begründeten brüderlichen Beziehung, kann jeder Bruder natürlich für sich entscheiden. Auch hier gilt, wie in der Freimaurerei im Allgemeinen: Vielfalt in der Einheit.
Das darf aber, um nicht missverstanden zu werden, nicht bedeuten, dass auf die gemeinsame freimaurerische Innenarbeit verzichtet werden kann. Ganz im Gegenteil!

Ich meine hiermit das gemeinsame Versenken in den immer wieder anrührenden Zauber des Ritualgeschehens, das stets aufs neue angebotene Erschließen unserer Symbole, also die kontemplative Tätigkeit bei den beruhigend von der profanen Welt abgeschlossenen Tempelarbeiten.

Hier im Tempel ist, um mit dem von mir geschätzten freimaurerischen Autor Klaus- Jürgen Grün zu sprechen, der Spielraum, „in dem wir uns spielerisch die Szenen des Lebens vergegenwärtigen, um selbst tüchtig für eine humanitäre Gesellschaft zu werden“. Hier im Tempel kann man sie immer wieder spüren, wenn wir singen, „unsrer Freundschaft Harmonien“. Mit Verlaub: alle Brüder, alte wie junge gemeinsam! Das „Mögen wir uns alle so wiederfinden“ zum Schluss jeder Tempelarbeit ist für mich denn auch jedes Mal wieder eine Verheißung.

Fest steht für mich, dass wir nur mit so gespeister Hingabe und mit offenem Herzen dem wohlverstandenen freimaurerischen Gebot der Bruderliebe werden entsprechen können. Ich denke, man muss an sich selbst in Erfahrung bringen, wie dem Anderen zumute sein kann. Das geht nur durch vertiefendes Kennenlernen untereinander, durch Gespräche, durch Zuhören im geschützten Raum der Loge. Es geht, wie unser Bruder Friedrich-Karl es ausdrückte, um „die mächtige Kunst der heilenden Kommunikation“. Diese persönlich gehaltene Zeichnung soll auch ein Beitrag dazu sein.

Die brüderliche Liebe muss fußen auf Erfahrungen des „Erkenne dich selbst!“, dem vorchristlichen „nosce te ipsum“, und mit Demut, Disziplin und Beharrlichkeit erworben werden. Die brüderliche Liebe muss zweitens basieren auf der von Gauß neben der Liebe geforderten Vernunft, denn die Freimaurerei begründet ihre Ethik aus eben dieser Vernunft und nicht aus einer göttlichen Satzung. Dafür müssen wir unermüdlich am rauen Stein arbeiten. Das Ziel dieser Arbeit an sich selbst sollte sich ausdrücken in Fürsorge, Verständnis, Interesse, Freude, Hilfsbereitschaft, Respekt und Vertrauen – und nicht zu vergessen: in Aufrichtigkeit. Das alles, es ist ja nicht gerade wenig, getragen von Güte und Nachsicht.

Für mich steht fest: Wenn sich die so interpretierte brüderliche Liebe im Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft auch mit einer nicht geringen Portion Frohsinn und Lebensoptimismus verwirklicht wird, dann wird diese Liebe erfüllend sein.

Mit Optimismus aus dem Jammertal herausfinden

Wir Freimaurer müssen allem Jammertalgerede auf unserer Erde widerstehen. Es gibt, um mit Bertrand Russell zu sprechen, auch keine Hölle und keine ewige Verdammnis. Da sei die irdische Liebe vor. Nur derart überzeugt, froh und lebensbejahend gestimmt, ich wiederhole es, wird unsere Liebe wirklich erfüllend und ansteckend sein. Es darf auch nicht um ein Trostspenden in einer angeblich unerträglichen Moderne gehen oder um ein Beklagen mit Blick auf die unaufhaltsame „Chinaisierung“ unserer Lebenswelt bzw. um Frustzustände etwa bei den Followern und Likes in den sozialen Netzwerken. Es darf nicht um Angst vor Algorithmen oder vor künstlicher Intelligenz gehen bzw. etwa um die düsteren Prognosen des Philosophen Richard David Precht, dem „Fackelträger der deutschen Verzagtheit“ (Siering).

„Think positive!“ muss die Devise sein.

Da hält man es besser mit dem im Jahr 2018 verstorbenen Stephen Hawking: „Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.“

Erwerben wir diese Weisheit mit freimaurerischen Mitteln!

Und dabei sollten wir nicht vergessen: Die Welt ist aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da. Da versteigt sich ja auch heute bereits die aktuelle Evolutionsforschung zu der Aussage, es gäbe keine „Mutter Natur“. Mit einer derartigen Romantik käme der nicht weiter, der die Geschichte des Lebens erklären wolle. Es habe auch keinen Plan gegeben, nach dem dabei der Mensch herausgekommen sei (Axel Meyer, 2019). Nicht mehr, aber auch nicht weniger an dieser Stelle zum Thema Zukunftsorientierung, mit der sich auch die Freimaurerei so schnell wie möglich auseinandersetzen muss.

Für uns Freimaurer ergibt sich somit ein anspruchsvolles Programm, zweifellos sehr idealistisch. Aber sind wir Freimaurer nicht alle unverbesserliche Idealisten? Nur so ehrlich erfüllt und idealistisch durchdrungen kann jeder Bruder Freimaurer auch den immerwährenden Existenzanspruch und die Notwendigkeit der Freimaurerei gerade in unserer Zeit überzeugend und beispielgebend in die uns umgebende schnelllebige profane Welt tragen.

Unsere Bemühungen als Menschen und Brüder müssen deshalb schlussendlich unverdrossen – wider alle noch so populistischen Fake News dieser Welt und wider alle Verschwörungstheorien – münden in eine überzeugende vernunft- und nicht religiös bezogene Nächstenliebe, sind es doch die Menschen, will sagen alle Menschen, derer wir beim Tempelbau bedürfen. Da darf sich kein Bruder Freimaurer irritieren lassen. Diese Liebe, die Nächstenliebe also, beinhaltet – ich fasse zusammen – jede dem Wohl der Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung.
Hierher gehört der Begriff Barmherzigkeit, aber auch ein Verweis auf Kants Kategorischen Imperativ.

Das ist die Quintessenz meiner Zeichnung. „Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch.” Hierbei Hilfreiches lese ich abschließend bei Sebastiao Magalhaes Lima, dem 1850 geborenen Vorkämpfer des portugiesischen Liberalismus und Freimaurer: „Es gibt nur ein dauerndes Gesetz auf der Welt, das ist das Gesetz der Liebe. Es ist nicht allein die Liebe , die sich in Güte und unendlicher Schönheit offenbart, in dem großen Mitleid mit jeglicher Kreatur , sondern es ist auch die Liebe, die sich kurz als die Liebe zum Weltall ausdrücken lässt, als brennender Wunsch, für andere zu leben. Es ist die Liebe für die Kleinen, für die Bescheidenen, für die Bedrückten. Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch: Das ist die Liebe des Freimaurers.“

Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch! So soll es sein.

Kant hat die „Nächstenliebe“ auf seine Art in dem Werk „Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft“ so beschrieben: „Die Pflicht der Nächstenliebe kann also auch so ausgedrückt werden: sie ist die Pflicht, anderer ihre Zwecke (sofern diese nur nicht unsittlich sind) zu den meinen zu machen; die Pflicht der Achtung meines Nächsten ist in der Maxime enthalten, keinen anderen Menschen bloß als Mittel zu meinen Zwecken abzuwürdigen (nicht zu verlangen, der andere solle sich selbst wegwerfen, um meinem Zwecke zu frönen).“

Diese so bei Lima und Kant identifizierte Nächstenliebe – die Menschenliebe und Bruderliebe gleichermaßen umfasst – hilft, den Grundgedanken der Freimaurerei, die Autonomie des Sittengesetzes zu realisieren. Diese Nächstenliebe muss also zum Schlussstein unseres symbolischen Tempelbaues werden.

Das könnte und sollte das Ende meiner Zeichnung sein.

Da ich aber dem Freimaurersein eine gehörige Portion Fröhlichkeit beimessen möchte und da meiner Zeichnung ganz offensichtlich ein Link zur erotischen Liebe gefehlt hat, hier zum definitiven Schluss einige Zeilen aus der Feder unseres Bruders Heinrich Heine:

Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl. „Die Liebe muß sein platonisch“, der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie. „Ach!“ Der Domherr öffnet den Mund weit: „Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit.“ Das Fräulein lispelt: „Wieso?“ Die Gräfin spricht wehmütig: „Die Liebe ist eine Passion!“ Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tisch war noch ein Plätzchen; Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Meinungen achten und Brücken bauen

Grußadresse des Großmeisters zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel

Foto: © chingis61 / Adobe Stock

„Wer wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe.“

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe, *4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Am kommenden Sonntag ist bereits der 3. Advent und es sind nur noch wenige Tage zum Jahreswechsel. Es ist die Zeit, in der man innehalten will, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und dem kommenden Jahr vielleicht nachdenklich, vor allem aber hoffnungsfroh entgegensieht.

Ein wichtiges Ereignis 2019 war das 70. Jubiläum unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Am 19. Juni 1949 wurde in der Geburtsstadt unseres Bruders Johann Wolfgang v. Goethe in der Paulskirche zu Frankfurt am Main unsere Großloge gegründet. Die damals formulierten „freimaurerischen Grundsätze“ sind noch immer richtungweisend und wesentlicher Teil der “Freimaurerischen Ordnung”.

Artikel 2 unserer freimaurerischen Grundsätze formuliert wie folgt: „In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Für das zurückliegende Jahr sind zunehmende Beschimpfungen und Gewalt, so zum Beispiel gegen Migranten, gegen Juden, gegen Rettungshelfer und Ordnungskräfte, gegen Journalisten und Politiker, in Einzelfällen bis hin zum Mord, Hasskommentare im Internet sowie die Verrohung der Sprache als Bestandteil der politischen Auseinandersetzung festzustellen. Einem für eine demokratische Weiterentwicklung wünschenswerten und unerlässlichem gesellschaftlichem Zusammenhalt sind diese Tendenzen nicht förderlich.

Für uns Freimaurer ist der oben zitierte Artikel 2 unserer Verfassung der Auftrag, Zivilcourage zu zeigen und Brücken zu bauen. Es gilt, unsere elementaren humanistischen Tugenden wie Humanität, Solidarität, Toleranz, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, Mut zum Widerspruch, bis hin zum einfachen Zuhören können alltäglich zu leben, um zumindest in unserem Umfeld den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Jahreswende ist allerdings auch die Zeit, Dank auszusprechen. So danke ich allen Brüdern in ihren Logen für ihr gutes Wirken und ihr Engagement, ich danke den Stuhlmeistern für die Fort- und Weiterentwicklung unserer Logen, ich danke den Arbeitskreisen, Ausschüssen, Gremien und Kollegien unserer Großloge für ihre Arbeitsergebnisse, ich danke den Großbeamten und Mitgliedern des Großlogenrates sowie den Mitgliedern des Vorstandes für ihre guten und zielführenden Beschlüsse auf solider Basis und ich danke unserer Kanzlei für die kontinuierliche Bearbeitung der Anfragen und Arbeitsaufträge aus der Bruderschaft und für ihre stete Unterstützung bei all meinen Aktivitäten. Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der Leserschaft unseres Newsletters für das Interesse an unserer Bruderschaft bedanken.

Ihnen allen, Ihren Familien und Freunden wünsche ich eine frohe und stimmungsvolle Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein privat wie beruflich erfolgreiches sowie friedvolles Jahr 2020. Dies verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch Sie über die Feiertage Gelegenheit finden, abseits der Hektik des Alltags neue Kraft für das vor uns liegende Jahr mit all seinen vielfältigen Facetten und Herausforderungen zu schöpfen. 

Stephan Roth-Kleyer

Großmeister der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland

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Freimaurerei ist für Menschen da

Grafik: bakhtiarzeln / Adobe Stock

Wie sich aus den Menschenrechten und -pflichten eine Zukunftsperspektive für unseren Bruderbund ableitet.

Von Sylvio J. Godon

Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von den Vereinten Nationen proklamiert, als direkte Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Ihre Vorläufer sind die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789. Unter den Verfassern befanden sich zahlreiche Brüder Freimaurer. Und: Vor 22 Jahren wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ verfasst.

Freimaurerei sollte sich immer wieder erkennbar in die Tradition beider Erklärungen stellen und dazu positionieren, wenn Menschrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden. Als Lebensschule kann sie weltweit für alle Menschen da sein. Gelingt ihr das, hat sie eine Zukunftsperspektive, leistet sie einen Beitrag zu dauerhaftem Frieden und zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Das Zitat aus Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 dürfte jedem von uns hinlänglich bekannt sein. Leider verhallen diese und die Sätze der 29 folgenden Artikel der Menschrechtscharta der Vereinten Nationen in unserer bewegten Zeit immer wieder.

Weniger präsent sind uns die beiden anderen Zitate der Artikel 1 und 7 aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Menschenpflichten! Als Zusatz, als Ergänzung, Erweiterung oder, wie wir in Wikipedia lesen können, als Gegengewicht zu den Menschenrechten.

Wobei ich diese Pflichten nicht als Gegengewicht empfinde. Rechte und Pflichten gehören meiner Ansicht nach zusammen. Unzertrennlich. Wer auf seinem Recht besteht, hat auch die Pflicht, es zu wahren und es seinem Nächsten zuzugestehen.
Anders als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ kein offizielles Dokument der Vereinten Nationen. Sie wurde 1997 vom InterAction Council (IAC) der Öffentlichkeit übergeben.
Das IAC wurde 1983 vom inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründet, als lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs. Nach Angaben von Loki Schmidt war der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt an der Idee und der Planung beteiligt.

Die Freimaurerei beschneidet sich in ihrer Wirkkraft

Wir erinnern uns: Helmut Schmidt war nicht nur Staatsmann, er war auch derjenige, der uns Freimaurern vor geraumer Zeit diese Worte ans Herz legte: „Wenn ich es richtig verstehe, so stellen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität die Grundideale der Freimaurerei dar. Diese Grundwerte sind notwendig. Ohne sie kann Europa nicht wirklich zusammenhalten.”

Ich würde das ergänzen: Ohne sie kann die Welt nicht zusammenhalten. Schmidt sagte dies anlässlich der Verleihung des Gustav-Stresemann-Preises im Januar 2015. Unsere Großloge vergab diesen Preis verbunden mit einer Medaille erstmals und würdigte damit die Lebensleistung des früheren Kanzlers.

Schmidt sagte aus diesem Anlass auch:

„Freimaurerei hat prinzipiell keinen Unterschied gemacht hinsichtlich der Nationalität oder der Hautfarbe. Wohl aber hat sie sich durch eine weit ausgedehnte Geheimhaltung ihrer Aktivitäten selbst in ihrer Reichweite eingegrenzt. Ich habe deshalb vor eineinhalb Jahrzehnten schon einmal an die Freimaurer appelliert, ihre begrüßenswerten Gründungen, ihre Spenden, ihre Aktivitäten öffentlich zu machen.“

Der Kanzler spricht hier von einer Freimaurerei, die sich durch Schweigen und Geheimhalten selbst in Wirkung und Reichweite eingrenzt. Seine Worte bergen Zündstoff. Kaum etwas taugt mehr dazu, die Bruderschaft in Wallung zu bringen, als die Frage, wie das, was die Freimaurerei an Gutem tut, nach außen zu kommunizieren wäre. In den vergangenen 30 Jahren ist von der Großloge allerdings sehr viel zur Öffnung unternommen worden, um gegenüber der Öffentlichkeit transparenter zu werden.

Ich würde noch weiter gehen als Helmut Schmidt, der uns den Spiegel vorgehalten hat. Die Freimaurerei hat sich nicht allein durch Geheimhalten ihrer Aktivitäten in ihrer Reichweite und Wirkkraft selbst begrenzt. Auch anderweitig ist es ihr „gelungen“, sich selbst zu beschneiden. Sie hat den ihr in die Wiege gelegten globalen Anspruch in zweifacher Hinsicht vernachlässigt.

Freimaurerei als weltweites Angebot wahrnehmen

Als globale Lebensschule für alle Menschen, gerichtet in alle Länder und in alle Nationen der Welt, hat Freimaurerei es zum einen bisher versäumt, als solche weltweit erkennbar aufzutreten. In der Freimaurerei, vor allem in ihren weiterführenden Graden, gibt es nicht gerade wenige landes-, europa- und weltweite Treffen oder Konferenzen. Aber wer erfährt davon? In der Regel der Bruderkreis. Das ist schön und gut. Aber reicht das heute wirklich noch aus?
Wenn ich ein weltweites Angebot für Menschen habe, eine humanitäre Bewegung global initiieren oder befördern will, dann muss das auch entsprechend kommuniziert werden. Allen Verschwörungstheorien über eine angeblich durch die Freimaurerei angestrebte Weltregierung zum Trotz. Es kommt eben darauf an, wie ich die Freimaurerei als globale Lebensschule, als weltweites Angebot für Menschen kommuniziere. Dies dürfte jedoch kein Problem darstellen, denn in unseren Reihen gibt es genügend Brüder, die sich damit auskennen.

Freimaurerei strebt Weltherrschaft oder eine Weltregierung nicht an. Sie strebt danach, dass Menschen einander im Geist der Menschlichkeit frei, offenen Herzens und ohne Vorbehalte begegnen können und sollen, schwesterlich und brüderlich.

Ja, sie möchte, dass die Welt menschlicher wird und die Menschen dadurch besser, friedvoller und toleranter miteinander umgehen, respektvoller und füreinander interessierter. Ja, sie möchte, dass es uns Menschen gelingt, mehr Kraft für die Bewahrung unserer Erde aufzuwenden, indem wir die weltanschaulichen und religiösen Gegensätze zwischen uns zu überwinden suchen und uns auf das uns allen Gemeinsame, das Menschsein, konzentrieren. Ja, sie möchte, dass Menschen fähiger werden, sich stärker mit sich selbst, mit ihren Schicksalen, mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, als damit, einander Schaden zuzufügen, die gemeinschaftlichen Ressourcen auszubeuten und damit die Natur und ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Nein, sie hat nicht vor, die Menschheit unter ihre Fuchtel zu bekommen und alle Menschen in einer Weltdiktatur gleichzuschalten, aber sie will die Menschheit zur Menschlichkeit und menschlichem Umgang wachrufen. Nein, sie will nicht das Ende der Religionen herbeiführen und auch nicht deren Vielfalt abschaffen, aber das Zeitalter der unabdinglichen religiösen Toleranz einläuten. Nein, ihr Ziel ist es nicht, Relativität und Relativismus in allem und von allem zu mehren, ihr Ziel ist es, das Menschsein und die Menschlichkeit in allem und von allem zu fördern.

Wenn es tatsächlich einmal so etwas wie eine Weltregierung in freimaurerischem Geist geben sollte, sie wirklich der Humanität diente, sich mit ihr Hunger, Not und Krankheit auf der Erde beseitigen ließen und sie uns vor den gegenwärtigen Bestrebungen bewahren könnte, die Grenzen zwischen Menschen und digitalen Maschinen aufzuheben, wäre sie dann so schlecht, wie Verschwörungstheorien uns das nahelegen wollen?

Freimaurerei geht alle Menschen an

Als globale Lebensschule hat Freimaurerei es zum anderen vernachlässigt, hervorzuheben und zu betonen, dass sie ihrem Wesen und ihrer Natur nach ein Angebot darstellt, das sich zuallererst an Menschen wendet, an Männer wie Frauen, nicht an Geschlechter. Dadurch ist der Eindruck entstanden – und er besteht vielerorts immer noch –, Freimaurerei sei nur etwas für Männer. Schlimmer noch: Freimaurerei sei antiquiert, machoistisch, altbacken, frauenfeindlich. Was sie aber partout nicht ist und auch nicht sein will. Freimaurerei, zwar auf das vorwiegend von Männern geprägte Zunftwesen zurückzuführen, ist aus ihrem Entstehen, ihren Statuten und Lehren heraus eine auf den Menschen, nicht auf die Geschlechter zielende Lehre.

An der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 haben acht Männer und Frauen aus Australien, Chile, China, Frankreich, dem Libanon, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten zwei Jahre gearbeitet, und Eleanor Roosevelt, Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, eine Frau, hat sie verkündet.

Nirgendwo in den Vorläufern der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist die Rede von Männern. Immer wird von Menschen, manchmal auch Bürgern, gesprochen, in der „Virginia Declaration of Rights“ von 1776, in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus demselben Jahr, in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789. Auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ spricht von Menschen und Personen, nicht von Männern und Frauen.

Die Freimaurerei steht in der Tradition der Menschenrechte, nicht der alleinigen Männerrechte oder Frauenrechte. Ebenso in der Tradition der Menschenpflichten. Niemand, der Freimaurerei wirklich verstanden hat, kann allen Ernstes sagen, Freimaurerei richte sich nur an Männer. Freimaurerei geht den Menschen an, nicht das Geschlecht. Sie ist für den Menschen da.

Ziele und Zwecke der Bruderschaft nach außen kommunizieren

Die Begrenzung in Wirkung und Reichweite, die sich die Freimaurerei selbst auferlegt hat, besteht also nicht nur in Bezug auf das Geheimhalten ihrer Aktivitäten und den Umgang mit der Öffentlichkeit. Auch ein fehlendes weltweit sichtbares Bekenntnis, von Beginn an in der Tradition der Menschenrechte und inzwischen auch in der der Menschenpflichten zu stehen, das fehlende Hervorheben, eine globale Bewegung mit Jahrhunderte alter Menschenrechtstradition zu sein, beschränkt die Freimaurerei hinsichtlich ihrer Reichweite und Wirksamkeit überdeutlich und zu Unrecht.

Was also sollte Freimaurerei unternehmen, um überhaupt eine Zukunftsperspektive zu haben?

Sie sollte erstens für sich selbst ein entspanntes Verhältnis zur Geheimhaltung ihrer Aktivitäten und zum Arkanum gewinnen. Letzteres kann nicht preisgegeben werden, soviel man auch darüber sagen, debattieren oder schreiben mag. Es kann nur erlebt werden. Das wird immer so sein.

Noch weiter als bisher gehende Kommunikation der Ziele, Zwecke und Wirkweise der Freimaurerei ist das Gebot der Stunde, in allen Medien, auch in den sozialen, in denen sie nur rudimentär vertreten ist, und zwar auf der gesamten Breite und Palette der mittlerweile vorhandenen digitalen Möglichkeiten und Kanäle. Über die aufklärerische Tradition, die humanistische Lehre und das Gute, das Humanitäre zu sprechen, das der Freimaurerei innewohnt, ist nicht verwerflich. Es verrät kein Geheimnis. Es nimmt Einzuweihenden nicht einen Deut vom Erlebnis.

Freimaurerei sollte sich zweitens ganz bewusst und freien Mutes, sichtbar und dauerhaft immer wieder weltweit erkennbar in die Tradition der Menschenrechte und -pflichten stellen, aus der sie sich entwickelt hat. Dazu gehört es, dass sie sich lokal, national und global positioniert, wenn Menschenrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden.

Es gibt dazu eine Einschätzung von John McCain, dem 2018 verstorbenen republikanischen Gegenspieler Donald Trumps und ehemaligen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: „Wenn man die Verpflichtung Amerikas, international zu führen, zurückweist, ebenso wie unsere Pflicht, die letzte große Hoffnung der Welt zu bleiben, um einem halb garen, zweifelhaften Nationalismus nachzugeben, der auf Leute zurückgeht, die lieber Sündenböcke suchen, als Probleme zu lösen, dann ist das unpatriotisch. Ebenso unpatriotisch, wie anderen Lehren der Vergangenheit zu folgen, die die Amerikaner schon auf dem Aschehaufen der Geschichte sahen. Wir leben in einem Land, das aus Idealen gemacht ist, nicht aus Blut und Boden.“ Wir können in diesem Zitat Amerika gegen Europa austauschen und erhalten denselben wichtigen Aufruf.

Freimaurerei sollte drittens den alten Zopf abschneiden, zu meinen und zu publizieren, sie sei eine Einrichtung und Lebensschule ausschließlich für Männer. Das ist sie ihrem Geist nach nicht. In meinen Augen war sie es nie. Ihre durchaus vorhandenen und männlich geprägten Traditionen muss sie deswegen nicht verwerfen oder aufgeben. Das bedeutet auch anzuerkennen und zuzulassen, dass es Männerlogen, Frauenlogen und gemischte Logen geben kann, dass vom freien und offenen Besuch untereinander keinerlei Gefahren für das Wesen und Überleben der Freimaurerei ausgehen. Natürlich, sofern gewährleistet ist, dass alle jene Logen im humanistischen freimaurerischen Geist arbeiten.

Freimaurerei als weltweit wirksame Lebensschule

Dazu, um eine wirkliche, letztlich tiefgreifende und von Grund auf erneuernde Veränderung in Gang zu setzen, kann es und muss es vielleicht sogar notwendig werden, dass sich Freimaurerei von der langen Tradition verabschiedet, das Entstehen neu gegründeter, regulärer Logen allein von der Anerkennung der freimaurerischen Institutionen des freimaurerischen Mutterlandes abhängig zu machen und die Arbeitsweise bereits existierender Logen allein von den Reglements des freimaurerischen Mutterlandes aus zu beurteilen. Eines freimaurerischen Mutterlandes, das es übrigens erst kürzlich zugelassen hat, dass es sich selbst von einer zutiefst freimaurerischen Idee verabschiedet hat: von Europa.

Könnte Freimaurerei lokal, national und global diesen Gedanken durchsetzen, ergäben sich durchaus Zukunftsperspektiven, die folgendermaßen aussähen:

Aus der Freimaurerei würde tatsächlich die erste weltweit wirksame Lebensschule für Menschen aller Nationen, zu der nicht nur alle Menschen Zutritt haben, sondern in der auch alle Menschen gemäß den Allgemeinen Menschenrechten und Allgemeinen Menschenpflichten unterrichtet würden.  Aus der Freimaurerei könnte, gerade weil sie eine Schule der Humanität und Toleranz ist, endlich weltweit die Wirkkraft werden, die es vermag, die seit Jahrtausenden währenden Gegensätze zwischen den Weltreligionen und allen anderen Religionen zu überwinden und die damit verbundenen Feindseligkeiten und Kriege zwischen den Menschen auf der Erde.
Sie könnte das, weil sie eine Lebensschule ist, die es Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und Religion ermöglicht, sie zu besuchen, ohne dabei die eigenen Lebenseinstellungen und Glaubensgrundsätze aufgeben zu müssen, solange sie nicht gegen die allgemeinen Menschenrechte und -pflichten verstoßen.

Religionen sind dazu nicht in der Lage, weil Missionsgeist, Selbstbezogenheit und Tunnelblick sie in der Regel bremsen und oft gerade das Gegenteil bewirken.

Schließlich könnte Freimaurerei dazu beitragen, dass es der Menschheit immer mehr gelingt, dauerhaft in Frieden zu leben, dauerhaft ohne Hunger und Not auszukommen und sich endlich gemeinsam und dauerhaft der Erhaltung und Pflege unserer Lebensgrundlage zu widmen: der Erde. Nicht nur die Menschen auf diesem Planeten sind in Bedrängnis, sondern auch der Planet selbst.

Hierfür müsste es der Freimaurerei jedoch gelingen, sich aus dem Stadium absolut nicht mehr zeitgemäßer Traditionen, übertriebener Selbstbeschau und fortwährender männlicher Selbstbezogenheit zu befreien.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.

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