240 Jahre Freimaurerei in Saarbrücken

Die Stuhlmeisterin der Saarbrücker Frauenloge "Europa im Licht", referiert im Logentempel vor interessierten Saarbrückerinnen und Saarbrückern über Freimaurerei

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am 21 Oktober 2019 kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen.

Es war ein langes maurerisches Wochenende für die Saarbrücker Freimaurerei. Am Samstag, dem 21.09., kamen Brüder der AFuAM- und ACGL-Logen aus Saarbrücken, Saarlouis, dem grenznahen Frankreich und Luxemburg zu einer Festarbeit zusammen. Großmeister Stephan Roth-Kleyer war zu diesem Anlass nach Saarbrücken gereist und bereicherte die Arbeit durch die ihm eigene Herzlichkeit und Brüderlichkeit.

Die Festarbeit diente dabei weniger der Rückschau auf die lange Saarbrücker Freimaurertradition, die mit dem Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken begann und aufgrund der Grenzlage Unterbrechungen und Wendungen erlebt hat, die Brüdern im Norden Deutschlands möglicherweise fremd sind. Vielmehr ging es darum, den Blick nach vorne zu richten.

Das verdeutlichte der Sinnspruch, den der MvSt. der gastgebenden Loge Bruderkette zur Stärke und Schönheit i. Or. Saarbrücken Nr. 13,  Br. Albert Augustin, für die Öffnung der Loge ausgewählt hatte: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme“.

In seiner Zeichnung beschäftigte sich Sokrates Evangelidis, Redner der Bruderkette, deshalb mit der Spannung zwischen maurerischem Geheimnis, das existiere, aber unaussprechbar sei, und der Notwendigkeit von Öffentlichkeitsarbeit.

Freimaurerei habe kein einzigartiges Markenversprechen, das durch Werbung penetriert werden könne, jeder einzelne Maurer für sich sei ein einzigartiges Argument für die Königliche Kunst. Letztlich müssen Maurer im Kontakt mit Profanen nicht mehr und nicht weniger tun als maurerisch zu handeln.

Dazu hatten die Saarbrücker Brüder nach einer recht kurzen Nacht am darauffolgenden Tag reichlich Gelegenheit: Am Sonntag, dem 22.09. öffnete das Saarbrücker Logenhaus seine Pforten für die Öffentlichkeit.

Kurz war die Nacht wegen der Weißen Tafel, an der nicht nur Brüder der AFuAM-Logen teilnahmen, sondern auch die Saarbrücker Frauenloge und französische Brüder und Schwestern aus anderen Obödienzen, die im Saarbrücker Logenhaus ihre Heimat gefunden haben – auch diese Konstellation ist der besonderen Grenzlage Saarbrückens geschuldet.

Rund 100 Gäste kamen zum Tag des Offenen Logenhauses am 22.09, den Großmeister Stephan Roth-Kleyer eröffnete,  viele nicht nur aus reiner Neugier, sondern aus echtem Interesse an der Königlichen Kunst. Das bestätigte auch der Gästeabend der Bruderkette zur Stärke und Schönheit freitags drauf: Reger Zuspruch, viele neue Gesichter, Brüder und Gäste waren etwa gleich stark vertreten. Öffentlichkeitsarbeit und freimaurerisches Geheimnis lassen sich wunderbar in Einklang bringen, wenn Maurer nicht mehr und nicht weniger tun, als auch Profanen gegenüber maurerisch zu handeln.

Links: Br. Albert Augustin, MvSt. der Loge "Bruderkette zur Stärke und Schönheit", rechts Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer
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Großes Kino in Hamburg

Von links nach rechts: Christoph Kaut (Umweltstiftung Michael Otto), Br Norbert Schoen (Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg), Regisseur Br. Tristan Bourlard, Thomas Stuwe (Distriktmeister Hamburg), Bernd Brauer (Zugeordner Großmeister VGLvD) Foto: Sw. Maike Ullmann/Metamorphosis i. Or. Hamburg

Ungewöhnlich, beeindruckend und hochinteressant – mit diesen Attributen versehen präsentierte sich der Film „Terra masonica – Reise um die Welt in 80 Logen“ als Premiere in Hamburg. Die Distriktloge Hamburg hatte am 22. September zur Matinee in das Metropolis-Filmtheater eingeladen – und mehr als 100 Gäste wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

Produziert hat den Film der belgische Regisseur Br. Tristan Bourlard, der zur Hamburger Kinoaufführung persönlich kam, um mit seinem Publikum zu diskutieren und Fragen zu beantworten.

Es sind faszinierende Bilder aus verschiedenen Kontinenten und Ländern, spannende Interviews, die der Filmemacher eingesammelt hat. In der Dokumentation wird sehr deutlich, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten Logen in der ganzen Welt zu kämpfen haben und wie die Brüder dennoch die Freimaurerei aus vollem Herzen leben.

Der Film hat einen starken Eindruck hinterlassen, der noch lange nachwirken wird. Als Fazit könnte man ziehen, dass wir hier in Deutschland in einem „freimaurerischen Paradies“ leben.

Das Publikum hatte Gelegenheit, Fragen an den Regisseur zu richten, der in seinen Antworten sehr ausführlich berichtete, sodass es dem Moderator der Matinee, Br. Norbert Schoen, Altstuhlmeister der „Anglo Hanseatic Lodge“ in Hamburg, manchmal schwerfiel, das Wesentliche in Kurzform zu präsentieren.

Im Zusammenhang mit der Filmvorführung fand eine Charity-Sammlung zu Gunsten der „Umweltstiftung Michael Otto“ statt. Ziel dieser Stiftung ist es, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren und nachfolgenden Generationen einen zukunftsfähigen Planeten zu erhalten. Christoph Kaut von der „Umweltstiftung Michael Otto“ wird den noch nicht bezifferten Spendenbetrag entgegennehmen, an dem sich auch die Vereinigten Großlogen von Deutschland beteiligten. Deren Großmeister hatte bereits vor zehn Jahren die Freimaurer weltweit dazu aufgerufen, „durch geeignetes Verhalten eine drohende Umwelt-Katastrophe zu verhindern“.

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Not und Elend auf der Müllkippe

Gerade hatte der Bruder Dirk Planert seinen persönlichen Frieden geschlossen mit einer Hilfsaktion während des Bosnien-Krieges, dessen Bilder und Erlebnisse ihn 25 Jahre verfolgt hatten. Nun bricht das nächste Elend über ihn hinein und er kann nicht wegsehen. Seit mehr als hundert Tagen hilft er auf einer Müllkippe.

Tag 86 auf der Müllkippe”, so begann eine der ersten E-Mails von Dirk Planert, die mich zum Thema erreichten. Und es folgten detaillierte Schilderungen von den unsagbaren Zuständen.

Aber der Reihe nach. Dirk Planert hatte während des Bosnien-Krieges privat Hilfstransporte organisiert und vor Ort mitten im Kampfgeschehen verteilt. Die Bilder ließen ihn nicht los und so reiste er nach 25 Jahren wieder nach Bihac, um mit neuen Bildern und Begegnungen in der wieder aufgebauten Stadt seine Bilder im Kopf “wie eine Festplatte zu überschreiben, wie er es nannte. In Bihać gibt es offenbar das gleiche Bedürfnis und so wird der Journalist eingeladen, eine Ausstellung mit Bildern von damals und heute zu gestalten.

Im Umfeld der Ausstellung erfährt er zufällig, dass Flüchtlinge in der Stadt aufgegriffen und in ein eilends angelegtes Behelfslager transportiert worden, wo sie weitgehend sich selbst überlassen wurden. Nur das Rote Kreuz ist vor Ort, hat Zelte aufgestellt und verteilt zweimal am Tag Essen. Die Stadt Bihać ist mit der Situation überfordert. Zwar gib es finanzielle Hilfen für die Flüchtlingsunterbringung, die kommt aber in Bihać​ nicht an. Die Situation in der Stadt eskaliert und so entschließt man sich, hastig ein Lager einzurichten, das sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt.

Dirk Planert ist Journalist und neugierig, ahnt aber auch, was dort geschieht. Er fährt den Bussen nach und muss feststellen, dass die Flüchtlinge zu einer ehemaligen Müllkippe gebracht werden, die gerade einmal notdürftig mit einer dünnen Schicht Kies und Schotter überzogen wurde. Es stinkt, angeblich steigen aus dem Boden Methangase auf, wie ihm Anwohner berichten. Dirk Planert sieht verletzte Menschen und kann nicht anders: Er packt seinen kleinen Verbandkasten aus und hilft. Und er bleibt, sammelt bei seinen Brüdern und anderen Freunden Geld ein, kauft vor Ort ein, was gebraucht wird: Schlafsäcke, Kleidung, Verbandmaterial. Medikamente.

"Am 14. Juni wurden die ersten Flüchtlinge hier nach Vucjak deportiert. Seitdem wächst das illegal von den bosnischen Behörden errichtete Camp stetig. Zum Glück hat der türkische rote Halbmond (red cross) die Zelte geschickt. Sie sind auch bei Regen meist dicht. Täglich werden neue Flüchtlinge von der Polizei hier her deportiert. Ebenso brechen täglich Gruppen Richtung EU auf. Sie müssen knapp hinter dem Camp an den Minenfeldern vorbei."
"Eine Entzündung im Knie. Der Eiter musste raus. Trotz lokaler Betäubung mussten wir den Patienten zu Viert festhalten. Jetzt kann er wieder gehen. Die Alternative: Im schlimmsten Fall Verlust des Beines. Unter den unhygienischen Umständen in Vucjak geht es sehr schnell, das aus kleinen Wunden eine lebensgefährliche Sepsis werden kann."
"Der junge Mann links im Bild gehört zu unserem dreiköpfigen Kernteam. Er ist Slowene, Ex-Soldat mit Einsatzerfahrung und Ausbilder für Militärsanitäter. Er ist 23, medizinisch hochkompetent. Unsere Ärzte, die für Tage oder Wochen hier waren, hat er zum Staunen gebracht. Meist ist die „Klinik“ bis tief in die Nacht geöffnet. Notfälle sind in der Regel vor Erschöpfung zusammengebrochene Menschen."
"Das Kind hat 39 Fieber. Die Mutter trägt es den Berg hoch, der von Bihac City nach Vucjak führt. Die Lufttemperatur an dem Tag: 38 Grad. Kein Wasser. Wir haben immer alles Notwendige im Wagen. Für das Kind auch. Es gibt zuerst ein Lächeln und ein „Assalam u Aleikum“, wenn der fremde Mann im Auto plötzlich anhält. Es folgt medizinische Versorgung am Straßenrand, Kopflampen für die Nacht, Wasser, Honig oder Süßes für die Kinder und Sprühpflaster."
"Alltag in Vucjak. Ursache: die Krätze. Eine Seuche aus dem Mittelalter grassiert im Camp. Wir können die Wunden behandeln und das Wachsen der eitrigen Wunden verhindern. Was wir hier nicht können: Medikamente oder Salben gegen die Krätze nutzen. Dafür müssten die Menschen ihre Kleidung und Decken waschen können. So gibt es keine Chance."
"So gut wie täglich kommen Delegationen großer Hilfsorganisationen, Politiker oder Journalisten. Sie reden, sie gehen, sie kommen nicht mehr wieder. Die Meisten sprechen nicht mit den Menschen, die hier überleben müssen und trauen sich gerade mal die ersten 20 Meter in das Camp. Im Bild ist ein Teil einer 25-köpfigen Delegation des Red Cross aus verschiedenen Ländern zu sehen."

Er macht etliche Medien auf die unglaublichen Zustände vor Ort aufmerksam. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber etwa 700 oder 800 Flüchtlinge, manchmal mehr, befinden sich im Lager, ohne ausreichende Verpflegung, anfangs ohne jede medizinische Versorgung, die auch später nur durch Freiwillige improvisiert werden kann. Täglich versuchen Flüchtlinge über die nahe gelegene Grenze in das EU-Land Kroatien zu gelangen. Sie werden daran gehindert oder nach verschiedenen Medienberichten illegal zurückgeschoben. Es wird von Gewalt gegen Flüchtlinge berichtet, die am nächsten Morgen verletzt im Lager Bihać zurückkommen.

Auch im Lager spitzt sich die Situation angesichts der Enge und schlechten Versorgung zu. Vor wenigen Tagen gab es eine Messerstecherei mit einem Toten und mehreren Verletzten. Die internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort bereits andere Lager betreiben und keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, fühlen sich nicht zuständig und die Europäische Gemeinschaft schaut weg, beklagt Dirk Planert. Immerhin ist es ihm mittlerweile gelungen, neben etlichen größeren Medien auch die ersten Politiker zu sensibilisieren. Höchste Zeit, denn zwischenzeitlich ist die Hilfsaktion zu einem Politikum geworden. Heute Morgen sind die freiwilligen Helfer durch das Büro für Ausländer ausgewiesen worden, wie Dirk Planert telefonisch berichtete. Er selbst war gerade für ein paar Tage in Österreich, um von dort einige Dinge zu organisieren und weiß noch gar nicht, ob er überhaupt wieder in Bosnien-Herzegowina einreisen darf. Auch wie es weitergeht, ist im Moment noch unklar. Aber dass es weitergeht, irgendwie, dass weiß er genau.

Interview mit Dirk Planert

Einige Tage nach der Eröffnung der Ausstellung bin ich informiert worden, das Busse der Polizei an einem Flüchtlingslager vorfahren und die Menschen gezwungen werden einzusteigen. Deportationen also. Es saßen die Menschen in den Bussen, die im Camp der IOM (International Organisation for Migration/UN) nicht mehr aufgenommen worden waren. Sie hatten bis zu dem Zeitpunkt auf einer Wiese „gelebt“. Ich bin den Bussen hinterhergefahren. 10 Kilometer außerhalb der Stadt mussten die Flüchtlinge aussteigen und noch etwa einen Kilometer einen Feldweg entlanglaufen. Dann landeten wir auf der ehemaligen Müllhalde Vucjak. Ich machte meine Arbeit, habe Fotos gemacht und mit der Kamera gedreht. Dann hielt ein kleiner Polizeibus und mir wurde ein schwerstkranker Mann, vermutlich Blinddarm, aus dem Bus heraus vor die Füße geworfen. Mir wurde in dem Augenblick klar, was da passierte: Menschen wurden weggeworfen wie Müll. Ich entschied, zu bleiben. Das ist jetzt über 100 Tage her. Aus der kleinen Tasche mit Erste-Hilfe-Material, die ich immer dabeihabe, ist seitdem ein Feldlazarett mit 200 Patienten täglich geworden.

Das Rote Kreuz Bihac hat nicht die Kapazitäten, mehr zu tun, als zwei Mahlzeiten am Tag zu verteilen. Morgens eine Scheibe Brot, nachmittags einen Eintopf mit Brot, der von der Menge der einer Vorspeise entspricht. Die großen Organisationen weigern sich, dort zu arbeiten. Sie sagen, das sei ein illegal von den bosnischen Behörden errichtetes Camp. Thema erledigt. In Kürze beginnt die ertragreichste Zeit für Hilfsorganisationen, die Weihnachtszeit. Möglicherweise kommt dann irgendeine der bekannten Organisationen, um das „Weihnachtsgeschäft“ mitzunehmen. 1.000 Menschen auf einer Müllhalde, das hat eine Wirkung in der PR. Wundern würde mich das nicht. Alle großen Organisationen waren schon hier, um sich alles anzusehen. Niemand hat etwas getan.

In den ersten zweieinhalb Monaten habe ich tagsüber in der Ambulanz gearbeitet und nachts die Kommunikation gemacht. Mein Ziel war, nicht nur den Menschen direkt zu helfen, sondern eine Veränderung auf politischer Ebene zu erwirken, die diesen Menschen helfen wird. Also habe ich sehr viel an Medien und die Politik geschrieben, dazu die Mails, Facebook-Nachrichten usw. von Spendern, die Informationen wollten. Mehr als drei oder vier Stunden Schlaf waren nicht machbar. Zurzeit ist das Team so gut und stabil, dass ich tagsüber diese Dinge erledige und dann nicht im Zelt mitarbeite. Das Basisteam sind zwei junge Männer und ich, dazu kommen zurzeit eine ungarische Ärztin, eine deutsche Notfallsanitäterin und eine Studentin. Zum Basisteam gehört ein junger Slowene, der Ausbilder für Militärsanitäter war. Er ist großartig und bringt auch Ärzte, die für ein paar Tage kommen, zum Staunen. Wir arbeiten jeden Tag. Alle etwa zwei oder drei Wochen gehen wir mal in einem Restaurant essen. Ab und an, wenn wir früh genug fertig sind, trinken wir abends Bier und bosnischen Schnaps. Ich hole dann schon mal die Gitarre raus.  Meistens arbeiten wir. Hilfslieferungen müssen sortiert werden, Einkäufe in der Apotheke beschafft werden usw. Es ist schon ein Haufen Arbeit.

Ja. Noch in der Nacht, als es anfing mit der Müllhalde als Camp, habe ich meine Brüder der Loge „Zur Alten Linde“ in Dortmund angeschrieben. Zwei Tage später hatte ich fast 2.000 Euro und konnte damit in Apotheken und Supermärkten einkaufen. Bei Feierlichkeiten oder Tempelarbeiten sammeln die Brüder Geld und überweisen es. Einige Brüder schicken auch unabhängig davon Geld auf das Spendenkonto. Großartig ist das. Auf meine Brüder ist Verlass. Der Kreis der Spender ist nach über drei Monaten natürlich viel größer geworden. Aber die Brüder sind ein verlässliches Fundament. Abgesehen davon, dass ich diese Spenden brauche, um diese Arbeit machen zu können ist das natürlich emotional ein Geschenk für mich persönlich. Gelebte Brüderlichkeit. Ich bin auch sehr dankbar für das Vertrauen meiner Brüder. Selbstverständlich ist das alles sicher nicht.

Meine Familie steht voll hinter mir. Mein Vater ist Br. Kurt Planert, er gehört zu einer Loge in Kiel. Meine Mutter ist selbst Flüchtlingskind. Meine Töchter sind 26 und 22 Jahre alt, die Enkelkinder sechs Jahre und das „Neue“ gerade mal 5 Monate. Meine jüngere Tochter hat vor ein paar Wochen gesagt: „Papa, wenn Du jetzt nicht bald mal nach Hause kommst, dann weiß Dein Enkelkind nicht, wer Du bist“. Noch in der Nacht habe ich einen Flug gebucht und war für drei Tage bei ihnen. Die Kinder wissen, dass ich in Notfällen immer da bin, wenn sie mich brauchen. Wir telefonieren oft. Ich habe von allen „grünes Licht“. Das ist ok.

Privatleben? Habe ich gerade kaum. Wenn, dann bin ich so kaputt, dass ich nur schlafen und essen möchte. Beruflich bin ich freier Journalist. Ich konnte das also machen, ohne vorher einen Chef nach unbezahltem Urlaub fragen zu müssen. Ich kann manchmal Fotos oder Filmmaterial verkaufen. Eine österreichische NGO zahlt mir eine kleine „Aufwandsentschädigung“. Die haben kapiert, das die ganze Hilfe in Vucjak zusammenbricht, wenn ich abreisen müsste, um Geld zu verdienen. Ich lebe relativ bescheiden. Viel Geld brauche ich also nicht, um Miete und Versicherungen zu bezahlen. Es kommt sehr knapp alles gerade so hin. Was wird, wenn das hier vorbei ist, dass weiß ich nicht. Ich bin zuversichtlich. Es wird weitergehen. Ich werde nicht hungern, meine Wohnung habe ich, wunderbare Töchter und Eltern, gute Freunde. Ich bin zufrieden.

Die Menschen in Vucjak müssen schnellstmöglich in Camps, die dem internationalen Standard entsprechen. Der ist klar definiert. Passiert das vor dem Winter nicht, wird es Tote geben. Ich werde Leichensäcke kaufen müssen. Ich fahre jetzt schon Notfälle mit meinem Wagen ins Krankenhaus. Die Toten würde ich gern vorher „einpacken“, bevor ich sie in meinen Wagen lege. Ich glaube, das ist verständlich.

Es müssten sich nur alle an die bestehenden Gesetze halten. Dann wäre alles anders. Die EU-Gesetze sehen vor, dass ein Flüchtling, der die EU erreicht, ein Recht hat einen Asylantrag zu stellen. Dieses Recht gibt es in der Realität nicht. Die Menschen werden illegal nach Bosnien zurück gepusht. Auffanglager in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland müssten geschaffen werden. Dann folgt die Prüfung der Asylanträge und danach Abschiebung oder Bleiberecht. So sieht es das Gesetz vor. Wir reden über gerade mal 12.000 Flüchtlinge etwa, die sich in Bosnien aufhalten. Für eine EU mit 28 Nationen und 580 Millionen Bürgern, mit Verlaub, ist das eine lächerliche Zahl. Die EU verrät ihre eigenen Grundsätze. Mit Zivilisation hat das alles nichts mehr zu tun. Ich sehe täglich die Opfer der verfehlten Politik. Nicht nur Hunger und Elend sind das Ergebnis. Knochenbrüche, Platzwunden, geprügelte Menschen.

Die großen Hilfsorganisationen wie die IOM müssten einen besseren Job machen. Wie kann es sein, dass die UN-Tochter IOM Menschen auf die Straße schickt, weil sie sagen, die Camps seien voll. Das sind die Vereinten Nationen. Da kann man mehr erwarten, theoretisch. Das Hauptcamp in Bihac ist Bira. Da sind 1.500 Menschen. 3.000 würden hineinpassen. Voll ist eine Frage der Definition.  Neben den 10 Millionen Euro der EU, die nach Sarajevo geflossen sind, hat die EU 36 Millionen Euro an die IOM gezahlt. Man soll nicht meinen, dass irgendwer kontrolliert was mit diesem Geld passiert. Die EU verschließt die Augen. Es gibt keine Lösungsansätze. Diese Lösungen zu finden ist Aufgabe der Politik. Nicht meine. Diese Politiker werden bezahlt, um Lösungen für Probleme zu finden. Das tun sie nicht. Sie sind ihr Geld nicht wert.

Außerdem muss der Stadt Bihac geholfen werden. Seit zwei Jahren werden die Flüchtlinge aus allen Balkanländern hier hergeleitet. Wie ein Flaschenhals, in den immer mehr hineinläuft, aber kaum etwas heraus. Es ist logisch, dass es eskalieren musste. Sarajevo kassiert das Geld der EU (10 Millionen) für Flüchtlinge, in Bihac ist aber nie etwas angekommen. Die Stadt weigert sich, ein anderes Grundstück für den Bau eines Camps bereitzustellen. Wird Bihac geholfen, könnte sich das ändern.

Gewalt- und Raubstraftaten, dazu kommt Nötigung und vieles mehr. Die meisten Flüchtlinge werden von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen. Ihnen werden Rucksack und, soweit vorhanden, Schlafsack abgenommen. Beides wird vor ihren Augen verbrannt. Dann werden sie nach Geld durchsucht. Wird welches gefunden, wird es den Menschen von der Polizei gestohlen. Dann werden sie mit Polizeischlagstöcken verprügelt. Bevor sie dann mitten im Wald über die Grenze zurück nach Bosnien getrieben werden, müssen viele vorher ihre Schuhe ausziehen. Sie laufen dann barfuß wieder zurück nach Bihac. Das hat System. Seit dem ersten Tag höre ich täglich solche Geschichten und sehe die Verletzungen. Es ist immer dasselbe. Schaffen sie es bis Slowenien und werden dort aufgegriffen, dann übergibt die slowenische Polizei die Menschen an die Kroaten und die schieben sie dann zurück nach Bosnien. 12 Tage dauert der Fußmarsch bis Italien. Wer bis dahin kommt, der hat es erstmal geschafft. Regelmäßig treffe ich Familien mit kleinen Kindern, die diesen Weg noch vor sich haben. Schrecklich ist das. Das trifft mich sehr. Ich darf dann nicht an meine Töchter und ihre Kinder denken. Dann treibt es mir das Wasser in die Augen. Sie haben die Minenfelder (Kriegsaltlasten) auf dem Weg in die EU und möglicherweise die Gewalt der Polizei noch vor sich. Ich hatte schon Menschen im Ambulanzzelt, auf die Polizeihunde gehetzt worden waren. Paradox ist, das die EU Kroatien den Auftrag gegeben hat, die EU Außengrenzen zu schützen. Der Auftraggeber weiß, dass dann gegen seine eigenen Gesetze verstoßen wird. Vor allem: Gegen die Menschenrechte und das im Auftrag der EU. Das ist alles ein verlogenes Spiel.

Nein. Es gibt aber eine kleine Hoffnung. Drei EU-Politiker haben mich kontaktiert. Diese drei habe ich miteinander verbunden. Sie wollen nun mit MEP Bettina Vollath (Österreich) eine Gruppe aufbauen, die sich im EU Parlament für die Menschen in Vucjak und die Stadt Bihac einsetzen soll. Wir müssen jetzt abwarten, ob es ihnen gelingt, etwas zu bewegen. Ich habe von Anfang an drei Ziele gehabt: direkte Hilfe „am Mann“, Information der Medien in Deutschland und Österreich sowie Information der gesamten EU-Politik. Punkt zwei und drei sind erledigt. Jetzt müssen die Politiker ihren Job machen. Ich arbeite weiter im Ambulanzzelt.

Geld spenden. Das ist das Wichtigste. Ich kann in Bosnien alles kaufen, was wir brauchen und das viel günstiger als in Deutschland.

Sie können die sehr persönliche Geschichte des Journalisten und Freimaurers Dirk Planert über die Aufarbeitung seiner Bosnien-Hilfe mitten im Krieg hier in drei Teilen nachlesen.

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Einfach mal Gemeinschaft pflegen

Martin Marx (rechts) begrüßt die ersten Besucher des Sommerfestes im Wetzlarer Logenhaus. Foto: Klimaschewski

Gut dreißig Gäste, Freunde, Schwestern und Brüder folgten einer Einladung der Loge "Wilhelm zu den drei Helmen" in das Klubhaus am Rande der Altstadt zum Sommerfest in Wetzlar.

Wetzlar (mf). Aufgrund der wechselhaften Witterung entschlossen sich die Anwesenden spontan dazu, die Feier in den großen Saal zu verlegen und sie nicht wie geplant im neugestalteten Logengarten stattfinden zu lassen. Martin Marx begrüßte als Meister vom Stuhl der Wetzlarer Freimaurerloge alle Anwesenden herzlich, bevor auf das Wohl einer Familie angestoßen wurde, die aufgrund ihres Hochzeitstages spontan zu einem Umtrunk eingeladen hatte. Anschließend dankte Marx den vielen fleißigen Händen, die beim Auf- und Abbau immer wieder mit anpacken, dafür sorgen, dass ein vielfältiges Buffet bereitsteht und Grillgut zubereitet werden kann.

Die Kraft der spätsommerlichen Sonne, deren Strahlen sich einen Weg durch die aufklarende Wolkenschicht bahnten, sorgte dann zur Freude der Festteilnehmer doch noch dafür, dass einige Bierzeltgarnituren im Garten besetzt wurden und die Grillmeister bei ihrer Arbeit Gesellschaft hatten.

Mit vielen guten Gesprächen und in heiterer Stimmung feierten Alt und Jung gemeinsam bis in die Abendstunden und taten, was die Wetzlarer Loge früher über Jahre auszeichnete, als man sich noch jeden Sonntagmittag zum gemeinsamen Essen, Spielen und Kaffeetrinken mit den Familien im Logensaal versammelte: Einfach mal Gemeinschaft pflegen.

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Licht als Metapher der Aufklärung

Foto: Tanja Richter / Pixabay

Der Br. Hans-Hermann Höhmann machte sich im Rahmen einer Zeichnung zur Verpflichtung des neuen Beamtenrates Gedanken zum Licht, das als Metapher eine bedeutende Rolle in der Freimaurerei spielt.

Die Humanistische Freimaurerei, zu der sich die Loge „Ver Sacrum“ seit ihrer Gründung vor 70 Jahren bekennt und in deren Sinne sich unsere Brüder Beamten heute neu oder wieder verpflichten, beruht auf vier, allesamt aus der Geschichte unseres Bundes ableitbaren Säulen:

  • Freundschaft und Geselligkeit
  • Ethische Orientierung und ethische Diskurse
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen
  • Einübung in Lebenskunst und moralische Bewährung im Alltag

Das Ritual konstituiert dabei den spirituellen Erfahrungsraum der Loge. Es schafft im symbolischen Raum unserer Tempel-Werkstatt auf nachhaltige Weise eine symbolische Zeit, die einerseits Ruhe, Gelassenheit und Nachdenklichkeit ermöglicht, andererseits zugleich unsere Persönlichkeit und die Kultur unseres Miteinanders im Sinne unserer Werte fördert, wozu vor allem die Arbeit mit Symbolen und Metaphern dient.

Zu den bewusst gewählten Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören vor allem vier Gruppen von Sprachbildern oder auch Metaphernfeldern, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in vielen entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden.

Es sind dies die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „brüderliche Liebe“, die zu immer neuen Sinnstiftungen und Konzepten für die freimaurerische Praxis führen. Dabei ist freilich stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr auf sinnvolle Weise in die performative Gesamtstruktur des Rituals einzubinden sind.

Das Ritual ist ein Gesamtkunstwerk und wir vergessen zuweilen, dass seine Wirkung vom harmonischen Zusammenklang aller seiner Elemente abhängt, von der Art und Weise vor allem, wie Sprechen, Schweigen, Bewegungen und Musik miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt sind.

Mir geht es heute – dem Anlass entsprechend – um das Metaphernfeld „Licht“ mit den vielen, uns allen vertrauten Einzelmetaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational konnotiert (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell verstanden (im Sinne von „Zuversicht“ und „innerer Erleuchtung“).

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:

  • Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.
  • Lasst uns diese Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.
  • Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.
  • Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.
  • Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung.

In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, für ein gleichsam „inneres Leuchten“, sondern auch für gesellschaftsrelevante Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so fordert es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten, und das Ritual erläutert weiter: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass – so Lessing wörtlich – „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Und wenn ich von „Licht“ spreche, dann bin ich bei einem wesentlichen Element der Frei­maurerei, dann bin ich bei Aufklärung. Aufklärung heißt Licht ins Dunkel bringen, das bringt ihre Benennung im Englischen – Enlightenment – und im Französischen – Lumières – viel­leicht noch deutlicher zum Ausdruck als ihre deutsche Bezeichnung.

Viele Aufklärer gehörten dem Freimaurerbund an, in England, in Frankreich, nicht zuletzt aber auch in Deutschland, wo vor allem an Gotthold Ephraim Lessing und das Weimarer Dreigestirn Wieland, Herder und Goethe zu denken ist.

Aufklärung gehört aber nicht nur zur freimaurerischen Tradition, Aufklärung ist auch ein wichtiger Bestandteil und Zielpunkt der Freimaurer in der Gegenwart.

Stellen wir also die alte Frage „Was ist Aufklärung“ und fragen wir dann weiter, was Aufklä­rung heute bedeutet.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der Begriff der Aufklärung untrennbar an die Meta­pher des Lichts gebunden ist (Konrad Paul Liessmann): Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Aufklärung ist die Herstellung von Verhältnissen, in denen alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täu­schung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und wo vermeintliche Gewissheiten aufgezwungen werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen.

Allerdings: Unumstritten war Aufklärung nie. Dass die Vernunft zu weit gehen, sich über­schätzen, selbst dogmatisch werden kann – dieser Verdacht begleitete die Aufklärung von ihrem Anbeginn an.

Als der Berliner Pfarrer und Freimaurer Johann Friedrich Zöllner im Jah­re 1783 in der Berlinischen Monatsschrift die berühmt gewordene Frage „Was ist Aufklä­rung“ stellte – auf die dann – neben anderen – Immanuel Kant seine berühmten Antworten gab –, da stellte er seiner Frage ein kleines Gedicht voran, das aus seiner Skepsis keinen Hehl machte. Das Ge­dicht trägt den bezeichnenden Titel „Der Affe – ein Fabelchen“ – und liest sich folgender Maßen:

Ein Affe steckt‘ einst einen Hain von Zedern nachts in Brand, und freute sich dann ungemein, als er’s so helle fand. „Kommt Brüder, seht, was ich vermag; Ich, – ich verwandle Nacht in Tag!“ Die Brüder kamen groß und klein, bewunderten den Glanz und alle fingen an zu schrein: „Hoch lebe Bruder Hans! Hans Affe ist des Nachruhms werth, Er hat die Gegend aufgeklärt.“

Johann Friedrich Zöllner

Zöllner gibt mit seinem kleinen Gedicht zu bedenken, dass man die Welt – scheinbar – auch dadurch er­leuchten kann, dass man sie in Brand steckt, und so lässt sich diese Fabel durchaus als erste Vari­ante jener „Dialektik der Aufklärung“ verstehen, die Theodor Adorno und Max Horkheimer im 20. Jahrhundert konstatierten: Eine rabiate, instrumentell verkürzte und losgelassene Ver­nunft kann in ihr Gegenteil umschlagen. Die Vernunft erkrankt, wenn sie zu einer „instrumentellen“ Vernunft wird und zu einem von einer wertfreien oder gar wertfeindlichen Zweck-Mittel-Logik gesteuerten Herrschaftsinstrument verkommt.

Wir werden darüber gleich noch weiter nachdenken, doch noch sind wir nicht soweit. Denn in derselben zuvor zitierten Nummer der Berlinischen Monatsschrift des Jahrgangs 1783 versuchte sich kein geringerer als Immanuel Kant an der Beantwortung der von Zöllner gestellten Frage nach Wesen und Struktur der Aufklä­rung.

Die Bestimmung, die Kant in seiner Zuschrift der Aufklärung gegeben hat, erscheint bis heute so gültig, so griffig, so klar, und auch so freimaurerisch, dass sie unverzichtbar ist für jede weitere Überlegung. Hören wir deshalb hin und folgen wir wieder einmal dem Gedankengang des Königsberger Philosophen:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! (Wage es, weise zu sein!) – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben – und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Daß aber ein Publikum – sprich: eine Gruppe von Menschen – sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unvermeidlich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit … abgeworfen haben, den … Beruf jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.“

Ein solches „Publikum, das sich selbst aufklärt“, wollen die Freimaurer nun auch heutzutage sein, ein Publikum, das genau hinschaut auf Fakten und Probleme, ein Publikum, das in einen Diskurs tritt mit anderen Menschen, um den Prozess der Aufklärung weiter zu bringen und hineinzutragen in unsere so unübersichtlich gewordene und zerrissene Gegenwart. „Erkenne dich selbst“, so heißt es im Aufnahmeritual der Großloge AFuAM, doch Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung sind für den Freimaurer untrennbar miteinander verbunden.

Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Ha­rald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annähe­rung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Eine der wirklich dramati­schen Gegenwartsfragen lautet doch zweifellos: Was, generell betrachtet, sind Fakten in der heutigen Medien­gesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Be­wusstsein längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesell­schaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alter­native Fakten“ (sprich Vorurteile oder gar Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, dann brauchen wir ebenso dringend wie eine feste Wert-orientierung genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all unserer Gegenwartsprobleme sowie eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen und der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Herbert Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses ist zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht nur der, welcher informiert, sondern auch der, welcher informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, kritikloses Für-wahr-Halten ist in sozialer Hinsicht ebenso schädlich wie die Manipulation der Wahrheit, und das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahr­heit ist der Zweifel“ bleibt Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer der Gegenwart.

Gehen wir also an die Arbeit meine Brüder im Lichte der Aufklärung aber auch mit jener Bescheidenheit innerer Erleuchtung, die verhindert, dass aus Aufklärung ein Fetisch wird, ein Schlagwort oder eine Ideologie. Bescheiden zu sein, gründlich im Nachdenken und redlich in der Vermittlung unserer Auffassungen, ist nicht nur ratsam für jeden Einzelnen von uns, es könnte sich auch als die entscheidende Qualität der Freimaurerei erweisen, wenn es darum geht, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Orientierung zu leisten in einer unübersichtlich gewordenen Welt.

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Von der Baukunst zur Lebenskunst

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100 Jahre „Bauhaus“ – ­Anmerkungen zu einer symbolischen Verwandtschaft zur „Bauhütte“.

Den Begriff „Bauhütte“ hat Goethe erstmals in einer Schrift von 1816 benutzt („Kunst und Altertum am Rhein und Main“). Zuvor sagte man einfach nur „Hütte“, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“.  Eine solche „Hütte“ war zunächst nicht mehr als ein zentrales Areal auf einer gotischen Dom-Baustelle mit einer einfachen Überdachung auf drei Hüttenpfeilern. Weil es beim Behauen der Steine staubte, war sie meist seitlich offen. Weil es dabei auch splitterte, trugen die Werkleute bei ihrer Arbeit am rauen Stein Schurze.  Der Begriff „Hütte“ hatte spätestens dann Berechtigung, als man dieses zentrale Areal auch als Versammlungs- und Beratungsstätte nutzte. Dort vertiefte man sich in die Baurisse, d. h. die Zeichnungen wurden aufgelegt, Pläne erörtert, man versuchte weitgehende Mitbestimmung.

Gropius machte aus der Bauhütte das Bauhaus

1919 hat Walter Gropius (1883–1969) die Bezeichnung „Bauhütte“ in den zeitgemäßeren Begriff „Bauhaus“ übersetzt und gesagt, wie er diese zentrale Versammlungsstätte sah, nämlich so wie einst: Als Stätte für ein „bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander“.  Das geschah bei den alten Bauhütten im besonderen Maße bei den vergleichsweise souveränen Steinmetzbruderschaften, die eine eigene Ordnung und eine eigene Rechtsprechung hatten und sich untereinander mit Zeichen, Wort und Griff auswiesen.

Die Freimaurer-Symbolik lehnt sich daran an. Aber auch die Bauhäusler verwendeten gewisse Rituale in Anlehnung an die alten Bruderschaften. „Bei Veranstaltungen wurden mittelalterliche Bauhüttenzeremonien nachgeahmt“, schreibt Frauke Mankartz („Das Bauhaus und der Gedanke der Dombauhütte“, 1999).

Die Bauhäusler haben bei allem Sinn für verbindende Architektur und gradlinige Formgebung immer auch Rückgriffe auf symbolische Entsprechungen praktiziert und zitiert. Auch das übernahmen sie — wie die Freimaurer — von den Bauhütten.
Von Walter Gropius stammt die Überlegung, man müsse „die geistig gleichgesinnten Werkleute wieder um sich sammeln. Zu enger, persönlicher Fühlung — so, wie der Meister der gotischen Dome in den Bauhütten des Mittelalters …“

Eine solche Idee bilde den „geistigen Nährboden“ des Bauhauses, behauptet Annemarie Jaeggi in einem redaktionellen Beitrag mit dem Titel: „Ein geheimnisvolles Mysterium: Bauhütten-Romantik und Freimaurerei am frühen Bauhaus“, 2005). Ja, eine „Idee“ sagt Bauhaus-Meister Mies van der Rohe, „nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten“.

Die Gedankenbrücke zwischen Bauhütte, Bauhaus und Freimaurerei reizt zum näheren Hinsehen. Interessanterweise tun das viele Nichtfreimaurer, wie beispielsweise Andreas Jahn, der in einem Essay mit dem schönen Titel „Konstruktion des Geheimnisses“ (für die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) 2011 schreibt: „Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Form-Meister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art.“

Dem Bauwerk und dem Leben Form und Inhalt geben

Gropius nahm diesen Bezug als symbolisches Idealbild des Miteinanders und Für­einanders, so, wie es sich auch die Freimaurer vorgestellt hatten. Daraus leitet sich ab, was Bauhäusler und Freimaurer gleichermaßen adaptiert haben: Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.

Im Sinne dieser Idee setzen beide – Bauhäusler und Freimaurer – symbolisches Material ein, was Andreas Jahn in seinem Essay sehr sinnfällig „Bausteine einer Denkbarkeit“ genannt hat. Ein treffendes Bild, denn wir tun ja doch eigentlich nichts anderes, als symbolische Bausteine (und Werkzeuge) einzusetzen, um darüber nachzudenken. Walter Gropius sagt: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“ Das symbolträchtige „Gebilde“ der alten „Bauhütte“ hat man am Bauhaus ebenso als „Gleichnis eines Gedankens“ verstanden, wie wir das in der Freimaurerei tun.

„Fast alle Zeichen scheinen einen dreifachen Sinn besessen zu haben“, schreibt Ludwig Keller („Zur Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheimnisse“, 1898). „… sie dienten einmal zur rituellen Symbolik, ferner zum Ausdruck sittlich-religiöser Vorstellungen und endlich zur Versinnbildlichung fachlicher Begriffe und Regeln.“ „Dieser mehrfache Sinn erschwert natürlich (bewusst!) für Uneingeweihte das Verständnis der Hüttensprache.“

Diese „Hüttensprache“ haben einige Bauhütten in Verse gefasst. Gereimte Texte waren leichter zu behalten, zumal nur wenige der Werkleute lesen und schreiben konnten. Als Beispiel mag ein altes „Stain-Mez-Büchlein“ aus dem 16. Jahrhundert gelten. Ein Gedicht (Auszug) im „dreifachen Sinn“ daraus (sprachlich auf unser Verständnis abgestimmt):

„Was in Stein-Kunst zu sehen ist:
dass kein Irr- noch Abweg ist.
Sonder Schnur recht, ein Lineal
durchzogen den Zirkel überall.
So findest du Drei in viere stehn
und also durch eins ins Zentrum gehen …“

Ein Nichteingeweihter kann damit nichts anfangen. „Eingeweihte“, wie symbolgeübte Freimaurer, sind immer noch in der Lage, einiges davon zu übersetzen: „Kunst“ und „Ohne Irr- und Abwege“ — das ist zunächst Ausdruck der Tradition und des Selbstbewusstseins der Steinmetze. Mit Schnur und Lineal ist die Bleiwaage oder Winkelwaage gemeint, mit einer Lot-Schnur (an der das Senkblei hängt). Mit beiden kann man einen rechten Winkel darstellen.
Das Fundament (das Niveau) war sichergestellt, wenn sich das Lot in der Mittelkerbe eingependelt hatte. Symbolisch kennzeichnet das die gleiche Ebene aller, auf der wir uns gleichberechtigt begegnen.
Des „Zirkels Kunst und Gerechtigkeit“ galt seit alten Zeiten als Werkzeug, mit dem man rationale wie irrationale Kreise ziehen und übertragen konnte („Gedankenkreise“).
„Drei“ schrieb man damals deswegen in Versalien, um die „heilige Zahl“ hervorzuheben. Vier steht für ein konstruiertes Quadrat, in dem ein gleichseitiges Dreieck steht. Das „Zentrum“ ist hier der gemeinsame Mittelpunkt (der Konstruktionszeichnung und des Denkens). Das alte Gedicht aus dem Steinmetz-Büchlein geht natürlich noch sehr viel weiter als der oben zitierte Ausschnitt. Die gereimte Symbolik führt letztlich zu einer Konstruktionszeichnung.
Über solche Verschlüsselungen konnten die Bauhäusler auch spotten. Oskar Schlemmer:

„Fort mit allem Eigendünkel,
Glück ist nur im rechten Winkel.
In diesem Zeichen wirst du siegen,
sterben oder Kinder kriegen.“

In den Werkstätten der Bauhaus-Meister

Symbolische Entsprechungen aus den alten Bauhütten finden sich in vielfältiger Form am Bauhaus. Marcel Breuer, der berühmte Designer, schuf zum Beispiel 1921 einen ganz besonderen Chair für seinen Chairman.
Christoph Wagner von der Uni Saarland, schreibt („Das Bauhaus und die Esoterik“, 2005), Marcel Breuer habe ein Stuhl-Unikat designed als eine Art „Thron für den Bauhaus-Direktor Walter Gropius in seiner Rolle als Meister der Bauloge“.

Nun gab es den „Meister vom Stuhl“ am Bauhaus nicht, obwohl man beim Stuhl-Designer Breuer und beim Seitenblick auf die Freimaurerei vielleicht darauf hätte kommen können. Und auch die Definition der „Bauloge“ gab es nicht, wohl aber das, was sie meinte: Eine enge, „verschworene“ Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nur nach bestimmten Kriterien aufnahm. Der Nicht-Freimaurer Gropius war ihr „Meister“.
Im Bauhaus hießen alle Lehrkräfte „Meister“, und die Klassen hießen bei Gropius „Werkstätten“. Wer sich im Bauhaus einschrieb, war zunächst „Lehrling“. Gropius: „Die Werklehre des Bauhauses soll den Lehrling zur … Arbeit vorbereiten … Erst der Geselle ist durch Werk- und Formenlehre geistig und werklich reif geworden zur Mitarbeit am Bau.“

Lehrling — Geselle — Meister. Klassischer Auf­bau des Lernens und Könnens, wie das schon in der alten Bauhütte praktiziert wurde. Werklehre gehört dazu und auch die „geistige“ Reife. Freimaurerei und Bauhaus hatten in ihrer spekulativen Anlehnung an die operative „Hütte“ ganz ähnliche Wege im Sinn: „Erkenntnisstufen“. Stufenweise Vertiefung. Aber auch immer wieder die gemeinsame Lehrlingsarbeit im ersten Grad. Gropius sprach von „Künstlern und Handwerkern aller Grade“, die sich „zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben“.

Ja, es gab auch „esoterische Denkfiguren und Bildvorstellungen“, die „in geheimnisvollen symbolischen Kodierungen weitreichende Fragen zur esoterisch-geistigen Kultur“ am Bauhaus aufwerfen (Christoph Wagner, 2005). „Esoterik“, aus der griechischen Wortwurzel „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“, ist etwas, was sich dem Außenstehenden nicht erschließt. „Symbolische Kodierungen“ nennt Wagner das. Also Sehbilder, die für Eingeweihte zu Denkbildern werden, wie unsere freimaurerischen Symbole auch. Solche Bilderwelten waren am Bauhaus und in der Freimaurerei Chiffren aus der Welt des Bauens, die sich dazu anboten, aus „Bauen“ auch „Leben“ zu denken.

Die Ideale gleichen einander

Der Bauhäusler Hannes Mayer deutet 1927 „Leben“ als „Drang zur Harmonie“, und er sagt: „Arbeiten heißt: Suchen nach der harmonischen Daseinsform.“ Unser Verständnis von „Tempelarbeit“ ist da wohl sehr ähnlich.
Das ist im Kern dasselbe Ideal, an welches die Bauhaus-Denker dachten. Der „neue Baugeist“, sagt Gropius, „bedeutet Ausgleich der Gegensätze.“ Wie gleicht man Gegensätze aus? Indem man sie toleriert.
Auch das Musivische Pflaster im Westen ist die „gleiche Ebene“. Selbstfindung und Sinnsuche beginnen dort, wo das symbolische Fundament für den Bau gedacht werden darf, der himmelwärts strebt wie eine Kathedrale, wie ein Dom, wie ein imaginärer Tempel.

Am Bauhaus wurde „die Kathedrale des Mittelalters … zum Leitbild, die Bauhütte zum Ideal“, schreibt Hanno Rautenberg unter der Überschrift „Die ganze Welt ein Bauhaus“ in der Wochenzeitung die „Die Zeit“ (2009).
„Weltoffene Gemeinschaftsarbeit am großen Bau einer humaneren Gesellschaft“ hat Michael Siebenbrodt die Bauhaus-Idee 1925 genannt. Diesen Gedanken hatte auch Gropius als „Großen Bau“ bezeichnet und gefordert: Wir müssen ihn gemeinsam „wollen, erdenken, erschaffen“.

„Warum nennen wir uns Freimaurer?“, heißt es im AFAM-Ritual. Antwort: „Weil wir als freie Männer am großen Bau arbeiten.“ „An welchem Bau, mein Bruder?“ — „Wir bauen den Tempel der Humanität.“
Die Arbeit am „Großen Bau“ war und ist die Idee des Großen Ganzen. Der ideelle Tempel, die idealistisch gedachte Kathedrale. Daran wollte man am Bauhaus als „verschworene Geistes- und Werkgemeinschaft“ (Peter Hahne, 1993) arbeiten, nach Gropius „ohne klassentrennende Anmaßung“.

Das Machbare des Denkbaren tun

Wir Freimaurer nennen so etwas „Brüderlichkeit“ und sagen: „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus.“ Wir begreifen uns als Idealisten, die das Phantastische denken. Die freilich aber auch nicht müde werden (sollten), das Machbare des Denkbaren zu tun. Ideal und Alltag. Es ist der gleiche Zwiespalt zwischen Ideal und Alltag, der auch Walter Gropius und die Seinen umtrieb. Einige haben die Alltagserfahrung schmerzlich empfunden. Oskar Schlemmer beispielsweise mit der Reminiszenz an die Dombauhütten: „Der Gedanke an den Dom ist vorläufig in den Hintergrund getreten. Heute ist es so, dass wir bestenfalls ein Haus denken dürfen.“ Auch die große Idee des freimaurerischen Tempelbaus ist manchmal nur ein bescheidenes Haus, aber immerhin hat unser symbolischer Baugedanke auch mal in einer „Hütte“ angefangen. Um daraus einen Tempel zu denken, braucht man Ideale, Utopien, Träume. Auch das sind Stichworte zur Verwandtschaft von Bauhaus und Freimaurerei. In einem Instruktionstext unserer Großloge heißt es u. a.: „Solange es Kunde von Menschen gibt, haben sie versucht, in Bildern festzuhalten, was ihnen bedeutsam erschien. Dabei handelt es sich nicht nur um Aufzeichnungen äußeren Geschehens, sondern auch um solche inneren Erlebens. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Intellekt zu fördern“, sondern die Seele anzusprechen. Das sahen die Bauhaus-Künstler ganz ähnlich.

Bauhaus-Symbolik und freimaurerische Symbolik kommen aus der Welt des Bauens. Die ist ohne die Welt der Kunst nicht zu denken. Es war immer der Künstler, der den Menschen lehrt, die Welt zu sehen. Der kreative Akt der Gestaltung, der Formgebung, ist sinnbildlich auf das Leben zu übertragen. Man gibt seinem Leben Form und Inhalt. So, wie der Künstler seinem Kunstwerk Form und Inhalt gibt.  Die geistige und symbolische Nähe zu den Freimaurern war den Bauhäuslern durchaus bewusst, aber sie waren ein Werkbund eigener Prägung. Sie lehrten und lebten einen eigenen Stil. „Wir müssen uns immer vor Augen halten“, sagt Gropius, „dass das Bauhaus eine Bildungsstätte sein soll.“ Darunter verstand er Menschenbildung plus fachliche Ausbildung. Aus dieser Symbiose sollten beispielhafte Architekturen und menschengerechte Designs entstehen. Gradlinig und zeitlos, wie wir das heute immer noch, oder besser: wieder verstehen.

Das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Idee 2019 mag uns an symbolische Verwandtschaften mit den Bauhütten erinnern, die am Schluss eines Gedichtes um das „Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund“ gemahnen:

„Hier habt ihr die ganze Kunst,
versteht ihr‘s nicht, so ist‘s umsonst.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Neujahrsempfang in Hamburg

Neujahrsempfang in Hamburg, Foto: Martin Brinckmann

In einer gemeinschaftlichen Veranstaltung begingen die Hamburger Freimaurer ihr "Neujahrsfest". Als Festredner referierte Prof. Michael Otto zum Thema "Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?"

Zur Zeit dominiert eine Fülle von Zukunftsängsten die gesellschaftspolitische Debatte, wobei neben dem vielbeschworenen Klimawandel auch das Stichwort „Digitalisierung“ die Gemüter nachhaltig bewegt. Da hat sich der Distrikt Hamburg als Ideengeber und federführend in der Vorbereitung und Ausführung des NEUJAHRSEMPFANGS am 2. September 2019 im Namen aller Freimaurerlogen in Hamburg sowie in Kooperation mit den Großlogen der Vereinigten Großlogen von Deutschland und den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland, der Provinzialloge von Niedersachsen und der Großloge Humanitas die Auseinandersetzung mit dem Thema „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ und seinem Festredner Prof. Dr. Michael Otto konstruktiv eingemischt.

Der oft unterstellte Vorwurf, die Freimaurer würden sich nur mit sich selbst – zurückgezogen in ihren eigen Mauern – beschäftigen, wurde an diesem Abend in der Tat eindrucksvoll widerlegt. Eine breite Öffentlichkeit und ein Fernsehteam von „Hamburg 1“ bekundeten neben vielen Logen ihr großes Interesse an der Veranstaltung im Logenhaus der Privinzialloge von Niedersachsen.

Als dessen Hausherr begrüßte Br. Uwe Dörger alle Anwesenden im vollbesetzten Großen Mozart-Saal, ihnen voran den Festredner, masonisch den Großmeister A.F.u.A.M., Br. (Prof. Dr.) Stephan Roth-Kleyer, den VGL-Großmeister, Br. Christoph Bosbach, und dessen Stellvertreter, B. Bernd Brauer, sowie die Großmeisterin der Großloge Humanitas, Sr. Hanna Stadler-deCubas. Anschließend ergriff zu weiterer Begrüßung Distriktsmeister Br. Thomas Stuwe das Mikrophon am Rednerpult, erläuterte dem Auditorium den „Neujahrsempfang“ im September als „freimaurerische Zeitrechnung“ mit dem Ende des ersten Maurer-Halbjahres zu Johanni, dem 24. Juni, und dem Beginn des neuen Maurer-Halbjahres am 1. September, um sich dann der Persönlichkeit des Festredners, Prof. Dr. Michael Otto, zu widmen.

„Ein Leuchttum – las ich in der Vorbereitung über Ihr Unternehmen. Digitale Information sei wie Wasser, heißt es. Irgendwie sickert durch, welche Werte eine Firma vertritt.“ richtete der Distriktsmeister seine Worte an den Festredner und fügte u. a. zwei weitere Zitate hinzu (aus einem Leserbrief in der ZEIT): „Wir Menschen sind gefordert, die im Zeitalter der Aufklärung gewonnenen Erkenntnisse und Werte zu digitalisieren, wir brauchen neue Kompetenzen in allen Lebensbereichen.” sowie aus einer Finanzzeitschrift: „Durch Outsourcing und Digitalisierung gehen zunehmend Gemeinsamkeit und Vertrautheit verloren. Rituale helfen, die Gemeinschaft wieder zu stärken.”

Das Zitat ist für einen Freimaurer-Empfang natürlich eine Steilvorlage. Schließlich ist die rituelle Arbeit unser USP.“, bekannte Br. Thomas Stuwe und fasste danach die Biographie von Prof. Otto in knappen Daten zusammen: Abitur, Banklehre, Studium der Volkswirtschaft, Promotion. 1971 Vorstand im Unternehmen des Vaters, von 1981 bis 2007 Leitung der „Otto Group“ als Vorstandsvorsitzender sowie Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto. Initiator und Vorsitzender des Freundeskreises der Hochschule für bildende Künste Hamburg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Kulturkreis des BDI und Vorsitzender des Kuratoriums der Werner Otto Stiftung für medizinische Forschung. Und Br. Thomas Stuwe fuhr fort: „Ökologischen Aspekten misst Prof. Otto von jeher in der Führung seiner Unternehmensgruppe, aber auch bei seinen zahlreichen ehrenamtlichen Engagements, eine große Bedeutung bei.

Für sein Engagement wurde Prof. Otto vielfach ausgezeichnet, unter anderen mit dem Heinz Sielmann Ehrenpreis für seine herausragenden Leistungen im Bereich Natur- und Umweltschutz sowie mit dem Walter-Scheel-Preis“. Und neben weiteren Auszeichnungen wurde ihm 2013 von der Bürgerschaft und dem Senat die Würde eines Ehrenbürgers der Freien und Hansestadt Hamburg „für seine herausragenden Leistungen als Unternehmer sowie als Stifter, der über das Notwendige hinaus wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt“, verliehen. Soweit die gekürzten Ausführungen unseres Distriktsmeisters.

Festredner Michael Otto, Foto: Martin Brinckmann

Nach einem musikalischen Intermezzo folgte nun der Vortrag von Prof. Otto unter dem Titel „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ In seiner freien Rede schilderte er an der Vita seines großen Unternehmens die vielschichtige Entwicklung seiner Firmenstruktur zu einem weltweit vernetzten Konzern mithilfe einer gezielten Digitalisierung auf allen Ebenen, deren Planung und Anwendung 25 Jahre in Anspruch genommen haben. Die „Otto-Group“ hat bei dieser gigantischen Umstellung eines traditionsbewussten Konzerns in das neue digitale Zeitalter geradezu unerforschtes Terrain betreten, dessen Bewährung am eigenen Experiment erprobt werden musste – mit
allen Risiken, die eine Avangarde eingehen muss. Die „Otto-Group“ stellte sich dabei der Herausforderung, neben wirtschaftlicher Effizienz und notwendigem Erfolg den vielfältigen innovativen Maßnahmen auch die Balance der sozialen Verantwortung und der ökologischen Nachhaltigkeit zu gewährleisten, ein Vorhaben, das wahre digitale Pionierarbeit im Unternehmen erforderte.

Ergänzend sei hier der Festredner in der Zielsetzung seiner von ihm gegründeten „Umweltstiftung Michael Otto“ aus dem Internet ebenfalls zitiert: „Es geht mir bei meinem Wirken als Stifter insbesondere darum, Impulse für die Gestaltung zukunftsweisender Lösungen im Natur- und Umweltschutz zu setzen und diese in einem gesellschaftlichen Diskurs zu stärken. Wir haben deshalb die Stiftung von Beginn an auch als Dialogplattform und Brückenbauerin konzipiert.“

In seinem Festvortrag schilderte Prof. Otto eben nicht nur die Firmengeschichte der „Otto group“, sondern die damit verbundene Notwendigkeit, innovative Entwicklungen wie beispielsweise die Digitalisierung zu erkennen, anzuwenden und kritisch zu überprüfen, ob der gesellschaftliche Wertekanon dabei gewahrt bleibe, damit der Mensch den Zukunftsperspektiven nicht nur in der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen kann – ein echtes „Otto-Credo“! Kein Wunder, dass diese Botschaft im Auditorium kräftigen Beifall auslöste und dem „Neujahrsempfang“ eine sinnstiftende Richtung zuwies. So fügten sich auch die Schlussworte von Sr. Hanna Stadler-deCubas über das Streben der Freimaurerei nach mitmenschlicher Wertschätzung und Empathie nahtlos ein, verbunden mit der Einladung zu anregenden Gesprächen bei Fingerfood und Getränken im Kleinen Mozart-Saal. Von diesem Angebot machten viele der Anwesenden – einschließlich des Festredners – regen Gebrauch.

Bleibt unbedingt nachzutragen: Die musikalische Umrahmung besorgten in hinreißender Virtuosität die Kammermusikerin Frau Sabine Grofmeier (Klarinette) und Br. Jean Panajotoff (Konzertflügel). Beide ernteten den stürmischen Applaus eines begeisterten Publikums.

Summa summarum: Der Freimaurerbund hat mit seinem „Neujahrsempfang“ in Hamburg wieder einen Maßstab von Öffentlichkeitsarbeit angelegt, der nicht nur in der Hansestadt erneut eine anerkennende Beachtung und einen bemerkenswerten Zuspruch fand. Ein weiterer Baustein einer erfolgreichen Bewusstseinsbildung über Freimaurerei im öffentlichen Raum wurde so hinzugefügt. Und ganz nebenbei war das Gemeinschaftserlebnis unter den Beteiligten am Zustandekommen des „Neujahrsempfangs“ und dessen Unterstützung auch eine erfreuliche, motivierende Erfahrung, die man gern für weitere Aktivitäten nutzen darf.

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