Von der Baukunst zur Lebenskunst

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100 Jahre „Bauhaus“ – ­Anmerkungen zu einer symbolischen Verwandtschaft zur „Bauhütte“.

Den Begriff „Bauhütte“ hat Goethe erstmals in einer Schrift von 1816 benutzt („Kunst und Altertum am Rhein und Main“). Zuvor sagte man einfach nur „Hütte“, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“.  Eine solche „Hütte“ war zunächst nicht mehr als ein zentrales Areal auf einer gotischen Dom-Baustelle mit einer einfachen Überdachung auf drei Hüttenpfeilern. Weil es beim Behauen der Steine staubte, war sie meist seitlich offen. Weil es dabei auch splitterte, trugen die Werkleute bei ihrer Arbeit am rauen Stein Schurze.  Der Begriff „Hütte“ hatte spätestens dann Berechtigung, als man dieses zentrale Areal auch als Versammlungs- und Beratungsstätte nutzte. Dort vertiefte man sich in die Baurisse, d. h. die Zeichnungen wurden aufgelegt, Pläne erörtert, man versuchte weitgehende Mitbestimmung.

Gropius machte aus der Bauhütte das Bauhaus

1919 hat Walter Gropius (1883–1969) die Bezeichnung „Bauhütte“ in den zeitgemäßeren Begriff „Bauhaus“ übersetzt und gesagt, wie er diese zentrale Versammlungsstätte sah, nämlich so wie einst: Als Stätte für ein „bewusstes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander“.  Das geschah bei den alten Bauhütten im besonderen Maße bei den vergleichsweise souveränen Steinmetzbruderschaften, die eine eigene Ordnung und eine eigene Rechtsprechung hatten und sich untereinander mit Zeichen, Wort und Griff auswiesen.

Die Freimaurer-Symbolik lehnt sich daran an. Aber auch die Bauhäusler verwendeten gewisse Rituale in Anlehnung an die alten Bruderschaften. „Bei Veranstaltungen wurden mittelalterliche Bauhüttenzeremonien nachgeahmt“, schreibt Frauke Mankartz („Das Bauhaus und der Gedanke der Dombauhütte“, 1999).

Die Bauhäusler haben bei allem Sinn für verbindende Architektur und gradlinige Formgebung immer auch Rückgriffe auf symbolische Entsprechungen praktiziert und zitiert. Auch das übernahmen sie — wie die Freimaurer — von den Bauhütten.
Von Walter Gropius stammt die Überlegung, man müsse „die geistig gleichgesinnten Werkleute wieder um sich sammeln. Zu enger, persönlicher Fühlung — so, wie der Meister der gotischen Dome in den Bauhütten des Mittelalters …“

Eine solche Idee bilde den „geistigen Nährboden“ des Bauhauses, behauptet Annemarie Jaeggi in einem redaktionellen Beitrag mit dem Titel: „Ein geheimnisvolles Mysterium: Bauhütten-Romantik und Freimaurerei am frühen Bauhaus“, 2005). Ja, eine „Idee“ sagt Bauhaus-Meister Mies van der Rohe, „nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten“.

Die Gedankenbrücke zwischen Bauhütte, Bauhaus und Freimaurerei reizt zum näheren Hinsehen. Interessanterweise tun das viele Nichtfreimaurer, wie beispielsweise Andreas Jahn, der in einem Essay mit dem schönen Titel „Konstruktion des Geheimnisses“ (für die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) 2011 schreibt: „Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Form-Meister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art.“

Dem Bauwerk und dem Leben Form und Inhalt geben

Gropius nahm diesen Bezug als symbolisches Idealbild des Miteinanders und Für­einanders, so, wie es sich auch die Freimaurer vorgestellt hatten. Daraus leitet sich ab, was Bauhäusler und Freimaurer gleichermaßen adaptiert haben: Die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum.

Im Sinne dieser Idee setzen beide – Bauhäusler und Freimaurer – symbolisches Material ein, was Andreas Jahn in seinem Essay sehr sinnfällig „Bausteine einer Denkbarkeit“ genannt hat. Ein treffendes Bild, denn wir tun ja doch eigentlich nichts anderes, als symbolische Bausteine (und Werkzeuge) einzusetzen, um darüber nachzudenken. Walter Gropius sagt: „Jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Gedankens.“ Das symbolträchtige „Gebilde“ der alten „Bauhütte“ hat man am Bauhaus ebenso als „Gleichnis eines Gedankens“ verstanden, wie wir das in der Freimaurerei tun.

„Fast alle Zeichen scheinen einen dreifachen Sinn besessen zu haben“, schreibt Ludwig Keller („Zur Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheimnisse“, 1898). „… sie dienten einmal zur rituellen Symbolik, ferner zum Ausdruck sittlich-religiöser Vorstellungen und endlich zur Versinnbildlichung fachlicher Begriffe und Regeln.“ „Dieser mehrfache Sinn erschwert natürlich (bewusst!) für Uneingeweihte das Verständnis der Hüttensprache.“

Diese „Hüttensprache“ haben einige Bauhütten in Verse gefasst. Gereimte Texte waren leichter zu behalten, zumal nur wenige der Werkleute lesen und schreiben konnten. Als Beispiel mag ein altes „Stain-Mez-Büchlein“ aus dem 16. Jahrhundert gelten. Ein Gedicht (Auszug) im „dreifachen Sinn“ daraus (sprachlich auf unser Verständnis abgestimmt):

„Was in Stein-Kunst zu sehen ist:
dass kein Irr- noch Abweg ist.
Sonder Schnur recht, ein Lineal
durchzogen den Zirkel überall.
So findest du Drei in viere stehn
und also durch eins ins Zentrum gehen …“

Ein Nichteingeweihter kann damit nichts anfangen. „Eingeweihte“, wie symbolgeübte Freimaurer, sind immer noch in der Lage, einiges davon zu übersetzen: „Kunst“ und „Ohne Irr- und Abwege“ — das ist zunächst Ausdruck der Tradition und des Selbstbewusstseins der Steinmetze. Mit Schnur und Lineal ist die Bleiwaage oder Winkelwaage gemeint, mit einer Lot-Schnur (an der das Senkblei hängt). Mit beiden kann man einen rechten Winkel darstellen.
Das Fundament (das Niveau) war sichergestellt, wenn sich das Lot in der Mittelkerbe eingependelt hatte. Symbolisch kennzeichnet das die gleiche Ebene aller, auf der wir uns gleichberechtigt begegnen.
Des „Zirkels Kunst und Gerechtigkeit“ galt seit alten Zeiten als Werkzeug, mit dem man rationale wie irrationale Kreise ziehen und übertragen konnte („Gedankenkreise“).
„Drei“ schrieb man damals deswegen in Versalien, um die „heilige Zahl“ hervorzuheben. Vier steht für ein konstruiertes Quadrat, in dem ein gleichseitiges Dreieck steht. Das „Zentrum“ ist hier der gemeinsame Mittelpunkt (der Konstruktionszeichnung und des Denkens). Das alte Gedicht aus dem Steinmetz-Büchlein geht natürlich noch sehr viel weiter als der oben zitierte Ausschnitt. Die gereimte Symbolik führt letztlich zu einer Konstruktionszeichnung.
Über solche Verschlüsselungen konnten die Bauhäusler auch spotten. Oskar Schlemmer:

„Fort mit allem Eigendünkel,
Glück ist nur im rechten Winkel.
In diesem Zeichen wirst du siegen,
sterben oder Kinder kriegen.“

In den Werkstätten der Bauhaus-Meister

Symbolische Entsprechungen aus den alten Bauhütten finden sich in vielfältiger Form am Bauhaus. Marcel Breuer, der berühmte Designer, schuf zum Beispiel 1921 einen ganz besonderen Chair für seinen Chairman.
Christoph Wagner von der Uni Saarland, schreibt („Das Bauhaus und die Esoterik“, 2005), Marcel Breuer habe ein Stuhl-Unikat designed als eine Art „Thron für den Bauhaus-Direktor Walter Gropius in seiner Rolle als Meister der Bauloge“.

Nun gab es den „Meister vom Stuhl“ am Bauhaus nicht, obwohl man beim Stuhl-Designer Breuer und beim Seitenblick auf die Freimaurerei vielleicht darauf hätte kommen können. Und auch die Definition der „Bauloge“ gab es nicht, wohl aber das, was sie meinte: Eine enge, „verschworene“ Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nur nach bestimmten Kriterien aufnahm. Der Nicht-Freimaurer Gropius war ihr „Meister“.
Im Bauhaus hießen alle Lehrkräfte „Meister“, und die Klassen hießen bei Gropius „Werkstätten“. Wer sich im Bauhaus einschrieb, war zunächst „Lehrling“. Gropius: „Die Werklehre des Bauhauses soll den Lehrling zur … Arbeit vorbereiten … Erst der Geselle ist durch Werk- und Formenlehre geistig und werklich reif geworden zur Mitarbeit am Bau.“

Lehrling — Geselle — Meister. Klassischer Auf­bau des Lernens und Könnens, wie das schon in der alten Bauhütte praktiziert wurde. Werklehre gehört dazu und auch die „geistige“ Reife. Freimaurerei und Bauhaus hatten in ihrer spekulativen Anlehnung an die operative „Hütte“ ganz ähnliche Wege im Sinn: „Erkenntnisstufen“. Stufenweise Vertiefung. Aber auch immer wieder die gemeinsame Lehrlingsarbeit im ersten Grad. Gropius sprach von „Künstlern und Handwerkern aller Grade“, die sich „zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben“.

Ja, es gab auch „esoterische Denkfiguren und Bildvorstellungen“, die „in geheimnisvollen symbolischen Kodierungen weitreichende Fragen zur esoterisch-geistigen Kultur“ am Bauhaus aufwerfen (Christoph Wagner, 2005). „Esoterik“, aus der griechischen Wortwurzel „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“, ist etwas, was sich dem Außenstehenden nicht erschließt. „Symbolische Kodierungen“ nennt Wagner das. Also Sehbilder, die für Eingeweihte zu Denkbildern werden, wie unsere freimaurerischen Symbole auch. Solche Bilderwelten waren am Bauhaus und in der Freimaurerei Chiffren aus der Welt des Bauens, die sich dazu anboten, aus „Bauen“ auch „Leben“ zu denken.

Die Ideale gleichen einander

Der Bauhäusler Hannes Mayer deutet 1927 „Leben“ als „Drang zur Harmonie“, und er sagt: „Arbeiten heißt: Suchen nach der harmonischen Daseinsform.“ Unser Verständnis von „Tempelarbeit“ ist da wohl sehr ähnlich.
Das ist im Kern dasselbe Ideal, an welches die Bauhaus-Denker dachten. Der „neue Baugeist“, sagt Gropius, „bedeutet Ausgleich der Gegensätze.“ Wie gleicht man Gegensätze aus? Indem man sie toleriert.
Auch das Musivische Pflaster im Westen ist die „gleiche Ebene“. Selbstfindung und Sinnsuche beginnen dort, wo das symbolische Fundament für den Bau gedacht werden darf, der himmelwärts strebt wie eine Kathedrale, wie ein Dom, wie ein imaginärer Tempel.

Am Bauhaus wurde „die Kathedrale des Mittelalters … zum Leitbild, die Bauhütte zum Ideal“, schreibt Hanno Rautenberg unter der Überschrift „Die ganze Welt ein Bauhaus“ in der Wochenzeitung die „Die Zeit“ (2009).
„Weltoffene Gemeinschaftsarbeit am großen Bau einer humaneren Gesellschaft“ hat Michael Siebenbrodt die Bauhaus-Idee 1925 genannt. Diesen Gedanken hatte auch Gropius als „Großen Bau“ bezeichnet und gefordert: Wir müssen ihn gemeinsam „wollen, erdenken, erschaffen“.

„Warum nennen wir uns Freimaurer?“, heißt es im AFAM-Ritual. Antwort: „Weil wir als freie Männer am großen Bau arbeiten.“ „An welchem Bau, mein Bruder?“ — „Wir bauen den Tempel der Humanität.“
Die Arbeit am „Großen Bau“ war und ist die Idee des Großen Ganzen. Der ideelle Tempel, die idealistisch gedachte Kathedrale. Daran wollte man am Bauhaus als „verschworene Geistes- und Werkgemeinschaft“ (Peter Hahne, 1993) arbeiten, nach Gropius „ohne klassentrennende Anmaßung“.

Das Machbare des Denkbaren tun

Wir Freimaurer nennen so etwas „Brüderlichkeit“ und sagen: „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus.“ Wir begreifen uns als Idealisten, die das Phantastische denken. Die freilich aber auch nicht müde werden (sollten), das Machbare des Denkbaren zu tun. Ideal und Alltag. Es ist der gleiche Zwiespalt zwischen Ideal und Alltag, der auch Walter Gropius und die Seinen umtrieb. Einige haben die Alltagserfahrung schmerzlich empfunden. Oskar Schlemmer beispielsweise mit der Reminiszenz an die Dombauhütten: „Der Gedanke an den Dom ist vorläufig in den Hintergrund getreten. Heute ist es so, dass wir bestenfalls ein Haus denken dürfen.“ Auch die große Idee des freimaurerischen Tempelbaus ist manchmal nur ein bescheidenes Haus, aber immerhin hat unser symbolischer Baugedanke auch mal in einer „Hütte“ angefangen. Um daraus einen Tempel zu denken, braucht man Ideale, Utopien, Träume. Auch das sind Stichworte zur Verwandtschaft von Bauhaus und Freimaurerei. In einem Instruktionstext unserer Großloge heißt es u. a.: „Solange es Kunde von Menschen gibt, haben sie versucht, in Bildern festzuhalten, was ihnen bedeutsam erschien. Dabei handelt es sich nicht nur um Aufzeichnungen äußeren Geschehens, sondern auch um solche inneren Erlebens. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Intellekt zu fördern“, sondern die Seele anzusprechen. Das sahen die Bauhaus-Künstler ganz ähnlich.

Bauhaus-Symbolik und freimaurerische Symbolik kommen aus der Welt des Bauens. Die ist ohne die Welt der Kunst nicht zu denken. Es war immer der Künstler, der den Menschen lehrt, die Welt zu sehen. Der kreative Akt der Gestaltung, der Formgebung, ist sinnbildlich auf das Leben zu übertragen. Man gibt seinem Leben Form und Inhalt. So, wie der Künstler seinem Kunstwerk Form und Inhalt gibt.  Die geistige und symbolische Nähe zu den Freimaurern war den Bauhäuslern durchaus bewusst, aber sie waren ein Werkbund eigener Prägung. Sie lehrten und lebten einen eigenen Stil. „Wir müssen uns immer vor Augen halten“, sagt Gropius, „dass das Bauhaus eine Bildungsstätte sein soll.“ Darunter verstand er Menschenbildung plus fachliche Ausbildung. Aus dieser Symbiose sollten beispielhafte Architekturen und menschengerechte Designs entstehen. Gradlinig und zeitlos, wie wir das heute immer noch, oder besser: wieder verstehen.

Das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Idee 2019 mag uns an symbolische Verwandtschaften mit den Bauhütten erinnern, die am Schluss eines Gedichtes um das „Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund“ gemahnen:

„Hier habt ihr die ganze Kunst,
versteht ihr‘s nicht, so ist‘s umsonst.“

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 4-2019.

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Neujahrsempfang in Hamburg

Neujahrsempfang in Hamburg, Foto: Martin Brinckmann

In einer gemeinschaftlichen Veranstaltung begingen die Hamburger Freimaurer ihr "Neujahrsfest". Als Festredner referierte Prof. Michael Otto zum Thema "Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?"

Zur Zeit dominiert eine Fülle von Zukunftsängsten die gesellschaftspolitische Debatte, wobei neben dem vielbeschworenen Klimawandel auch das Stichwort „Digitalisierung“ die Gemüter nachhaltig bewegt. Da hat sich der Distrikt Hamburg als Ideengeber und federführend in der Vorbereitung und Ausführung des NEUJAHRSEMPFANGS am 2. September 2019 im Namen aller Freimaurerlogen in Hamburg sowie in Kooperation mit den Großlogen der Vereinigten Großlogen von Deutschland und den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland, der Provinzialloge von Niedersachsen und der Großloge Humanitas die Auseinandersetzung mit dem Thema „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ und seinem Festredner Prof. Dr. Michael Otto konstruktiv eingemischt.

Der oft unterstellte Vorwurf, die Freimaurer würden sich nur mit sich selbst – zurückgezogen in ihren eigen Mauern – beschäftigen, wurde an diesem Abend in der Tat eindrucksvoll widerlegt. Eine breite Öffentlichkeit und ein Fernsehteam von „Hamburg 1“ bekundeten neben vielen Logen ihr großes Interesse an der Veranstaltung im Logenhaus der Privinzialloge von Niedersachsen.

Als dessen Hausherr begrüßte Br. Uwe Dörger alle Anwesenden im vollbesetzten Großen Mozart-Saal, ihnen voran den Festredner, masonisch den Großmeister A.F.u.A.M., Br. (Prof. Dr.) Stephan Roth-Kleyer, den VGL-Großmeister, Br. Christoph Bosbach, und dessen Stellvertreter, B. Bernd Brauer, sowie die Großmeisterin der Großloge Humanitas, Sr. Hanna Stadler-deCubas. Anschließend ergriff zu weiterer Begrüßung Distriktsmeister Br. Thomas Stuwe das Mikrophon am Rednerpult, erläuterte dem Auditorium den „Neujahrsempfang“ im September als „freimaurerische Zeitrechnung“ mit dem Ende des ersten Maurer-Halbjahres zu Johanni, dem 24. Juni, und dem Beginn des neuen Maurer-Halbjahres am 1. September, um sich dann der Persönlichkeit des Festredners, Prof. Dr. Michael Otto, zu widmen.

„Ein Leuchttum – las ich in der Vorbereitung über Ihr Unternehmen. Digitale Information sei wie Wasser, heißt es. Irgendwie sickert durch, welche Werte eine Firma vertritt.“ richtete der Distriktsmeister seine Worte an den Festredner und fügte u. a. zwei weitere Zitate hinzu (aus einem Leserbrief in der ZEIT): „Wir Menschen sind gefordert, die im Zeitalter der Aufklärung gewonnenen Erkenntnisse und Werte zu digitalisieren, wir brauchen neue Kompetenzen in allen Lebensbereichen.” sowie aus einer Finanzzeitschrift: „Durch Outsourcing und Digitalisierung gehen zunehmend Gemeinsamkeit und Vertrautheit verloren. Rituale helfen, die Gemeinschaft wieder zu stärken.”

Das Zitat ist für einen Freimaurer-Empfang natürlich eine Steilvorlage. Schließlich ist die rituelle Arbeit unser USP.“, bekannte Br. Thomas Stuwe und fasste danach die Biographie von Prof. Otto in knappen Daten zusammen: Abitur, Banklehre, Studium der Volkswirtschaft, Promotion. 1971 Vorstand im Unternehmen des Vaters, von 1981 bis 2007 Leitung der „Otto Group“ als Vorstandsvorsitzender sowie Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto. Initiator und Vorsitzender des Freundeskreises der Hochschule für bildende Künste Hamburg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Kulturkreis des BDI und Vorsitzender des Kuratoriums der Werner Otto Stiftung für medizinische Forschung. Und Br. Thomas Stuwe fuhr fort: „Ökologischen Aspekten misst Prof. Otto von jeher in der Führung seiner Unternehmensgruppe, aber auch bei seinen zahlreichen ehrenamtlichen Engagements, eine große Bedeutung bei.

Für sein Engagement wurde Prof. Otto vielfach ausgezeichnet, unter anderen mit dem Heinz Sielmann Ehrenpreis für seine herausragenden Leistungen im Bereich Natur- und Umweltschutz sowie mit dem Walter-Scheel-Preis“. Und neben weiteren Auszeichnungen wurde ihm 2013 von der Bürgerschaft und dem Senat die Würde eines Ehrenbürgers der Freien und Hansestadt Hamburg „für seine herausragenden Leistungen als Unternehmer sowie als Stifter, der über das Notwendige hinaus wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt“, verliehen. Soweit die gekürzten Ausführungen unseres Distriktsmeisters.

Festredner Michael Otto, Foto: Martin Brinckmann

Nach einem musikalischen Intermezzo folgte nun der Vortrag von Prof. Otto unter dem Titel „Verschwinden mit der Digitalisierung unsere Werte?“ In seiner freien Rede schilderte er an der Vita seines großen Unternehmens die vielschichtige Entwicklung seiner Firmenstruktur zu einem weltweit vernetzten Konzern mithilfe einer gezielten Digitalisierung auf allen Ebenen, deren Planung und Anwendung 25 Jahre in Anspruch genommen haben. Die „Otto-Group“ hat bei dieser gigantischen Umstellung eines traditionsbewussten Konzerns in das neue digitale Zeitalter geradezu unerforschtes Terrain betreten, dessen Bewährung am eigenen Experiment erprobt werden musste – mit
allen Risiken, die eine Avangarde eingehen muss. Die „Otto-Group“ stellte sich dabei der Herausforderung, neben wirtschaftlicher Effizienz und notwendigem Erfolg den vielfältigen innovativen Maßnahmen auch die Balance der sozialen Verantwortung und der ökologischen Nachhaltigkeit zu gewährleisten, ein Vorhaben, das wahre digitale Pionierarbeit im Unternehmen erforderte.

Ergänzend sei hier der Festredner in der Zielsetzung seiner von ihm gegründeten „Umweltstiftung Michael Otto“ aus dem Internet ebenfalls zitiert: „Es geht mir bei meinem Wirken als Stifter insbesondere darum, Impulse für die Gestaltung zukunftsweisender Lösungen im Natur- und Umweltschutz zu setzen und diese in einem gesellschaftlichen Diskurs zu stärken. Wir haben deshalb die Stiftung von Beginn an auch als Dialogplattform und Brückenbauerin konzipiert.“

In seinem Festvortrag schilderte Prof. Otto eben nicht nur die Firmengeschichte der „Otto group“, sondern die damit verbundene Notwendigkeit, innovative Entwicklungen wie beispielsweise die Digitalisierung zu erkennen, anzuwenden und kritisch zu überprüfen, ob der gesellschaftliche Wertekanon dabei gewahrt bleibe, damit der Mensch den Zukunftsperspektiven nicht nur in der Arbeitswelt mit Zuversicht begegnen kann – ein echtes „Otto-Credo“! Kein Wunder, dass diese Botschaft im Auditorium kräftigen Beifall auslöste und dem „Neujahrsempfang“ eine sinnstiftende Richtung zuwies. So fügten sich auch die Schlussworte von Sr. Hanna Stadler-deCubas über das Streben der Freimaurerei nach mitmenschlicher Wertschätzung und Empathie nahtlos ein, verbunden mit der Einladung zu anregenden Gesprächen bei Fingerfood und Getränken im Kleinen Mozart-Saal. Von diesem Angebot machten viele der Anwesenden – einschließlich des Festredners – regen Gebrauch.

Bleibt unbedingt nachzutragen: Die musikalische Umrahmung besorgten in hinreißender Virtuosität die Kammermusikerin Frau Sabine Grofmeier (Klarinette) und Br. Jean Panajotoff (Konzertflügel). Beide ernteten den stürmischen Applaus eines begeisterten Publikums.

Summa summarum: Der Freimaurerbund hat mit seinem „Neujahrsempfang“ in Hamburg wieder einen Maßstab von Öffentlichkeitsarbeit angelegt, der nicht nur in der Hansestadt erneut eine anerkennende Beachtung und einen bemerkenswerten Zuspruch fand. Ein weiterer Baustein einer erfolgreichen Bewusstseinsbildung über Freimaurerei im öffentlichen Raum wurde so hinzugefügt. Und ganz nebenbei war das Gemeinschaftserlebnis unter den Beteiligten am Zustandekommen des „Neujahrsempfangs“ und dessen Unterstützung auch eine erfreuliche, motivierende Erfahrung, die man gern für weitere Aktivitäten nutzen darf.

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Starkes Zeichen für weltweiten Bruderbund

Die Freimaurerloge Zur alten Linde feiert 164. Stiftungsfest mit Brüdern aus England,Österreich, Stuttgart und Herne – Partnerinnen waren beim Schwesternfest dabei.

Dortmund. Die Weltbruderkette verbindet Freimaurer in der ganzen Welt: Während Brexit, nationale Interessen im internationalen Handel und unterschiedliche Vorstellungen über Normen und Werte zu Spannungen und Streit führen, fühlen sich Millionen Freimaurer auf der ganzen Welt auch heute noch durch die Ideale der Aufklärung verbunden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie Menschenliebe und Toleranz sind ihnen wichtig. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass beim 164. Stiftungsfest der humanitären Freimaurerloge “Zur alten Linde” in Dortmund viele besuchende Brüder aus Wiltshire (England), Wien (Österreich), Stuttgart und Herne dabei waren.

Im Logenhaus an der Landgrafenstraße hielt Meister vom Stuhl Harald Ulbrich eine Festarbeit im Lehrlingsgrad ab, bei der auch ein neuer Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Beim anschließenden Schwesternfest waren die Ehefrauen und Partnerinnen der Freimaurer geladen – und hörten eine außergewöhnliche Rede von Alt-Großmeister Axel Pohlmann. Anschließend ging es zur Festtafel ins Restaurant „Syght“ im Casino Hohensyburg. Dort kam es schon
während des Trinkspruchs auf die Vaterländer der Gäste zu Gänsehaut-Momenten, als Freimaurer und Damen die Nationalhymnen Österreichs, Englands und Deutschlands sangen.

Neben Arbeit und Feierlichkeiten stand die gute Tat im Mittelpunkt des Stiftungsfestes. „Wir Freimaurer fühlen uns der Humanität verpflichtet“, erklärt Harald Ulbrich. So war den Brüdern der Alten Linde nicht entgangen, dass der Dortmunder Journalist Dirk Planert sich beinahe übermenschlich für Menschlichkeit einsetzt. Während des Bosnienkrieges war Dirk Planert 1994 in Bihac, um zu helfen. 25 Jahre danach kehrte er in diesem Jahr dorthin zurück und musste mit ansehen, wie aus Opfern Täter wurden. Behörden vor Ort hatten rd. 1.000 Geflüchtete, die über die Balkanroute kamen, auf einer ehemaligen Müllkippe
untergebracht. Die Not war groß und Dirk Planert half. Die Freimaurer ihrerseits wollten nun helfen, wenn auch nicht vor Ort, dann doch wenigstens finanziell. Knapp 1.200 Euro Spenden kamen für das Projekt des Dortmunders zusammen.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten des Stiftungsfestes mit einem Meet & Greet aller Beteiligten, bei dem mit selbstgemachter Musik die Weltbruderkette verstärkt wurde. Der Besuch des Ballettzentrums mit ergreifenden Vorführungen der Tänzerinnen und Tänzer sowie Erläuterungen vom Chefdramaturg Dr. Beier, die Werbung für Dortmund waren, bildete den kulturellen Höhepunkt. Bei einem Abendessen in einem italienischen Restaurant klang das Stiftungsfest-Wochenende am Sonntagabend aus.

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Eine freimaurerische Vision

Foto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Das Wort „Vision“ leitet sich von lateinisch „visio“ ab und bedeutet „Erscheinung“ bzw. „Anblick“. Als „Vision“ wird ein subjektives Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem bezeichnet, das aber dem erlebenden Visionär als wirklich erscheint.

Von Alexander Trettin

Im Mittelalter wurden „Visionen“ noch religiös gedeutet – im Sinne einer Einwirkung durch eine jenseitige Macht. Im Zeitalter der Aufklärung, erhielt der Ausdruck „Vision“ auch die etwas negativeren Nebenbedeutungen „Einbildung“, „Trugbild“, „Wahnbild“, „Traumbild“, und „Fantasievorstellung“. Sobald „Visionen“ einen Zukunftsbezug beinhalten, spricht man von „Zukunftsvisionen“ im Sinne einer Wunschvorstellung. Diese kann eine für realisierbar gehaltene „Utopie“ aufweisen. Gemeint sind dann meist kühn wirkende „Entwürfe“, „Konzepte“ und „Ideale“. Visionen nehmen ihren Anfang in der „Fantasie“. Mittels unserer Fantasie erträumen wir uns gelegentlich eine bessere Zukunft. Deshalb stellt sich mir die Frage, wie heutzutage eine Vision von einer besseren Zukunft, unter freimaurerischen Gesichtspunkten aussehen könnte? Auf jeden Fall bräuchte es hierfür „Visionäre“. Ein „Visionär“ ist jemand, der mutige, bahnbrechende Ideen formuliert und verwirklicht. Sind wir Freimaurer heutzutage noch Visionäre? Gibt es genügend Visionäre in unserem Bund?

Natürlich gibt es Brüder, die bereits mit der Bearbeitung ihres „rauen Steins“ vollends ausgelastet sind und keine Zeit für Visionen haben. Sicherlich gibt es auch Brüder unter uns, die es mit dem Zitat von Helmut Schmidt halten und denken, dass diejenigen, die Visionen haben, lieber zum Arzt gehen sollten. Dann gibt es wahrscheinlich auch noch die Brüder, die insgeheim denken, dass sich jemand anderes um die Zukunftsgestaltung kümmern sollte. All diesen Brüdern sei gesagt, dass das visionäre Denken im freimaurerischen Sinne gelernt und eingeübt sein will. Das Denken an sich beinhaltet nämlich nur eine Illusion von Macht, mit der die meisten Menschen — ungeübt — nicht umgehen können. Zum Glück gibt es die Toleranz! Wir sollten in diesem Zusammenhang nur aufpassen, dass wir nicht irgendwann — so wie Br. Werner Güttler es ausgedrückt hat – „toler-ranzig“ werden.

C. G. Jung (1967, S. 347 f.) wiederum definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, sich aber im wachen Zustand abspiele. Die Vision tritt aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung und ist somit „nichts anderes als ein momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins“. Visionen können aber auch im Traum empfangen werden. Ist das, was wir gerade erleben, Wirklichkeit oder nur ein Traum? Der berühmte taoistische Philosoph Zhuang Zi (1994, vgl. S. 52) träumte eines Nachts, er wäre ein Schmetterling, der mit sorgloser Leichtigkeit herumflog. Der Traum war so real für ihn, dass er, als er erwachte, sich fragte, ob er Zhunag Zi war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ob er wirklich ein Schmetterling war, der träumte, er sei Zhuang Zi. Wenn ein Traum real scheint, wie kann man feststellen, was die Realität ist?

Auch in der Antike gab es Erklärungen dafür, warum wir träumen und was den Zustand des Träumens von dem des Wachseins abgrenzt. Dazu ein Beispiel: Schon in Homers „Odyssee“ (19. Gesang) kündigt sich Penelope das Kommende im Traum an. Sie träumt von zwanzig Gänsen in ihrem Haus, die sich an ihrem Weizen gütlich tun und dann von einem Adler getötet werden. Der Adler gibt sich ihr kurz darauf als Odysseus zu erkennen. Wenig später, in der Wirklichkeit, tötet Odysseus tatsächlich einige ungebetene Gäste in seinem eigenen Haus. Sind Träume nur unterbewusste Wunschvorstellungen? Oder vielmehr ein „überbewusstes“ Verlangen? Ein Verlangen, dessen Stärke vielleicht darin besteht, sich immer und immer mehr in das eigene Innere zu fressen? Oder ist es genau dieses Verlangen, dass die Vision unsterblich macht? Was aber ist „geträumt“ und was ist „wirklich“? Was ist es, das den Traum von der Wirklichkeit unterscheidet?

Das „Erkenne Dich selbst“ der Freimaurer bleibt zeitlos

Der Philosoph René Descartes (1976, 1979) entwickelte seine Philosophie aus dem „methodischen Zweifel“ heraus. Auch er fragt: Könnte nicht alles in der Welt und somit auch das eigene Bewusstsein bloß ein Traum sein? Es kann doch durchaus sein, dass wir vielleicht — jetzt in diesem Moment — träumen. Doch selbst wenn wir nur träumen, bleibt etwas übrig, dass wir nicht mehr bestreiten können, nämlich, dass wir träumen. Wenn wir denken können, dass wir träumen, dann denken wir — egal ob der Traum „wirklich“ oder „unwirklich“ ist. Das meint Descartes mit seinem Ausspruch „Ich denke, also bin ich!“ Die Frage ist bloß, wer oder was bin ich? Und wie kann ich mich diesbezüglich eigentlich selbst erkennen? Das „Erkenne dich selbst“ ist und bleibt unbestritten eine zeitlose Idee der Freimaurerei. Jeder Bruder hat also die Aufgabe, sich selbst zu erkennen und seine Persönlichkeit auszubilden. Der Selbsterkenntnis, die als eine wesentliche Voraussetzung für die Selbstwerdung des Einzelnen angesehen wird, folgt die Selbstkritik. Die Selbstbeherrschung ist darüber hinaus eine Voraussetzung zur Selbstveredelung, die wiederum in der Selbstüberwindung mündet. Dabei schadet es sicherlich nicht, Bestätigung durch andere zu erleben und an seiner eigenen Selbstverwirklichung zu arbeiten, solange man nicht im „narzisstischen Interesse“ verbleibt.

Freuds Psychoanalyse (1923) konfrontiert das Bewusstsein jedoch mit der peinlichen Einsicht, dass das „Ich“ nicht Herr in seinem eigenen Haus sei. Nur indem „Ich“ mich reflexiv betrachte, bilde ich ein eigenes „Selbst“ aus. Bei dieser Art der Reflexion wird demnach die Aufmerksamkeit auf das „Selbst“ gelenkt, wodurch die Person das „Subjekt der Wahrnehmung“ und „wahrgenommenes Objekt“ zugleich ist. Dieses „reflexive Selbstbewusstsein“ kann im Kern jedoch zugleich eine Entfremdung hervorrufen, „nämlich den Verlust der Spontanität, der Unbefangenheit und der Unschuld des kindlichen Lebens; es gleicht dem biblischen ‚Sturz aus dem Paradies‘“. (Fuchs, 2017, S. 20) Sind wir Freimaurer in der Lage unsere eigenen Gedanken und Handlungen in ausreichendem Maße zu reflektieren?

Seit jeher beschäftigt die „Vision“ also unser Denken. Sie fasziniert uns und erscheint doch zugleich als etwas zutiefst Fremdes, etwas Andersartiges und Unwirkliches. Ist es das Fremde, das uns vielleicht insgeheim Angst macht, eine Vision auszubilden? Das Fremde kann als Jenseitiges, als unbekanntes Draußen, oder als jenes verstanden werden, das in den psychischen Raum des Eigenen einbricht. Das Fremde kann aber auch definiert werden als „das Äußere in Abgrenzung vom Inneren. […] Fremd ist sodann, was nicht zum Selbst oder zur eigenen Gruppe gehört, im Gegensatz also zum Eigenen, Verwandten oder Heimischen. Fremd ist schließlich das Unbekannte, Unvertraute oder gar Unheimliche im Unterschied zu Bekannten, Vertrauten und Gewohnten.“ (ebd.) Das „Fremde“ hat aber noch eine zusätzliche Bedeutung: „Es wird dann nämlich zu einem notwendigen Gegenpol dessen, was wir die persönliche Identität nennen.“ (ebd.) Die Identität „stiftet der Person Kohärenz, Sinn und Richtung im Leben“ und bildet zudem eine Konstante des Selbstseins und Selbsterlebens über die Zeit hinweg. (Rauthmann, 2016, S. 28)

Das Fremde im eigenen Bruder

Spannend ist nun, welche Formen die emotionale Reaktion auf das visionhafte „Fremde“ annehmen kann. Im positiven Sinne kann das Fremde als Neugier, als Faszination oder als eine verlockende Gegenwelt wahrgenommen werden. Im negativen Sinn reicht sie „zunächst von der bloßen Überraschung und Irritation über Verunsicherung und Beunruhigung bis zu Furcht oder Angst, aber auch zu Verachtung, Feindseligkeit und schließlich Aggression. Dementsprechend kann das Fremde Reaktionen der Vermeidung, des Rückzugs und der Flucht ebenso auslösen wie den Versuch, es abzuwehren, zu bekämpfen oder gar zu vernichten.“ (Fuchs, 2017, S. 18)

Wie entstehen solche negativen emotionalen Reaktionen? Traumatische Erfahrungen, erlebte Zurückweisung sowie Verletzungen während der frühesten Kindheit können „die Beheimatung in der Welt, das Urvertrauen und die Entwicklung eines stabilen Selbstgefühls mehr oder minder gravierend beeinträchtigen. Lebenslange existenzielle Grundgefühle der Fremdheit, Unsicherheit und Ausgesetztheit in der Welt können die Folge sein.“ (ebd., S. 19) Hinzu kommt eine Reihe von „selbstreflexiven Emotionen“, wie z. B. Scham, Verlegenheit, Stolz oder Schuldgefühle, die auf dem „internalisierten Blick der anderen“ beruhen. Des Weiteren erfordert jede definierte soziale Identität, „dass wir unser Selbstbild mit dem Bild abgleichen, das uns von außen angeboten oder zugewiesen wird. Dieses aber gerät häufig in Konflikt mit dem primären, spontanen Selbstsein. Darin besteht das Grunddilemma der menschlichen Identität: Das durch Fremdzuschreibungen geschaffene Selbstbild oder Rollen-Ich wird dem spontanen, werdenden Selbst immer wieder zum Fremden.“ (ebd., S. 20) Ein regelrechter Teufelskreis. Denn jede „Identität grenzt andere Möglichkeiten des Selbstseins aus“ (ebd.).

Dennoch bleibt „das Ausgegrenzte immer eine latente Herausforderung; es gelingt uns nie, uns ganz von ihm zu trennen. Wer das Eigene verdrängt (oder verleugnet), bleibt in der Negation umso mehr auf es bezogen. Das zeigt sich an der Heftigkeit, mit der das Verdrängte an anderen attackiert wird. In der Projektion repräsentiert der andere das, was ursprünglich im eigenen Inneren zu finden war und was das insgeheim Gesuchte oder Begehrte geblieben ist. Umso unnachgiebiger muss der Gegner bekämpft werden, um das latente Eigene im Fremden zum Schweigen zu bringen. Das führt zu dem Paradox, dass die Abwehr mit der Ähnlichkeit oder sozialen Nähe des anderen eher noch zunimmt.“ (ebd.) Nichts wird so heftig abgelehnt oder bekämpft wie ein Angehöriger der gleichen Schicht. Auf uns Freimaurer übertragen würde dies bedeuten, dass wir in einem solchen Fall auch schon einmal unsere Toleranz über Bord werfen, um das — auf unseren Bruder projizierte Fremde — besser bekämpfen zu können. „Das Fremde wirkt umso bedrohlicher, je näher und ähnlicher es uns in Wahrheit selbst ist.“ (Fuchs, 2017, S. 21) Diese Art der „Dialektik des Selbst“ „wird zur Dynamik der Entwicklung, in der wir zeitlebens auf der Suche nach uns selbst sind“. (ebd.) Das entspricht dem Motto, dass wir Freimaurer ein Leben lang Lehrlinge bleiben und uns somit auch immer wieder aufs Neue „selbst erkennen“ müssen.

Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei?

Ist es das Fremde innerhalb unserer freimaurerischen Vision, das anderen vielleicht Angst macht? Werden wir deshalb so oft als Weltverschwörer tituliert? Ist es die Angst vor dem Fremden, weshalb gerade so viele Menschen in der Welt irgendwelchen Populisten an die Macht verhelfen? Wie gehen wir Freimaurer mit dem mörderischen Potenzial von Vorurteilen dieser Populisten um, die sich leider auch in unseren Logen wiederfinden? Wie steht es mit dem Sozialkapital der deutschen Freimaurerei, angesichts der vielen Flüchtlingen, die in unser Land kommen? In diesem Zusammenhang möchte ich einen Witz aus einem Asterix-Band (1976, S. 16) wiedergeben. Methusalix sagt bei der Ankunft von Fremden in seinem Dorf zu seiner jungen Frau, die gerade ihr blondes Haar vor dem Spiegel kämmt: „Du kennst mich ja, ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da, die sind nicht von hier!“

Um es mit Hölderlin (StA 6,1, S. 425f.) zu sagen: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“ Aber wie verstehen und definieren wir Freimaurer eigentlich „Gemeinwohl“ und „Solidarität“ in der heutigen Zeit? Doch hoffentlich ganz anders als jene Populisten! Dabei stellt sich ebenfalls die Frage, wie wir Freimaurer unsere Vision einer selbstbestimmten, demokratischen, freien und offenen Gesellschaft verwirklichen? Der brasilianische Befreiungstheologe Hélder Camara (1969) schreibt in diesem Zusammenhang: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit!“ Und jede visionäre Tat beginnt mit einem Traum, wie es Martin Luther King (1963) ausgedrückt hat: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. I have a dream!“ Wäre das nicht traumhaft? Willkommen in der neuen Welt der Wirklichkeit!

Träumen wir Freimaurer eigentlich immer noch gemeinsam von einer besseren Welt? Oder um es mit Leibniz (1710) zu sagen, von der „besten aller möglichen Welten“? Oder sind wir doch nur Individualisten, die in Deckung gehen, wenn es brenzlig wird? Als Freimaurer können wir zwar alle möglichen Welten denken, aber doch nur die Beste von ihnen wollen. Denn mit unseren Idealen wäre es unverträglich, das weniger Vollkommene zu verwirklichen.

Daher rufe ich euch zu, meine Brüder: Erkennt auch weiterhin die Menschenwürde an, fördert die Menschenkräfte anderer, orientiert euch an der Redlichkeit und an der reflexiven Vernunft, klärt auf, wo es etwas aufzuklären gibt, benutzt eure intellektuelle bzw. soziale Offenheit und verteidigt somit eine offene Gesellschaft. Eignet euch Werte an und setzt diese um, schult euren Charakter, beteiligt euch an der Erinnerungskultur sowie am allgemeinen Diskurs und nehmt auch eure Verantwortung in der Außenwahrnehmung ernst!

Nur dann bleiben die Worte des Meisters vom Stuhl, nämlich: „Geht nun zurück in die Welt […] und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“, nicht nur eine ständige Mahnung, sondern eine echte ‚Arbeitsanweisung‘ für jeden einzelnen von uns.

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Pforzheim als Zentrum des Humanismus

Pforzheim (tn). Till Neumann, Meister vom Stuhl der Loge Reuchlin, und der Verleger Jef Klotz, Inhaber des gleichnamigen Buchhauses, präsentieren das von der Pforzheimer Loge und dem Buchhaus gemeinsam herausgegebene Buch “Pforzheim , ein Zentrum des Humanismus in Deutschland.”

Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die geistigen Strömungen in der Renaissance in Pforzheim mit seiner bedeutenden Lateinschule und ihren Lehrern und Schüler wie Johannes Reuchlin, Philipp Melanchthon oder den ersten deutschen Prior der Sorbonne, Johannes Heymlin aus Stein bei Pforzheim.

Die Pforzheimer Loge “Reuchlin” hat auch durch Spenden der Brüder das Projekt mitfinanziert und mit herausgegeben. Es war der Loge ein Anliegen, die Bedeutung der Stadt Pforzheim für  den Humanismus in Deutschland , wie er durch den Namensgeber der Loge symbolisiert wird, wieder in das allgemeine Bewusstsein zu bringen. Das Buch ist ein Einstieg in das bedeutsame Thema der seinerzeit weithin bedeutenden Pforzheimer Lateinschule und der Pforzheimer Humanisten.

Das Buch ist im Pforzheimer Buchhandel und bei der Loge erhältlich.

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Jahrestagung der Forschungsloge QC in Kempten

Dominique Freymond von der Großloge der Schweiz und Thomas Forwe, Meister der Forschungsloge unterzeichnen die Freundschaftscharta

Die Kemptener Freimaurerloge „zum hohen Licht“ war Gastgeber für die Jahrestagung der deutsche freimaurerische Forschungsloge „Quatuor Coronati“. Mitglieder aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kamen nach Kempten.

Kempten. (me) Die Freimaurerei mit ihrer 300jährigen Tradition versteht sich als ein ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt.

Die Forschungsloge hat rund 1.600 Mitglieder und ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland. Ihre Hauptaufgabe ist die Zusammenführung von Freimaurern um die Geschichte, Brauchtum, soziale Struktur und gesellschaftliche Stellung des Freimaurerbundes erforschen.

In Kempten wurde neben dem gesellschaftlichen Rahmenprogramm ein Ritual zelebriert, das bereits die Loge von Wolfgang Amadeus Mozart in Wien für ihre Zusammenkünfte verwendete. Weitere Programmpunkte waren Vorträge von Dominique Freymond: Freimaurerei in den „bandes dessinés“/im Comic sowie von Gerald Huber: Zur Geschichte der Freimaurerei in Bayern – Wahrheit oder trügerischer Schein?

Einen besonderen Höhepunkt stellte die Unterzeichnung einer Freundschaftscharta zwischen der deutschen Forschungsloge Quatuor Coronati und der Schweizer Großloge „Alpina“ dar, in der eine weitere vertiefte Zusammenarbeit vereinbart wurde.

Der Meister vom Stuhl der Loge zum Hohen Licht in Kempten Dr. Jürgen Rogalla zeigte sich sichtlich erfreut über die Ehre, dass die Kemptener Loge die Jahreskonferenz ausrichten durfte und das Lob für die gute Organisation, das vom Meister der Forschungsloge Thomas Forwe ausgesprochen wurde.

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Theaterstück mit Geflüchteten und Einheimischen

Im vergangenen Jahr ermöglichte eine Spende der Freimaurer ein ungewöhnliches Theaterprojekt, die Premiere wurde jetzt ein voller Erfolg.

Reutlingen. (ms) Das Theater PATATI-PATATA Reutlingen wurde 1993 als freies Kinder- und Jugendtheater gegründet. Es bietet in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Reutlingen einen regelmäßigen Spielplan für unterschiedliche Altersgruppen sowie einen bundesweiten Gastspielbetrieb an. Im Rahmen des „Theaters ohne Grenzen“ hat PATATI-PATATA nun mit dem Stück „Perspektivwechsel“ erneut eine Eigenproduktion in Szene gesetzt, mit seinem internationalen Ensemble, das Menschen mit und ohne Migrationshintergrund umfasst.

Für seine Arbeit wurde das Theater vom Förderverein Glocke e.V der Reutlinger Loge 2018 mit dem Kulturpreis für Integration ausgezeichnet, im Beisein der Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Annette Widmann-Mauz (MdB), Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Das Preisgeld von insgesamt 6.000 € war eine finanzielle Voraussetzung, mit der „Perspektivwechsel“ unter Leitung der angesehenen Regisseurin Sonka Müller entwickelt und inszeniert werden konnte. 1.000 € wurden dabei dankenswerterweise von der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer beigesteuert.

Das Stück beleuchtet auf humorvolle Art Tücken, Fallstricke und Freuden einer vielfältigen Gesellschaft und hat in der Region große Beachtung gefunden.

Durch den fremden Blick auf das Eigene kann Gewöhnliches manchmal ganz neu erscheinen. Zu entdecken gibt es viel in einem anderen Land mit einer fremden Sprache, einer fremden Kultur. “Perspektivwechsel” greift Erzählungen aus Syrien, der Türkei, Italien, Deutschland, dem südchinesischen Meer und Europa auf. Ob Stromausfall, Anstehen für Mangelware, Sprachgewirr, Wohnungsnot, Zensur contra Freiheit oder die Suche nach einem sicheren Hafen. Wir stellen fest: es gibt sie immer wieder, Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten. (Denn) Geschichte wiederholt sich.

Den Vorsitzenden des Fördervereins Glocke, Peter Philipp, hat die Arbeit von PATATI-PATATA so begeistert, dass er dem Ensemble für “Perspektivwechsel” beigetreten ist und das Stück gemeinsam mit den anderen Schauspielern auf die Bühne gebracht hat.

Förderverein Glocke Reutlingen e.V.

Der “Förderverein „Glocke“ Reutlingen e.V. ist eine der Freimaurerloge Reutlingen nahestehende Einrichtung und wurde 1986 von deren Mitgliedern gegründet. Zielsetzung seiner Arbeit ist die Förderung von Kunst, Kultur und Bildung, vor allem von besonders Begabten, die der Verein in ihrem kulturellen Schaffen finanziell begleiten kann. Damit will der Förderverein Glocke einen Beitrag zur künstlerisch-kulturellen Vielseitigkeit in der Region Reutlingen-Tübingen leisten und Menschen mit entsprechenden Interessen zusammenführen. In unregelmäßigen Abständen vergibt er Kulturpreise an herausragende Einrichtungen und Projekte.

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