Trauerkultur als Teil unseres Lebens

© Johanna Mühlbauer / Adobe Stock

Es gibt Grundmuster des menschlichen Verhaltens, die in allen Kulturen gleich sind: Freude, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung und Angst. Diese Grundemotionen sind in jedem Menschen angelegt, es gibt aber große Unterschiede in Stärke und Ausdruck. Deshalb sollten wir nicht vorschnell von unserem eigenen Empfinden auf das Empfinden anderer Menschen schliessen.

Zeichnung zur Trauerloge "St. Alban zum Æchten Feuer", Hoya

Besonders wichtig halte ich dies bei trauernden Menschen. Jeder von uns hat sich schon einmal in einer solchen Situation befunden und seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht, die anderen oft nur schwer zu vermitteln sind. Vielleicht möchte man das anderen ja auch gar nicht vermitteln – zumindest für mich gab es Zeiten, in denen das so war.

Der November ist in unserer Kultur klassischer Trauermonat, in denen die Gesellschaft der Toten gedenkt. Das Wetter bildet einen passenden Rahmen: der Herbst wird dunkel und unwirtlich, und schon dieser Umschwung führt manche Menschen in eine gewisse Schwermut. Für mich ist es immer ein bisschen schwierig: trauern, weil der Kalender das so vorsieht.

Emotionen entstehen eben nur begrenzt aus solchen Vorgaben. Genauso, wie Freude manchmal einfach da ist, ist auch die Traurigkeit nicht herbei zu zitieren, sondern stellt sich ein – oder auch nicht.

Trotzdem ist diese Art der Trauerkultur Teil unseres Lebens, und vielleicht ist ein solcher Anlass zu Nachdenken über das Werden und Vergehen in unserer Welt auch gar nicht mal so schlecht. Das Bild von den Brüdern, die uns in den ewigen Osten vorausgegangen sind, möchte ich heute nicht bemühen. Vielmehr möchte ich einen Blick werfen auf die unmittelbaren, sozusagen profanen Auswirkungen, die der Tod auf uns haben kann.

Die meisten Menschen fürchten Tod und Trauer, bedeutet doch beides einen Ausnahmezustand, der viel Schmerz verursacht. Trauernde ziehen sich meistens in sich zurück, weinen, sind verzweifelt bis hin zum Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können. Stresshormone werden ausgeschüttet, das Immunsystem leidet, sogar die Sterberate von trauernden Menschen soll erhöht sein.

Der Verlauf dieser Phase ist höchst unterschiedlich. Die einen realisieren sofort, dass der geliebte Mensch tot ist, andere brauchen sehr lange dafür. Auch die Intensität der Gefühle unterscheidet sich stark. Bei manchen Menschen fällt die Trauer milde aus, andere erleben sie als sehr schmerzvoll und langwierig. Eine große Rolle spielt auch, ob jemand unerwartet oder sehr jung gestorben ist. Ein Kind oder einen noch jungen Partner zu verlieren, führt meist zu einer längeren und schmerzhafteren Trauer als der Verlust eines alt gewordenen Elternteils.

Wenn wir uns vornehmen, einem trauernden Angehörigen, Freund oder Bekannten beizustehen, ist das oft schwerer als gedacht. Tiefe Traurigkeit überträgt sich meist innerhalb von wenigen Minuten, was dazu führen kann, dass man sich wieder abwenden möchte.

Gleichzeitig verunsichert der Umgang mit Trauernden. Soll man einen trauernden Freund oder Verwandten in Ruhe lassen oder versuchen, ihn irgendwie aufzumuntern oder abzulenken? Oft wird empfohlen, die Trauernden zu fragen, was ihnen gut tun würde. Einfach gesagt, aber schwergetan. Ich bin nicht gut in so etwas, mir erscheint das unpassend. Aber das ist auch nicht meine Profession und Gott sei Dank habe ich zu wenig Gelegenheit, besser darin zu werden – man möge mir verzeihen.

Trauerschmerz kann ein überwältigendes und irrationales Gefühl sein, dem man wehrlos ausgeliefert ist. Dann weinen die Menschen oder wüten und wollen nicht wahrhaben, was sie eigentlich wissen.

Es gibt aber auch Hinterbliebene, bei denen die Trauer eher milde ausfällt. Das muss nichts damit zu tun haben, ob die Beziehung zu dem Verstorbenen gut oder schlecht war. Es kann auch daran liegen, dass die Menschen mit milden Trauerreaktionen einfach gut mit Veränderungen und Stress umgehen können. Dass sie Gefühle unterdrücken und für sich behalten können, wenn sie meinen, dass es die Situation verlangt. Vielleicht sind sie auch eher in der Lage, den Blick auch auf das Positive zu richten. Dann fällt vielleicht ein Satz wie “ich hätte nie gedacht, dass ich so stark sein kann!”. Diese Resilienz, die psychische Widerstandskraft in Krisensituationen hilft, von Schicksalsschlägen nicht umgeworfen zu werden. Die Resilienzforschung befindet sich in einer spannenden Aufbruchsphase, aber fertige Lösungen und Tipps fürs eigene Durchhalten dürfen seriöserweise daraus noch nicht erwartet werden.

Auch Trauermythen entpuppen sich oft nur als vermeintliche Wahrheiten. Sie besagen beispielsweise, dass Menschen den erlittenen Verlust in Phasen durcharbeiten müssen oder unbedingt ihrem Schmerz Ausdruck geben müssen. Bekannt ist auch die Aufforderung, die Trauer herauszulassen und nicht zu verdrängen. Dazu gab es lange Zeit kaum repräsentative Studien. Auch die allererste Trauertheorie von Sigmund Freud ist von seinen Nachfolgern nie wissenschaftlich überprüft worden. Die empirische Trauerforschung kämpft gegen die Trauermythen an, weil sie trauernde Menschen verunsichern und unter Druck setzen und ihren Trauerprozess behindern können.

Jeder Mensch wird einmal sterben. Das ist sicher. Doch was kommt danach? Ewiges Leben im Himmel? Verdammnis in der Hölle? Eine Wiedergeburt als anderer Mensch – oder sogar als Tier? Wie es nach dem Tod weitergeht, weiß niemand. Die großen Weltreligionen haben teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen davon. Ich bin kein religiöser Mensch und bekenne mich als Agnostiker. Für mich ist die Reise mit meinem Tode ganz einfach zu Ende, aber ich kann mich gut wiederfinden in der schlichten evangelischen Liturgie: “Erde zu Erde, Asche zur Asche, Staub zum Staube”. Genau so fühlt es sich für mich an, wenn das Ende des irdischen Lebens erreicht ist. Es hat etwas Beruhigendes an sich bis hin zur Vorstellung des Lebenskreises, der sich schließt und damit vollendet.

Die Reise selbst, unser Lebensweg, ist aber wichtiger als das Ende und deswegen möchte ich erinnern an die Worte des Bruders Mehmet Fuat Akev aus Istanbul, die in der Loge Roland i.Or. Hamburg überliefert wurden – ich zitiere sinngemäß:

Das Paradies des Maurers entfaltet sich in seinem Gewissen. Wenn er sich seiner Verantwortung in der Welt bewusst ist, wenn er sich den maurerischen Idealen angenähert hat, wenn er seine Pflichten als Mensch und Maurer erfüllt hat, so gut es ihm möglich war, dann hat er die Welt ein wenig besser gemacht und ist gut darauf vorbereitet, sie zu verlassen.

Mehmet Fuat Akev
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Fürther Freimaurer spenden an Hospizverein

v.l.n.r. Eberhard Reitter, Schatzmeister Hospizverein, Dr. Roland Hanke, 1. Vorstand Hospizverein, Dr. Markus Algner, Stiftungsverwalter, Frau Kerstin Mederer-Gößwein, 1. Stellvertreterin Hospizverein, Frank Emmerich, Vorsitzender Stiftungskuratorium, Esko Fritz, Schriftführer Hospizverein. Foto: Wolfgang Klar

In einem Festakt im Logenhaus Fürth haben am Freitagabend rund 80 Gäste die Arbeit des Hospizvereins Fürth gewürdigt. Anlass war die Übergabe einer Spende in Höhe von 3.000 Euro an den Hospizverein Fürth durch die neu geschaffene Stiftung FreimaurerLoge Fürth.

Dr. Roland Hanke, Vorsitzender des Hospizvereins, betonte in seiner Dankesrede die Parallelen von Hospizarbeit und Freimaurerei. Beide stellen in einer lebensbejahenden Weise stets den Menschen in den Mittelpunkt des Handelns. Dabei soll die Würde des Menschen gewahrt werden – geleitet von Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe. „Der Mensch hat in der Regel keine Angst vor dem Tod, er fürchtet sich aber vor dem Sterben“, so Hanke. Hospizarbeit setzt genau dort an. Hoffnung wird dabei nie infrage gestellt, denn in ihr liegt mehr Kraft als in jeder Medizin. Hoffnung stirbt nie.

Sowohl der Bürgermeister der Stadt Fürth, Markus Braun, als auch Franz Forman, stellvertretender Landrat Landkreis Fürth, bezeichneten den Hospizverein als würdigen Empfänger der Spende. Menschen in Würde sterben zu lassen ist ein Ausdruck humanitären Handelns und demnach eng verbunden mit dem Wesen und Wirken der Freimaurerei. Stiftungsverwalter Dr. Markus Algner verwies in seiner Ansprache auf den Kreislauf des Lebens. Dem neugeborenen Kind wird sehr viel Aufmerksamkeit und Fürsorge zuteil. Die Freude wird von der Familie nach außen getragen. Sterben hingegen ist immer noch viel zu häufig einsam und tabubehaftet. Umso wichtiger ist die „Letzte Hilfe“ durch Hospizarbeit einzuschätzen.

Mit der Spende an den Hospizverein Fürth ist die neu gegründete Stiftung Freimaurerloge Fürth erstmals öffentlich in Erscheinung getreten. „Dabei wird mit dieser Stiftung eine lange Stiftertradition der Fürther Freimaurerloge fortgesetzt“, erläutert Frank Emmerich, Vorsitzender des Stiftungskuratoriums. Es wird wohl kaum eine Bürgerin bzw. einen Bürger Fürths geben, welcher nicht unmittelbar Assoziationen mit dem „Nathanstift“ bzw. der „Volksbildungsstätte Berolzheimeranum“ hegt. Was viele jedoch nicht wissen: Diese und auch zahlreiche weitere Stiftungen des frühen 20. Jahrhunderts gehen auf das Wirken von Freimaurern zurück. All diese Stiftungen gingen aufgrund von Inflationen oder Enteignungen durch das NS-Regime 1933 verloren. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Brüder der Freimaurerloge „Zur Wahrheit und Freundschaft“ weiterhin karitativ betätigt. So etwa im Rahmen der jährlichen Grillenbergerschen Bescherung bedürftiger Kinder oder der seit 1989 existierenden Drs.-Heinz-u.-Eva-v. Plänckner-Stiftung. Letztere verleiht aus ihren Mitteln seit 1993 den „Preis für vorbildliche Mitmenschlichkeit“.

Der Zweck der neu gegründeten Stiftung ist breit gefächert und umfasst die Bereiche Kunst und Kultur, Denkmalschutz und Denkmalpflege, Bildung und Erziehung, Heimatpflege und Heimatkunde, Völkerverständigung und allgemein mildtätige Zwecke. Die Stiftung steht als sog. „nicht rechtsfähige Stiftung“ unter Verwaltung der Loge. Die Stiftung Freimaurerloge ist gemeinnützig anerkannt. Hierdurch ergibt sich steuerlich begünstigt die Möglichkeit, Spenden und Zustiftungen zu leisten. Ein siebenköpfiges Kuratorium überwacht und kontrolliert den Stiftungsträger und bestimmt die zu fördernden Einrichtungen bzw. Organisationen. Das Kuratorium ist ebenso ehrenamtlich tätig wie der von der Loge ernannte Stiftungsverwalter. Mit Blick in die Zukunft wurde die Möglichkeit geschaffen, dass sich weitere Stiftungen unter der neuen Stiftung etablieren. Die Stiftung Freimaurerloge fungiert dabei als Dach und bietet Interessenten die Option, Vermögen oder Immobilien auf die Stiftung unter Vorbehalt des lebenslangen Nießbrauchs zu übertragen. Auf diese Weise kann so dauerhaft unter eigenem Namen über das eigene Leben hinweg Gutes für die Gesellschaft geleistet werden“, so Emmerich.

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Lichteinbringung in Traben-Trarbach

Lichteinbringung im Blauen Gewölbe

Das „Blaue Gewölbe“ in Trarbach war als Ort der Lichteinbringung gut gewählt, denn es kamen 77 Brüder aus 30 Logen und 4 Ländern. Das erfreute alle Brüder der neu gegründeten Loge „Zum königlichen Berg“ 1090 in Traben-Trarbach.

Am 02. November 2019 erfolgte die feierliche rituelle Lichteinbringung in Anwesenheit des Großmeisters der A.F.u.A.M. Brd. Stephan Roth-Kleyer. Das Amt des Stuhlmeisters der neuen Loge übernahm Brd. Dayfdd Bullock.

Der Redner ging auf seiner Zeichnung auf die „Rückkehr des Lichtes“ ein. Denn schon von 1915 bis Mitte der 30er Jahre gab es eine „Freimaurerische Vereinigung“ in Traben-Trarbach. Am 11. Januar 2019 fand die Gründungsversammlung der Loge „Zum königlichen Berg“ statt.

Das Bijou zeigt die Ruine Grevenburg, die auf dem Berge steht, unter dem sich der Tempel befindet.
Viele Grußbotschaften wurden ausgerichtet, viele Geschenke überreicht und gute Wünsche überbracht.
Für die Schwestern gab es ein interessantes Programm.

Bei der „Weißen Tafel“ im Anschluss zur Lichteinbringung hatte die Brüder und Schwestern die Gelegenheit, sich kennenzulernen und es wurden viele interessante Gespräche geführt. Den Abschluss des Tages bildete eine Weinprobe. Am Sonntag wurden die noch anwesenden Brüder und Schwestern nach einem langen Brunch verabschiedet.

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“Der Zauberberg” im Osnabrücker Lortzinghaus

Robert Brand, Bodo Dannhöfer, Alexander Trettin, Evangelos Tzavaras (v.l.n.r.)

Wortgewand, dramatisch und ideenreich! So haben es die Zuschauer am vergangenen Samstag im Osnabrücker Lortzinghaus erleben dürfen. Frei nach Motiven von Thomas Mann haben vier Freimaurerbrüder eine Lesung der ganz besonderen Art dargeboten. Dabei war Ihnen gerade der Inhalt rund um den Freimaurer Settembrini natürlich nah.

Eindrucksvoll haben die Vier aber auch Gegenpositionen beleuchtet, das Ganze mit visuellen und akustischen Raffinessen abgerundet und so das Publikum schnell in ihren Bann gezogen. Emotionale Dialoge zwischen dem Humanisten und Aufklärer Ludovico Settembrini (Bodo Dannhöfer) und dem zum Katholizismus konvertierten Leo Naphta (Alexander Trettin) haben den Hauptprotagonisten Hans Castorp (Evangelos Tzavarras) wie Salven aus Maschinengewehren befeuert. Die anspruchsvollen und fast 100 Jahre alten Bildungstexte wurden von den Darstellern komplett neu eingekleidet und ausstaffiert. Hilfreich war auch die Navigation durch den Abend durch Hofrat Behrens (Robert Brand) sowohl für Castorp als auch die Zuschauer. Beeindruckend die Gesangseinlage des 82-jährigen Brand, der Peter Vox „Haus am See“ a capella präsentierte. Alexander Trettin hatte speziell für diese Lesung ein eigenes Musikstück komponierte, das zum Denken anregte, aber auch Fragen unbeantwortet ließ. „Falsch, falsch, falsch“ war Kernaussage und Frage zugleich: „Ich bin so falsch! Was mach ich falsch?“

Die anschließende Diskussion machte deutlich, hier kamen auch anwesende Nichtfreimaurer voll und ganz auf ihren Geschmack.

„Wir freuen uns über die große Resonanz, die wir an diesem Abend erzielen konnten und die vielen kulturinteressierten Osnabrücker, die den Weg ins Logenhaus gefunden haben“, bekräftigt Reinhold Menninghaus, Meister vom Stuhl der Osnabrücker Freimaurerloge. „Das Lortzinghaus an der Katharinenkirche soll als öffentliches, kulturelles Kleinod an Abenden wie diesen auch künftig allen Kulturinteressierten seine Pforten öffnen“, so Menninghaus weiter.

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Freimaurerische Identität – eine Ressource, ohne die es nicht geht!

Foto: Андрей Яланский / Adobe Stock

Als Kernaufgabe des Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft kann die Suche nach einer unverwechselbaren, kraftvollen freimaurerischen Identität verstanden werden. Hinter dieser Feststellung steht die – teils gefühlte, teils bewusst gemachte – Einsicht, dass Freimaurerei ohne Wissen darum, was sie ist und sein kann, auf Dauer nicht bestehen kann.

Meistens beruft sich die Freimaurerei auf ihre Geschichte, wobei das aus heutiger Sicht Positive der Vergangenheit, insbesondere der um die Begriffe Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz kreisende Wertekanon des Bundes, in aller Regel in den Vordergrund gerückt wird, während negative und diffuse Erscheinungsbilder verschwiegen oder verdrängt werden. Ein ethischer Bund, der sich selbst ernst nimmt und der von der Gesellschaft ernst genommen werden will, darf jedoch nicht so verfahren. Er muss sich Gedanken über sich selbst machen und sich in seiner Selbstreflexion von den hohen Maßstäben leiten lassen, die er für sich selbst beansprucht, kurz: Er muss sich auf die Tragfähigkeit seiner Identität in Konzeption und Wirklichkeit befragen lassen.

Einige Überlegungen zur freimaurerischen Identität sollen im Folgenden zur Diskussion gestellt werden.

I.

Nach Identität als einem selbstbewussten Einssein mit sich selber kann sowohl für den einzel­nen Freimaurer als auch für die verschiedenen freimaurerischen Gruppen (Logen, Großloge, Leitungs­gremien etc.) gefragt werden.

Was die individuelle freimaureri­sche Identi­tät betrifft, so hat ein Freimaurer als Maurer („by his tenure“, wie die Alten Pflichten sagen) unabhängig von seinen indivi­duellen Wertvorstellungen und seinem spezifi­schen Selbstverständnis als Mensch, Mann, Be­rufstätiger, gläubiger oder nichtgläubiger Mensch etc. dann Identität, wenn er überzeugend, fundiert, redlich und erkennbar hinter sei­nen freimaureri­schen Vorstellungen steht und wenn sich seine freimaurerischen Auffassungen auch im Alltag be­währen.

Je größer die Zahl der Brüder mit überzeugender freimaurerischer Identität ist, desto besser lassen sich die Gegenwarts- und Zukunfts­aufgaben des Bundes lösen. Wir alle müssen uns folglich um diese individu­elle maurerische Identität bemühen, auch wenn wir immer wieder scheitern und der „Raue Stein“ ein treffli­ches Symbol für uns bleibt. Über die Werkzeuge zur Identitätsfindung verfügen wir in rei­chen Maß, sei es die tolerante Mitmenschlichkeit in der Loge, sei es der kritisch-selbstkritische Dis­kurs der Brüder, sei es das Ritual, in dem es ja im Grunde um nichts anderes geht als um Be­stim­mung, Einübung und Verinnerlichung von Identität.

Unter freimaurerischer Gruppenidentität sollen Selbstverständnis und Ausdruck, Kon­zeptio­nen und Art und Weisen der Umsetzung von Konzeptionen verstanden werden, wie sie für eine Gruppe von Freimau­rern (Logen, Großloge) in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort kenn­zeichnend sind. Wie bei den ein­zelnen Freimaurern gibt es bei freimaurerischen Gruppen solche mit einer starken, überzeugenden, griffigen und solche mit einer schwachen, verschwommenen Identität.

Die Identität freimaureri­scher Gruppen setzt sich jeweils aus zwei Komponenten zusammen:

  • aus inhaltlichen Elementen wie Konzeptionen und Zielvorstellungen
  • sowie aus der Art und Weise, wie diese inhaltlichen Elemente in der Gruppenpraxis umgesetzt werden, d.h. aus der Qualität des Gruppenprozesses.

Hier sind menschliche Atmosphäre, in­tellektuelle und emotionale Lebendigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Diskursqualität, Ausstrah­lung (Charisma) etc. wichtige Stichworte.

Beides, Inhalte und Gruppenqualität, muss zusammenkommen. Eine schwache Gruppen­identität (und damit unzureichende Wirkung nach innen und außen) liegt dann vor, wenn sich verschwommene Inhalte mit mäßiger oder keiner Ausstrahlung verbinden; eine starke Grup­penidentität und in­tensive Wirkung nach innen und außen kann dagegen da angenommen werden, wo klare Inhalte und über­zeugende Umsetzung vorhanden sind.

II.

In der freimaureri­schen Diskussion wird im Allgemeinen die Notwendigkeit betont, an der Profilierung der kon­zeptionellen Inhalte der Freimaurerei (Ziele, Wertvorstellungen) zu arbeiten. Auch aus meiner Sicht ist es wichtig, ein konzeptionell klares Bild des Bundes zu entwickeln. Auf der ande­ren Seite wäre es gefährlich, bei der Formulierung pro­grammatischer Plattformen zu weit zu gehen und der Gefahr einer Ideologisierung zu erliegen. Dies würde intellektuell aufgeschlos­sene Männer nur abstoßen. Diese kommen ja gerade deshalb zur Freimaurerei, weil wir bei aller Wertge­bundenheit geistig offen sind. Wer als geistig offener Mann Kontakt zur Freimau­rerei sucht, ist wohl eher an toleranten Such- und Orientierungsprozessen als an verbindlich vorgegebenen Positionen interessiert. Daher ist es so wichtig, jedem Fundamentalis­mus abzusagen, die Gruppenquali­tät der Freimau­rerei zu verbessern sowie dafür zu sorgen, dass inhaltliche Abklärungen auf jedes dog­matische Aus­formulieren verzichten und sich mit einem hohen menschlichen Niveau sowie mit intellek­tueller Redlichkeit verbinden.

Zur inhaltlichen Bestimmung freimaurerischer Identität wurden von mir einige Eckpunkte herausgearbeitet, die mittlerweile ihren Weg durch die deutsche Bruder­schaft gemacht haben und gern (mit oder ohne Nennung ihrer Herkunft) verwendet werden. Auch die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (GL A.F.u.A.M.) macht inzwischen auf ihrer Webseite von ihnen Gebrauch.

Mir ging es dabei darum, Anhaltspunkte dafür bestimmen, was Freimaurerei ist, und was sie nicht ist, bzw. nicht sein will, und ich habe formuliert:

  • Freimaurerei ist Freundschaftsbund, ethisch orientierte Gemeinschaft, symbolisch-initiatischer Werkbund und Schule der Lebenskunst.
  • Freimaurerei ist nicht politische Gruppierung, Interessenverband, Kirche, Religion oder Religionsersatz, Geheimbund oder Verschwörung.

III.

Obwohl mir diese Definitionen nach wie vor sehr geeignet scheinen, um nach Innen und Außen ein klares Bild der Freimaurerei zu entwickeln, möchte ich sie jetzt nicht im Einzelnen wiederholen, sondern einen anderen Ansatz wählen, der sich an das zuvor zur „Identität“ ausgeführte anschließt. Dabei interessiert mich vor allem, was aus der Sicht eines an Freimaurerei interessierten Mannes das Besondere an der Freimaurerei, das „Alleinstellungsmerkmal“ ist, das ihn veranlassen könnte, vom Interessenten zum Suchenden und schließlich zum Bruder zu werden.

Ich bin davon überzeugt, dass drei Elemente unverzichtbar sind, aber – wo vorhanden – auch mit Gewissheit zum Erfolg führen:

  • Die überzeugende Persönlichkeit von Freimaurern, die der Suchende gern zu Freunden haben möchte;
  • die Qualität einer Logengruppe, zu der – weil sie Heimat bietet – der Suchende gern gehören würde;
  • die Originalität des „Konzepts Freimaurerei“, die den Suchenden sagen lässt: „Das überzeugt mich, denn es vermittelt meinem Leben Sinn“.

Auch hier ist wieder wichtig, auf die Säulen „Freundschaft“ und „ethische Diskurse“ zu verweisen, nicht zuletzt aber ist erforderlich, sich mit dem Ritual zu beschäftigen, seine Funktionen zu verstehen und sich Möglichkeiten anzueignen, über das Ritual auch mit (noch) Außenstehenden zu sprechen und dennoch das Arkanum zu bewahren.
Im Zentrum der Freimaurerei steht das Ritual, gewiss. Doch Wirkung geht nur dann von ihm aus, wenn zunächst erst einmal sehr gründlich das Heraustreten aus dem Alltag, die Fähigkeit zur Reflexion und die Bereitschaft zur Kontemplation geübt und eingeübt werden.

Das „Öffnen der Loge“ bedeutet, einen abgegrenzten, symbolischen Raum zu schaffen und eine besondere, symbolische Zeit einzuleiten, doch vor allem geht es darum, das Bewusstsein der Brüder zu öffnen für das, was im Tempel geschieht:

  • die Vermittlung von Ordnungsvorstellungen („in Ordnung“, meine Brüder!)
  • die Teilhabe an der Initiation der Mitbrüder sowie
  • den Anstoß zu eigener Entwicklung und Veränderung.

Vermittlung von Ordnungsvorstellungen

Das Ritual soll eine dreifache Einordnung des Freimaurers bewirken und veranschaulichen:

  • in die Moralische Ordnung: Setze Werte um, erkenne Dich selbst, mach Dir und anderen nichts vor. Formel: „Schaue in Dich!“ Spezielles Symbol: das Winkelmaß;
  • in die Soziale Ordnung: Mensch und Gesellschaft, Ich und Du gehören zusammen, der „Tempelbau der Humanität“ gelingt nur Menschen, die durch Menschenliebe miteinander verbunden sind. Formel: „Schaue um Dich!“ Spezielles Symbol: Zirkel;
  • in die Kosmologische Ordnung: Die Loge ist Abbild und Metapher des Universums, die „Arbeit“ des Freimaurers dient einem höheren Sinn. Formel: „Schaue über Dich!“ Spezielle Symbole für den transzendenten Bezug des Menschen: Buch des (heiligen) Gesetzes und „Großer Baumeister aller Welten“.

Anstoß zu Entwicklung und Veränderung

Die Rituale der Freimaurer dienen der Einübung in eine wertbezogene Lebenspraxis. Sie sollen durch die symbolische Arbeit am „Rauen Stein“ eine Veränderung des mitgebrachten Habitus bewirken.

Dabei symbolisiert die Initiation die für Selbsterkenntnis, Mitmenschlichkeit und ethisches Handeln erforderliche Veränderung des Menschen.

Insoweit die Rituale der Freimaurer der „Einübung in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ (Th. Luckmann) dienen, haben sie als Bestandteil der Sozialisierung und „Personwerdung“ des Menschen einen religiösen Charakter, auch wenn Freimaurerei weder Religion noch Kirche ist.

Immer kommt es darauf an, Freimaurerei („Königliche Kunst“) als „Gesamtkunstwerk“ zu verstehen, zu verinnerlichen und nach außen darzustellen. Gemeinschaft, Ethik und Ritual gehören untrennbar zusammen:

Freimaurerei ist eine Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht.

IV.

Doch so wichtig wohl überlegte Antworten auf konzeptionelle Fragen auch sind: Es muss immer wieder betont werden, dass für eine weitere gedeihliche Entwicklung der Freimaurerei das stete Bemühen um eine hohe Quali­tät der freimaurerischen Gruppen mindestens so wich­tig ist wie die Klarheit der Inhalte. Stets müssen wir davon aus­gehen, dass die geistigen Inhalte der Freimaurerei und das rituelle Brauchtum in Überzeu­gung und Wirkung ganz ent­scheidend davon abhängen, wie sie von den Freimaurern in den Logen praktiziert werden. Wir müssen weiter feststellen, dass zumindest ein Teil dessen, was Freimaurerei ausmacht (Ge­selligkeit, ethische Überzeugungen) auch in anderen Gruppen zu finden ist, das heißt, man sucht es bei uns nur dann, wenn wir in der Praxis der freimaureri­schen Gruppen besonders überzeugend sind. Wir sollten darüber hinaus aner­ken­nen, dass selbst das, was spezifisch freimaurerisch ist (vor allem das Ritual), nur über­zeugt, wenn es von Freiheit im Zugang und hoher menschlicher Qualität begleitet ist. Schließlich muss beachtet werden, dass die Frei­maurerei heutzutage in einer schwieri­gen Konkurrenz zu einer Fülle von (hochwertigen und weniger hochwertigen, aber dennoch attraktiven) Frei­zeitange­boten steht, in der wir wie­derum nur durch Qualität und Originalität bestehen können.

All das bedeutet, dass wir als Logen und Großlogen keineswegs durch „Freimaurerei an sich“ ausstrahlungskräftig sind, sondern nur durch eine glaubwürdige Umsetzung von Frei­mau­rerei, wozu nicht zu­letzt eine überzeugende freimaurerische Individual- und Gruppen­identität gehört. Deshalb müssen wir auf vielen Ebenen arbeiten: an der Qualität unserer Kon­zepte, an der Qualität der freimaureri­schen Gruppen und immer wieder an unserer ganz per­sönlichen freimaurerischen Integrität und Überzeugungskraft.

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Ist unser Friede in Gefahr?

Prof. Dr. Herfried Münkler Foto: Stefan Röhl

Die Mannheimer Logen "Kurpfalz" und "Carl zur Eintracht" gestalten die Abschlussveranstaltung der Unterzeichner der "Mannheimer Erklärung" am 26. Oktober 2019, die auch im Internet verfolgt werden kann.

Mannheimer Freimaurerlogen haben die »Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt« unterzeichnet. Dadurch sind sie Mitglieder eines Bündnisses von Vereinigungen, die sich im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten gegen Diskriminierung und für ein respektvolles Zusammenleben in Vielfalt engagieren. Die Bündnispartner wollen im Sinne einer freiwilligen Partnerschaft zusammenwirken, um die Kräfte zur Gestaltung eines gleichberechtigten Miteinanders zu verbinden. Das Bündnis veranstaltet jedes Jahr etliche »einander.Aktionstage«, dabei kommt es zu vielen interessanten Begegnungen. In diesem Rahmen gestalten die Mannheimer Logen KURPFALZ und CARL ZUR EINTRACHT im Jahr 2019 gemeinsam mit der Stadt Mannheim die Abschlussveranstaltung, welche am 26. Oktober 2019 stattfindet.

Die freimaurerischen Beweggründe für die Partnerschaft im Bündnis entstehen aus der freimaurerischen Metapher vom »Bau am Tempel der Humanität«, wie sie schon seit Jahrhunderten besteht. Diese Metapher begreifen wir im Sinne einer gesellschaftlichen Mitverantwortung. Wir wollen einen sozialpolitischen Raum mitgestalten, in welchem Unrecht, Not und Elend gemildert werden.

Die Logen konnten als Hauptredner des Abends Prof. Herfried Münkler gewinnen. Der im Oktober 2018 an der Humboldt-Universität zu Berlin emeritierte Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte zählt im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs zu den wirkungsmächtigsten Stimmen. Vor allem bekannt ist er für die Analyse des »Großen Ganzen« der Weltpolitik. Professor Münkler befasst sich damit, wie die Weltpolitik mit den Veränderungsprozessen gesellschaftlicher Ordnung auf nationaler Ebene zusammenhängt.

Prof. Münkler ist Autor zahlreicher bemerkenswerter Werke, u. a. »Kriegssplitter – Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert«, »Imperien« und »Die neuen Kriege«. Er ist Mitglied im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) und gehörte zu den Experten, die an dem vom Auswärtigen Amt durchgeführten Projekt »Review 2014 – Außenpolitik Weiter Denken« teilnahmen. Prof Münkler hat zahlreiche renommierte Preise erhalten. Viele seiner Bücher wurden auf der »Liste der Sachbücher des Monats« empfohlen.

Der Votrag findet am 26. Oktober 2019 ab 19 Uhr im Mannheimer “Marchivum” statt. Die Veranstaltung kann live über die Internetseite www.humanitas-mannheim.de gestreamt werden.

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70 Jahre Loge „Ver Sacrum“ – Bilanz und Auftrag

Foto: Doris Oberfrank-List / Adobe Stock

Die Loge „Ver Sacrum“ – vor siebzig Jahren als Deputationsloge der Loge „Zum Ewigen Dom“ entstanden – wollte von Anfang an junge und jung gebliebene Menschen als Brüder und Freunde in einer zukunftsorientierten Freimaurerei miteinander verbinden.

Köln. Vertreter einer einerseits durch Krieg, Niederlage und Naziherrschaft desillusionierten, andererseits dennoch hoffnungsfrohen Generation fanden sich in ihr zusammen.

Die Idee des Aufbruchs fand ihren Ausdruck auch im gewählten lateinischen Logennamen, der auf eine altrömische Legende zurückgeht: Eine Stadt wird von tödlichem Un­heil bedroht. Um verschont zu werden, versprechen die Einwohner, den Göttern die nächste Generation junger Menschen zu opfern. Die Götter verzichten auf dieses Opfer, verpflichten aber die Jugend der Stadt zum Aufbruch aus den alten Mauern und zur Errichtung einer neuen Siedlung.

Wie viele Gestaltungsvorschläge für die neue Loge geht auch der Name „Ver Sacrum“ auf den großen Anreger der Bauhütte, Br. Rudolf Jar­don zurück, der sich bei der Namenswahl vermutlich auch an der gleichnamigen Zeitschrift der Wiener Sezession orientierte, einer Vereinigung von Künstlern, die – wie die junge Loge – eigene und zugleich neue Wege gehen wollte. Auch die Gestaltung des Logenbijous durch Br. Jakob Bachem weist mit ihrem eleganten Jugendstildesign auf den Wiener Anstoß hin.

Die Loge „Ver Sacrum“ hat versucht, den mit ihrem Namen formulierten Auftrag zu erfüllen. Ihre überzeugende humanistische Konzeption und der stete Wechsel in der Logenführung, den das Hausgesetz vorsieht, vermittelte der Loge immer wieder neue Impulse für die Gestaltung ihrer Arbeit.  

Die innere Arbeit der Loge wurde und wird durch eine kreative Pflege des freimaureri­schen Rituals geprägt. Das von Br. Rudolf Jardon bereits vor Gründung der damaligen „Vereinigten Großloge von Deutschland“ auf der Grundlage bestehender Ritu­ale (vornehmlich des Rituals der Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth) erarbeitete Ritual des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades vermittelt auf überzeugende Weise, was ein freimau­rerischen Ritual zu leisten vermag:

  • Ruhe und Nachdenklichkeit zu fördern,
  • ethische Erziehung durch Symbole und rituelle Handlungen zu bewirken,
  • Entwicklung und Veränderung durch gemeinsamen Mitvollzug der Initia¬tion neuer Brüder und anderer „Übergangsriten“ (Beförderungen in den Gesellen- und Erhebungen in den Meistergrad) erfahrbar zu machen,
  • Impulse zur Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzerfahrungen wie insbesondere dem Tod zu vermitteln.

Zu den Grundlagen der Loge „Ver Sacrum“ gehört auch die im Hausgesetz festgelegte Be­schränkung der Mitgliedschaft auf die alten symbolischen Grade Lehrling, Geselle und Meis­ter. Diese Entscheidung, auf der „Freimaurerischen Ordnung“ der Großloge beruhend und im Gestaltungsrecht der Loge als dem zentralen Ort der freimaurerischen Initiation begründet, behindert in keiner Weise den brüderlichen Einklang mit Brüdern und Logen, die mehrgliedrige freimaurerische Systeme bearbeiten. Die Konzentration auf die freimaureri­schen Grundgrade ist im Verständnis der „Ver Sacrum“-Brüder positiv, nicht negativ oder ab­grenzend bestimmt:

Sie ist Ausdruck der Überzeugung,

  • dass die im Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrad thematisierten und symbolisch-drama¬tisch ausgestalteten Grundbefindlichkeiten des Menschen vom Leben bis zum Tode den symbolischen Reichtum des Bundes bestimmen,
  • dass das auf menschliche Grenzerfahrungen ausgerichtete archaische Ritualgut der drei freimaurerischen Basisgrade unverändert aktuell ist und nicht in Konflikt zu sich wandelnden Geschichtsbildern und Glaubensvorstellun¬gen geraten können,
  • dass es das „System der drei Grade“ erlaubt, ein kreatives, symbolisch und emotional verzweigtes Ritualerleben in konzentrierte, beständig wiederkehrende Formen zu fassen,
  • dass die für alle Brüder gleiche Initiationsgrundlage vom Lehrling über den Gesellen zum Meister die Homogenität der Logengruppe bewahrt und vor Konflikten schützt,
  • dass das auf den drei Basis-Graden beruhende Logensystem jederzeit als Modell für eine Ordnung gelten kann, die gemäß demokratischer und pluralistischer Maßstäbe „in der profanen Welt“, d.h. im Leben der Gesellschaft, reproduziert werden könnte.

Die praktizierte Ernsthaftigkeit des Ritualvollzugs schloss auch Gespräche im Tempel ein. Br. Rudolf Jardon führte eine Form der Tempelarbeit ein, die er damals „Collegium Masonicum“ nannte und bei der nach der Öffnung der Loge die rituelle Logenordnung aufgehoben wurde, um in fester gedanklicher Ordnung und besonnener Sprache Themen zu erörtern, die meist den rituellen Kontexten der Freimaurerei entnommen waren. Diese Praxis, jetzt „Freimaurerische Werkstatt“ genannt, wird bis heute weitergeführt.

Die rituelle Öffnung der Loge korrespondierte mit der Öffnung der von den Brüdern – oft in Anwesenheit von Gästen und Suchenden – vorgenommenen thematischen Öffnung der Gesprä­che für Fragen zum Zeitgeschehen und seinen materiellen, ideellen und gesellschaftlichen Grundlagen. So gab es bereits in den sechziger Jahren eine Vortragsreihe „Humanität und Unmenschlichkeit in Deutschland“, im Rahmen derer Fragen wie „Gastarbeiter oder Fremdarbeiter? – Zur Integration von Ausländern in Deutschland“, „Umweltschutz als politische Aufgabe“ und „Notstand im deutschen Gesundheitswesen“ behandelt wurden. Landtagspräsident Wilhelm Lenz, Bundesinnenminister Gerhard Baum, Staatssekretärin Katharina Focke, Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger sowie der hessische Justizminister Johannes Strelitz (die beiden letzteren Freimaurer) sprachen über Grundfragen von Politik und freier Gesellschaft.

In einer Vortragsreihe „Freimaurerei von außen gesehen“ sollte – so hieß es in der Ankündigung – „von der üblichen freimaurerischen Selbstbestätigung abgegangen und kritischen Beobachtern außerhalb unseres Bundes (Vertretern von Wissenschaft, Presse, kulturellem Leben, Kirchen usw.) das Wort gegeben werden.“

Wie in Köln als historisch katholisch geprägter, allerdings auch bürgerlich-liberaler Stadt kaum anders vorstellbar, wurde in Vorträgen und Diskussionen wiederholt das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Freimaurerei aufgegriffen. Prominente katholische Referenten, die wir bald unsere Freunde nennen durften, waren die Professoren Herbert Vorgrimler und Karl Hoheisel sowie Pater Alois Kehl, unser Wegbegleiter und Freund durch viele Jahrzehnte hindurch.

Mit der Öffnung zur Zeit verband sich stets auch die Öffnung zur Kultur: Künstler musizier­ten im Tempel, im Bankettsaal fanden Konzerte junger Sänger und Instrumentalisten statt, Brüder und Schwestern besuchten gemeinsam Opern und Schauspiele.

Viele gute brüderliche Erfahrungen hat die Loge „Ver Sacrum“ mit ihren zahlreichen Kon­takten zu anderen Logen im In- und Ausland gemacht. Gewiss, nicht alle davon hatten Bestand, einige sind inzwischen abgerissen, andere, die unterbrochen waren, wurden wiederangeknüpft.

Was jeden Bruder unserer Loge als Form gelungener Freimaurerei erfreut, ist die seit vielen Jahren praktizierte Zusammenarbeit mit der Kölner Frauenloge „Sci Viam“. Hier hat sich eine völlig entspannte Gemeinsamkeit entwickelt, die Modellcharakter für ein inspirierendes Miteinander „männlicher“ und „weiblicher“ Freimaurerei in Deutschland hat, weil sie Offenheit füreinander und Lernen voneinander mit dem gleichzeitigen Einhalten vernünftiger Grenzen verbindet.

Dass Arbeit und Bruderkreis der Loge „Ver Sacrum“ innerhalb der deutschen Freimaurerei beachtliche Resonanz fanden, zeigt die Berufung vieler „Ver Sacrum“-Brüder in Distriktslogen- und Großlogenämter sowie in Leitungsfunktionen bei der Forschungsloge „Quatuor Coronati“.

Auch den karitativen Verpflichtungen der Freimaurerei hat sich die Loge „Ver Sacrum“ gestellt, und zwar mit der aus brüderlicher und schwesterlicher Spendenbereitschaft hervorge­gangenen „Habicht-Schultheis-Stiftung“. Die gemeinnützige Stiftung hat sowohl Brüdern in materieller Bedrängnis geholfen als auch mannigfaltige Unterstützung gewährt, wenn es galt, außerhalb der Loge Not zu lindern, Jugendlichen in ihrer Entwicklung beizustehen, Obdachlosen zu helfen und Projekte in der Dritten Welt, zuletzt vor allem in Afrika, zu fördern.

Die Bruderschaft der Loge „Ver Sacrum“ – so lautet die Bilanz, die wir heute ziehen dürfen – hat auf vielfältige Weise versucht, der unverzichtbaren Einheit der drei Säulen des frei­maurerischen Tempels – Weisheit, Stärke und Schönheit – gerecht zu werden:

  • Weisheit als wertbezogener Vernunft, intellektueller Klarheit und Redlichkeit der geistigen Vermittlung;
  • Stärke als Tatkraft, als das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen und
  • Schönheit als Gestaltungsprinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini-sche Dimension, hinüber reicht in Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ vollendet.

Dass die Loge „Ver Sacrum“ mit Stolz, Freude und Bereitschaft zu weiterem Aufbruch auf die ersten siebzig Jahre ihres Bestehens zurückblickt, bedeutet nun freilich nicht, dass die Bruderschaft in jeder Phase ihres Bestehens den von ihren Gründern definierten anspruchsvollen Maßstäben vollständig hätte genügen können. Nicht alle Blütenträume konnten reifen. Von den Problemen, die für die Entwicklung vieler Gruppen in modernen (oder „postmodernen“) Gesellschaften kennzeichnend sind – abnehmende Bindungsbereitschaft der Menschen insbesondere -, blieb auch die Loge „Ver Sacrum“ nicht verschont. Auch wäre es unrealistisch anzunehmen, dass nicht auch Gruppen und ihre Leiter ihre „Durchhänger“ hätten. So gilt das Symbol des „rauhen Steins“ nicht nur für den einzelnen Maurer, sondern auch für freimaurerische Gemeinschaften, und die delphische Aufforderung „erkenne dich selbst“ ist gleichermaßen ein individueller wie ein gruppenspezifischer Appell. Doch das Ausmaß an gelungener Freimaurerei seit Gründung der Loge und die Wirkungskraft des in der Vergangenheit erarbeiteten Logenprofils erwiesen sich stets als gutes Fundament für zukünftiges Wirken, vor allem, weil sie für jene Identität bürgen, aus der heraus die Loge sich entwickelt hat und weiter entwickeln kann. Dass wir unserem Bund heute einen weiteren „freien Mann von gutem Ruf“ als Bruder zuführen konnten, ist ein überzeugender Ausdruck dafür!

Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen, Freimaurerei als System ethischer Werte und Überzeugungen, Freimaurerei als Symbolbund: Dies zusammen macht Reichtum und Wesen der freimaurerischen Überlieferung aus und umschreibt auch das Funda­ment der Loge „Ver Sacrum“.

Die Brüder wissen, dass es dabei nicht um eine flächendeckende Programmatik geht oder gar um politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, so es denn eine gibt, ist eine stille Radikalität der Redlichkeit in die Tiefe der eigenen Seele.

Die Brüder wissen auch, dass Freimaurerei von ihren Inhalten lebt und nicht von Gruppeninteressen und obsolet gewordenen Verhaltensregeln, nicht von den Strukturen einer überholten, dysfunktionalen „Zweiten Freimaurerei“, die die eigentliche Freimaurerei des humanitären Denkens und Handelns, auf die allein es ankommt, überlagert und in den Hintergrund drängt.

Nein, meine Brüder, eine solche Freimaurerei wollen die Brüder der Loge „Ver Sacrum“ nicht!  

Doch eine Freimaurerei im eigentlichen Sinne, eine Freimaurerei der humanistischen Werte und Überzeugungen, eine Freimaurerei des freien Gedankens und des offenen Wortes, schließlich eine Freimaurerei der humanitären Praxis – für eine solche Freimaurerei wollen wir uns einsetzen und dabei helfen, sie lebendig zu halten und hineinwirken zu lassen in die Gegenwart – engagiert und ehrlich, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit.

Hierin sehen wir unseren Auftrag, den Auftrag einer Loge, die sich die Geschichte eines Frühlings zum Gründungsmythos gewählt hat, zum Mythos, den die Legende als „heiligen Frühling“, als „Ver Sacrum“ überliefert hat. Und wenn „Frühling“ dabei den ständigen Ansporn zum Aufbruch meint, den Schwung auch, den man bei der Arbeit braucht, um durchzuhalten, sowie eine gehörige Portion rheinischer Heiterkeit, die immer hilft, um falschem Tiefsinn zu entgehen, dann mag das „heilig“ für die Ernsthaftigkeit und die verantwortungsbewusste Rückgebundenheit dieses Auftrags stehen.

Wir wollen unseren Beitrag zum Ringen um eine bessere Welt leisten, denn unsere Überzeugungen und Symbole fordern uns dazu auf. Dazu kommen muss freilich stets jener „unentmutigte Starrsinn“, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht auf­hört, seine Fragen an die Welt zu stellen. Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei“ – so schloss Siegfried Lenz damals seine Dankesrede, und so schließe ich heute auch – „zeugen von der Beharrlichkeit ei­ner Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

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