Netzwerk gesellschaftspolitisch aktiver Brüder gestartet

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Das neue Netzwerk "Gesellschaftpolitisch aktiver Logen und Brüder" hat sich nach eigenen Angaben erfolgreich in Mannheim gegründet.

Mannheim (fr). Im Rahmen ihres 32. Stiftungsfestes hat die Mannheimer Loge “Kurpfalz” in Zusammenarbeit mit der ebenfalls in Mannheim beheimateten Loge “Carl zur Eintracht” und im Verbund der Rhein-Neckar-Logen die erste Arbeitstagung des neu gegründeten Netzwerks “Gesellschaftspolitisch aktive Logen und Brüder” durchgeführt. 40 interessierte Brüder nahmen daran teil.

Die anspruchsvollen Ziele des Netzwerks sind die Zusammenführung von Logen und Brüdern, die an der aktiven Teilhabe am öffentlichen Leben interessiert sind, weiter die Entwicklung neuer Konzepte zur gegenseitigen Information, die Entwicklung neuer interner und öffentlicher Diskussionsformen unter Einsatz interaktiver elektronischer Kommunikationsmittel sowie die Organisation eines überregionalen Redner-Austausches zwischen den Logen.

Am 26. Oktober 2019 um 19 Uhr wird der bekannte Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler im Mannheimer “Marchivum” in einem öffentlichen Vortrag über den “Verfall der Weltordnung und die Folgen für den europäischen Frieden” sprechen. Dieser Vortrag kann auch live verfolgt werden, dazu ist eine Anmeldung unter der Mailadresse info@freimaurerloge-kurpfalz.de erforderlich.

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Lebendige Partnerschaft der Logen in Hoorn und Wetzlar

Miel von Wolzogen Kühr (v.l.n.r.) und Martin Marx bei der Übergabe des Gastgeschenkes

Eine fünfundzwanzigköpfige Gruppe der Wetzlarer Freimaurerloge „Wilhelm zu den drei Helmen“ nutzte ein langes Wochenende, um Brüder und Schwestern der seit den 1970er Jahren befreundeten Logen im niederländischen Hoorn zu besuchen.

Hoorn/Niederlande (mf). Das jährliche Zusammenkommen, abwechselnd in Wetzlar und Hoorn stattfindend, bot auch in diesem Jahr ein buntes Rahmenprogramm, wobei die Schwerpunkte auf einem Erfahrungsaustausch und dem mehr als geselligen Zusammensein im Kreis von guten Freunden zu finden waren.

Der als „Arbeitstreffen“ bezeichnete Programmpunkt im Verlauf des Wochenendes beschäftigte sich mit dem „Wert von Logenbesuchen“, wobei Martin Marx als Meister vom Stuhl der Wetzlarer Freimaurerloge und Roland Stallaert von der Loge „West Friesland“ mit Impulsvorträgen zur Diskussion animierten.

Eine „Weiße Tafel“ im Anschluss an eine gemeinsame Tempelarbeit nutzten die gut sechzig anwesenden Teilnehmer auch zur Übergabe eines besonderen Gastgeschenkes. Marx überreichte zwei auf einer Tafel zusammen gerahmte Originalstiche aus dem 17 Jahrhundert, die den Stadtgrundriss von Hoorn und eine Ansicht von Wetzlar zeigen, an seinen Amtskollegen Miel von Wolzogen Kühr.

Vor allem jüngere und zum ersten Mal an einem Partnerschaftstreffen teilnehmende Logenmitglieder und Partnerinnen waren sehr angetan von der herzlichen Atmosphäre und dem betriebenen Aufwand. So luden die Gastgeber nach einem Empfang am Anreisetag beispielsweise zum Abendessen nach Hause ein und der größte Teil der Besuchergruppe wurde privat untergebracht.

Man trennte sich in Vorfreude auf das Wiedersehen im kommenden Jahr, das wieder in der mittelhessischen Goethe- und Optikstadt Wetzlar stattfinden wird.

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Vernetzte Intelligenz — Freimaurerei in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

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Es existierten gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben.“

Von Thomas Forwe
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

Florian Maurice zitiert in seiner Dissertation über die „Freimaurerei um 1800“ aus dem „Taschenbuch für Freymaurer auf das Jahr 1803“. Dort heißt es:

„Getrennt von der Welt ist die Loge, eine Welt für sich, des Profanen Auge undurchdringlich, und doch so groß als die Welt. Keine der Auszeichnungen im körperlichen Leben, keine der Verschiedenheiten, die Staat, Gewohnheit, Vorurtheil geschaffen haben, keine der Erwerbungen, die außerhalb dem Menschen liegen, gehen mit dem Maurer in die Loge hinein. Drinnen sind alle Menschen, und weiter nichts; Brüder grüßen sich da, und ein anderes Verhältnis findet unter ihnen nicht statt.“

Florian Maurice führt weiter aus: „Die Loge lag in der Welt, aber in ihrem Selbstverständnis bildete sie eine Welt außerhalb der Welt. Sie war getrennt von der Welt, und das Geheimnis war die Scheidemauer, die die Welt der Loge gegen die Außenwelt abtrennte.“

Ich möchte zu Beginn zwei Aspekte zur sog. Außenwelt herausstellen, die mir im Hinblick auf Freimaurerei besonders interessant erscheinen.

1. Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke

Die Außenwelt, von der Florian Maurice spricht, kann als die Gesellschaft verstanden werden. Wenn wir von der Gesellschaft reden, unterstellen wir allerdings häufig stillschweigend, dass es ein Objekt mit dem Namen Gesellschaft gibt, das sich aus einer Beobachterrolle heraus objektiv beschreiben ließe. Wir reden hier aber von einer Beobachtung zweiter Ordnung, die uns daran erinnern soll, dass wir uns als Beobachter beim Beobachten nicht selbst beobachten können. Wir uns also dessen, was wir beim Beobachten nicht wahrnehmen, nicht bzw. nicht immer bewusst sind. Der Soziologe Armin Nassehi hat einmal den schönen Satz geprägt: „Es gibt keine Blicke jenseits der Blicke.“ Was hat er damit gemeint? Wenn wir herausfinden möchten, ob unser Bewusstsein das, was es wahrnimmt, wirklich richtig wahrnimmt, müssen wir das Bewusstsein erst einmal voraussetzen, damit wir es zugleich zum Gegenstand unserer Beobachtung machen können. Wir haben es hier erkenntnistheoretisch also mit einer Paradoxie zu tun. Auch die Freimaurerei ist ein derartiges nicht sichtbares Objekt. Und wenn wir Freimaurer befragen, was denn nun Freimaurerei sei, so bekommen wir einen bunten Strauß an Antworten, weil es eben unterschiedlichste Wahrnehmungen gibt. Und diese Wahrnehmungen werden auch geprägt durch die Fragestellung, was jeder Einzelne in der Freimaurerei sucht oder zu finden glaubt.

Wenn wir einen Aspekt wahrnehmen, nehmen wir gleichzeitig einen anderen nicht wahr. Wir leuchten eine Stelle des Objektes aus und verdunkeln damit automatisch eine andere Stelle. Wollen wir also etwas über eine Sache erfahren, so sollten wir nicht andere Wahrnehmungen abwerten oder gar verbieten, sondern möglichst viele verschiedene Wahrnehmungen zulassen. Vertrauen wir doch einfach einmal darauf, dass sich nur die Wahrnehmungen halten werden, die sich auch im Zeitablauf bewähren. Diese Existenz unterschiedlichster Wahrnehmungen gilt für die Freimaurerei und die Gesellschaft gleichermaßen. Armin Nassehi definiert daher Gesellschaft mit den Worten: „Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Unterschieden.“ Das gilt für Freimaurerei ebenso bzw. sollte gelten.

2. Moderne Gesellschaften sind funktional differenziert

Differenzierungen in der Gesellschaft gab es schon immer: Ältere Gesellschaften überall in der Welt unterteilten sich in Kasten, Schichten und Stände. In diese gesellschaftlichen Großkollektive wurde man hineingeboren und verblieb dort meist bis zum Tode. In den vergangenen beiden Jahrhunderten hat sich aber eine radikal neue Gesellschaftsordnung herausgebildet. Niklas Luhmann nannte sie eine „funktional differenzierte Gesellschaft“. An Stelle von Status traten nun unterschiedliche Kommunikationsformen als Ordnungskriterium. So existierten nun gleichzeitig verschiedene Subsysteme wie Wirtschaft, Politik, Moral, Recht, Religion, Kunst, Wissenschaften etc. In diese Subsysteme wird man nicht mehr hineingeboren und muss auch nicht zwingend ein ganzes Leben lang Mitglied bleiben. Es gibt temporäre Mitgliedschaften, Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften. Es kann sogar sein, dass einem die Mitgliedschaft nicht einmal bewusst ist. In den heutigen Gesellschaftsformen legen Menschen „mehr Wert auf Individualismus und universelle Gesetze, sodass der moralische Kompass immer weniger in Richtung Autorität und Loyalität ausschlägt, dafür mehr in Richtung Fairness und Freiheit“, wie Philipp Hübl in seinem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ den amerikanischen Anthropologen Alan Fiske zitiert.

Jedes dieser Subsysteme ist zwar Teil des Gesamtsystems Gesellschaft, arbeitet aber eigenständig nach eigenen Festlegungen und Organisationsstrukturen. Das Gesamtsystem steuert sich also nicht zentral, sondern dezentral. Das macht die Sache einfacher und schwieriger zugleich. Die Digitalisierung erhöht diese Komplexität noch weiter. Anstelle nämlich von klaren eindeutigen und sichtbaren Merkmalen reden wir heute mehr und mehr von Mustern und Mustererkennung. Unsichtbarkeit der Gesellschaft(en) und Uneindeutigkeiten sind die Folge.

Beide eben genannten Aspekte: Unterschiedlichkeit in Wahrnehmungen und funktional differenzierte Gesellschaft stellen uns aber auch vor große Herausforderungen:

  1. Zerfall der Gesellschaft in Teil-Gesellschaften
  2. Verlust der Anschlussfähigkeit durch Sprachlosigkeit bzw. Sprachbarrieren zwischen den Subsystemen und Rückzug der Subsysteme
  3. offen ausgetragene Spannungen und Konflikte zwischen den Subsystemen gerade im Hinblick auf das Beharren auf die Alleingültigkeit der eigenen Wahrnehmung.

Ein ökonomisches Beispiel hierzu: Sie können heute T-Shirts für unter 3 EUR pro Stück erwerben. Wir wissen im Grunde, dass dieser Preis nur möglich ist, wenn Teile der Wertschöpfungskette nicht fair entlohnt werden. Die Mitglieder des Subsystems Moral sind zu Recht empört. Dennoch gibt es Konsumenten, die diese T-Shirts kaufen. Sie argumentieren z.B. damit, dass sie sich teurere Kleidung nicht leisten können. Sie ahnen es schon, es sind die Mitglieder des Subsystems Wirtschaft. Moralische Subsysteme lösen moralische Fragen, Wirtschaftssysteme lösen wirtschaftliche Fragestellungen. Und wir merken schon die inneren Konflikte, die entstehen, wenn ein Konsument in beiden Subsystemen Mitglied ist, ganz abgesehen von den Konflikten zwischen den einzelnen Subsystemen selbst. Aus der Sozialforschung wissen wir, dass es so etwas wie eine „Gesamtvernunft“ eben nicht gibt.

Auch Freimaurerei ist mindestens ein Subsystem. Und auch wir bemerken die Spannungen und Konfliktfelder z. B. in Bezug auf das Subsystem „Religion“ oder auch „Politik“. Hier wäre es eine wichtige und dringende Aufgabe, das Selbstverständnis von Freimaurerei und ihren (gesellschaftlichen) Bezug zu Religion und Politik deutlich(er) herauszuarbeiten. Mein Vor-Vorgänger im Amt als Vorsitzender der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati, Br. Hans-Hermann Höhmann, hat dazu im aktuellen A.F.u.A.M.v.D-Newsletter einige grundlegende Gedanken geäußert. Dies wäre eine gute Basis, um weitergehende, durchaus auch kritische Debatten zu führen. Auch wenn dieser Prozess schmerzhaft für den einen oder anderen werden kann.

Sobald mehrere Subsysteme zusammenwirken, können sie sich behindern oder bestärken. Es kommt zu Wechselwirkungen, das Gegenstück von Kausalität. Der schottische Philosoph David Hume bezeichnete schon während der Aufklärung die Kausalität, also die Verbindung von Ursache und Wirkung als „das Zement des Universums“. Es sei aber erwähnt, dass wir uns — Hume folgend — keiner Kausalität sicher sein können, d. h. wir können gar nicht wissen, ob zwei Ereignisse, die in der Vergangenheit (genauer formuliert eigentlich in unserer Erinnerung) zusammen oder kurz aufeinander folgend auftraten, auch in der Zukunft zusammen oder kurz aufeinander folgend auftreten werden. Diese Struktur des kausalen Denkens und der damit verbundenen Mustererkennung hat sich bei Menschen während der Evolution herausgebildet und war immer hilfreich bei Hypothesenbildungen, Prognosen, Planungen und Handlungen.

Man kann auch sagen, dieses kausale Denken war überlebenswichtig. Wenn z. B. jemand eine Pflanze gegessen hatte und kurz darauf starb, war es für die anderen offensichtlich vernünftig, den Genuss dieser Pflanze zu meiden. David Hume bezeichnete es als einen „inneren Zwang“, von der Existenz von Kausalität auszugehen, obwohl diese nicht wahrnehmbar ist.

Aufgrund der wechselseitigen Wirkung dieser Subsysteme zueinander, ist die uns bisher vertraute Kausalität nicht mehr als Prädiktor geeignet. Wir arbeiten nicht mehr im Modus „wenn – dann“, sondern eher im Szenario-Bereich verschiedener Möglichkeiten. Um diese Szenarien aufzuzeigen, bedarf es einer Vielzahl von Experten, die wir verteilt in den einzelnen Subsystemen vorfinden. Jedes Mitglied eines Subsystems ist intelligent und lässt sich nicht von außen steuern. Aufgrund der Selbstorganisation hat das System ein Maximum an Autonomie erreicht. Man könnte dies auch mit Schwarmintelligenz vergleichen. „Schwärme sind“, nach Eva Horn, „nicht nur mehr als die Summe der Individuen, die sie bilden. Schwärme sind, in der Wissenschaft wie in der Fiktion, Modellierungen für etwas, das den Grund allen ‚Lebens‘ darstellt. Schwärme sind das ‚Leben selbst‘, sie machen die unüberschaubare Verwobenheit der Prozesse des Lebens sichtbar in einer Figur, die immer zugleich vieles und eines ist. Als Relationalität, aus deren Einzelelementen das Zusammenspiel der Gesamtheit nicht ableitbar ist, figuriert der Schwarm die irreduzible Konnektivität des Lebendigen […]“. Schwarmintelligenz meint, dass simple Akteure kooperativ Lösungen finden, ohne einen vorgefertigten Plan zu haben. An dessen Stelle treten einfache Verhaltensregeln, die in ihrer Struktur so unkomplex sind, dass sie oft durch einfache Schaltkreise realisierbar sind.

Helmut Willke führt in seinem Buch „Dezentrierte Demokratie“ aus: „Es gilt ohne jeden Vorbehalt die Aussage, dass Demokratie als die beste verfügbare Steuerungsform moderner, funktional differenzierter Gesellschaften alternativlos ist […].“ Willke schlussfolgert: „Mit Globalisierung und Wissensgesellschaft hat die Menschheitsentwicklung in der Tat eine Wendung genommen, welche die für Demokratie prägende Kombination von Recht und Politik auflöst und eine weiter gehende Entzauberung des normativen Erwartungsstils vorantreibt. Statt formaler Gesetze werden für die Politik Vorhaben, Programme, Investitionen, Anreize und Kampagnen wichtiger und prägender, und der Stil der Durchsetzung von Entscheidungen wandelt sich von hoheitlicher Anweisung zu evidenzbasierter Überzeugungsarbeit, die auf das durch Anreiz und Motivation veränderte Verhalten der Bürger zielt.“ Die Aufgabe der Demokratie wäre es damit, so Willke, „die ‚verteilte Intelligenz‘ vieler Expertengruppen und Fachgemeinschaften zu nutzen.“ Dies gelingt am einfachsten, wenn man diese verteilten Intelligenzen vernetzt.

Was ist mit dieser Vernetzung gemeint? Es gilt nicht mehr nur, verschiedene Kompetenzen, die in verschiedenen Subsystemen verteilt sind, zu nutzen. Dies würde ja nur bedeuten: „Ich benötige zur Erfüllung meiner individuellenZielsetzung die Kompetenz eines anderen.“ Dieses Kooperationsmodell funktioniert immer nur solange, bis es zu Zielkonflikten bei einem der beteiligten Subsystemen kommt. Vernetzung geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Vernetzung versucht, Zielkonflikte dadurch zu entschärfen bzw. zu lösen, indem auf das gemeinsame Dritte hingewiesen wird. Dieses gemeinsame Dritte wäre eine Art Existenzbedingung der Subsysteme überhaupt, um ein langfristiges Agieren für beide Systeme zu ermöglichen. Vernetzung könnte also das Nullsummenspiel in ein Nicht-Nullsummenspiel transformieren.

Ich möchte zusammenfassend fünf Punkte nennen, die aus meiner Sicht dazu beitragen könnten, die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vernetzung zu erhöhen:

  1. Stetiges Werben um ein gemeinsames Wertverständnis als kleinster gemeinsamer Nenner aller Subsysteme.
  2. Offenheit im Denken und Handeln aller ihrer Mitglieder, damit sie ohne Vorfestlegungen oder gar Vorverurteilungen aufeinander zugehen können und dabei zu akzeptieren, dass ein Meinungsaustausch auch zur Änderung der eigenen Meinung führen kann.
  3. Kreativität, damit immer wieder neue Ideen entstehen, um gemeinsame Erlebnisse unterschiedlicher Subsysteme zu schaffen und das Gegenüber erfahrbar zu machen.
  4. Mut, diese Ideen mit oft ungewissem Ausgang einfach umzusetzen und sich ergebnisoffen darauf einzulassen.
  5. Beharrlichkeit, um beim Scheitern nicht aufzugeben, sondern eine neue Idee auszuprobieren.

Interessant ist auch eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2018 über die zukünftig benötigten Fähigkeiten für Berufe mit Blick auf das Jahr 2022: Analytisches Denken, Kreativität, kritisches Denken, emotionale Intelligenz und Sozialverhalten stehen unter den Top Ten. (Studie kann abgerufen werden unter http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs.pdf, zuletzt abgerufen am 02.06.19).
Es braucht nicht viel Fantasie, um an diesen von mir genannten Punkten bereits zu erahnen, wie hilfreich Freimaurerei für den Einzelnen sein kann, um bei diesen Aufgaben erfolgreich mitzuwirken. Freimaurerei wäre in diesem Sinne quasi das geistige Fitnessstudio zur Vorbereitung auf die anstrengende Abenteuerreise, die wir Leben nennen.

Ich habe auch bereits ausgeführt, dass ein zentraler normativer Erwartungsstil in funktional differenzierten Gesellschaften seine Wirkkraft verliert und durch eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen zu ersetzen wäre.
Auf der Homepage der Großloge A.F.u.A.M.v.D. ist zu lesen: „Als Glieder eines ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein.“ Fürwahr, wir haben wichtige Werte, sie transportieren ein humanistisches Menschen- und Weltbild. Und wir erleben täglich in den Nachrichten, was passiert, wenn diese Werte nicht gelebt werden oder gelebt werden können (beispielhaft sei hier auf den Demokratieindex der Zeitschrift „The Economist“ hingewiesen, abrufbar unter https://www.eiu.com/topic/democracy-index, zuletzt abgerufen am 2.6.2019). Auch im Inneren unseres Bundes merken wir, wie schwierig es gelegentlich sein kann, diese Werte zu leben. Deshalb üben wir uns darin auch permanent in unseren Ritualen. Und wenn uns diese Werte wirklich wichtig sind, dann müssen wir sie auch verteidigen, wo sie in Gefahr scheinen. Dies gilt nicht nur innerhalb der Loge, dies gilt insbesondere in der Außenwelt.

Auf der Homepage heißt es weiter: „Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte.“

Die Loge trägt eine Besonderheit in sich, die ich gerne den freimaurerischen Unterschied nenne. Also eine Besonderheit des Ortes, der, wie es Br. Hans-Hermann Höhmann gerne mit Lessings Worten ausdrückt, „ein laut denken mit einem Freund“ ermöglicht und fordert. Der französische Philosoph Michel Foucault führte in einem Vortrag vor Architekten einen neuen Begriff ein, den der Heterotopie. Im Unterschied zu Utopien, sind Heterotopien Orte, die es tatsächlich gibt. Allerdings verkörpern diese Orte eine räumlich und zeitlich situierte Andersartigkeit, die mit alltäglichen Situationen und Orten nicht im Einklang stehen. Utopien sind den Menschen schon seit dem 16. Jahrhundert vertraut. Sie basieren auf dem Wunsch der Menschen, sich an einen anderen, besseren, schöneren Ort zu wünschen. Er selber führte als Beispiele heterotopischer Orte an: Altenheime, Friedhöfe, Krankenhäuser, Gefängnisse, Kinos, Theater, Gärten etc. Sie alle zeichnen sich im Wesentlichen durch vier Eigenschaften aus: 1. Sie haben eine besondere räumliche Struktur, können also beispielsweise die ganze Welt an diesem einen Ort abbilden. 2. Sie haben eine besondere zeitliche Struktur, sie können sowohl endlos Zeit sammeln als auch nur wenige Momente umfassen. 3. Das Betreten dieser Räume ist an spezielle Ein- und Ausgangsrituale gebunden. Sie sind nicht ohne weiteres für jedermann zugänglich. Und 4. schließlich entstehen in heterotopischen Räumen entweder Illusionen von neuen Wirklichkeiten oder aber es formen sich andere Wirklichkeiten, die den realen gegenüber vollkommener und damit besser erscheinen. Von all diesen Orten geht Foucaults Einschätzung nach eine gewisse Faszination aus, da sie in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentieren, negieren oder umkehren.

Im Raum Loge gilt beispielsweise eine andere Zeitrechnung, mit der es möglich scheint, zumindest für die Dauer der Anwesenheit, Entschleunigung zu erfahren. Für einen — wenn auch nur kurzen — Moment, entziehen wir uns dem Diktat des Immer-Schneller-Besser-Weiter-Prinzips. Wir entziehen uns dem kräftezehrenden Wettbewerb im Berufs- wie Privatleben, entledigen uns des oftmals anstrengenden Funktionieren-Müssens. Mitglieder der Loge haben nicht nur die Chance, nein, sie haben die Pflicht, sich ausreichend Zeit für den eigenen Reifungsprozess zu nehmen. Wir begleiten typischerweise diesen Prozess, den wir die „Arbeit am rauen Stein“ nennen, gerne mit den Aufforderungen: „Schau in Dich! Schau um Dich! Schau über Dich!“ Wie trägt nun der Ort der Loge im Besonderen zu diesem Reifungsprozess bei? Versteht man die Loge als einen heterotopischen Raum, dann wird Freimaurerei quasi zu einer realen Utopie, indem sie von einer Wirklichkeit kündet, die es weder gab noch bisher gibt. Die utopische Besonderheit zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie den Charakter des Erwartbaren und des Möglichen gewinnt und der unvollendete Bau dereinst einmal Wirklichkeit werden könnte. Aber wie sieht diese reale Utopie aus? Ich hatte zu Beginn bereits versucht zu verdeutlichen, dass wir bei der Beschreibung von „Objekten“ (Gesellschaft, Freimaurerei) individuelle Wahrnehmungsfilter anwenden und somit jeder ein anderes „Bild“ vom „Objekt“ zeichnet. Wenn dies stimmt, und das setze ich jetzt einfach einmal voraus, stellt sich die Frage, wie wir denn die Anschlussfähigkeit herstellen, um über eine Sache gemeinsam zu reden, von der wir im Grunde alle ein anderes Bild haben. Anders gesagt: Wie können wir trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen über dasselbe reden? Wir nutzen Metaphern und Symbole. Wir bezeichnen diese Utopie als „unvollendeten Bau“ (im Übrigen sehen wir gerade in Berlin, dass der „unvollendete Bau“ eine reale Utopie sein kann). Oder: Wir bauen am Tempel der Humanität. Auch hier ist die Metapher „Bauen“ sehr interessant. Bauen heißt, man hat es mit etwas zu tun, das noch nicht fertig ist, das während des Bauens auch immer noch geändert werden kann. Bauen ist ein Verb, wir nannten es früher „Tu-Wort“, was zum Ausdruck bringen will, wir Brüder müssen tätig werden. Der Freimaurer beweist sich im Tun. Der Tempel der Humanität ist kein Zustand, wir werden auch den Bau nie vollenden. Der Prozess des Bauens ist wichtiger als das Erreichen des Endzustandes. Unsere Arbeit wird nie aufhören.

Und gerade weil wir uns auf kein konkretes, detailliertes Bild dieses Tempels geeinigt haben, können wir trotz aller verschiedenen Wahrnehmungen über den Tempel der Humanität reden. Auch wenn dieser Bau bzw. dieser Tempel vielleicht nicht final beschrieben ist, ist er dennoch nicht beliebig. So bleibt im Übrigen auch Platz für den jeweiligen Zeitgeist über die Jahrhunderte hinweg. Es verbindet sich also Stabilität mit Wandel.

Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, wo wir hinwollen, so bemerken wir doch (durch die Rückschau, durch das Zurückkehren in die Welt), ob wir vom Kurs abgekommen sind oder ob wir uns in die gewünschte Richtung bewegen.
Und wie wirken wir Freimaurer in der Außenwelt? Diese Frage haben Klaus-Jürgen Grün, mein Vorgänger im Amt des QC-Vorsitzenden und ich versucht, in einem Beitrag in der „Humanität“ zu beantworten. Dort schreiben wir:
„Im Ritual begegnen wir einem Menschen, der an sich selbst arbeitet, der Freimaurer ist Beobachter und zugleich das Beobachtete. Im Ganzen vollführen die Rituale ein Leben, das sich selber lebt. Niemand ist im Ritual ein außenstehender Beobachter, der durch das Geschehen unberührt bleiben kann. Freimaurer inszenieren den Prozess des Lebens, das sich selber lebt. Man kann sich nicht außerhalb des Rituals stellen und es von außen beobachten. Entweder man ist im Tempel dabei oder man bleibt außen vor. […] Diese Szene entwickelt Ethik auf eine ganz andere Weise, als es unsere traditionellen Ethiken tun. Wer selbst ein Bestandteil der Szene ist, die er beobachtet, ist mitverantwortlich für alles, was dort geschieht. Übertragen wir die Szene der Tempelarbeit auf die alltägliche Welt, so entsteht die Anforderung an sich selbst, sich stets als Bestandteil derjenigen Welt zu betrachten, die man vor sich hat. Durch unser Handeln in der Welt verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. Sofern ich mich aber als ein Wesen betrachte, das nur eine Außenwelt in sich abbildet, dann kann ich gar nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie sich in mir abbildet. Ich bin ja dann nur der passive Empfänger der Daten aus der Welt. […] Die Arbeit der Freimaurer erweist sich als eine Umwandlung der transitiven Bedeutung des Wortes in seine intransitive Bedeutung. Die transitive Bedeutung von Arbeit wäre das Arbeiten für etwas Anderes, für einen anderen. Die intransitive Bedeutung wäre das Arbeiten an sich selbst.

Deutlicher erkennbar ist dieser Sachverhalt an dem transitiven Verb ‚organisieren‘. Der Kybernetiker Heinz von Foerster legt dar, welcher fundamentale Wandel mit der Umwandlung der transitiven Bedeutung in ihre intransitive verbunden ist: Das Transitive ist, wenn ‚Organisator und seine Organisation so fundamental voneinander getrennt sind wie die Formen des Aktivs und des Passivs; es handelt sich um die Welt der Organisation des anderen, die Welt des Gebots: ‚Du sollst …!‘ Wenn wir andererseits die Organisation einer Organisation betrachten, so daß die eine in die andere hineinschlüpft, d. h. also ‚Selbstorganisation‘ entsteht, dann setzen wir eine Welt, in der ein Akteur letztendlich immer mit Bezug auf sich selbst handelt, denn er ist in seine Organisation eingeschlossen; es handelt sich um die Welt, in der man sich selbst organisiert, die Welt des Gebots: ‚Ich soll …!‘“

Unser Tempel verwandelt die verteilte Intelligenz der Individuen in die vernetzte Intelligenz der behauenen Steine. Zu einer gelungenen Tempelarbeit müssen alle Brüder gleichermaßen ihren Beitrag leisten. Alle müssen sich zu einem Ganzen organisieren. Es wird keine gelungene Arbeit, wenn jeder nur seine Rolle im Auge hat. Denken wir doch einmal daran, was passiert, wenn z. B. der Erste Aufseher seinen Einsatz verpasst oder textlich an die falsche Stelle gerät. Wenn der Stuhlmeister jetzt nicht „die Situation elegant rettet“, wird es keine gelungene Tempelarbeit. Und dies selbst, wenn der Stuhlmeister in seiner Rolle keine Fehler machte. Rettet er dagegen die Situation, kann es trotz des Patzers eine sehr gelungene Tempelarbeit werden.

Wir erkennen also, dass wir als Individuen immer auch von anderen abhängig sind und wandeln die Metapher des Nullsummenspiels, bei dem es immer einen Gewinner und einen Verlierer geben muss, in die Metapher einer Win-win-Situation ab, bei der alle gewinnen können, wenn vielleicht auch nicht immer in gleichem Maße. Es entsteht so die Weisheit der Vielen, die wir als soziale Gemeinschaft identifizieren und wertschätzen.
Richtig und ernsthaft ausgeführt, lassen uns unsere Rituale spüren, wie sich das rechte Maß anfühlt, wenn wir im Miteinander unsere Werte üben. Durch permanentes Üben wird aus der moralischen Mittelwahl ein tugendhafter Habitus. Deshalb scheint auch hier der Begriff der „Einübungsethik“ gerechtfertigt.

In Anlehnung an Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“ kann man den Freimaurer als Übenden, als ein sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen vorstellen. Seine Aktivitäten wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter und die Freimaurerei auf den Freimaurer. Wir verändern nicht die Welt, wir verändern uns und kehren als veränderte Menschen in die Welt zurück, auf die wir dann anders einwirken und die wir dann anders erleben. Was sich bewährt, funktioniert, was sich nicht bewährt, funktioniert nicht. Diese Bewährung ist auch die Bewährung der Freimaurerei. Zugegeben, es wird nur ein bescheidener kleiner Beitrag zur Verbesserung der Welt sein, aber es ist einer.

Zum Schluss: Was wünsche ich uns Freimaurern für die Zukunft? Dass wir aufhören zu suchen und anfangen zu finden.

In den Worten von Pablo Picasso ausgedrückt:

„Ich suche nicht — ich finde. Suchen — das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuen. Finden — das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht — menschlich beschränkt und eingeengt — das Ziel bestimmen. Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

Thomas Forwe

Thomas Forwe ist Associate Partner einer großen mittelständischen Unternehmensberatung. Seit 2016 leitet er die Forschungsloge Quatuor Coronati und ist in der Großloge A.F.u.A.M.v.D. für die Aus- und Weiterbildung mitverantwortlich. Das wissenschaftliche Tagungsprogramm des Großlogentreffens in Mannheim wurde von ihm organisiert.

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Neujahrsempfang der Loge “Plato” in Wiesbaden

Festredner Dirk Reimers, Staatsrat a.D und Vorstandsbevollmächtigter der Deutschen Nationalstiftung im Festsaal der Loge „Plato zur beständigen Einigkeit“ Foto: Privat

Der freimaurerische Jahreswechsel erfolgt nach alter Tradion um den 24. Juni herum. Ende Juni fand der 5. Neujahrsempfang der Wiesbadener Loge „Plato zur beständigen Einigkeit“ im Festsaal des Logenhauses statt.

Wiesbaden (tf). Meister vom Stuhl Br. Richard Lewinsky begrüßte zahlreiche Ehrengäste wie beispielsweise Oberbürgermeister, Sven Gerich, die Stadtverordnetenvorsteherin und ihren Stellvertreter, den Stadtältesten, den Wiesbadener Bundestagsabgeordneten Ingmar Jung und zahlreiche weitere Gäste aus Stiftungen, Vereinen, der Casino-Gesellschaft und dem Lionsclub.

Br. Rolf Keil, stellv. DM Hessen- Thüringen, überbrachte die Grüße des Großmeisters Br. Stephan Roth-Kleyer. In seinem Grußwort stellte er die Logen als Brückenbauer für den Austausch auf kultureller und geistiger Ebene heraus. Dazu trage auch dieser bereits 5. Neujahrsempfang der Wiesbadener Loge „Plato zur beständigen Einigkeit“ bei, um die Gedanken der Freimaurerei über den Weltethos und die Humanität in die Öffentlichkeit zu tragen.

Sven Gerich, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden, bedankte sich für die erneute Einladung zu dieser Veranstaltung. Oberbürgermeister Gerich griff vorab das Thema des Festredners auf, um auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Tendenzen einzuwirken. Hier würdigte er das Engagement von Ehrenamtlichen und Vereinen insbesondere für die Stadt Wiesbaden. So unterstützt seit mehr als 100 Jahren die Loge Plato mit der logennahen Hempelstiftung beiuspielsweise die Wiesbadener Musik- und Kunstschule. Er dankte der Loge für ihr Öffnung und ihre Unterstützung beim Zusammenhalten des Wiesbadener Stadtlebens. Für die Zukunft wünschte er der Loge Plato, dass sie die Ziele, ethische wie humanistische, weiter verfolgt und sie ausbaut.

Der Festredner des 5. Neujahrsempfanges war Dirk Reimers, Staatsrat a.D. und Vorstandsbevollmächtigter der Deutschen Nationalstiftung. Der Titel der Festrede lautete „Was uns zusammenhält – die Idee der Nation in Europa“. Herr Reimers stellte kurz die Stiftung vor und ging anschließend auf den Nationenbegriff ein. Hierbei bediente er sich einer Rede von Ernest Renan aus dem Jahre 1882. „Die Nation sieht Renan als ein ‘Wir-Gefühl’, als das Ergebnis eines inneren Prozesses in den Köpfen und Herzen der Menschen, also einem ‘täglichen Plebiszit’ für oder gegen die Zugehörigkeit zu einer Nation.“ Hierbei setzt sich das „Wir-Gefühl“ aus drei Säulen zusammen:

  1. Gemeinsame Sprache für eine Kommunikation, für eine Gesellschaft und damit auch als Teilhabe an der Demokratie
  2. Mindestkenntnisse des kulturellen Erbes, wie gemeinsame Werte, Traditionen, Gebräuche
  3. Der Wille an einer gemeinsamen Zukunft mitzuwirken

Das „Wir-Gefühl“ hat ein breites Spektrum an „Wir-Gefühlen“, z.B. familiärer, weltanschaulicher Art, und unterliegt, wie alle Gefühle, Schwankungen in jede Richtung. Unsere Nation ermögliche Vielfalt. Das bedürfe einer gemeinsamen Grundlage auf der das „Wir-Gefühl“ gedeihen kann, um die Menschen zusammenzuhalten. Im Ausland seien die Deutschen bekannt, dass sie keine Deutschen sein wollen. Allerdings habe diese Ich-Schwäche Deutschlands gleichfalls die Bereitschaft gefördert, sich stärker als manch andere Nation in das Europa zu integrieren. Deutschland sei ein Einwanderungsland. Um dessen Zusammenhalt zu erreichen unter Bewahrung unserer Werte und unseres Lebensstils, sowie bei der Integration von Migranten erfolgreich sein zu wollen, bedürfe es vor allem Selbstbewusstsein. „Nur wer sich seiner selbst bewusst ist und in sich ruht, kann anderen Partner sein und weltoffen, um multilateral mit anderen gemeinsame Probleme zu lösen.“ Herr Reimers stellte klar, dass der Zusammenhalt nicht von oben verordnet werden kann. Der Zusammenhalt als Nation wächst von unten und ist mitbestimmt durch die Werte des Humanismus, das Erbe der Aufklärung, durch unseren eigenen Willen und unsere Zuversicht.

Nach dem Festvortrag von Herrn Reimers und viel Applaus, gab es zum Abschluss der Veranstaltung eine klassische Gesangseinlage von Künstlerinnen und Künstlern der Wiesbadener Musikakademie. Einmal mehr verweilten Gäste und Brüder noch lange zum gesellschaftlichen Ausklang mit Imbiss im Logenhaus. Die Gespräche rankten sich um den geachteten Festvortrag und gleichfalls um Freimaurerei durch interessierte Gäste. Kontaktdaten wurden viele ausgetauscht und einmal mehr Interesse für die nächsten Gästeveranstaltungen bekundet.

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Unsere Großloge im 21. Jahrhundert

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Freimaurerei war stets von der jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und auch religiösen Situation geprägt und wandelte sich mit ihr. Seit dem Entstehen der ersten Logen und Großlogen entwickelte sich in den einzelnen Staaten jeweils eine eigene, von der nationalen Geschichte geprägte Freimaurerei oder sogar deren mehrere unterschiedliche.

Von Karl-Henning Kröger, Zugeordneter Großmeister
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

In Deutschland haben wir in den Vereinigten Großlogen (VGLvD) fünf verschiedene Lehrarten in fünf Großlogen mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und auch Inhalten.

Die Identität der Großloge A.F.u.A.M.v.D. im 21. Jahrhundert

Auch unsere Großloge hat ihre eigene Identität. Hierauf möchte ich besonders eingehen, weil wir uns unserer inhaltlichen Identität bewusst sein sollten. In der Präambel zu unserer Verfassung (der Vereinssatzung) steht seit 1974, dass „die in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland zusammengeschlossenen Freimaurer auf der Grundlage der Alten Pflichten von 1723“ sich diese Verfassung gaben.

Die „Alten Pflichten“ sind ein Text des frühen 18. Jahrhunderts, der in der damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation in England entstanden ist. Unsere heutige Situation ist eine völlig andere. Daraus folgt meiner Meinung nach, dass wir uns an die Prinzipien dieses Textes halten, ihn aber im Sinne des frühen 21. Jahrhunderts interpretieren und anwenden müssen.

Die freiheitlich-humanitäre Tradition

In der genannten Präambel heißt es weiter, die Großlogenverfassung stehe im Geiste der durch die „Alten Pflichten“ von 1723 begründeten freiheitlich-humanitären Tradition.

Wenn wir uns in einer solchen Tradition sehen, müssen wir uns im Klaren darüber sein oder werden, was das eigentlich bedeutet. Von Freiheit im Allgemeinen ist in den „Alten Pflichten“ gar nicht die Rede. Mit der freiheitlichen Komponente dieser Tradition kann nur die Religionsfreiheit gemeint sein, die der Reverend James Anderson im ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“ empfiehlt. Was aber ist die humanitäre Komponente unserer Tradition?

Das Wort „humanitär“ gibt es in der hier gemeinten Bedeutung nur im freimaurerischen „Sonderwortschatz“. Seine übliche Bedeutung ist laut dem aktuellen Duden:

„auf die Linderung menschlicher Not bedacht, ausgerichtet“, z. B. „eine humanitäre Organisation“,
„durch die existenzielle Not vieler Menschen gekennzeichnet“, z. B. „eine humanitäre Katastrophe“.

Vor dem nationalsozialistischen Verbot gab es in Deutschland zwei Gruppen von Großlogen:

Die drei christlich orientierten sogenannten „Altpreußischen“ Großlogen wandten sich nach „… ihrem Ritualinhalt und ihrem ganzen System … nur an Bekenner christlicher Glaubensbekenntnisse …“ Diese waren die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, die Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln und die Große Loge von Preußen, genannt zur Freundschaft. 1933 gehörten ihnen zusammen etwa 70% der deutschen Freimaurer an. Heute hat noch die Große Landesloge eine Sonderstellung innerhalb der VGLvD. Sie gehört „mit den skandinavischen Großlogen zur sogenannten christlichen Ausrichtung der Freimaurerei, die nach dem sogenannten ‚Schwedischen System‘ arbeitet.“

Die übrigen sieben Großlogen machten keinen Unterschied nach dem Glaubensbekenntnis. Diese waren die Großlogen von Bayreuth, Frankfurt, Hamburg, Darmstadt und Sachsen sowie die Deutsche Bruderkette. „Das Bestehen einer christlichen Freimaurerei in Deutschland hatte die übrigen deutschen Großlogen veranlasst, sich selbst ein sprachlich unterscheidendes Merkmal zu geben, wobei die nicht gerade glückliche Wortverbindung ‚Humanitätsmaurerei‘ erfunden wurde …“

Von diesem Begriff ist das Adjektiv „humanitär“ abgeleitet. Es bezeichnet eine Freimaurerei, die nicht an ein religiöses Bekenntnis gebunden ist. Das Wort hat diese Bedeutung erst seit dem frühen 20. Jahrhundert, das Konzept ist aber bereits in den „Alten Pflichten“ formuliert. Dort steht nämlich in dem schon angesprochenen ersten Abschnitt „Von Gott und der Religion“, man solle die Menschen nicht mehr wie früher zu der jeweiligen Religion des Landes oder der Nation verpflichten, sondern nur noch dazu, gute und wahrhaftige Männer zu sein und ihnen ihre jeweiligen persönlichen Überzeugungen selbst zu überlassen.

Genau das ist mit der freiheitlich-humanitären Tradition, in der unsere Großloge steht, gemeint!

Die Tradition der Aufklärung und des Humanismus

Immer wieder heißt es, dass die Freimaurerei in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus stehe. Diese beiden Begriffe treten in vielerlei Zusammenhängen auf und haben ihre Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen und im Laufe der Geschichte gewandelt. Professor Binder hat heute zu „Humanismus als politischem Auftrag der Freimaurerei“ vorgetragen. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Aspekt der Aufklärung kurz ansprechen:

Viele Menschen flüchten sich heute, angesichts neuer, unverstandener Technologien, von bedrohlichen Veränderungen ihrer Berufswelt, von Globalisierung, Migrationswellen, politischen Umwälzungen usw., in scheinbar einfache Lösungen, in Nationalismus, in Verschwörungstheorien oder in fundamentalistische Interpretationen von Religionen. Man könnte auf die Idee kommen, dass die Aufklärung schon wieder zurückgedrängt werde.

Angesichts solcher Trends genügt es meines Erachtens nicht mehr, „in der Tradition der Aufklärung zu stehen“, sondern wir müssen — jeder Einzelne für sich — aktiv den Vereinfachern und Dogmatikern entgegentreten. Zur Tradition der Aufklärung gehört ein wissenschaftliches Weltbild. Man kann sich heute im Internet unentgeltlich zu jedem beliebigen Thema informieren, man kann allerdings auch jeden beliebigen Unsinn finden. Kritisches Denken ist also angesagt, wenn uns etwas an der Aufklärung liegt.

Steven Pinker hat im vergangenen Jahr ein meines Erachtens wichtiges Buch vorgelegt. Der deutsche Titel lautet: „Aufklärung jetzt, für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“.

Das Sittengesetz

Im ersten Abschnitt der Alten Pflichten heißt es im ersten Satz: „A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law; …“ Das bedeutet auf Deutsch: „Der Freimaurer ist durch seine lebenslange Verpflichtung daran gebunden, dem Sittengesetz zu gehorchen.“

Was ist denn das Sittengesetz? Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Das Sittengesetz, dem der Freimaurer gehorchen soll, steht also auf gleicher Höhe wie die verfassungsmäßige Ordnung. Es ist zwar mit den staatlichen Gesetzen, mit dem sogenannten „positiven Recht“ gleichwertig, aber es handelt sich um einen unbestimmten Begriff. Dieses Sittengesetz muss also beim praktischen Handeln im Rahmen der staatlichen Verfassung jeweils mit Inhalt gefüllt werden.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich.

Immanuel Kant hat in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ das Konzept des Sittengesetzes durchdrungen, in mehreren Varianten des Kategorischen Imperativs formuliert und damit auch das freimaurerische Denken wesentlich mitgeprägt. „Kant löste die Moral von der Religion los.“ Wikipedia sagt zum Stichwort „Sittengesetz“: „Im verfassungsrechtlichen Verständnis umfasst das Sittengesetz alle sittlichen Normen, die als Allgemeingut der Zivilisation weltweit anerkannt sind.“

Nun gelten aber in den verschiedenen Regionen unseres Planeten und galten auch zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche sittliche Normen. Diese Definition halte ich deshalb für unbrauchbar. (Man sollte nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht!) Stattdessen sagt mein Brockhaus von 1973: „Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes sind entscheidend die Wertvorstellungen, die nach ‚allgemeinem sittlichen Urteil‘ für die im Geltungsbereich des GG lebende Rechtsgemeinschaft bestimmend sind.“ Das ist also das heute in Deutschland vom Grundgesetz gemeinte und damit verbindliche Sittengesetz.

Dementsprechend nennen wir die in der Tempelarbeit aufgeschlagene Bibel nicht „Buch der heiligen Gesetze“ (damit wären etwa die 613 Gebote und Verbote oder die „10 Gebote“ im Alten Testament gemeint), sondern wir sprechen vom „Buch des Heiligen Gesetzes“. Wir verstehen das Buch nicht als religiöses Bekenntnisbuch, sondern als Symbol für das Sittengesetz.

Aus dem Sittengesetz leiten wir auch unser freimaurerisches Menschenbild her. Der Mensch ist frei zu handeln und damit für sich selbst und für sein Handeln verantwortlich. So interpretiere ich auch die ältere der beiden Schöpfungsgeschichten, die am Anfang der Bibel stehen. Indem Adam und Eva im Paradies vom Baum der Erkenntnis essen, gehen ihnen die Augen auf. Ihnen wird das Licht erteilt, die Erkenntnis. Sie erkennen jetzt den Unterschied zwischen Gut und Böse. Sie können fortan nicht mehr wie die Tiere, die weder Gut noch Böse kennen, im Paradies leben. Indem Adam und Eva ein sittliches Bewusstsein bekommen haben, sind sie wirkliche Menschen geworden. Sie kennen nicht nur den Unterschied zwischen Gut und Böse, sondern sie sind selbst dafür verantwortlich, ob sie gut oder böse sind.

Die Geschichte, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, ist voll von Menschen, die sich für das Böse entschieden haben. Die erste Pflicht, die dem Freimaurer in den „Alten Pflichten“ genannt wird, ist, dem Sittengesetz zu gehorchen. Das ist nicht immer leicht, man muss daran arbeiten. Das verstehen wir unter der der „Arbeit am Rauen Stein“.

Der Große Baumeister aller Welten

Die Vereinigte Großloge von England zählt zu den Bedingungen, die für die Anerkennung einer ausländischen Großloge erfüllt sein müssen, dass Freimaurer unter deren Jurisdiktion an ein „Supreme Being“ glauben müssen. Im Artikel 3, Absatz 2 unserer Großlogenverfassung ist definiert, was wir darunter verstehen: „Sie (die Freimaurer) sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit.“

Mit „Weltenbau“ ist nach heutigem Stand der Wissenschaft gemeint: Die Existenz der Raum-Zeit, von Materie und Energie, die Gesamtheit der Naturgesetze, einschließlich der seltsamen Gesetze der Quantenwelt, die Existenz von Hunderten von Milliarden von Galaxien und vieles mehr, von dem wir noch nichts wissen und vielleicht nie etwas wissen werden.

Das „Lebendige“ als zweite Komponente dieses Konzeptes ist die überaus erstaunliche Tatsache, dass so etwas wie Leben überhaupt existiert und dass die Materie nicht etwa unbelebt ist, und dann die unvorstellbare Vielfalt der Lebensformen von scheinbar primitiven Einzellern bis beispielsweise zum Menschen, der sich für die Krone der Schöpfung hält, der aus etwa 100000 Milliarden von Zellen besteht , von denen jede einzelne den gesamten Bauplan für seinen Körper enthält, und der wiederum von vielen Milliarden Bakterien bewohnt wird. Das Gehirn des Menschen ist der komplexeste Gegenstand, von dem wir wissen. Über das sittliche Bewusstsein habe ich eben gesprochen. Soweit wir wissen, unterscheidet es den Menschen von allen anderen Lebensformen.

Wenn es in diesem Verfassungsartikel heißt, dass die Freimaurer in all dem ein „göttliches Wirken“ sehen, erinnert diese Formulierung an eine theistische Gottesauffassung, an die Vorstellung eines Gottes, der die Welt aktiv regiert und in ihr handelt. Eine solche Vorstellung steht genau genommen im Widerspruch zu dem humanitären Prinzip. Wenn wir das humanitäre Prinzip ernst nehmen, müssen wir auch die Formulierung „göttliches Wirken“ als Metapher auffassen und nicht wörtlich verstehen.

Die Erforschung und Betrachtung der drei genannten Bestandteile der Welt kann man auch unter den Begriffen „Kosmologie“, „Biowissenschaften“ und „Ethik“ zusammenfassen. Auch wer nicht einer bestimmten Religion angehört und vielleicht keine bestimmte Gottesvorstellung hat, sich aber mit diesen Themen ernsthaft beschäftigt, wird von großer Ehrfurcht erfasst werden und, wenn er Freimaurer ist, wird er „dies alles … unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten“ verehren.
Ich finde, dass diese Definition einerseits in wenigen Worten die dem Menschen angemessene Ehrfurcht vor einem „Supreme Being“ einem „Höchsten Sein“ ausdrückt und andererseits nicht behauptet, über das Wesen des Schöpfers oder eines Schöpfers genau Bescheid zu wissen. Ich finde, dass sich unter dieser Definition Angehörige aller religiösen Überzeugungen wiederfinden können. Ich finde außerdem, dass diese Definition einem wissenschaftlichen Weltbild entspricht, das im Zeitalter der Aufklärung entstanden ist. Dieses Zeitalter heißt im Englischen sehr treffend „the age of enlightenment“, was man auch wörtlich mit „Zeitalter der Erleuchtung“ übersetzen kann.

Übrigens heißt es noch in der Großlogenverfassung von 1964: „Der Freimaurer erblickt im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen das Wirken eines göttlichen Schöpfergeistes voll Weisheit, Stärke und Schönheit und verehrt ihn (den göttlichen Schöpfergeist!) unter dem Sinnbild des Allmächtigen Baumeisters aller Welten.“  Erst in der Freimaurerischen Ordnung von 1975 steht die heute gültige Definition:

„Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dies alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Auch darin sehen wir eine Entwicklung von einem traditionellen, noch stark religionsgebundenen, eher theistischen Verständnis eines Schöpfers hin zu dem Großen Baumeister als dem „umfassenden Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit“ . Dies ist meines Erachtens ein Verständnis des „Supreme Being“, in dem sich Angehörige ganz unterschiedlicher Weltanschauungen wiederfinden können. Br. Hans-Hermann Höhmann schreibt hierzu: „Das Symbol des ‚Großen Baumeisters‘ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz […] verstanden werden kann.“ Dieser transzendente Bezug des Freimaurers entsteht aus der Einsicht (oder der Vermutung), dass es etwas geben muss, das unsere raum-zeitliche, mit den Sinnen des Menschen oder mit den Instrumenten der Wissenschaft erfassbare Welt übersteigt.

Kontinuität und Wandel — Was muss bleiben?

„Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Dieses Zitat aus dem Roman „Il Gattopardo“ von Tomasi di Lampedusa ist Untertitel zum Thema unseres Großlogentreffens. Der Roman handelt von den gewaltigen politischen und sozialen Umwälzungen in Italien nach 1860, vom Aufstieg des Bürgertums, und davon, wie der traditionelle Adel versuchte, mit den modernen Zeiten fertig zu werden.

Die Freimaurerei hat über mehr als drei Jahrhunderte eine erstaunliche Stabilität gezeigt. Das liegt vermutlich an einer konservativen Grundhaltung, am Beibehalten von Prinzipien, während das Logenleben sich flexibel an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst hat.

Es blieben weitgehend unverändert: Die Organisation in Logen und Großlogen als „Männerbund“, (auf weibliche Freimaurerei komme ich noch zu sprechen), das Ritual mit Initiation als Alleinstellungsmerkmal unter allen Formen von „Vereinsleben“, die Hauptinhalte, nämlich das Ideengut der Aufklärung und des Humanismus, die ethische Ausrichtung, und nicht zuletzt Geselligkeit, die weitgehende Einhaltung von allgemein anerkannten Regeln, den „Basic Principles“, den Kriterien, die sich die Vereinigte Großloge von England für die Anerkennung von anderen Großlogen als regulär gegeben hat, Verschwiegenheit, die „diskrete Gesellschaft“, die strikte Neutralität in politischen und religiösen Angelegenheiten, wozu auch die humanitäre Ausrichtung gehört.

Wenn die Annahme zutrifft, dass das Festhalten an diesen Prinzipien ein wesentlicher Grund für die jahrhundertelange Attraktivität und Stabilität der Freimaurerei ist, sollten wir m. E. unbedingt an diesen Prinzipien festhalten und allen Versuchungen, durch vermeintliche „Modernisierung“ attraktiver zu werden, widerstehen.

Das Wesen des Wandels heute

In der zweiten Hälfte des 20. und jetzt im 21. Jahrhundert beschleunigen sich in einem vorher nicht geahnten Maße technologische Entwicklungen und in ihrer Folge die gesellschaftlichen Umwälzungen. Unter den zahlreichen globalen und langfristigen Trends, den sogenannten Megatrends, greife ich einige beispielhaft heraus, von denen ich annehme, dass sie konkrete Auswirkungen auf unseren Bund haben:

Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt beschleunigt sich weiter.

Die Digitalisierung durchdringt immer weiter auch das Alltagsleben. Automatisierung, „Industrie 4.0“ und Künstliche Intelligenz verändern die Wirtschaft und die Realitäten in den Berufen und auch ganz allgemein das Privatleben schneller, als Gesellschaften und Politik sich anpassen können. Auch die Gentechnologien werfen zahlreiche Fragen zu sozialen, ethischen und rechtlichen Aspekten auf. Der Abstand zwischen den Gewinnern und den Verlierern dieser Trends vergrößert sich, auch in Deutschland. In einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach sagten gerade 32% der Deutschen, sie glaubten an den Fortschritt. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahrzehnten. Das hat bedeutende Auswirkung in der Gesellschaft.

Wir sollten meines Erachtens in den Logen mit Hilfe kompetenter Brüder auch über technologische Entwicklungen, vor allem aber über die damit verbundenen sozialen und ethischen Themen sprechen.

Frauen in der Gesellschaft

In den meisten Ländern nehmen Status und Anteil an Führungspositionen von Frauen zu, so auch in Deutschland. In England und Wales gibt es zwei Großlogen von weiblichen Freimaurern. Die UGLE hat 1999 in einer Erklärung den Frauenlogen Regularität und Ernsthaftigkeit bestätigt, ohne sie offiziell anzuerkennen. Bei zahlreichen Aktionen der Öffentlichkeitsarbeit im Jubiläumsjahr 2017 sind die örtlichen Frauenlogen ganz selbstverständlich integriert worden. Die Brüder müssen dann gar keine Fragen mehr beantworten, warum sie keine Frauen aufnehmen und den Schwestern geht es umgekehrt genauso.
Wir bleiben uns aber einig mit der Frauengroßloge von Deutschland, dass wir einander nicht bei rituellen Arbeiten besuchen oder aufnehmen oder annehmen werden.

Ideen und Identitäten

Umfassende Internetkommunikation bei gleich­zeitig schwächerem Wirtschaftswachs­tum fördert Rechts- und Linkspopulismus sowie Spannungen zwischen Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen. Neue Medien und Kommunikationsmittel ermöglichen es einer steigenden Zahl von Akteuren, die öffentliche Meinungsbildung und damit die Politik zu beeinflussen, sowohl im nationalen wie im internationalen Rahmen.

In zahlreichen Ländern steigt der Einfluss der Religionen, in anderen, z. B. auch in unserem, nimmt er ab.

Damit komme ich zum Thema Religion und Politik in der Loge. In manchen Logen ist immer noch der Irrtum verbreitet, in der Loge seien alle Gespräche über Religion und Politik verboten. In den „Alten Pflichten“ von 1723 heißt es im Abschnitt VI., 2, „Benehmen nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind“ bei genauer Übersetzung: (Deshalb) „… dürfen keine persönlichen Provokationen oder zornigen Streitereien über Religion, Nation oder staatliche Politik in die Loge getragen werden, gehören wir als Maurer doch alle der allgemeinen ‚Religion‘ an, von der schon die Rede war“ (d. h. gute und redliche Männer zu sein).
Diese Vorschrift wurde unter dem Eindruck der Religions- und Bürgerkriege des vorangegangenen Jahrhunderts formuliert und gilt richtig verstanden auch heute unverändert.

Damals verstand man unter „Politicks“ die Bürgerkriegsparteien in England. Heute haben wir einen ganz anderen Politikbegriff. Man unterscheidet z. B. Außenpolitik, Energiepolitik, Entwicklungspolitik, Gesundheitspolitik und viele mehr.

In unserer Großlogenverfassung heißt es in Artikel 2 Abs. 2: „Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes (!) Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“ Wir sollten deshalb in den Logen bewusst unsere Gesprächskultur pflegen: Nicht strittige Themen vermeiden, sondern zivilisierten Diskurs pflegen, zuhören, andere Meinungen gelten lassen! Konflikte sind normaler Bestandteil des menschlichen Lebens. Es kommt darauf an, richtig mit ihnen umzugehen.

Digitalisierung

Nach allgemeiner Wahrnehmung ist die Digitalisierung der dominierende Bereich des technologischen Fortschritts. Die Digitalisierung hat eine Explosion des Wissens mit sich gebracht, zugleich aber auch eine „Explosion des Unwissens“ und des falschen Wissens, und erst recht keine Explosion der Weisheit. Solche Trends können wir als verhältnismäßig kleine soziale Gruppe nicht aufhalten oder auch nur wesentlich beeinflussen.

Wir Freimaurer profitieren von der Digitalisierung z. B. bei der Kommunikation untereinander. Aber: Es gibt keine digitale Freimaurerei! Rituelle Arbeiten sollten bewusst Auszeiten von der digitalen Welt sein, bei denen niemand ein iPad oder Smartphone benutzt. Ausnahmen können gegebenenfalls der Musikmeister mit seinen Datenträgern oder ein Arzt im Bereitschaftsdienst sein. Zu Stil und Umgangsformen einiger Brüder in den sogenannten Sozialen Medien ist schon viel gesagt worden. Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Ermahnungen.

Arbeitswelt

Heute ist es eine Binsenweisheit, dass kaum noch jemand in dem Beruf oder dem Arbeitsgebiet, in dem er begonnen hat, in Rente geht. Lebenslanges Lernen ist zur Normalität für alle geworden, die erfolgreich bleiben wollen. Die Mobilität, die beruflich gefordert wird, betrifft auch die regionale Mobilität. In manchen Branchen ist häufiges Umziehen und/oder Pendeln zur Normalität geworden. Das hat auch Auswirkungen auf das Logenleben. Glücklicherweise kann jeder reguläre Bruder weltweit jede reguläre Loge besuchen. Ich selbst habe z. B. insgesamt sieben Jahre lang im Ausland jeweils eine Loge an meinem neuen, zeitweiligen Orient so regelmäßig wie ein Mitglied besucht und mich dort schon nach kurzer Zeit heimisch gefühlt.

Wir sollten neue Brüder von Anfang an mit dieser modernen freimaurerischen Realität vertraut machen und auch als aufnehmende Logen gezielt um solche Gäste werben. Außerdem sollten wir den Brüdern der eigenen Loge, die von ihrem Arbeitgeber in eine andere Stadt oder ein anderes Land geschickt werden, helfen, dort eine Loge zu finden und sie regelmäßig zu besuchen. Und wir sollten auch Suchende zu Freimaurern machen, von denen wir wissen, dass sie einige Jahre später an einem anderen Ort wohnen werden. Wenn sich eine solche Praxis verbreitet, profitieren alle davon.

Zusammenfassung

Umwälzungen in der Gesellschaft sind seit der Aufklärung und dem Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters etwas Normales. Was neu ist und uns auf absehbare Zeit begleiten wird, ist die ungeahnte Beschleunigung, die durch Technologieschübe bewirkt wird. Ich sehe die Entwicklung auf unserem Planeten insgesamt positiv, anders als meist dargestellt. Auch hierzu möchte ich eine Buchempfehlung geben: Das Buch von Hans Rosling mit dem Titel „Factfulness, wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“

Was die Freimaurerei betrifft, sollten wir, wie gesagt, an unseren bewährten Prinzipien festhalten. Unsere Logen sind Einrichtungen der Arbeit an uns selbst. Sie sind bewusst eine Alternative zu anderen, nur scheinbar ähnlichen Organisationen. Unsere Logen, unsere Großloge, wir „ändern manches, damit das Ganze bleibt, wie es ist“.

Karl-Henning Kröger

Br. Karl-Henning Kröger ist pensionierter Bundeswehroffizier. 2018 wurde er zum Zugeordneten Großmeister der Großloge A.F.u.M.v.D. gewählt und war vorher viele Jahre ehrenamtlich als Großkanzler der Großloge tätig.

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Zusammenarbeit gesellschaftspolitisch aktiver Logen

Foto: Gerd Altmann / Pixabay

Die Mannheimer Loge "Kurpfalz" veranstaltet ein Sommertreffen und möchte die "gesellschaftspolitisch aktiven Logen" zur Zusammenarbeit und einem Netzwerk anregen.

Kaum war wochenlang Mannheim im Zusammenhang mit dem Großlogentreffen 2019 Schwerpunkt der Berichterstattung, macht schon wieder eine Mannheimer Loge von sich reden.

Die Loge “Kurpfalz” veranstaltet im Rahmen ihres Sommer-Johannisfestes 2019, in Zusammenarbeit mit der Mannheimer Loge “Carl zur Eintracht” und im Verbund der Rhein-Neckar-Logen neben der Tempelarbeit in I und ihrem festlichen Empfang die 1. Arbeitstagung “Zukünftige Zusammenarbeit gesellschaftspolitisch aktiver Logen — Neue Inhalte, neue Formen”.

Ziele der ersten Arbeitstagung sind der Aufbau eines Netzwerkes interessierter Brüder, Präsentation bestehender und Entwicklung neuer Konzepte der Teilhabe am öffentlichen Leben, neue Möglichkeiten der zukünftigen Zusammenarbeit sowie Nutzung neuer Tehcnologien bei der logenübergreifenden Kommunikation.

Das Treffen findet statt am Samstag, den 6. Juli 2019 und besteht aus drei Elementen: Der Tempelarbeit in I von 11 bis 13 Uhr, der Arbeitstagung von 16 bis 18 Uhr und dem Festlichen Empfang ab 19 Uhr. Details zu den Veranstaltungsorten sind unter der Mailadresse info@freimaurerloge.kurpfalz.de zu erfragen, Anmeldungen sind erbeten.

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Humanismus als politischer Auftrag der Freimaurerei

Foto: elmar gubisch / Adobe Stock

Im Begriff des Humanismus überlagern sich unterschiedliche Bedeutungen, die ihm, wenn man sich dessen nicht bewusst ist, eine verwirrende Vielschichtigkeit geben.

Von Prof. Dr. Dieter Binder
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

I.

Im Humanismus der Renaissance begegnet man nicht einem geschlossenen philosophischen System, sondern stößt auf methodische Fragestellungen, die die studia humanitatitis, also der Moralphilosophie, Grammatik, Poetik, Rhetorik und Geschichte prägen. Als zentrales Anliegen greife ich den Ansatz der Ars vitae heraus, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert, die auf die Situation und Würde, auf die Conditio und Dignitas des Individuums in dieser Welt zielt. Die Historia versteht diese Welt als Produkt menschlichen Handelns im Widerspruch zu jener Tradition, die in ihr einen Spiegel des göttlichen Gestaltungswillens sieht. Die Sinngebung des menschlichen Wirkens entsteht durch das Markieren von selbst gewählten Zielen.

Das von der Rezeption der Antike in der deutschen Klassik geprägte Menschenbild, hier spannt sich ein Bogen von Johann Gottfried Herder über Johann Wolfgang Goethe hin zu Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin, erkennt den mündigen Menschen im harmonischen Zusammenwirken von Vernunft und Sinnlichkeit. Der erneuerte Rückgriff auf die Antike, wie dies Friedrich Immanuel Niethammer 1808 forderte, forciert das Modell einer Aristokratie des Geistes, in dem Weltbürgertum und nationales Erwachen Hand in Hand gehen. Darauf baut der Selbst-Aristokratisierungs-Prozess des nationalen Bürgertums des späten 19. Jahrhunderts ebenso auf wie der „dritte Humanismus“ mit seinem nahezu weltflüchtigen Aufgehen in der antiken Mythologie.

Der charakteristische pädagogische Ansatz verfestigt die Dignitas hominis, die Menschenwürde, und die damit postulierte Entdeckung des Individuums bereits in der Renaissance. Darauf rekurriert der von der deutschen Klassik geprägte Humanismus mit seinem Bild vom freien, selbstbestimmten Menschen, der im Widerspruch zu jeder Form von theologischer und/oder staatlichen Bevormundung steht. Das Erziehungsideal fordert einen freien Menschen, der in seiner Selbstvergewisserung, in seiner individuellen Vervollkommnung seinen bewussten Anteil an der Verbesserung der Gesellschaft leistet. Der Fremdbestimmung setzt Albert Camus den Menschen in der permanenten Revolte entgegen und rettet damit den Humanismus vor der ideologischen Vereinnahmung.

Diese verknappte Sichtweise unterliegt nicht der Versuchung, den Humanismus als durchgehende Konstante von der Antike bis zur Gegenwart zu lesen. Sie weist die Analyse Heinrich Weinstocks „Die Tragödie des Humanismus“ (Heidelberg 1953) zurück, weil diese einen „absoluten Humanismus“ konstruiert, der durch keine wohl „religiöse Scheu“ relativiert wird. Die radikale Kritik Weinstocks wird kondensiert in der Besprechung des Buches in der „Zeit“ (25. Juni 1953) zu einer radikalen Abrechnung: „Jetzt versteht man, daß die römischen Stoiker die Vorbilder der Terroristen von 1793 werden mußten und der humanistisch gebildete Saint-Just aus logischer Konsequenz als Humanist die Guillotine in Gang setzte. Sobald der ,absolute Humanismus‘ nicht mehr durch religiöse Scheu gedämpft war, gebar sich das totalitäre Regime von selbst aus ihm. Absoluter Humanismus und Massenmord gehörten schon bei Senecas gelehrigem Schüler Nero zusammen, und nun wieder bei Saint-Just, dem humanistisch gebildeten Goebbels und dem konsequentesten Schüler des Humanisten Karl Marx, Josef Stalin. Alle diese Figuren sind keine Anomalien der abendländischen Kultur, sondern legitime Produkte der Tradition des absoluten Humanismus, Urenkel der Stoa.“

Dies scheint stringent. Doch mit dieser Logik kann man den Katholiken Adolf Hitler und den orthodoxen Priesterseminaristen Josef Stalin als konsequente Endprodukte des Christentums diagnostizieren.

Humanismus wird hier als Erziehungspraxis verstanden, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert und so die Menschenwürde aller Individuen sicherstellt. In dem Augenblick, in dem die Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden, wird die Gefahr eines Rigorismus humanistischer Weltsicht gebrochen. Dementsprechend werden die „fünf Grundannahmen des Menschenbildes der humanistischen Psychologie und Pädagogik“ zusammengefasst:

  1. Der Mensch hat einen konstruktiven Kern.
  2. Der Mensch strebt danach, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben: Autonomie.
  3. Alle Menschen sind gleichwertig und gleichberechtigt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
  4. Der Mensch ist eine ganzheitliche (Körper-Seele-Geist) Einheit: Ganzheitlichkeit.
  5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Interdependenz.

Die angesprochene Erziehungspraxis bezieht sich dezidiert nicht auf das von Michael Zichy pointiert formulierte „humanistische Bildungsideal“: „,Die Abwehrschlacht zur Verteidigung der klassischen Bildung, des Rückbezugs von höherer Schule und Studium auf das römische und griechische Altertum, ist längst geschlagen und verloren worden. Ein pädagogischer Vorrang der humanistischen Bildung dieser Art vor anderen inhaltlichen Ausformungen gymnasialen Schulunterrichts lässt sich mit zwingenden Gründen nicht halten‘ Diese zum Zeitpunkt der Wende formulierte Feststellung ist auch heute, 20 Jahre später, noch wahr. Und dennoch: Wann immer um Sinn und Ziel von Erziehung und Bildung gestritten wird, ist es zur Beschwörung des humanistischen Bildungsgedankens nicht weit. Doch dann geht es kaum noch um die Reaktivierung des altsprachlichen Unterrichts, sondern um die dahinterstehende Geisteshaltung — und um das Abendland schlechthin. Denn wer sich auf den Humanismus beruft, der hat – so scheint es – die altehrwürdige Tradition hinter sich. Ist der Humanismus doch unbestreitbar ein den europäischen Kulturraum zutiefst prägender Geistesstrang. Dies drückt sich nicht zuletzt auch in seiner ausdrücklichen Nennung im gescheiterten EU-Verfassungsvertrag aus, in dem es in den ersten Zeilen der Präambel heißt: ,[…] schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben […]‘.“

in derartig schwammiger Begriff muss vom meritorischen Verweis auf eine klare Anwendungsebene gebracht werden. Karl Kerényi fasst dies in seinem „Brief an junge Humanisten“ in unserem Sinne zusammen: „Über alles in der Welt vom Gesichtspunkte des Menschen aus denken und an allem, was je gedacht, den besonderen menschlichen Anteil wahrzunehmen – so könnte der Humanismus als philosophische Weltanschauung im allgemeinsten Sinne bestimmt werden. Damit ist indessen das Anliegen des Humanisten nicht erschöpft. Denn zu dieser bewusst-humanen Denkweise gehört auch das Streben, die Welt, den Denkenden selbst miteinbegriffen, menschenwürdiger zu gestalten: die Humanität.“

Zieht man sich auf eine derartige Position zurück, erübrigt sich der Diskurs über Varietäten, die als Substantivum regens den Humanismus führen. Es sei auf den existentialistischen Humanismus eines Jean Paul Sartre, „L’existentialisme est un humanisme“ (1946), auf den Humanismus eines Karl Marx und jener, die sich auf diesen berufen, auf den christlichen Humanismus eines Jacques Maritain, auf den psychoanalytisch geprägten Humanismus Erich Fromms, auf den Humanismus des japanischen Philosophen Daisaku Ikeda oder jenen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide verwiesen. In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine „christliche“ oder „marxistische“ Soziallehre noch eine „christliche“ oder „marxistische“ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine „deutsche“ Physik gäbe. Damit soll angedeutet werden, dass der klassische Ansatz des Humanismus naturgemäß in seiner Rezeptionsgeschichte, die von der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt ist, sichtbar wird. In Parenthese: Die Menschenrechte, wie sie in der französischen Nationalversammlung 1789 postuliert und 1791 in die amerikanische Verfassung implementiert worden sind, können nicht, auch wenn eine klare Traditionslinie im Entstehen aufgezeigt werden kann, auf eine partielle Ebene heruntergebrochen werden. Ihr Anspruch auf universelle Gültigkeit, die durchaus im Widerspruch zu regionalen Traditionen stehen mag, duldet keine politisch oder philosophisch argumentierte Engführung als „christliche“, als „freiheitlich-demokratische“, als „marxistische“ Menschenrechte.

Der Humanismus, so er nicht zur akademischen Attitüde degeneriert, fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.

„In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Soziallehre noch eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine ‚deutsche‘ Physik gäbe.“

Prof. Dr. Dieter Binder

II.

Freimaurerei ist wie der Humanismus ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, in der sie existiert. Eingebettet in die Traditionen des Bauhandwerks stifteten vier Londoner Logen, in denen interessierte Laien aufgenommen wurden, am 24. Juni 1717 jene Großloge, die als der Beginn der rezenten weltweiten Freimaurerei anzusehen ist. Mit der Wahl John Duke of Montagues zum Großmeister 1721 wurde aus den kleinbürgerlich dominierten Zusammenschlüssen ein gesellschaftliches Ereignis, in dem das aufstrebende Bürgertum mit der englischen Oberschicht in Kontakt trat und das sich in den 1723 publizierten „Constitutions of the Free-Masons“ („Alten Pflichten“) jenes Regelwerk gab, das bis heute die Freimaurerei in den unterschiedlichsten Facetten prägt. Angesiedelt am Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum wurde dieser Ort der „männlichen Rede“ zum Modell einer modernen Gesellschaft, in der die herrschenden Standesgrenzen unter Berufung auf die umfassende Brüderlichkeit relativiert wurden, wobei das strenge Ritual allzu große Distanzlosigkeit unterband. Mit dem Sprung auf den europäischen Kontinent verknüpfte sich der gesellige Charakter, der den Logen mit den kurz davor entstandenen ersten Herren-Clubs eigen war, partiell mit der Aufklärung.

Das Auswahlkriterium — aufgenommen wurde und wird man nur über den Vorschlag von Mitgliedern nach einem strengen Prüfungsverfahren — und die zunehmende Binnendifferenzierung beschleunigten eine Entwicklung, die als „masonry in a masonry“ zu charakterisieren wäre, die harte aufklärerische Positionen („Illuminaten“) ebenso bediente wie deren Gegenteil („Rosenkreuzer“), um schließlich als Organisationsmodell in rein politische Zusammenschlüsse einzufließen („preußischer Tugendbund“, Frankreichs „Les Amis de la Verité“ und „Charbonnerie“, die italienische „Carbonneria“ etc.).

Folgt man der Aufstellung freimaurerischer Selbstdefinitionen, wie sie von Eugen Lennhoff und Oskar Posner zu Beginn der 1930er Jahre unternommen worden ist, so stoßen wir auf Begrifflichkeiten der Selbsterziehung, des Baus am „Tempel der Humanität“, als Ort der „geistige[n] Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Hier finden sich erhabene Worte von Gottfried Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottlieb Fichte, von Friedrich II., Wilhelm I. und Friedrich III., von Friedrich Ludwig Schröder, August Horneffer und Franz C. Endres. Diesen Ausführungen stellt Lennhoff bewusst eine Umschreibung des freimaurerischen Inhalts aus dem Katechismus des Lehrlingsgrades der United Grand Lodge of England voran: „Freimaurerei ist ein eigenartiges System der Sittlichkeit, eingehüllt in Allegorien und erleuchtet durch Sinnbilder. Die Freimaurerei lehrt Wohltätigkeit und Wohlwollen üben, die Reinheit schützen, die Bande des Blutes und der Freundschaft achten, die Grundregeln der Religion annehmen und ihre Gebote achten, dem Schwachen beistehen, den Blinden leiten, die Waisen beschützen, die Niedergetretenen erheben, die Regierung unterstützen, Sittlichkeit verbreiten und Wissen vermehren.“ Der Definition der United Grand Lodge of England folgt jene der Grande Loge de France von 1907: „Die Freimaurerei ist eine internationale Vereinigung, gegründet auf Solidarität. In allen Lagen sollen Freimaurer einander unterstützen, selbst im Falle der Lebensgefahr. Die Freimaurerei hat zum Zweck die moralische Vollendung der Menschheit, als Mittel hierzu die ständige Verbesserung der geistigen und materiellen Lage der Menschen. Sie hat als Devise die Worte: ,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘.“ Und die Symbolische Großloge von Ungarn definiert in exemplarischer Kürze: „Der Bund der Freimaurer ist eine zur Wahrung, Pflege und Verbreitung der wahren Humanität geschaffene Korporation, deren Mitglieder einander als Brüder betrachten und nennen.“ In Summe stimmen diese Definitionen unabhängig von den jeweiligen Obödienzen darin überein, dass das freimaurerische Erziehungsprogramm den Einzelnen dazu in die Lage versetzt, als Individuum allein und gemeinsam mit seinen Brüdern/Schwestern den Bau des „Tempels der Humanität“ zum allgemeinen Wohle voranzubringen. Im Katechismus der Lehrlinge nach dem Ritual der Großloge A.F.u.A.M.v.D. wird die Frage nach dem Bau, an dem die Freimaurer arbeiten, beantwortet. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“

Anton Kreil, Professor am Theresianum, wandte sich anlässlich einer Lichtgebung, der Initiation eines neuen Mitgliedes also, in der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“ emphatisch an seine Brüder und den eben aufgenommenen Lehrling: „Ueberall also Scheintugend oder Aftertugend; überall Verführung oder Mißhandlung, Betrug, Heucheley, Gleisnersinn, ewiges Untergraben, und Uebervortheilen, freche Gewaltthätigkeit, überall die verschämte Ehrlichkeit im Gedränge, überall das unverschämte Laster im Triumpfe. So Brüder! So stehts mit unserm Tempelbau. Werft Eure Kelle weg, zerreißt eure Schürzen, zertrümmert Zirkel und Winkelmaaß. Wozu sollen uns diese Werkzeichen, seitdem das verschmitzte Last der Geheimniß gefunden hat, sie zu verfälschen, seitdem der Eckstein geborsten ist? Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Das Bild des Tempels, der in Gefahr ist einzustürzen, evoziert zum einen das Bild eines Bauwerkes, an dem mit Maurerwerkzeug gearbeitet wird, zum anderen das Bild einer moralisch verkommenen Welt, zu deren Rettung die Freimaurer aufgerufen werden.

In der dieser Ansprache vorangegangenen Initiation wird der Suchende mit dem Bild des Tempels vertraut gemacht. Der Meister vom Stuhl, der Vorsitzende der Loge also, erklärt dem Lehrling die Symbole, die er auf der am Boden liegenden Lehrlingstafel findet. Nach dem Hinweis auf das Handwerksgerät führt die Instruktion zu einem zweifachen Motiven-Kranz: „Noch sehen sie hier [unverständliche] Hieroglyphen, die wir Salomo‘s Tempel entlehnt haben. […] Der mosaische Fußboden [das musivische Pflaster], so schön als fest, ist das Sinnbild der Grundlage, die wir bey denen suchen, welchen wir die Pforte unseres mystischen Tempels öffnen wollen. Festigkeit des Karakters, und der Wunsch, ihre Seele unaufhörlich zu verschönern, muß unsere Suche von anderen auszeichnen. Die Schnur mit Fransen diente im Tempel Salomo’s den Vorhang zuzuziehen, der das Allerheiligste verhüllte: statt des Vorhanges erblicken sie sie auch hier. Verschwiegenheit ist der Vorhang, der unser Heiligthum vor der Entweihung sichert. Die zur linken stehende Säule, mit dem Buchstaben I bezeichnet, ist die Abbildung der Säule im Vorhofe des Salomonischen Tempels, an welcher, der Tradition zur Folge, während des Tempelbaues die Lehrlinge ihren Lohn zu empfangen pflegten. Das Wort des Grades erinnert sie ohne Unterlaß: dass der Lohn ihrer Arbeit in dem beseeligenden Bewußtseyn, seine Pflicht gethan zu haben, bestehen müsse.“

Aus einer ursprünglich „am Heilsplan orientierten Gebäudemetaphorik“ wurde durch die säkularisierte Rezeption ein „imaginärer Tempel des eigenen Inneren“, den Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ansprach.

Falk: Ordnung muß also doch ohne Regierung bestehen können.
Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?

Dabei ist sich Lessing der Gefahr des Subjektivismus bewusst, der er gegenzusteuern sucht:

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eigenen Lage beurteilt, kann leicht gemißbraucht werden. […]
Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.
Ernst: Was ist das?
Falk: […] dass sie nicht unfehlbar sind. […] dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.

Für den „vernünftigen“ Umgang der Menschen miteinander fordert daher Lessing Toleranz und Brüderlichkeit ein, die mit der Relativierung des eigenen Standpunktes einhergehen müssen.

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt.

„Humanismus fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.“

Prof. Dr. Dieter Binder

Im Ritual der Johannis-Maurerei wird in der Symbolwelt der Tempel König Salomos zitiert, die Tempelvorstellung ist aber nicht jene des Judentums. Der Tempel wird ohne Zweifel aus der Sicht des „Neuen Testaments“ gelesen, auch wenn relativ rasch nach der Gründung der ersten Großloge Ansätze einer Interkonfessionalität beobachtet werden können. Alfred Schmidt hat die Transformation der Konfessionalität der Constitutions hin zum Deismus als einen wesentlichen Beitrag der freimaurerischen Entwicklung beschrieben. Im Gegensatz dazu steht, wie Bernhard Beyer präzise angemerkt hat, die Sichtweise von Ferdinand Runkels „Geschichte der Freimaurerei in Deutschland“ (1931/32). In dieser wird die „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ explizit als Christentum ausgewiesen. Zeitgleich mit Runkels Darstellung erschien die erste Ausgabe des „Internationalen Freimaurerlexikons“, in dem Lennhoff und Posner die von Runkel apologetisch vorgetragene „christliche Freimaurerei“ der Tradition der Ritterorden, wie sie in unterschiedlichen Hochgradsystemen des 18. Jahrhunderts aufschlagen, zuordnen. Diese Anregungen wurden im Selbstaristokratisierungs-Prozess des Bürgertums in den Systemen der schwedischen und norwegischen Großlogen ebenso verdichtet wie innerhalb der Großen Landesloge und den beiden anderen altpreußischen Großlogen.

Damit eng verknüpft war jene „christliche“ Exklusivität, die die Aufnahme von Nicht-Christen weitgehend verhinderte und die in weiterer Folge durchaus rassistisch gefärbte Positionen des Antisemitismus, etwa des „deutsch-christlichen Ordens“ (so die Namensänderung der Landesloge), implizierte. Eine weitere Engführung dieses Milieus thematisierte Hans-Hermann Höhmann in seiner Studie über die „völkische Freimaurerei“. Exemplarisch verweist er auf die kosmopolitische Haltung der deutschen Freimaurerei der Spätaufklärung, die „Weltbürgersinn“ und „Vaterlandsliebe“, um Fichte zu zitieren, zu vereinigen wusste. Eingebettet in die Entwicklung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts degenerierte im bürgerlichen Formatierungsprozess europaweit dieser „Weltbürgersinn“ und wurde zunächst zunehmend ersetzt von der Überzeugung des zivilisatorischen Vorbilds der eigenen Nation. Während man für die eigene Freimaurerei jeden Nationalismus verneinte, schrieb man den politischen Gegnern und der Freimaurerei in deren Ländern einen „engherzigen, fanatischen Nationalhass“ zu. Die völkische Agitation gegen jede Form von Internationalismus und die damit verknüpften Angriffe gegen die Freimaurerei beschleunigten jene Entwicklung, die aus der „christlichen“ eine „christlich-deutsche“ Freimaurerei kreierte und den Weg zu einer partiellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ebnete. Höhmann charakterisiert diese Entwicklung mit zwei Zitaten. In der Gründungsversammlung des „Wetzlarer Rings“ wurde 1925 festgehalten: „Mitglied unserer Loge kann nur werden, wer deutscher Abstammung ist und sich zur christlichen Weltanschauung bekennt. Suchende, deren Eltern oder Großeltern jüdischer Abstammung sind, können nicht aufgenommen werden. Für Annahme ständig Besuchender gilt dasselbe.“ Und der deutsch-christliche Orden hielt fest: „Unser Verhängnis war, dass wir immer — trotz Widerspruchs — zusammengeworfen wurden mit den humanitären Freimaurern.“

Stringent angesichts einer solchen höchst eindeutig politischen Befindlichkeit strichen der Orden und die altpreußischen Logen das Symbol der humanitären Verpflichtung, den „Salomonischen Tempel“, aus ihren neu geschriebenen Ritualen, nunmehr als Brauchtum bezeichnet, und ersetzten es durch das Bild vom „Dom-Bau“. Doch dieser Dom ist nicht Symbol einer umfassenden Humanität, sondern ein Ausdruck von Revisionismus und nationaler Überheblichkeit. Seine Deutung wird dem „Ordensjünger“ nach seiner Aufnahme gegeben: „Für jetzt ist es notwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf den Teppich zu lenken. Sie sehen da das Straßburger Münster abgebildet – den deutschen Dom […]. In diesem Münster des Meisters Erwin ist in allem Reichtum der Gotik doch altgermanisches Volkstum gestaltet. Für die wundervolle Rose über dem Hauptportal ist die altgermanische Vorstellung vom Sonnenrad und seiner kultischen Bedeutung Vorbild gewesen […]. Dieser Dom steht seit 600 Jahren unvollendet und wartet auf ein Volk und eine Zeit, die auch hier das deutsche Werk vollendet. Aber dieser Dom ist vor allem auch ein Bild der Wandlungen im deutschen Schicksal. Deutsch war sein Meister, deutsch das Land, urdeutsch das Volk, das durch drei Jahrhunderte daran gebaut, das darin gebetet und in deutscher Frömmigkeit Gott gesucht hat. Dieses Land und dieses Volk kamen in Feindeshand; aber der Dom stand als Wahrzeichen der unlösbaren Verbundenheit von Land und Volk mit der ewigen deutschen Heimat. Land und Dom wurden wieder mit dem Reich der Deutschen vereint […] und abermals steht der deutsche Dom trauernd jenseits der Grenzen des Reiches […] und alle Gebete und alle Kraft des Willens fordern, daß wieder deutsch werde, was ewig unverlierbar deutsch ist.“ Aus den Logen wurden eben angesichts der Machtübernahme des Nationalsozialismus „Ordensgruppen“, die nicht nur semantisch knapp neben den „Ortgruppen“ der NSDAP angesiedelt waren.

III.

Logen sind Bauhütten. Das Bauen ist neben dem Licht und dem Wandern das dritte zentrale Bild der Freimaurerei. Nicht zufällig verweist Höhmann auf Karl R. Poppers Warnung, dass jeder „Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, […] stets die Hölle“ gebracht hat. Diese Kritik trifft den Absolutheitsanspruch von Ideologien. Daher müssen wir, so Popper an anderer Stelle, „unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben.“ Ein solcher Verzicht entbindet aber nicht von der Aufgabe „bescheidene Weltverbesserer“ zu bleiben. „Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen.“

Diese Beschränktheit des Tuns lässt Anton Kreil ausrufen: „Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Lapidar verweist Höhmann auf das Bauen ohne Unterlass: „Kein abgeschlossener Bau ohne einen neuen Bauauftrag, denn Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer weitergebaut.“

Dem stets vom Versinken bedrohten Tempel Stützen zu geben, evoziert das Bild des Sisyphos. Der Widerstand gegen das Versinken des Tempels wird zur Aufgabe des Individuums. Es ist der Mensch, der den aktuellen Zustand verneint, es ist der „Mensch in der Revolte“. Diese Revolte, so Albert Camus, resultiert aus „der dunklen Gewißheit eines guten Rechts, oder genauer auf dem Eindruck des Revoltierenden, ,ein Recht zu haben auf…‘.“ Und auf Sisyphos übertragen heißt es: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […]. Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Dorothea Gall stellt die Frage nach der Humanität angesichts der Pest in Camus Roman. „Die Pest im durch die Quarantäne verschlossenen Oran ist (auch) Allegorie für den Faschismus, für die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg; die Maßnahmen gegen die Seuche bedeuten also (auch) die französische Resistance. Damit stimmt überein, dass der Erzähler Rieux, im Ringen um den richtigen Ausdruck für das Ziel, auf das sich die Sehnsucht der Menschen während der Pest gerichtet hat, neben die Liebe den Frieden stellt.“ Für Camus ist „die Pest“ das „Symbol des Gegen-Menschlichen, des Leides und Todes überhaupt, und ihr gilt ein ebenso erbitterter Widerstand“. In Camus fiktionaler Chronik „liegt aber das Hauptaugenmerk auf denen, die trotz ihrer Verzweiflung und Ermattung den Kampf weiterführen und sich, soweit dies möglich ist, für die Wahrung der Menschenwürde in Krankheit und Tod einsetzen – also gewissermaßen einen Humanismus der Revolte praktizieren.“ Dadurch begegnet „die kampfbereite humanitas des Arztes und seiner Mitstreiter“ der „Gewalt der Pest“; „und wie der Arzt gegen die Seuche kämpft, so streitet hier auch der freie Bürger gegen die Unterwerfung durch ein grausames und amoralisches Regime, der gute Mensch gegen das Böse schlechthin.“ Den Kampf zu führen, folgt man Camus, ist die Aufgabe der Intellektuellen. Das „Konzept einer Überwindung der Pest (in ihrer Bedeutungsvielfalt) durch die Kraft der Intelligenz“ entspringt aber nicht der Hybris eines intellektuellen Geheimwissens, eines fernen Humanismus also, sondern fußt im „Glauben an das Anrecht“ aller „Menschen auf Glück:“ Zusammenfassend hält Gall die Position der Humanität in diesem Roman fest: Diese ist die sich der „Verstörung widersetzende Kraft, die die Klugen und Wissenden befähigt, gegen die Katastrophe zu kämpfen und zugleich denen, die ihr physisch oder psychisch erliegen, mit Verständnis zu begegnen; die gegen die Seuche nicht Resignation oder das starre Ideal der Gleichgültigkeit des Todes setzt, sondern unter allen Schrecken das Recht des Menschen auf ein glückliches Leben vertritt.“

Der Tempelbau hat klare Gesetzmäßigkeiten – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – und diese werden nicht nur für das Arkanum der Loge, sondern vor allem auch für die Gesellschaft eingefordert. In dem Augenblick, wo der homo ludens das Spielerische in den Vordergrund stellt, verschwindet der humanistische Auftrag der Freimaurerei ebenso rasch wie angesichts einer sozialen Entkoppelung. Reinhart Koselleck hat die Überwindung der Standesgrenzen in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als das eigentlich revolutionäre Element der Freimaurerei klar hervorgehoben. Die klare Abgrenzung gegenüber der Politik und gegenüber der Religion sollte jenen Raum schaffen, in dem die Freimaurerei in die Gesellschaft hineinwirken konnte, um diese Welt im Sinne Poppers „bescheiden“ zu verbessern. Dabei orientierte man sich an der Aufklärung und dem Humanismus — letztlich an jenen Punkten, die in den Menschenrechten kondensierten. Diese Menschenrechte, die nicht als imperialer Gestus intellektuellen Hochmuts zu sehen sind, sichern jenen Rahmen, innerhalb dessen das Individuum die Chance erhält, seinen Vorstellungen von Glück sozial verträglich näher zu kommen. Der Ansatz von Camus macht deutlich, dass es eine Pflicht zum Widerstand gibt, wenn negative Kräfte das individuelle Recht auf Glück einem totalitären, inhumanen Konzept zu opfern suchen. Damit wird ein klarer politischer Auftrag sichtbar, oder, wie Höhmann es formuliert, die aufklärerische und humanistische Tradition der Logen macht aus den Freimaurern „ethisch orientierte Assoziationen“, die in den modernen komplexen Gesellschaften „mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität“ „humane Lebenswelten“ sichtbar erhalten. Diese Erziehung für etwas inkludiert eine Erziehung zum Widerstand. Das hat die „nationale“ Freimaurerei erkannt und daher auf ihrem Weg in die Selbstaufgabe die „humanitäre“ Freimaurerei als Gegenstück zu einer Welt, in der die „Volksgemeinschaft“ totalitär durchgesetzt werden sollte, wütend attackiert. Der Einsatz für das Glück des Einzelnen und die Erziehung zum Widerstand als humanistischer Auftrag haben auch in der Welt von heute ihren Platz.

Prof. Dr. Dieter Binder

Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder, geboren 1953, lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz sowie an der Andrassy-Universität in Budapest. Seit vielen Jahren forscht er über Freimaurerei und schrieb etliche Bücher zum Thema. Darunter fällt auch seine Überarbeitung und Modernisierung des „Internationalen Freimaurerlexikons“ von Lennhoff und Posner aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Neuausgabe ist bekannt als „der Lennhoff-Posner-Binder“ und ist bis heute ein unentbehrliches Nachschlagewerk zur Freimaurerei.

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