Hamburger Freimaurer beteiligen sich an der 20. Europawoche

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Schon zum 20. Mal beteiligt sich der Distrikt Hamburg an der Europawoche der Stadt Hamburg. Der Referent Oberst Prof. Dr. Rogg sprach zum Thema "Die Lichter am Himmel hängen alle schief — 1919 und die Neuordnung der Welt". Er sollte einen Blick auf 100 Jahre Europa geben.

Von Br. Andreas Bolte

Interessant, ja. Aber was haben wir Freimaurer mit der Europawoche zu tun, mag sich mancher fragen. Die Antwort gibt unser Großmeister Br. Stephan Roth-Kleyer in seiner Begrüßungsansprache.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität, Humanität und Toleranz, das sind die Ziele Europas und das sind auch unsere Ideale, die Ideale der Freimaurer. Alle demokratischen Parteien in Deutschland fördern ein gemeinsames Europa. Das auch, weil es Frieden stiftet und zukunftsfähige Lösungen für nationale wie globale Herausforderungen schafft. Auch wir Freimaurer glauben und arbeiten für ein Europa der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Humanität, der Solidarität und der Toleranz. Dafür lohnt es sich aktiv einzutreten und das wollen wir auch weiterhin verstärkt tun.

Br. (Prof. Dr.) Stephan Roth-KLeyer, Großmeister

Dies sei heute wichtiger und aktueller denn je und sei ein Ziel für die Zukunft. Inhaltlich deutet unser Distriktmeister Br. Thomas Stuwe in seiner Einführung an, was den Zuhörer erwarten würde: gewaltige Umbrüche in Technik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Relevanz für unsere Zeit würde noch mehr als deutlich werden.

Und unser Referent beginnt gleich, konkret zu werden. Der erste Radiosender, die erste Pandemie in Gestalt der Spanischen Grippe mit geschätzten 100 Millionen Toten — mehr als in beiden Weltkriegen zusammen —, die schrecklichen Kriegserfahrungen, in denen mehr als 50 Milliarden Geschosse produziert wurden. Das sind Ereignisse, die das Bewusstsein der Epoche prägen.

Dazu der erste Tabubruch der Geschichte: Der Einsatz von Giftgas. Heute ist das schon lange geächtet. Heute würden wir sagen, das erste Unwort des Jahres, “Menschenmaterial”. Diese “Entgrenzung der Gewalt” verunsicherte die Menschen tief. Dazu geriet der politische Liberalismus in die Krise und althergebrachte Rollenbilder von Mann und Frau wurden infrage gestellt. Kurzum: “Dieser Verlust der alten Kontrollsysteme führte zu Orientierungslosigkeit und Entheimatung”, so unser Referent. Ein Gefühl, das auch heute Teile der Gesellschaft kennen. Wir denken an die Anhänger von Pegida, AfD und weiteren Gruppierungen, die sich das vermeintliche Idyll der 50er Jahre zurückwünschen, das es aber so nie gegeben hat.

Für weitere Unzufriedenheit sorgte der Versailler Vertrag, der eher einem Diktat gleiche, wodurch Deutschand 13 Prozent seines Staatsgebiets verlor, die Alleinschuld am Krieg wurde Deutschland zugewiesen, die Auslieferung der Handelsflotte an die Siegermächte und Reparationszahlungen in Höhe von 269 Milliarden, was heute dem zehnfachen Betrag entspräche.

Auch geografisch änderten sich altbekannte Strukturen. Das Osmanische Reich zerfiel, die baltischen Staaten entstanden, die Arroganz der Weltmächte, die mit dem Lineal neue Ländergrenzen in Arabien zogen, zeitigt Folgen, unter denen die Weltgemeinschaft bis heute leidet und die die Araber nachhaltig tief verstimmte.

Doch aus Positives sei nachzuweisen. So diente die Weimarer Verfassung in Teilen als Vorlage für unser Grundgesetz, eine ganz neue Kunst mit Dada habe Menschen viel Kraft gegeben, das Bauhaus, das nicht nur mit seiner Architektur, sondern auch mit seinem neuen Menschenbild der großen gesellschaftlichen Komplexität eine neue Einfachheit entgegensetzte, sorgte für einen gewissen Orientierungsrahmen.

Nun könnten hier eine Reihe weiterer Details aufgezählt werden, doch schon jetzt ist offensichtlich, was diese Zeit vor hundert Jahren mit heute zu tun hat. Prof. Rogg: “Der Verlust an Gemeinsamkeit, die Vertrauenskrise der Institutionen und die Suche nach neuer Orientierung.” Ein Blick nach Polen oder Rumänien genüge, um das festzustellen. Generell gelte, unsere Probleme hätten an Komplexität zugenommen. Wer nun vermeintlich einfache Lösungen präsentiere, liege falsch. Hier komme nun die Rolle Europas ins Spiel. Drei wesentliche Aufgaben sehe er. Erstens: Europa müsse als Anker der Stabilität dienen, zweitens Europa müsse Orientierung geben und drittens Europa müsse neue Ideen haben.

Wir hörten einen etwas anspruchsvollen, aber sehr klaren Vortrag, der viele gut belegte Details enthielt. Analysen und Schlussfolgerungen waren übezeugend; sehr angenehm der ruhige Ton des Referenten und seine immer wieder sichtbare Fachkompetenz.

Entnommen aus dem “Hanseatischen Logenblatt”

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Spiritualität, Esoterik, Religion: Wo steht die Humanistische Freimaurerei?

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Die Beziehungen zwischen Spiritualität, Esoterik und Religion auf der einen und Freimaurerei auf der anderen Seite sind von großer Bedeutung für das Selbstverständnis unseres Bundes und für sein Verhältnis zum öffentlichen Raum. Hier herrscht immer noch viel Unklarheit vor.

Von Br. (Prof. Dr.) Hans-Hermann Höhmann

Es ist hohe Zeit, sich des Komplexes Religion und der damit verbundenen Zusammenhänge offen anzunehmen. Schieben wir den fälligen Religionsdiskurs weiter auf, so droht Schaden für die humanitäre Freimaurerei in Deutschland, die sich doch immer wieder darauf beruft, in der Tradition von Humanismus und Aufklärung zu stehen.[1]

Ich möchte meine Grundeinstellung zum Kontext Spiritualität, Esoterik, Religion im Folgenden umreißen und beginne thesenhaft mit sechs, meine Sichtweise pointierenden Feststellungen:

  • Freimaurerei ist spirituell.
  • Freimaurerei ist nicht Esoterik, kann aber Forum esoterischer Diskurse sein.
  • Freimaurerei ist keine Religion, sie ist eine Wertegemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft im religiösen Sinn.
  • Auf der anderen Seite wäre es gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.
  • Die Brüder einer Loge haben die Freiheit, die persönlichen und gruppenspezifischen Mischungsverhältnisse von Spiritualität, Esoterik und Religiosität im gemeinsamen Erleben, im Nachdenken und im Diskurs herauszufinden und zu praktizieren.
  • Die Großlogen der VGLvD stimmen in ihrer Einstellung zur Religion nicht überein. Hierzu sind eindeutige Klarstellungen erforderlich, und es muss nach innen und außen Transparenz hergestellt werden.

Freimaurerei und Spiritualität

Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist die mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins. Spiritualität umfasst die besondere Lebenseinstellung eines Menschen, der sich auf die Suche begibt nach Lebenssinn und Orientierung. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen.[2] Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern. Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindungen und Gemüt des Bruders für neue Erfahrungen zu öffnen. Dann kann sich ereignen, was Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“[3]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse: sie reflektieren das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Wie alle geistigen Bedürfnisse, die zur Natur des Menschen gehören, können sie eine religiöse und eine nicht-religiöse Antwort finden. Jedenfalls ist es sachlich falsch und intellektuell unredlich, bereits diese Bedürfnisse selbst religiös zu vereinnahmen und mit Hilfe eines weitgefassten, funktionalistischen Religionsbegriffs jeden Sinnsucher zum Gottsucher zu mystifizieren.

Eine „offen“ erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Auch zu einer säkular verstandenen Spiritualität des Freimaurers gehört es, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins zu beschäftigen, mit der Beschaffenheit der Welt und den Lebensmöglichkeiten der Menschen und besonders mit der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sowie in der Vorbereitung auf den Tod.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungs¬prinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini¬schen Dimension, von der Schönheit der Sym¬bole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüberreicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Noch einmal: Spiritualität bedeutet die Bereitschaft zur Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz, die Grundsolidarität mit anderen Menschen, die Empfänglichkeit für die Sphäre des Moralischen, die Verbundenheit mit dem Bereich des Ästhetischen, die Offenheit für das Schöne. Das freimaurerische Konzept der „Lebenskunst“ ist ohne Spiritualität nicht denkbar. Zu einer ganzheitlichen – Verstand und Gefühl umschließenden – Art von Spiritualität gehört auch das Gespür für die Wirkungskraft von Metaphern, Symbolen und Ritualen und deren nichtsprachlichen, visuellen und multimedialen Ausdruck. Freimaurerische Spiritualität beinhaltet die Fähigkeit, gleichzeitig mit Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen, und heißt nicht zuletzt, die kognitiven Qualitäten des Emotionalen zuzulassen. Wichtigstes Medium für spirituelle Erfahrungen in der Freimaurerei ist das Erlebnis eines kreativen Rituals, denn das Ritual ist die Inszenierung aller Sinne und Wertvorstellungen des Freimaurers: Verstand, Gefühl und Körperlichkeit werden gleichermaßen angesprochen und im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht.

Freimaurerei und Esoterik

Der Begriff der „Esoterik“[4] ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf „Esoterik“ gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: „New Age“, „Sekten“, „Jugendreligion“, „Okkultismus“ usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit „Esoterik“ meist vage mit „New Age“ gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen.

Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hat der französischer Religionswissenschaftler Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die „okkulten Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff „philosophia perennis“ („Ewige Philosophie“) belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

Nach Antoine Faivre[5] ist Esoterik eine historisch nachweisbare Denkform, die durch sechs Eigenschaften oder Komponenten bestimmt werden kann, die in unterschiedlicher Gewichtung innerhalb eines weiten historischen und empirischen Kontextes nachweisbar sind. Vier davon sind „wesentlich“, und zwar in dem Sinn, dass ihr gleichzeitiges Auftreten eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür darstellt, dass ein gegebenes Untersuchungsmaterial zur „Esoterik“ zu rechnen ist. Zu diesen vier kommen weitere hinzu, die Faivre als sekundär, d.h. als nicht grundlegend bezeichnet, deren Vorkommen im Verein mit den vier anderen allerdings häufig ist.

Die vier grundlegenden (Komponenten) von Esoterik sind die folgenden:

1. Die Entsprechungen: Esoterik geht davon aus, dass zwischen allen Teilen des sichtbaren und unsichtbaren Universums symbolische und reale Entsprechungen bestehen. Die Natur, sogar das Universum, ist der Schauplatz wechselseitiger Abspiegelungen.

2. Die lebende Natur: Esoterik beinhaltet die Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird.

3. Das Prinzip von Imagination und Vermittlung: Es ist die „Imagination“ oder Einbildungskraft, die es ermöglicht, Mittler, also Symbole und Bilder, zum Zweck der Erkenntnis zu verwenden, die Hieroglyphen der Natur … zu entschlüsseln, die Idee der Entsprechungen in konkrete Praxis umzusetzen und die zwischen der göttlichen Welt und der Natur vermittelnden Wesenheiten zu entdecken, zu schauen und zu erkennen.

4. Die Erfahrung der Transmutation: Das Wort „Transmutation“ entstammt der alchemistischen Literatur. Ohne diesen vierten Bestandteil würden alle drei zuvor genannten kaum über die Grenzen einer spekulativen Spiritualität hinausgehen. Voll wirksam werden sie erst durch Transmutation, durch eine „zweite Geburt“, durch eine hierdurch erleuchtete Erkenntnis.

In Faivres Sicht gesellen sich nun diesen vier grundlegenden Komponenten zwei weitere hinzu, die nicht unabdingbare Bestandteile seiner Esoterik-Definition sind, aber häufig im Verein mit den vier anderen Elementen auftreten – und, so ergänze ich, eine besondere Bedeutung für manche Formen der Hochgradfreimaurerei gewonnen haben.

Diese beiden Komponenten sind:

5. Die Konkordanzbildung, die sich dadurch auszeichnet, dass nach gemeinsamen Nennern zwischen verschiedenen Esoterik-Traditionen gesucht wird, in der Hoffnung, durch ihre Zusammenführung eine „Erkenntnis“, höheren Ranges zu erreichen, und

6. die Transmission, die Auffassung, dass esoterischen Lehren auf vorgezeichneten Wegen (etwa durch Rituale) und unter Einhaltung bestimmter Stadien (etwa durch Grade) vom Meister an seine Schüler weitergegeben werden können.

Nach Kocku von Stuckrad handelt es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige „Tradition“ oder „Strömung“ europäischer Geschichte, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, und so ließe sich im Grunde auch keine „Geschichte der Esoterik“ schreiben.[6] Dennoch bestehe in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind:

(1) Wissensansprüche, die auf „Gnosis“ (gr. „Wissen“) im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus);

(2) die so genannten „okkulten Wissenschaften“ (insbesondere Astrologie und Alchemie);

(3) mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah);

(4) der Neuplatonismus der Renaissance, der mit den Ideen einer „theologia prisca”, einer „Urtheologie“, und einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie verbunden wurde. Die „theologia prisca“ geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren;

(5) die christliche Theosophie, die von der Bedeutung individueller göttlichen Eingebungen im Rahmen eines inneren „geistigen Schauens“ ausgeht;

(6) die initiatischen Gemeinschaften (wie die Rosenkreuzer und die Freimaurer, hier insbesondere die Hochgradfreimaurerei des amerikanischen „Schottischen Ritus“);

(7) die Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky und anderen in New York gegründet wurde und die beträchtlichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Bewegungen genommen hat;

(8) Teile der als „New Age“ bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

Die vorstehend aufgezeigten Darlegungen Antoine Faivres und Kokku von Stuckrads lassen nun – vor allem in historischer Perspektive – zweifellos Beziehungen zwischen Freimaurerei, vor allem ihren Hochgradsystemen, und Erscheinungsformen der Esoterik erkennen. Allerdings ergeben sich aus meiner Sicht dabei auf drei für die Freimaurerei wichtigen Bedeutungsfeldern beträchtliche Spannungen, die nicht folgenlos bleiben können und die mit den gleich zu erörternden Stichwörtern „freimaurerische Inhalte und Organisationsformen“, „Verhältnis Esoterik – Christentum“ sowie „Einschätzung der Freimaurerei in der Gesellschaft“ umrissen werden können.

Zunächst machen es die Ideen und Strukturen einer in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanistischen Freimaurerei unmöglich, sich auf eindeutige Weise als „esoterisch“ zu verstehen oder gar den Versuch zu unternehmen, in ihre Ritualstruktur die ganze Fülle oft sehr heterogener Esoterikelemente aufzunehmen. Dies würde ganz einfach ihren humanistisch-aufklärerischen Kern beschädigen und zu einem dem Ansehen der Freimaurerei abträglichen Durcheinander der Formen und Ideen führen.

Dazu kommt, dass eine „esoterische“ Freimaurerei auch in organisatorischer Hinsicht zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen kann. Nur ein Beispiel dafür: Manly Palmer Hall, Mitglied des 33. Grads des AASR in den USA, fasst die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ folgender Maßen zusammen:[7]

„The Masonic order is not a social organization, but truly is composed of those who have banded themselves together to learn and to apply the principles of mysticism and the occult rites“.
Und an anderer Stelle:

„Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit, die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren und Zwecken der Freimaurerei. Eine wahrhafte Maurerei erst gewährt den Schlüssel zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden. Erst wenn dies besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen als die größte spirituelle Wahrheit, die jeden Menschen enthüllt wurde.“[8]

Dies ist gelinde gesagt, eine bedenkliche Ideologie, die außerhalb des Bundes zu Recht großes Misstrauen erregt und nur allzu leicht den Eindruck erweckt, es handele sich bei der Freimaurerei um eine esoterische Sekte. Ein solches Verständnis unseres Bundes wäre für mich als einem durchaus spirituellen aber doch eindeutig aufklärerisch-ethisch orientierten Freimaurer nicht akzeptabel. Und ganz allgemein und deutlich gesagt: Alle analytischen Überlegungen und alle empirischen Beobachtungen der gesellschaftlichen Realität machen deutlich – ja überdeutlich -, dass nur eine eindeutig auf Humanismus und Aufklärung gestützte Freimaurerei auf Dauer überlebensfähig ist.

Nicht nur zwischen Esoterik und Freimaurerei, sondern auch zwischen Esoterik und Christentum bestehen gravierende Spannungen, die sich immer wieder im Verhältnis der Kirchen zur Freimaurerei niederschlagen. Monika Neugebauer-Wölk, emeritierte Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat den Hintergrund dieser Spannungen deutlich gemacht:

„Stellt man … die Frage nach den strukturellen Unterschieden (zwischen Esoterik und Christentum H.-H. H.), so bietet der elitäre Charakter esoterischer Glaubensgewissheit einen guten Ausgangspunkt, um die Relevanz der Unterschiede zum Christentum deutlich zu machen. Die religiöse Grundkonzeption des Christentums besitzt im Gegensatz zur Esoterik kein hierarchisch geordnetes Menschenbild, dessen Strukturen sich vom Zugang zum heiligen Wissen ableiten. Prinzipiell ist die Offenbarung für alle Menschen dieselbe und ist auch allen zugänglich. Es gibt keine höhere Offenbarung, die dem Nicht-Wissenden verschlossen wäre; es gibt keine privilegierte Heilsweisheit. Wunder, d. h. Überschreitungen der regulären Funktionsweisen der Natur, sind im Christentum nur auf der Basis göttlichen Wirkens möglich, d. h. Wunder tut Gott, nicht der Magus. Ja, man kann darüber hinausgehen und formulieren, dass der Begriff des ‘Wunders’ überhaupt nur im religiösen Horizont des Christentums Sinn macht, esoterisch dagegen nicht. Es hat nichts ‘Wunderbares’, also Irreguläres, wenn der Weise Blei in Gold verwandelt, Kontakt zu Engeln oder Toten aufnimmt, wenn er die Zukunft kennt, sondern es ist das erwartbare Resultat höheren Wissens und höherer Kompetenz und entspricht den Funktionszusammenhängen von Makro- und Mikrokosmos. Es ist das Wissen um die verborgenen Qualitäten aller Dinge, das Gestaltungsmacht verleiht, und dieses Wissen ist das Wissen Adams vor dem Sündenfall. Der Christ kann den Folgen der Erbsünde nur durch die Gnade Gottes und das Heilswerk seines Sohnes entgehen. Der Esoteriker ist immer auf dem Weg, dieses Ziel durch Erkenntnis zu erreichen.“[9]

Will man den skizzierten Spannungen zwischen Esoterik, Christentum und Freimaurerei endgültig und ein für alle Mal entgehen, so hilft wiederum nur die humanistisch-aufklärerische Form und Praxis der Freimaurerei, in der Freimaurerei ganz eindeutig Wertegemeinschaft und nicht Glaubensgemeinschaft oder esoterische Sekte ist.

Das von mir bisher zu Freimaurerei und Esoterik dargestellte bzw. zitierte macht meine folgende zusammenfassende These plausibel:

Die Freimaurerei bietet zwar Platz für esoterische Diskurse, doch eine esoterische Freimaurerei wäre höchst bedenklich und zwar (1) wegen der Konsequenzen für die konzeptionellen, rituellen und organisatorischen Strukturen der Freimaurerei und (2) wegen unnötiger Konflikte mit Religion und Kirche.

Freimaurerei und Religion

Wie eingangs festgestellt, bedarf das Verhältnis zur Religion aus der Sicht einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei dringend der Klärung. Als Teilnehmer am gegenwärtigen Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei möchte ich, zwecks weiterer Diskussion, meine Sicht der Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion in fünf Thesen folgendermaßen umreißen.[10]

  1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Auf der Internetseite der Vereinigten Großloge von England heißt es dazu auch durchaus zustimmungsfähig: „Freemasonry does not seek to replace a Mason’s religion or provide a substitute for it. It deals in a man’s relationship with his fellow man, not in a man’s relationship with his God.” Dass die Freimaurerei für manchen Bruder den Charakter einer Ersatzreligion angenommen hat, bedeutet nicht, dass eine solche Funktion von ihr angestrebt würde.
  2. Die Freimaurer haben und brauchen auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
  3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne ihn auszufüllen, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als „ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ – so der Philosoph Ernst Tugendhat[11] – verstanden werden kann. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte sie daher da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige 6, 2. Chronik 3).
  4. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  5. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.
  6. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist:
  • die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie
  • die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen den durch Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten[12]. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.[13]

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt. Ein Weg – es gibt viele andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – wenn auch gewiss nur in bescheidenem Maße – dazu beitragen kann, die moderne (oder postmoderne) Gesellschaft mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

[1] So z. B. ihr Großmeister, Prof. Dr. Stefan Roth-Kleyer, auf der Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist mit ihren fast 10.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste deutsche Großloge. Ihre Mitglieder stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung und bekennen sich zu Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen. Sie vereint geistig und menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher weltanschaulicher, religiöser und politischer Überzeugungen. Wichtig ist, den Freimaurerbund als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft zu verstehen, hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen“, https://freimaurerei.de, Download 30. 03. 2019./

[2] Vgl. Sponsel, Rudolf: Spiritualität. Eine psychologische Untersuchung, http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, zuletzt aufgerufen am 09.12.2015.

[3] Nietzsche, Friedrich Wilhelm: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Werke, Kritische Gesamtausgabe, Berlin 1968, S.165.

[4] Dies und das Folgende nach Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019. Kocku von Stuckrad ist Professor für Religionswissenschaft an der niederländischen Reichsuniversität Groningen.

[5] Ein neues Feld europäischer Religionsgeschichte. Antoine Faivre gibt Auskunft zur Esoterikforschung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Interview/, Download 01. 02. 2019.

[6] Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019.

[7] Manly P. Hall, The Lost Keys of Freemasonry, ursprünglich 1923.

[8] Ders.: The Lost Keys of Freemasonry, New York 2006 (ursprünglich 1923), zitiert nach Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 331.

[9] http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk/index_html, Download 04. 02. 2019.

[10] Siehe hierzu auch meinen umfangreichen Beitrag „Von Gott und der Religion“ – Zum Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei, in: Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 179 – 197.

[11] Ernst Tugendthat, Anthropologie statt Metaphysik, Teil I, 2. Auflage, München 2010, S. 14f..

[12] A. Javier Trevino (Ed.): Talcott Parsons today. His theory and legacy in contemporary sociology, Langham/Md. and Oxford 2001.

[13] Thomas Luckmann, Religion in der modernen Gesellschaft, in: J. Wössner (Hrsg.), Religion im Umbruch: soziologische Beiträge zur Situation von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft, Stuttgart 1972, S. 13 -15, hier S. 5.

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Gamben in der Hoyaer Loge

Motek Leeuwarden
Der Instrumentenbauer Motek Leeuwarden gibt Einblicke in die Handwerkskunst

Am vergangenen Freitag fand in der Freimaurerloge „St. Alban zum Aechten Feuer“ in Hoya ein öffentlicher Vortrag über den „Bau von europäischen Streichinstrumenten“ statt. Der Vortragende, Motek Leeuwarden aus Schwarme, ist ein renommierter Instrumentenbauer, spezialisiert auf historische Streichinstrumente und Bögen.

Hoya (aj). Herr Leeuwarden hatte im vollbesetzten Logenhaus eine kleine Auswahl seiner Werkzeuge, halbfertiger Teile, eine fertige Gambe und eine Violine mitgebracht, so dass die Loge tatsächlich einer Werkstatt glich. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Streichinstrumente stellte der Vortragende plastisch dar, aus welchen unterschiedlichen Schritten sich der langwierige Prozess zusammensetzt, wenn er ein Instrument in der Tradition der alten, weltberühmten Geigenbauer anfertigt.

Da Herr Leeuwarden auf Serienfertigung, fertig eingekaufte Teile und moderne Werkzeuge verzichtet, schafft er es, Instrumente zu bauen, die den großen Vorbildern sehr nahe kommen. Ob er die Zargen von Hand biegt, Boden und Decke aushobelt, die Wirbelt dreh oder die Schnecke von Hand schnitzt, alles ist reine Handarbeit. Besondere Bewunderung erntete er bei den Zuhörern, als er erklärte, wie er hauchdünne Holzstreifen schneidet und als Intarsien in Decke und Boden der Instrumente einlässt. Sogar den Lack für seine Instrumente stellt er selber her, indem er bestimmte Harze von Hand mörsert, in reinem Alkohol auflöst, filtert, und dann in zahllosen hauchdünnen Schichten auf die Instrumente aufträgt und zum Schluss poliert.

Zum Abschluss gab es noch eine rege genutzte Fragestunde über den Umgang mit Instrumenten.

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Auf den Spuren der Mannheimer Freimaurer

Foto domeckopol / pixabay

Das Großlogentreffen vom 29. bis 31. Mai in Mannheim ist der Höhepunkt des Maurerjahres für unsere Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. Im 70. Jahr ihres Bestehens treffen sich die Vertreter der Mitgliedslogen, um über die Aufgabe und Rolle unseres Bruderbundes in einer sich immer stärker verändernden Welt zu beraten.
Mit Mannheim wurde ein auch für Freimaurer sehr geschichts- und symbolträchtiger Veranstaltungsort gewählt.
Br. Alexander John, Meister vom Stuhl der gastgebenden Mannheimer Loge „Carl zur Eintracht“ Nr. 31, hat sich auf die Spuren der masonischen Geschichte Mannheims begeben.

Seit wann Freimaurerei in Mannheim existiert, ist nicht eindeutig belegt. Gesichert ist 1756 als Gründungsjahr der Loge „Charles de l’Union“, mitten in der Regentschaft des Kurfürsten Karl Theodor, dem gemeinhin eine Nähe zur Aufklärung nachgesagt wird. Indes finden sich Spuren, die dafür sprechen, dass in Mannheim gar die erste Loge im deutschsprachigen Raum 1727 gegründet wurde. Die Spuren sind allerdings nicht sehr konturreich. Ausgangspunkt ist ein kurpfälzisches Dekret von Kurfürst Karl Philipp vom 21. Oktober 1737. In ihm verbietet der Kurfürst bei Strafe der Amtsentsetzung allen in Zivil- und Militärdienst stehenden Personen, in die „sogenannte Brüder- oder Gesellschaft der franc macons ein[zu]treten“ – mithin Freimaurer zu werden. Und wo die Mitgliedschaft verboten wird, müsste doch eigentlich eine Loge existieren …

Liegen in Mannheim die Wurzeln der deutschen Freimaurerei?

Ein späteres Quellenzeugnis, der Brief von Ignaz Freiherr von Reibelt an seinen Bruder Uriot aus dem Jahr 1769, behauptet, der englische Gesandte am Pfälzer Hof, Graf Albrecht Wolfgang von Schaumburg-Lippe, der erste deutsche Freimaurer überhaupt, habe 1727 eine Loge in Mannheim mit dem Namen „Einigkeit“ gegründet. Doch kennen wir weder den vollständigen Namen noch den Sitz und weitere Mitglieder. Es muss also offenbleiben, ob ab 1727 wirklich eine feste Organisation oder erst noch ein loser Zusammenschluss Gleichgesinnter bestand. Jedenfalls dürfte Kurfürst Karl Philipp – in seiner ganzen Programmatik einem kämpferischen Geist des Katholizismus verhaftet – jegliche Vereinigung von Personen, die hinter verschlossenen Türen eigene Vorstellungen über einen besseren Staat und eine bessere Kirche debattierten, ein Gräuel gewesen sein. Generell kann für das 18. Jahrhundert die These formuliert werden, dass das Verhältnis zwischen der machtvoll wachsenden Zahl an Freimaurern und dem kurpfälzischen Staat in der Tendenz eher kompliziert blieb.

Mannheimer mit guten Manieren und erlesenem Geschmack

Sicheren Boden betreten wir also erst ab 1756, als in Mannheim die Loge „Charles de l’Union“ (Matrikel-Nr. 31) begründet wird, die allerdings nicht nach dem Kurfürsten benannt ist, sondern nach dem Stuart-Prätendenten für den englischen Thron, Charles Edward, da die Loge dem französisch-schottischen Freimaurersystem anhing. Franzosen waren die führenden Persönlichkeiten in der Mannheimer Loge, so etwa der Hofzahnarzt Johann Baptist Drouin oder der französische Schauspieler Le Bauld-de-Nans als erster Meister vom Stuhl. Unter den Gründungsmitgliedern war auch der Jesuit Franz Joseph Seedorf, väterlicher Erzieher, Beichtvater und später einer der engsten Berater des jungen Kurfürsten Karl Theodor. 1774 löste sich die Loge offenbar wegen interner Konflikte auf, was nicht untypisch in der Geschichte der Freimaurerei ist, die immer wieder von inneren Richtungskämpfen erschüttert wurde.

Nachdem Karl Theodor in der Silvesternacht 1777/78 zum Erbe des bayerischen Kurfürstentums wurde und die Residenz von Mannheim nach München verlegt hatte, erstarkten die Bestrebungen zur Wiederbelebung oder gar Neugründung einer Loge in Mannheim. So ersuchte der spätere Theaterintendant Wolfgang Heribert von Dalberg den Kurfürsten um die Zustimmung zur Gründung einer Loge der Strikten Observanz. Karl Theodor lehnte ab. Unabhängig davon lebte 1778 die alte Loge „Charles de l’ Union“ wieder auf, unterstützt vor allem von Offizieren und Mitgliedern der Schauspieltruppe.

Der Florentiner Cosimo Allessandro Collini, eine Persönlichkeit des Hofes, attestierte den Mannheimern Urbanität, Höflichkeit, gute Manieren und Geschmack, insbesondere den „besseren Kreisen“ am Ende des 18. Jahrhunderts. Zu den für neue Ideen offenen Kreisen wie etwa die Deutsche Gesellschaft gehörten vor allem viele Offiziere, Künstler und Theatermitglieder, die wiederum das Gros der Mitgliedschaft in der Mannheimer Freimaurer-Loge stellten. Von 57 ­bekannten Mitgliedern waren 22 höhere Militärs, je sechs Schauspieler und Tänzer, drei Musiker, zwei bildende Künstler, darunter Egid Verhelst, und je zwei Advokaten, Kaufleute und Handwerker. Das heißt, um 1780 dominierten die höfisch-staatlichen Bediensteten in der hiesigen Freimaurerei.

Illuminaten unterwanderten die Logen in der Kurpfalz

Seit 1781 begann sich auch der einige Jahre zuvor gegründete Illuminatenorden in der Kurpfalz zu verbreiten. Zweiter Gründer neben Prof. Adam Weishaupt war Adolf Freiherr von Knigge, der in Heidelberg lebte. Knigges Programm der Unterwanderung und Übernahme der bestehenden Logen durch den Illuminatenorden wurde in Heidelberg, Mannheim und Kaiserslautern angewandt. Dalberg zeigte sich als Anhänger einer fürstlich-gemäßigten Aufklärung und einer eher mystischen, auf jeden Fall staatstragenden Maurerei allerdings als entschiedener Gegner der geheimbündlerischen Illuminaten, denen er etwa in der Deutschen Gesellschaft entgegentrat.

Nach Aufdeckung des Geheimbundes in Bayern ergingen seit 1784 Verordnungen gegen Freimaurer wie Illuminaten, die 1785 zur Auflösung aller Logen in der Kurpfalz führten. Unmittelbar vor ihrer Auflösung hatte die Mannheimer Loge in Karlsruhe noch eine neue Loge unter dem Namen „Karl zur Einigkeit“ gegründet. Der Name war eine direkte Übersetzung des alten Namens der Mannheimer Loge. Dies zeigt, dass die Loge angesichts ihrer drohenden Auflösung ihre Aktivitäten in ein benachbartes Territorium verlegte – eine Strategie, der wir auch in späteren Jahren wieder begegnen. Dennoch herrschte in Mannheim nach wie vor ein vergleichsweise liberales, aufgeklärtes und intellektuelles Klima, bekanntlich verkörpert in Schillers „Räubern“, die hier 1782 ihre gefeierte Uraufführung erlebten.

Als der Kurfürst 1778 nach Bayern abreiste und Mannheim seinen Status als Residenz verlor, war Karl Theodors Abschiedsgeschenk das von Dalberg geleitete Nationaltheater. Diese Spielstätte trat gewissermaßen bis in die frühe badische Zeit, vor allem als die beiden Freimaurer Heribert von Dalberg und Anton von Klein das Theaterleben bestimmten, das Erbe der Aufklärung an. Zwar gelang es nicht, den führenden deutschen Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing als Leiter des neuen Nationaltheaters zu gewinnen, der durch die Freimaurergespräche „Ernst und Falk“ 1778 hervorgetreten war. Doch die Mannheimer Theaterszene, ob in der Leitung oder im Ensemble, stand in großen Teilen der Freimaurerei und ihrem Streben nach Weltverbesserung und Menschheitsveredelung nahe. Offiziell wurden die Logen ab 1806, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder zugelassen. So erlebte das „Logenhaus“ des Großherzoglichen Hof- und Nationaltheaters am Donnerstag, dem 15. Januar 1818, die Erstaufführung eines Stückes, das den bezeichnenden Titel „Der Freimaurer“ trägt und aus der Feder von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue stammt.

Dichter und Freimaurer August von Kotzebue wurde in Mannheim ermordet

Seit 1813 war die Freimaurerei im Staat Baden wieder einmal verboten. Die Mannheimer Freimaurer waren deswegen nach Frankenthal ausgewichen und hielten dort ihre Zusammenkünfte ab. Das Verbot galt in Baden übrigens bis 1830.
Mittlerweile ist das eher seichte Bühnenspiel Kotzebues, wie nahezu alle Stücke des Autors, in Vergessenheit geraten. Der Name Kotzebue ist aus einem ganz anderen Grund bis heute präsent. Seine Ermordung am 23. März 1819 in A 2, 5 – unweit vom Schloss – lieferte bekanntermaßen den Anlass, um mit den Karlsbader Beschlüssen ein restauratives System im Deutschen Reich zu begründen. Die Burschenschaften wurden aufgelöst, missliebige Professoren ebenso wie Journalisten und Redakteure mit Berufsverbot belegt, die Universitäten unter staatliche Aufsicht gestellt. Eine geradezu allgegenwärtige Zensur suchte die Presse mundtot zu machen und jeglichen Freigeist zu ersticken. Versammlungsfreiheit war nicht mehr gegeben. Davon waren wieder einmal auch die Freimaurer betroffen.

Und die Karlsbader Beschlüsse führten mit dazu, dass sich das Urteil des zeitgenössischen Malers Wilhelm von Kuegelgen (1802–1867) im kollektiven Geschichtsbild durchsetzte, wonach der Freimaurer Kotzebue „ein literarischer Giftmischer, ein russischer Spion, ein Vaterlandsverräter und Abgrund alles Verderbens“ gewesen sei. Dagegen habe, so Kuegelgen, der „Heldenjüngling“ Sand – Kotzebues Mörder – „diesen Höllenpfuhl mit seinem Pestqualm geschlossen, sich selbst als ein anderer Curtius fürs Vaterland und seine heiligsten Interessen opfernd“. Insofern hat im heutigen Geschichtsbild eine merkwürdige Rollenverdrehung stattgefunden: der Freimaurer Kotzebue erscheint als der geistige Täter der deutschen Unfreiheit, hingegen Karl Ludwig Sand als das heldenhafte Opfer, als Bannerträger von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ und damit gleichsam als ein „Freimaurer im Geiste“.

Bürgerlich-demokratische Positionen prägten Mannheim im 19. Jahrhundert

Die Stadtpolitik wurde zu jener Zeit vom bürgerlichen Flügel der Fortschrittspartei und der daraus erwachsenden Deutschen Volkspartei geprägt, die im politischen Spektrum als linksliberal etikettiert werden kann. Bedeutende Freimaurer haben in ihr eine gewichtige Rolle gespielt: Zum einen der Kaufmann Karl Nestler, Meister vom Stuhl der Johannis-Loge „Carl zur Eintracht“ von 1852 bis 1854 und Bürgermeister der Stadt Mannheim von 1849 bis 1869. Zum anderen Eduard Moll, der erstmals 1870 als Stadtoberhaupt gewählt und 1875 und 1885 wiedergewählt wurde. Er trug in dieser Funktion den Titel des Ersten bzw. dann des Oberbürgermeisters. Von 1852 bis 1865, mithin dreizehn Jahre, stand er als Meister vom Stuhl der Johannis-Loge „Carl zur Eintracht“ vor.

Karl Nestler wie auch Moll prägten nahezu vier Jahrzehnte das lokalpolitische Geschehen der rasch wachsenden Handels- und Industriestadt Mannheim, in der 1886 der Benzwagen patentiert und im gleichen Jahr mit dem Bau des Wasserturms begonnen wurde. In ihrer politischen Grundhaltung verkörperten beide eine eigenständige, stark vom Geist der 1848er-Revolution bestimmte bürgerlich-demokratisch Position, die auf die strikte Trennung von Staat und Kirche pochte, worin sich beispielhaft ihre freimaurerische Grundhaltung widerspiegelte. Doch sollten die von ihnen repräsentierten Demokraten in Mannheim ab den 1870er Jahren zwischen den nun heraufziehenden führenden Antipoden, den Nationalliberalen und den Sozialdemokraten, allmählich zerrieben werden, so dass ihre dominierende Ära mit Eduard Molls Rücktritt im August 1891 endete.

Moll bot jeglicher politischen und religiösen Hetze – auch dem im deutschen Kaiserreich wieder anwachsenden Antisemitismus – energisch die Stirn. Das war auch Ausdruck seines Verständnisses von Humanität oder, wenn man so will, Ausdruck seiner freimaurerischen Überzeugungen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass führende jüdische Intellektuelle und Bürgersöhne, wie z. B. Bernhard Herschel, der Loge „Carl zur Eintracht“ angehörten. Und die 1877 von der Badenia-Loge abgespaltene Spinoza-Loge rekrutierte ihre Mitglieder sogar überwiegend aus jüdischen Kreisen.
Es waren auch Mannheimer Freimaurer, die um den Erhalt der ersten deutschen Republik kämpften und für eine Aussöhnung mit dem Nachbarn Frankreich warben.

„Carl zur Eintracht“ ist die Mutterloge der Mannheimer Freimaurerei

Pfingsten 1929 – am 200. Geburtstag von G. E. Lessing – fand die neunte „Internationale Freimaurerische Friedensmanifestation“ in Mannheim statt. Aber auch hier scheint die lokale Szene noch gespalten gewesen zu sein, denn fünf Mannheimer Logen nahmen an der Kundgebung offiziell nicht teil. 1929 haben verschiedene Redner, darunter der Ludwigshafener Logenbruder Dr. Friedrich Wilhelm Wagner, auf die deutsch-französische Verständigung abgehoben. Den Faschismus sahen Wagner wie andere Redner schon als Bedrohung für Europa. Man traf sich bezeichnenderweise im Logenhaus der „August-Lamey-Loge“ des befreundeten jüdischen B’nai-B’rith-Ordens in C 4, 2, ferner bei einer Vorstellung im gerade erst zwei Jahre zuvor eröffneten Planetarium im Luisenpark und – wie könnte es anders sein – im Nationaltheater bei Mozarts Freimaueroper „Zauberflöte“.

In den 30er Jahren zog die Diktatur auf, und bereits im Winter 1932/33 waren die meisten Logenhäuser verkauft. Während es bei den altpreußischen Großlogen Versuche der Anbiederung gegenüber der NS-Diktatur gab, scheint es im Südwesten von Anfang an einen klaren Willen zur Selbstauflösung gegeben zu haben. So auch bei der Loge „Carl zur Eintracht“, die am 22. April 1933 nach eingehender Aussprache einstimmig die Selbstauflösung beschloss.

Nach 1945 erfolgte die Wiederbelebung der Freimaurerei bemerkenswert schnell und unaufgeregt, auch wenn die Rückgabe und Entschädigungsfrage des im Zweiten Weltkrieg zerstörten, einst unter Eduard Moll 1885 gebauten Logenhauses in L 8, 3 auf sich warten ließ. Mit dem neuen Haus in L 9, 9, geweiht am 2. März 1952, fand die älteste Mannheimer Loge „Carl zur Eintracht“ eine würdige neue Heimstatt. Aus ihr gingen im Laufe der Jahre zahlreiche Freimaurerlogen als Tochterlogen hervor. „Carl zur Eintracht“ ist somit die „Mutter“ aller Freimaurerlogen in Mannheim.

Inzwischen gibt es mit der 1981 gegründeten „Unitas“ nicht nur eine Loge für Freimaurerinnen in Mannheim und Umgebung, sondern auch gemischte Logen. Die Vielzahl und die Selbstverständlichkeit, mit der die Logen innerhalb der Stadt wirken, ist durchaus ein Indiz für das Maß an liberaler Toleranz von Stadt und Gesellschaft insgesamt und Spiegel einer gelebten ethisch-sozialen wie integrativen Praxis, in der Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit keine verstaubten Begriffe aus der Mottenkiste sind.

Der gekürzte Aufsatz ist eine für die Drucklegung überarbeitete Festrede, die der Verfasser Prof. Ulrich Nieß, Leiter des Marchivums in Mannheim, am 16. Juni 2017 anlässlich der Veranstaltung „300 Jahre Freimaurerei“ hielt, ausgerichtet von der Interessengemeinschaft Rhein-Neckar-Logen.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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Eutiner Freimaurer spenden für “Kinder dieser Welt”

Landrat Reinhard Sager, Hans-Peter Kirscht und Uwe Muchow von der Freimaurerloge (v. lks.)

Foto: candy1812/ Adobe Stock

Gemeinsam mit dem Freimaurerischen Hilfswerk und aus Sammlungen aus den Schlossgartenführungen durch den Eutiner Schlossgarten konnte der Meister vom Stuhl Hans-Peter Kirscht eine ansehnliche vierstellige Geldbeträge überreichen.

Eutin. (hps) “1000 Schulen für unsere Welt”, dieses Themas haben sich die Landräte der Bundesrepublik angenommen. Unter der Schirmherrschaft von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller wollen sie 1000 Schulen in den Entwicklungsländern finanzieren. Eine Schule in den Entwicklungsländern bekommt man für „schon“ 50.000 Euro, so Ostholsteins Landrat Reinhard Sager, der zugleich auch Präsident des Deutschen Landkreistages ist. Wenn wir die Schulen finanziert haben, so Sager weiter, verpflichtet sich das jeweilige Land, die Lehrer sowie das Lehrmaterial zu stellen. Dies ist ein guter Ansatz, um den Flüchtlingsstrom aus diesen Ländern zu bremsen; den Kindern dort wo sie wohnen eine Perspektive zu geben, damit diese nicht als Jugendliche auf die Flucht gehen müssen. Das alles wollen die Landräte aus privaten Spenden finanzieren und bitten um Mithilfe. 

Reinhard Sager bedankte sich bei der Freimaurerloge aus Eutin mit den Worten, dass mit der Spende der humanitäre Gedanke der Freimaurer sichtbar wird. 

Mathias Iseke-Vogelsang und Hans-Peter Kirscht von der Freimaurerloge mit Schuldirektorin Swantje Poppdreyer (v. lks.)

Selbstbewusste Kinder zu kleinen, starken Persönlichkeiten zu machen ist das Ziel der Gewaltpräventionsstunden in der Grundschule in Süsel. Seit einigen Jahren wird dieses Ziel durch besondere Unterrichtsstunden angestrebt, berichtet Direktorin Swantje Poppdreyer voller Stolz. Zunächst durch die Elterninitiative im Schulverein angestoßen, gelang es in den vergangenen Jahren mehrfach durch großzügige Spenden diese Unterrichtsstunden zu finanzieren. Für das kommende Schuljahr unterstützt die Freimaurerloge Zum Goldenen Apfel aus Eutin das Vorhaben. 

Das Thema Gewalt in der Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren zusätzliche Relevanz erfahren, beschreibt der mittlerweile pensionierte und erfahrene Schuldirektor Matthias Isecke-Vogelsang das Problem. Das wirke sich auch auf die Verhaltensweisen der Kinder in der Schule aus, die ein Spiegelbild der Gesellschaft aufzeigt. Wenn es auch nicht die Masse der Kinder ist, die sich auffällig zeigt, so wird doch das große Gute dadurch überlagert. Weil das Verhalten der Kinder jedoch die Basis für gutes Lernen darstellt, ist dieser Unterricht immens wichtig, unterstreicht Schuldirektorin Swantje Poppdreyer die Argumentation und betont, dass die Süseler Schule als Vorreiter der Integration und Gewaltpräventation gilt. 

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Keine Verschwörung um Laurel & Hardy

Archiv Rainer Dick

Päpste sind nicht erst seit Aufkommen des Internets eine verlässliche Projektionsfläche für Verschwörungstheoretiker. Die jüngsten „Enthüllungen“ über den ab 1939 amtierenden katholischen Oberhirten Pius XII. (1876–1958) wären mithin wenig spektakulär, stünde nicht der Pontifex gemeinsam mit den Filmkomikern Laurel & Hardy im Mittelpunkt – noch dazu mit einem angeblich freimaurerischen Hintergrund.

Benedetto Gemma, seines Zeichens Filmhistoriker aus Italien, berichtete im vergangenen Oktober in der Regionalzeitung „Messaggero Veneto“, der Heilige Vater habe die Hollywood-Stars Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957) zur Privataudienz gebeten, als diese 1950 in Rom ihren letzten gemeinsamen Film „Dick und Doof erben eine Insel“ vorbereiteten. Die Begegnung sei so geheim gewesen, dass weder Text- noch Bilddokumente existierten und etwaige Hinweise gar aus den vatikanischen Archiven getilgt worden seien.

Stellt sich die Frage, was an dieser Audienz so geheim, brisant oder heikel gewesen sein könnte. Kinokenner Gemma ist Mitglied der internationalen Laurel-&-Hardy-Gesellschaft „Die Wüstensöhne“ und hat an der kürzlich erschienenen italienischen Ausgabe einer Doppelbiografie mitgearbeitet. Die Frage nach den Gründen für die Geheimhaltung ist leicht zu beantworten: Sowohl der galante Südstaaten-Charmeur Oliver Hardy (in den „Dick-und-Doof“-Filmen der Korpulente) wie auch der als Schürzenjäger beständig Schlagzeilen produzierende Stan Laurel („Doof“) waren mehrfach geschieden und hatten damit das Sakrament der lebenslangen Ehe verletzt. Hardy gehörte außerdem den Freimaurern an, die von der katholischen Kirche bis heute mit Argwohn beobachtet und von Gegnern zu Unrecht der „Weltverschwörung“ bezichtigt werden. Zu ergänzen wäre, dass keiner der beiden Spaßmacher der katholischen Kirche angehörte. Gemma sieht in dieser „Sündhaftigkeit“ des Komikergespanns den Grund, warum diese Audienz unter dem Deckmantel der Geheimhaltung stattgefunden habe. Verbürgt scheint zumindest, dass Pius sich regelmäßig Filme des Duos vorführen ließ.

Es ist jedoch – wie meistens – sehr viel weniger geheimnisvoll als angenommen: Über das Zusammentreffen von Stan und Ollie mit Papst Pius berichteten italienische Zeitungen bereits im Juni 1950. „Geheim“ war dieses sicher nicht und in den Pressearchiven wurde seitdem auch nichts „getilgt“. Es handelt sich mitnichten um einen klandestinen „katholisch-komödiantischen Konvent“. Die denkwürdige Troika war schon damals den Zeitungen und Wochenschauen sowie dem jungen Medium Fernsehen eine ausführliche Berichterstattung wert.

Nachdem Laurel & Hardy sich 1945 vom US-Film zurückgezogen hatten, unternahmen sie zahlreiche triumphale Tourneen durch Europa. Überall wurde ihr Auftreten von den kriegsmüden Menschen enthusiastisch bis tumultartig gefeiert, etwa bei ihrer Ankunft im römischen Termini-Bahnhof.

Dieses Gastspiel erörterte der französische Autor Roland Lacourbe schon 1975. In seinem Standardwerk über Laurel & Hardy heißt es: „In Rom gibt man ihnen im Grand Hotel eine Suite, die üblicherweise Staatsoberhäuptern vorbehalten ist. Man erzählt sich (…), dass während ihres Besuchs im Petersdom die Menge der Gläubigen bei einer Prozession ausschert, um sich Autogramme geben zu lassen. Sicher ist, dass ihnen Papst Pius XII. eine Audienz gewährt.“

Also kein Geheimnis um Laurel & Hardy im nebulösen Dickicht zwischen Vatikan und Freimaurerlogen. Sicher ist ihre anhaltende Beliebtheit; sicher auch ihr unbestrittener Rang als bedeutendstes Komikerpaar der Filmgeschichte; sicher schließlich Hardys Beisetzung in einem für Freimaurer reservierten Areal des „Valhalla-Memorial“-Friedhofs in Hollywood. Als halbwegs gesichert dürfte auch das Faible des Papstes für ihre Filme gelten.

Nichts an alledem ist geheim, mithin musste nichts aus den Archiven „getilgt“ werden. Das Lachen über die destruktive und dennoch surreal-poetische Slapstick-Komik von Laurel & Hardy dauert seit annähernd neun Jahrzehnten an – im Himmel wie auf Erden.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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Erinnerung an einen Freund und Schriftsteller

Alfried Lehner

Ein so reichhaltiges Leben! Kann man das in wenige Zeilen fassen? Kann man es in einer Viertelstunde erzählen? Ist das möglich, wenn man jedem Aspekt gerecht werden will? Ich habe Zweifel. Es bleibt mir nur ein strebendes Bemühen, unserem Bruder und Freund annähernd gerecht zu werden.

Das Geburtsjahr unseres Bruders Alfried lag in einer unseligen Zeit. Drei Jahre von den „tausend“ waren erst vorüber. Dr. med. Adolf Lehner und seine Frau Babette, die Eltern, sowie der ältere Bruder Olf bildeten seine Familie. Man lebte gut situiert in einer Villa in Dresden. Weißer Hirsch und „Blaues Wunder“.
Vom beginnenden Weltenbrand dürfte der Junge nichts mitbekommen haben. Als er zu Beginn der 1940er Jahre in Dresden eingeschult wurde, rückten die mit erschreckendem Erfolg weit ausgeworfenen Fronten schon auf die Heimat zu.

Ab Herbst 1944 gab es die ersten Luftangriffe auf den Großraum Dresden. Im Zuge der historisch bekannten vier Angriffswellen vom 13. bis 15. Februar 1945 floh die Familie. In Solnhofen an der Altmühl lebten die Großeltern mütterlicherseits. Dort verbrachte Alf dann auch seine Jugend und nahm eher das Fränkische denn das Sächsische als Muttersprache an. In Eichstätt besuchte der Gescheite das humanistische Gymnasium. Dort baute er im Jahr 1956 auch das Abitur.

Im Jahr davor war die junge Bundesrepublik Deutschland der Nato beigetreten. Damit wurde auch die Frage eines nationalen Wehrbeitrages grundsätzlich entschieden. Die historisch einmalige Herausforderung, neu aufzustellende Streitkräfte in ein bestehendes Staatswesen einzubinden, reizte viele junge Männer – auch unseren Bruder Alfried. Sie wollten es besser machen als die Väter. Aber nicht im revanchistischen Sinne, sondern einer Konzeption folgend, mit deren Hilfe die unverzichtbare hierarchische Struktur der neu aufzubauenden Armee und ihr Prinzip von Befehl und Gehorsam mit den Grundrechten des Bürgers in Einklang gebracht und ein „Staatsbürger in Uniform“ geschaffen werden sollte.

Husum war sein erster Standort. Weitere folgten – ein typisches Offiziersschicksal. Das auch die Familie betraf, die sich selbstredend einstellte. Aus der Ehe mit seiner ersten Frau Helga ging 1964 ein Sohn hervor, Ulf Lehner.
Bis 1967 war Alfried – ganz klassisch – zuerst als Panzerzugführer und später als Kompaniechef eingesetzt. Von 1967 bis 1969 absolvierte er die Generalstabsausbildung. Es folgten weitere Verwendungen im Truppengeneralstabsdienst und im Bundesministerium der Verteidigung. Zuletzt war er als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig. Oberstleutnant i. G., das heißt im Generalstabsdienst. So der letzte Dienstgrad.
1977 lernte er seine spätere zweite Frau Ulla kennen. Erst als Alfried 1986 mit 50 Jahren die Bundeswehr altershalber verließ, konnten beide zusammenziehen. 1988 dann die Eheschließung, 2002 der Einzug in das neuerbaute Haus in Rudersberg.

Zum Bund der Freimaurer kam Alfried im Jahr 1977. Eine Zeitungsannonce hatte ihn ins Logenhaus in der Hamburger Welckerstraße gelockt. Dort fing er sofort Feuer. In seinem Aufnahmeantrag ließ er die Loge „Roland“ wissen: „Der aus den dortigen Vorträgen leuchtende Geist ließ mich erkennen, dass hier eine geradezu verblüffende Parallelität mit meinen Vorstellungen vorhanden ist.“
Alfried hatte die Freimaurerei nicht nur schnell so gut verinnerlicht wie wenige, er konnte auch erklären, was es mit dem Tempelbau der Humanität auf sich habe. Er übernahm schon bald zahlreiche Aufgaben und bekleidete hervorgehobene Ämter, die er nicht suchte, die aber zu ihm kamen. Ich will sie gar nicht alle aufzählen. Ihm wäre das peinlich. Dennoch sei als Beispiel die Leitung des Ritualkollegiums unserer Großloge genannt. Dort kann nur mittun, wer den Sinn von Ritual versteht. Ehrungen blieben auch nicht aus. So zum Beispiel im Oktober 1985 die Silberne Matthias-Claudius-Medaille der Vereinigten Großlogen für Verdienste auf dem Gebiet der freimaurerischen Literatur und Kunst. Im Juni 1994 folgte das goldene Ehrenzeichen der Großloge.

Mit seinem Wechsel in den Süden schloss er sich 1987 der Loge „Sarastro“ in Stuttgart an, wo er ebenfalls wirkte. Erneut auch – wie bei „Roland“ – als Stuhlmeister. 2006 wechselte er nach Esslingen zur Loge „Zur Katharinenlinde“. Ende 2017 konnten wir sein 40. Freimaurer-Jubiläum feiern. Dabei wurde ihm auch – als letzte große Auszeichnung – der Goldene Verdienstorden der Vereinigten Großlogen von Deutschland verliehen.

Wichtig war ihm aber vor allem das Schreiben. Und dazu hatte er nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr Zeit. Mehrere Bücher erschienen und fast jeder von uns Freimaurern hat ein paar davon in seinem Bücherschrank. Einige wenige Titel möchte ich nennen: „Das wunderbare Wissen vom Wesen der Welt“, „Eines zu sein mit allem“, „Sagt es niemand“, „Lyrik von Sehnsucht nach Frieden und Harmonie“, „Ich bin eine Stufe“.

Er reiste nun durch die Republik und stand den Logen für Öffentlichkeitsarbeit, rituelle Weiterbildung sowie Dichterlesungen zur Verfügung. Daneben interessierten ihn Philosophie, Religionswissenschaften, Mythologie, Ornithologie, klassische Musik, Kunstgeschichte und Literatur. Auch andere Gesellschaften profitierten von seiner Mitarbeit. Er betätigte er sich sowohl in der Sokratischen als auch der Humboldt-Gesellschaft. Nicht vergessen sei der pythagoreische Orden.

Br. Thomas Seng hat nun das letzte Buch mit Alfrieds Referaten herausgeben. Erschienen ist es im April 2019, wenige Wochen nach seinem Tod.

Dann kam das Jahr 2013 mit einem Hirnschlag. Die Folgen setzen ihm mehr und mehr zu. Zu Beginn des Jahres 2015 benötigte Alfried dann endgültig professionelle Pflege. Im Karlsstift in Schorndorf hat er seine letzten Jahre verbracht. Zunehmend entrückt von dieser Welt. Bemerkenswert war seine heitere Gelassenheit, sein Lächeln, wenn er den Besuch sah: „Du lieber Bruder“, auch wenn der Name dahin war. Keine bittere Aggression wegen seines Schicksals, sondern stets Dankbarkeit und Zuversicht. Selbst dort noch, im Stift, bei seinen limitierten Möglichkeiten, hat er sich eingebracht, zum Beispiel mit einer Dichterlesung, gemeinsam mit Ulla.

Am 22. Februar 2019 wurde Br. Alfried Lehner zur höheren Arbeit abberufen. Und also verlosch ihm das Licht seines irdischen Lebens! Das Licht im ewigen Osten leuchte ihm!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 3-2019.

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