Humanität in Zeiten des Lärms

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Die Zeitschrift „Humanität“ wurde vor 45 Jahren gegründet. Ins Leben gerufen 1975 vom späteren Großmeister Br. Jens Oberheide, hat sich „das deutsche Freimaurermagazin“ im Laufe der Jahre immer wieder verändert und weiterentwickelt, inhaltlich, gestalterisch und in ihrem Selbstverständnis.

Gelesen von Hasso Henke

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

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Doch was geblieben ist, ist ihr einzigartiger und verpflichtender Titel: „Humanität“. Ein besseres „Branding“, wie man in der Sprache des Marketings sagen würde, hätte man gar nicht finden können. Unsere Arbeit als Freimaurer besteht schließlich im Bau des „Tempels der Humanität“. Unsere Selbstverpflichtung als Freimaurer ist also eng an diesen Begriff geknüpft. Die Großloge A.F.u.A.M.v.D. bezeichnet sich selbst als „humanitäre Großloge“ und ist der sogenannten „humanitären Freimaurerei“ verpflichtet. Doch was bedeutet „Humanität“ eigentlich, was verbirgt sich hinter diesem strapazierten Begriff?

„Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer seinen Weg.“ So heißt es in einem unserer Rituale. Wahrscheinlich wussten die Autoren – oder ahnten es zumindest –, dass der Lärm der Welt möglicherweise zunehmen würde. Vielleicht ist das überlieferte Zitat aber auch ein Indiz dafür, dass der Lärm der Welt schon immer oder immer mal wieder ein gewaltiger war.

Unbeirrt vom Lärm der Welt seinen Weg zu gehen, heißt jedoch nicht, dass der Freimaurer seine Augen vor seiner Umwelt verschließen soll. Es heißt nicht, dass ihm ganz egal sei, was um ihn herum passiert, dass er einfach nur stoisch jeden Mittwochabend seine Loge besucht, eine Tempelarbeit zelebriert, mit den Brüdern ein Bierchen trinkt, um dann frohen Mutes wieder nach Hause zurückzukehren.

Ganz im Gegenteil. Um noch einmal unser Ritual zu bemühen: „Kehret niemals der Not und dem Elend den Rücken!“ Hier haben wir an einer anderen Stelle eine ganz klare Aufforderung, tätig zu werden in der Welt, sie ein Stück besser zu machen, Not und Elend zu vermindern und eben auf diese Art und Weise dem Lärm der Welt zu trotzen. Es ist eine Aufforderung, sich nicht beirren zu lassen von dem Geschrei auf dem Marktplatz der Eitelkeiten, auf dem Basar der Heilsangebote, Glaubens- und Irrlehren. Ruhig und sicher seinen Weg zu gehen, heißt womöglich: Stets zu wissen, was zu tun ist. Dafür haben Freimaurer ihre Werkzeuge: Zum Beispiel den 24-zölligen Maßstab, der mir persönlich ein sehr wichtiges Symbol ist, das uns erklärt, wie wir unsere Zeit mit Weisheit einzuteilen haben. Das gelingt mir selbst oft nicht so ganz und ich fürchte, ich werde dieses Werkzeug immer und immer wieder zur Hand nehmen müssen.

Ohne Mörtel kein Tempelbau

Doch woran orientieren wir uns am besten, wenn wir – unsere symbolischen Werkzeuge im Gepäck, feine Sonntagsreden im Hinterkopf und guten Mutes im Herzen – unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt gehen wollen?
Da fallen mir unbedingt unsere unverrückbaren Werte ein. Fünf an der Zahl: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe. Sie sind das in Stein gemeißelte Dogma der adogmatischen Freimaurerei. Ein Widerspruch, der sich bei genauerer Betrachtung sofort auflöst. Diese Werte bilden die Basis unserer Arbeit, sie verschaffen uns überhaupt erst den größtmöglichen Spielraum. Ohne Freiheit, ohne Gleichheit, ohne Brüderlichkeit, ohne Toleranz und ohne Menschenliebe – also in einem diktatorischen Staat etwa – kann es so etwas wie Freimaurerei nicht geben. Freimaurerei und ihre Werte bedingen einander.

„Wir bauen den Tempel der Humanität.“ Das ist das erklärte Ziel der Freimaurer. Doch was bedeutet das überhaupt? Wir bezeichnen unsere fünf Wertebegriffe auch als „Mörtel dieses Tempelbaus“. Das heißt im Klartext: Um unser Ziel zu erreichen, benötigen wir genau diese fünf Tugenden: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe.

Unsere Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, mit etwas weniger als 10000 Mitgliedern die größte deutsche Großloge, sieht sich in der Tradition der „humanitären Freimaurerei“. Doch was ist damit gemeint, wenn wir von Humanität sprechen und davon, dass wir in unserer Loge eine „humanitäre Freimaurerei“ betreiben?

Wir bemühen heute nicht mehr den „Brockhaus“ oder den „Meyer“, sondern befragen „Wikipedia“: Gibt man „Humanität“ als Suchwort in die digitale Wissensmaschine ein, wird man zum Stichwort „Menschlichkeit“ weitergeleitet. Wir haben also damit eine Übersetzung, die einleuchtet. Denn „humanitas“ ist Lateinisch und bezeichnet allgemein das „Menschsein“ und alle damit verbundenen Normen und Verhaltensweisen, die den Menschen ausmachen. Diese waren auch in der klassischen Antike, aus der sie stammen, nicht unumstritten. Der römische Wertebegriff „humanitas“ umfasste die Vorstellung einer gewissen Solidarität und Achtung gegenüber allen Menschen, und es gibt bei den antiken Philosophen erste Überlegungen dazu, dass eine universelle Gerechtigkeit unter allen Menschen bestehen könnte und sollte. Die „civitas Romana“, also das Recht der römischen Bürger, wird begrifflich ausgeweitet auf eine „civitas humana“, das Recht aller Menschen. Das römische Bürgerrecht wird – jedenfalls theoretisch – zum Menschenrecht. Wir sind uns klar darüber, dass Sklaven, Frauen und Kinder und natürlich die Barbaren im nördlichen Europa damit nicht gemeint waren. Trotzdem stehen wir vor einer weitreichenden und folgenschweren Erkenntnis.

Vom Ich zum Tier

Kommen wir zurück zu unserer Definition: „Humanität“ heißt übersetzt also „Menschlichkeit“. Es wird hierbei unterschieden in eine weitere Bedeutung und eine engere Bedeutung dieses Begriffes. In der weiteren Bedeutung bezieht sich „Menschlichkeit“ auf alles, was Menschen zugehörig oder eigen ist. Insbesondere auf das, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Bei Cicero finden wir dies erstmals als Definition der „humanitas“. Der römische Philosoph beschreibt Menschlichkeit als „die Möglichkeiten als auch die Beschränkungen des Menschen, die diesen damit auch vom Tier unterscheiden“. In der Humanethologie, einem Zweig der Verhaltensbiologie, wird das genauer untersucht und beschrieben: Welche sind die angeborenen Grundlagen unserer kulturellen Verhaltensweisen, die diesen Unterschied ausmachen?

Neben dieser sehr weit gefassten Definition des Begriffes „Menschlichkeit“ gibt es eine engere Bedeutung, die für uns entscheidend sein soll: Menschlichkeit, menschliches Verhalten, also Humanität, besitzt einen normativen Gehalt. Das bedeutet, wir haben eine gewisse Vorstellung davon, wie der Mensch sein soll, was seine Bestimmung sei und welche seiner Verhaltensweisen als gut und richtig gelten dürfen.

Und in diesem Sinne haben wir – wiederum als kleinsten gemeinsamen Nenner – heute ganz nach dem Vorbild der „civitas humana“ die gute und richtige Vorstellung, dass die Würde eines jeden Menschen zu garantieren ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich möchte gar nicht darüber diskutieren, wie oft und wie furchtbar und grausam tagtäglich gegen den ersten Artikel unseres Grundgesetzes verstoßen wird. Aber nur weil es so ist, können wir es nicht als gegeben hinnehmen. Es gibt da kein Relativieren: Dort, wo die Menschenwürde verletzt wird, nicht garantiert wird oder auch nur in Gefahr ist, haben wir als Freimaurer die Pflicht, uns als Freimaurer zu bewähren. Für Rechtsstaaten ist die Menschenwürde laut der Naturrechtslehre ein konstitutives Element. Unverrückbar, unveräußerlich und nicht verhandelbar. Dieser Grundsatz ist das Fundament, auf dem wir mit unserem Menschsein stehen. Es ist kein Glaubenssatz, es ist eine universelle Wahrheit.

Humanität vs. Humanismus – Fehler im System

„Humanität“, also „Menschenliebe“ findet sich als Basis in verschiedenen geistigen Strömungen. Etwa im Christentum, bei dem Menschenliebe vor allem als Nächstenliebe übersetzt wird und in deren Narrativen der absolute, strafende und bösartige Gott des Alten Testaments abgelöst wird. An seine Stelle tritt sein Sohn mit der Botschaft der Liebe, der Menschenliebe, der Nächstenliebe.
Und wir haben den Begriff des „Humanismus“ in seinen unterschiedlichen historischen und philosophischen Ausformungen, die sich teilweise diametral gegenüberstehen. Häufig werden die Begriffe „Humanität“ und „Humanismus“ synonym gebraucht. Das ist aber nicht richtig.

Die Geschichte des Begriffes beginnt in der Renaissance. Der Renaissance-Humanismus war vor allem eine Bildungsbewegung, die als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier vor allem die Fähigkeit des Menschen sah, Erkenntnis und Bildung zu erwerben. Wissen wird zu einer Tugend, mit der beispielsweise auch Selbsterkenntnis möglich ist.

Der Renaissance-Humanismus setzt die „Humanität“ als Basis, als Grundierung und knüpft damit ganz klar an das antike römische Konzept der „humanitas“ an: „Die Menschen, die nach Bildung und Unterweisung aufrichtig verlangen und streben, die sind in vorzüglicher Weise die ‚Humanen‘ (humanissimi)“, schreibt der Philosoph Aulus Gellus um 130 unserer Zeit. Und weiter: „Denn das Sorgen um dieses Wissen und sein Erlernen ist von allen Lebewesen nur den Menschen gegeben und darum wurde es humanitas (Menschsein) genannt.“

Im Laufe der Philosophie-Geschichte kristallisierte sich eine Unmenge weiterer „Humanismus“-Vorstellungen heraus, die kaum noch etwas mit dem Renaissance-Humanismus gemein hatten und haben. Etwa in der existenzialistischen Philosophie, im Marxismus, im Realsozialismus und im religiösen Anthropozentrismus, wo der Mensch zum absoluten Mittelpunkt wird. Die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand und ich will nur zwei nennen: Wie weit achten wir Natur und Umwelt, also die Schöpfung, wenn wir uns als über ihr stehend, als gottgleich, als Zentrum des Universums begreifen? Wie weit achten wir den Menschen als Individuum, wenn alles einem kollektiven „Wir“ unterworfen wird?

Um es zu präzisieren: Der europäische Humanismus ist zunächst auf die historische Zeitspanne von 1350 bis 1550 zu beschränken. Dieser berief sich auf den klassisch-antiken Begriff der „Humanität“. Die meisten anderen „Humanismen“ tun das später nicht mehr.

Ein Beispiel: Die DDR war eines der wenigen Länder, in denen der Begriff „Humanismus“ sogar in der Verfassung verankert war. Doch was meinte man im Realsozialismus damit? Stasi-Minister Erich Mielke rechtfertigte die Tötung politischer Gegner als Akt des „Humanismus“: „Wir sind nicht davor gefeit, dass wir einmal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüsste, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzer Prozess. Weil ich ein Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassung. Lieber Millionen Menschen vorm Tode retten, als wie einen Banditen leben lassen, der uns dann die Toten bringt, damit ich mal richtig erkläre, warum man so hart sein muss. Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten – wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“

Der Bau des Tempels der Humanität ist nicht nur Sache der Freimaurer

Insofern stellt sich die Frage, wer bestimmt, was human und humanistisch, was inhuman und antihumanistisch ist?

Eine Abkehr vom „Humanismus“ und damit von jeglicher Humanität und Menschenliebe finden wir im deutschen Nationalsozialismus. Die „Herrenmenschen“ wollten keine „Humanisten“ sein. Pazifismus und christliche Nächstenliebe galten als Ausdruck von „Humanitätsduselei“. Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen und Koordinator des Einsatzes von Zwangsarbeitern, erklärte: „Wir werden die letzten Schlacken unserer Humanitätsduselei ablegen.“ Er wurde während der Nürnberger Prozesse u. a. wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt und verurteilt sowie anschließend hingerichtet.

Und nun schauen wir doch noch in den „Brockhaus“, allerdings in die Ausgabe des Jahres 1941. Darin wird das Stichwort „Humanität“ unter dem Gesichtspunkt der „Rassenlehre“ bearbeitet: „Eine entartete Auffassung von Humanität im späteren 19. und beginnenden 20. Jahrh. verfocht unter führender Beteiligung des Judentums den Schutz alles Menschlichen um seiner selbst willen, also auch des Minderwertigen und Entarteten. Entgegen solchen gesunden sittlichen Anschauungen zuwiderlaufenden Ansichten betont die völkische Weltanschauung eine naturgegebene, bes. rassisch bedingte Ungleichheit der Menschen und den Vorrang von Gott und Staat vor einem allgemeinen Menschheitsideal.“

Die „civitas humana“, also das „Menschenrecht“ galt nur für eine auserwählte Rasse und nicht für jene, die als minderwertig und entartet stigmatisiert wurden.

er Begriff vom „Bau des Tempels der Humanität“, dem wir als Freimaurer nachstreben, der eindeutig in der Tradition der allumfassenden „civitas humana“ steht, ist also auch in dieser Hinsicht als Abgrenzung zu völkischem Denken, zur Herrenmenschen-Mentalität, zu Xenophobie, als Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus wohlgewählt und lässt sich durch unsere fünf Grundwerte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe hervorragend ausführen:

Vom „Brockhaus“ wieder zur modernen „Wikipedia“: „Der Gedanke der Humanität umfasst die prinzipielle Gleichheit aller Menschen jeder Herkunft und jeden Geschlechtes, die allgemeine Menschenwürde und die Ächtung von Angriffskriegen. Im weiteren Sinn gebietet Humanität auch religiöse und politische Toleranz und Achtung vor dem Mitmenschen und seinen Überzeugungen, im weiteren Sinn auch die Achtung vor Tieren und den Schutz der Natur.
Humanität ist die Grundlage der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts als Grundlage des positiven Rechts wie auch der Rechtspraxis in den einzelnen Staaten. Im Zusammenhang mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist die Idee der Humanität von zentraler Bedeutung. In den Verfassungen der demokratischen Staaten ist die Humanität in den Gesetzen fest verankert (siehe etwa Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Österreichische Verfassung, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Verfassung des Fürstentums Liechtenstein).

Humanität und das Konzept der Solidarität sind eng mit der Tugend der Hilfsbereitschaft und deren Umsetzung als Hilfe verbunden. Beispiele sind das Engagement in sozialen Einrichtungen wie der Caritas oder der Diakonie, in einer Hilfsorganisation für die Einhaltung der Menschenrechte, in der Nachbarschaftshilfe oder im intrastaatlichen Prinzip der Hilfsbereitschaft und Nachbarschaftshilfe als Humanitäre Hilfe. Hier äußert sich der Wille zur Menschlichkeit durch konkrete Hilfeleistungen wie das Bereitstellen von Hilfsgütern, z. B. in Form von medizinischer Hilfe.

Zugleich gibt es eine Rechtspflicht zur Hilfeleistung: Eine unterlassene Hilfeleistung stellt nicht nur einen moralisch zu verurteilenden Verstoß gegen die Menschlichkeit dar; Strafgesetzbücher definieren die unterlassene Hilfeleistung vielmehr auch als Straftatbestand.“

Am 10. Dezember 1948 trat die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ in Kraft. Ein großer Schritt auf dem Weg zur Durchsetzung der „civitas humana“. Das Völkerrecht besagt, dass „Humanitäre Interventionen“ nicht mehr als illegitime „Einmischungen in die inneren Angelegenheiten“ des jeweiligen Staates gelten, der sich einer Menschenrechtsverletzung schuldig gemacht hat.

Der Bau des „Tempels der Humanität“ ist damit nicht nur eine reine Sache der Freimaurer. Es ist eine Metapher, ein Wort, das uns gemahnt, uns immer wieder für Menschlichkeit, Menschenwürde und Menschenliebe einzusetzen. Ähnlich wie unsere Werkzeuge, die wir dafür verwenden, mahnende Symbole sind. Den „Tempel der Humanität“, diesen Bau der Menschlichkeit, errichten wir alle gemeinsam. Wenn wir guten Willens sind. Und das nehme ich doch an.

Kontakt zum Autor

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 2-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.