Humor als Humus der Humanität

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© ArtTower / Pixabay

Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität