Ist Gemeinschaft noch zeitgemäß?

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Dieser Vortrag wurde im November 2015 in der Brundbütteler Loge “Ditmarsia” gehalten. Der Autor beschäftigt sich darin mit den Prinzipien der Gemeinschaft, auch mit der Gemeinschaft der Freimaurer und stellt die Frage, wie sich unsere Gesellschaft in der Zukunft entwickeln wird.

Spontan würde jeder von uns antworten: die Gemeinschaft ist das wichtigste Element in unserer Gesellschaft. Richtig! Aber das Gebilde Gemeinschaft hat in unserer so modernen Zeit leichte Risse erhalten – will sagen, dass der Stellenwert der Gemeinschaft in unserer Gesellschaft an Gewicht und Bedeutung verloren hat. Es ist mir deshalb wichtig, mit meinem Vortrag Vergessenes und Verdrängtes in das Bewusstsein zu rücken und die wichtige Rolle der Gemeinschaft in unserer schnelllebigen Zeit herauszustellen.

Dabei beschäftige ich mich mit dem Ursprung und dem Sinn der Gemeinschaft, mit dem Wesen, den Problemen, mit der Thematik Harmonie und Gemeinschaft  und stelle an den Schluss meines Vortrages die Frage: Quo vadis , Gemeinschaft?

Wenn man „Gemeinschaft” kurz und prägnant definieren will, dann geschieht das m.E. am besten mit folgendem Satz: Gemeinschaft ist eine Gruppe, die aufgrund der Übereinstimmung in wesentlichen Verhaltensweisen gemeinsam oder füreinander handlungsfähig ist. Beispiele von Gemeinschaft gibt es, solange es nicht nur Menschen, sondern Kreaturen gibt. In der Tierwelt beweisen dies eindrucksvoll die Völker der Bienen und Ameisen, die Rudel der Wölfe oder die Herden vieler Tierarten. Für mich ist es immer wieder faszinierend, mit welcher Brillanz und Präzision Gemeinschaft in der Natur – vom Instinkt geleitet – funktioniert.

Die Ursprünge der Gemeinschaft bei den Menschen liegen in den Stämmen, den Sippen und in der Familie. Die Einheit einer Gruppe ergibt sich meistens aus der Gemeinsamkeit des Fühlens, des Strebens und des Urteilens. Gemeinschaft bildet sich überall dort, wo gleichartige Inhalte des Lebens oder aber dieselben Schicksale Tiefe und Ganzheit der Persönlichkeit prägen. Als Beispiel für gleichartige Inhalte des Lebens nenne ich Familie, Arbeit, Beruf und Religion, als Beispiele für Schicksale Not und Gefahr.

Was ist das wesentliche Element in der Gemeinschaft?

Der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft ist der nichtmonetäre Austausch von Wert, also der Austausch ohne Geld; Dinge, die wir füreinander tun und mit anderen teilen, weil sie uns etwas bedeuten. Gemeinschaft besteht aus dem, was wir nicht zu messen versuchen, über das wir keine Listen führen und für das wir keine Belohnung erwarten: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt sind die Werte, die ich meine; ihr Vorrat ist unermesslich und grenzenlos. Diese Werte kann man also nicht messen, so sehr wir uns auch bemühen. Da man sie nicht messen kann, sind sie auch nicht in Euro, Dollar, Barrel oder in Tonnen Getreide auszudrücken. Der unentgeltliche Austausch von Wert beruht nicht allein auf altruistischen Motiven, sondern auf einem tiefen, intuitiven, oft unbewussten Verständnis, dass Eigeninteresse untrennbar mit dem Interesse der Gemeinschaft verbunden ist und dass sich das Wohl des Einzelnen nicht vom Wohl des Ganzen trennen lässt. Bei einer Gemeinschaft geht es nicht um Profit, es geht um das Wohl aller. Beim unentgeltlichen Austausch von Wert unterscheiden sich Geben und Nehmen. Geben und Nehmen kann man nicht auf sinnvolle Weise messen. Ein Geschenk, an das sich eine Erwartung knüpft, ist kein Geschenk. Es ist ein Tauschhandel. Beim unentgeltlichen Wertaustausch sind Geben und Nehmen keine Transaktion.; sie sind Angebot und Entgegennahme. Wenn in der Natur ein geschlossener Kreislauf des Gebens und Nehmens aus dem Gleichgewicht gerät, folgen bald Tod und Zerstörung. In der Gesellschaft ist das nicht anders.

Wenn es um Geld geht, glauben wir, das Leben sei ein Recht, das ein weiteres Recht in sich birgt: nämlich das Recht, Dinge zu bekommen und zu besitzen. Aber das Leben ist kein Recht. Das Leben ist ein Geschenk, das ein weiteres Geschenk in sich trägt, nämlich die Kunst des Schenkens. Und die Gemeinschaft ist der Ort, an dem wir unsere Geschenke verteilen und die Geschenke anderer empfangen

Der unentgeltliche Austausch von Wert ist das effektivste und konstruktivste System, das je entwickelt wurde. Die Evolution und die Natur haben es in Millionen Jahren perfektioniert. Man braucht keine Währung, keine Verträge, keine Regierungen, keine Gesetze, keine Gerichte, keine Polizisten, keine Rechtsanwälte oder Buchhalter. Das System braucht keine diplomierten Experten. Es braucht nur normale, einfühlsame Menschen. Die wahre Gemeinschaft erfordert Nähe, ständigen, direkten Kontakt und die Interaktion zwischen Menschen, Orten und Dingen, aus denen sie sich zusammensetzt.

In der gesamten Menschheitsgeschichte war der grundlegende Baustein der Gemeinschaft die Familie. Dort findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt. Dort werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Dieser Austausch von Wert bildet die Grundlage jeder Gemeinschaft, und Gemeinschaft ist das Kernelement einer jeden Gesellschaft. Ohne Gemeinschaft kann es also keine Gesellschaft geben. Das Leben, die gesamte Natur und alle irdischen Systeme beruhen – abgesehen von der Energie, die uns die Sonne schenkt -, auf geschlossenen Kreisläufen des Geben und Nehmens.

Was sind Probleme der Gemeinschaft?

Jede Gemeinschaft stellt zunächst nur eine Ansammlung von Einzelmenschen dar, die sich aus unterschiedlichen Motiven, aber alle mit dem gleichen Grundbedürfnis, zu eben dieser Gemeinschaft zusammengetan haben. Keiner kann von sich behaupten, den anderen so gut zu kennen, dass er dessen Motivation, zur Gemeinschaft gehören zu wollen, tatsächlich kennt. Es ist der klassische Irrtum allen menschlichen Miteinanders zu glauben, ein jeder Mensch denke wie der andere, habe also folglich zur gleichen Angelegenheit die gleiche Meinung.

Das Denken ist eine höchstpersönliche Sache, zwar durch eine gemeinsam erworbene Sprache irgendwie geformt und auch im Hinblick auf die Gemeinschaft vor-geformt – doch letztlich bleibt es individuell. Persönliche Erfahrungen, Vorbilder, Wünsche und Wertvorstellungen und anderes mehr spielen dabei immer eine Rolle. Und gerade dies wird wohl immer Anlass geben zu Meinungsverschiedenheiten selbst in Gemeinschaften, die sich das Ziel „Gemeinschaft“ als hehres Ziel gesteckt haben, so auch in der Freimaurerei im Allgemeinen und auch in einzelnen Logen im Besonderen. Wir sind also nicht alle gleich oder gleichgeschaltet, jeder bringt seine eigene Persönlichkeit in die Gemeinschaft ein. Und mit eben dieser eigenen Persönlichkeit hat jeder innerhalb der Gemeinschaft seine Aufgabe an seinem Platz. Es wird immer stärkere und schwächere Glieder in einer Gemeinschaft geben, ebenso edlere und weniger edle. Aber alle sollen in Fürsorge füreinander das ganze Leben tragen, mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen. Auf die königliche Kunst bezogen bedeutet das, dass die Freimaurerei ihr Ziel einer Gemeinschaftsstiftung und Gemeinschaftserhaltung nur erreichen kann, wenn sie zur Befähigung des Einzelnen führt, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen.

Und wie sieht es aus mit der Harmonie in der Gemeinschaft?

Wenn das Ziel des Einzelnen, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen, erreicht ist, wird ihm sehr schnell klar, dass er sich geborgen fühlen kann. Und es ist ein großartiges, ein starkes Gefühl, Geborgenheit in der Gemeinschaft zu spüren. Probleme des Einzelnen verlieren an Dynamik, wenn man sie gemeinsam erörtert und verarbeitet, man muss es nur tun. Und Freuden potenzieren sich, wenn man sie mit anderen in der Gemeinschaft teilen kann. Aber nicht nur Probleme und Freuden, sondern die ganze Spannweite der menschlichen Existenz – die leibliche, die seelische und die geistige – ist auf das Miteinander und Füreinander in der Gemeinschaft bezogen. Wenn diese Gemeinschaft aus vollem Herzen gelebt wird, dann ist Gemeinschaft auch Harmonie.

Bezogen auf das Gemeinschaftsgefühl in der Freimaurerei hat ein Bruder seine Gefühle nach einem Besuch einer anderen Loge wie folgt beschrieben: „Die Atmosphäre dieser Tage beeindruckte mich sehr. Herzlichkeit, Wärme, Freude und Gastfreundschaft sprachen aus den Brüdern und Schwestern. Ich fühlte mich als Mensch geborgen im Kreise der Brüder- und Schwesternschar. Hier wurde mir besonders bewusst, dass die im profanen Leben so geschätzten und vorgeschobenen Rangordnungsmerkmale wie Besitz, Vermögen, Schichtzugehörigkeit und Bildungsstand bei uns im Bruderkreis überwunden werden. Hier fühlt man sich einfach als Mensch und kann es auch so erleben. Es wird kein Maßstab oder eine Schablone angelegt mit der Absicht, den Bruder von vornherein in Rangordnungen zu pressen, wie es leider viel zu oft im profanen Umfeld des Lebens geschieht.“

Wir alle haben das mehr oder minder auch so oder ähnlich erlebt und empfunden; aber machen wir uns nichts vor, es gab und gibt auch Situationen, wo „Rangordnungsmerkmale“, die der eben zitierte Bruder nur im profanen Leben sah, auch unter Brüdern und in den Strukturen der Freimaurerei praktiziert wurden und werden. Ich habe das einmal – als junger Freimaurer vor gut 30 Jahren – sehr deutlich und später häufiger zumindest ansatzweise erlebt und gespürt. Es beruhigt mich aber, dass dies eher Ausnahmen waren, beweist aber andererseits, dass wir unser Verhalten gegenüber unseren Brüdern immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen.

Soviel zu Harmonie in der Gemeinschaft. Eine letzte Frage, meine lieben Brüder, die mich bewegt und mit der ich meinem Vortrag beenden will, ist die Frage nach der Zukunft der Gemeinschaft:

Quo vadis, Gemeinschaft?

Es ist nicht nur mein Empfinden, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine sehr starke Tendenz vom Gemeinschaftswesen auf das Einzelwesen entwickelt hat – das haben Wissenschaftler und Verhaltensforscher einvernehmlich festgestellt. Wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte Revue passieren lässt, kann man das begreifen und nachvollziehen: Die Menschen hatten – noch im 19. Jahrhundert – im wesentlichen nichts anderes, als den einsamen Kampf um das nackte Überleben. Familie, Kinder, Nahrung, Kleidung, Krankheit und Behausung waren die bestimmenden Faktoren, die den Tagesablauf, die Wochen und Monate des Jahres bestimmten. Raum für weitergehende Elemente des Lebens war nicht vorhanden. In dieser Zeit der Not bildeten sich Gemeinschaften in vielfältiger Form, die das Leben ein wenig erträglicher machten und die Sorgen – gemeinsam getragen – leichter erschienen ließen. Man kam aus seiner Isolation heraus, konnte sich mitteilen , konnte teilhaben. Die Not schweißte zusammen, die Gemeinschaften hatten Bestand.

Und heute? Welches Bild vermittelt unsere heutige Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Den Menschen in unserem Lande geht es insgesamt immer noch gut – machen offensichtlich zu gut! Sie sind gleichgültiger und bequemer geworden, nehmen immer stärker egozentrische Züge an. Sie wollen viel nehmen und wenig geben (Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass ). Bei der enormen Reizüberflutung der heutigen Zeit kapseln sie sich ein in ihre eigene Anonymität und haben Gemeinsamkeit neu definiert: mit dem Fernseher mit seinen unzähligen Programmen, mit dem PC, dem Internet mit der Konsequenz der fast totalen Isolation. Man nimmt seine Mitmenschen kaum noch wahr, man kennt seine Nachbarn nicht mehr. Einen erschreckenden Beweis lieferte vor einiger Zeit eine norddeutsche Tageszeitung, in der in der Rubrik „Modernes Leben“ unter der Überschrift „Das unbekannte Wesen“ zu lesen war:  „Ein anonymes Deutschland hat sich in einer Umfrage offenbart: Etwa zehn Millionen Bundesbürger kennen ihre Nachbarn nicht oder nur vom Sehen. Ebenso viele zeigten sich ‘froh, wenn ich meinen Nachbarn nicht sehe.’“  Ein zweites Beispiel aus einer Tageszeitung mit der Überschrift: „Wenn das Internet zur Droge wird“: “Ihren 40. Geburtstag feierte Gabriele F. in einem Chatroom ( für PC-Nichtnutzer: virtueller Versammlungsraum im Internet). Leibhaftige Freunde hatten sich da längst von ihr abgewandt. 2 1/2 Jahre lang nutzte sie unter dem Namen „Hexenkuss“ jede freie Minute im Netz, bis sie durch ihr zwanghaftes Dauersurfen den Job verlor. Ihre Online-Sucht hatte sämtliche Zeit und Energie für andere Aktivitäten verschlungen, so die Medientrainerin aus Buxtehude, die als ehemals Betroffene die erste deutsche Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige leitete.” Und noch ein drittes Beispiel. Die „WELT am SONNTAG“ schrieb unter der Überschrift „Gemeinsamkeit am Scheideweg“:  “Gemeinsamkeiten waren vor nicht allzu langer Zeit nahezu unzerstörbar. Gestört , um nicht zu sagen zerstört werden die Gelübde durch ein zeitgeistiges Phänomen: Die Gier nach Selbstverwirklichung läuft dem Prinzip dauerhafter Gemeinsamkeit zuwider, lässt den sozialen Kitt brüchig werden. Organisationen verlieren ihre Mitglieder, in Familien schwindet der Zusammenhalt. Stattdessen suchen die Menschen Begegnungen auf Zeit und lassen sich einfangen vom eventorientierten Beisammensein.”

Zum Abschluss wiederhole ich meine Frage: “Gemeinsamkeit, quo vadis?” Ich sehe die Entwicklung nicht ohne Sorge, aber es gibt sie noch, die Gemeinschaft – es gibt sie noch in vielfältiger Form. Und wir haben ja vernommen, dass der unentgeltliche Austausch von Wert, das Grundelement der Gemeinschaft, das effektivste und konstruktivste System ist, das je entwickelt und von der Evolution und der Natur in Millionen von Jahren perfektioniert wurde. Deshalb wird die Gemeinschaft auch weiterhin Bestand haben. Wir dürfen ihre Entwicklung allerdings nicht aus den Augen verlieren und müssen die Gemeinschaft hegen und pflegen und immer wieder in das Bewusstsein unserer Mitmenschen rufen.