Alte Pflichten – Neue Pflichten: Ein (fast) vergessenes Dokument von großer Aktualität

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Die Orientierung an den „Alten Pflichten“, festgeschrieben in den Andersonschen Konstitutionen von 1723, gehört für jeden Freimaurer, der sich zur Tradition von Aufklärung und Humanismus bekennt, zu den Selbstverständlichkeiten seines masonischen Denkens und Handelns. Programmatisch ist bekanntlich vor allem die erste dieser Pflichten mit der Überschrift: „Von Gott und der Religion“ geworden:

„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, Männer von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“

Alte Pflichten

Die „Alten Pflichten“ enthalten tatsächlich die bis in die Gegenwart gültigen Grundlagen der Humanistischen Freimaurerei: Die Bedeutung der gesellschaftlichen Funktion der Freundschaft, die moralische Verpflichtung des Maurers, den von ihm geforderten Habitus von Ehre und Anstand, den Verzicht auf trennende religiöse Festlegungen und die Praxis der Toleranz als Grundlage von Einigkeit und menschlichem Miteinander.

So selbstverständlich der alte Text klingt, so sehr er das Erbe von Aufklärung und Humanismus verkörpert und so umfassend seine Anerkennung in der Weltfreimaurerei immer gewesen ist (nur die altpreußisch-christliche Freimaurerei hatte sich entschieden von ihm distanziert) –, so sehr wird doch immer wieder gefragt, ob er nicht ersetzt oder wenigstens ergänzt werden müsse durch so etwas wie „Neue Pflichten des Freimaurers“, und in der Tat ist immer wieder der Versuch unternommen worden, dem alten Text eine neue, aktuelle Fassung beizugeben oder gegenüberzustellen. Auch Brüder der Forschungsloge „Quatuor Coronati“ haben einmal einen solchen Beitrag vorgelegt. Geglückt sind alle diese Versuche nicht, und dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Alte Dokumente stehen in ihrer Zeit, ihre Bedeutung besteht in ihrer historischen Wirkung, der man nachspüren kann und muss, aus der man Impulse für die Gegenwart schöpfen kann, an denen aber nicht „herumgeschrieben“ werden kann, ohne ihren besonderen, im Falle der „Alten Pflichten“ historisch innovativen Charakter zu beschädigen oder gar zu zerstören.

Nun gibt es aber ein Dokument aus dem späten 20. Jahrhundert, dass in meiner Sicht die Frage nach zeitentsprechenden „Neuen Pflichten“ beantworten hilft und dass wegen seiner unverminderten, ja noch angewachsenen Aktualität im Jahre 2017 (20 Jahre nach der Erstveröffentlichung) in einer repräsentativen Ausgabe wieder herausgegeben wurde. Es handelt sich um die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ (Universal Declaration of Human Responsibilities), die als Initiative des InterAction Council im Jahre 1997 den „Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt“ wurde. Das InterAction Council (kurz IAC) ist eine im Jahre 1983 vom ehemaligen, inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründete lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs, unterstützt von einer sehr respektabel besetzten „Expertenkommission“. Nach Angaben von Loki Schmidt haben Takeo Fukuda und der deutsche Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt das Konzept des InterAction Councils gemeinsam ausgedacht und zusammen die ersten Aktionen geplant.

Bedauerlicherweise hat die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ in der internationalen Diskussion nur eine bescheidene Rolle gespielt und ist auch nicht – wie von den Autoren vorgeschlagen und erhofft – zu einer Erklärung der Vereinten Nationen geworden. Andererseits ist die Erklärung immer präsent geblieben und deshalb eben – wie erwähnt – vor zwei Jahren in einer repräsentativen vielsprachigen Fassung im Düsseldorfer Grupello Verlag wieder herausgebracht worden.

Die „Erklärung der Menschenpflichten“ ist sicherlich kein freimaurerischer Text im Sinne einer masonischen Autorenschaft, wenn auch sicher nicht daran zu zweifeln ist, dass es unter den Verfassern Freimaurer und Freimaurerfreunde, zu denen wir ja auch Helmut Schmidt zählen dürfen, gegeben hat. Und wenn ich auch sicherlich hier und da eine andere Formulierung gewählt hätte, so kann ich mich doch als Freimaurer voll mit dem Inhalt der Erklärung identifizieren. Religions- und kulturenübergreifend beschreiben die 19 Artikel die Grundlagen für ein ethisch orientiertes Verhalten in einer immer komplexer werdenden Welt, die ohne feste Bindung der Menschen an ein umfassendes Wertesystem nicht überlebensfähig ist. Dieses Wertesystem, auf dessen Wurzeln wir Freimaurer ja immer wieder stoßen, wenn wir nach unserer Herkunft fragen, ist das Wertesystem von Aufklärung und Humanismus. Wenn wir aufhören, unsere Gedanken und Handlungen an den Prinzipien Humanität, Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz und Friedensliebe auszurichten, hören wir auf, Freimaurer zu sein. Dies bedeutet aber auch, uns mit Entschiedenheit und Zivilcourage von Intoleranz, Ungerechtigkeit und Rassismus abzugrenzen und uns auf die Pflichten zu besinnen, die wir als Menschen haben, wohlgemerkt: als „bloße“ Menschen ohne nationale, religiöse und soziale Zutaten, wie Lessing dies so eindrücklich dargelegt hat. Hierfür gilt es im Diskurs der Brüder weiterführende Gedanken zu entwickeln und hierzu können wir uns an der „Erklärung der Menschenpflichten“ mit all ihren Facetten und Details abarbeiten – so, als ob es auch „unsere“ Neuen Pflichten wären.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten

Vorgeschlagen vom InterAction Council, 1997

Präambel

Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ist und Pflichten oder Verantwortlichkeiten einschließt,


da das exklusive Bestehen auf Rechten Konflikt, Spaltung und endlosen Streit zur Folge hat und die Vernachlässigung der Menschenpflichten zu Gesetzlosigkeit und Chaos führen kann,

da die Herrschaft des Rechts und die Förderung der Menschenrechte abhängt von der Bereitschaft von Männern wie Frauen, gerecht zu handeln,

da globale Probleme globale Lösungen verlangen, was nur erreicht werden kann durch von allen Kulturen und Gesellschaften beachtete Ideen, Werte und Normen,

da alle Menschen nach bestem Wissen und Vermögen eine Verantwortung haben, sowohl vor Ort als auch global eine bessere Gesellschaftsordnung zu fördern – ein Ziel, das mit Gesetzen, Vorschriften und Konventionen allein nicht erreicht werden kann,

da menschliche Bestrebungen für Fortschritt und Verbesserung nur verwirklicht werden können durch übereinstimmende Werte und Maßstäbe, die jederzeit für alle Menschen und Institutionen gelten,

deshalb verkündet die Generalversammlung der Vereinten Nationen diese Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten. Sie soll ein gemeinsamer Maßstab sein für alle Völker und Nationen, mit dem Ziel, dass jedes Individuum und jede gesellschaftliche Einrichtung, dieser Erklärung stets eingedenk, zum Fortschritt der Gemeinschaften und zur Aufklärung all ihrer Mitglieder beitragen mögen. Wir, die Völker der Erde, erneuern und verstärken hiermit die schon durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamierten Verpflichtungen: die volle Akzeptanz der Würde aller Menschen, ihrer unveräußerlichen Freiheit und Gleichheit und ihrer Solidarität untereinander. Bewusstsein und Akzeptanz dieser Pflichten sollen in der ganzen Welt gelehrt und gefördert werden.


Fundamentale Prinzipien für Humanität

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder  Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.

Artikel 3

Keine Person, keine Gruppe oder Organisation, kein Staat, keine Armee oder Polizei steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Gewaltlosigkeit und Achtung  vor dem Leben

 Artikel 5

Jede Person hat die Pflicht, Leben zu achten. Niemand hat das Recht, eine andere menschliche Person zu verletzen, zu foltern oder zu töten. Dies schließt das Recht auf gerechtfertigte Selbstverteidigung von Individuen und Gemeinschaften nicht aus.

Artikel 6

Streitigkeiten zwischen Staaten, Gruppen oder Individuen sollen ohne Gewalt ausgetragen werden. Keine Regierung darf Akte des Völkermords oder des Terrorismus tolerieren oder sich daran beteiligen, noch darf sie Frauen, Kinder oder irgendwelche andere zivile Personen als Mittel zur Kriegsführung missbrauchen. Jeder Bürger und öffentlicher Verantwortungsträger hat die Pflicht, auf friedliche, gewaltfreie Weise zu handeln.

Artikel 7

Jede Person ist unendlich kostbar und muss unbedingt geschützt werden. Schutz verlangen auch die Tiere und die natürliche Umwelt. Alle Menschen haben die Pflicht, Luft, Wasser und Boden um der gegenwärtigen Bewohner und der zukünftiger Generationen willen zu schützen.

Gerechtigkeit und Solidarität

Artikel 8

Jede Person hat die Pflicht, sich integer, ehrlich und fair zu verhalten. Keine Person oder Gruppe soll irgendeine andere Person oder Gruppe ihres Besitzes berauben oder ihn willkürlich wegnehmen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Artikel 11

Alles Eigentum und aller Reichtum müssen in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und zum Fortschritt der Menschheit verantwortungsvoll verwendet werden. Wirtschaftliche und politische Macht darf nicht als Mittel zur Herrschaft eingesetzt werden, sondern im Dienst wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialer Ordnung.

Wahrhaftigkeit und Toleranz

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

 Artikel 13

Keine Politiker, Beamte, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Künstler sind von allgemeinen ethischen Maßstäben entbunden, noch sind es Ärzte, Juristen und andere Berufe, die Klienten gegenüber besondere Pflichten haben. Berufsspezifische oder andersartige Ethikkodizes sollen den Vorrang allgemeiner Maßstäbe wie etwa Wahrhaftigkeit und Fairness widerspiegeln.

Artikel 14

Die Freiheit der Medien, die Öffentlichkeit zu informieren und gesellschaftliche Einrichtungen wie Regierungsmaßnahmen zu kritisieren – was für eine gerechte Gesellschaft wesentlich ist –, muss mit Verantwortung und Umsicht gebraucht werden. Die Freiheit der Medien bringt eine besondere Verantwortung für genaue und wahrheitsgemäße Berichterstattung mit sich. Sensationsberichte, welche die menschliche Person oder die Würde erniedrigen, müssen stets vermieden werden.

Artikel 15

Während Religionsfreiheit garantiert sein muss, haben die Repräsentanten der Religionen eine besondere Pflicht, Äußerungen von Vorurteilen und diskriminierende Handlungen gegenüber Andersgläubigen zu vermeiden. Sie sollen Hass, Fanatismus oder Glaubenskriege weder anstiften noch legitimieren, vielmehr sollen sie Toleranz und gegenseitige Achtung unter allen Menschen fördern.

Gegenseitige Achtung und Partnerschaft

 

Artikel 16

Alle Männer und alle Frauen haben die Pflicht, einander Achtung und Verständnis in ihrer Partnerschaft zu zeigen. Niemand soll eine andere Person sexueller Ausbeutung oder Abhängigkeit unterwerfen. Vielmehr sollen Geschlechtspartner die Verantwortung für die Sorge um das Wohlergehen des anderen wahrnehmen.

Artikel 17

Die Ehe erfordert – bei allen kulturellen und religiösen Verschiedenheiten – Liebe, Treue und Vergebung, und sie soll zum Ziel haben, Sicherheit und gegenseitige Unterstützung zu garantieren.

Artikel 18

Vernünftige Familienplanung ist die Verantwortung eines jeden Paares. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll gegenseitige Liebe, Achtung, Wertschätzung und Sorge widerspiegeln. Weder Eltern noch andere Erwachsene sollen Kinder ausbeuten, missbrauchen oder misshandeln.

Schluss

Artikel 19

Keine Bestimmung dieser Erklärung darf so ausgelegt werden, dass sich daraus für den Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht ergibt, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung vorzunehmen, welche auf die Vernichtung der in dieser Erklärung und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 angeführten Pflichten, Rechte und Freiheiten abzielen.


© InterAction Council: Verantwortung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten des InterAction Council in 40 Sprachen

Anlässlich des 20. Jahrestags 2017 im Grupello Verlag Düsseldorf erschienen

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Humor als Humus der Humanität

© ArtTower / Pixabay

Der rituelle Gehalt des Gesellengrades in der Königlichen Kunst erinnert uns unter anderem daran, dass wir alle in einer menschlichen Gemeinschaft leben und uns in dieser bewähren und entwickeln sollen, um gemeinsam den Tempel der Humanität zu bauen.

Von Horst Delkus

„Mit Humanität ist ein Ideal beschrieben, das sittliche und geistige Bildung, Würde, Geschmack und Anmut, ebenso Milde, Menschenfreundlichkeit, Bildung und Humor umfasst.“

Klaus-Jürgen Grün

Weisheit, Stärke und Schönheit sind bekanntlich die drei Säulen unseres Tempelbaus. Nun habe ich mich schon als junger Bruder gefragt: Wie kann ein Bauwerk denn nur auf drei Säulen stehen? Wie sieht ein solcher Bau dann aus? Wie ein Ziborium jedenfalls nicht. Schließlich erfuhr ich: Es gibt noch eine 4. Säule. Diese 4. Säule ist geheim, so geheim, dass sie auch viele Brüder nicht kennen. Sie taucht in keinem Ritual der Königlichen Kunst auf. Die 4. Säule unseres symbolischen Tempelbaus ist – der Humor.

Nun werden sich vermutlich einige Brüder fragen: Hat Humor denn überhaupt Platz in der Freimaurerei? Vertragen sich etwa ein Clubabend oder gar die Würde eines Rituals mit Humor? Wird nicht durch Humor unser edles Vorhaben – die Erziehung und Selbsterziehung zur Humanität – entweiht?

Schauen wir dazu zunächst einmal in unser freimaurerisches Grundgesetz, die „Alten Pflichten“ von 1723. Da taucht der Begriff „Humor“ zwar nicht auf, aber Artverwandtes. Im Kapitel „Vom Betragen in geöffneter Loge“ heißt es: „Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befasst, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine unziemliche Sprache führen.“

Ich interpretiere das so: Schabernack treiben, Witze erzählen, Zoten und Flüche sind in geöffneter Loge verboten. Aber Humor? Feiner Humor? Ich habe besonders bei den Tempelarbeiten ausländischer Logen erlebt, dass da die eine oder andere humorige Bemerkung durchaus statthaft ist.

Nach geschlossener Loge, wenn die Brüder noch beisammen sind, heißt es weiter in den „Alten Pflichten“, können die Brüder „in harmloser Fröhlichkeit“ zusammenbleiben. Hierbei geht es darum, dass die Brüder beim Essen – und vor allem beim Trinken! – nicht über die Stränge schlagen, sondern sich in Mäßigung üben sollen. Humor sieht anders aus. Der ist in unserer freimaurerischen Praxis nach der Arbeit vor allem beim Toast üblich. Ein launiger Trinkspruch auf die besuchenden Brüder, die Frauen, das Vaterland oder die Großloge kommt immer gut an. Damit hat sich das Thema „Freimaurer und Humor“ meistens auch schon erschöpft. Es ist daher kein Wunder, dass man im „Internationalen Freimaurerlexikon“ den Begriff „Humor“ gar nicht erst findet.

Und auch die Suchmaschine Google hilft da nicht weiter: Ganze drei Texte zum Thema „Freimaurer und Humor“ – zwei davon aus der Schweiz und nur ein einziger, allgemeiner Vortrag über den Humor aus einer deutschen Loge. Und unter dem Betreff „Ist Humor eine Freimaurer-Tugend?“ findet man beim Googeln noch eine Anfrage im öffentlichen Forum der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD). Mit folgenden, wie ich finde, sehr berechtigten Fragen: Ist Humor vielleicht ein „Werkzeug“ oder eine Tugend, die gerade dem Freimaurer besonders gut ansteht? Oder ist Humor in der Freimaurerei ein bisschen suspekt? Läuft man da Gefahr, ins Seichte abzugleiten? Verschwinden dann Bedeutung und Schärfe der Aussage in Lachen und Wohlgefühl? Befürchtet man mangelnde Seriosität? Vermissen Sie manchmal den Humor in der Maurerei? Denken Sie, dass Ihr Humor sich der profanen Welt mitteilt? Halten Sie diesen Punkt für unbedeutend? Die Antwort des Bruders, der dieses Forum moderiert, lautet kurz und bündig: „Also, es ist wohl keine explizit erwähnte Tugend in der Freimaurerei. Ich habe in den Logen viele sehr humorvolle Brüder kennengelernt, aber auch einige mit weniger Humor. Die Mitglieder stellen halt die breite Masse der Bevölkerung dar. Es gibt ein kleines Heftchen, in dem z. B. Karikaturen von und über Brüder zu sehen sind.“

Nun, wie man sieht, über die 4. Säule erfährt man nicht viel. Sie ist offenbar – aus welchem Grund auch immer – eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Königlichen Kunst. Ich will daher versuchen, das Verhältnis von „Freimaurerei und Humor“ noch ein wenig näher zu beleuchten.

Es scheint ja auch eine Beziehung zwischen Humor und Humanität zu geben, ja eine Verwandtschaft. Beide Begriffe haben den gleichen Wortstamm, wie übrigens auch der Humus. Der Begriff „humor“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Feuchtigkeit“. Und die wiederum hat etwas mit der Lehre von den vier Körpersäften zu tun, der Humoralpathologie, auf der die Medizin seit Hippokrates und Galen bis in die Neuzeit basierte.

Der Begriff Humor, wie wir ihn heute verwenden, ist ein noch recht junger Begriff. Laut „Kluge‘s Etymologischem Wörterbuch“ wird er in unserer Sprache seit 1730 benutzt, als Lehnwort aus dem Englischen. „Die Engländer“, schreiben die Enzyklopädisten und Aufklärer Diderot und d‘Alembert unter dem Stichwort „Humor-Humour (Moral)“, „bedienen sich dieses Wortes, um einen ursprünglichen, ungewöhnlichen und höchst eigenartigen Spott zu bezeichnen. Unter den Autoren besaß keiner Humor oder ursprünglichen Spott in einem höheren Grade als Jonathan Swift, der durch das Eigenartige, das er seinen Spöttereien zu geben verstand, zuweilen unter seinen Landsleuten Wirkungen hervorrief, die man von den ernstesten und am besten fundierten Werken niemals hätte erwarten können.“ (Diderot/d‘Alembert, „Die Welt der Encyclopédie“, Frankfurt 2001, S. 176 f.)
Und unser Bruder Lessing schreibt hierzu in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“:

„Die Briten haben durch das, was sie ‚humour‘ nennen, die Fehler des ‚humour‘ selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Übertriebene in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser ‚humour‘ (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsere Toren meistens nur abgeschmackte Toren sind, so ist‘s für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.“ (Lessing, Johann Gottfried, „Briefe zur Beförderung der Humanität“, S. 181f.) Lessing ermuntert uns also, sich mit dem Humor näher zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Humor nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt, sondern äußerst vielfältig; Humor erscheint in zahlreichen Formen. Uns allen geläufig ist die Definition: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Gemeint ist hiermit das Lachen – auch das Lachen über sich selbst – in einer fatalen oder gar aussichtslosen Situation. Dieser Humor ist der sogenannte Galgenhumor. Er ist aber nur eine Variante des Humors. In unserer Sprache haben wir viele Begriffe, die alle irgendwie mit Humor zu tun haben: Frohsinn, Witz, Ironie, Spott, Satire, Kalauer, Persiflage, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Komik, „lustig sein“ und so weiter. Und wir kennen: den trockenen Humor – oft verwandt mit dem britischen –, den schwarzen Humor, den Wiener Schmäh, den jüdischen Witz und den rheinischen Frohsinn. Auch hier ist die Aufzählung nicht vollständig. Eine der treffendsten Kurzdefinitionen – und dazu eine zutiefst freimaurerische – stammt wohl von einem französischen Filmemacher, von François Truffaut: „Humor ist Verstand plus Herz geteilt durch Selbsterkenntnis.“

Unser Bruder Adolph Freiherr Knigge hat in seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ zum Thema „Humor“ Folgendes geschrieben: „Mit munteren, aufgeweckten Leuten, die von echtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage, sie müssen von echtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muss aus dem Herzen kommen, muss nicht erzwungen, muss nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz sein. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann, der ist kein ganz böser Mensch. Un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux (ein Mensch, der lacht, wird nie gefährlich sein).“

Daraus lässt sich aber, so Knigge, nicht der Umkehrschluss ziehen, dass, wer keinen Humor besitzt, „deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüts hängt vom Temperamente ab sowie von Gesundheit und von inneren und äußeren Verhältnissen. Echt muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein. Und diese Epidemie hat etwas Wohltätiges. Es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, dass ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern und wenigstens ein paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.“ (Adolph Freiherr Knigge, „Über den Umgang mit Menschen“, Augsburg 2003 (Erstausgabe: 1788), S. 144 f.)

Von größter Bedeutung für uns Freimaurer ist der sogenannte „große oder reine Humor“. Ihn hat der Schweizer Bruder Robin Marchev in seinem lesenswerten Vortrag über „Humor und die Freimaurerei“ wie folgt beschrieben: „Wenn die Seelengröße oder Erhabenheit eines Menschen so hoch entwickelt und eine heitere Ausgeglichenheit zu seiner Grundstimmung geworden ist, dass er auch in den heikelsten Situationen Ruhe, Abstand und Überlegenheit bewahren kann, dann hat er den reinen Humor, die höchste Stufe humaner Größe erreicht. Dann ist er weise und tolerant, also das, was wir Freimaurer uns zum Ziel gesetzt haben. Ein solcher Mensch misst sein persönliches Missgeschick am ungleich größeren der ganzen Menschheit, und er sieht seine vergleichsweise unbedeutenden Probleme unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, wo deren Bedeutung verblasst. Er ist stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant.“

Und weiter sagt der Schweizer Bruder: „Der reine Humor weiß um die Schlechtigkeit dieser Welt, aber er resigniert nicht, sondern akzeptiert sie als Basis, auf der das Gute getan werden muss. Reiner Humor ist pessimistisch, aber mit starkem Glauben an das Gute. Deshalb schwingt im reinen Humor immer ein Hauch von Ernst und Traurigkeit mit. Der Lustgewinn aus erspartem Affektaufwand vollzieht sich im Gegensatz zum Witz in aller Stille. Deshalb ist sein Ausdruck nicht das laute Lachen, sondern das stille Lächeln. Witz und Komik sind lustig; Humor ist heiter. Damit kann ich“, so Br. Marchev, „die wichtigsten Wesenszüge des Humors wie folgt zusammenfassen: Humor ist das objektive Bewusstsein subjektiver Befindlichkeit, welches das Endliche am Unendlichen misst. Humor ist bescheiden aus Einsicht und überlegen aus der Freiheit des Urteils. Sein Ausdruck ist das verstehende Lächeln.“

Einige Thesen, Gedanken und Merksätze zum Schluss – wobei die Reihenfolge keine Rangfolge ist:

Freimaurerei an sich ist nicht komisch, aber Freimaurer lachen gerne. Auch über sich selbst. Hierzu unser Bruder Goethe:

„Ich liebe mir den heiteren Mann
am meisten unter meinen Gästen.
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiss nicht von den Besten.“

Humor ist sicher nicht die schlechteste Art, mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten fertigzuwerden. Er hilft uns bei unserer Arbeit am Rauen Stein. Wer etwas von Freimaurerei begriffen hat, dem dürfte das Lächeln nicht schwerfallen. Humor ist ein Ausdruck geistiger und seelischer Reife.

Wir Freimaurer wirken leider oft genug wie die traurige Ausgabe der Schlaraffen. Von humorlosen Freimaurern geht aber keine ansteckende Wirkung aus. Wir sollten daher nach außen und innen zeigen, dass Freimaurer Menschen sind, die durchaus Humor haben und genießen können. Nur keine verdrießlichen Freimaurer! – Schon unser Bruder Lessing stellte die rhetorische Frage: Kann man denn nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? „Der Humor“, so der spanische Dichter Carlos Abellá, „gewinnt manchmal Schlachten, die Kraft und Vernunft verlieren würden.“

Humor stiftet Gemeinschaft! Solange uns Menschlichkeit, Bruderliebe und Humor verbinden, ist es gleich, was uns trennt. Humor fördert die Toleranz. Heitere Toleranz, die im reinen Humor, in der Größe der freien Persönlichkeit begründet ist, sollte das wahre Ziel des Freimaurers sein. Und einem Bruder humorvoll das zu sagen, was man für die eigene Wahrheit hält, ist allemal besser, als ihn damit zu erschlagen.

Denn, so der Journalist und frühere Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“ Und der Dichter Charles Dickens beendet seinen Roman „David Copperfield“ mit der Frage: „Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“

Humor ist daher eine gute Prophylaxe dagegen, alt zu werden. Richtig alt. So sieht es jedenfalls unser Bruder Lessing:

„Alt macht nicht das Grau der Haare,
alt macht nicht Zahl der Jahre.
Alt ist, wer den Humor verliert
und sich für nichts mehr interessiert.“

Und schon der römische Dichter Horaz wusste: „Durch Lachen verbessern sich die Sitten.“ 

Mein Fazit: Eine Freimaurerei ohne Humor ist für mich wie ein Tempel ohne Licht. Humor ist der Humus der Humanität

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Das Symbol des 24-zölligen Maßstabs

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Von den Puhdys, einer ostdeutschen Kultband, stammt der Soundtrack zu dem 1973 veröffentlichten Film „Die Legende von Paul und Paula“. Das Lied „Wenn ein Mensch lebt“ besitzt dabei einen außergewöhnlich bewegenden Text, geschrieben von Ulrich Plenzdorf.

Von Paul Franke

„Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine verstreuen,
Bäume pflanze, Bäume abhauen,
Leben und Sterben und Streit.“

Die Vorlage dazu findet sich jedoch schon im Alten Testament in den Texten des Predigers Salomo:
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat eine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Die Zeit mit Weisheit einzuteilen, das ist die Forderung, die das Symbol des 24-zölligen Maßstabs an uns stellt. Jeder von uns denkt und redet mehrmals am Tag über die Zeit: „Ich habe keine Zeit“ oder „ich habe heute Zeit“ für dieses oder jenes. Aber wenn ich mich frage: Was ist denn eigentlich die Zeit?, dann gerate ich schon ins Stocken. Gut, es ist eine physikalische Größe, man kann mit ihr rechnen. Die Wirtschaft, der Verkehr, die Arbeit, ja unser ganzes Leben ist danach und von ihr eingeteilt, also gibt es sie. Das wird niemand bestreiten. Aber was weiß ich denn wirklich über sie, über die Zeit? Ich kann Zeit nicht schmecken, nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen und nicht anfassen. Ja, wir können die Zeit nicht einmal direkt messen, so wie man zum Beispiel eine Menge abwiegen kann. Wir messen die Zeit nur indirekt, indem wir die Menge der Sandkörner in einer Sanduhr messen oder die Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt einer Uhr oder die scheinbare Bewegung der Sonne oder des Mondes am Firmament. Und von dem Messen dieser verschiedenen Abstände des sich bewegenden Gegenstandes schließen wir auf die Zeit, die vergangen ist. Das ist nach allen unseren Erfahrungen auch richtig und führt zu überprüfbaren Ergebnissen. Aber die Zeit, die tatsächliche Zeit können wir nicht messen. Ja wir wissen nicht einmal, ob die Zeit kommt und vergeht oder ob sie nicht vielmehr einfach da ist. Zieht die Zeit an uns vorüber, wie der ständige Strom eines Flusses? Oder bewegen wir uns an der Zeit entlang und die Zeit steht wie ein stabiler Strang von einer Ewigkeit zur anderen Ewigkeit?

Früher fuhren auf vielen Flüssen Kettendampfer. Auf dem Grunde des Flusses zog sich eine sehr lange Kette entlang, die am Bug des Dampfers über eine Welle aufgenommen und am Heck wieder hinabgelassen wurde. Das Schiff zog sich an dieser Kette gewissermaßen bergauf. Ziehen wir uns in unserem Leben gewissermaßen auch an einer Kette entlang, deren einzelne Glieder wir jeweils Gegenwart nennen, einem unbekannten Ziel entgegen? Sozusagen von einer Gegenwart zur nächsten Gegenwart?

Wir teilen unsere Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Die Vergangenheit ist das, was hinter uns liegt und woran wir uns, wenigstens teilweise und meist sehr subjektiv, erinnern können. Zukunft liegt vor uns und ist uns von der Erfahrung her noch unbekannt. Sie ist der Ort der Hoffnungen und Befürchtungen. Soweit ganz einfach. Aber was ist nun eigentlich die Gegenwart? In dem Moment, in dem ich diesen Satz denke und aufschreibe, ist er schon Vergangenheit und nicht mehr Gegenwart. Die Gegenwart scheint fast unmessbar kurz zu sein, denn kaum ist sie da, vergeht sie sofort und wird Vergangenheit.

Es kann ja sein, dass das fast unnütze Gedanken sind, „ohne Nährwert“, würde meine Großmutter sagen, aber vielleicht doch bedenkenswert. Leibniz schreibt: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen.“ Das klingt einleuchtend, aber bin ich deshalb wirklich klüger? „Zeit ist eine Erscheinung, die sich in Form von Tag und Nacht darstellt“, schrieb Sextus Empiricus im zweiten Jahrhundert, aber bringt uns das weiter?

Augustinus schrieb in seinen Confessiones: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Dieser Satz kommt meinem Gefühl der Zeit gegenüber deutlich am nächsten.
Und warum ist die Wahrnehmung der Zeit in unserem eigenen Leben, in unseren Lebensabschnitten so unterschiedlich?

Rasend schnell ist die Zeit vorbei, wenn wir in einer angeregten und zufriedenen Runde miteinander sind. Scheinbar lang und ewig erstreckt sie sich in einem langweiligen Vortrag. Als ganz furchtbar empfinde ich, dass man im Alter des Lebens die Zeit als rasend schnell vorübergleitend wahrnimmt. Ehe man es sich versieht, ist schon wieder ein Jahr vorüber. Als Kind dagegen schien mir die Zeit vom 20. Dezember bis zum Heiligen Abend überhaupt nicht zu vergehen. „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorüber, in der man kann“, sagte Marie von Ebner-Eschenbach. Manchmal sprechen wir von einer Beschäftigung als von einem „Zeitvertreib“. Eigentlich ein schlimmer Begriff, denn haben wir so viel Lebenszeit, dass wir sie auch noch vertreiben möchten? Wohl kaum, denke ich. Auch Seneca schrieb dazu: „Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen!“

Die Zeit erscheint wie ein riesiger feststehender Fels, neben dem alles andere herum winzig und in ständiger Bewegung ist. Ist die Zeit ewig? Und noch zaghafter gefragt: Ist die Zeit vielleicht Gott? Oder eine Erscheinungsform von Gott?

Mir ist bewusst, dass diese Gedanken höchst unfertig sind. Ich habe den Versuch unternommen, über etwas nachzudenken, was eigentlich nicht zu fassen ist. Daher muss es notwendigerweise unvollkommen bleiben. Und dennoch scheint mir die Zeit als etwas, über das es sich lohnt nachzudenken, denn wir alle sind immer mitten in der Zeit. Letztendlich ist unsere Lebenszeit das einzige, was wir wirklich besitzen.

Wie oft sagten oder dachten wir schon: „Die Zeit vergeht.“ Welch ein Irrtum! Nicht die Zeit vergeht – wir sind es, die vergehen. Die Zeit bleibt.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Der unterbestimmte Mensch und das freimaurerische Ritual

Foto: Johannes Plenio / Pixabay

In unseren westlichen Philosophien seit der griechischen Antike tritt der Mensch auf als ein Wesen, das wesentlich bestimmt sei.

Von Klaus-Jürgen Grün

Das Wesen des Menschen sei – so Aristoteles – ein zoon politicon. Er widersprach damit Platon, der das Wesen des Menschen als verkörperte Idee des Guten bestimmte. Menschen, die dieser Idee zu wenig entsprachen, sollten mit Methoden der Bildung und Gewalt umerzogen werden. Wo dies nicht zu gelingen schien, riet Platon auch schon einmal zum Töten. Überhaupt erweist sich Platon als Chefideologe der Dogmatiker, seien sie Anhänger der katholischen Inquisition oder der islamistischen Terrormiliz. Wer sein Menschenbild ohne Bezug auf Gott und die Götter schafft, dem soll, wenn ihn auch alle Überredungskunst im Kerker nicht zum Abschwören geführt hat, „von Neuem der Prozeß gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden“ (Platon: Nomoi).

Die vom Platonischen abgeleitete Wesensbestimmung des Menschen im Christentum erklärte den Menschen gottähnlich. Individuen oder ganze Völker, die diesem Ideal nicht entsprachen, sind oftmals pyrotechnisch oder kolonisatorisch entsorgt worden. Aber die zunehmende Unglaubhaftigkeit, dass solcherlei Grausamkeit mit der Gottähnlichkeit vereinbar sein könnte, schuf in der europäischen Aufklärung den Vernunftmenschen, der als die Inkarnation der Vernunft bestimmt war. Aufklärer legten von Anbeginn die Bestimmung des Menschen in die Vernunft. Sie konzipierten den Menschen dabei – meistens verschleiert – als göttliches Wesen, denn die Vernunft des Menschen war strukturiert wie vormals der christliche Gott: Vernunft sei der Sitz von Gut und Böse; sie sei vor jeder moralischen Entscheidung um Rat zu befragen; ihrem Rat sei stets Folge zu leisten; und die Vernunftentscheidung entsprach immer der Wahrheit.

Noch die Väter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat zu Beginn unserer neuen Republik gingen davon aus, dass der deutsche Wähler ein vernunftbegabter und mündiger Bürger sei. In der Gegenwart allerdings erleben wir, dass die lautesten und barbarischsten Stimmen zur Verteidigung des völkisch orientierten deutschen Wesens des Menschen weder mit Aufklärung noch mit Vernunft etwas zu tun haben wollen.

Hier nun ist der vorläufige Gipfel der Komplexität erreicht, der jede vormals für einzigartig gehaltenen Bestimmung des Menschen ad absurdum führt. Dass jeder Nazi, jeder Islamist, jeder dogmatische Katholik, aber auch jeder Moralist immer noch der Illusion aufgesessen ist, er oder sie hätte die einzig objektive Bestimmung des Menschen erfasst, widerspricht der hier vertretenen Auffassung nicht. Denn jede dieser Illusionen ist Bestandteil der Komplexität, und sie alle zusammen bestätigen die These der Unterbestimmtheit des Menschen.

Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft die Beobachtung, dass man „sehr leicht ohne Religion und vielleicht ohne Kunst leben [kann]. Man kann aber nicht ohne Recht und ohne Geld leben“ (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 79). Keine Bestimmung des Menschen leistet, was sie verspricht, aber alle zusammen strukturieren, was keine der einzelnen wahr haben will: Es gibt keine einzig und allein gültige Bestimmung des Menschen. Von allen Seiten aber reden uns Ideologen mehr oder weniger gewaltsam ein, dass man als Mensch nicht ohne die in der jeweiligen Ideologie für unverzichtbar erklärte Bestimmung des Menschen leben könnte.

Freimaurerei verfährt perspektivisch

Freimaurerei pflegte allerdings von Anfang an einen klugen Umgang mit der Unterbestimmtheit des Menschen. Sie holte die Männer mit unterschiedlichstem Dünkel, was die Bestimmung des Menschen angeht, in die Logen. Dort mussten sie erfahren, dass ihre eigene Religion, ihre eigene politische Überzeugung, ihre eigene Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand nichts weiter war als eine von vielen Perspektiven. Sicher war es ein Glück für das Gelingen der Freimaurerei, dass diese Männer nicht gleichzeitig noch überfordert wurden damit, dass auch Frauen eine Perspektive in Bezug auf die Bestimmung des Menschen haben. Die Großloge von England ist ja bis heute noch überfordert damit, dass Frauen als echte Freimaurerinnen in den Logen einen Beitrag zur Offenheit der Bestimmung des Menschen leisten.

Vergleichen wir die Bestimmungen des Menschen in Theologie, Philosophie und Anthropologie mit der Praxis im Ritual der Freimaurerei, so fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge. In der Freimaurerei wird keine Theologie, keine Philosophie und keine Anthropologie, die das Wesen des Menschen metaphysisch festgelegt hat, vorausgesetzt. Die Praxis der Freimaurer zelebriert die Unterbestimmtheit des Menschen. Was die Bestimmung des Menschen sein könnte, bleibt wie der unvollendete Bau des symbolischen Salomonischen Tempels stets offen. Die empirischen Tätigkeiten in den rituellen Arbeiten – nicht die Ideologien in den Köpfen vieler individueller Freimaurer und Freimaurerinnen – offenbaren das Bild eines rauen Steines, der in Gesellschaft anderer an sich selbst arbeitet, um sich mit diesen zu einem funktionierenden Sozialverband zu vernetzen. Keine scheinbar an sich feststehenden Tatsachen über den Menschen, sondern die sich stets neu zusammensetzenden Individuen mit unterschiedlichen Perspektiven strukturieren eine vorläufige Vorstellung von der Bestimmung des Menschen. Und sie bleibt immer vorläufig und unvollendet.

Freimaurer und Freimaurerinnen treten zusammen in ihren Tempeln, wo sie das Bild konstruieren, das sich aus Individuen zusammensetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie sind in verschiedenen Religionen aufgewachsen, gehören verschiedenen gesellschaftlichen Schichten an, haben verschiedene Bildungswege hinter sich, leben verschiedene Interessen aus, bringen unterschiedlichste Begabungen zum Ausdruck, und vieles mehr an Unterschieden. Von einem einheitlichen Wesen des Menschen oder sogar einer einheitlichen Bestimmung zu sprechen, schließt dieses Bild aus.

Freilich beschleicht manche Menschen panisches Unbehagen, wenn sie sich ihre eigene Unterbestimmtheit vorstellen sollen. Sie konstruieren dann eine Bestimmung des Menschen, indem sie ihre eigene Wahrheit über Religion und Ethik als absolut gültige und als das Ziel der freimaurerischen Arbeit unterstellen. Aber ihre Wahnvorstellung von einer Objektivität ihrer Konstruktionen wird in der Praxis der Tempelarbeit parodiert. Wer hierbei Bauchschmerzen bekommt, der macht sich dann seine eigene Freimaurerei, in der er beschließt, nur Männer oder Frauen eintreten zu lassen, die ihm unentwegt bestätigen, dass seine Perspektive die einzige sei, die der objektiven Wahrheit entspreche. Freimaurerei hat sich jedoch von diesen dogmatischen Sonderwegen nie vereinnahmen lassen.

Jeder ist Gestalter der Welt und für sein Tun selbst verantwortlich

Freimaurerei arbeitet nicht auf der Basis irgendwelcher Einheitlichkeiten wie der Einheit der Welt. Sie stellt vielmehr eine von unzähligen Möglichkeiten des Zustandekommens solcher Einheiten durch ihr Dasein als ein Gesamtkunstwerk vor. Vollkommen unabhängig von den Vorstellungen jedes Einzelnen zeigt der Vollzug des Rituals, dass in ihm keine außenstehenden Beobachter existieren. Wer an einer freimaurerischen Tempelarbeit teilnimmt, ist niemals ein außenstehender Beobachter. Stattdessen dienen bereits die vorbereitenden Ritualhandlungen dem Erlebnis, dass die Welt der außenstehenden Beobachter für die Dauer einer Tempelarbeit durch „Deckung“ ausgegrenzt wird. Innerhalb des gedeckten Tempels ist jeder einzelne Teilnehmer des Rituals. Keiner ist mehr unbeteiligter Beobachter.

Im Theater und in der Kirche ebenso wie im Museum ist das anders. Im Museum steht der Betrachter vor dem Bild oder der Statue; in der Kirche sind die Profanen auf der einen Seite des Geschehens untertänigst angeordnet – sie verbeugen sich vor dem Priester und empfangen von ihm die Weihe oder die Hostie, und der Priester seinerseits ist geweiht und kann niemals durch einen Profanen ersetzt oder gar durch freie Wahl abgelöst werden. Deutlicher noch sind im Theater die Beobachter von den Handelnden der Handlung getrennt. Sie entrichten ihren Eintritt, verhalten sich ruhig und geben nur dann Zeichen ihres Daseins kund, wenn es die Handelnden vorgesehen haben.

Mit dem Fehlen einer objektiven Bestimmung und dem rituellen Aufbau eines beständig neu konzipierten vorläufigen Bildes des Menschen sowie der Humanität sperrt sich Freimaurerei gegen jede Art völkischer, rassistischer oder religiöser und kirchlicher Festlegungen. Von daher nähert sich die Metapher „Toleranz“ dem Gedanken, dass man es beim Menschen mit etwas sichtlich undurchschaubar Komplexem zu tun hat.

Das überfordert natürlich das Toleranzverständnis der meisten Menschen. Denn hierbei werden „Ungewissheiten unserer Orientierung und die Risiken der Desorientierung … so stark, dass es beruhigt, wenn andere sich ähnlich orientieren“ (Werner Stegmaier, Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche, Berlin/Boston 2016, S. 57). Die ähnliche Orientierung stellt aber auch das rituelle Geschehen im Freimaurer-Tempel bereit – und zwar weit ab von der Vorstellung, dass Deutsche nur gegenüber Deutschen tolerant sind; Christen nur gegenüber Christen usw. Sie erleichtert es, bei der Vielfalt der Unterbestimmtheiten den Menschen nicht aus dem Auge zu verlieren. Was für Kommunikationsstrukturen allgemein gilt, gilt für Freimaurerei im Besonderen: „An die Stelle der ‚Einheit des Menschen‘ tritt so ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Systemtypen“ (Stegmeier, Orientierung im Nihilismus, S. 148). Dadurch erfährt Freimaurerforschung einen besonderen Sinn. Sie erweist sich als eine Forschung, die nicht letztgültige Wahrheiten aufzuspüren bestrebt ist, sondern zur Artikulation verschiedener Perspektiven ermuntert.

Die Forschungsloge Quatuor Coronati mit Sitz in Bayreuth untersteht den Vereinigten Großlogen von Deutschland. Sie ist der bedeutendste Träger freimaurerischer Forschung in Deutschland mit insgesamt etwa 1.500 Mitgliedern. Mit ihren Publikationen und Tagungen ist Quatuor Coronati als vereinsrechtlich eingetragene Forschungsgesellschaft auch für Nichtfreimaurer geöffnet und bildet ein einzigartiges internationales Netzwerk.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Der stille Krieg: Untätigkeit ist die Waffe

Der Journalist Dirk Planert engagiert sich seit langer Zeit in Bosnien. Zuerst leistete er während des dortigen Krieges in Eigenregie humanitäre Hilfe für Kriegsopfer, jetzt hilft er Flüchtlingen. Vor kurzem durfte er vor einem Plenum der Europäischen Union zur Situation sprechen. Wir veröffentlichen seine Rede.

Sehr verehrte Damen und Herren Parlamentarier, liebe Gäste!

  1. Juni 2019. Ein sonniger Freitag. Mein Telefon klingelt. „Die Polizei ist mit Bussen am Camp Bira, sie haben Waffen, die Flüchtlinge müssen einsteigen“, sagt eine aufgeregte Frau am anderen Ende der Leitung. 5 Minuten später stehe ich neben den Bussen, voll mit Menschen, die nicht wissen, was jetzt mit ihnen passiert. Die Busse fahren los, ich hinterher. Der Weg führt aus der Stadt hinaus. Es ist lange her, dass ich so etwas gesehen habe. 25 Jahre. Das war während des Bosnienkrieges. Der Fachbegriff dafür: Deportation.

Ich bin schon ein paar Tage hier, wegen einer Fotoausstellung mit meinen Bildern von damals. Weil ich wusste, dass viele Flüchtlinge unversorgt sind, hatte ich ein bisschen Geld mitgenommen und noch an diesem Nachmittag Lebensmittel verteilt. An genau die Menschen, die jetzt in den Bussen sitzen. Sie haben keinen Platz mehr in dem IOM-Lager Bira (Internationale Organisation für Migration) bekommen. Das bedeutet: kein Dach über dem Kopf, kein Wasser, kein Essen. Nichts.

Ich wollte 14 Tage bleiben, weiter an meiner Fotoserie arbeiten, alte Freunde besuchen, womöglich ein bisschen Hilfe leisten. Dann wieder zurück nach Deutschland. Jetzt fahre ich den Bussen hinterher und habe keine Ahnung, was passieren wird oder wo es hingeht.

Nach etwa 10 Kilometern halten die Busse, alle müssen aussteigen. Ich parke und gehe mit Abstand über einen Feldweg hinterher. Mehrere hundert Flüchtlinge, etwa 20 Polizisten und ich. Endstation ist ein elendig stinkender Platz, auf dem überall Müll aus der Erde ragt. Drei größere Zelte stehen herum, vier Wassertanks. Sonst nichts. Ich mache Fotos und filme. Dabei fällt mir etwas auf, das ich am Nachmittag in der Enge bei der Lebensmittelverteilung noch nicht bemerkt hatte. Viele dieser Männer haben eitrige Wunden an den Beinen, viele keine Schuhe. Für zwei von ihnen reicht das Erste-Hilfe-Pack an meiner Fototasche. Dann ist es leer. Die Menschen stehen herum und wissen nicht, was sie hier sollen. Ein kleiner Polizeibus hält direkt vor mir. Die Polizisten rufen ein paar Flüchtlinge herbei. Die müssen einen vor Schmerzen schreienden Mann heraustragen. Er liegt jetzt direkt vor meinen Füßen, ist nicht ansprechbar, seine Augen sind verdreht, er hält beide Hände auf die Stelle, wo der Blinddarm sitzt. Er schreit oder stöhnt immer wieder. Ich sage zu den Polizisten: „Der stirbt uns hier, ruft einen Krankenwagen, bitte!“ Der Beamte zuckt mit den Schultern und fährt weg. In diesem Moment wird mir klar: Hier werden Menschen weggeschmissen.

Dass es eskalieren wird, das lag schon tagelang in der Luft: Aber das? Wie soll man damit rechnen? Das ist eine ehemalige Müllhalde. Vucjak. Vuc bedeuted in der bosnischen Sprache: Wolf.

Seit zwei Jahren ist Bihac der Brennpunkt der Flüchtlingskrise in Bosnien. Krise, weil alle nach Bihac kommen und viele hier festhängen. Was es in Deutschland 2015 gab, gibt es hier nicht: Solidarität der Städte. Niemand will Flüchtlinge, Bihac sitzt mit dem Problem alleine da. Es gab Einbrüche in Häuser, Schlägereien auf der Straße, über die sozialen Medien hochgepuschte Diebstähle, eine Messerstecherei am helllichten Tag vor dem städtischen Kindergarten. Ich kenne Väter, die ihre Töchter nicht mehr allein in die Stadt gehen lassen. Sie haben Angst.

Am Anfang haben viele Bürger Flüchtlingen geholfen. Wenn fümf Leute am Tag an Deinem Haus vorbeigehen, die kein Wasser und nichts zu essen haben, dann kannst du geben. Bei 10 wird es schwierig, wenn du selbst keinen Job hast oder nur 300 Euro im Monat verdienst. Bei 100 kannst du noch einzelnen etwas geben. 1.000 – wie willst du das machen? Die Straßen waren voll mit Flüchtlingen, einfach überall. Kollaps. Und die EU: Wie damals im Krieg: Wir saßen in der Innenstadt, wurden von serbischen Militärs mit Panzern und schwerer Artillerie beschossen. Granaten auf Frauen und Kinder – und wen hat das interessiert? Niemanden! Heute ist es wieder so. Europa schaut weg. Das ist ja auch am einfachsten.   

Jetzt steht er Bürgermeister unter Druck. Irgendetwas musste er tun, das haben seine Bürger berechtigt von ihm erwartet. Aber das? Es war seine Entscheidung.

Dieser erste Tag Vucjak ist nun 151 Tage her. Das sind 4 Monate und 29 Tage.

Was ist seitdem passiert?

  • Noch am selben Tag habe ich mich entschieden zu bleiben und alles zu tun, was mir möglich ist, diesen Menschen zu helfen. Das auf drei Ebenen: Direkte humanitäre Nothilfe, Information der Medien und Information der europäischen Politik. Auch wenn ich aus genannten Gründen nicht so naiv bin zu glauben, das Letzteres wirklich Sinn macht. Trotzdem: Nur auf politischer Ebene kann eine tatsächliche Lösung gefunden werden: Die EU, das Parlament, die Politiker sind die einzige wirkliche Hoffnung. Am notwendigsten war die medizinische Hilfe. Ich habe also am 15. Juni meinen ersten Großeinkauf in einer Apotheke gemacht und bin wieder nach Vucjak gefahren. Von dem Tag an habe ich mit einem Rucksack neben mir im Dreck gesessen und Wunden verbunden. Nachts habe ich Mails geschrieben, Facebookpostings, telefoniert – also angefangen ein Netzwerk aufzubauen. 20 Stunden Arbeitstage. Nach drei Wochen kam die erste Ärztin aus Österreich dazu, dann stellte uns das rote Kreuz Bihac ein Zelt zur Verfügung. Als immer mehr freiwillige Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern aus Deutschland und Österreich kamen, wurde das Zelt größer und wir hatten bei Kosten von 500 Euro täglich etwa 200 Patienten. Macht 2,50 pro Patient. Jeden Tag haben wir zwei bis drei Kisten Bananen mitgenommen. Patienten, die gerade von „the game“ geschunden und verprügelt zurückkamen, hatten teilweise eine Woche nichts mehr gegessen. Die Bananen haben sie verschlungen. Meist hat das Zittern dann schnell aufgehört. Allein an Bananen kommen in dieser Zeit 3,5 Tonnen zusammen. Außerdem haben wir regelmäßig Schuhe und Schlafsäcke gekauft und verteilt, Taschenlampen, Powerbanks für Handys, vereinzelt Geld – eben das, was diese Menschen brauchten. In 105 Tagen waren etwa 40 freiwillige Helfer in unserem Ambulanzzelt tätig. Darunter Menschen wie Dean für mehrere Monate, Johanna für einen Monat, Dr. Wolfgang Heide aus Heidelberg mehrfach für einige Tage, ein slowenischer Ex-Soldat und Sanitäts-Ausbilder zweieinhalb Monate, eine ungarische Kinderärztin für einen Monat und viele andere.
  • Finanziert wurde das alles über private Spenden. Außerdem kamen Hilfstransporte mit medizinischem Material, Kleidung, Decken, Bargeld. Die großen Hilfsorganisationen waren zwar oft zum doof gucken im Camp, haben sich aber geweigert, dort zu arbeiten. Genau das ist der Grund, warum wir es gemacht haben. Es gab niemanden sonst. Völliges Versagen der Politik und der großen Hilfsorganisationen. Es sind alles Privatpersonen, die hier helfen. Gehen wir, oder geben wir auf, dann ist hier niemand mehr. Einzig das lokale rote Kreuz, das morgens eine Scheibe Brot und nachmittags eine Art Eintopf verteilt. Eine Menge, die einer Vorspeise in einem Restaurant entspricht. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.
  • Nach einiger Zeit meldeten sich mit Dietmar Köster, Erik Marquardt und Bettina Vollath die ersten EU Parlamentarier, die sich engagieren wollten. Frau Vollath und Herr Marquardt waren persönlich in Vucjak. Sie wollten es selbst sehen. Europa schaut jetzt nich mehr bloß weg und ignoriert Vucjak. Danke auch für eure Arbeit! Ich erlaube mir ein persönliches Wort: von Herzen Danke! Wo immer ich Ihnen bei ihrer Arbeit helfen kann, werde ich es tun. Wir gehen andere Wege, unser Ziel aber dürfte das selbe sein.
  • Vucjak war in den Tagesthemen, auf mehreren anderen Kanälen der ARD, im Spiegel, dpa war im Camp, Al Jazzera und Erich Rathfelder höchstpersönlich von der taz war da, die Zeitung „Welt“, sogar die New York Times hat berichtet. Ebenso der österreichische Nachrichtensender Puls 4, viele österreichische Zeitungen, Lokal- und Regionalzeitungen brachten Artikel über unsere Teammitglieder, wenn sie zurückkamen. Die Idee vom 14. Juni hat funktioniert, auf allen drei mir möglichen Ebenen.
  • Bis zum 27. September. 105 Tage Arbeit lagen hinter uns, der Winter vor uns. Ich war kurz in Österreich, als an einem Mittwochmorgen die Ausländerbehörde in unsere Ambulanz kam. Das Ergebnis: Das gesamte Team musste wegen illegaler Arbeit innerhalb von sieben Tagen das Land verlassen und pro Kopf 150 Euro Strafe zahlen. Das ist 23 humanitären Helfern so gegangen, seit Anfang 2018. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Das Richtige ist plötzlich das Falsche und umgekehrt. Noch im Februar dieses Jahres habe ich die höchste Auszeichnung der Stadt bekommen, die sogenannte Plakette der Stadt Bihac für meine humanitäre Arbeit während des Krieges. 7 Monate später wird mein Team aus dem Land geworfen und muss Strafe zahlen: wegen humanitärer Hilfe.

Was hat all das genutzt?

Hätte ich diesen Job perfekt gemacht, dann würde es Vucjak schon nicht mehr geben. Das ist mir, das ist uns, leider nicht gelungen. Noch nicht. Wir konnten 105 Tage in Vucjak arbeiten. Das hat mehreren tausend Menschen geholfen. Vucjak ist eigentlich ein Transitcamp. Wenn wir also davon sprechen, das dort etwa eintausend Menschen leben müssen, sind das über die Monate Tausende. Die Grenzen sind nicht zu. Zu ist anders. Unser Habib hat es geschafft. Etwa 20 Jahre alt. Er ist in Paris. Mein kleiner Freund Hussain, er nennt mich father, ebenfalls. Er ist jetzt in Trieste. Mit 18 Jahren fast noch ein Kind. Er kommt aus Pakistan. Er hat mich immer wieder gefragt: „Was soll ich tun, ich habe Angst, Du weißt, die kroatische Polizei“. Ich konnte immer nur sagen: Go game, versuche es. Es ist Deine einzige Chance. Du musst es noch vor dem Winter schaffen“. Hussains Englisch ist besser als meines, er ist intelligent, höflich, eine zarte Seele. Wir haben gestern noch telefoniert. Ein kleiner Junge, etwa 12, hat mir eine Nachricht geschickt, ebenfalls aus Paris. Wir alle, Mitglieder des Teams Vucjak, bekommen solche Nachrichten. Irgendwann schaffen sie es mit viel Glück. Es gibt also einen Abfluss aus dem Flaschenhals Bihac. Von 28.000 Menschen, die in diesem Jahr nach Bosnien gekommen sind, hängen jetzt noch 7.000 fest. 21.000 haben es also geschafft. Die Grenze ist nicht zu. Einge sind zurückgekehrt nach Griechenland. Aktuell sind etwa besagte 1.000 in Vucjak. Es werden immer wieder neue Flüchtlinge in das Jungle Camp deportiert, es ist eine hohe Fluktuation. Das Vucjak-Trauma betrifft also deutlich mehr Menschen als eintausend. Das ganze Geld für den Schutz der EU Außengrenze bringt nur eines: Ein menschliches Leid, das ein zivilisiertes Europa nicht wollen kann. Dieses Europa ist nicht zivilisiert. Es fördert nicht Menschlichkeit – sondern das Gegenteil. “Stiti se”, heißt es in Bosnien: Schämt Euch. Ja, ich auch, denn ich bin ein 512 Millionstel dieses Europas. Positiv ist der Schutz der EU Außengrenze ausschließlich für Heckler und Koch, für die kroatischen Grenzpolizisten, die Flüchtlingen ihr Geld rauben – bewaffneter Überfall im Wald und natürlich für die Schlepper. Ein einziger Flüchtling bringt ihnen 1.000 bis 5.000 Euro. Gutes Geschäft.

Durch unsere Arbeit konnten die Wunden hunderter Menschen heilen, sie hatten keine Schmerzen mehr, mussten nicht mehr hungern oder frieren und vor allem eines: Die Flüchtlinge wurden von uns behandelt wie Menschen, nicht wie Tiere. In ihren Erinnerungen in vielen Jahren wird das möglicherweise das Wichtigste sein. Wichtiger vielleicht als die genähte Wunde oder der Schlafsack. Das weiß ich, weil ich weiß, wie sich Menschen heute an meine humanitäre Arbeit während des Krieges erinnern. Das ist 25 Jahre her und anders, als ich es erwartet hatte: Nicht vergessen. Wie ein Licht in der Dunkelheit. So haben es mir Bosnier im Februar gesagt, als ich das erste Mal nach dem Krieg zurückgekommen war. Menschlichkeit, darum geht es. Oder noch deutlicher: Liebe am Leben, aber eben nicht nur am eigenen.   

Sie haben uns am 27. September hinausgeworfen, was nicht heißt, dass wir unsere Arbeit komplett einstellen mussten. Es sind immer wieder kleine Teams unterwegs, die humanitäre Hilfe liefern, auch an die wenigen lokalen Helfer, die dann die Verteilung übernehmen. Auch jetzt, heute, ist ein Team in Bihac im Einsatz. Deshalb sammeln wir natürlich weiter Geld, um unsere Arbeit auf diesem Weg fortsetzen zu können. In ein paar Tagen geht es wieder los: Dean und ich werden nach Bihac gehen und wieder dortbleiben. Wir arbeiten seit einiger Zeit daran, freiwillige Mitarbeiter einer bosnischen Organisation zu werden. Dann kann man uns nicht mehr wegen illegaler Arbeit vor die Tür setzen. Egal wo wir hingehen, das ganze Netzwerk steht hinter uns und wird uns unterstützen. Es wird sich also auch über den Winter einiges bewegen lassen, so hoffen wir zumindest.

 Der eigentliche Grund für unseren Rauswurf: Wir haben wohl zu viel Aufmerksamkeit nach Vucjak gelenkt, das wollte man nicht mehr. Außerdem gab es Geld: Der Kanton hatte 2 Millionen Euro EU-Gelder über Sarajevo erhalten, auch für medizinische Hilfe. Man hat dann, drei Wochen nach unserem Rauswurf, eine Ambulanz in einem naheliegenden Dorf installiert: Arbeitszeit dienstags und donnerstags für jeweils zwei Stunden mit maximal 30 Patienten am Tag: Kosten: 12.500 Euro pro Monat. Macht 781,25 Euro pro Arbeitsstunde für einen Arzt und zwei Schwestern. Das rechnet sich, für wen auch immer. Mittlerweile war MSF in dieser Dorfambulanz einen Kilometer vom Camp entfernt. Jetzt sind sie wieder weg, warum, weiß ich nicht. Die Menschen in Vucjak haben keine medizinische Hilfe mehr.

Eingeladen wurde ich hierhin, um über Vucjak und die Situation der Menschen dort zu sprechen. Wenn ich ihre Fantasie dafür bemühen darf, dann ist das eigentlich ganz einfach. Stellen Sie sich vor, Sie wären zufällig in Afghanistan oder Pakistan geboren. Taliban haben ihre Freunde ermordet, Drohnen der US-Army ihre beiden Brüder, nacheinander, nicht bei einem Angriff im sogenannten Krieg gegen den Terror, der selbst das ist, wogegen er vorgibt zu kämpfen. Was tun sie? Warten, bis Sie auch an der Reihe sind? Vermutlich nicht. Dann machen sie sich auf den monate- oder jahrelangen Weg Richtung Europa in der Hoffnung auf Frieden, Arbeit und ein normales Leben. Irgendwann stehen sie vor der Tür zum Ziel. Sie gehen durch, werden von Männern in Uniformen und schwarzen Skimasken im Wald aufgegriffen. Das kennen sie ja schon von den Taliban oder IS. Sie stehen unter Schock, weil ihnen das jetzt im Land der Träume passiert. Die Männer nehmen ihnen Rucksack und Schlafsack ab, verbrennen diese und dann werden Sie nach Geld durchsucht. Haben Sie welches, ist es weg. Dann werden Sie zu Boden geprügelt, getreten, geschlagen und, wenn sie Pech haben, sogar gefoltert. Anders kann man glühendes Metall auf einem Bein nicht nennen. Dann müssen sie Ihre Schuhe ausziehen und werden durch den Wald zurückgetrieben, raus aus der EU, deren Gesetz sagt, dass Sie das Recht gehabt hätten, einen Asylantrag zu stellen. Sie sind jetzt wieder vor der Tür, in Bihac City. Ihre Füße bluten. Die bosnische Polizei greift Sie auf der Straße auf, steckt sie bei 35 Grad in einen geschlossenen, fensterlosen Polizeibus, der im Übrigen von der IOM bezahlt wurde, und deportiert sie dorthin, wo sie ein paar Tage vorher gestartet sind: Vucjak. Dann sitzen sie dort, besitzen eine Hose, ein T-Shirt, sonst nichts. Können sie sich das vorstellen? Was sie nicht wissen können: Wir hier in diesem Saal riechen, unsere Körper riechen. Mancher sogar sehr angenehm. Meine Nase ist in den letzten Monaten nicht gerade verwöhnt worden. Ich nehme das also anders wahr, als Sie. Viele verschiedene Menschen. Jeder hat seinen persönlichen einmaligen Geruch. Hier. Nicht in Vucjak. Da stinken wir alle gleich. Nach Vucjak eben. Auch dieser kleine Unterschied löst sich auf, zwischen Müll und monatealten Kothaufen und Urin. Es gibt keine Toiletten. Die Mücken in Vucjak können mit einem einzigen Stich eine lebensgefährliche Sepsis auslösen. Es sind nicht wenige Beine, vielleicht sogar Leben, die unser slowenischer Militärsanitäter gerettet hat. Heute wird das in Vucjak niemand tun.

Die Information der europäischen Politik ist uns auch gelungen. Das Ergebnis bisher: Null. Ergebnisse messe ich daran, ob sich für auch nur einen Flüchtling etwas verbessert hat. Ich kenne keinen. Deshalb sage ich das so deutlich. Null.

Uns allen dürfte klar sein: Es geht hier um tausende Einzelschicksale, es geht um Flüchtlinge, die Einwohner der Stadt Bihac, um kroatische Polizisten, die massenweise und täglich Straftaten begehen und es geht um noch etwas, für das es sich aus meiner Sicht auch zu kämpfen lohnt, ja gekämpft werden muss:

Die Idee der Europäischen Union. Die EU selbst zerstört sie gerade.

Die Würde eines jeden Menschen zum Beispiel, die Menschenrechte, Freiheit, Frieden. Wenn Du in Vucjak stehst, weißt Du, es ist nichts weiter als wertloses Geschwätz. Würde und Menschenrechte müssen auch für die Menschen vor der Tür gelten. Oder sind das die Anderen – für die all das nicht gilt. Ich hatte einige von ihnen im Arm, als sie geweint haben, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Fühlt sich nicht anders an, als wäre es einer von Euch. Das Europa, wie wir es kennen, wird sterben, weil die Werte, die es zum Leben erweckt haben, mit Füßen getreten werden.

Das muss man mal sacken lassen: Dieses Europa hat Kroatien mit dem Schutz der Grenzen beauftragt und damit, gegen seine eigenen Gesetze zu verstoßen. Das Recht auf Asyl – nicht mal das Papier wert, auf dem es steht.

Politik, besonders die der EU, gehört sicher nicht zu meinen Kernkompetenzen. Ich maße mir nicht an, Antworten zu haben. Aber ich habe Fragen. Vielleicht sind es die Richtigen:

  • Wir Europäer finanzieren die Straftaten und Menschenrechtsverletzungen durch die kroatische und slowenische Polizei? Warum stoppt die EU das nicht?
  • Warum hält man sich nicht einfach an die bestehenden Gesetze: Das Recht auf den Asylantrag in der EU. 7.000 in Bosnien, 35.000 in Griechenland. 42.000 Menschen – eine lächerliche Zahl im Verhältnis zur Größenordung der EU mit 512 Millionen Bürgern. Es müssen mindestens in Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland Camps geschaffen werden, für die Zeit der Prüfung der Asylanträge. Auf der anderen Seite müssen dann natürlich Abschiebungen erfolgen, sonst lässt sich das politisch vermutlich nicht durchsetzen. Aber Menschen in Kriegsgebiete wie Afghanistan abzuschieben kann nicht die richtige Lösung sein. Dort herrschen Krieg und Gewalt. Ich weiß das, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe.
  • Warum hat die EU keine Werkzeuge, schnell auf eine humanitäre Krise reagieren zu können? Dieses Werkzeug muss geschaffen werden. Was ist, wenn wir betroffen sind? Wollen wir auch jahrelang auf Hilfe warten?
  • Warum bekommt ausgerechnet Ungarn das meiste Geld aller EU Mitgliedsstaaten? Es gibt kein Werkzeug bei Verstößen gegen EU-Gesetze oder Regeln, Geld zu streichen, das heißt Druck machen zu können. Die EU hat sich dadurch zum zahnlosen Tiger gemacht. Kein Balkanland nimmt die EU ernst, aus genau diesem Grund. Unsolidarisches Handeln muss zu Konsequenzen führen, die weh tun. Den Geldhahn zudrehen, das würde weh tun und wie wir alle wissen: durch nichts lernt der Mensch so schnell wie durch Schmerz.
  • Warum schickt man Geld nach Bosnien, ohne zu kontrollieren, was damit passiert? So doof kann man doch eigentlich gar nicht sein. Dass Bosnien massiv unter Korruption leidet, das scheint man ausblenden zu wollen.
  • Warum hilft die EU nicht der Stadt Bihac, die die gesamte Last der Flüchtlingskrise allein tragen muss? Die Stadt hat nicht das Geld, um auch nur ansatzweise handlungsfähig zu bleiben. Es ist doch klar, dass es immer weiter eskaliert.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Natürlich kann man das alles als Invasion von Flüchtlingen betrachten, wenn man das will. Wir vergessen, dass Migration so alt ist wie der Mensch. Da ist doch nichts Neues daran. Der Wandel ist ein Gesetz der Natur. Sich dagegen zu wehren – hoffnungslos und auch unnötig. Da kommt ja auch Wissen, Intelligenz, menschliche Energie, Arbeitskraft.  Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn fährt in den Kosovo, um dort Pflegekräfte abzuwerben. Klassisches kolonialistisches Verhalten. Wer soll denn dann in den kosovarischen Altenheimen arbeiten?

Habib und Hussain – die sind so helle Köpfe –  sowas brauchen wir und sie kommen freiwillig. Das ist doch wunderbar. In drei Jahren könnten sie schon Pflegehelfer sein. Aber die beiden sind so helle Köpfe, ich tippe eher auf Medizinstudium. Landärzte fehlen uns ja auch. Diese Menschen sind ein Geschenk für unsere Gesellschaft.

Wir brauchen eine klare Strategie – all das ist ja erst das Vorspiel. Was soll denn an den EU-Außengrenzen passieren, wenn Erdogan die Grenzen öffnet und 3,9 Millionen Flüchtlinge Richtung EU ziehen lässt? Wollen wir dann statt Pistolen Maschinengewehre für die Kroaten finanzieren? Wollen wir wirklich, das das Nichthandeln in letzter Konsequenz dazu führt, dass Grenzschutz Mord wird?

Allein in diesem Jahr: 20 Tote Flüchtlinge in der Leichenhalle in Bihac – Todesursache bei 16 davon: äußere Gewalteinwirkung. Gefunden wurden die Leichen auf der Route der Flüchtlinge, im Wald und in Flüssen. Wer sind die Täter? Fragt das mal jemand, oder besser: ermittelt da jemand? Nein. Es reicht, und zwar schon lange!

Ich gehe zurück. Für jeden Einzelnen, dem wir hoffentlich helfen können. Und: ich will meinen Teil dazu beitragen, dass meine, unsere Enkelkinder in 20 Jahren gerne Europäer sind, sich eben nicht dafür schämen müssen und mit reinem Gewissen sagen können:

Ich bin frei und ich bin ein Mensch!

Es ist egal, wo wir arbeiten – direkt vor Ort, in the middle oft the shit oder im Europäischen Parlament: Dafür, so hoffe ich, werden wir zusammenstehen.

Update: Statt eines Ausschnittes in der ursprünglichen Version wurde nun die ganze Rede veröffentlicht.

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Menschenliebe, Bruderliebe

Foto: motortion / Adobe Stock

Die freimaurerische "Bruderliebe" ist ein irreführender Begriff. Sie hat mehr zu tun mit einer geistigen Verwandtschaft, mit Vertrauen, Respekt; sie ist eine vernunftbegründete Entscheidung freien Willens. Dieser Beitrag untersucht die Begrifflichkeiten.

Vor längerer Zeit habe ich folgenden bemerkenswerten Abspann in einem Kriminalroman von Elisabeth George gelesen, der mich sehr berührt hat:

Die Welt ist ein schöner und zugleich schrecklicher Ort. Jeden Augenblick werden Gräueltaten begangen, und am Ende sterben die, die wir lieben. Wären die Schreie aller Lebewesen dieser Erde zu einem einzigen Schmerzensschrei vereint, würde er die Sterne erzittern lassen. Aber wir haben die Liebe. Sie mag uns zu zart erscheinen, um uns gegen die Schrecken dieser Welt zu schützen, aber wir müssen an ihr festhalten und an sie glauben, denn sie ist alles, was wir haben.

Elisabth George

Die Liebe soll also, so verstehe ich das, nichts weniger als die menschliche Identität, die Wahrheit des Menschseins auf unserer Erde ausmachen. Weil das so ist und für die Freimaurerei im Besonderen von so fundamentaler Bedeutung sein soll, so stehen am Anfang meiner Betrachtungen natürlich die Fragen: Was ist das überhaupt, die Liebe? Und wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Lexikalisch wird die Liebe, aus dem Mitteldeutschen kommend und – Gutes, Angenehmes, Wertes bedeutend – als die stärkste Zuneigung beschrieben, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Menschenliebe ist nach gleicher Quelle ein allgemein menschenfreundliches Denken und Verhalten.

Bruderliebe im freimaurerischen Sinne schließlich bezeichnen Eugen Lennhoff und Oskar Posner in ihrem Freimaurerlexikon als „gesteigerten Grad der Zuneigung … in geistiger Blutsverwandtschaft“. Ein wenig schwülstig, wie ich meine.

Menschenliebe nicht auf „Charity“ reduzieren!

Wie dem auch sei: Das Wortkompositum „Menschenliebe“ taucht im 18. Jahrhundert, im umwälzenden Zeitalter der Aufklärung, erstmals auf. In einer Zeit also, in der auch die Freimaurerei ihren ersten Ausdruck fand. So wurde die Liebe Bestandteil auch des freimaurerischen Katechismus. Es kam zu dieser Zeit unter der Bezeichnung Philanthropismus zu einer Ausbildung einer regelrechten Lehre von der Erziehung zu Natürlichkeit, Vernunft und „Menschenfreundschaft“, wie es damals hieß.

Leider wurde der Begriff „Menschenliebe“ im 20. Jahrhundert eher ungebräuchlich und bis heute etwa auf Karitas oder – schlimmer noch – auf „Charity reduziert und dem Non-Profit-Sektor zugewiesen. Diese Begrifflichkeiten deuten, bei allem Wohlwollen, eher auf ein Tun, eine Handlung, als auf eine innere Einstellung hin. Oft heißt es in diesem Zusammenhang, dass das Christentum, um nur eine Religion zu nennen, für sich in Anspruch nimmt, den Gedanken der Menschenliebe als eine Kardinaltugend eingeführt habe. Ja das Postulat der Menschlichkeit sei überhaupt ein Vorrecht, weil es Bestandteil der sogenannten Gottesliebe sei.

Ich glaube demgegenüber nicht, dass die unverzichtbare Liebe unter uns Menschen von einer göttlichen Herkunft ist. Da würden allein die von mir eingangs bei Elisabeth George geschilderten Gräuel auf unserer Erde entsprechende Fragezeichen setzen.

Die Freimaurerei begründet ihre Ethik nach meiner Auffassung zunächst aus Vernunft und nicht aus einer dogmatischen göttlichen Satzung. Für mich fordert die Freimaurerei ja auch nicht ein seliges Leben im Jenseits, sondern ein sittliches Leben im Diesseits.

Schon bei dem Naturrechtslehrer Christian Thomasius ist Anfang des 18. Jahrhunderts aufklärerisch zu lesen, dass im Gegensatz zu traditionellen christlichen Modellen die Menschenliebe nicht von einer Gottesliebe abhängig gemacht wird, sondern als eigenständige Naturgegebenheit zu würdigen und in den Mittelpunkt zu stellen ist. Menschenliebe könne nicht auf Gottesliebe reduziert werden, sondern eher Gottesliebe auf die Menschenliebe.

So glaube ich denn auch mit einer gewissen Konsequenz, dass nicht ein Gott den Menschen nach seinem Bild schuf, sondern der Mensch schuf seinen Gott oder seine Gottheiten nach seinem idealisierten Bilde.

Die Liebe unter den Menschen ist somit Auswirkung zunehmender Aufklärung über die Zeiten. Dies führt mich weiter zum Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten, den ich nur als ein Sinnbild betrachte, das dazu auffordern möchte, den eigenen sittlichen Willen in einer gewissen Weisheit zu stärken und meine eigene Unvollkommenheit zu erkennen. Der also auch nicht eine Liebe spendende Funktion für mich haben kann, ich ihn im christlichen Sinne nicht anrufen kann.

Wie dem auch immer es für jeden einzelnen Bruder sei und welche Bedeutung es für ihn haben möge: Ich gehe davon aus, dass der ethische Fortschritt auf unserer Erde schon vor der Begründung des Christentums entstand und nicht selten von Revolutionären und Außenseitern ausging.

„Wo Mensch den Menschen liebt“

Die Philanthropie jedenfalls hat schon in vorchristlicher Zeit ihre Erkenntnis gefunden und erfuhr in den Religionen der Neuzeit ihre, zugegeben eindrucksvolle Ausdeutung. Hier seien als Stichworte Der Liebe Gott, das Hohe Lied der Liebe im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus und die Stichworte Barmherziger Samariter und Martin von Tours, den Sankt Martin, gegeben.

Als bemerkenswertes und möglicherweise frühestes Beispiel sei Aischylos aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert genannt, der die Tat des uns in Bonn besonders verbundenen Titanen Prometheus, den Menschen das Feuer zu verschaffen, als – wörtlich übersetzt – menschenfreundlichen Akt bezeichnete. Denn es scheint plausibel: Ohne die Schlüsseltechnologie der Feuerbändigung, da haben die alten Griechen schon recht mit ihrem Prometheus-Mythos, wären wir niemals zu dem geworden, was wir sind.

Aus gleicher Zeit sei Konfuzius zitiert: „Menschenliebe ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.“ Lessing fragt: „Was ist ein Held ohne Liebe?“, während Kant die Liebe als „Pflicht zu tätigem Wohlwollen“ identifiziert.
Der freimaurerische Autor Franz Carl Endres schrieb in einem seiner Werke über die Liebe: „Nichts ist unsittlich, wo (seelische) Wahrhaftigkeit maßgebend ist, und nichts ist sittlich, wo der Egoismus motivlich beteiligt ist.“

In Sarastros Hallenarie in Mozarts „Zauberflöte“ ist von Menschenliebe die Rede, die einen gefallenen Menschen wieder zur Pflicht führt: „Wo Mensch den Menschen liebt.“  Dostojewski lässt den alten Sossima im Roman „Die Brüder Karamasow“ sagen: „Ihr Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, dass man nicht mehr zu lieben vermag.“
Der Freimaurer Heinrich Heine ging idealistisch noch weiter. Für ihn war „Cosmopolitismus, allgemeine Völkerliebe“. Er glaubte 1831, zwölf Jahre bevor er unserem Bund beitrat, bereits an eine „neue Religion der Liebe und Brüderlichkeit“.

Das freimaurerische Symbol der Liebe ist schließlich in den mir besonders am Herzen liegenden drei Johannisrosen enthalten, die Licht, Liebe und Leben symbolisieren.  All das, was ich bisher als Stichworte, Hinweise und Zitate ausgeführt habe, wäre einer eigenen umfänglichen Betrachtung wert.  Für mich, und damit möchte ich den ersten Teil meiner Zeichnung abschließen, gilt in diesem Zusammenhang ein Bedeutungspaar, wie es der Naturwissenschaftler Carl Friedrich Gauß in der Zeit der Aufklärung zusammengestellt hat:

„Durch zwei Dinge kann man wirklich glücklich werden: durch reine Liebe und durch reine Vernunft.“

Carl Friedrich Gauß

Respekt und Vertrauen sind der Ausdruck brüderlicher Liebe

Ich möchte mich nun weiter dem für uns Freimaurer so fundamentalen Thema mit zwei Fragen widmen: Was ist denn eigentlich genau diese Liebe, die wir Brüder Maurer füreinander empfinden sollen? Verwenden wir in der Freimaurerei das Wort „Liebe“ nicht oft zu bedenkenlos? Als erste mögliche Deutung möchte ich Friedrich Mossdorf von 1818 vortragen:
„Es ist ein Gewinn für den Mann, des Geist und Herz von reiner Menschenliebe warm und für sie empfänglich ist, in der Maurerbrüderschaft einen Bund zu erblicken, welcher Bruderliebe zu seinem Wesentlichen rechnet und Gelegenheit giebt, sich mit gleichgesinnten liebevollen Brüdern zu geselligem Fleiß im Geiste reiner Menschenliebe zu vereinen. Die Maurerbrüder sollen, nach der Vorschrift ihrer Kunstlehre, in Liebe und Friede zu allem Menschlichen vereint seyn, wie eine Seele.“
Bei diesem Bruder Mossdorf und auch bei anderen aus dieser Zeit finden wir ein stark gefühlsmäßiges Erfassen einer freimaurerischen Wahrheit vor.

Der Bezug auf den Begriff Seele greift dabei aber ganz offensichtlich auf unterschiedliche, insbesondere religiöse, philosophische oder psychologische Traditionen zurück. Mit rein rationalen Gründen wäre eine solche Liebe nicht zu erklären. Dennoch ist die so von Mossdorf erklärte Bruderliebe auch heute vielfach unverändert die Basis des sittlichen Denkens der Freimaurerei. So interpretiert wird die seelische Bruderliebe – wenn ich sie einmal so nennen darf – zum Bestandteil des freimaurerischen Traumes, der den Tempel der Humanität fertig gebaut sieht.

Das kann man so betrachten. Allerdings: Die brüderliche Liebe, so als Seelenvereinigung der Brüder interpretiert, lässt außer Acht, dass jeder Bruder für seine persönliche Quest, also seinen Weg der Individuation, zunächst einmal selbst verantwortlich ist. Bei jedem Bruder persönlich beginnt die Suche nach seinem verlorenen Wort.

Der Bezug auf eine angeblich unsterbliche „Seele“ setzt außerdem zweifellos Glauben voraus, hat also – wie bereits dargestellt – neben einem mythischen bzw. philosophischen insbesondere einen religiösen Hintergrund.

Dies wäre für mich, der ich mit Kant für eine Befreiung der Ethik aus der Bevormundung durch die Theologie einig bin, nicht akzeptabel. So halte ich denn auch Religionen für ein psychisches Phänomen. Dies alles ist der Kontext, in dem sich meine Vorstellung von ehrlicher, aufrichtiger Menschen- und Bruderliebe bewegt.

Deshalb sollte man – um zum Thema Bruderliebe direkt zurückzukehren – meines Erachtens so argumentieren: Die brüderliche Liebe beruht im Wesentlichen auf einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens. Dem anderen Bruder sollen ohne Vorbehalte vor allem zwei Gefühle entgegengebracht und dürfen auch erwartet werden: Respekt und Vertrauen.

Dies ist am besten gepaart mit einer durchaus empathischen Fähigkeit, sich in den Anderen hineinzudenken und seine Beweggründe zu verstehen. Dieses Einfühlungsvermögen kann man sich durchaus anerziehen. Hierzu muss der Sinnbild gebende raue Stein nur kräftig genug bearbeitet werden, damit als Resultat auch Zuneigung entsteht.
Kennenlernen im geschützten Raum der Loge

Welcher Interpretation man nun eher zuneigt, der seelischen oder der eher rational begründeten brüderlichen Beziehung, kann jeder Bruder natürlich für sich entscheiden. Auch hier gilt, wie in der Freimaurerei im Allgemeinen: Vielfalt in der Einheit.
Das darf aber, um nicht missverstanden zu werden, nicht bedeuten, dass auf die gemeinsame freimaurerische Innenarbeit verzichtet werden kann. Ganz im Gegenteil!

Ich meine hiermit das gemeinsame Versenken in den immer wieder anrührenden Zauber des Ritualgeschehens, das stets aufs neue angebotene Erschließen unserer Symbole, also die kontemplative Tätigkeit bei den beruhigend von der profanen Welt abgeschlossenen Tempelarbeiten.

Hier im Tempel ist, um mit dem von mir geschätzten freimaurerischen Autor Klaus- Jürgen Grün zu sprechen, der Spielraum, „in dem wir uns spielerisch die Szenen des Lebens vergegenwärtigen, um selbst tüchtig für eine humanitäre Gesellschaft zu werden“. Hier im Tempel kann man sie immer wieder spüren, wenn wir singen, „unsrer Freundschaft Harmonien“. Mit Verlaub: alle Brüder, alte wie junge gemeinsam! Das „Mögen wir uns alle so wiederfinden“ zum Schluss jeder Tempelarbeit ist für mich denn auch jedes Mal wieder eine Verheißung.

Fest steht für mich, dass wir nur mit so gespeister Hingabe und mit offenem Herzen dem wohlverstandenen freimaurerischen Gebot der Bruderliebe werden entsprechen können. Ich denke, man muss an sich selbst in Erfahrung bringen, wie dem Anderen zumute sein kann. Das geht nur durch vertiefendes Kennenlernen untereinander, durch Gespräche, durch Zuhören im geschützten Raum der Loge. Es geht, wie unser Bruder Friedrich-Karl es ausdrückte, um „die mächtige Kunst der heilenden Kommunikation“. Diese persönlich gehaltene Zeichnung soll auch ein Beitrag dazu sein.

Die brüderliche Liebe muss fußen auf Erfahrungen des „Erkenne dich selbst!“, dem vorchristlichen „nosce te ipsum“, und mit Demut, Disziplin und Beharrlichkeit erworben werden. Die brüderliche Liebe muss zweitens basieren auf der von Gauß neben der Liebe geforderten Vernunft, denn die Freimaurerei begründet ihre Ethik aus eben dieser Vernunft und nicht aus einer göttlichen Satzung. Dafür müssen wir unermüdlich am rauen Stein arbeiten. Das Ziel dieser Arbeit an sich selbst sollte sich ausdrücken in Fürsorge, Verständnis, Interesse, Freude, Hilfsbereitschaft, Respekt und Vertrauen – und nicht zu vergessen: in Aufrichtigkeit. Das alles, es ist ja nicht gerade wenig, getragen von Güte und Nachsicht.

Für mich steht fest: Wenn sich die so interpretierte brüderliche Liebe im Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft auch mit einer nicht geringen Portion Frohsinn und Lebensoptimismus verwirklicht wird, dann wird diese Liebe erfüllend sein.

Mit Optimismus aus dem Jammertal herausfinden

Wir Freimaurer müssen allem Jammertalgerede auf unserer Erde widerstehen. Es gibt, um mit Bertrand Russell zu sprechen, auch keine Hölle und keine ewige Verdammnis. Da sei die irdische Liebe vor. Nur derart überzeugt, froh und lebensbejahend gestimmt, ich wiederhole es, wird unsere Liebe wirklich erfüllend und ansteckend sein. Es darf auch nicht um ein Trostspenden in einer angeblich unerträglichen Moderne gehen oder um ein Beklagen mit Blick auf die unaufhaltsame „Chinaisierung“ unserer Lebenswelt bzw. um Frustzustände etwa bei den Followern und Likes in den sozialen Netzwerken. Es darf nicht um Angst vor Algorithmen oder vor künstlicher Intelligenz gehen bzw. etwa um die düsteren Prognosen des Philosophen Richard David Precht, dem „Fackelträger der deutschen Verzagtheit“ (Siering).

„Think positive!“ muss die Devise sein.

Da hält man es besser mit dem im Jahr 2018 verstorbenen Stephen Hawking: „Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologien und der Weisheit, mit der wir davon Gebrauch machen. Wir sollten sicherstellen, dass die Weisheit gewinnt.“

Erwerben wir diese Weisheit mit freimaurerischen Mitteln!

Und dabei sollten wir nicht vergessen: Die Welt ist aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da. Da versteigt sich ja auch heute bereits die aktuelle Evolutionsforschung zu der Aussage, es gäbe keine „Mutter Natur“. Mit einer derartigen Romantik käme der nicht weiter, der die Geschichte des Lebens erklären wolle. Es habe auch keinen Plan gegeben, nach dem dabei der Mensch herausgekommen sei (Axel Meyer, 2019). Nicht mehr, aber auch nicht weniger an dieser Stelle zum Thema Zukunftsorientierung, mit der sich auch die Freimaurerei so schnell wie möglich auseinandersetzen muss.

Für uns Freimaurer ergibt sich somit ein anspruchsvolles Programm, zweifellos sehr idealistisch. Aber sind wir Freimaurer nicht alle unverbesserliche Idealisten? Nur so ehrlich erfüllt und idealistisch durchdrungen kann jeder Bruder Freimaurer auch den immerwährenden Existenzanspruch und die Notwendigkeit der Freimaurerei gerade in unserer Zeit überzeugend und beispielgebend in die uns umgebende schnelllebige profane Welt tragen.

Unsere Bemühungen als Menschen und Brüder müssen deshalb schlussendlich unverdrossen – wider alle noch so populistischen Fake News dieser Welt und wider alle Verschwörungstheorien – münden in eine überzeugende vernunft- und nicht religiös bezogene Nächstenliebe, sind es doch die Menschen, will sagen alle Menschen, derer wir beim Tempelbau bedürfen. Da darf sich kein Bruder Freimaurer irritieren lassen. Diese Liebe, die Nächstenliebe also, beinhaltet – ich fasse zusammen – jede dem Wohl der Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung.
Hierher gehört der Begriff Barmherzigkeit, aber auch ein Verweis auf Kants Kategorischen Imperativ.

Das ist die Quintessenz meiner Zeichnung. „Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch.” Hierbei Hilfreiches lese ich abschließend bei Sebastiao Magalhaes Lima, dem 1850 geborenen Vorkämpfer des portugiesischen Liberalismus und Freimaurer: „Es gibt nur ein dauerndes Gesetz auf der Welt, das ist das Gesetz der Liebe. Es ist nicht allein die Liebe , die sich in Güte und unendlicher Schönheit offenbart, in dem großen Mitleid mit jeglicher Kreatur , sondern es ist auch die Liebe, die sich kurz als die Liebe zum Weltall ausdrücken lässt, als brennender Wunsch, für andere zu leben. Es ist die Liebe für die Kleinen, für die Bescheidenen, für die Bedrückten. Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch: Das ist die Liebe des Freimaurers.“

Diese Liebe erleuchtet, diese Liebe macht solidarisch! So soll es sein.

Kant hat die „Nächstenliebe“ auf seine Art in dem Werk „Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft“ so beschrieben: „Die Pflicht der Nächstenliebe kann also auch so ausgedrückt werden: sie ist die Pflicht, anderer ihre Zwecke (sofern diese nur nicht unsittlich sind) zu den meinen zu machen; die Pflicht der Achtung meines Nächsten ist in der Maxime enthalten, keinen anderen Menschen bloß als Mittel zu meinen Zwecken abzuwürdigen (nicht zu verlangen, der andere solle sich selbst wegwerfen, um meinem Zwecke zu frönen).“

Diese so bei Lima und Kant identifizierte Nächstenliebe – die Menschenliebe und Bruderliebe gleichermaßen umfasst – hilft, den Grundgedanken der Freimaurerei, die Autonomie des Sittengesetzes zu realisieren. Diese Nächstenliebe muss also zum Schlussstein unseres symbolischen Tempelbaues werden.

Das könnte und sollte das Ende meiner Zeichnung sein.

Da ich aber dem Freimaurersein eine gehörige Portion Fröhlichkeit beimessen möchte und da meiner Zeichnung ganz offensichtlich ein Link zur erotischen Liebe gefehlt hat, hier zum definitiven Schluss einige Zeilen aus der Feder unseres Bruders Heinrich Heine:

Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl. „Die Liebe muß sein platonisch“, der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie. „Ach!“ Der Domherr öffnet den Mund weit: „Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit.“ Das Fräulein lispelt: „Wieso?“ Die Gräfin spricht wehmütig: „Die Liebe ist eine Passion!“ Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tisch war noch ein Plätzchen; Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt.

Heinrich Heine

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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Freimaurerei ist für Menschen da

Grafik: bakhtiarzeln / Adobe Stock

Wie sich aus den Menschenrechten und -pflichten eine Zukunftsperspektive für unseren Bruderbund ableitet.

Von Sylvio J. Godon

Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von den Vereinten Nationen proklamiert, als direkte Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Ihre Vorläufer sind die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789. Unter den Verfassern befanden sich zahlreiche Brüder Freimaurer. Und: Vor 22 Jahren wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ verfasst.

Freimaurerei sollte sich immer wieder erkennbar in die Tradition beider Erklärungen stellen und dazu positionieren, wenn Menschrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden. Als Lebensschule kann sie weltweit für alle Menschen da sein. Gelingt ihr das, hat sie eine Zukunftsperspektive, leistet sie einen Beitrag zu dauerhaftem Frieden und zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Das Zitat aus Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 dürfte jedem von uns hinlänglich bekannt sein. Leider verhallen diese und die Sätze der 29 folgenden Artikel der Menschrechtscharta der Vereinten Nationen in unserer bewegten Zeit immer wieder.

Weniger präsent sind uns die beiden anderen Zitate der Artikel 1 und 7 aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Menschenpflichten! Als Zusatz, als Ergänzung, Erweiterung oder, wie wir in Wikipedia lesen können, als Gegengewicht zu den Menschenrechten.

Wobei ich diese Pflichten nicht als Gegengewicht empfinde. Rechte und Pflichten gehören meiner Ansicht nach zusammen. Unzertrennlich. Wer auf seinem Recht besteht, hat auch die Pflicht, es zu wahren und es seinem Nächsten zuzugestehen.
Anders als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ kein offizielles Dokument der Vereinten Nationen. Sie wurde 1997 vom InterAction Council (IAC) der Öffentlichkeit übergeben.
Das IAC wurde 1983 vom inzwischen verstorbenen japanischen Premierminister Takeo Fukuda gegründet, als lose Verbindung früherer Staats- und Regierungschefs. Nach Angaben von Loki Schmidt war der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt an der Idee und der Planung beteiligt.

Die Freimaurerei beschneidet sich in ihrer Wirkkraft

Wir erinnern uns: Helmut Schmidt war nicht nur Staatsmann, er war auch derjenige, der uns Freimaurern vor geraumer Zeit diese Worte ans Herz legte: „Wenn ich es richtig verstehe, so stellen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität die Grundideale der Freimaurerei dar. Diese Grundwerte sind notwendig. Ohne sie kann Europa nicht wirklich zusammenhalten.”

Ich würde das ergänzen: Ohne sie kann die Welt nicht zusammenhalten. Schmidt sagte dies anlässlich der Verleihung des Gustav-Stresemann-Preises im Januar 2015. Unsere Großloge vergab diesen Preis verbunden mit einer Medaille erstmals und würdigte damit die Lebensleistung des früheren Kanzlers.

Schmidt sagte aus diesem Anlass auch:

„Freimaurerei hat prinzipiell keinen Unterschied gemacht hinsichtlich der Nationalität oder der Hautfarbe. Wohl aber hat sie sich durch eine weit ausgedehnte Geheimhaltung ihrer Aktivitäten selbst in ihrer Reichweite eingegrenzt. Ich habe deshalb vor eineinhalb Jahrzehnten schon einmal an die Freimaurer appelliert, ihre begrüßenswerten Gründungen, ihre Spenden, ihre Aktivitäten öffentlich zu machen.“

Der Kanzler spricht hier von einer Freimaurerei, die sich durch Schweigen und Geheimhalten selbst in Wirkung und Reichweite eingrenzt. Seine Worte bergen Zündstoff. Kaum etwas taugt mehr dazu, die Bruderschaft in Wallung zu bringen, als die Frage, wie das, was die Freimaurerei an Gutem tut, nach außen zu kommunizieren wäre. In den vergangenen 30 Jahren ist von der Großloge allerdings sehr viel zur Öffnung unternommen worden, um gegenüber der Öffentlichkeit transparenter zu werden.

Ich würde noch weiter gehen als Helmut Schmidt, der uns den Spiegel vorgehalten hat. Die Freimaurerei hat sich nicht allein durch Geheimhalten ihrer Aktivitäten in ihrer Reichweite und Wirkkraft selbst begrenzt. Auch anderweitig ist es ihr „gelungen“, sich selbst zu beschneiden. Sie hat den ihr in die Wiege gelegten globalen Anspruch in zweifacher Hinsicht vernachlässigt.

Freimaurerei als weltweites Angebot wahrnehmen

Als globale Lebensschule für alle Menschen, gerichtet in alle Länder und in alle Nationen der Welt, hat Freimaurerei es zum einen bisher versäumt, als solche weltweit erkennbar aufzutreten. In der Freimaurerei, vor allem in ihren weiterführenden Graden, gibt es nicht gerade wenige landes-, europa- und weltweite Treffen oder Konferenzen. Aber wer erfährt davon? In der Regel der Bruderkreis. Das ist schön und gut. Aber reicht das heute wirklich noch aus?
Wenn ich ein weltweites Angebot für Menschen habe, eine humanitäre Bewegung global initiieren oder befördern will, dann muss das auch entsprechend kommuniziert werden. Allen Verschwörungstheorien über eine angeblich durch die Freimaurerei angestrebte Weltregierung zum Trotz. Es kommt eben darauf an, wie ich die Freimaurerei als globale Lebensschule, als weltweites Angebot für Menschen kommuniziere. Dies dürfte jedoch kein Problem darstellen, denn in unseren Reihen gibt es genügend Brüder, die sich damit auskennen.

Freimaurerei strebt Weltherrschaft oder eine Weltregierung nicht an. Sie strebt danach, dass Menschen einander im Geist der Menschlichkeit frei, offenen Herzens und ohne Vorbehalte begegnen können und sollen, schwesterlich und brüderlich.

Ja, sie möchte, dass die Welt menschlicher wird und die Menschen dadurch besser, friedvoller und toleranter miteinander umgehen, respektvoller und füreinander interessierter. Ja, sie möchte, dass es uns Menschen gelingt, mehr Kraft für die Bewahrung unserer Erde aufzuwenden, indem wir die weltanschaulichen und religiösen Gegensätze zwischen uns zu überwinden suchen und uns auf das uns allen Gemeinsame, das Menschsein, konzentrieren. Ja, sie möchte, dass Menschen fähiger werden, sich stärker mit sich selbst, mit ihren Schicksalen, mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, als damit, einander Schaden zuzufügen, die gemeinschaftlichen Ressourcen auszubeuten und damit die Natur und ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Nein, sie hat nicht vor, die Menschheit unter ihre Fuchtel zu bekommen und alle Menschen in einer Weltdiktatur gleichzuschalten, aber sie will die Menschheit zur Menschlichkeit und menschlichem Umgang wachrufen. Nein, sie will nicht das Ende der Religionen herbeiführen und auch nicht deren Vielfalt abschaffen, aber das Zeitalter der unabdinglichen religiösen Toleranz einläuten. Nein, ihr Ziel ist es nicht, Relativität und Relativismus in allem und von allem zu mehren, ihr Ziel ist es, das Menschsein und die Menschlichkeit in allem und von allem zu fördern.

Wenn es tatsächlich einmal so etwas wie eine Weltregierung in freimaurerischem Geist geben sollte, sie wirklich der Humanität diente, sich mit ihr Hunger, Not und Krankheit auf der Erde beseitigen ließen und sie uns vor den gegenwärtigen Bestrebungen bewahren könnte, die Grenzen zwischen Menschen und digitalen Maschinen aufzuheben, wäre sie dann so schlecht, wie Verschwörungstheorien uns das nahelegen wollen?

Freimaurerei geht alle Menschen an

Als globale Lebensschule hat Freimaurerei es zum anderen vernachlässigt, hervorzuheben und zu betonen, dass sie ihrem Wesen und ihrer Natur nach ein Angebot darstellt, das sich zuallererst an Menschen wendet, an Männer wie Frauen, nicht an Geschlechter. Dadurch ist der Eindruck entstanden – und er besteht vielerorts immer noch –, Freimaurerei sei nur etwas für Männer. Schlimmer noch: Freimaurerei sei antiquiert, machoistisch, altbacken, frauenfeindlich. Was sie aber partout nicht ist und auch nicht sein will. Freimaurerei, zwar auf das vorwiegend von Männern geprägte Zunftwesen zurückzuführen, ist aus ihrem Entstehen, ihren Statuten und Lehren heraus eine auf den Menschen, nicht auf die Geschlechter zielende Lehre.

An der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 haben acht Männer und Frauen aus Australien, Chile, China, Frankreich, dem Libanon, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten zwei Jahre gearbeitet, und Eleanor Roosevelt, Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, eine Frau, hat sie verkündet.

Nirgendwo in den Vorläufern der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ist die Rede von Männern. Immer wird von Menschen, manchmal auch Bürgern, gesprochen, in der „Virginia Declaration of Rights“ von 1776, in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus demselben Jahr, in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789. Auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ spricht von Menschen und Personen, nicht von Männern und Frauen.

Die Freimaurerei steht in der Tradition der Menschenrechte, nicht der alleinigen Männerrechte oder Frauenrechte. Ebenso in der Tradition der Menschenpflichten. Niemand, der Freimaurerei wirklich verstanden hat, kann allen Ernstes sagen, Freimaurerei richte sich nur an Männer. Freimaurerei geht den Menschen an, nicht das Geschlecht. Sie ist für den Menschen da.

Ziele und Zwecke der Bruderschaft nach außen kommunizieren

Die Begrenzung in Wirkung und Reichweite, die sich die Freimaurerei selbst auferlegt hat, besteht also nicht nur in Bezug auf das Geheimhalten ihrer Aktivitäten und den Umgang mit der Öffentlichkeit. Auch ein fehlendes weltweit sichtbares Bekenntnis, von Beginn an in der Tradition der Menschenrechte und inzwischen auch in der der Menschenpflichten zu stehen, das fehlende Hervorheben, eine globale Bewegung mit Jahrhunderte alter Menschenrechtstradition zu sein, beschränkt die Freimaurerei hinsichtlich ihrer Reichweite und Wirksamkeit überdeutlich und zu Unrecht.

Was also sollte Freimaurerei unternehmen, um überhaupt eine Zukunftsperspektive zu haben?

Sie sollte erstens für sich selbst ein entspanntes Verhältnis zur Geheimhaltung ihrer Aktivitäten und zum Arkanum gewinnen. Letzteres kann nicht preisgegeben werden, soviel man auch darüber sagen, debattieren oder schreiben mag. Es kann nur erlebt werden. Das wird immer so sein.

Noch weiter als bisher gehende Kommunikation der Ziele, Zwecke und Wirkweise der Freimaurerei ist das Gebot der Stunde, in allen Medien, auch in den sozialen, in denen sie nur rudimentär vertreten ist, und zwar auf der gesamten Breite und Palette der mittlerweile vorhandenen digitalen Möglichkeiten und Kanäle. Über die aufklärerische Tradition, die humanistische Lehre und das Gute, das Humanitäre zu sprechen, das der Freimaurerei innewohnt, ist nicht verwerflich. Es verrät kein Geheimnis. Es nimmt Einzuweihenden nicht einen Deut vom Erlebnis.

Freimaurerei sollte sich zweitens ganz bewusst und freien Mutes, sichtbar und dauerhaft immer wieder weltweit erkennbar in die Tradition der Menschenrechte und -pflichten stellen, aus der sie sich entwickelt hat. Dazu gehört es, dass sie sich lokal, national und global positioniert, wenn Menschenrechte verletzt oder Menschenpflichten versäumt werden.

Es gibt dazu eine Einschätzung von John McCain, dem 2018 verstorbenen republikanischen Gegenspieler Donald Trumps und ehemaligen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten: „Wenn man die Verpflichtung Amerikas, international zu führen, zurückweist, ebenso wie unsere Pflicht, die letzte große Hoffnung der Welt zu bleiben, um einem halb garen, zweifelhaften Nationalismus nachzugeben, der auf Leute zurückgeht, die lieber Sündenböcke suchen, als Probleme zu lösen, dann ist das unpatriotisch. Ebenso unpatriotisch, wie anderen Lehren der Vergangenheit zu folgen, die die Amerikaner schon auf dem Aschehaufen der Geschichte sahen. Wir leben in einem Land, das aus Idealen gemacht ist, nicht aus Blut und Boden.“ Wir können in diesem Zitat Amerika gegen Europa austauschen und erhalten denselben wichtigen Aufruf.

Freimaurerei sollte drittens den alten Zopf abschneiden, zu meinen und zu publizieren, sie sei eine Einrichtung und Lebensschule ausschließlich für Männer. Das ist sie ihrem Geist nach nicht. In meinen Augen war sie es nie. Ihre durchaus vorhandenen und männlich geprägten Traditionen muss sie deswegen nicht verwerfen oder aufgeben. Das bedeutet auch anzuerkennen und zuzulassen, dass es Männerlogen, Frauenlogen und gemischte Logen geben kann, dass vom freien und offenen Besuch untereinander keinerlei Gefahren für das Wesen und Überleben der Freimaurerei ausgehen. Natürlich, sofern gewährleistet ist, dass alle jene Logen im humanistischen freimaurerischen Geist arbeiten.

Freimaurerei als weltweit wirksame Lebensschule

Dazu, um eine wirkliche, letztlich tiefgreifende und von Grund auf erneuernde Veränderung in Gang zu setzen, kann es und muss es vielleicht sogar notwendig werden, dass sich Freimaurerei von der langen Tradition verabschiedet, das Entstehen neu gegründeter, regulärer Logen allein von der Anerkennung der freimaurerischen Institutionen des freimaurerischen Mutterlandes abhängig zu machen und die Arbeitsweise bereits existierender Logen allein von den Reglements des freimaurerischen Mutterlandes aus zu beurteilen. Eines freimaurerischen Mutterlandes, das es übrigens erst kürzlich zugelassen hat, dass es sich selbst von einer zutiefst freimaurerischen Idee verabschiedet hat: von Europa.

Könnte Freimaurerei lokal, national und global diesen Gedanken durchsetzen, ergäben sich durchaus Zukunftsperspektiven, die folgendermaßen aussähen:

Aus der Freimaurerei würde tatsächlich die erste weltweit wirksame Lebensschule für Menschen aller Nationen, zu der nicht nur alle Menschen Zutritt haben, sondern in der auch alle Menschen gemäß den Allgemeinen Menschenrechten und Allgemeinen Menschenpflichten unterrichtet würden.  Aus der Freimaurerei könnte, gerade weil sie eine Schule der Humanität und Toleranz ist, endlich weltweit die Wirkkraft werden, die es vermag, die seit Jahrtausenden währenden Gegensätze zwischen den Weltreligionen und allen anderen Religionen zu überwinden und die damit verbundenen Feindseligkeiten und Kriege zwischen den Menschen auf der Erde.
Sie könnte das, weil sie eine Lebensschule ist, die es Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und Religion ermöglicht, sie zu besuchen, ohne dabei die eigenen Lebenseinstellungen und Glaubensgrundsätze aufgeben zu müssen, solange sie nicht gegen die allgemeinen Menschenrechte und -pflichten verstoßen.

Religionen sind dazu nicht in der Lage, weil Missionsgeist, Selbstbezogenheit und Tunnelblick sie in der Regel bremsen und oft gerade das Gegenteil bewirken.

Schließlich könnte Freimaurerei dazu beitragen, dass es der Menschheit immer mehr gelingt, dauerhaft in Frieden zu leben, dauerhaft ohne Hunger und Not auszukommen und sich endlich gemeinsam und dauerhaft der Erhaltung und Pflege unserer Lebensgrundlage zu widmen: der Erde. Nicht nur die Menschen auf diesem Planeten sind in Bedrängnis, sondern auch der Planet selbst.

Hierfür müsste es der Freimaurerei jedoch gelingen, sich aus dem Stadium absolut nicht mehr zeitgemäßer Traditionen, übertriebener Selbstbeschau und fortwährender männlicher Selbstbezogenheit zu befreien.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.

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