Das Bauhaus und die Freimaurerei

Das Bauhaus in Dessau

Freimaurer suchen immer wieder nach historisch-kulturellen Vorbildern ihres Bundes. Gehört nicht auch das Bauhaus dazu? Gerade im Jahr des 100. Gründungstages dieser legendären Hochschule und Ideenschmiede scheint die Frage nahezuliegen. Dennoch wirft die Antwort einige Probleme auf.

Vortrag des Redners der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade"

Dabei scheint der Zugang zum Bauhaus, gerade aus Sicht der Freimaurer, einfach zu sein. 1919 veröffentlicht Walter Gropius das Gründungsmanifest der neuen Hochschule und gibt gleich im ersten Satz ihr zentrales Ziel aus – Kunst und Handwerk im Zeichen einer gemeinsamen Arbeit am Bau wieder zu vereinigen. Dieses Zielt ruft bei uns Brüdern das Bild des Tempels der Humanität als Ziel gemeinsamer Arbeit auf. Dem Text von Walter Gropius – er gehört zu den legendären Dokumenten der künstlerischen Moderne – ist obendrein ein Holzschnitt von Lyonel Feininger beigegeben, der das ideelle Programm in ein Bild fasst, jenes der von Sternen bekrönten Kathedrale. Dieses Sinnbild einer stabilen, überzeitlichen Harmonie scheint die Vorstellungen der Freimaurer geradezu idealtypisch aufzunehmen.

Gehört das Bauhaus demnach in die Reihe der illustren künstlerischen Vorbilder und Entsprechungen, die wir Freimaurer immer wieder gern aufrufen, um unseren Bund kulturell und ideell besser verankert und begründet zu wissen? Mozarts „Zauberflöte“ steht dafür beispielhaft. Die Schöpfer der Oper sind Freimaurer, die Entstehungszeit sieht die Freimaurerei in voller Blüte und obendrein enthält dieses Kunstwerk ein komplettes Programm der Königlichen Kunst.

Das Bauhaus bietet sich für eine Identifikation ebenfalls scheinbar an. Es gilt heute nahezu unangefochten als zentrale Referenz für Modernität und Kreativität. Die Hochschule gliedert ihr Personal in Lehrlinge, Gesellen und Meister, Walter Gropius spricht sogar vom Bauhaus als „Loge“. Das Problem: Jenes Bild des Bauhauses, das Freimaurer adressieren, um eine Identifikation zu erreichen, entspricht nur der Frühphase der Hochschule. Obendrein ist keiner der bedeutenden Bauhäusler Mitglied unseres Bundes. Das wirft Fragen auf.

An dieser Stelle soll nicht die komplexe innere Struktur und dynamische Geschichte des Bauhauses referiert werden, eine Geschichte, die in der Abfolge der Bauhausorte Weimar, Dessau und Berlin sowie der Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Mayer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) ihr sichtbares Gerüst findet. Die Tatsache einer rapiden Wandlung des Bauhauses zwingt dazu, auch die Identifikation der Freimaurerei mit historisch-kulturellen Vorbildern neu zu denken. Es geht nicht mehr um starre Spiegelungen, sondern um dynamische Befragungen, nicht mehr um Konstellationen, sondern um Prozesse.

Auf dem Hintergrund dieser veränderten Fragerichtung lassen sich fünf Ansatzpunkte ausmachen, von denen aus das Verhältnis von Bauhaus und Freimaurerei sinnvoll diskutiert werden können:

  • Das Bauhaus lehrt uns, dass Menschen nur kreativ miteinander sein können, wenn sie keinen uniformen Verband, sondern ein lebendiges, gleichsam atmendes Netzwerk bilden, das den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Walter Gropius sprach davon, „Alles in der Schwebe lassen“ zu wollen, als er sich zum Bauhaus als Personenverbund äußerte. Bruno Adler sprach von einem „lebendigen Organismus“. Ebenso wie das Bauhaus sollten auch Logen Orte sein, die sich dynamisch entfalten und der Kreativität des Einzelnen Raum geben. Die Verbindung entsteht durch den gemeinsamen Maßstab der Qualität.
  • Das Bauhaus weist uns, analog zum ersten Punkt, darauf hin, dass erfolgreiche Personenverbände ihre permanente Neuerfindung inszenieren und forcieren. Das Bauhaus liefert, ebenso übrigens wie die Documenta, das Musterbeispiel für eine kulturelle „Marke“, die das Ineinander und Miteinander von Identität und Neuerfindung bewältigt und organisiert. Bewegung und Identität sind keine Widersprüche, sondern Pole einer Bewegung, die ständig beide Aspekte im Blick hat.
  • Das Bauhaus liefert vor allem mit seinem Theater vielfältige, bislang überhaupt nicht diskutierte Ansatzpunkte für ein vertieftes Verständnis des Rituals als des Kernelementes der Freimaurerei. Mit seinem Triadischen Ballett führt Oskar Schlemmer am Bauhaus bewegte Bilder als dynamisierte Geometrien auf. Im Vordergrund steht nicht subjektiver Ausdruck, sondern eine konzertierte Bewegung mehrerer Spiele in einem planimetrischen Raum. Das Tanzspiel führt Bilder vor, ihre Schönheit als Ordnung. Dieser Aspekt führt unmittelbar zu den freimaurerischen Idealen mit ihrer Verbindung von Körperbewegung, gesprochener Sprache, Licht, Musik und bildhafter Symbolik.
  • Das Bauhaus organisiert sich nach innen, es wirkt aber auch dezidiert nach außen. Das Bauhaus will mit seinen Gestaltungen auch Gesellschaft verändern. Damit ist keine parteipolitische Aktivität gemeint, sondern ein Engagement für ein verbessertes Leben aller Menschen. Schönheit und Nützlichkeit werden deshalb von den Bauhäuslern zusammen gedacht. Diese Verbindung von innerer Aktivität und äußerer Wirkung fügt sich auch zu der Intention der Freimaurerlogen, mit ihren internen Übungen eine Praxis anzuleiten, die außerhalb der Logen verändernd wirken soll. Der Bezug auf das Bauhaus könnte helfen, diesen Bezug neu zu durchdenken – auch auf seine möglichen Konflikte und internen Widersprüche hin.
  • Das Bauhaus bietet auch ein Lehrstück für eine Dynamik, die ohne Konflikte niemals zu haben war. Erst in der Rückschau erscheint das Bauhaus als ein Monolith der Moderne – vor allem im Hinblick auf seine heute als klassisch erachteten Designprodukte. Die Entwicklung des Bauhauses war aber in Wirklichkeit von internen wie externen Konfliktlagen begleitet. Diese Geschichte sollten auch wir Freimaurer bewusst reflektieren.

Die hier kurz skizzierten Punkte zeigen auf, wie Freimaurer ein produktives Verhältnis zu der legendären Hochschule gewinnen können. Der Blick auf das Bauhaus sollte uns lehren, unser Verhältnis zu historisch-kulturellen Vorbildern insgesamt neu auszurichten. Dabei darf es weniger um bloße, zur Erstarrung neigende Identifikationen gehen als darum, produktive Fragen zu stellen. Es geht um Prozesse, nicht um Bestände! Das Bauhaus lehrt uns vor allem eines: nur diejenigen, die sich heute bewegen, werden morgen die Klassiker sein!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Konzepte, Metaphern, Symbole

Foto: sveta / Adobe Stock

Sprachbilder, wie wir Metaphern üblicherweise wiederum mit einer Metapher umschreiben, sind allgegenwärtig. Sie sind in unserer Sprache sehr viel stärker präsent, als uns im Allgemeinen bewusst ist.

Vortrag auf der 55. Arbeitstagung der Forschungsloge „Quatuor Coronati“, Mannheim, 9./10. März 2019
Hans-Hermann Höhmann, Köln, Ehrenvorsitzender der Forschungsloge „Quatuor Coronati“

Wer immer nachdenkt, strukturiert den Kosmos seines Bedeutungsuniversums durch Metaphern, das heißt, er verwendet Metaphern bereits bevor er mit anderen über Inhalte und Ergebnisse seines Denkens kommuniziert. Unser gesamtes alltägliches Konzeptsystem, auf dessen Grundlage wir sowohl denken und sprechen als auch handeln, ist im Kern metaphorisch, und so wird verständlich, warum George Lakoff und Mark Johnson ihr, die neuere Metaphern-Forschung in hohem Maße inspirierendes gemeinsames Hauptwerk „Metaphors We Live By“ genannt haben, deutscher Titel „Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern“.

Metaphern in der Freimaurerei

Was bedeutet der Komplex „Metapher“ für uns Freimaurer der Gegenwart? Warum behandeln wir ihn auf einer Tagung der Forschungsloge? Welche Rolle spielt er für unsere Kommunikation mit der Öffentlichkeit?

Das sind die Fragen, die mich in meinem Vortrag beschäftigen.

lm Zentrum des Freimaurerbundes stehen für uns Ideen, Ideale und Konzeptionen, mit denen wir Wesen, Strukturen und Ziele der Freimaurerei in eine Sprache fassen, die weitgehend metaphorisch ist, und die in unseren Symbolen und Ritualen ihre Entsprechung findet. Für mich sind dies in erster Linie die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Die wichtigsten Begriffe davon sind uns vertraut: Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe. Wenn wir uns über Ziele, Werte und Leitvorstellungen der Freimaurerei verständigen, wenn wir in der Loge und mit der Öffentlichkeit darüber kommunizieren, dann zeigt sich immer wieder, dass auch unsere Sprache ohne Sprachbilder, ohne Metaphern nicht auskommt, ja dass im Grunde genommen der gesamte Charakter der Freimaurerei, der nicht zuletzt in der symbolischen Übertragung von Bauwerkzeugen auf die moralische Welt besteht, metaphorisch ist. Doch auch bereits vor der Entstehung der modernen Freimaurerei hatten Metaphern in der Welt der Bauhütten eine große Bedeutung, ist doch ohne die Lichtmetapher der gotische Kathedralenbau nicht denkbar.

Da die Metaphern der Freimaurerei mit ihren Konzepten zusammenhängen, können wir mit Lakoff/Johnson auch im masonischen Kontext von konzeptuellen Metaphern sprechen, die teilweise unbewussten Charakter haben, Wesen und Struktur der Freimaurerei teilweise aber auch bewusst zum Ausdruck bringen und unserer Orientierung nach innen und außen dienen. Die konzeptuellen Metaphern der Freimaurerei haben den Charakter von Frames, von Rahmen, die ganze Wissensbestände vom Herkunftsbereich der Symbolik in den Zielbereich der praktizierten Freimaurerei übertragen und dort neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten schaffen. Man kann daher auch von ihrem Brückencharakter sprechen, denn sie verbinden Konzepte mit Symbolen und sind auf diese Weise in die masonischen Rituale eingegliedert, deren Texte ja weitgehend aus Metaphern bestehen. Dauernd erfolgen Transferbeziehungen in zwei Richtungen: Einerseits führt der Weg vom Konzept zur Metapher, dann weiter über die Symbolik ins Ritual. Andererseits verbindet die rituelle Praxis Symbole mit Metaphern, die dann von Konzeptionen vermittelt zum Denken und Handeln des Freimaurers führen. Oder anders ausgedrückt: Wir beginnen mit Praxis und werden zur Praxis zurückgeführt, und das Wesen der Freimaurerei besteht weitgehend in der Dialektik ihrer symbolisch-metaphorischen und ihrer tatsächlichen Formen von Praxis.

Mythen, Metaphern und Systeme

Doch spätestens an dieser Stelle setzen Probleme ein, denn die konzeptionellen Grundlagen der Freimaurer stimmen ja – auch in diesem Kontext dürfen wir nicht daran vorbei denken – von masonischem System zu masonischem System nicht überein. Es gibt ja nicht die Freimaurerei (im Singular), sondern nur die Freimaurereien (im Plural). Dies hat verschiedene historische Ursachen und ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die konkreten maurerischen Systeme auf dem Hintergrund divergierender Mythenstränge entwickelt haben.

Wenn wir uns die Mythen anschauen, um die herum sich die Freimaurereien in den vergangenen Jahrhunderten seit 1717 entwickelt haben, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, die sich aber trotzdem voneinander unterscheiden, ja sich widersprechen können:

  • die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, die in den Logen entschlüsselt werden können,
  • die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters des Freimaurerordens sowie
  • die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, die einzuhalten die Freimaurerei den Bruder lehrt.

lm Verständnis nach Innen aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese Erzählstränge – die ja zu sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei im Hinblick auf Konzepte, Symbole und Metaphern geführt haben – oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns dann wieder in den Geschichten, die andere über uns erzählen. Und hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme. Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, wer und was wir eigentlich sind.

Es wäre nun interessant zu untersuchen, wie sich die konzeptuelle Metaphorik der verschiedenen Spielarten von Freimaurerei voneinander unterscheidet. Und es wäre gleichfalls spannend, die Prozesse aufzuzeigen, durch die sich die Metaphernwelten der einzelnen Freimaureien unter dem Einfluss politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen verändert haben, wenn beispielsweise die Lichtmetapher in der völkischen Freimaurerei der späten 20er und frühen 30er Jahre weithin einen neuheidnisch-arischen Charakter angenommen hat, die einer veränderten freimaurerischen Sinnstiftung dienen sollte. Hier sind noch viele Fragen offen, und es existiert ein umfangreicher Forschungsbedarf.

Die Metaphern der Humanistischen Freimaurerei

Ich muss mich heute allerdings thematisch beschränken, und so möchte ich mich im folgenden Teil meines Beitrags mit der in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanitären Freimaurerei beschäftigen, mit der ich ja in Forschung und Praxis besonders verbunden bin. Dabei möchte ich versuchen aufzuzeigen, wie es in dieser Form von Freimaurerei um die Wirkungskette Konzept – Metapher – Symbol – Ritual strukturell und inhaltlich bestellt ist.

  • Freundschaft und Geselligkeit,
  • ethische Orientierung und moralische Praxis,
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen,
  • Bewährung als Einübung in Lebenskunst.

Zu den bewusst gewählten konzeptuellen Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören für mich in erster Linie vier Gruppen von Metaphern oder auch Metaphernfelder, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden. Ich unterscheide die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „Liebe“, verweise auf die jeweilige Metaphernstruktur und versuche mitzuteilen, zu welchen Sinnstiftungen und Konzepten freimaurerischer Praxis mich diese Metaphernstruktur zurückführt. Dabei ist allerdings stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr in die performative Gesamtstruktur des Rituals eingebunden sind.

Das Metaphernfeld „Licht“

Ich beginne mit Bemerkungen zum Metaphernfeld „Licht“ mit den uns allen vertrauten Metaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell (im Sinne von „Erleuchtung“) konnotiert.

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:
„Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.“ „Lasst uns die Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.“„Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.“„Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.“„Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.“

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, sondern auch für Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so will es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten. ln der Sprache des Rituals: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Das Metaphernfeld „Wandern“

Zweitens Bemerkungen zum Metaphernfeld „Wandern“ mit Metaphern des Wanderns, des Reisens, der Veränderung, des Übergangs: „Die Reisen, welche Sie nun unternehmen, sind Bilder des Lebens.“ „Noch ist der Suchende fern vom Ziel. Mühsam ist der Weg. Lassen Sie uns mutiger vorwärtsschreiten.“ „Der Lehrling muss lernen, im Tempel zu gehen.“ „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben.“

Die Symbolik des Wanderns veranschaulicht den besonderen Charakter der menschlichen Lebensreise. Wandermythen gehören zu den uralten Bestandteilen menschlicher Bewusstwerdung. Wanderepen wie Homers Odyssee erzählen nicht nur das Schicksal von Helden. Sie bezeugen auch die Bestimmung des Menschen, Wanderer zu sein. Auch eine moderne Filmgattung bestätigt immer wieder einen archaischen Befund: Das menschliche Leben ist ein Roadmovie. Der Mensch ist unterwegs, er muss aufbrechen, er verändert sich, er hat Altes hinter sich zu lassen und selbst, wenn er zum Ausgangspunkt zurückkehrt, ist er verändert und hat die Chance, die Veränderung produktiv an sich selbst zu erleben. Rainer Maria Rilke hat dieses „Zurückkehren, aber doch Verändertsein“ bekanntlich in die schöne Metapher vom „Leben in wachsenden Ringen“ gefasst:

„lch lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.“

Die symbolischen Reisen, die der Freimaurer als Suchender, Lehrling oder Geselle unternimmt, gehören zu den wichtigsten Formen performativen Handelns im Ritual, dessen performativer Charakter – wie der Ritualforscher Christian Wulf betont – sehr wesentlich „über die Inszenierung und Aufführung der Körper der beteiligten Menschen“ Ausdruck findet.

Freimaurerei hat mit Wanderungen vielerlei Art zu tun: der Aufnahmekandidat wandert zum Licht, der Lehrling macht „Gesellenreisen“, der Geselle wandert – konfrontiert mit der Unabänderlichkeit des Todes – auf dem Weg zur Meisterschaft, und auch für den Meister wird das „Wandern zwischen Sternen und Gräbern“ immer wieder zu Erlebnis und Anstoß.

Rahmen des Wanderns durch die sich durch Wiederholung von Mal zu Mal vertiefenden rituellen Erlebnisse ist das System der drei freimaurerischen Grade Lehrling, Geselle und Meister. Für mich lässt sich dieser Rahmen durch zusätzliche Ritual-erfahrungen nicht sinnvoll erweitern. Die Wandersymbolik hilft erkennen, dass es sich bei den Ritualen der Freimaurer nicht um Verkündigungsrituale oder Rituale der Manifestation nicht zu hinterfragender Überzeugungen handelt, sondern um Erprobungsrituale oder Rituale der Suche, die schrittweise Erkenntnis und korrigierbares Lernen verdeutlichen, was zugleich bedeutet, dass freimaurerische Rituale bei aller Konstanz ihrer Form „offene“ und keine hierarchisch vermittelten Rituale sind – oder doch sein sollten.

Leben als Wandern zu verstehen, ist auch den Gedanken und Bildern anderer Denksysteme und Ausdrucksformen von Kultur eigen. Die Anschaulichkeit und Intensität der sinnlichen Erfahrung der freimaurerischen Rituale wird allerdings nur selten erreicht. Das freimaurerische Brauchtum ist nun einmal sowohl durch eine besonders sinnreiche Ritualstruktur als auch durch eine besonders eindrucksvolle gruppendynamische Qualität des Ritualvollzugs geprägt.

Metaphernfeld „Bauen“

Nun Bemerkungen zum Metaphernfeld „Bauen“ mit Metaphern des Bauens, des Entwerfens, der Arbeit, der Praxis. Wiederum dazu in ununterbrochen metaphorischer Sprache unser Ritual: „Lasst uns an die Arbeit gehen, Brüder, und die Werkzeuge zur Hand nehmen“. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“ „Die Bausteine, deren wir bedürfen, sind die Menschen.“ „Der rauhe Stein ist das Sinnbild des Lehrlings. Er bezeichnet die rohe Form, welche der Bildung und Veredelung bedarf.“

Die Metaphern des Bauens umreißen Inhalt und Ziel unserer Arbeit: Freimaurer bauen am Tempel der Humanität. Sie verstehen Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltende Bauwerke. Sie gehen davon aus, dass ihrem Bauen eine wertgebundene Bauidee zugrunde liegt, die sie – ohne jede inhaltliche Bestimmung, fern ab von der Dogmatik eines kreativen Designs und ohne, dass die Loge zur religiösen Vereinigung wird – mit dem Symbol eines universellen Großen Baumeisters umschreiben.

Gewiss, wir bauen ein Fenster zur Transzendenz, denn „über sich“ hinaus zu schauen ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Doch was der Maurer sieht, wenn er durch dieses „Fenster“ blickt, ist innerhalb und außerhalb der Loge sein Geheimnis, das ihm durch seine Philosophie oder Religion und nicht durch die Freimaurerei vermittelt wird. Es wäre schamlos, den Bruder danach zu fragen, und es wäre anmaßend, am Inhalt seiner Überzeugungen Anstoß zu nehmen, so lange sie mit den im Konsens der Freimaurer gefundenen Wertvorstellungen übereinstimmen und der Bruder sie nicht selbst mit Freimaurerei vermischt und verwechselt.

Grundlegend für die freimaurerische Bausymbolik ist, dass wir uns selbst als Bausteine verstehen, deren Auftrag und Schicksal es ist, den Weg vom rauen zum behauenen Stein zu nehmen, lebenslang und unabweisbar, aber mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes. Wir bauen eine Heimat für Menschen, eine Heimat, die nicht nur am großen Entwurf des Tempelbaus orientiert ist, die vielmehr – wiederum metaphorisch ausgedrückt – vor allem im tagtäglichen Bemühen, um menschenwürdige Wohnverhältnisse in den Alltagsgehäusen unserer Mitmenschen ihren Ausdruck zu finden hat.

Bauen und Wohnen gehören zusammen. Philosophen ganz unterschiedlicher Ausrichtung wie Martin Heidegger, Ernst Bloch und Otto Friedrich Bollnow, aber auch philosophierende Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry haben betont, dass der Mensch wesensmäßig ein Wohnender ist, der baut, um beheimatet zu sein. Für Bloch ist „Bauen“ ein Produktions-versuch menschlicher Heimat, und Heidegger formulierte im Rahmen des vielbeachteten „Darmstädter Gesprächs“ zum Thema „Mensch und Raum“ im Jahre 1951: „Das Wesen des Bauens ist das Wohnen lassen. Der Wesensvollzug ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume. Nur wenn wir das vermögen, können wir bauen. Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins.“

Das „Nicht-Wohnen-Können“ umgekehrt, die Obdachlosigkeit, das heimatlose Asyl verletzt zutiefst die Würde der davon betroffenen Menschen, nicht nur, weil der Besitz einer Wohnung eine elementare Notwendigkeit für physisches menschliches Überleben ist, sondern auch, weil Haus und Wohnung ganz spezifische kulturelle Identitäten stiften, über die zu verfügen gleichfalls ein Grundanliegen der Menschen ist. Seitdem der Mensch Mensch ist, hat er gebaut, wenn auch das Maß des Menschlichen dabei oft verfehlt worden ist.

Nicht nur einzelne Menschen, auch Gemeinschaften sind auf Raum und Heimat, d. h. auf

Verwurzelung an festen Orten angewiesen. Für Logen gilt dies sogar in einem gesteigerten Maße. Ihre Lebenskraft, ihre rituelle, soziale und kulturelle Entfaltung, die sichere Gelassenheit, mit der sie neue Menschen anzusprechen in der Lage sind, all das hängt davon ab, ob sie Räume besitzen, die Heimat konstituieren. Und von dieser Heimat, diesem Heim her, macht es für uns Freimaurer auch heute noch Sinn, vom „Geheimnis“ zu sprechen.

Das Metaphernfeld „Liebe“

Viertens schließlich Bemerkungen zum Metaphernfeld „Liebe“ mit Metaphern der Mitmenschlichkeit, der Zusammengehörigkeit, der brüderlichen Liebe und der Universalität dieses Miteinanders: „Schöne reine Menschenliebe, Brüderlichkeit aller ist der Mörtel des Tempelbaus.“ „Der Zirkel ist Sinnbild der brüderlichen Gemeinschaft, der den Freimaurer mit allen Menschen verbindet.“ „Die Freimaurerei ist allgemein, sie erstreckt sich über den ganzen Erdboden, und alle Brüder machen nur eine Loge aus.“ „Wir bilden die Kette der brüderlichen Eintracht.“ „Vor allem übt brüderliche Liebe. Sie ist Grundstein und Schlußstein, Kitt und Ruhm unserer alten Bruderschaft.“

Die Metaphern der Liebe bringen zum Ausdruck, dass Freimaurerei menschliches Miteinander bedeutet. Und zwar – wie wir von Lessing gelernt haben – kein Miteinander von Menschen mit besonderen Seinsweisen in nationaler, ständischer und religiöser Hinsicht, sondern ein Miteinander von Menschen als „bloßen“ Menschen, Menschen, denen es – so Lessing im Nathan – „genügt ein Mensch zu sein“.

Damit sich Freimaurerei als menschliches Miteinander ereignet, ist freilich immer wieder der Mut zu einer wirklich umfassenden Begegnung erforderlich. Für den Mitmenschen Sorge tragen, Verantwortung, Respekt und Wissen um einander als Aufgaben ernst zu nehmen und tatsächlich zu praktizieren, hiervon vor allem hängt die Glaubwürdigkeit unseres Bundes ab. Andererseits: Wir geben nicht nur, wir bekommen auch. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber es bleibt dabei: Wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich zu dem kommt, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern besingen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig, fest und schön.

Offene Fragen und Forschungsaufgaben

Zum Abschluss meines Beitrages einige Folgerungen und Hinweise auf offene Fragen:

Erstens: Der metaphorische Charakter der Freimaurerei erfordert gründliche Überlegungen über das, was ich als das Gestaltungsdreieck der Freimaurerei bezeichnet habe, über die Beziehungen zwischen Konzept, Metapher und Symbol. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, das inhaltliche Ideen, sprachliche Ausdrucksformen, symbolische Abbildungen und performativen Ritualvollzug miteinander verbindet. Unsere Ideen finden Ausdruck in unseren Ritualen. Ihre Sprache steht in einem engen Zusammenhang mit unseren Symbolen und hat selbst symbolischen Charakter. Dies macht die freimaurerische Metaphorik einerseits in besonderem Maße für das im Ritual übliche performative Sprechen und Handeln geeignet, lässt andererseits aber kaum zu, dass die Metaphorik des Rituals unvermittelt und direkt in der nicht-rituellen, vor allem der öffentlichen Kommunikation eingesetzt wird. Das könnte schlicht oberflächlich, pathetisch und leer wirken. Der Freimaurer sollte daher mit seinen Metaphern wohldosiert umgehen und versuchen auf ihrer Grundlage zunächst und vor allem ein vertieftes Nachdenken zu erreichen, dessen Resultate sich nicht blamieren, wenn sie aus unseren Gedankenwelten wiederauftauchen und in unsere Diskurse Eingang finden.

Zweitens: Die Zahl sinnvoller konzeptueller Metaphern innerhalb der Freimaurerei – insbesondere in einer humanitären Freimaurerei, einer Freimaurerei, die in der Tradition von Humanismus und Aufklärung steht – ist begrenzt, und so macht es inhaltlich, aber auch im Hinblick auf ihre metaphorischen, performativen und symbolischen Sprachformen in meiner Sicht keinen Sinn, die Metaphernbereiche der Freimaurerei beliebig zu erweitern. Die Metaphern unseres Rituals sollen den Kern des Konzepts „Freimaurerei“ beschreiben, in meiner Sicht das Konzept einer humanistisch orientierten Freimaurerei. Deshalb gilt es auf die Konsistenz der freimaurerischen Metaphernfelder zu achten, und – soweit das Ritual nicht ohnehin einer solchen Konsistenz entspricht –, mit behutsamen Anpassungen der Rituale zu reagieren. Insbesondere dann sind Korrekturen erforderlich, wenn die Sprachform der Metapher nicht mehr dem zugrundeliegenden Konzept entspricht und keine überzeugende Sinnzuschreibung ermöglicht.

Drittens: Metaphern sind wesentliche Elemente der freimaurerischen Rituale, machen jedoch keineswegs ihre Gesamtheit aus. Wesentlich für das rituelle Geschehen sind vor allem auch die Körperinszenierungen, die weithin durch ihren performativen Charakter geprägt sind. Dies gilt insbesondere für die Initiationen (Aufnahmen) und die Übergänge von Grad zu Grad (Beförderungen, Erhebungen). Weiter hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die in den Ablauf des Rituals eingefügte Musik und die „Zeichnungen“, das heißt, die in das Ritual eingefügten kürzeren oder längeren Vorträge. Beides, Musik und Zeichnungen, sollten den Fluss des Rituals stützen und bereichern, nicht aber eine zu starke Eigenwirkung entfalten, ja, es wäre zu überlegen, ob nicht bei Aufnahmen, Beförderungen und Erhebungen ganz auf Zeichnungen verzichtet werden sollte. Nach meinen Beobachtungen sind diese oft zu lang, thematisch nicht stimmig und wirken sich insbesondere auf die innere Beschäftigung des Initianden mit dem rituellen Geschehen negativ aus.

Viertens: Es ist meines Erachtens durchaus lohnend, die Arbeit an Konzept, Symbol und Ritual zukünftig mit einem Ausbau der bisher vernachlässigten Arbeit an der freimaurerischen Metaphorik zu verbinden. Dies ist ja ein bisher weithin brachliegendes Feld, dem sich auch das Ritualkollegium unserer Großloge bisher kaum angenommen hat. Und nichts spricht dagegen, diese Arbeit im Rahmen eines erweiterten Diskurses in Angriff zu nehmen, an dem auch die Schwestern Freimaurerinnen mehr als bisher beteiligt sind. Ich habe im Kontext Ritual und rituelle Sprache viel von meinen Schwestern gelernt und möchte ihre analytische Sensibilität auch, ja gerade beim Komplex Metapher nicht missen.

Insgesamt: Das Thema ist spannend, und es lohnt sich, analytisch auf die Reise zu gehen.

Und so schließe ich mit einem Appell des Aufbruchs, den der Genueser Weltbefahrer Friedrich Nietzsche in einer Seefahrtsmetapher verpackt hat und auf den ich bei der Lektüre von Hans Blumenbergs schönem Metaphernbuch „Schiffbruch mit Zuschauer“ gestoßen bin:

„Auch die moralische Erde ist rund“ – so der Seefahrer Nietzsche –, „es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine.

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Freimaurerei — Tradition des Menschlichen

Foto: Dmitriy Sladkov / Adobe Stock

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht.

Festzeichnung zum 275. Stiftungsfest der Braunschweiger Loge “Carl zur gekrönten Säule” vom 23. Februar 2019

Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

Der Mensch – so hat Goethe einmal gemeint – brauche für seine Entwicklung Wurzeln und Flügel. Doch Wurzeln und Flügel brauchen auch die von Menschen geschaffenen Institutionen, zu denen ja auch die Freimaurerei gehört. Wurzeln braucht die Freimaurerei, weil sie sich – gerade, wenn sie im heute leben und kein erstarrtes Relikt der Vergangenheit sein will – nur von ihren historischen Fundamenten her, nur aus ihrer Geschichte heraus entwickeln und erneuern kann: Dies gilt für ihre Ideen, dies gilt für ihre Symbole und Rituale, dies gilt für die Interdependenzen zwischen Freimaurerei, Gesellschaft, Kultur und politischer Entwicklung. Freimaurerei kann nicht neu erfunden werden: Nur Geschichte bietet Legitimation, nur Geschichte begründet Identität, nur Geschichte ermöglicht Zukunftsorientierung, Orientierung auch für notwendigen Wandel.

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht. Aber wir Freimaurer sind nicht nur Suchende. Wir sind auch Menschen, die gefunden haben. Wir haben Freunde gefunden. Wir haben Sinn gefunden, Sinn, der durch die alten Werte Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz vermittelt wird, und wir haben im Tempel einen Raum der Innenschau gefunden, in dem wir uns selbst in der Beziehung zu unseren Brüdern neu und kreativ erleben können, einen Raum, wo wir dem auf die Spur kommen, was das Leben erfordert: Sicherheit der Orientierung, gelassene Kraft und inspirierende Freude! Auf diesem festen Fundament aber gilt wiederum – wie für den einzelnen Maurer, so auch für die Freimaurerei insgesamt – die Pflicht zum Aufbruch! Nur wenn wir uns verändern, können wir bleiben, was wir sind: eine alte und doch zukunftsfähige Bruderschaft.

Am Beginn der freimaurerischen Geschichte als historisch greifbarer Institution, am Beginn des 18. Jahrhunderts, vor mehr als 300 Jahren, standen vielfältige Motive und Erwartungen:

  • Hoffnungen auf das Erlebnis menschlicher Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und religiösem Bekenntnis;
  • Hoffnungen auf neue Formen gesellschaftlicher Einbindung in den die Menschen oft entwurzelnden Wandlungsprozessen des 18. Jahrhunderts;
  • Hoffnungen auf eine dogmenfreie, lichte Religiosität;
  • Hoffnungen auf einen sicheren Raum für Kritik und Reflexion in den repressiven Strukturen des Absolutismus, orientiert an der Utopie einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politischen Zukunft.

Die Worte und Töne von Mozarts „Kleiner Freimaurer-Kantate“ bringen wohl mehr als Dokumente allein aus Papier jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre der Loge „Carl zur gekrönten Säule“ bestimmt haben mag, die vor 275 Jahren in der ersten großen Gründungswelle der deutschen Logengeschichte hier in Braunschweig konstituiert wurde, die mit Stolz die Matrikelnummer 15 trägt und deren Stiftungsfest wir heute feiern.

Es geht um jeden einzelnen Menschen

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ – so gibt der besorgte Priester vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro hat das bessere Argument, wenn er feststellt: „noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift “Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer” aus dem Jahre 1778, geschrieben in bester Braunschweiger Nachbarschaft: „Die Staaten“ – so heißt es dort – „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“ Und an einer anderen Stelle von „Ernst und Falk“ heißt es scharf anti-ideologisch pointierend, dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen“ zur Absicht gehabt hätte, „sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Es war die Aufklärung, die vor mancherlei Irrwegen im späten 18. Jahrhundert – Stichwort „strikte Observanz“ – weitgehend das Denken und das Dichten der Freimaurer bestimmte. Die Texte der Lessing, Wieland und Herder, lebendig geblieben bis in unsere Zeit, sind Ausdruck der in ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. „Die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“ Dies sind noch einmal Worte Lessings zur Bedeutung, die der Freimaurerbund im 18. Jahrhundert als fortschrittliche soziale Kraft besessen hat. Die moderne Aufklärungsforschung bestätigt diesen Befund, so wenn etwa der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck die Logen in seiner epochemachenden Schrift „Kritik und Krise“ von 1959 als das „stärkste Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert“ bezeichnet.

Das Angebot der Freimaurerei

Damals war das Angebot der Freimaurerei ebenso eindeutig wie attraktiv. Damals schlossen sich Bürgerliche und aufgeklärte Adelige über trennende gesellschaftliche Schranken hinweg in den Logen zusammen, um als „bloße Menschen“ am Gerüst einer besseren Welt zu „arbeiten“. Ihre Ziele waren gesellschaftliche Gleichheit, menschliche Aufgeschlossenheit und Toleranz, Selbstbefreiung durch Erkenntnis und Wissen, Frieden und Weltbürgertum. Die Logen verstanden sich dabei nicht als politische Aktionsgruppen. Sie bildeten in ihrem informellen Verbund vielmehr eine „moralische Internationale“ (auch dies ein Wort Kosellecks), wie ja auch schon im Jahre 1723 die erste der alten Freimaurerpflichten gefordert hatte: „Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, das Sittengesetz zu befolgen“. Doch diese Verpflichtung allein auf moralische Maßstäbe, vermittelt durch das individuelle Gewissen, machte die Freimaurer bald den reaktionären Kräften in etablierter Politik und Religion verdächtig, führte zu Verboten und Verfolgungen und veranlasste die Freimaurer wiederum, sich durch Verschwiegenheit vor dem Zugriff der absolutistischen Staaten und der Kirchen zu schützen.

Das Logengeheimnis hatte eine doppelte Funktion: Es schützte vor Verfolgung und bewirkte eine festere Integration der Logenmitglieder, denn – so der Freimaurer Goethe – „auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“. Das Geheimnis der Freimaurer hatte zugleich einen dialektischen Charakter: Im Geheimen bereitete sich Öffentlichkeit vor. Die Logen waren, nach der Kennzeichnung des Historikers und Philosophen Jürgen Habermas, „Enklaven bürgerlichen Gemeinsinns“. „Die Freiheit im Geheimen“, so wiederum Koselleck, „wurde zum Geheimnis der Freiheit“, jener Freiheit nämlich, die bald als breiter Strom die europäische und nordamerikanische Geschichte erfassen sollte.

Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft gehörten dem Freimaurerbund an. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen als „Mode des Jahrhunderts“ – so der Preußenkönig Friedrich – einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit. Doch Freimaurer waren nicht nur Verkünder von Ideen, sie waren auch Träger und Gestalter von Kultur, und Namen wie Lessing, Goethe und Mozart markieren Haltepunkte auf einem Spannungsbogen der Schönheit, der Sinn und Sinnlichkeit, Prinzip und Lebensfreude, Kunst und Kultur miteinander verbindet.

So weit, so gut.

Aber ist diese Geschichte heute noch lebendig? Reicht der umschriebene Spannungsbogen freimaurerischer Tradition kraftvoll in die Gegenwart hinein? Hat der Freimaurerbund auch heute noch eine Funktion in der Gesellschaft?

Wir Freimaurer wissen, dass wir uns diesen Fragen zu stellen haben, immer wieder und nicht zuletzt an Haltepunkten unserer Geschichte, wie Stiftungsfeste sie darstellen. Wir müssen nach Antworten suchen, um fähig zu sein, unsere eigene Zukunft zu gestalten und um andere Menschen dazu einzuladen, unseren Weg mitzugehen. Dabei hängen Klärung nach innen und Auskunft nach außen untrennbar zusammen: Uns Freimaurern kann an unserem Bund immer nur das deutlich werden, was sich in klarer Sprache nach außen vermitteln lässt.

Was ist der Freimaurerbund in der Gesellschaft von heute?

Zunächst: Was ist er nicht? Er ist nicht, was alte und neue Fehlbeurteilungen in ihm sehen: Er ist keine politische Bewegung, er ist keine Macht im Verborgenen, er ist weder Geheimbund noch Verschwörung, er ist nicht Ersatzreligion, Nebenkirche oder esoterische Sekte. Er ist ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Gefahren und Herausforderungen etwas mehr Geltung in der tagtäglichen Realität zu verschaffen.

Dabei wirken wir nicht durch das Propagieren unserer tradierten humanitären Leitvorstellungen, die heute auch bei vielen anderen politischen und sozialen Gruppierungen anzutreffen sind, wir paradieren nicht unter den Spruchbändern der Propaganda, und wir wirken schon gar nicht durch politische Profilierung und Radikalität, der sich die Freimaurerei bewusst versagt. Wir wirken vielmehr durch eine schlichte, aber wirksame Methode: Wir versuchen ganz einfach, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner dreifachen Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen und einer emotionalen Persönlichkeit, die in jeder dieser Eigenschaften ganz spezifische Bedürfnisse hat, und wir bemühen uns in unseren Logen darum, diesen Bedürfnissen gleichzeitig zu entsprechen.

Wie können wir das?

Ganz einfach durch den besonderen, auf drei Säulen ruhenden Charakter des Freimaurerbundes:

  • als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen;
  • als ethisch-moralisch ausgerichteter Bund, der sich an bleibend gültigen Werten und Überzeugungen orientiert
  • und schließlich, aber nicht zuletzt als symbolischer Werkbund, der sein überliefertes Brauchtum, seine Symbole und seine Rituale zur gefühlsmäßigen, erlebnishaften Vertiefung seiner Überzeugungen nutzt.

Dieses dreifache Angebot, von dem wir Freimaurer meinen, das es der Grundsituation des Menschen als dem fragenden, dem suchenden Wesen entspricht, scheint uns nun durchaus aktuell zu sein in der heutigen Zeit der gesellschaftlicher Umschichtung, des Wandels vieler sozialleitender Werte und des Aufkommens zahlreicher neuer Bedrohungen der Menschlichkeit sowohl in der individuellen Lebenswirklichkeit jedes einzelnen von uns als auch in gesamtgesellschaftlicher, ja globaler Dimension.

Die drei genannten Säulen – Gemeinschaft, ethisch-moralische Orientierung und rituelles Brauchtum – gehören untrennbar zusammen und stehen doch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Freimaurerei gelingt immer da, wo die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit des Bruderbundes und seiner prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neue Ideen und neue Erfahrungen kraftvoll ausgehalten wird.

Erste Säule: Freimaurerei als Freundschaftsbund

Zunächst: Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen wollen die Freimaurerlogen der Gefahr einer Isolierung des Einzelmenschen in der modernen Konsum- und Industriegesellschaft entgegenwirken. Sie folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufs- und Arbeitswelt, durch die Digitalisierung, durch die Ausdifferenzierung des Konsum- und Freizeitverhaltens und durch die Folgeerscheinungen der Migration neue Schranken zwischen den Menschen entstanden. All diesen Spaltungen gegenüber wollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein, sie wollen als „Kitt“ wirken, der die Gesellschaft zusammenhält und der so nötig ist in einer Gesellschaft, die auseinander zu treiben scheint.

Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden. Allerdings: Lebendig sind die Logen nur dann, wenn die Brüder sich und ihren Bund als Freimaurer ernst nehmen. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr. Nichts ist wichtiger als durch engagierte Mitmenschlichkeit glaubwürdig zu sein.

Zweite Säule: Freimaurerei als Wertegemeinschaft

Freimaurer wissen, dass der Mensch ohne Lebenssinn und moralische Orientierung nicht leben kann. Der Mensch will wissen, was Gut und Böse ist, – so konstatierte bekanntlich schon das Buch Genesis. Er braucht Werte. Dieser Grundnotwendigkeit menschlicher Existenz wollen die Freimaurer Rechnung tragen. Sie versuchen auch heute, sich an den alten und zugleich stets aktuellen Werten ihrer besten Tradition zu orientieren: Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit.

Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt. Zum einen sehen wir durchaus einen Vorteil darin, mit anderen Menschen und Gruppen guten Willens in bestimmten Kernwerten überein zu stimmen, Kernwerten, ohne die keine individuelle und soziale Existenz gelingen kann. Und wir haben es durchaus als Bestätigung erlebt, als ein großes geistiges Vorhaben der jüngeren Vergangenheit, wie das von Hans Küng propagierte Projekt „Weltethos“ sich vielfältig mit freimaurerischem Gedankengut berührte.

Zum anderen kommt es uns nicht auf das Propagieren, sondern auf das Umsetzen ethisch-moralischer Positionen an. Und so besteht Freimaurerei nicht zuletzt im Praktizieren ganz bestimmter Methoden zur Einübung und Umsetzung der genannten Kernwerte: „Einübungsethik“ ist deshalb die Ethik der Freimaurerei vom Aachener Philosophen und Freimaurer Klaus Hammacher zurecht einmal genannt worden.

Auf ein ganz persönliches und individuelles Einüben von Umgangsstilen vor allem ist sie angelegt:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst,
  • Stile des Umgangs mit dem Mitmenschen,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz.

Im Rahmen dieser „Einübungsethik“ kommt neben dem alten Bauhüttenbrauchtum dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Auch hier hat Lessing das Leitmotiv angegeben: „Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde.“ Ein Diskurs unter Freunden soll Möglichkeiten schaffen, sich zu orientieren, die Welt klarer zu erkennen, sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken und sich im Miteinander suchender Menschen zum humanitären Handeln zu motivieren.

Vor allem muss es uns darauf ankommen, eine neue Sensibilität zu entwickeln. Freimaurer sollten sich um die Einsicht bemühen, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten. Damit dies gelingen kann, ist Offenheit erforderlich:

  • Offenheit für das Wahrnehmen zeitbestimmender, möglicherweise zukunftsgefährdender Trends,
  • Offenheit für innovative Lösungen,
  • Offenheit für den Mitmenschen im unvermeidbaren Lösungskonflikt, wozu auch die Bereitschaft gehört, eigene Interessen lediglich maßvoll zu vertreten.

Nicht zuletzt aber ist die strikte Verpflichtung zu einer kritisch-selbstkritischen Haltung erforderlich. Eine solche fällt, so wie wir Menschen nun einmal sind, nicht leicht. Rechthaberei ist auch den Freimaurern nicht fremd. Doch um Abhilfe zu schaffen, kann auch hier an Traditionen der Aufklärung und an altes freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Einsicht nämlich, dass selbst das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen.

Es geht um die einmal von Karl Raimund Popper formulierte Erkenntnis, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, „die zugibt“, – so Zitat Popper – „dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“

Hier ist auch abermals an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, „dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht“, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Dritte Säule: Freimaurerei als symbolischer, als ritueller Werkbund

Wenn der Freimaurerbund sich schließlich als Symbolgemeinschaft eines überlieferten Bauhüttenbrauchtums – präziser: Brauchtums eines moralischen Bauens – und noch älterer, kulturgeschichtlich tradierter Symbole bedient, wenn er versucht, archaische Mythen in rituellen Handlungen seelisch erlebbar zu machen, so will er damit einem einseitigen Vordringen rationaler Tendenzen und dem damit verbundenen Zurückdrängen der emotionalen Seite menschlicher Existenz entgegenwirken. Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch den technischen Fortschritt und die von ihm geprägte Unrast des zivilisatorischen Daseins bedarf der Ergänzung und der Korrektur durch einen Raum der Besinnung, der Kontemplation, der Stille, der Suche nach einem ganz anderen und zugleich ganz wesentlichen Sein.

Freimaurer verschließen sich nicht den modernen technischen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz, die der Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt, werden Wege aufgezeigt in das oft verschüttete Universum in uns selbst.

Zunächst: Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus unterschiedlich sein:

  • Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-Sich-Kommen.
  • Jener mag in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch – Welt, Mensch – Kosmos, Immanenz – Transzendenz.
  • Ein anderer wiederum schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt.

Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum “Offenheit” eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist. Auch im Ritualverständnis ist dem Freimaurerbund jeder sektiererische Fundamentalismus fremd: Freimaurerei als geordnete Freiheit – dies gilt auch hier.

Da ist einmal der geschlossene Logenraum, die Bauhütte, der Tempel, in der wir einen Teil unserer Veranstaltungen abhalten, als Stätte der Ruhe, der Besinnung, der Selbsterfahrung. Freimaurerlogen sind keine Fluchtburgen vor den Pflichten des Alltags, keine Schutzwälle, hinter denen sich lebensuntüchtige Männer mit dem Rücken zur Gegenwart in die vermeintlich heile Welt des Mittelalters zurückträumen. Bauhütten wollen aber Plätze der Nachdenklichkeit sein, des Sammelns von Kraft für die Anforderungen, die das Leben täglich an jeden einzelnen von uns stellt.

Da ist weiter die rituelle „Arbeit“ als Ordnung der Zeit. „Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum“ ist, betont der französische Dichter Antoine des Saint-Exupéry. Dies wird von ihm weiter erläutert: „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.“ Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene Haltepunkte. Unsere Tempelarbeit soll ein solcher Haltepunkt sein, kein Ausstieg, wohl aber eine Atempause im Strom der geschäftigen Zeit, ein festliches „Moratorium des Alltags“ (Odo Marquard). Freimaurer verstehen es, Feste zu feiern! Vielleicht macht auch dies einen Teil der von ihnen angestrebten und praktizierten Menschlichkeit aus.

Ein Weiteres: Freimaurerisches Brauchtum ist Mittel der Erziehung. Viele Symbole unseres Bundes sind Maßstäbe kritischer Prüfung: der rechte Winkel als Maß richtigen, gerechten Handelns, der vierundzwanzigzollige Maßstab als Mahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, die Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Ein Viertes: Wesentlich ist auch, dass freimaurerisches Brauchtum bildhaftes Erleben menschlicher Entwicklung vermittelt. „Rites des passages“, Übergangsriten, symbolische Reisen verdeutlichen menschliche Entwicklung, zeigen die Gefährdung des Menschen, seine Einsamkeit, ja seinen Tod, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und die Pflicht der Gemeinschaft zu helfen.

Auch die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters symbolisieren menschliche Entwicklungspotentiale. Nicht in dem Sinne, dass irgendein Freimaurer Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“. Hier wirkt ein positives Menschenbild, das Sicherheit gibt und Selbstvertrauen stärkt.

Letztlich vermittelt das freimaurerische Brauchtum auch Hinweise auf eine höhere Verantwortung des Menschen, auf seinen Bezug zur Transzendenz. Wenn wir Freimaurer das Symbol des Großen Baumeisters aller Welten als Zeichen für ein höheres Ordnungsprinzip verwenden, so erinnern wir uns daran, dass sinnvolles Leben wohl nur dann gelingen kann, wenn sich der Mensch einem übergeordneten Prinzip, einer transzendenten Seinsschicht, einem “supreme being” (so nennt es die englische Freimaurerei) verantwortlich und auf diese rückbezogen fühlt. Freimauerei ist keine Ersatzreligion, und die Logen sind keine Konkurrenz- oder Nebenkirchen. Die Bauhütte mit ihrer Symbolik ist jedoch eine Stätte, die den Menschen – einerlei ob er glaubt, ob er Agnostiker ist oder Atheist – in höhere, umgreifende Zusammenhänge stellt, die ein Fenster offen hält zur Transzendenz, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

All diese Wirkungen unserer Symbole und Rituale werden nun dadurch vermittelt, dass sich die Brüder Freimaurer in der Geschichte ihres Bundes vier große Symbolkomplexe geschaffen haben, vier Gruppen von masonischen Lebensmetaphern sozusagen, die Freundschaft, Ethik und Ritual zusammenbinden und das Gedachte und Gewollte in unsere Person einschreiben, damit es wirken und unser Denken und Handeln bestimmen kann: Die Metaphern des Lichtes, die für Wahrheit, Aufklärung und Transzendenz stehen, die Metaphern des Wanderns, des Reisens, die uns deutlich machen, dass wir unterwegs sind, dass wir Aufgaben haben, dass uns Gefahren drohen, dass wir darauf Achthaben müssen, dass uns die Zeit nicht nutzlos verrinnt, die Metaphern des Bauens, die uns auffordern, tätig zu sein zum Besseren der eigenen Person und zum Besseren der uns umgebenden Welt und die uns anmahnen, dafür zu sorgen, dass der Tempel der Humanität, dessem Weiterbau wir uns ja verschrieben haben, nicht vorzeitig zur Bauruine wird. Schließlich die Metaphern der Brüderlichkeit, der Mitmenschlichkeit, der Liebe. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich bleibt bei dem, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern singen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig fest und schön.“

Ich komme zum Schluss:

  • Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen,
  • Freimaurerei als Ethos und als Bindung an unverändert gültige Werte,
  • Freimaurerei als Symbolbund:

Dies zusammen in spannend-spannungsvoller Einheit – als „Gesamtkunstwerk“ gleichsam – bildet Reichtum und Wesen unserer Überlieferung. Freimaurerei ist keine Ideologie, sie stellt kein flächendeckendes Programm dar und bedeutet schon gar nicht politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn überhaupt eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfens und Bereitseins. Freimaurerei in diesem Sinne lebendig zu halten und hinein wirken zu lassen in die Gegenwart, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken und ausgeprägter Identität, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit und in guten Stunden gar mit dem ganzen Charme eines zutiefst menschlichen Spiels, das ist unsere Aufgabe, das ist der Auftrag der humanitären Freimaurerei, die dem Menschen dienen will, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

Wir wissen um Herkunft und Auftrag. Wir sind uns bewusst, dass es mehr denn je auf den auf den verantwortlichen Menschen ankommt, aber auch auf den ganzen Menschen, der Vernunft und Emotionalität, Eigenständigkeit und Hinwendung zur Gemeinschaft verbindet.

Für diesen Menschen haben wir ein Angebot, ein Angebot, von dem wir meinen, dass es nicht überholt, sondern durchaus aktuell ist: das Angebot Freimaurerei!

Wir Freimaurer wissen dabei, dass wir heute eine Gruppe unter vielen sind, die sich um Leben, um Frieden, um Menschlichkeit bemühen, und wir wissen auch, dass viele dazu beitragen müssen, um Wege aus der Gefahr zu finden und dieser Welt eine verlässliche Zukunft zu sichern.

Wir wollen unseren Beitrag leisten, denn unsere Überzeugungen und unsere Symbole fordern uns dazu auf. Lösungen erfordern freilich Ausdauer. Unerlässlich bei der Suche nach Lösungen ist ein „unentmutigter Starrsinn, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „(der) auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht aufhört, seine Fragen an die Welt zu stellen.”

Und Lenz schloss mit Worten, die heute auch meine Schlussworte sind:

„Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei zeugen von der Beharrlichkeit einer Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

Foto: aitoff / pixabay.de

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Voraussetzungen der „offenen“ Gesellschaft

Foto: ake1150/ Adobe Stock

Wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Vortrag für das 8. Freimaurer-Kolloquium der Loge "In Treue fest" in München
Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

„Der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft“ – so hieß es im Grußwort des Projektleiters zum 5. Münchener Freimaurer-Kolloquium im Januar 2012. Dem stimme ich zu, und ich bekenne, dass es in meiner langen Freimaurerzeit vor allem diese Schnittstelle gewesen ist, die mich immer wieder interessiert hat. Und ich vermute auch, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Denn wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Das vor allem von Karl Raimund Popper, dem zuletzt in London lehrenden Philosophen, entwickelte Konzept der Offenen Gesellschaft ist das Konzept eines demokratischen Pluralismus. Entwickelt in den frühen 1940er Jahren, in der Zeit militanter Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus, richtet sich Poppers Konzept ausdrücklich gegen alle totalitären Versuchungen und gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem großen gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit, Schutz der Minderheit vor allem im Sinne der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden und die Regierung zu übernehmen. Offen sind gesellschaftliche Verhältnisse nur dann, wenn Minderheiten auf demokratischer Basis politisch und kulturell angemessen Ausdruck finden können. Kulturell sind für die Idee der Offenen Gesellschaft Meinungsfreiheit, Dissens und Konflikt von grundsätzlicher Bedeutung. „Wahrheit“ als letzte Instanz des politischen Argumentierens ist nur denkbar bis zum Beweis des Gegenteils. Wahrheit muss offen für einen solchen Beweis sein, für die Chance ihrer Widerlegung, Hypothesen müssen falsifizierbar bleiben und Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiösen Stellungnahmen und religiöser Kritik an Politik und Zivilgesellschaft ein besonderes Gewicht zukommen dürfte. Alle Diskursteilnehmer in der öffentlichen Arena haben vielmehr den gleichen Rang, und im Diskurs gilt das vernünftige Argument.

Für mich als Freimaurer ist es selbstverständlich, Anhänger des Konzepts der Offenen Gesellschaft zu sein, und ich halte es für unverzichtbar, über ihre institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nachzudenken, und zwar laut nachzudenken. Denn wenn es so etwas gibt wie eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei, so ist es die der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Grundlagen und Praxis der Offenen Gesellschaft. Dieser Diskurs muss innerhalb der Freimaurerei geführt werden, aber auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Gesellschaft außerhalb des Freimaurerbundes. Die Freimaurer der Gegenwart sollten den Mut haben, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus. Freimaurerei im heutigen Selbstverständnis bedeutet Teil der Zivilgesellschaft zu sein und sich auch in der sozialen Praxis als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren, wobei ihr nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anwältin gesellschaftlicher Gesprächsfähigkeit zufällt.

Politik ist heutzutage verbal unter Beschuss geraten. Dabei geht es oft ebenso heftig wie ungerecht zu, und insbesondere auf der Anklagebank der sozialen Medien wird kaum Pardon gegeben. Jeder weiß die Antwort, kaum einer jedoch kennt noch die Frage. Der Freimaurer aber sollte vor allem lernen, auf sensible Weise Fragen zu stellen, und so möchte ich mich zunächst dafür interessieren, was eigentlich die Voraussetzungen einer gelingenden Politik sind.

Voraussetzungen gelingender Politik

Einerlei, ob es um innerstaatliche Entwicklungen geht, um den Fortschritt der Integration, um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Offenen Gesellschaft, um internationale Beziehungen oder um die Gestaltung des künftigen Europas: stets hat das Gelingen von Politik mindestens vier unverzichtbare Voraussetzungen:

Erstens muss ein möglichst widerspruchsfreier institutioneller Rahmen vorhanden sein, der aus verbindlichen Normen, aus Gesetzen von der Verfassung bis hin zu einzelnen Rechtsregeln und Vorschriften besteht. Ohne einen solchen Rahmen lassen sich politische Abläufe im Inneren wie in der internationalen Politik nicht zufriedenstellend regeln.

Innerhalb dieses Rahmens müssen zweitens klare, konsistente und ausreichend akzeptierte Konzeptionen für das Handeln der politischen Akteure vorhanden sein. Ohne fundierte Konzeptionen sind zieladäquate, effektive und zugleich effiziente Maßnahmen der Politik auf all ihren Feldern nicht zu gewährleisten.

Drittens muss es in allen Bereichen des politischen Nachdenkens, Entscheidens und Handelns leistungsfähige Akteure geben, Politiker, die mit „Leidenschaft und Augenmaß“ – so Max Weber – politische Konzepte im Rahmen der gegebenen Institutionen professionell und wirkungsvoll umzusetzen verstehen.

Viertens schließlich gelingt Politik nur auf der Basis von kulturellen Faktoren, zu denen in erster Linie Vertrauen, Motivationen, Überzeugungen und Wertvorstellungen gehören. Menschen müssen nicht nur wissen, was sie tun und in welchem Ordnungsgefüge sie handeln, sie müssen auch wissen, warum sie handeln, und vor allem müssen sie über innere Maßstäbe verfügen, die sie verpflichten, ethisch verantwortlich tätig zu sein.

Immer deutlicher wird, dass die Probleme der Offenen Gesellschaft nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Sie lassen vielmehr nach der Beschaffenheit der in einem Lande lebendigen Bürgerkultur fragen, und das heißt vor allem nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft, und zwar nicht im Sinne von Wertrethorik und schön formulierten, aber weitgehend unverbindlichen Wertkatalogen, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Die Kultur eines „neuen Wir“

Je mehr die westlichen Gesellschaften durch Zuwanderung multikulturell werden, desto mehr muss sich durch die Vielfalt der Kulturen hindurch eine übergreifende Kultur der Über-einstimmung entwickeln, die Kultur eines „neuen Wir“, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und der alten Bürger wird. Dabei darf es sich nicht um die Kultur eines antiquierten, völkisch geprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus handeln. Als Grundlage von Demokratie und Offener Gesellschaft zu erhoffen ist vielmehr die Entwicklung der Kultur eines demokratischen Verfassungspatriotismus, die keine deutsche, die eine europäische Leitkultur ist und in den Traditionen der Aufklärung wurzelt.2

Eine solche Gemeinschaftskultur könnte die entstehende vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten, sie könnte – um ein Wort von Bundespräsident Steinmeier aufzunehmen – zum „Kitt werden, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält“, zusammenhält, ohne irgendeine der zahlreichen ethnischen und religiösen Identitäten zu missachten, die zu unserer Gesellschaft heutzutage gehören. Diese Identitäten sind ja nicht nur die Identitäten der einwandernden Bevölkerung. Jede soziale Gruppe der Offenen Gesellschaft hat ihre eigene Identität, die auf einer jeweils spezifischen Kultur beruht und das Recht hat, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Die Kulturen dieser Gruppierungen sind im Prinzip durchaus mit einander zu vereinbaren, und jede Gruppe wie auch jeder einzelne Mensch kann Träger vieler Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. In uns allen sind sehr verschiedene kulturelle Schichten miteinander vereint. Was diesen Pluralismus sozial und politisch aushaltbar macht ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen, frei und demokratisch zugehen soll in dieser Gesellschaft.

Allerdings: Wie jede Kultur kann eine solche Grundeinstellung der Gemeinsamkeit vom Staat nicht verordnet werden. Es muss und kann aber in allen Bereichen der Zivilgesellschaft durch wohlüberlegte und koordinierte Bemühungen unablässig darauf hingewirkt werden, dass sich eine solche gemeinwohlorientierte Grundeinstellung entwickelt. Versagen wir dabei, so droht unsere Einwanderungsgesellschaft in einer Dauerkrise zu versinken.

Wie aber könnte eine neue verbindende Gemeinschaftskultur, eine Kultur des neuen Wir geschaffen werden? Es ist mittlerweile klar geworden, dass das handlungsprägende Bewusst-machen dessen, was uns in einer „bunten“ Gesellschaft miteinander verbindet, kaum durch Predigten oder Verordnungen gelingen kann. Die gesellschaftliche Praxis, die reale Teilhabe aller an den Möglichkeiten, in der Gesellschaft präsent zu sein, ist die Grundvoraussetzung: Das Einräumen von Bildungschancen, das Vorhandensein von Wohnraum ohne Gettoisierung, das Angebot von Arbeitsplätzen gehören dazu. Menschen, die täglich zusammenarbeiten, die sich in Bildungseinrichtungen, Verkehrsmitteln und sozialen Institutionen treffen und sich beim Einkaufen begegnen, brauchen keine Theorien, um einander näher zu kommen. Die Herausbildung einer solchermaßen verbindenden Alltagspraxis der Menschen gleich welcher Herkunft in den zunehmend gemischten Lebenswelten unserer Gesellschaft ist nicht nur wünschenswert und möglich, sie ist auch unverzichtbar, wenn den erkennbaren Ansätzen zur Verfestigung von Parallelgesellschaften mit dem Potential sozialer Spaltungen entgegengewirkt werden soll. Und wenn die Medien bei all dem eine flankierende Rolle spielen, dann sind die Menschen – seien sie Altbürger, seien sie Neubürger – auch weniger empfänglich für die Hetztiraden der Fremdenfeinde von rechts außen.

Ich folge Thomas Meyer darin, dass in der deutschen Zivilgesellschaft ein Schub für das „neue Wir“ erfolgen sollte, vergleichbar vielleicht in Zahl und Leidenschaft der „Willkommenskultur“ des Jahres 2015. Das damalige Engagement müsste nun in der Phase der „eigentlichen“ Integration in eine Vielzahl beständiger Gemeinschaftserfahrungen zwischen Migranten und Eingesessenen in Lebenswelt und Zivilgesellschaft verwandelt werden. Nur so kann das Notwendige erreicht werden: Aus den vielen Teilen unserer vielfältiger werdenden Gesellschaft sowohl im sozialen Bewusstsein als auch in der gesellschaftlichen Praxis zu einer Einheit zu finden, die den Grunderfordernissen einer demokratischen Ordnung entspricht.

Eine solche soziale Basiskultur, wie ich sie einmal nennen möchte, verträgt sich durchaus mit dem Prinzip der Offenen Gesellschaft, denn sie greift nicht in die privaten Bereiche der Bürger ein. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interaktionskultur, die Verständigung und Zusammenleben der Menschen über die Differenzen von Gruppenkulturen hinweg ermöglicht.

Integration auf der Basis einer Kultur der Gemeinsamkeit gelingt freilich nicht von heute auf morgen. Sie hat einen langfristigen Charakter. Aber wir sind inzwischen weiter damit vorangekommen, als die Zerrbilder der völkischen Rechten uns glauben lassen wollen, und es wäre ein Fehler, den Fortschritt der Integration und die mehr und mehr etablierte Steuerungs-funktion von kulturellen Prägungen und Wertefeldern allein an der nun wirklich beklagenswerten Ausländerkriminalität zu messen. In der Tat: Integration ist ein mühsamer, manchmal auch schmerzhafter und widersprüchlicher Prozess. Deshalb ist es jetzt auch erforderlich, eine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik mit einer zügigen Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verbinden. Dass jede Abschiebepolitik fester, grundgesetzkonformer Rechtsregeln bedarf, versteht sich für die Offene Gesellschaft von selbst.

Offene Gesellschaft und Humanistische Freimaurerei

Wenn nun wir Freimaurer uns dem Problem der Offenen Gesellschaft zuwenden und uns fragen, was zu unserer heutigen masonischen Leitkultur gehört und welche „öffentlichen“ Beiträge wir zu leisten in der Lage sind, so müssen wir zunächst einräumen, dass die freimaurerische Werteerzählung für die Gegenwart zuvor einer neuen Struktur bedarf, dass sie nicht so sehr im Allgemeinen verbleiben darf und dass sie sich vor allem auf Wertepraxis zu konzentrieren hat, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein säkularer, ein weltlicher Humanismus.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Erde sowie eine nachhaltige und gerechte Nutzung ihrer Ressourcen ist Basis jeder ethisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem, sozialem und internationalem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.

6. Die Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.

7. Schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Die genannten sieben Postulate bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Damit nun die Werte eines gleichermaßen auf Herkunft wie auf Zukunft bezogenen Humanismus im Bewusstsein der Menschen heutzutage präsent sind, damit sie in der Praxis etwas wert sind, müssen sie vermittelt werden – in der Freimaurerei wie in der Gesellschaft, deren Teil der Freimaurerbund ist. Hierzu bedarf es eines individuellen und gemeinsamen Nachdenkens und Handelns.

Zunächst: Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten uns angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und vor allem auch vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren1 ganz klar darüber sein, wie bedrohlich es für Individuum und Gesellschaft ist, wenn Vernunft, Augenmaß und Werte in den Hintergrund rücken und das mörderische Potenzial von völkischen Vorurteilen und aggressiven Ressentiments gegen Ausländer an ihre Stelle tritt. Deshalb bedarf es zur Sicherung humaner Lebenswelten auch nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, einer Zivilgesellschaft, die die Menschen – einzeln und ihren verschiedenen Gruppen – kooperativ zusammenbindet.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Was sind sie in der politisch-gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit wert?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?

Nützlich sind Werte für die Gesellschaft gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern durchaus anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Hierzu fünf abschließende Überlegungen:

Arbeitsfelder der Offenen Gesellschaft – Freimaurer in der Zivilgesellschaft

Erstens: Neuorientierungen in der Politik und kultureller Wandel erfordern Zeit. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm. Die notwendige Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Wertorientierungen, es geht auch um eine im konkreten politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Harald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Denn eines der wirklich dramatischen Gegenwartsprobleme lautet doch zweifellos: Was sind Fakten in der heutigen Mediengesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Bewusstsein nicht längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesellschaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alternative Fakten“ (sprich Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, wenn wir die Offene Gesellschaft entwickeln und sichern wollen, dann brauchen wir genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all dieser Probleme und eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen sowie der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Harald Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, welcher informiert, sondern derjenige, der informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, ein kritikloses Für-wahr-Halten von Informationen ist ebenso schädlich für die Gesellschaft wie die Praxis, Wahrheit zu manipulieren. Und so bleibt das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer unserer Tage, zumal es Bestätigung findet in der skeptischen Einstellung Karls Raimund Poppers, des Anwalts der Offenen Gesellschaft.

Drittens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen“.

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen wollte – lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen – Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen. Selbstverständlich gehören muslimische Mitbürger heute zu Deutschland und zu Europa, doch das bedeutet auch, dass sich der Islam – wie alle Religionen – in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat und dass er sich dazu bereitfinden muss, dieses Regelspiel als Grundlage auch der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Praxis zustimmend und aktiv mitzugestalten. Dazu sollten sich muslimische Organisationen auch auf der Grundlage der Willensbildung ihrer Mitglieder in Deutschland entwickeln und sich nicht von außen, beispielsweise von religiösen Institutionen in der Türkei, bestimmen lassen.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeutet. Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche der Gesellschaft. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger – die Altbürger wie die Neubürger – in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien gleichsam vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Viertens ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt.

Fünftens und nicht zuletzt und auf die Freimaurer bezogen: Die Freimaurer hätten sich als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, diejenigen, die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen und auch die dazu gehörende demokratisch-zivile Verhaltenskultur, das offene und friedliche Miteinander in der Gesellschaft, und zwar nicht nur durch Erklärungen und Unterschriften unter Asylanträge, sondern auch und vor allem im Verhalten und im Handeln. Doch auch hier, so meine ich, sind wir in vielerlei Hinsicht weiter als uns die völkische Rechte in Deutschland glauben machen will. Ich erlebe immer wieder Empathie, Freundlichkeit und Zuwendung seitens unserer zugewanderten Neubürger. Auch hier gilt es, sich von der Dominanz dumpfer Parolen zu verabschieden und einzusehen, dass anhaltende Vorurteile weder taugliche Diskurselemente noch gar Grund-lagen für ein problemorientiertes Handeln sind.

Gebäudeschutz für den Tempel der Humanität

Schlusswort: Wir Freimaurer wollen Bauleute sein, Bauleute einer besseren Welt. Doch dazu müssen wir in einem neuen, engagierten Sinne wieder operativ werden, gewiss nicht ohne vorher gründlich nachzudenken, aber doch in der Erkenntnis, dass für den Fortschritt des sozialen Ganzen allein die Praxis zählt. Wie sagte doch Erich Kästner so präzise und unpathetisch knapp: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Gewiss: Freimaurerei ist keine politische Institution oder gar Bewegung. Sie ist eine Gemeinschaft, in der Menschen nach Grundlagen suchen können für Sinn in ihrem eigenen Leben und für ihr Zusammenleben mit anderen Menschen. Doch wenn die Freimaurer den Bau am Tempel der Humanität zum Grundsymbol für die Ausrichtung ihrer Arbeit gewählt haben, so müssen sie bereit sein, darauf hinzuwirken, dass unsere Gesellschaft sich als eine offene und humane Gesellschaft entwickeln kann, dass die Welt als Lebensraum erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen und dass der Tempel der Humanität nicht durch unsere eigene Schuld vorzeitig zur Ruine wird.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...

Steht auf, meine Brüder, und wehrt Euch !

Freimaurer, Juden und Jesuiten haben sich gemeinsam verschworen gegen das national gesinnte Deutschtum. Die Freimaurer richten die Menschen ab zum künstlichen Juden.“ So sahen das Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff und andere „völkisch Bewegte“ insbesondere in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Freimaurerei wurde als Ausfluss einer volklosen Weltanschauung verunglimpft, wie etwa von Alfred Rosenberg in seiner Schrift „Freimaurerische Weltpolitik im Lichte der kritischen Forschung“. Nein, so weit sind wir noch nicht. Aber: Wenn ich „volklos“ mit „heimatlos“ gleichsetze, gäbe es da Widerspruch bei Pegida-Demonstrationen? Es gibt schon wieder die Aufkleber mit den rot durchgestrichenen freimaurerischen Symbolen. Ähnlich wie „Atomkraft, nein danke!“ bedeutet es dann „Freimaurer, nein danke!“ Wenn so etwas vor dem Logenhaus an Laternenmasten klebt, hat das schon etwas Bedrohliches.

Glaube an die Kraft der Vernunft

Frage: Würden Sie mit einer Mütze mit erkennbaren Freimaurersymbolen an einer Pegida-Demonstration teilnehmen? Genauso wenig, wie Sie als Jude mit Kippa dorthin gingen! Pegida steht als pars pro toto. Ich könnte auch Chemnitz sagen, oder Kandel, oder …? Ist das nicht schlimm? Wir leben im 21. Jahrhundert! Das sollte schon ein Grund sein, über die Rolle nachzudenken, die die Freimaurerei in unserer heutigen Gesellschaft spielt oder spielen sollte.

Wir – damit meine ich jedenfalls die blaue Freimaurerei in den Johannisgraden Lehrling, Geselle und Meister – leiten uns ab von den Gedanken der Aufklärung. Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung. Aufklärung bedeutet Glaube an die Kraft der Vernunft, an ihre Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien. So definiert es Dorinda Outram in ihrem Buch „The Enlightenment“.

Unsere Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität kommen aus dieser Tradition. Es muss uns gelingen, diesen Wertekanon heute – und nicht in einer Rückschau auf zweifellos bedeutende freimaurerische Gepflogenheiten oder auch Persönlichkeiten – überzeugend zu leben. Nur so können wir den Beweis erbringen, dass wir auf dem richtigen Weg zum „Tempelbau der Humanität“ sind. Nur so können wir uns überzeugend in die heutige Gesellschaft einbringen, wie es auch Br. Peter Stumpe in seiner Rede „Für die Zukunft einer aufgeklärten, humanitären Freimaurerei“ formuliert, nachzulesen auf der Homepage der Großloge unter www.freimaurerei.de.

Hierzu gehört im Übrigen auch, dass wir auf Esoterik und Okkultismus oder auch mittelalterliche sakrale Magie verzichten. Damit ist natürlich nicht unsere freimaurerische Symbolsprache gemeint; sie hat mit Esoterik und Okkultismus nichts gemein. Esoterik und Okkultismus wollen über Unbekanntes und Verborgenes Aussagen treffen, die unbewiesen, unwissenschaftlich und irreführend sind. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich, dass solche Aussagen auch falsch sind. Solche Paraphänomene stehen in fundamentalem Widerspruch zur Methode der heutigen Wissenschaft. Sie haben in der emanzipierten Freimaurerei des 21. Jahrhunderts keinen Platz. Dem Philosophen und elsässischen Schriftsteller Otto Flake ist zuzustimmen, wenn er sagt: „Will man die Welt begrifflich bewältigen, so müssen die Begriffe der Wirklichkeit entnommen werden; das heißt, sie müssen dem Forschen, der kritischen Untersuchung standhalten.“

Wer mit den Wölfen heult, muss sich auch als Wolf behandeln lassen

Zurück zum Thema: Man könnte meinen, die Grundwerte unseres Bundes seien heute Allgemeingut. Kaum jemand wird sich als unmenschlich, intolerant oder freiheitsfeindlich bezeichnen. Die gelebte Realität sieht leider anders aus. Unsere Werte werden in einem erschreckenden Maß mit Füßen getreten. Betrachten wir die gesellschaftliche Entwicklung auch in anderen Ländern wie z. B. der Türkei, Ungarn, Polen, Brasilien oder auch den USA – die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern –, dann sehen wir Menschen an der Macht, die sich keiner unserer Tugenden verschrieben haben. Erschreckenderweise stellen wir jedoch auch fest, dass diese Menschen in vielen Fällen nicht durch Gewalt an die Macht gekommen sind. Sie wurden von Menschen gewählt, denen offensichtlich Werte wie Freiheit, Toleranz, Gleichheit, Brüderlichkeit und Humanität nicht wichtig sind. Nicht akzeptieren kann ich das Argument, man habe ja nicht die Intoleranz gewählt, sondern nur seinem Protest Ausdruck verleihen wollen. Wer mit den Wölfen heult, muss sich auch als Wolf behandeln lassen!

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung könnte der Eindruck entstehen, die Freimaurerei sei eine Art Antithese zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Ist sie ein Relikt der alten Zeiten einer im Prinzip bürgerlichen Gesellschaft, ein Anachronismus alter Männer? Die Frage tut weh! Es genügt jedoch nicht, große Reden von hehren Idealen zu schwingen oder sich nur über bedeutende Freimaurer in vergangenen Jahrhunderten auszulassen. Wir müssen da schon konkreter werden. Was können, sollen oder müssen wir tun?

Man kann nicht schweigend für etwas eintreten

Der Großredner unserer Großloge, Br. Wolfgang Kreis, hat anlässlich des Großlogentages 2016 in Darmstadt eine Zeichnung aufgelegt mit dem Titel „Müssen wir schweigen oder müssen wir handeln?“ Das genau ist die Frage, die uns alle heute umtreiben muss.

Beginnen wir mit der ersten Alternative: „Müssen wir schweigen?“ Das Wort „müssen“ suggeriert, es sei unsere freimaurerische Pflicht zu schweigen. Woraus sollte sich das ergeben? Nein, wir schauen nicht in die „Alten Pflichten“. Sie sind in diesen Fragen zu sehr von der damaligen innenpolitischen Situation in England geprägt. Schauen wir zunächst in die Verfassung unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. In Artikel 2 heißt es:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie (die Freimaurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Bedeutet die Verpflichtung auf Gewissens- und Denkfreiheit auch, dass ich als Ergebnis der Denkfreiheit und möglicherweise als Ausdruck meiner Toleranz respektieren muss, wenn jemand die fundamentalen Werte unseres Bundes und damit auch der Verfassung unseres Staates ablehnt? Müssen wir dann aus Gründen der Toleranz schweigen? Das kann nicht sein. Artikel 2 der Verfassung führt aus, die Freimaurer treten ein u. a. für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Toleranz. Ich kann nicht schweigend für etwas eintreten. Also muss ich in diesen Fällen reden oder handeln.

Ein Aufklärungsbund ist zutiefst politisch

Es wird unter Brüdern immer wieder behauptet, Fragen der Religion oder der Politik dürften in der Loge nicht behandelt werden. Die „Alten Pflichten“ würden dies verbieten. Diese allgemeine Interpretation ist nicht zutreffend. Die „Alten Pflichten“ Andersons führen in Abschnitt III aus: Wir Maurer „sind entschieden gegen politische Erörterungen, die noch nie zur Wohlfahrt der Loge gereicht haben und nie reichen werden“. Im englischen Original heißt es hier „politics“. Die Historikerin Margaret Jacob erläutert zum politischen Umfeld der Entstehung der „Alten Pflichten“ in England: „Wenn sie von ‚politics‘ spricht, so meint die freimaurerische Konstitution die Parteipolitik, das Wüten der Partei, wie es durch die Schaffung einer neuen politischen Nation entstand, als Ergebnis der Revolution von 1688/89. Politik war der Kampf um die Macht zwischen Whigs und Tories, zwischen Hof und Land.“

Die Aussage, Gespräche über Politik seien in der Loge verboten, ist schlichtweg falsch. Aus gutem Grund reden wir nicht über Parteipolitik. Aber ein Bund, der sich die freiheitlichen Ideale der Aufklärung auf die Fahnen geschrieben hat, ist zutiefst politisch, nicht parteipolitisch, aber eben gesellschaftspolitisch. Darüber wollen und müssen wir sprechen und Position beziehen. Auch die „Alten Pflichten“ verbieten nicht, über Politik zu reden. Wir dürfen uns nicht über Politik streiten; das ist etwas ganz anderes, so interpretierte es auch Br. Wolfgang Kreis auf dem Großlogentag in Darmstadt.

Ich werde immer wieder gefragt, ob die Aufforderung, klar Position zu beziehen, nicht im Widerspruch zum freimaurerischen Postulat nach Toleranz im Umgang miteinander stehe. Diese Frage lässt sich mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit der eigenen Meinung. Es besteht immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen Meinung und Unfug, wie Br. Thomas Bierling in seinem Zwischenruf unter dem Titel „Freimaurerei im postfaktischen Zeitalter“ in der „Humanität 6/2018“ schreibt. Man könnte auch formulieren: Es besteht ein Unterschied zwischen Meinung und Unwahrheit. Das kann nicht nur, das muss in der Loge deutlich angesprochen werden. Freimaurerei war immer ein Rahmen, in dem vieles möglich ist, so sieht es die Historikerin Monika Neugebauer-Wölk. Ein Rahmen ist immer zugleich auch eine Begrenzung. Wer sich außerhalb dieser Grenzen aufstellt, hat keinen Anspruch auf freimaurerische Toleranz.

Freimaurer müssen Wortführer des Aufschreis sein

Die Freimaurerei muss die Unverbindlichkeit und Verschwommenheit ihrer althergebrachten Wertvorstellungen überwinden und sich sowohl geistig als auch in ihrer gesellschaftlichen Aktivität als humanitäre, soziale, demokratisch-pluralistische und antiideologische Kraft profilieren. Diese Forderung stellte Br. Hans-Hermann Höhmann, der als wichtiger Vordenker der humanitären Freimaurerei gilt, bereits in den 70er Jahren und plädiert bis heute dafür.

Die Zeichnung des Großredners, Br. Wolfgang Kreis, hätte zutreffend als Titel haben können: „Dürfen wir schweigen oder müssen wir handeln?“ Auch das ist eine rhetorische Frage, natürlich müssen wir handeln! Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, ein entfesselter Mob zur Seenotrettung von Flüchtlingen „Absaufen“ grölt, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für andersdenkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der angeblichen Lügenpresse gefordert wird und Journalisten bei ihrer Arbeit körperlich bedroht und behindert werden, für Flüchtlinge und Asylbewerber eine Eisenbahnfahrkarte (ohne Rückfahrt) nach Ausschwitz gefordert wird, dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Die Freimaurer müssen zumindest Wortführer des Aufschreis sein, der durch unsere Gesellschaft hallt oder leider besser gesagt hallen sollte!
Was bedeutet das konkret? Durch den Tempel hallt der Ruf „Zu den Waffen, meine Brüder“? Oder sollen wir Barrikaden errichten? Natürlich wäre das Unfug. Niemand verlangt, dass ein Bruder sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schweigen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. Mitgehen zur Demonstration nur als Zeichen des Protests (gegen was auch immer?) unter Distanzierung von etwaigen Auswüchsen? Man stand zwar dabei, hat aber nicht „Absaufen“ gegrölt und ist deshalb ein guter Freimaurer? So geht es auch nicht! Wir kennen den Spruch: „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“, juristisch nennt man das im Zweifel Mittäterschaft.

Innere Emigration war noch nie glaubwürdig. Wir müssen den Mund aufmachen und Position beziehen. Wir bedeutet nicht „die Großloge“ oder ein abstrakter Begriff wie „die Freimaurer“. Wir heißt ganz konkret „Du“ und „Ich“! Position beziehen vielleicht nicht in einer potenziell gewaltbereiten Demonstrationsumgebung, aber im privaten Umfeld und vor allem auch in der Loge.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.

Continue reading...

Johannisfest – Mehr als Schall und Rauch?

Foto: Swetlana Wall / Adobe Stock

Was bedeutet das Johannisfest für einen Freimaurer? Lässt es sich mit anderen Festen vergleichen? Der Frage ging in seiner Zeichnung zum Johannisfest Andreas Krieg nach.

In den meisten Freimaurerlogen der Welt wird jährlich um den 24. Juni das Johannisfest gefeiert. Unsere neuen Brüder haben sich vielleicht schon gefragt, was es damit auf sich hat. Ich möchte versuchen, darauf eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Dabei gehe ich zunächst auf das Feiern im Allgemeinen ein. Sodann berichte ich, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Zum dritten wird erklärt, was die Feier bedeutet und wie sie abläuft. Am Ende steht, wie ich diese Feier wahrnehme. Bringt das Fest etwas in mir zum Schwingen? Oder ist es für mich – um es mit Goethes „Faust“ zu sagen – nur „Schall und Rauch“?

Zunächst also ein paar Worte über Feste oder das Feiern im Allgemeinen: Ein Fund in der Quafzeh-Höhle im heutigen Israel belegt eine erstaunliche kulturelle Menschheitsleistung, die sich vor etwa 95.000 Jahren abgespielt hat. Sie fußte auf der Idee, dass es ein Reich fern der Lebenden gäbe. Um einen Verstorbenen darauf vorzubereiten, haben ihn seine Angehörigen bestattet. In dieser rituellen Handlung, die enorme Vorstellungskraft voraussetzte, sehen Wissenschaftler einen der bedeutendsten Schritte auf dem Weg zur Zivilisation. Im Laufe der Jahrtausende haben menschliche Gemeinschaften noch viele besondere Ereignisse bestimmt, zu denen sie an besonderen Tagen zusammenkommen. Häufig gehen damit gesellschaftliche oder religiöse Rituale einher.

Das für uns stark prägende römische Reich hatte für das Feiern bestimmter Zeitabschnitte den Begriff “festum”. Daraus wurde das deutsche Wort „Fest“. Das Synonym “feriae” wurde im Deutschen zu „Feier“. Beide Begriffe wurzeln in “fanum”: das Religiöse. Nicht selten ruhen an diesen Feiertagen profane Tätigkeiten. Außerdem wirken sie gemeinschaftsstiftend und -erhaltend. Durch besondere Bräuche, die auch eine hohe Emotionalität bis hin zur Ekstase erlauben können, heben sie sich aus dem Alltag heraus. Ihnen kann sogar ein wildes, anarchisches oder destruktives Moment zugrunde liegen, etwa im Karneval. Für den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, ist ein Fest „ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.“ Freilich können Feste auch sehr gemessen oder getragen daherkommen. Wir sind uns sicher einig, dass von Exzessen bei unserem Johannisfest nicht die Rede sein kann. Gemessenheit ist hier wohl das passendere Wort. Ist neben der Gemeinschaftspflege auch Emotionalität möglich? Ich komme später darauf zurück.

Der Ursprung unseres ekstasefreien Johannisfestes entstammt aus dem Dunstkreis des Religiösen. Die gründende Sitzung der ersten englischen Großloge hat laut masonischer Forschung am 24. Juni 1717 in London stattgefunden. Der 24. Juni ist nach Auslegung der christlichen Kirchen der Geburtstag des Johannes, dem der Beiname „Täufer“ gegeben wurde. Jener Johannes war vermutlich Mitglied der asketischen Essener -Sekte, predigte am Jordan und spendete die Busstaufe. Dieser Taufakt, dem sich auch Jesus Christus unterzogen haben soll, symbolisierte die Vergebung der Sünden. Er ist also nicht vergleichbar mit der Taufe als Aufnahme in eine Glaubensgemeinschaft. Die Platzierung seines Geburtstages in die Nähe zur Sommersonnenwende, die auf die Zeit zwischen dem 20. und dem 22. Juni fällt, war ganz offensichtlich ein geschickter kurialer Schachzug. Damit konnte das heidnische Sonnwend-Brauchtum christlich verbrämt werden.

Neben Jesus Christus und seiner Mutter Maria ist der Täufer übrigens der einzige, bei dem außer dem Sterbetag auch der Geburtstag gefeiert und in der katholischen Kirche als Hochfest begangen wird. Die Kirche begründet die Terminierung mit Aussagen des Lukasevangeliums. An Mariä Verkündigung, also dem 25. März, sei Elisabeth, die Mutter des Täufers, im sechsten Monat schwanger gewesen. Drei Monate später, am 24. Juni, kam sie nieder. Das sind sechs Monate vor Weihnachten. Die Beziehung des längsten mit dem kürzesten Tag des Jahres kommt in Johannes’ Hinweis auf Jesus sehr schön zum Ausdruck: „Jener muss größer werden, ich aber geringer.“ Gemeint ist, dass die Sonne mitten im Sommer abnimmt, in der Mitte des Winters hingegen nimmt sie zu.

Die Beziehung der Freimaurer zu Johannes ergibt sich aus der Tatsache, dass unter anderem die Steinmetze in ihm ihren Schutzpatron sahen und sehen. Das heißt, sie fühlen sich dem Täufer in besonderer Weise verbunden. Mancher mag in ihm wohl auch so etwas wie den Fürsprecher und Mittler im Verhältnis zu Gott sehen. Aus diesem Patronat leitet sich auch der Begriff Johannesloge ab. So wäre hinlänglich erklärt, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Inhaltlich begreifen wir diese Feier als unser Bundesfest. Wünschenswert ist somit, dass jeder Freimaurer die Zugehörigkeit zu diesem weltweiten Bruderbund durch seine Teilnahme bekundet.

In Deutschland wird das Fest besonders durch die Rosensymbolik geprägt. Rosen sollen den Tempel verschönern und mit dieser Königin der Flur sollen sich auch die Brüder schmücken. Idealerweise hält der Zeremonienmeister für jeden Bruder einen kleinen Ansteckstrauß bereit. Die florale Majestät bringt zum Ausdruck, dass wir zu Mittsommer ein Fest der Liebe und der Lebensbejahung begehen. In ihrer farblichen Zusammenstellung rosa, rot und weiß versinnbildlichen die drei Johannisrosen die Lebensdevise des Freimaurers: Licht, Liebe, Leben.

Wir verstehen sicher alle den Ablauf vom Eintritt in die Loge bis zum Ende der Tafelloge als das Johannisfest. Rituell gesehen beginnt es aber erst nach der Einrichtung und Öffnung der Loge mit der Beendigung des alten Maurerjahres durch den Stuhlmeister. Es ist insofern auch ein maurerisches Neujahrsfest. Es gibt Logen, die ihren Neujahresempfang im Juli geben. Es folgt gegebenenfalls die Verpflichtung eines neuen Stuhlmeisters. Dieser eröffnet als erste Amtshandlung das neue Maurerjahr. Danach überreicht er die Rosen. Sodann werden die alten Beamten entlassen und die Neugewählten durch ihre Verpflichtung in das Amt eingeführt. Mit der nun folgenden Zeichnung ist das rituelle Johannisfest schon wieder beendet. So dürfen wir es aber nicht sehen. Natürlich gehört alles was folgt auch dazu, insbesondere die Tafelloge. Nach Johanni schicken sich die meisten Logen an, in eine längere Sommerpause einzutreten. Guter Brauch ist es deshalb, diese Vakanz durch eine besonders reichhaltige Armenspende auszugleichen. Natürlich gilt auch hier der alte Grundsatz: “Ultra posse nemo obligatur”. Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet. So wäre hinlänglich erklärt, was das Johannisfest bedeutet und wie es abläuft.

Es bleibt jetzt noch die Frage, ob dieses Fest in uns etwas bewirken kann – oder, wie es neuerdings die Sprachavantgardisten sagen: „Macht es etwas mit uns?“ Auf alle, die christlich sozialisiert wurden, macht sicher das Oster- und vor allem das Weihnachtsfest Eindruck. Selbst wenn man dem christlich-religiösen Inhalt nicht viel abgewinnen kann und nur den Charakter des Geschenk- und Familienfestes wahrnimmt, kann man sich der Zeit kaum entziehen. Es liegt davor und währenddessen ein eigenartiges, kaum beschreibbares Gefühl in der Luft. Vorfreude? Lebensfreude? Erlösung? Diese Feste wecken also durchaus bei vielen Menschen Emotionen, bringen nota bene etwas zum Schwingen. Faustisch gesprochen: „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“

Ich habe vor Jahren den Versuch gemacht, dieses besondere Gefühl auch am Johannistag hervorzurufen. Erreichen wollte ich das, indem ich an diesem Tag etwas Besonderes unternommen habe. Dennoch konnte das Gesuchte nicht gefunden werden. Vielleicht hätte ich – gemäß Freud – die festliche Stimmung durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugen müssen? Doch im Ernst: Mir ist klar geworden, dass es ohne entsprechende Sozialisation und Gemeinschaft nicht geht. Was ich nicht teilen kann, das setzt keine großen Emotionen frei. Wenn ich eine gute Flasche Wein ohne einen Freund trinken muss, ist das nur die halbe Freude.

Bleibt also das Fest mit den Brüdern. Eine Weihnachtstimmung kommt auch hier nicht auf. Aber immerhin ist mir bewusst, dass diese heutige Zusammenkunft aus dem Kanon maurerischer Aktivitäten heraussticht. Weniger durch den rituellen Johannisfest-Teil. Dafür aber durch die Anwesenheit vieler sehr geschätzter Brüder. Hinzu kommen die besonders festliche Ausschmückung des Tempels und die Tafelloge. Emotionalität im Gewande der Vorfreude liegt für mich auf der Hand. Zugleich ist da das Wissen, dass nun die lange Zeit der Sommervakanz beginnt. Das stimmt mich einerseits etwas wehmütig, doch zugleich keimt erneut die Vorfreude auf den September hoch. Also Vorfreude und Wehmut. Süße und Bitterkeit. Polarität!

Und darüber hinaus?

Von Gretchen zu seinem Glauben befragt, windet sich der zweifelnde „Faust“ wie ein Aal, versucht, sich um eine klare Antwort zu drücken (Vers 3453 ff.): „Nenn es dann, wie du willst, / Nenn ́s Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.“ Während Faust fürs Erste mit seiner Antwort durchkommt, muss ich aber wohl doch Farbe bekennen und meine Karten ausspielen. Ja, der Name ist sicher nicht so wichtig. Das Patronat des Johannes, ich sehe es als Teil des Brauchtums und respektiere es. Das Bewusstsein jedoch, diesem großartigen, altehrwürdigen Bruderbund anzugehören und gemeinsam mit Geistesverwandten in dieser warmen, lichtdurchfluteten und rosengesegneten schönen Jahreszeit zu feiern, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Aber da ist noch ein anderes, das hinter Rosenpracht und Lebensbejahung hervorspäht. Ein türkisches Sprichwort sagt, „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Und so erfüllt mich an Johanni, wenn die Sonne in ihrer ganzen Kraft steht, auch immer eine Ehrfurcht vor dem Walten der ewigen Gesetzmäßigkeiten, dem ewigen stirb und werde. Dann spüre ich den besonderen Wert von Gesundheit und Leben. Und hier schließt sich für mich auch der Kreis und ich bin wieder bei der eingangs erwähnten Quafzeh-Höhle. Ich denke, die Menschen haben Feste erfunden, um Verlustängste zu verarbeiten. Sie feiern also immer im oder sogar nur wegen des Bewusstseins, dass es ein Reich fern der Lebenden gibt, das auch wir einst sehen werden.

Unser schönes Johannisfest. Mögen uns noch viele in Gesundheit, Frieden und Wohlstand vergönnt sein. Keine Frage, da ist etwas, das die Gefühle in Schwingung bringt. „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“ – aber
nenn es niemals „Schall und Rauch“.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

Continue reading...