Humanismus als politischer Auftrag der Freimaurerei

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Im Begriff des Humanismus überlagern sich unterschiedliche Bedeutungen, die ihm, wenn man sich dessen nicht bewusst ist, eine verwirrende Vielschichtigkeit geben.

Von Prof. Dr. Dieter Binder
Vortrag anlässlich des Großlogentreffen 2019 in Mannheim.

I.

Im Humanismus der Renaissance begegnet man nicht einem geschlossenen philosophischen System, sondern stößt auf methodische Fragestellungen, die die studia humanitatitis, also der Moralphilosophie, Grammatik, Poetik, Rhetorik und Geschichte prägen. Als zentrales Anliegen greife ich den Ansatz der Ars vitae heraus, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert, die auf die Situation und Würde, auf die Conditio und Dignitas des Individuums in dieser Welt zielt. Die Historia versteht diese Welt als Produkt menschlichen Handelns im Widerspruch zu jener Tradition, die in ihr einen Spiegel des göttlichen Gestaltungswillens sieht. Die Sinngebung des menschlichen Wirkens entsteht durch das Markieren von selbst gewählten Zielen.

Das von der Rezeption der Antike in der deutschen Klassik geprägte Menschenbild, hier spannt sich ein Bogen von Johann Gottfried Herder über Johann Wolfgang Goethe hin zu Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin, erkennt den mündigen Menschen im harmonischen Zusammenwirken von Vernunft und Sinnlichkeit. Der erneuerte Rückgriff auf die Antike, wie dies Friedrich Immanuel Niethammer 1808 forderte, forciert das Modell einer Aristokratie des Geistes, in dem Weltbürgertum und nationales Erwachen Hand in Hand gehen. Darauf baut der Selbst-Aristokratisierungs-Prozess des nationalen Bürgertums des späten 19. Jahrhunderts ebenso auf wie der „dritte Humanismus“ mit seinem nahezu weltflüchtigen Aufgehen in der antiken Mythologie.

Der charakteristische pädagogische Ansatz verfestigt die Dignitas hominis, die Menschenwürde, und die damit postulierte Entdeckung des Individuums bereits in der Renaissance. Darauf rekurriert der von der deutschen Klassik geprägte Humanismus mit seinem Bild vom freien, selbstbestimmten Menschen, der im Widerspruch zu jeder Form von theologischer und/oder staatlichen Bevormundung steht. Das Erziehungsideal fordert einen freien Menschen, der in seiner Selbstvergewisserung, in seiner individuellen Vervollkommnung seinen bewussten Anteil an der Verbesserung der Gesellschaft leistet. Der Fremdbestimmung setzt Albert Camus den Menschen in der permanenten Revolte entgegen und rettet damit den Humanismus vor der ideologischen Vereinnahmung.

Diese verknappte Sichtweise unterliegt nicht der Versuchung, den Humanismus als durchgehende Konstante von der Antike bis zur Gegenwart zu lesen. Sie weist die Analyse Heinrich Weinstocks „Die Tragödie des Humanismus“ (Heidelberg 1953) zurück, weil diese einen „absoluten Humanismus“ konstruiert, der durch keine wohl „religiöse Scheu“ relativiert wird. Die radikale Kritik Weinstocks wird kondensiert in der Besprechung des Buches in der „Zeit“ (25. Juni 1953) zu einer radikalen Abrechnung: „Jetzt versteht man, daß die römischen Stoiker die Vorbilder der Terroristen von 1793 werden mußten und der humanistisch gebildete Saint-Just aus logischer Konsequenz als Humanist die Guillotine in Gang setzte. Sobald der ,absolute Humanismus‘ nicht mehr durch religiöse Scheu gedämpft war, gebar sich das totalitäre Regime von selbst aus ihm. Absoluter Humanismus und Massenmord gehörten schon bei Senecas gelehrigem Schüler Nero zusammen, und nun wieder bei Saint-Just, dem humanistisch gebildeten Goebbels und dem konsequentesten Schüler des Humanisten Karl Marx, Josef Stalin. Alle diese Figuren sind keine Anomalien der abendländischen Kultur, sondern legitime Produkte der Tradition des absoluten Humanismus, Urenkel der Stoa.“

Dies scheint stringent. Doch mit dieser Logik kann man den Katholiken Adolf Hitler und den orthodoxen Priesterseminaristen Josef Stalin als konsequente Endprodukte des Christentums diagnostizieren.

Humanismus wird hier als Erziehungspraxis verstanden, die sich am erzielbaren Guten im privaten und öffentlichen Leben orientiert und so die Menschenwürde aller Individuen sicherstellt. In dem Augenblick, in dem die Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden, wird die Gefahr eines Rigorismus humanistischer Weltsicht gebrochen. Dementsprechend werden die „fünf Grundannahmen des Menschenbildes der humanistischen Psychologie und Pädagogik“ zusammengefasst:

  1. Der Mensch hat einen konstruktiven Kern.
  2. Der Mensch strebt danach, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben: Autonomie.
  3. Alle Menschen sind gleichwertig und gleichberechtigt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
  4. Der Mensch ist eine ganzheitliche (Körper-Seele-Geist) Einheit: Ganzheitlichkeit.
  5. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Interdependenz.

Die angesprochene Erziehungspraxis bezieht sich dezidiert nicht auf das von Michael Zichy pointiert formulierte „humanistische Bildungsideal“: „,Die Abwehrschlacht zur Verteidigung der klassischen Bildung, des Rückbezugs von höherer Schule und Studium auf das römische und griechische Altertum, ist längst geschlagen und verloren worden. Ein pädagogischer Vorrang der humanistischen Bildung dieser Art vor anderen inhaltlichen Ausformungen gymnasialen Schulunterrichts lässt sich mit zwingenden Gründen nicht halten‘ Diese zum Zeitpunkt der Wende formulierte Feststellung ist auch heute, 20 Jahre später, noch wahr. Und dennoch: Wann immer um Sinn und Ziel von Erziehung und Bildung gestritten wird, ist es zur Beschwörung des humanistischen Bildungsgedankens nicht weit. Doch dann geht es kaum noch um die Reaktivierung des altsprachlichen Unterrichts, sondern um die dahinterstehende Geisteshaltung — und um das Abendland schlechthin. Denn wer sich auf den Humanismus beruft, der hat – so scheint es – die altehrwürdige Tradition hinter sich. Ist der Humanismus doch unbestreitbar ein den europäischen Kulturraum zutiefst prägender Geistesstrang. Dies drückt sich nicht zuletzt auch in seiner ausdrücklichen Nennung im gescheiterten EU-Verfassungsvertrag aus, in dem es in den ersten Zeilen der Präambel heißt: ,[…] schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben […]‘.“

in derartig schwammiger Begriff muss vom meritorischen Verweis auf eine klare Anwendungsebene gebracht werden. Karl Kerényi fasst dies in seinem „Brief an junge Humanisten“ in unserem Sinne zusammen: „Über alles in der Welt vom Gesichtspunkte des Menschen aus denken und an allem, was je gedacht, den besonderen menschlichen Anteil wahrzunehmen – so könnte der Humanismus als philosophische Weltanschauung im allgemeinsten Sinne bestimmt werden. Damit ist indessen das Anliegen des Humanisten nicht erschöpft. Denn zu dieser bewusst-humanen Denkweise gehört auch das Streben, die Welt, den Denkenden selbst miteinbegriffen, menschenwürdiger zu gestalten: die Humanität.“

Zieht man sich auf eine derartige Position zurück, erübrigt sich der Diskurs über Varietäten, die als Substantivum regens den Humanismus führen. Es sei auf den existentialistischen Humanismus eines Jean Paul Sartre, „L’existentialisme est un humanisme“ (1946), auf den Humanismus eines Karl Marx und jener, die sich auf diesen berufen, auf den christlichen Humanismus eines Jacques Maritain, auf den psychoanalytisch geprägten Humanismus Erich Fromms, auf den Humanismus des japanischen Philosophen Daisaku Ikeda oder jenen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide verwiesen. In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine „christliche“ oder „marxistische“ Soziallehre noch eine „christliche“ oder „marxistische“ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine „deutsche“ Physik gäbe. Damit soll angedeutet werden, dass der klassische Ansatz des Humanismus naturgemäß in seiner Rezeptionsgeschichte, die von der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt ist, sichtbar wird. In Parenthese: Die Menschenrechte, wie sie in der französischen Nationalversammlung 1789 postuliert und 1791 in die amerikanische Verfassung implementiert worden sind, können nicht, auch wenn eine klare Traditionslinie im Entstehen aufgezeigt werden kann, auf eine partielle Ebene heruntergebrochen werden. Ihr Anspruch auf universelle Gültigkeit, die durchaus im Widerspruch zu regionalen Traditionen stehen mag, duldet keine politisch oder philosophisch argumentierte Engführung als „christliche“, als „freiheitlich-demokratische“, als „marxistische“ Menschenrechte.

Der Humanismus, so er nicht zur akademischen Attitüde degeneriert, fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.

„In bewusster Zuspitzung wäre festzustellen, dass es weder eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Soziallehre noch eine ‚christliche‘ oder ‚marxistische‘ Mathematik gibt. Nur der Nationalsozialismus meinte in seiner tödlichen Stupidität, dass es eine ‚deutsche‘ Physik gäbe.“

Prof. Dr. Dieter Binder

II.

Freimaurerei ist wie der Humanismus ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, in der sie existiert. Eingebettet in die Traditionen des Bauhandwerks stifteten vier Londoner Logen, in denen interessierte Laien aufgenommen wurden, am 24. Juni 1717 jene Großloge, die als der Beginn der rezenten weltweiten Freimaurerei anzusehen ist. Mit der Wahl John Duke of Montagues zum Großmeister 1721 wurde aus den kleinbürgerlich dominierten Zusammenschlüssen ein gesellschaftliches Ereignis, in dem das aufstrebende Bürgertum mit der englischen Oberschicht in Kontakt trat und das sich in den 1723 publizierten „Constitutions of the Free-Masons“ („Alten Pflichten“) jenes Regelwerk gab, das bis heute die Freimaurerei in den unterschiedlichsten Facetten prägt. Angesiedelt am Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum wurde dieser Ort der „männlichen Rede“ zum Modell einer modernen Gesellschaft, in der die herrschenden Standesgrenzen unter Berufung auf die umfassende Brüderlichkeit relativiert wurden, wobei das strenge Ritual allzu große Distanzlosigkeit unterband. Mit dem Sprung auf den europäischen Kontinent verknüpfte sich der gesellige Charakter, der den Logen mit den kurz davor entstandenen ersten Herren-Clubs eigen war, partiell mit der Aufklärung.

Das Auswahlkriterium — aufgenommen wurde und wird man nur über den Vorschlag von Mitgliedern nach einem strengen Prüfungsverfahren — und die zunehmende Binnendifferenzierung beschleunigten eine Entwicklung, die als „masonry in a masonry“ zu charakterisieren wäre, die harte aufklärerische Positionen („Illuminaten“) ebenso bediente wie deren Gegenteil („Rosenkreuzer“), um schließlich als Organisationsmodell in rein politische Zusammenschlüsse einzufließen („preußischer Tugendbund“, Frankreichs „Les Amis de la Verité“ und „Charbonnerie“, die italienische „Carbonneria“ etc.).

Folgt man der Aufstellung freimaurerischer Selbstdefinitionen, wie sie von Eugen Lennhoff und Oskar Posner zu Beginn der 1930er Jahre unternommen worden ist, so stoßen wir auf Begrifflichkeiten der Selbsterziehung, des Baus am „Tempel der Humanität“, als Ort der „geistige[n] Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Hier finden sich erhabene Worte von Gottfried Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottlieb Fichte, von Friedrich II., Wilhelm I. und Friedrich III., von Friedrich Ludwig Schröder, August Horneffer und Franz C. Endres. Diesen Ausführungen stellt Lennhoff bewusst eine Umschreibung des freimaurerischen Inhalts aus dem Katechismus des Lehrlingsgrades der United Grand Lodge of England voran: „Freimaurerei ist ein eigenartiges System der Sittlichkeit, eingehüllt in Allegorien und erleuchtet durch Sinnbilder. Die Freimaurerei lehrt Wohltätigkeit und Wohlwollen üben, die Reinheit schützen, die Bande des Blutes und der Freundschaft achten, die Grundregeln der Religion annehmen und ihre Gebote achten, dem Schwachen beistehen, den Blinden leiten, die Waisen beschützen, die Niedergetretenen erheben, die Regierung unterstützen, Sittlichkeit verbreiten und Wissen vermehren.“ Der Definition der United Grand Lodge of England folgt jene der Grande Loge de France von 1907: „Die Freimaurerei ist eine internationale Vereinigung, gegründet auf Solidarität. In allen Lagen sollen Freimaurer einander unterstützen, selbst im Falle der Lebensgefahr. Die Freimaurerei hat zum Zweck die moralische Vollendung der Menschheit, als Mittel hierzu die ständige Verbesserung der geistigen und materiellen Lage der Menschen. Sie hat als Devise die Worte: ,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘.“ Und die Symbolische Großloge von Ungarn definiert in exemplarischer Kürze: „Der Bund der Freimaurer ist eine zur Wahrung, Pflege und Verbreitung der wahren Humanität geschaffene Korporation, deren Mitglieder einander als Brüder betrachten und nennen.“ In Summe stimmen diese Definitionen unabhängig von den jeweiligen Obödienzen darin überein, dass das freimaurerische Erziehungsprogramm den Einzelnen dazu in die Lage versetzt, als Individuum allein und gemeinsam mit seinen Brüdern/Schwestern den Bau des „Tempels der Humanität“ zum allgemeinen Wohle voranzubringen. Im Katechismus der Lehrlinge nach dem Ritual der Großloge A.F.u.A.M.v.D. wird die Frage nach dem Bau, an dem die Freimaurer arbeiten, beantwortet. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“

Anton Kreil, Professor am Theresianum, wandte sich anlässlich einer Lichtgebung, der Initiation eines neuen Mitgliedes also, in der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“ emphatisch an seine Brüder und den eben aufgenommenen Lehrling: „Ueberall also Scheintugend oder Aftertugend; überall Verführung oder Mißhandlung, Betrug, Heucheley, Gleisnersinn, ewiges Untergraben, und Uebervortheilen, freche Gewaltthätigkeit, überall die verschämte Ehrlichkeit im Gedränge, überall das unverschämte Laster im Triumpfe. So Brüder! So stehts mit unserm Tempelbau. Werft Eure Kelle weg, zerreißt eure Schürzen, zertrümmert Zirkel und Winkelmaaß. Wozu sollen uns diese Werkzeichen, seitdem das verschmitzte Last der Geheimniß gefunden hat, sie zu verfälschen, seitdem der Eckstein geborsten ist? Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Das Bild des Tempels, der in Gefahr ist einzustürzen, evoziert zum einen das Bild eines Bauwerkes, an dem mit Maurerwerkzeug gearbeitet wird, zum anderen das Bild einer moralisch verkommenen Welt, zu deren Rettung die Freimaurer aufgerufen werden.

In der dieser Ansprache vorangegangenen Initiation wird der Suchende mit dem Bild des Tempels vertraut gemacht. Der Meister vom Stuhl, der Vorsitzende der Loge also, erklärt dem Lehrling die Symbole, die er auf der am Boden liegenden Lehrlingstafel findet. Nach dem Hinweis auf das Handwerksgerät führt die Instruktion zu einem zweifachen Motiven-Kranz: „Noch sehen sie hier [unverständliche] Hieroglyphen, die wir Salomo‘s Tempel entlehnt haben. […] Der mosaische Fußboden [das musivische Pflaster], so schön als fest, ist das Sinnbild der Grundlage, die wir bey denen suchen, welchen wir die Pforte unseres mystischen Tempels öffnen wollen. Festigkeit des Karakters, und der Wunsch, ihre Seele unaufhörlich zu verschönern, muß unsere Suche von anderen auszeichnen. Die Schnur mit Fransen diente im Tempel Salomo’s den Vorhang zuzuziehen, der das Allerheiligste verhüllte: statt des Vorhanges erblicken sie sie auch hier. Verschwiegenheit ist der Vorhang, der unser Heiligthum vor der Entweihung sichert. Die zur linken stehende Säule, mit dem Buchstaben I bezeichnet, ist die Abbildung der Säule im Vorhofe des Salomonischen Tempels, an welcher, der Tradition zur Folge, während des Tempelbaues die Lehrlinge ihren Lohn zu empfangen pflegten. Das Wort des Grades erinnert sie ohne Unterlaß: dass der Lohn ihrer Arbeit in dem beseeligenden Bewußtseyn, seine Pflicht gethan zu haben, bestehen müsse.“

Aus einer ursprünglich „am Heilsplan orientierten Gebäudemetaphorik“ wurde durch die säkularisierte Rezeption ein „imaginärer Tempel des eigenen Inneren“, den Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ansprach.

Falk: Ordnung muß also doch ohne Regierung bestehen können.
Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?

Dabei ist sich Lessing der Gefahr des Subjektivismus bewusst, der er gegenzusteuern sucht:

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eigenen Lage beurteilt, kann leicht gemißbraucht werden. […]
Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.
Ernst: Was ist das?
Falk: […] dass sie nicht unfehlbar sind. […] dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.

Für den „vernünftigen“ Umgang der Menschen miteinander fordert daher Lessing Toleranz und Brüderlichkeit ein, die mit der Relativierung des eigenen Standpunktes einhergehen müssen.

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen. […] Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt.

„Humanismus fokussiert die Menschenwürde und wird damit zu einer politischen Handlungsanweisung. Humanismus ist so gesehen weniger ein Ziel, sondern vielmehr die Art und Weise zu denken, zu handeln, sich einem Ziel anzunähern.“

Prof. Dr. Dieter Binder

Im Ritual der Johannis-Maurerei wird in der Symbolwelt der Tempel König Salomos zitiert, die Tempelvorstellung ist aber nicht jene des Judentums. Der Tempel wird ohne Zweifel aus der Sicht des „Neuen Testaments“ gelesen, auch wenn relativ rasch nach der Gründung der ersten Großloge Ansätze einer Interkonfessionalität beobachtet werden können. Alfred Schmidt hat die Transformation der Konfessionalität der Constitutions hin zum Deismus als einen wesentlichen Beitrag der freimaurerischen Entwicklung beschrieben. Im Gegensatz dazu steht, wie Bernhard Beyer präzise angemerkt hat, die Sichtweise von Ferdinand Runkels „Geschichte der Freimaurerei in Deutschland“ (1931/32). In dieser wird die „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ explizit als Christentum ausgewiesen. Zeitgleich mit Runkels Darstellung erschien die erste Ausgabe des „Internationalen Freimaurerlexikons“, in dem Lennhoff und Posner die von Runkel apologetisch vorgetragene „christliche Freimaurerei“ der Tradition der Ritterorden, wie sie in unterschiedlichen Hochgradsystemen des 18. Jahrhunderts aufschlagen, zuordnen. Diese Anregungen wurden im Selbstaristokratisierungs-Prozess des Bürgertums in den Systemen der schwedischen und norwegischen Großlogen ebenso verdichtet wie innerhalb der Großen Landesloge und den beiden anderen altpreußischen Großlogen.

Damit eng verknüpft war jene „christliche“ Exklusivität, die die Aufnahme von Nicht-Christen weitgehend verhinderte und die in weiterer Folge durchaus rassistisch gefärbte Positionen des Antisemitismus, etwa des „deutsch-christlichen Ordens“ (so die Namensänderung der Landesloge), implizierte. Eine weitere Engführung dieses Milieus thematisierte Hans-Hermann Höhmann in seiner Studie über die „völkische Freimaurerei“. Exemplarisch verweist er auf die kosmopolitische Haltung der deutschen Freimaurerei der Spätaufklärung, die „Weltbürgersinn“ und „Vaterlandsliebe“, um Fichte zu zitieren, zu vereinigen wusste. Eingebettet in die Entwicklung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts degenerierte im bürgerlichen Formatierungsprozess europaweit dieser „Weltbürgersinn“ und wurde zunächst zunehmend ersetzt von der Überzeugung des zivilisatorischen Vorbilds der eigenen Nation. Während man für die eigene Freimaurerei jeden Nationalismus verneinte, schrieb man den politischen Gegnern und der Freimaurerei in deren Ländern einen „engherzigen, fanatischen Nationalhass“ zu. Die völkische Agitation gegen jede Form von Internationalismus und die damit verknüpften Angriffe gegen die Freimaurerei beschleunigten jene Entwicklung, die aus der „christlichen“ eine „christlich-deutsche“ Freimaurerei kreierte und den Weg zu einer partiellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ebnete. Höhmann charakterisiert diese Entwicklung mit zwei Zitaten. In der Gründungsversammlung des „Wetzlarer Rings“ wurde 1925 festgehalten: „Mitglied unserer Loge kann nur werden, wer deutscher Abstammung ist und sich zur christlichen Weltanschauung bekennt. Suchende, deren Eltern oder Großeltern jüdischer Abstammung sind, können nicht aufgenommen werden. Für Annahme ständig Besuchender gilt dasselbe.“ Und der deutsch-christliche Orden hielt fest: „Unser Verhängnis war, dass wir immer — trotz Widerspruchs — zusammengeworfen wurden mit den humanitären Freimaurern.“

Stringent angesichts einer solchen höchst eindeutig politischen Befindlichkeit strichen der Orden und die altpreußischen Logen das Symbol der humanitären Verpflichtung, den „Salomonischen Tempel“, aus ihren neu geschriebenen Ritualen, nunmehr als Brauchtum bezeichnet, und ersetzten es durch das Bild vom „Dom-Bau“. Doch dieser Dom ist nicht Symbol einer umfassenden Humanität, sondern ein Ausdruck von Revisionismus und nationaler Überheblichkeit. Seine Deutung wird dem „Ordensjünger“ nach seiner Aufnahme gegeben: „Für jetzt ist es notwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf den Teppich zu lenken. Sie sehen da das Straßburger Münster abgebildet – den deutschen Dom […]. In diesem Münster des Meisters Erwin ist in allem Reichtum der Gotik doch altgermanisches Volkstum gestaltet. Für die wundervolle Rose über dem Hauptportal ist die altgermanische Vorstellung vom Sonnenrad und seiner kultischen Bedeutung Vorbild gewesen […]. Dieser Dom steht seit 600 Jahren unvollendet und wartet auf ein Volk und eine Zeit, die auch hier das deutsche Werk vollendet. Aber dieser Dom ist vor allem auch ein Bild der Wandlungen im deutschen Schicksal. Deutsch war sein Meister, deutsch das Land, urdeutsch das Volk, das durch drei Jahrhunderte daran gebaut, das darin gebetet und in deutscher Frömmigkeit Gott gesucht hat. Dieses Land und dieses Volk kamen in Feindeshand; aber der Dom stand als Wahrzeichen der unlösbaren Verbundenheit von Land und Volk mit der ewigen deutschen Heimat. Land und Dom wurden wieder mit dem Reich der Deutschen vereint […] und abermals steht der deutsche Dom trauernd jenseits der Grenzen des Reiches […] und alle Gebete und alle Kraft des Willens fordern, daß wieder deutsch werde, was ewig unverlierbar deutsch ist.“ Aus den Logen wurden eben angesichts der Machtübernahme des Nationalsozialismus „Ordensgruppen“, die nicht nur semantisch knapp neben den „Ortgruppen“ der NSDAP angesiedelt waren.

III.

Logen sind Bauhütten. Das Bauen ist neben dem Licht und dem Wandern das dritte zentrale Bild der Freimaurerei. Nicht zufällig verweist Höhmann auf Karl R. Poppers Warnung, dass jeder „Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, […] stets die Hölle“ gebracht hat. Diese Kritik trifft den Absolutheitsanspruch von Ideologien. Daher müssen wir, so Popper an anderer Stelle, „unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben.“ Ein solcher Verzicht entbindet aber nicht von der Aufgabe „bescheidene Weltverbesserer“ zu bleiben. „Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen.“

Diese Beschränktheit des Tuns lässt Anton Kreil ausrufen: „Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? Wer die Unschuld schützen? Wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? Die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! Rettet, was noch zu retten ist. […] So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“ Lapidar verweist Höhmann auf das Bauen ohne Unterlass: „Kein abgeschlossener Bau ohne einen neuen Bauauftrag, denn Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer weitergebaut.“

Dem stets vom Versinken bedrohten Tempel Stützen zu geben, evoziert das Bild des Sisyphos. Der Widerstand gegen das Versinken des Tempels wird zur Aufgabe des Individuums. Es ist der Mensch, der den aktuellen Zustand verneint, es ist der „Mensch in der Revolte“. Diese Revolte, so Albert Camus, resultiert aus „der dunklen Gewißheit eines guten Rechts, oder genauer auf dem Eindruck des Revoltierenden, ,ein Recht zu haben auf…‘.“ Und auf Sisyphos übertragen heißt es: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […]. Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Dorothea Gall stellt die Frage nach der Humanität angesichts der Pest in Camus Roman. „Die Pest im durch die Quarantäne verschlossenen Oran ist (auch) Allegorie für den Faschismus, für die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im 2. Weltkrieg; die Maßnahmen gegen die Seuche bedeuten also (auch) die französische Resistance. Damit stimmt überein, dass der Erzähler Rieux, im Ringen um den richtigen Ausdruck für das Ziel, auf das sich die Sehnsucht der Menschen während der Pest gerichtet hat, neben die Liebe den Frieden stellt.“ Für Camus ist „die Pest“ das „Symbol des Gegen-Menschlichen, des Leides und Todes überhaupt, und ihr gilt ein ebenso erbitterter Widerstand“. In Camus fiktionaler Chronik „liegt aber das Hauptaugenmerk auf denen, die trotz ihrer Verzweiflung und Ermattung den Kampf weiterführen und sich, soweit dies möglich ist, für die Wahrung der Menschenwürde in Krankheit und Tod einsetzen – also gewissermaßen einen Humanismus der Revolte praktizieren.“ Dadurch begegnet „die kampfbereite humanitas des Arztes und seiner Mitstreiter“ der „Gewalt der Pest“; „und wie der Arzt gegen die Seuche kämpft, so streitet hier auch der freie Bürger gegen die Unterwerfung durch ein grausames und amoralisches Regime, der gute Mensch gegen das Böse schlechthin.“ Den Kampf zu führen, folgt man Camus, ist die Aufgabe der Intellektuellen. Das „Konzept einer Überwindung der Pest (in ihrer Bedeutungsvielfalt) durch die Kraft der Intelligenz“ entspringt aber nicht der Hybris eines intellektuellen Geheimwissens, eines fernen Humanismus also, sondern fußt im „Glauben an das Anrecht“ aller „Menschen auf Glück:“ Zusammenfassend hält Gall die Position der Humanität in diesem Roman fest: Diese ist die sich der „Verstörung widersetzende Kraft, die die Klugen und Wissenden befähigt, gegen die Katastrophe zu kämpfen und zugleich denen, die ihr physisch oder psychisch erliegen, mit Verständnis zu begegnen; die gegen die Seuche nicht Resignation oder das starre Ideal der Gleichgültigkeit des Todes setzt, sondern unter allen Schrecken das Recht des Menschen auf ein glückliches Leben vertritt.“

Der Tempelbau hat klare Gesetzmäßigkeiten – Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – und diese werden nicht nur für das Arkanum der Loge, sondern vor allem auch für die Gesellschaft eingefordert. In dem Augenblick, wo der homo ludens das Spielerische in den Vordergrund stellt, verschwindet der humanistische Auftrag der Freimaurerei ebenso rasch wie angesichts einer sozialen Entkoppelung. Reinhart Koselleck hat die Überwindung der Standesgrenzen in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als das eigentlich revolutionäre Element der Freimaurerei klar hervorgehoben. Die klare Abgrenzung gegenüber der Politik und gegenüber der Religion sollte jenen Raum schaffen, in dem die Freimaurerei in die Gesellschaft hineinwirken konnte, um diese Welt im Sinne Poppers „bescheiden“ zu verbessern. Dabei orientierte man sich an der Aufklärung und dem Humanismus — letztlich an jenen Punkten, die in den Menschenrechten kondensierten. Diese Menschenrechte, die nicht als imperialer Gestus intellektuellen Hochmuts zu sehen sind, sichern jenen Rahmen, innerhalb dessen das Individuum die Chance erhält, seinen Vorstellungen von Glück sozial verträglich näher zu kommen. Der Ansatz von Camus macht deutlich, dass es eine Pflicht zum Widerstand gibt, wenn negative Kräfte das individuelle Recht auf Glück einem totalitären, inhumanen Konzept zu opfern suchen. Damit wird ein klarer politischer Auftrag sichtbar, oder, wie Höhmann es formuliert, die aufklärerische und humanistische Tradition der Logen macht aus den Freimaurern „ethisch orientierte Assoziationen“, die in den modernen komplexen Gesellschaften „mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität“ „humane Lebenswelten“ sichtbar erhalten. Diese Erziehung für etwas inkludiert eine Erziehung zum Widerstand. Das hat die „nationale“ Freimaurerei erkannt und daher auf ihrem Weg in die Selbstaufgabe die „humanitäre“ Freimaurerei als Gegenstück zu einer Welt, in der die „Volksgemeinschaft“ totalitär durchgesetzt werden sollte, wütend attackiert. Der Einsatz für das Glück des Einzelnen und die Erziehung zum Widerstand als humanistischer Auftrag haben auch in der Welt von heute ihren Platz.

Prof. Dr. Dieter Binder

Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder, geboren 1953, lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz sowie an der Andrassy-Universität in Budapest. Seit vielen Jahren forscht er über Freimaurerei und schrieb etliche Bücher zum Thema. Darunter fällt auch seine Überarbeitung und Modernisierung des „Internationalen Freimaurerlexikons“ von Lennhoff und Posner aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Neuausgabe ist bekannt als „der Lennhoff-Posner-Binder“ und ist bis heute ein unentbehrliches Nachschlagewerk zur Freimaurerei.

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Spiritualität, Esoterik, Religion: Wo steht die Humanistische Freimaurerei?

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Die Beziehungen zwischen Spiritualität, Esoterik und Religion auf der einen und Freimaurerei auf der anderen Seite sind von großer Bedeutung für das Selbstverständnis unseres Bundes und für sein Verhältnis zum öffentlichen Raum. Hier herrscht immer noch viel Unklarheit vor.

Von Br. (Prof. Dr.) Hans-Hermann Höhmann

Es ist hohe Zeit, sich des Komplexes Religion und der damit verbundenen Zusammenhänge offen anzunehmen. Schieben wir den fälligen Religionsdiskurs weiter auf, so droht Schaden für die humanitäre Freimaurerei in Deutschland, die sich doch immer wieder darauf beruft, in der Tradition von Humanismus und Aufklärung zu stehen.[1]

Ich möchte meine Grundeinstellung zum Kontext Spiritualität, Esoterik, Religion im Folgenden umreißen und beginne thesenhaft mit sechs, meine Sichtweise pointierenden Feststellungen:

  • Freimaurerei ist spirituell.
  • Freimaurerei ist nicht Esoterik, kann aber Forum esoterischer Diskurse sein.
  • Freimaurerei ist keine Religion, sie ist eine Wertegemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft im religiösen Sinn.
  • Auf der anderen Seite wäre es gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.
  • Die Brüder einer Loge haben die Freiheit, die persönlichen und gruppenspezifischen Mischungsverhältnisse von Spiritualität, Esoterik und Religiosität im gemeinsamen Erleben, im Nachdenken und im Diskurs herauszufinden und zu praktizieren.
  • Die Großlogen der VGLvD stimmen in ihrer Einstellung zur Religion nicht überein. Hierzu sind eindeutige Klarstellungen erforderlich, und es muss nach innen und außen Transparenz hergestellt werden.

Freimaurerei und Spiritualität

Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist die mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins. Spiritualität umfasst die besondere Lebenseinstellung eines Menschen, der sich auf die Suche begibt nach Lebenssinn und Orientierung. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen.[2] Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern. Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindungen und Gemüt des Bruders für neue Erfahrungen zu öffnen. Dann kann sich ereignen, was Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“[3]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse: sie reflektieren das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Wie alle geistigen Bedürfnisse, die zur Natur des Menschen gehören, können sie eine religiöse und eine nicht-religiöse Antwort finden. Jedenfalls ist es sachlich falsch und intellektuell unredlich, bereits diese Bedürfnisse selbst religiös zu vereinnahmen und mit Hilfe eines weitgefassten, funktionalistischen Religionsbegriffs jeden Sinnsucher zum Gottsucher zu mystifizieren.

Eine „offen“ erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Auch zu einer säkular verstandenen Spiritualität des Freimaurers gehört es, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins zu beschäftigen, mit der Beschaffenheit der Welt und den Lebensmöglichkeiten der Menschen und besonders mit der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sowie in der Vorbereitung auf den Tod.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungs¬prinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini¬schen Dimension, von der Schönheit der Sym¬bole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüberreicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Noch einmal: Spiritualität bedeutet die Bereitschaft zur Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz, die Grundsolidarität mit anderen Menschen, die Empfänglichkeit für die Sphäre des Moralischen, die Verbundenheit mit dem Bereich des Ästhetischen, die Offenheit für das Schöne. Das freimaurerische Konzept der „Lebenskunst“ ist ohne Spiritualität nicht denkbar. Zu einer ganzheitlichen – Verstand und Gefühl umschließenden – Art von Spiritualität gehört auch das Gespür für die Wirkungskraft von Metaphern, Symbolen und Ritualen und deren nichtsprachlichen, visuellen und multimedialen Ausdruck. Freimaurerische Spiritualität beinhaltet die Fähigkeit, gleichzeitig mit Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen, und heißt nicht zuletzt, die kognitiven Qualitäten des Emotionalen zuzulassen. Wichtigstes Medium für spirituelle Erfahrungen in der Freimaurerei ist das Erlebnis eines kreativen Rituals, denn das Ritual ist die Inszenierung aller Sinne und Wertvorstellungen des Freimaurers: Verstand, Gefühl und Körperlichkeit werden gleichermaßen angesprochen und im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht.

Freimaurerei und Esoterik

Der Begriff der „Esoterik“[4] ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf „Esoterik“ gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: „New Age“, „Sekten“, „Jugendreligion“, „Okkultismus“ usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit „Esoterik“ meist vage mit „New Age“ gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen.

Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hat der französischer Religionswissenschaftler Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die „okkulten Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff „philosophia perennis“ („Ewige Philosophie“) belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

Nach Antoine Faivre[5] ist Esoterik eine historisch nachweisbare Denkform, die durch sechs Eigenschaften oder Komponenten bestimmt werden kann, die in unterschiedlicher Gewichtung innerhalb eines weiten historischen und empirischen Kontextes nachweisbar sind. Vier davon sind „wesentlich“, und zwar in dem Sinn, dass ihr gleichzeitiges Auftreten eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür darstellt, dass ein gegebenes Untersuchungsmaterial zur „Esoterik“ zu rechnen ist. Zu diesen vier kommen weitere hinzu, die Faivre als sekundär, d.h. als nicht grundlegend bezeichnet, deren Vorkommen im Verein mit den vier anderen allerdings häufig ist.

Die vier grundlegenden (Komponenten) von Esoterik sind die folgenden:

1. Die Entsprechungen: Esoterik geht davon aus, dass zwischen allen Teilen des sichtbaren und unsichtbaren Universums symbolische und reale Entsprechungen bestehen. Die Natur, sogar das Universum, ist der Schauplatz wechselseitiger Abspiegelungen.

2. Die lebende Natur: Esoterik beinhaltet die Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird.

3. Das Prinzip von Imagination und Vermittlung: Es ist die „Imagination“ oder Einbildungskraft, die es ermöglicht, Mittler, also Symbole und Bilder, zum Zweck der Erkenntnis zu verwenden, die Hieroglyphen der Natur … zu entschlüsseln, die Idee der Entsprechungen in konkrete Praxis umzusetzen und die zwischen der göttlichen Welt und der Natur vermittelnden Wesenheiten zu entdecken, zu schauen und zu erkennen.

4. Die Erfahrung der Transmutation: Das Wort „Transmutation“ entstammt der alchemistischen Literatur. Ohne diesen vierten Bestandteil würden alle drei zuvor genannten kaum über die Grenzen einer spekulativen Spiritualität hinausgehen. Voll wirksam werden sie erst durch Transmutation, durch eine „zweite Geburt“, durch eine hierdurch erleuchtete Erkenntnis.

In Faivres Sicht gesellen sich nun diesen vier grundlegenden Komponenten zwei weitere hinzu, die nicht unabdingbare Bestandteile seiner Esoterik-Definition sind, aber häufig im Verein mit den vier anderen Elementen auftreten – und, so ergänze ich, eine besondere Bedeutung für manche Formen der Hochgradfreimaurerei gewonnen haben.

Diese beiden Komponenten sind:

5. Die Konkordanzbildung, die sich dadurch auszeichnet, dass nach gemeinsamen Nennern zwischen verschiedenen Esoterik-Traditionen gesucht wird, in der Hoffnung, durch ihre Zusammenführung eine „Erkenntnis“, höheren Ranges zu erreichen, und

6. die Transmission, die Auffassung, dass esoterischen Lehren auf vorgezeichneten Wegen (etwa durch Rituale) und unter Einhaltung bestimmter Stadien (etwa durch Grade) vom Meister an seine Schüler weitergegeben werden können.

Nach Kocku von Stuckrad handelt es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige „Tradition“ oder „Strömung“ europäischer Geschichte, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, und so ließe sich im Grunde auch keine „Geschichte der Esoterik“ schreiben.[6] Dennoch bestehe in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind:

(1) Wissensansprüche, die auf „Gnosis“ (gr. „Wissen“) im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus);

(2) die so genannten „okkulten Wissenschaften“ (insbesondere Astrologie und Alchemie);

(3) mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah);

(4) der Neuplatonismus der Renaissance, der mit den Ideen einer „theologia prisca”, einer „Urtheologie“, und einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie verbunden wurde. Die „theologia prisca“ geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren;

(5) die christliche Theosophie, die von der Bedeutung individueller göttlichen Eingebungen im Rahmen eines inneren „geistigen Schauens“ ausgeht;

(6) die initiatischen Gemeinschaften (wie die Rosenkreuzer und die Freimaurer, hier insbesondere die Hochgradfreimaurerei des amerikanischen „Schottischen Ritus“);

(7) die Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky und anderen in New York gegründet wurde und die beträchtlichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Bewegungen genommen hat;

(8) Teile der als „New Age“ bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

Die vorstehend aufgezeigten Darlegungen Antoine Faivres und Kokku von Stuckrads lassen nun – vor allem in historischer Perspektive – zweifellos Beziehungen zwischen Freimaurerei, vor allem ihren Hochgradsystemen, und Erscheinungsformen der Esoterik erkennen. Allerdings ergeben sich aus meiner Sicht dabei auf drei für die Freimaurerei wichtigen Bedeutungsfeldern beträchtliche Spannungen, die nicht folgenlos bleiben können und die mit den gleich zu erörternden Stichwörtern „freimaurerische Inhalte und Organisationsformen“, „Verhältnis Esoterik – Christentum“ sowie „Einschätzung der Freimaurerei in der Gesellschaft“ umrissen werden können.

Zunächst machen es die Ideen und Strukturen einer in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanistischen Freimaurerei unmöglich, sich auf eindeutige Weise als „esoterisch“ zu verstehen oder gar den Versuch zu unternehmen, in ihre Ritualstruktur die ganze Fülle oft sehr heterogener Esoterikelemente aufzunehmen. Dies würde ganz einfach ihren humanistisch-aufklärerischen Kern beschädigen und zu einem dem Ansehen der Freimaurerei abträglichen Durcheinander der Formen und Ideen führen.

Dazu kommt, dass eine „esoterische“ Freimaurerei auch in organisatorischer Hinsicht zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen kann. Nur ein Beispiel dafür: Manly Palmer Hall, Mitglied des 33. Grads des AASR in den USA, fasst die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ folgender Maßen zusammen:[7]

„The Masonic order is not a social organization, but truly is composed of those who have banded themselves together to learn and to apply the principles of mysticism and the occult rites“.
Und an anderer Stelle:

„Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit, die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren und Zwecken der Freimaurerei. Eine wahrhafte Maurerei erst gewährt den Schlüssel zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden. Erst wenn dies besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen als die größte spirituelle Wahrheit, die jeden Menschen enthüllt wurde.“[8]

Dies ist gelinde gesagt, eine bedenkliche Ideologie, die außerhalb des Bundes zu Recht großes Misstrauen erregt und nur allzu leicht den Eindruck erweckt, es handele sich bei der Freimaurerei um eine esoterische Sekte. Ein solches Verständnis unseres Bundes wäre für mich als einem durchaus spirituellen aber doch eindeutig aufklärerisch-ethisch orientierten Freimaurer nicht akzeptabel. Und ganz allgemein und deutlich gesagt: Alle analytischen Überlegungen und alle empirischen Beobachtungen der gesellschaftlichen Realität machen deutlich – ja überdeutlich -, dass nur eine eindeutig auf Humanismus und Aufklärung gestützte Freimaurerei auf Dauer überlebensfähig ist.

Nicht nur zwischen Esoterik und Freimaurerei, sondern auch zwischen Esoterik und Christentum bestehen gravierende Spannungen, die sich immer wieder im Verhältnis der Kirchen zur Freimaurerei niederschlagen. Monika Neugebauer-Wölk, emeritierte Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat den Hintergrund dieser Spannungen deutlich gemacht:

„Stellt man … die Frage nach den strukturellen Unterschieden (zwischen Esoterik und Christentum H.-H. H.), so bietet der elitäre Charakter esoterischer Glaubensgewissheit einen guten Ausgangspunkt, um die Relevanz der Unterschiede zum Christentum deutlich zu machen. Die religiöse Grundkonzeption des Christentums besitzt im Gegensatz zur Esoterik kein hierarchisch geordnetes Menschenbild, dessen Strukturen sich vom Zugang zum heiligen Wissen ableiten. Prinzipiell ist die Offenbarung für alle Menschen dieselbe und ist auch allen zugänglich. Es gibt keine höhere Offenbarung, die dem Nicht-Wissenden verschlossen wäre; es gibt keine privilegierte Heilsweisheit. Wunder, d. h. Überschreitungen der regulären Funktionsweisen der Natur, sind im Christentum nur auf der Basis göttlichen Wirkens möglich, d. h. Wunder tut Gott, nicht der Magus. Ja, man kann darüber hinausgehen und formulieren, dass der Begriff des ‘Wunders’ überhaupt nur im religiösen Horizont des Christentums Sinn macht, esoterisch dagegen nicht. Es hat nichts ‘Wunderbares’, also Irreguläres, wenn der Weise Blei in Gold verwandelt, Kontakt zu Engeln oder Toten aufnimmt, wenn er die Zukunft kennt, sondern es ist das erwartbare Resultat höheren Wissens und höherer Kompetenz und entspricht den Funktionszusammenhängen von Makro- und Mikrokosmos. Es ist das Wissen um die verborgenen Qualitäten aller Dinge, das Gestaltungsmacht verleiht, und dieses Wissen ist das Wissen Adams vor dem Sündenfall. Der Christ kann den Folgen der Erbsünde nur durch die Gnade Gottes und das Heilswerk seines Sohnes entgehen. Der Esoteriker ist immer auf dem Weg, dieses Ziel durch Erkenntnis zu erreichen.“[9]

Will man den skizzierten Spannungen zwischen Esoterik, Christentum und Freimaurerei endgültig und ein für alle Mal entgehen, so hilft wiederum nur die humanistisch-aufklärerische Form und Praxis der Freimaurerei, in der Freimaurerei ganz eindeutig Wertegemeinschaft und nicht Glaubensgemeinschaft oder esoterische Sekte ist.

Das von mir bisher zu Freimaurerei und Esoterik dargestellte bzw. zitierte macht meine folgende zusammenfassende These plausibel:

Die Freimaurerei bietet zwar Platz für esoterische Diskurse, doch eine esoterische Freimaurerei wäre höchst bedenklich und zwar (1) wegen der Konsequenzen für die konzeptionellen, rituellen und organisatorischen Strukturen der Freimaurerei und (2) wegen unnötiger Konflikte mit Religion und Kirche.

Freimaurerei und Religion

Wie eingangs festgestellt, bedarf das Verhältnis zur Religion aus der Sicht einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei dringend der Klärung. Als Teilnehmer am gegenwärtigen Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei möchte ich, zwecks weiterer Diskussion, meine Sicht der Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion in fünf Thesen folgendermaßen umreißen.[10]

  1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Auf der Internetseite der Vereinigten Großloge von England heißt es dazu auch durchaus zustimmungsfähig: „Freemasonry does not seek to replace a Mason’s religion or provide a substitute for it. It deals in a man’s relationship with his fellow man, not in a man’s relationship with his God.” Dass die Freimaurerei für manchen Bruder den Charakter einer Ersatzreligion angenommen hat, bedeutet nicht, dass eine solche Funktion von ihr angestrebt würde.
  2. Die Freimaurer haben und brauchen auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
  3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne ihn auszufüllen, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als „ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ – so der Philosoph Ernst Tugendhat[11] – verstanden werden kann. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte sie daher da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige 6, 2. Chronik 3).
  4. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  5. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.
  6. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist:
  • die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie
  • die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit.

Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen den durch Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten[12]. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.[13]

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt. Ein Weg – es gibt viele andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – wenn auch gewiss nur in bescheidenem Maße – dazu beitragen kann, die moderne (oder postmoderne) Gesellschaft mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

[1] So z. B. ihr Großmeister, Prof. Dr. Stefan Roth-Kleyer, auf der Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland: „Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ist mit ihren fast 10.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste deutsche Großloge. Ihre Mitglieder stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung und bekennen sich zu Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen. Sie vereint geistig und menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher weltanschaulicher, religiöser und politischer Überzeugungen. Wichtig ist, den Freimaurerbund als Einheit von tragender Idee, verbindender Gemeinschaft und symbolischer Ausdruckskraft zu verstehen, hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielsetzungen“, https://freimaurerei.de, Download 30. 03. 2019./

[2] Vgl. Sponsel, Rudolf: Spiritualität. Eine psychologische Untersuchung, http://www.sgipt.org/wisms/gb/spirit0.htm, zuletzt aufgerufen am 09.12.2015.

[3] Nietzsche, Friedrich Wilhelm: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Werke, Kritische Gesamtausgabe, Berlin 1968, S.165.

[4] Dies und das Folgende nach Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019. Kocku von Stuckrad ist Professor für Religionswissenschaft an der niederländischen Reichsuniversität Groningen.

[5] Ein neues Feld europäischer Religionsgeschichte. Antoine Faivre gibt Auskunft zur Esoterikforschung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Interview/, Download 01. 02. 2019.

[6] Kocku von Stuckrad, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad, Download 01. 02. 2019.

[7] Manly P. Hall, The Lost Keys of Freemasonry, ursprünglich 1923.

[8] Ders.: The Lost Keys of Freemasonry, New York 2006 (ursprünglich 1923), zitiert nach Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 331.

[9] http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk/index_html, Download 04. 02. 2019.

[10] Siehe hierzu auch meinen umfangreichen Beitrag „Von Gott und der Religion“ – Zum Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei, in: Hans-Hermann Höhmann, Freimaurerei. Analysen, Überlegungen, Perspektiven, Bremen 2011, S. 179 – 197.

[11] Ernst Tugendthat, Anthropologie statt Metaphysik, Teil I, 2. Auflage, München 2010, S. 14f..

[12] A. Javier Trevino (Ed.): Talcott Parsons today. His theory and legacy in contemporary sociology, Langham/Md. and Oxford 2001.

[13] Thomas Luckmann, Religion in der modernen Gesellschaft, in: J. Wössner (Hrsg.), Religion im Umbruch: soziologische Beiträge zur Situation von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft, Stuttgart 1972, S. 13 -15, hier S. 5.

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Zuhören, zusehen, aber schweigen? Unser Menschenbild

Foto: gstockstudio / Adobe Stock

Seit Jahren beobachtet unser Autor aufmerksam das gesellschaftliche und politische Leben in Deutschland, Europa und der Welt und fühlt sich nach eigener Aussage "immer unbehaglicher".

Von Br. Erwin Lenz, Konstanz

Ja, viele Entwicklungen erlebe ich als beängstigend. Das hat dazu geführt, dass sich meine Auffassungen und Meinungen immer mehr von dem Mainstream der politischen Correctness entfernen. Und mitten drin stelle ich mir immer wieder die Frage: „Wie verträgt sich das mit meiner Rolle als Freimaurer?“ Sind wir doch zu Toleranz, Menschenliebe und Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen aufgerufen. Keinesfalls nur gegenüber unseren Brüdern, wie von den Gegnern der Freimaurerei behauptet wird. Aber wenn ich die Wirklichkeit außerhalb unseres Tempels betrachte, sind die Menschen weit, sehr weit von diesem Ideal entfernt und entfernen sich immer mehr:

  • Ich beobachte einen Niedergang der Debattenkultur. Gehen die Argumente aus, wird der Gesprächspartner oder Gegner persönlich angegriffen und diffamiert.
  • Ich höre in den aktuellen Diskussionen nur wenig überzeugende Argumente und Fakten. Sehr oft fehlen diese ganz.
  • Selbst akademisch Gebildete plappern die in den Medien dargestellten Sachverhalte kritiklos nach und hinterfragen sie nicht. Ich stelle einen weit verbreiteten Mangel an Allgemeinbildung fest, ganz besonders und gerade bei Universitätsabsolventen. Wir sind total informiert und wissen nichts.
  • Die gängigen Kampfbegriffe werden aufgeweicht, vernebelt und inflationär gebraucht. Wer sich nicht an den politischen Mainstream hält und sich kritisch zur aktuellen Politik äußert, wird als „Rechtspopulist“, „Rassist“, „Nationalist“, ja als „Nazi“ abgestempelt. Diese Attribute sind wohlfeil und sehr schnell zur Hand.
  • Ich beklage einen weit verbreiteten Meinungs- und Gesinnungsjournalismus. Statt über Fakten neutral zu berichten und diese von allen Seiten zu beleuchten, wird selektiert, gedeutet und einseitig interpretiert. Ich beobachte Indoktrinierung, Ideologisierung und Meinungsbevormundung.
  • Andersdenkende werden am Reden gehindert und mundtot gemacht. Sie werden sozial ausgegrenzt, ja existenziell vernichtet. Hier sei exemplarisch der Fall Thilo Sarrazin erwähnt.
  • Gewalt ist kein Tabu mehr und wird im Rahmen der politischen Auseinandersetzung häufig verharmlost. So verwundert es nicht, dass Aktivisten und Kontrahenten, offenbar dadurch ermuntert, sich tatsächlich zu Gewalttaten hinreißen lassen.
  • Ein zunehmender Machiavelismus macht sich breit: Der Zweck heiligt die Mittel oder: Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein! Im Kampf gegen rechts scheint bald alles erlaubt zu sein.
  • Bewertet wird mit zweierlei Maß: Radikal-Linke lässt man gewähren, Rechtsorientierte werden massiv bekämpft, selbst wenn sie gar nicht radikal sind.
  • Eine selbsternannte Elite in Kultur, Wissenschaft und Politik bevormundet die Gesellschaft und schreibt uns vor, was wir denken und sagen dürfen und was nicht. Meinungsfreiheit sieht anders aus.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Alle diese Beobachtungen: die fehlende Fairness all überall, dass Messen mit zweierlei Maß, der Kampf mit unlauteren Mitteln lösen in mir  Widerstand aus: Ich will mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu sagen habe. Und schon gar nicht kann ich die grassierende Intoleranz tolerieren. Gleichwohl bin ich den ethischen Idealen der Freimaurerei verpflichtet. „Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus“. Ich frage mich: Wie kann ich diesen Gegensatz auflösen? Wo sind die Grenzen der Toleranz?“

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:

  • Wir sollten peinlichst darauf achten, dass die Spaltung der Gesellschaft nicht auch unsere Loge erfasst. Das Gebot in den alten Pflichten, nicht über Politik, Nation und/ oder Religion zu streiten, war noch nie so aktuell wie heute.
  • Wir tun gut daran, die veröffentlichte Meinung äußerst kritisch zu verfolgen und nicht alles zu glauben, was dort geschrieben steht, gesagt oder gezeigt wird. Bei unserer Aufnahme wurden wir alle ermahnt: „Bewahren Sie sich auch in den Stürmen des Lebens die Freiheit und Unabhängigkeit Ihres Geistes.“ Diese Aufforderung bekräftige ich hier.
  • Es ist äußerst ratsam, in der Mitte zu bleiben. „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt!“ Es zeigt sich auf allen Seiten. Wir müssen mutig jedweder Willkür, Unfairness und Ungerechtigkeit entgegentreten, jeder einzelne von uns in seiner Lebenswelt.
  • Und last but not least sollten wir unsere Ideale leben, vorleben und verteidigen. Das heißt: Andersdenkenden mit Respekt begegnen, solange sie nicht ihre Meinung mit unlauteren Mitteln, Terror und Gewalt durchzusetzen versuchen. Sofern Letzteres der Fall ist, haben wir das Recht, ja die Pflicht, uns dagegen zur Wehr zu setzen. Wir sind berechtigt, politische Richtungen, Ideologien, Weltanschauungen und Religionen, die die Menschenrechte missachten und mit Füßen treten, zu nennen und anzuprangern. Die Errungenschaften der Aufklärung mussten erkämpft werden. Sie sind auch heutzutage weder selbstverständlich, noch sicher. Im Gegenteil, sie sind in akuter Gefahr!

Ich möchte daran erinnern: Von keinem totalitären Regime, egal ob „links-sozialistisch“, „rechts-faschistisch“, „muslimisch-gottesstaatlich“ oder „christlich-absolutistisch“, wird die Freimaurerei geduldet, einzige Ausnahme: Kuba.

Selbst in demokratischen Staaten grassiert eine „Masonophobie“. In der Türkei haben die Brüder große Angst und arbeiten nur noch im Verborgenen. Selbst in Italien erwägen Regierung und Parlament, öffentliche Ämter und die Mitgliedschaft in der Freimaurerei für unvereinbar zu erklären.

Ich komme damit zu meinem Titelthema zurück und fasse zusammen:

  • Zuhören? Ja, aufmerksam, durchaus kritisch und möglichst ohne mein Gegenüber zu unterbrechen. Vor allem aber hören, was er sagt, unabhängig von seiner Person. Eine Aussage ist nicht deswegen unzutreffend, weil ein Gauland, Sarrazin oder Trump es sagen.
  • Zusehen? Ja, und vor allem genau hinschauen, kritisch hinterfragen und sich ein eigenes Bild und eine eigene Meinung machen. Das gilt besonders dann, wenn wir einen Sachverhalt oder ein Geschehen nicht unmittelbar selbst beobachten können und auf die Beschreibung Dritter angewiesen sind. Hier ist äußerste Skepsis angesagt.
  • Aber Schweigen? Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Als Institution Loge sollten wir uns aus allerdings aus dem aktuellen politischen Diskurs heraushalten. Wir dürfen als einzelne Freimaurer m.E. aber durchaus unsere humanen Werte: Toleranz, Brüderlichkeit und Menschenliebe, mit anderen Worten: die Einhaltung der Menschenrechte einfordern.
  • Ich komme damit zu unserem freimaurerischen Menschenbild. Es steht in einem krassen Gegensatz zu dem der Feinde der Freiheit. In der Verlagsbeschreibung des Buches von Giuliano di Bernardo: „Die Freimaurerei und ihr Menschenbild…“ heißt es, Zitat: „Das Menschenbild der Freimaurerei … setzt sich verbindliche ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Rasse, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sind. Die Freimaurerei versteht sich als hohe Schule der Toleranz und Brüderlichkeit … Jedem lässt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweisen, aber jeden verpflichtet sie auf die gleichen ethischen Normen. Sie vermittelt keine Offenbarungen oder Dogmen, aber sie will zu einem ganz besonderen Stil der Lebensgestaltung führen.“ Zitat Ende. Dieses Menschenbild müssen wir konsequent vertreten und verteidigen.

Im Dezember 2018 hatte ein Professor der Universität Siegen Thilo Sarrazin zu einem Seminar zum Thema: „Meinungsfreiheit“ eingeladen. Im Vorfeld wurde massiv versucht, auch durch die Universitätsleitung, die Teilnahme Sarrazins an der Veranstaltung zu verhindern.

Dies wurde im Fernsehsender: RTL-West, wie folgt kommentiert, Zitat:

„Eine Vorlesung zur Meinungsfreiheit wird bekämpft, weil ein Mensch auftritt, der eine Meinung hat, die er aber nicht haben darf. Und wer ihn unterstützt, ist Nazi.

Geht’s auch eine Nummer kleiner?

Wer legt eigentlich fest, was man sagen darf und was nicht, welche Meinung man haben darf und welche nicht? Solange es natürlich nicht gegen geltendes Recht verstößt.

Immer mehr Menschen fühlen sich anderen Menschen gegenüber moralisch überlegen und bekämpfen Andersdenkende, mittlerweile sogar bis aufs Blut. Wir erzeugen eine Atmosphäre der Angst und nennen es Freiheit. Wir bedrohen andere und nennen es friedlich. Wir wollen den Zusammenhalt und betreiben die Ausgrenzung. Fast immer im Namen einer toleranten Gesellschaft.

Das ist alles andere als tolerant, das ist borniert!

Das Wort Toleranz kommt aus dem Lateinischen und heißt: Ertragen, erleiden, erdulden. Tolerant kann nur sein, wer etwas ablehnt und trotzdem hinnimmt. Denn nur dann kann man es erdulden.

 … Redet miteinander, hört einander zu und hört auf, euch zu beschimpfen. Denn nicht alles, was man selbst meint, ist richtig. Und nicht alles, was der andere denkt, ist falsch.“ Zitat Ende.

Mein Fazit lautet:

Auch für uns Freimaurer ist Toleranz weder uneingeschränkt, noch unbegrenzt. Und sie ist keine Einbahnstraße. Intoleranz können und dürfen wir nicht tolerieren. Denjenigen, die für sich alle Rechte einfordern, diese aber anderen verweigern, müssen wir entgegen halten: „Wer Toleranz einfordert, muss sie auch üben!“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Das Bauhaus und die Freimaurerei

Das Bauhaus in Dessau

Freimaurer suchen immer wieder nach historisch-kulturellen Vorbildern ihres Bundes. Gehört nicht auch das Bauhaus dazu? Gerade im Jahr des 100. Gründungstages dieser legendären Hochschule und Ideenschmiede scheint die Frage nahezuliegen. Dennoch wirft die Antwort einige Probleme auf.

Vortrag des Redners der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade"

Dabei scheint der Zugang zum Bauhaus, gerade aus Sicht der Freimaurer, einfach zu sein. 1919 veröffentlicht Walter Gropius das Gründungsmanifest der neuen Hochschule und gibt gleich im ersten Satz ihr zentrales Ziel aus – Kunst und Handwerk im Zeichen einer gemeinsamen Arbeit am Bau wieder zu vereinigen. Dieses Zielt ruft bei uns Brüdern das Bild des Tempels der Humanität als Ziel gemeinsamer Arbeit auf. Dem Text von Walter Gropius – er gehört zu den legendären Dokumenten der künstlerischen Moderne – ist obendrein ein Holzschnitt von Lyonel Feininger beigegeben, der das ideelle Programm in ein Bild fasst, jenes der von Sternen bekrönten Kathedrale. Dieses Sinnbild einer stabilen, überzeitlichen Harmonie scheint die Vorstellungen der Freimaurer geradezu idealtypisch aufzunehmen.

Gehört das Bauhaus demnach in die Reihe der illustren künstlerischen Vorbilder und Entsprechungen, die wir Freimaurer immer wieder gern aufrufen, um unseren Bund kulturell und ideell besser verankert und begründet zu wissen? Mozarts „Zauberflöte“ steht dafür beispielhaft. Die Schöpfer der Oper sind Freimaurer, die Entstehungszeit sieht die Freimaurerei in voller Blüte und obendrein enthält dieses Kunstwerk ein komplettes Programm der Königlichen Kunst.

Das Bauhaus bietet sich für eine Identifikation ebenfalls scheinbar an. Es gilt heute nahezu unangefochten als zentrale Referenz für Modernität und Kreativität. Die Hochschule gliedert ihr Personal in Lehrlinge, Gesellen und Meister, Walter Gropius spricht sogar vom Bauhaus als „Loge“. Das Problem: Jenes Bild des Bauhauses, das Freimaurer adressieren, um eine Identifikation zu erreichen, entspricht nur der Frühphase der Hochschule. Obendrein ist keiner der bedeutenden Bauhäusler Mitglied unseres Bundes. Das wirft Fragen auf.

An dieser Stelle soll nicht die komplexe innere Struktur und dynamische Geschichte des Bauhauses referiert werden, eine Geschichte, die in der Abfolge der Bauhausorte Weimar, Dessau und Berlin sowie der Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Mayer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) ihr sichtbares Gerüst findet. Die Tatsache einer rapiden Wandlung des Bauhauses zwingt dazu, auch die Identifikation der Freimaurerei mit historisch-kulturellen Vorbildern neu zu denken. Es geht nicht mehr um starre Spiegelungen, sondern um dynamische Befragungen, nicht mehr um Konstellationen, sondern um Prozesse.

Auf dem Hintergrund dieser veränderten Fragerichtung lassen sich fünf Ansatzpunkte ausmachen, von denen aus das Verhältnis von Bauhaus und Freimaurerei sinnvoll diskutiert werden können:

  • Das Bauhaus lehrt uns, dass Menschen nur kreativ miteinander sein können, wenn sie keinen uniformen Verband, sondern ein lebendiges, gleichsam atmendes Netzwerk bilden, das den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Walter Gropius sprach davon, „Alles in der Schwebe lassen“ zu wollen, als er sich zum Bauhaus als Personenverbund äußerte. Bruno Adler sprach von einem „lebendigen Organismus“. Ebenso wie das Bauhaus sollten auch Logen Orte sein, die sich dynamisch entfalten und der Kreativität des Einzelnen Raum geben. Die Verbindung entsteht durch den gemeinsamen Maßstab der Qualität.
  • Das Bauhaus weist uns, analog zum ersten Punkt, darauf hin, dass erfolgreiche Personenverbände ihre permanente Neuerfindung inszenieren und forcieren. Das Bauhaus liefert, ebenso übrigens wie die Documenta, das Musterbeispiel für eine kulturelle „Marke“, die das Ineinander und Miteinander von Identität und Neuerfindung bewältigt und organisiert. Bewegung und Identität sind keine Widersprüche, sondern Pole einer Bewegung, die ständig beide Aspekte im Blick hat.
  • Das Bauhaus liefert vor allem mit seinem Theater vielfältige, bislang überhaupt nicht diskutierte Ansatzpunkte für ein vertieftes Verständnis des Rituals als des Kernelementes der Freimaurerei. Mit seinem Triadischen Ballett führt Oskar Schlemmer am Bauhaus bewegte Bilder als dynamisierte Geometrien auf. Im Vordergrund steht nicht subjektiver Ausdruck, sondern eine konzertierte Bewegung mehrerer Spiele in einem planimetrischen Raum. Das Tanzspiel führt Bilder vor, ihre Schönheit als Ordnung. Dieser Aspekt führt unmittelbar zu den freimaurerischen Idealen mit ihrer Verbindung von Körperbewegung, gesprochener Sprache, Licht, Musik und bildhafter Symbolik.
  • Das Bauhaus organisiert sich nach innen, es wirkt aber auch dezidiert nach außen. Das Bauhaus will mit seinen Gestaltungen auch Gesellschaft verändern. Damit ist keine parteipolitische Aktivität gemeint, sondern ein Engagement für ein verbessertes Leben aller Menschen. Schönheit und Nützlichkeit werden deshalb von den Bauhäuslern zusammen gedacht. Diese Verbindung von innerer Aktivität und äußerer Wirkung fügt sich auch zu der Intention der Freimaurerlogen, mit ihren internen Übungen eine Praxis anzuleiten, die außerhalb der Logen verändernd wirken soll. Der Bezug auf das Bauhaus könnte helfen, diesen Bezug neu zu durchdenken – auch auf seine möglichen Konflikte und internen Widersprüche hin.
  • Das Bauhaus bietet auch ein Lehrstück für eine Dynamik, die ohne Konflikte niemals zu haben war. Erst in der Rückschau erscheint das Bauhaus als ein Monolith der Moderne – vor allem im Hinblick auf seine heute als klassisch erachteten Designprodukte. Die Entwicklung des Bauhauses war aber in Wirklichkeit von internen wie externen Konfliktlagen begleitet. Diese Geschichte sollten auch wir Freimaurer bewusst reflektieren.

Die hier kurz skizzierten Punkte zeigen auf, wie Freimaurer ein produktives Verhältnis zu der legendären Hochschule gewinnen können. Der Blick auf das Bauhaus sollte uns lehren, unser Verhältnis zu historisch-kulturellen Vorbildern insgesamt neu auszurichten. Dabei darf es weniger um bloße, zur Erstarrung neigende Identifikationen gehen als darum, produktive Fragen zu stellen. Es geht um Prozesse, nicht um Bestände! Das Bauhaus lehrt uns vor allem eines: nur diejenigen, die sich heute bewegen, werden morgen die Klassiker sein!

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Konzepte, Metaphern, Symbole

Foto: sveta / Adobe Stock

Sprachbilder, wie wir Metaphern üblicherweise wiederum mit einer Metapher umschreiben, sind allgegenwärtig. Sie sind in unserer Sprache sehr viel stärker präsent, als uns im Allgemeinen bewusst ist.

Vortrag auf der 55. Arbeitstagung der Forschungsloge „Quatuor Coronati“, Mannheim, 9./10. März 2019
Hans-Hermann Höhmann, Köln, Ehrenvorsitzender der Forschungsloge „Quatuor Coronati“

Wer immer nachdenkt, strukturiert den Kosmos seines Bedeutungsuniversums durch Metaphern, das heißt, er verwendet Metaphern bereits bevor er mit anderen über Inhalte und Ergebnisse seines Denkens kommuniziert. Unser gesamtes alltägliches Konzeptsystem, auf dessen Grundlage wir sowohl denken und sprechen als auch handeln, ist im Kern metaphorisch, und so wird verständlich, warum George Lakoff und Mark Johnson ihr, die neuere Metaphern-Forschung in hohem Maße inspirierendes gemeinsames Hauptwerk „Metaphors We Live By“ genannt haben, deutscher Titel „Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern“.

Metaphern in der Freimaurerei

Was bedeutet der Komplex „Metapher“ für uns Freimaurer der Gegenwart? Warum behandeln wir ihn auf einer Tagung der Forschungsloge? Welche Rolle spielt er für unsere Kommunikation mit der Öffentlichkeit?

Das sind die Fragen, die mich in meinem Vortrag beschäftigen.

lm Zentrum des Freimaurerbundes stehen für uns Ideen, Ideale und Konzeptionen, mit denen wir Wesen, Strukturen und Ziele der Freimaurerei in eine Sprache fassen, die weitgehend metaphorisch ist, und die in unseren Symbolen und Ritualen ihre Entsprechung findet. Für mich sind dies in erster Linie die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Die wichtigsten Begriffe davon sind uns vertraut: Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Friedensliebe. Wenn wir uns über Ziele, Werte und Leitvorstellungen der Freimaurerei verständigen, wenn wir in der Loge und mit der Öffentlichkeit darüber kommunizieren, dann zeigt sich immer wieder, dass auch unsere Sprache ohne Sprachbilder, ohne Metaphern nicht auskommt, ja dass im Grunde genommen der gesamte Charakter der Freimaurerei, der nicht zuletzt in der symbolischen Übertragung von Bauwerkzeugen auf die moralische Welt besteht, metaphorisch ist. Doch auch bereits vor der Entstehung der modernen Freimaurerei hatten Metaphern in der Welt der Bauhütten eine große Bedeutung, ist doch ohne die Lichtmetapher der gotische Kathedralenbau nicht denkbar.

Da die Metaphern der Freimaurerei mit ihren Konzepten zusammenhängen, können wir mit Lakoff/Johnson auch im masonischen Kontext von konzeptuellen Metaphern sprechen, die teilweise unbewussten Charakter haben, Wesen und Struktur der Freimaurerei teilweise aber auch bewusst zum Ausdruck bringen und unserer Orientierung nach innen und außen dienen. Die konzeptuellen Metaphern der Freimaurerei haben den Charakter von Frames, von Rahmen, die ganze Wissensbestände vom Herkunftsbereich der Symbolik in den Zielbereich der praktizierten Freimaurerei übertragen und dort neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten schaffen. Man kann daher auch von ihrem Brückencharakter sprechen, denn sie verbinden Konzepte mit Symbolen und sind auf diese Weise in die masonischen Rituale eingegliedert, deren Texte ja weitgehend aus Metaphern bestehen. Dauernd erfolgen Transferbeziehungen in zwei Richtungen: Einerseits führt der Weg vom Konzept zur Metapher, dann weiter über die Symbolik ins Ritual. Andererseits verbindet die rituelle Praxis Symbole mit Metaphern, die dann von Konzeptionen vermittelt zum Denken und Handeln des Freimaurers führen. Oder anders ausgedrückt: Wir beginnen mit Praxis und werden zur Praxis zurückgeführt, und das Wesen der Freimaurerei besteht weitgehend in der Dialektik ihrer symbolisch-metaphorischen und ihrer tatsächlichen Formen von Praxis.

Mythen, Metaphern und Systeme

Doch spätestens an dieser Stelle setzen Probleme ein, denn die konzeptionellen Grundlagen der Freimaurer stimmen ja – auch in diesem Kontext dürfen wir nicht daran vorbei denken – von masonischem System zu masonischem System nicht überein. Es gibt ja nicht die Freimaurerei (im Singular), sondern nur die Freimaurereien (im Plural). Dies hat verschiedene historische Ursachen und ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die konkreten maurerischen Systeme auf dem Hintergrund divergierender Mythenstränge entwickelt haben.

Wenn wir uns die Mythen anschauen, um die herum sich die Freimaurereien in den vergangenen Jahrhunderten seit 1717 entwickelt haben, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, die sich aber trotzdem voneinander unterscheiden, ja sich widersprechen können:

  • die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, die in den Logen entschlüsselt werden können,
  • die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters des Freimaurerordens sowie
  • die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, die einzuhalten die Freimaurerei den Bruder lehrt.

lm Verständnis nach Innen aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese Erzählstränge – die ja zu sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei im Hinblick auf Konzepte, Symbole und Metaphern geführt haben – oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns dann wieder in den Geschichten, die andere über uns erzählen. Und hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme. Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, wer und was wir eigentlich sind.

Es wäre nun interessant zu untersuchen, wie sich die konzeptuelle Metaphorik der verschiedenen Spielarten von Freimaurerei voneinander unterscheidet. Und es wäre gleichfalls spannend, die Prozesse aufzuzeigen, durch die sich die Metaphernwelten der einzelnen Freimaureien unter dem Einfluss politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen verändert haben, wenn beispielsweise die Lichtmetapher in der völkischen Freimaurerei der späten 20er und frühen 30er Jahre weithin einen neuheidnisch-arischen Charakter angenommen hat, die einer veränderten freimaurerischen Sinnstiftung dienen sollte. Hier sind noch viele Fragen offen, und es existiert ein umfangreicher Forschungsbedarf.

Die Metaphern der Humanistischen Freimaurerei

Ich muss mich heute allerdings thematisch beschränken, und so möchte ich mich im folgenden Teil meines Beitrags mit der in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanitären Freimaurerei beschäftigen, mit der ich ja in Forschung und Praxis besonders verbunden bin. Dabei möchte ich versuchen aufzuzeigen, wie es in dieser Form von Freimaurerei um die Wirkungskette Konzept – Metapher – Symbol – Ritual strukturell und inhaltlich bestellt ist.

  • Freundschaft und Geselligkeit,
  • ethische Orientierung und moralische Praxis,
  • Arbeit mit Symbolen und Ritualen,
  • Bewährung als Einübung in Lebenskunst.

Zu den bewusst gewählten konzeptuellen Metaphern der Humanistischen Freimaurerei gehören für mich in erster Linie vier Gruppen von Metaphern oder auch Metaphernfelder, die einerseits mit den Konzepten der Humanistischen Freimaurerei korrespondieren und andererseits in entsprechenden Einzelsymbolen und symbolischen Handlungen Ausdruck finden. Ich unterscheide die Metaphernfelder „Licht“, „Wandern“, „Bauen“ und „Liebe“, verweise auf die jeweilige Metaphernstruktur und versuche mitzuteilen, zu welchen Sinnstiftungen und Konzepten freimaurerischer Praxis mich diese Metaphernstruktur zurückführt. Dabei ist allerdings stets festzuhalten, dass das Ritual keine bloße Aneinanderreihung von Metaphern ist, dass die freimaurerischen Metaphern vielmehr in die performative Gesamtstruktur des Rituals eingebunden sind.

Das Metaphernfeld „Licht“

Ich beginne mit Bemerkungen zum Metaphernfeld „Licht“ mit den uns allen vertrauten Metaphern, die um Licht, Aufklärung und Erleuchtung kreisen, teils mehr rational (im Sinne von „Aufklärung“), teils mehr spirituell (im Sinne von „Erleuchtung“) konnotiert.

Es fällt nicht schwer, Metaphern des Lichts in unserem Lehrlingsritual aufzufinden:
„Wir wollen unser Herz gegen das Licht richten.“ „Lasst uns die Werkstätte völlig erleuchten, auf dass wir im klarsten Licht unsere Arbeit beginnen.“„Hüten Sie sich vor allen Lehren, welche das Licht des menschlichen Denkens nicht ertragen.“„Licht zu erlangen, sei stets Ihr tiefstes Bestreben.“„Meine Brüder, helft mir, unserem neu aufgenommenen Bruder das Licht zu geben.“

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik den transzendenten Bezug des Freimaurers, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. In allen kulturellen Systemen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer – Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual.

Licht ist das wichtigste Medium der Spiritualität. Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, sondern auch für Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so will es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten. ln der Sprache des Rituals: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zur Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag.“

Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Einweihung eines neuen Tempels macht.

Die Beziehungen zur freimaurerischen Praxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen“. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Das Metaphernfeld „Wandern“

Zweitens Bemerkungen zum Metaphernfeld „Wandern“ mit Metaphern des Wanderns, des Reisens, der Veränderung, des Übergangs: „Die Reisen, welche Sie nun unternehmen, sind Bilder des Lebens.“ „Noch ist der Suchende fern vom Ziel. Mühsam ist der Weg. Lassen Sie uns mutiger vorwärtsschreiten.“ „Der Lehrling muss lernen, im Tempel zu gehen.“ „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben.“

Die Symbolik des Wanderns veranschaulicht den besonderen Charakter der menschlichen Lebensreise. Wandermythen gehören zu den uralten Bestandteilen menschlicher Bewusstwerdung. Wanderepen wie Homers Odyssee erzählen nicht nur das Schicksal von Helden. Sie bezeugen auch die Bestimmung des Menschen, Wanderer zu sein. Auch eine moderne Filmgattung bestätigt immer wieder einen archaischen Befund: Das menschliche Leben ist ein Roadmovie. Der Mensch ist unterwegs, er muss aufbrechen, er verändert sich, er hat Altes hinter sich zu lassen und selbst, wenn er zum Ausgangspunkt zurückkehrt, ist er verändert und hat die Chance, die Veränderung produktiv an sich selbst zu erleben. Rainer Maria Rilke hat dieses „Zurückkehren, aber doch Verändertsein“ bekanntlich in die schöne Metapher vom „Leben in wachsenden Ringen“ gefasst:

„lch lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.“

Die symbolischen Reisen, die der Freimaurer als Suchender, Lehrling oder Geselle unternimmt, gehören zu den wichtigsten Formen performativen Handelns im Ritual, dessen performativer Charakter – wie der Ritualforscher Christian Wulf betont – sehr wesentlich „über die Inszenierung und Aufführung der Körper der beteiligten Menschen“ Ausdruck findet.

Freimaurerei hat mit Wanderungen vielerlei Art zu tun: der Aufnahmekandidat wandert zum Licht, der Lehrling macht „Gesellenreisen“, der Geselle wandert – konfrontiert mit der Unabänderlichkeit des Todes – auf dem Weg zur Meisterschaft, und auch für den Meister wird das „Wandern zwischen Sternen und Gräbern“ immer wieder zu Erlebnis und Anstoß.

Rahmen des Wanderns durch die sich durch Wiederholung von Mal zu Mal vertiefenden rituellen Erlebnisse ist das System der drei freimaurerischen Grade Lehrling, Geselle und Meister. Für mich lässt sich dieser Rahmen durch zusätzliche Ritual-erfahrungen nicht sinnvoll erweitern. Die Wandersymbolik hilft erkennen, dass es sich bei den Ritualen der Freimaurer nicht um Verkündigungsrituale oder Rituale der Manifestation nicht zu hinterfragender Überzeugungen handelt, sondern um Erprobungsrituale oder Rituale der Suche, die schrittweise Erkenntnis und korrigierbares Lernen verdeutlichen, was zugleich bedeutet, dass freimaurerische Rituale bei aller Konstanz ihrer Form „offene“ und keine hierarchisch vermittelten Rituale sind – oder doch sein sollten.

Leben als Wandern zu verstehen, ist auch den Gedanken und Bildern anderer Denksysteme und Ausdrucksformen von Kultur eigen. Die Anschaulichkeit und Intensität der sinnlichen Erfahrung der freimaurerischen Rituale wird allerdings nur selten erreicht. Das freimaurerische Brauchtum ist nun einmal sowohl durch eine besonders sinnreiche Ritualstruktur als auch durch eine besonders eindrucksvolle gruppendynamische Qualität des Ritualvollzugs geprägt.

Metaphernfeld „Bauen“

Nun Bemerkungen zum Metaphernfeld „Bauen“ mit Metaphern des Bauens, des Entwerfens, der Arbeit, der Praxis. Wiederum dazu in ununterbrochen metaphorischer Sprache unser Ritual: „Lasst uns an die Arbeit gehen, Brüder, und die Werkzeuge zur Hand nehmen“. „Wir bauen den Tempel der Humanität.“ „Die Bausteine, deren wir bedürfen, sind die Menschen.“ „Der rauhe Stein ist das Sinnbild des Lehrlings. Er bezeichnet die rohe Form, welche der Bildung und Veredelung bedarf.“

Die Metaphern des Bauens umreißen Inhalt und Ziel unserer Arbeit: Freimaurer bauen am Tempel der Humanität. Sie verstehen Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltende Bauwerke. Sie gehen davon aus, dass ihrem Bauen eine wertgebundene Bauidee zugrunde liegt, die sie – ohne jede inhaltliche Bestimmung, fern ab von der Dogmatik eines kreativen Designs und ohne, dass die Loge zur religiösen Vereinigung wird – mit dem Symbol eines universellen Großen Baumeisters umschreiben.

Gewiss, wir bauen ein Fenster zur Transzendenz, denn „über sich“ hinaus zu schauen ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Doch was der Maurer sieht, wenn er durch dieses „Fenster“ blickt, ist innerhalb und außerhalb der Loge sein Geheimnis, das ihm durch seine Philosophie oder Religion und nicht durch die Freimaurerei vermittelt wird. Es wäre schamlos, den Bruder danach zu fragen, und es wäre anmaßend, am Inhalt seiner Überzeugungen Anstoß zu nehmen, so lange sie mit den im Konsens der Freimaurer gefundenen Wertvorstellungen übereinstimmen und der Bruder sie nicht selbst mit Freimaurerei vermischt und verwechselt.

Grundlegend für die freimaurerische Bausymbolik ist, dass wir uns selbst als Bausteine verstehen, deren Auftrag und Schicksal es ist, den Weg vom rauen zum behauenen Stein zu nehmen, lebenslang und unabweisbar, aber mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes. Wir bauen eine Heimat für Menschen, eine Heimat, die nicht nur am großen Entwurf des Tempelbaus orientiert ist, die vielmehr – wiederum metaphorisch ausgedrückt – vor allem im tagtäglichen Bemühen, um menschenwürdige Wohnverhältnisse in den Alltagsgehäusen unserer Mitmenschen ihren Ausdruck zu finden hat.

Bauen und Wohnen gehören zusammen. Philosophen ganz unterschiedlicher Ausrichtung wie Martin Heidegger, Ernst Bloch und Otto Friedrich Bollnow, aber auch philosophierende Schriftsteller wie Antoine de Saint-Exupéry haben betont, dass der Mensch wesensmäßig ein Wohnender ist, der baut, um beheimatet zu sein. Für Bloch ist „Bauen“ ein Produktions-versuch menschlicher Heimat, und Heidegger formulierte im Rahmen des vielbeachteten „Darmstädter Gesprächs“ zum Thema „Mensch und Raum“ im Jahre 1951: „Das Wesen des Bauens ist das Wohnen lassen. Der Wesensvollzug ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume. Nur wenn wir das vermögen, können wir bauen. Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins.“

Das „Nicht-Wohnen-Können“ umgekehrt, die Obdachlosigkeit, das heimatlose Asyl verletzt zutiefst die Würde der davon betroffenen Menschen, nicht nur, weil der Besitz einer Wohnung eine elementare Notwendigkeit für physisches menschliches Überleben ist, sondern auch, weil Haus und Wohnung ganz spezifische kulturelle Identitäten stiften, über die zu verfügen gleichfalls ein Grundanliegen der Menschen ist. Seitdem der Mensch Mensch ist, hat er gebaut, wenn auch das Maß des Menschlichen dabei oft verfehlt worden ist.

Nicht nur einzelne Menschen, auch Gemeinschaften sind auf Raum und Heimat, d. h. auf

Verwurzelung an festen Orten angewiesen. Für Logen gilt dies sogar in einem gesteigerten Maße. Ihre Lebenskraft, ihre rituelle, soziale und kulturelle Entfaltung, die sichere Gelassenheit, mit der sie neue Menschen anzusprechen in der Lage sind, all das hängt davon ab, ob sie Räume besitzen, die Heimat konstituieren. Und von dieser Heimat, diesem Heim her, macht es für uns Freimaurer auch heute noch Sinn, vom „Geheimnis“ zu sprechen.

Das Metaphernfeld „Liebe“

Viertens schließlich Bemerkungen zum Metaphernfeld „Liebe“ mit Metaphern der Mitmenschlichkeit, der Zusammengehörigkeit, der brüderlichen Liebe und der Universalität dieses Miteinanders: „Schöne reine Menschenliebe, Brüderlichkeit aller ist der Mörtel des Tempelbaus.“ „Der Zirkel ist Sinnbild der brüderlichen Gemeinschaft, der den Freimaurer mit allen Menschen verbindet.“ „Die Freimaurerei ist allgemein, sie erstreckt sich über den ganzen Erdboden, und alle Brüder machen nur eine Loge aus.“ „Wir bilden die Kette der brüderlichen Eintracht.“ „Vor allem übt brüderliche Liebe. Sie ist Grundstein und Schlußstein, Kitt und Ruhm unserer alten Bruderschaft.“

Die Metaphern der Liebe bringen zum Ausdruck, dass Freimaurerei menschliches Miteinander bedeutet. Und zwar – wie wir von Lessing gelernt haben – kein Miteinander von Menschen mit besonderen Seinsweisen in nationaler, ständischer und religiöser Hinsicht, sondern ein Miteinander von Menschen als „bloßen“ Menschen, Menschen, denen es – so Lessing im Nathan – „genügt ein Mensch zu sein“.

Damit sich Freimaurerei als menschliches Miteinander ereignet, ist freilich immer wieder der Mut zu einer wirklich umfassenden Begegnung erforderlich. Für den Mitmenschen Sorge tragen, Verantwortung, Respekt und Wissen um einander als Aufgaben ernst zu nehmen und tatsächlich zu praktizieren, hiervon vor allem hängt die Glaubwürdigkeit unseres Bundes ab. Andererseits: Wir geben nicht nur, wir bekommen auch. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber es bleibt dabei: Wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich zu dem kommt, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern besingen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig, fest und schön.

Offene Fragen und Forschungsaufgaben

Zum Abschluss meines Beitrages einige Folgerungen und Hinweise auf offene Fragen:

Erstens: Der metaphorische Charakter der Freimaurerei erfordert gründliche Überlegungen über das, was ich als das Gestaltungsdreieck der Freimaurerei bezeichnet habe, über die Beziehungen zwischen Konzept, Metapher und Symbol. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, das inhaltliche Ideen, sprachliche Ausdrucksformen, symbolische Abbildungen und performativen Ritualvollzug miteinander verbindet. Unsere Ideen finden Ausdruck in unseren Ritualen. Ihre Sprache steht in einem engen Zusammenhang mit unseren Symbolen und hat selbst symbolischen Charakter. Dies macht die freimaurerische Metaphorik einerseits in besonderem Maße für das im Ritual übliche performative Sprechen und Handeln geeignet, lässt andererseits aber kaum zu, dass die Metaphorik des Rituals unvermittelt und direkt in der nicht-rituellen, vor allem der öffentlichen Kommunikation eingesetzt wird. Das könnte schlicht oberflächlich, pathetisch und leer wirken. Der Freimaurer sollte daher mit seinen Metaphern wohldosiert umgehen und versuchen auf ihrer Grundlage zunächst und vor allem ein vertieftes Nachdenken zu erreichen, dessen Resultate sich nicht blamieren, wenn sie aus unseren Gedankenwelten wiederauftauchen und in unsere Diskurse Eingang finden.

Zweitens: Die Zahl sinnvoller konzeptueller Metaphern innerhalb der Freimaurerei – insbesondere in einer humanitären Freimaurerei, einer Freimaurerei, die in der Tradition von Humanismus und Aufklärung steht – ist begrenzt, und so macht es inhaltlich, aber auch im Hinblick auf ihre metaphorischen, performativen und symbolischen Sprachformen in meiner Sicht keinen Sinn, die Metaphernbereiche der Freimaurerei beliebig zu erweitern. Die Metaphern unseres Rituals sollen den Kern des Konzepts „Freimaurerei“ beschreiben, in meiner Sicht das Konzept einer humanistisch orientierten Freimaurerei. Deshalb gilt es auf die Konsistenz der freimaurerischen Metaphernfelder zu achten, und – soweit das Ritual nicht ohnehin einer solchen Konsistenz entspricht –, mit behutsamen Anpassungen der Rituale zu reagieren. Insbesondere dann sind Korrekturen erforderlich, wenn die Sprachform der Metapher nicht mehr dem zugrundeliegenden Konzept entspricht und keine überzeugende Sinnzuschreibung ermöglicht.

Drittens: Metaphern sind wesentliche Elemente der freimaurerischen Rituale, machen jedoch keineswegs ihre Gesamtheit aus. Wesentlich für das rituelle Geschehen sind vor allem auch die Körperinszenierungen, die weithin durch ihren performativen Charakter geprägt sind. Dies gilt insbesondere für die Initiationen (Aufnahmen) und die Übergänge von Grad zu Grad (Beförderungen, Erhebungen). Weiter hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die in den Ablauf des Rituals eingefügte Musik und die „Zeichnungen“, das heißt, die in das Ritual eingefügten kürzeren oder längeren Vorträge. Beides, Musik und Zeichnungen, sollten den Fluss des Rituals stützen und bereichern, nicht aber eine zu starke Eigenwirkung entfalten, ja, es wäre zu überlegen, ob nicht bei Aufnahmen, Beförderungen und Erhebungen ganz auf Zeichnungen verzichtet werden sollte. Nach meinen Beobachtungen sind diese oft zu lang, thematisch nicht stimmig und wirken sich insbesondere auf die innere Beschäftigung des Initianden mit dem rituellen Geschehen negativ aus.

Viertens: Es ist meines Erachtens durchaus lohnend, die Arbeit an Konzept, Symbol und Ritual zukünftig mit einem Ausbau der bisher vernachlässigten Arbeit an der freimaurerischen Metaphorik zu verbinden. Dies ist ja ein bisher weithin brachliegendes Feld, dem sich auch das Ritualkollegium unserer Großloge bisher kaum angenommen hat. Und nichts spricht dagegen, diese Arbeit im Rahmen eines erweiterten Diskurses in Angriff zu nehmen, an dem auch die Schwestern Freimaurerinnen mehr als bisher beteiligt sind. Ich habe im Kontext Ritual und rituelle Sprache viel von meinen Schwestern gelernt und möchte ihre analytische Sensibilität auch, ja gerade beim Komplex Metapher nicht missen.

Insgesamt: Das Thema ist spannend, und es lohnt sich, analytisch auf die Reise zu gehen.

Und so schließe ich mit einem Appell des Aufbruchs, den der Genueser Weltbefahrer Friedrich Nietzsche in einer Seefahrtsmetapher verpackt hat und auf den ich bei der Lektüre von Hans Blumenbergs schönem Metaphernbuch „Schiffbruch mit Zuschauer“ gestoßen bin:

„Auch die moralische Erde ist rund“ – so der Seefahrer Nietzsche –, „es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine.

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“

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Freimaurerei — Tradition des Menschlichen

Foto: Dmitriy Sladkov / Adobe Stock

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht.

Festzeichnung zum 275. Stiftungsfest der Braunschweiger Loge “Carl zur gekrönten Säule” vom 23. Februar 2019

Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

Der Mensch – so hat Goethe einmal gemeint – brauche für seine Entwicklung Wurzeln und Flügel. Doch Wurzeln und Flügel brauchen auch die von Menschen geschaffenen Institutionen, zu denen ja auch die Freimaurerei gehört. Wurzeln braucht die Freimaurerei, weil sie sich – gerade, wenn sie im heute leben und kein erstarrtes Relikt der Vergangenheit sein will – nur von ihren historischen Fundamenten her, nur aus ihrer Geschichte heraus entwickeln und erneuern kann: Dies gilt für ihre Ideen, dies gilt für ihre Symbole und Rituale, dies gilt für die Interdependenzen zwischen Freimaurerei, Gesellschaft, Kultur und politischer Entwicklung. Freimaurerei kann nicht neu erfunden werden: Nur Geschichte bietet Legitimation, nur Geschichte begründet Identität, nur Geschichte ermöglicht Zukunftsorientierung, Orientierung auch für notwendigen Wandel.

Wir Freimaurer sind Suchende. Das ist unsere Überzeugung, das entspricht unserem Menschenbild, und so lehren es immer wieder unsere Symbole und Rituale. Vollkommenheit ist unsere Sache nicht. Aber wir Freimaurer sind nicht nur Suchende. Wir sind auch Menschen, die gefunden haben. Wir haben Freunde gefunden. Wir haben Sinn gefunden, Sinn, der durch die alten Werte Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz vermittelt wird, und wir haben im Tempel einen Raum der Innenschau gefunden, in dem wir uns selbst in der Beziehung zu unseren Brüdern neu und kreativ erleben können, einen Raum, wo wir dem auf die Spur kommen, was das Leben erfordert: Sicherheit der Orientierung, gelassene Kraft und inspirierende Freude! Auf diesem festen Fundament aber gilt wiederum – wie für den einzelnen Maurer, so auch für die Freimaurerei insgesamt – die Pflicht zum Aufbruch! Nur wenn wir uns verändern, können wir bleiben, was wir sind: eine alte und doch zukunftsfähige Bruderschaft.

Am Beginn der freimaurerischen Geschichte als historisch greifbarer Institution, am Beginn des 18. Jahrhunderts, vor mehr als 300 Jahren, standen vielfältige Motive und Erwartungen:

  • Hoffnungen auf das Erlebnis menschlicher Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und religiösem Bekenntnis;
  • Hoffnungen auf neue Formen gesellschaftlicher Einbindung in den die Menschen oft entwurzelnden Wandlungsprozessen des 18. Jahrhunderts;
  • Hoffnungen auf eine dogmenfreie, lichte Religiosität;
  • Hoffnungen auf einen sicheren Raum für Kritik und Reflexion in den repressiven Strukturen des Absolutismus, orientiert an der Utopie einer durch Offenheit und Freiheit geprägten politischen Zukunft.

Die Worte und Töne von Mozarts „Kleiner Freimaurer-Kantate“ bringen wohl mehr als Dokumente allein aus Papier jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre der Loge „Carl zur gekrönten Säule“ bestimmt haben mag, die vor 275 Jahren in der ersten großen Gründungswelle der deutschen Logengeschichte hier in Braunschweig konstituiert wurde, die mit Stolz die Matrikelnummer 15 trägt und deren Stiftungsfest wir heute feiern.

Es geht um jeden einzelnen Menschen

Es war die Freude über eine neue Entdeckung des Menschen, und es war immer wieder dieser neu entdeckte Mensch selbst, der im Zentrum von Freimaurerei und Loge stand. Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es dabei, auch nicht um die Gattung Mensch in einem allgemeinen Sinn. Um den Einzelmenschen war es zu tun: Der Einzelmensch stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der maurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme des Freimaurers in den Bund, und der Einzelmensch bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee. „Er ist Prinz“ – so gibt der besorgte Priester vor Taminos Aufnahme zu bedenken, doch Sarastro hat das bessere Argument, wenn er feststellt: „noch mehr, er ist Mensch“, und Lessings Nathan wünscht: „Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein“.

Die politisch-soziale Systematik zum Vorrang des Einzelmenschen findet sich dann in Lessings programmatischer Freimaurerschrift “Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer” aus dem Jahre 1778, geschrieben in bester Braunschweiger Nachbarschaft: „Die Staaten“ – so heißt es dort – „vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“ Und an einer anderen Stelle von „Ernst und Falk“ heißt es scharf anti-ideologisch pointierend, dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen“ zur Absicht gehabt hätte, „sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Es war die Aufklärung, die vor mancherlei Irrwegen im späten 18. Jahrhundert – Stichwort „strikte Observanz“ – weitgehend das Denken und das Dichten der Freimaurer bestimmte. Die Texte der Lessing, Wieland und Herder, lebendig geblieben bis in unsere Zeit, sind Ausdruck der in ihnen entworfenen Utopie eines befreiten Menschen in einer nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne. „Die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“ Dies sind noch einmal Worte Lessings zur Bedeutung, die der Freimaurerbund im 18. Jahrhundert als fortschrittliche soziale Kraft besessen hat. Die moderne Aufklärungsforschung bestätigt diesen Befund, so wenn etwa der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck die Logen in seiner epochemachenden Schrift „Kritik und Krise“ von 1959 als das „stärkste Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert“ bezeichnet.

Das Angebot der Freimaurerei

Damals war das Angebot der Freimaurerei ebenso eindeutig wie attraktiv. Damals schlossen sich Bürgerliche und aufgeklärte Adelige über trennende gesellschaftliche Schranken hinweg in den Logen zusammen, um als „bloße Menschen“ am Gerüst einer besseren Welt zu „arbeiten“. Ihre Ziele waren gesellschaftliche Gleichheit, menschliche Aufgeschlossenheit und Toleranz, Selbstbefreiung durch Erkenntnis und Wissen, Frieden und Weltbürgertum. Die Logen verstanden sich dabei nicht als politische Aktionsgruppen. Sie bildeten in ihrem informellen Verbund vielmehr eine „moralische Internationale“ (auch dies ein Wort Kosellecks), wie ja auch schon im Jahre 1723 die erste der alten Freimaurerpflichten gefordert hatte: „Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, das Sittengesetz zu befolgen“. Doch diese Verpflichtung allein auf moralische Maßstäbe, vermittelt durch das individuelle Gewissen, machte die Freimaurer bald den reaktionären Kräften in etablierter Politik und Religion verdächtig, führte zu Verboten und Verfolgungen und veranlasste die Freimaurer wiederum, sich durch Verschwiegenheit vor dem Zugriff der absolutistischen Staaten und der Kirchen zu schützen.

Das Logengeheimnis hatte eine doppelte Funktion: Es schützte vor Verfolgung und bewirkte eine festere Integration der Logenmitglieder, denn – so der Freimaurer Goethe – „auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut“. Das Geheimnis der Freimaurer hatte zugleich einen dialektischen Charakter: Im Geheimen bereitete sich Öffentlichkeit vor. Die Logen waren, nach der Kennzeichnung des Historikers und Philosophen Jürgen Habermas, „Enklaven bürgerlichen Gemeinsinns“. „Die Freiheit im Geheimen“, so wiederum Koselleck, „wurde zum Geheimnis der Freiheit“, jener Freiheit nämlich, die bald als breiter Strom die europäische und nordamerikanische Geschichte erfassen sollte.

Viele Wegbereiter einer besseren Zukunft gehörten dem Freimaurerbund an. Dass es die Logen verstanden, Träger der Verheißung einer besseren, einer menschlicheren Welt zu sein, machte ihr Angebot aus, gab ihnen Nimbus und Ausstrahlung und sicherte ihnen als „Mode des Jahrhunderts“ – so der Preußenkönig Friedrich – einen festen Platz im gesellschaftlichen, politischen und geistigen Leben ihrer Zeit. Doch Freimaurer waren nicht nur Verkünder von Ideen, sie waren auch Träger und Gestalter von Kultur, und Namen wie Lessing, Goethe und Mozart markieren Haltepunkte auf einem Spannungsbogen der Schönheit, der Sinn und Sinnlichkeit, Prinzip und Lebensfreude, Kunst und Kultur miteinander verbindet.

So weit, so gut.

Aber ist diese Geschichte heute noch lebendig? Reicht der umschriebene Spannungsbogen freimaurerischer Tradition kraftvoll in die Gegenwart hinein? Hat der Freimaurerbund auch heute noch eine Funktion in der Gesellschaft?

Wir Freimaurer wissen, dass wir uns diesen Fragen zu stellen haben, immer wieder und nicht zuletzt an Haltepunkten unserer Geschichte, wie Stiftungsfeste sie darstellen. Wir müssen nach Antworten suchen, um fähig zu sein, unsere eigene Zukunft zu gestalten und um andere Menschen dazu einzuladen, unseren Weg mitzugehen. Dabei hängen Klärung nach innen und Auskunft nach außen untrennbar zusammen: Uns Freimaurern kann an unserem Bund immer nur das deutlich werden, was sich in klarer Sprache nach außen vermitteln lässt.

Was ist der Freimaurerbund in der Gesellschaft von heute?

Zunächst: Was ist er nicht? Er ist nicht, was alte und neue Fehlbeurteilungen in ihm sehen: Er ist keine politische Bewegung, er ist keine Macht im Verborgenen, er ist weder Geheimbund noch Verschwörung, er ist nicht Ersatzreligion, Nebenkirche oder esoterische Sekte. Er ist ein alter, aus bester europäischer Tradition hervorgegangener Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wollen, als der alten Idee des Menschen, seines Lebensrechts, der Entfaltung seiner Kreativität und der Bewahrung seiner Würde unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart und angesichts vieler neuer Gefahren und Herausforderungen etwas mehr Geltung in der tagtäglichen Realität zu verschaffen.

Dabei wirken wir nicht durch das Propagieren unserer tradierten humanitären Leitvorstellungen, die heute auch bei vielen anderen politischen und sozialen Gruppierungen anzutreffen sind, wir paradieren nicht unter den Spruchbändern der Propaganda, und wir wirken schon gar nicht durch politische Profilierung und Radikalität, der sich die Freimaurerei bewusst versagt. Wir wirken vielmehr durch eine schlichte, aber wirksame Methode: Wir versuchen ganz einfach, den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner dreifachen Eigenschaft als einer sozialen, einer moralischen und einer emotionalen Persönlichkeit, die in jeder dieser Eigenschaften ganz spezifische Bedürfnisse hat, und wir bemühen uns in unseren Logen darum, diesen Bedürfnissen gleichzeitig zu entsprechen.

Wie können wir das?

Ganz einfach durch den besonderen, auf drei Säulen ruhenden Charakter des Freimaurerbundes:

  • als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen;
  • als ethisch-moralisch ausgerichteter Bund, der sich an bleibend gültigen Werten und Überzeugungen orientiert
  • und schließlich, aber nicht zuletzt als symbolischer Werkbund, der sein überliefertes Brauchtum, seine Symbole und seine Rituale zur gefühlsmäßigen, erlebnishaften Vertiefung seiner Überzeugungen nutzt.

Dieses dreifache Angebot, von dem wir Freimaurer meinen, das es der Grundsituation des Menschen als dem fragenden, dem suchenden Wesen entspricht, scheint uns nun durchaus aktuell zu sein in der heutigen Zeit der gesellschaftlicher Umschichtung, des Wandels vieler sozialleitender Werte und des Aufkommens zahlreicher neuer Bedrohungen der Menschlichkeit sowohl in der individuellen Lebenswirklichkeit jedes einzelnen von uns als auch in gesamtgesellschaftlicher, ja globaler Dimension.

Die drei genannten Säulen – Gemeinschaft, ethisch-moralische Orientierung und rituelles Brauchtum – gehören untrennbar zusammen und stehen doch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Freimaurerei gelingt immer da, wo die Spannung zwischen Idee und Gemeinschaft, zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen der Geschlossenheit des Bruderbundes und seiner prinzipiellen Offenheit für neue Menschen, neue Ideen und neue Erfahrungen kraftvoll ausgehalten wird.

Erste Säule: Freimaurerei als Freundschaftsbund

Zunächst: Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen wollen die Freimaurerlogen der Gefahr einer Isolierung des Einzelmenschen in der modernen Konsum- und Industriegesellschaft entgegenwirken. Sie folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufs- und Arbeitswelt, durch die Digitalisierung, durch die Ausdifferenzierung des Konsum- und Freizeitverhaltens und durch die Folgeerscheinungen der Migration neue Schranken zwischen den Menschen entstanden. All diesen Spaltungen gegenüber wollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein, sie wollen als „Kitt“ wirken, der die Gesellschaft zusammenhält und der so nötig ist in einer Gesellschaft, die auseinander zu treiben scheint.

Die Logen und die Menschen in ihnen wollen sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten geschaffen und erhalten werden. Allerdings: Lebendig sind die Logen nur dann, wenn die Brüder sich und ihren Bund als Freimaurer ernst nehmen. Freimaurerei ist, was Freimaurer tun – nicht weniger und nicht mehr. Nichts ist wichtiger als durch engagierte Mitmenschlichkeit glaubwürdig zu sein.

Zweite Säule: Freimaurerei als Wertegemeinschaft

Freimaurer wissen, dass der Mensch ohne Lebenssinn und moralische Orientierung nicht leben kann. Der Mensch will wissen, was Gut und Böse ist, – so konstatierte bekanntlich schon das Buch Genesis. Er braucht Werte. Dieser Grundnotwendigkeit menschlicher Existenz wollen die Freimaurer Rechnung tragen. Sie versuchen auch heute, sich an den alten und zugleich stets aktuellen Werten ihrer besten Tradition zu orientieren: Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit.

Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren, auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt. Zum einen sehen wir durchaus einen Vorteil darin, mit anderen Menschen und Gruppen guten Willens in bestimmten Kernwerten überein zu stimmen, Kernwerten, ohne die keine individuelle und soziale Existenz gelingen kann. Und wir haben es durchaus als Bestätigung erlebt, als ein großes geistiges Vorhaben der jüngeren Vergangenheit, wie das von Hans Küng propagierte Projekt „Weltethos“ sich vielfältig mit freimaurerischem Gedankengut berührte.

Zum anderen kommt es uns nicht auf das Propagieren, sondern auf das Umsetzen ethisch-moralischer Positionen an. Und so besteht Freimaurerei nicht zuletzt im Praktizieren ganz bestimmter Methoden zur Einübung und Umsetzung der genannten Kernwerte: „Einübungsethik“ ist deshalb die Ethik der Freimaurerei vom Aachener Philosophen und Freimaurer Klaus Hammacher zurecht einmal genannt worden.

Auf ein ganz persönliches und individuelles Einüben von Umgangsstilen vor allem ist sie angelegt:

  • Stile des Umgangs mit sich selbst,
  • Stile des Umgangs mit dem Mitmenschen,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz.

Im Rahmen dieser „Einübungsethik“ kommt neben dem alten Bauhüttenbrauchtum dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu. Auch hier hat Lessing das Leitmotiv angegeben: „Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde.“ Ein Diskurs unter Freunden soll Möglichkeiten schaffen, sich zu orientieren, die Welt klarer zu erkennen, sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken und sich im Miteinander suchender Menschen zum humanitären Handeln zu motivieren.

Vor allem muss es uns darauf ankommen, eine neue Sensibilität zu entwickeln. Freimaurer sollten sich um die Einsicht bemühen, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten. Damit dies gelingen kann, ist Offenheit erforderlich:

  • Offenheit für das Wahrnehmen zeitbestimmender, möglicherweise zukunftsgefährdender Trends,
  • Offenheit für innovative Lösungen,
  • Offenheit für den Mitmenschen im unvermeidbaren Lösungskonflikt, wozu auch die Bereitschaft gehört, eigene Interessen lediglich maßvoll zu vertreten.

Nicht zuletzt aber ist die strikte Verpflichtung zu einer kritisch-selbstkritischen Haltung erforderlich. Eine solche fällt, so wie wir Menschen nun einmal sind, nicht leicht. Rechthaberei ist auch den Freimaurern nicht fremd. Doch um Abhilfe zu schaffen, kann auch hier an Traditionen der Aufklärung und an altes freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Einsicht nämlich, dass selbst das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen.

Es geht um die einmal von Karl Raimund Popper formulierte Erkenntnis, dass zur Lösung vieler Probleme eine Einstellung gehört, „die zugibt“, – so Zitat Popper – „dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“

Hier ist auch abermals an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, „dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht“, und dass „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte“.

Dritte Säule: Freimaurerei als symbolischer, als ritueller Werkbund

Wenn der Freimaurerbund sich schließlich als Symbolgemeinschaft eines überlieferten Bauhüttenbrauchtums – präziser: Brauchtums eines moralischen Bauens – und noch älterer, kulturgeschichtlich tradierter Symbole bedient, wenn er versucht, archaische Mythen in rituellen Handlungen seelisch erlebbar zu machen, so will er damit einem einseitigen Vordringen rationaler Tendenzen und dem damit verbundenen Zurückdrängen der emotionalen Seite menschlicher Existenz entgegenwirken. Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch den technischen Fortschritt und die von ihm geprägte Unrast des zivilisatorischen Daseins bedarf der Ergänzung und der Korrektur durch einen Raum der Besinnung, der Kontemplation, der Stille, der Suche nach einem ganz anderen und zugleich ganz wesentlichen Sein.

Freimaurer verschließen sich nicht den modernen technischen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz, die der Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt, werden Wege aufgezeigt in das oft verschüttete Universum in uns selbst.

Zunächst: Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus unterschiedlich sein:

  • Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-Sich-Kommen.
  • Jener mag in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch – Welt, Mensch – Kosmos, Immanenz – Transzendenz.
  • Ein anderer wiederum schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt.

Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum “Offenheit” eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist. Auch im Ritualverständnis ist dem Freimaurerbund jeder sektiererische Fundamentalismus fremd: Freimaurerei als geordnete Freiheit – dies gilt auch hier.

Da ist einmal der geschlossene Logenraum, die Bauhütte, der Tempel, in der wir einen Teil unserer Veranstaltungen abhalten, als Stätte der Ruhe, der Besinnung, der Selbsterfahrung. Freimaurerlogen sind keine Fluchtburgen vor den Pflichten des Alltags, keine Schutzwälle, hinter denen sich lebensuntüchtige Männer mit dem Rücken zur Gegenwart in die vermeintlich heile Welt des Mittelalters zurückträumen. Bauhütten wollen aber Plätze der Nachdenklichkeit sein, des Sammelns von Kraft für die Anforderungen, die das Leben täglich an jeden einzelnen von uns stellt.

Da ist weiter die rituelle „Arbeit“ als Ordnung der Zeit. „Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum“ ist, betont der französische Dichter Antoine des Saint-Exupéry. Dies wird von ihm weiter erläutert: „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein Bauwerk ist.“ Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene Haltepunkte. Unsere Tempelarbeit soll ein solcher Haltepunkt sein, kein Ausstieg, wohl aber eine Atempause im Strom der geschäftigen Zeit, ein festliches „Moratorium des Alltags“ (Odo Marquard). Freimaurer verstehen es, Feste zu feiern! Vielleicht macht auch dies einen Teil der von ihnen angestrebten und praktizierten Menschlichkeit aus.

Ein Weiteres: Freimaurerisches Brauchtum ist Mittel der Erziehung. Viele Symbole unseres Bundes sind Maßstäbe kritischer Prüfung: der rechte Winkel als Maß richtigen, gerechten Handelns, der vierundzwanzigzollige Maßstab als Mahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, die Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Ein Viertes: Wesentlich ist auch, dass freimaurerisches Brauchtum bildhaftes Erleben menschlicher Entwicklung vermittelt. „Rites des passages“, Übergangsriten, symbolische Reisen verdeutlichen menschliche Entwicklung, zeigen die Gefährdung des Menschen, seine Einsamkeit, ja seinen Tod, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und die Pflicht der Gemeinschaft zu helfen.

Auch die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters symbolisieren menschliche Entwicklungspotentiale. Nicht in dem Sinne, dass irgendein Freimaurer Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Weiterentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“. Hier wirkt ein positives Menschenbild, das Sicherheit gibt und Selbstvertrauen stärkt.

Letztlich vermittelt das freimaurerische Brauchtum auch Hinweise auf eine höhere Verantwortung des Menschen, auf seinen Bezug zur Transzendenz. Wenn wir Freimaurer das Symbol des Großen Baumeisters aller Welten als Zeichen für ein höheres Ordnungsprinzip verwenden, so erinnern wir uns daran, dass sinnvolles Leben wohl nur dann gelingen kann, wenn sich der Mensch einem übergeordneten Prinzip, einer transzendenten Seinsschicht, einem “supreme being” (so nennt es die englische Freimaurerei) verantwortlich und auf diese rückbezogen fühlt. Freimauerei ist keine Ersatzreligion, und die Logen sind keine Konkurrenz- oder Nebenkirchen. Die Bauhütte mit ihrer Symbolik ist jedoch eine Stätte, die den Menschen – einerlei ob er glaubt, ob er Agnostiker ist oder Atheist – in höhere, umgreifende Zusammenhänge stellt, die ein Fenster offen hält zur Transzendenz, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

All diese Wirkungen unserer Symbole und Rituale werden nun dadurch vermittelt, dass sich die Brüder Freimaurer in der Geschichte ihres Bundes vier große Symbolkomplexe geschaffen haben, vier Gruppen von masonischen Lebensmetaphern sozusagen, die Freundschaft, Ethik und Ritual zusammenbinden und das Gedachte und Gewollte in unsere Person einschreiben, damit es wirken und unser Denken und Handeln bestimmen kann: Die Metaphern des Lichtes, die für Wahrheit, Aufklärung und Transzendenz stehen, die Metaphern des Wanderns, des Reisens, die uns deutlich machen, dass wir unterwegs sind, dass wir Aufgaben haben, dass uns Gefahren drohen, dass wir darauf Achthaben müssen, dass uns die Zeit nicht nutzlos verrinnt, die Metaphern des Bauens, die uns auffordern, tätig zu sein zum Besseren der eigenen Person und zum Besseren der uns umgebenden Welt und die uns anmahnen, dafür zu sorgen, dass der Tempel der Humanität, dessem Weiterbau wir uns ja verschrieben haben, nicht vorzeitig zur Bauruine wird. Schließlich die Metaphern der Brüderlichkeit, der Mitmenschlichkeit, der Liebe. Wir gehen nicht allein, wir handeln gemeinsam, wir erfahren Rat und Hilfe von anderen. Aber wir müssen Acht haben auf unseren Umgang miteinander, damit es wirklich bleibt bei dem, was wir mit unserem Bruder Wolfgang Amadeus so gern singen: „Unsrer Freundschaft Harmonien dauern ewig fest und schön.“

Ich komme zum Schluss:

  • Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen,
  • Freimaurerei als Ethos und als Bindung an unverändert gültige Werte,
  • Freimaurerei als Symbolbund:

Dies zusammen in spannend-spannungsvoller Einheit – als „Gesamtkunstwerk“ gleichsam – bildet Reichtum und Wesen unserer Überlieferung. Freimaurerei ist keine Ideologie, sie stellt kein flächendeckendes Programm dar und bedeutet schon gar nicht politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn überhaupt eine solche gibt, ist die stille, zugleich aber nachhaltige Radikalität beständigen Fragens, Prüfens und Bereitseins. Freimaurerei in diesem Sinne lebendig zu halten und hinein wirken zu lassen in die Gegenwart, engagiert und redlich, mit klaren Gedanken und ausgeprägter Identität, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit und in guten Stunden gar mit dem ganzen Charme eines zutiefst menschlichen Spiels, das ist unsere Aufgabe, das ist der Auftrag der humanitären Freimaurerei, die dem Menschen dienen will, die vom Menschen ausgeht und in freier Selbstbestimmung von in Freundschaft verbundenen Menschen getragen und gestaltet wird.

Wir wissen um Herkunft und Auftrag. Wir sind uns bewusst, dass es mehr denn je auf den auf den verantwortlichen Menschen ankommt, aber auch auf den ganzen Menschen, der Vernunft und Emotionalität, Eigenständigkeit und Hinwendung zur Gemeinschaft verbindet.

Für diesen Menschen haben wir ein Angebot, ein Angebot, von dem wir meinen, dass es nicht überholt, sondern durchaus aktuell ist: das Angebot Freimaurerei!

Wir Freimaurer wissen dabei, dass wir heute eine Gruppe unter vielen sind, die sich um Leben, um Frieden, um Menschlichkeit bemühen, und wir wissen auch, dass viele dazu beitragen müssen, um Wege aus der Gefahr zu finden und dieser Welt eine verlässliche Zukunft zu sichern.

Wir wollen unseren Beitrag leisten, denn unsere Überzeugungen und unsere Symbole fordern uns dazu auf. Lösungen erfordern freilich Ausdauer. Unerlässlich bei der Suche nach Lösungen ist ein „unentmutigter Starrsinn, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „(der) auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht aufhört, seine Fragen an die Welt zu stellen.”

Und Lenz schloss mit Worten, die heute auch meine Schlussworte sind:

„Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei zeugen von der Beharrlichkeit einer Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

Foto: aitoff / pixabay.de

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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