Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus

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Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus oder Freimaurerei als Verpflichtung für den Freimaurer. Dies beschränkt sich nicht nur auf den Umgang der Brüder miteinander. Freimaurer zu sein bedeutet eine Verpflichtung, humanistische Gedanken in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Von Wolfhart Thiel aus der Loge "Friede und Freiheit" in Karlsruhe

Wir alle kennen den Satz vom Mörtel des Tempelbaus. Wie oft haben wir ihn als F reimaurer gemeinsam gehört! Große Worte! Erhebend, insbesondere wenn wir sie als programmatisch für unser freimaurerisches Handeln in Anspruch nehmen. Was bedeutet dieser Satz eigentlich konkret? Die allgemeinen freimaurerischen Grundsätze ergeben sich aus dem Sinn – nicht notwendig dem Wortlaut – der Andersonschen Alten Pflichten [Hier im Wortlaut. Anm. der Redaktion] “Vom Umgang der Brüder untereinander” schreibt Anderson:

„Die Werkleute sollen Schimpfreden vermeiden und sich untereinander nicht mit häßlichen Ausdrücken belegen, sondern einander Bruder oder Genosse nennen. Sie sollen sich innerhalb wie außerhalb der Loge höflich benehmen.“

„Ihr sollt keine privaten Beratungen und keine gesonderten Besprechungen abhalten, ohne daß es euch der Meister erlaubt. Auch sollt ihr nicht vorlaut und taktlos über etwas reden und den Meister, die Aufseher oder einen Bru-der, der mit dem Meister spricht, nicht unterbrechen. Wenn sich die Loge mit ernsten und feierlichen Dingen befaßt, sollt ihr nicht Dummheiten machen und Scherz treiben und unter keinem irgendwie gearteten Vorwand eine un-ziemliche Sprache führen. Ihr sollt euch vielmehr ehrerbietig gegenüber Meister, Aufseher und Genossen benehmen und sie in Ehren halten.”

Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich fühle mich meinen Brüdern in der Loge und wohl auch allen (den meisten?) Freimaurern brüderlich verbunden. Sollten sie einmal anderer Meinung als ich sein, respektiere ich das. Ich bin also auch tolerant. Natürlich erfüllt mich Menschenliebe. Sonst wäre ich ja kein Freimaurer! Anmerkung: Ein geradezu klassischer Zirkel-schluss!

Das war es dann also! Wie schön ist es doch, ein Freimaurer zu sein!

Betrachten wir diesen Einschub als Anstoß, in einer stillen Stunde vielleicht einmal in uns selbst hineinzuhören, ob wir diesem Anspruch immer gerecht werden.

Ich definiere den Anspruch unseres Rituals (Humanität, Toleranz und Brüderlich-keit) als Messlatte unseres Verhaltens nicht nur in der Loge und unter Brüdern, sondern weitergehend und allgemeiner.

Unsere Großloge führt auf ihrer Website aus:

“Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtiger Inhalt freimaurerischer Arbeit.

Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.”

In einem Papier der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” in der damaligen Tschechoslowakei werden diese Grundsätze, die Basis unseres Handelns als Freimaurer sein sollten, sehr schön verdeutlicht:

„Der Bund der Freimaurer ist eine Gesinnungsgemeinschaft freier Männer von gutem Ruf, aufgebaut auf der Humanitätslehre.

Indem der Freimaurer unter der Humanitätsidee das Streben nach höchster Vollendung menschlichen Wesens versteht, erstreckt er sein Arbeitsgebiet auf die gesamte Menschheit. Daher haben die Unterschiede der Rassen, Völker, Religionen, soziale Stellungen und politische Überzeugungen für ihn nur den Wert von Erscheinungsformen menschlichen Gemeinschaftslebens, die er achtet, bei seiner Arbeit jedoch auszu-schalten bestrebt ist.“

Einschub zum Begriff der Rasse: Wissenschaftlich wird „Rasse“ als Klassifikationsschema nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit Menschen ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch.

Der amerikanische Biochemiker Craig Venter z. B., dessen Fa. Celera Corporation erstmals ein gesamtes menschliches Genom (DNA) sequenzierte und das Ergebnis im September 2007 veröffentlichte, schreibt:

„… bestimmt der (menschliche) genetische Code keine Rasse, die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt … Es gibt mehr Unterschiede zwischen Men-schen schwarzer Hautfarbe selbst als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“ (Wikipedia, Stichwort „Rasse“, Zugriff 14.08.2018)

Nur am Rande und zur Erheiterung: Die Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden, schlossen Menschen von der Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers von bestimmten Kirchenämtern aus.“ In den Hochzeiten des englischen Imperialismus sprach man von der irischen oder auch der katholischen Rasse! .(Vgl. Niall Ferguson, Empire – How Britain made the modern World – )

Derartige Gesetze und Verordnungen existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. bzw. in der Form der sog. Nürnberger Rassegesetze bis in das 20. Jahrhundert.

Zurück zum eigentlichen Thema! Das Arbeitsgebiet des Freimaurers erstreckt sich auf die gesamte Menschheit. Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit also nicht nur für und unter Brüdern!

Bleiben wir realistisch. Natürlich kann und will ich nicht alle Menschen lieben. Dafür gehen mir einige von ihnen viel zu sehr auf den Geist!

Aber die Argumentation, der freimaurerische Anspruch ist so idealistisch und realitätsfern, dass ich ihn vielleicht als Idealziel definiere, ihm jedoch im praktischen Leben keine Bedeutung zukommt, das kann es nun auch nicht sein. Die Frage ist deshalb, kann ich aus diesem Anspruch Verhaltensnormen destillieren, die konkre-te Anforderungen für mich definieren?

Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen. Hans Hermann Höhmann führt aus, Ideen sind wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind. Er verweist dann auf Karl Popper mit dessen Feststellung, der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, habe stets die Hölle erzeugt. Gleichwohl lautet die Empfehlung Poppers: „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben.“ (Hans Hermann Höhmann, Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben, in Freimaurerei, Analysen, Überlegungen, Perspektiven, S. 232, 236)

Wir leiten unsere Ideen und Ideale aus der Werten der Aufklärung ab und berufen uns dabei insbesondere auf die großen aufklärerischen Denker des 18. Jahrhunderts. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Kenntnis der Vergangenheit und der eigenen geistigen Herkunft muss sein. Wir alle kennen den Satz, wer seine Ver-gangenheit nicht kennt, verliert die Zukunft. Die Vergangenheit darf sich jedoch nicht zu einer gedanklichen Fessel entwickeln. Allein die Beschwörung der Vergangenheit reicht heute nicht aus. Dieses Vergangenheitsgebäude muss gegenwartstauglich gemacht werden. Das ist unsere Aufgabe als Freimaurer hier und jetzt. (Vgl. hierzu Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung, in Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 54/2017, S. 21, 22 f.)

Was bedeutet das konkret? Die Antwort kann sich nicht auf einen bestimmten Punkt beschränken. Höhmann nennt immer wieder sieben „Orientierungen“. Stichwortartig sind dies die humanistische, die demokratische, die soziale, die ökologische, die kulturelle, die globale und die rationale Orientierung. (Hans Hermann Höhmann, …in der Tradition des Humanismus …, a.a.O. S. 30)

Diese Orientierungen könnten Programm für ein ganzes Maurerjahr sein. Andererseits sollte man auch nicht versuchen, einzelne Orientierungen zu isolieren und gesondert zu erwägen. Die Höhmannschen Orientierungen interagieren und stehen in einer Wechselwirkung zueinander. So lassen sich humanistische, demokratische und soziale Erwägungen kaum voneinander trennen. Alle Orientierungen scheinen leerzulaufen, wenn sie nicht auf einer rationalen Grundlage (7. Orientierung) angegangen werden.

Versuchen wir, uns dem Thema „Menschenliebe“ (oder Humanismus) anhand dieser Orientierungen etwas zu nähern. Humanismus und Aufklärung sind eng miteinander verbunden und als Begriffe im 18. Jahrhundert entstanden. Zu dieser Zeit war z.B. die Sklaverei weit verbreitet und als selbstverständlich akzeptiert. Schon daran wird deutlich, dass wir die damaligen Wertvorstellungen weiterentwickeln und aktualisieren müssen.

Einer der Grundgedanken aufklärerischen Denkens ist die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. Dies ist nicht im Sinne eines schwärmerischen Sozialismus zu verstehen, dass allen Menschen ein gleicher sozialer Stand zukommen muss. Aber es bedeutet, dass allen Menschen bestimmte Grundstandards – man kann auch sagen Grundrechte – zustehen, die ihnen niemand nehmen darf. In der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948 heißt es, alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ein ganz einfacher und klarer Satz, der unseren Mörtel des Tempelbaus zusammenfasst! Seine Bedeutung wird deutlicher, wenn wir ihn negativ fassen. Er verbietet es, bestimmte Menschen oder Menschengruppen als minderwertig anzusehen. Minderwertig heißt, die haben weniger Rechte als ich, weil sie eben dieser und nicht meiner Gruppe angehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Minderwertig heißt nicht zwangsläufig, die Eigenschaft als Mensch abzusprechen oder von Untermenschen zu sprechen. Minderwertig heißt auch, diesen Menschen mögen zwar Rechte zustehen, aber ich glaube, auf sie herabschauen zu können, weil sie meinen Standards nicht entsprechen. Welche Standards sind das? Um nur einige Beispiele zu nennen: Andere Hautfarbe. andere Religion, anderes Lebensbild; die Liste lässt sich verlängern. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich letztlich auf diese Menschen herab, weil sie anders sind! Auch wenn ich das mir vielleicht nicht eingestehe, dieses Herabschauen ist mit einer Wertung verbunden. Ich lehne diese Menschen ab!

Als Freimaurer sind uns solche Gedanken natürlich völlig fremd! Oder?

• Der Ruf nach einer deutschen oder auch abendländischen Leitkultur

• die Ablehnung des Islam

• die Unterscheidung zwischen guten (vorzugsweise West- und Nordeuropäer) und schlechten Ausländern

• die mehr oder weniger deutliche Ablehnung der Deutschen jüdischen Glaubens, die als die Juden, die eigentlich nach Israel gehören, bezeichnet werden

• die Grundüberzeugung, als Mensch mit weißer Hautfarbe oder als Deutscher, sei man doch eigentlich etwas Besseres (fleißiger, ordentlicher, sauberer!) und irgendwie anständiger.

Auch wenn wir bei einem oder mehrerer dieser Punkte gedanklich ins Zögern kommen, hat das natürlicht nichts damit zu tun, dass wir alle zutiefst humanistisch und von Menschenliebe geprägt sind!

Ich möchte nicht als „Gutmensch“ missverstanden werden. Ich sehe durchaus Probleme in gesellschaftlichen Entwicklungen oder in der Globalisierung. Die von mir vertretene Humanität ist auch keine „Einbahnstraße“. Ich fordere sie als ethisches Mindestmaß auch von den anderen – d.h. den Ausländern, den Moslems usw. – ein. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Dieser Anspruch muss durchgesetzt werden. Das ist eine der Aufgaben der Politik und allgemein unserer Gesellschaft.

Natürlich gibt es Intoleranz oder Kriminalität auch bei Ausländern. Hiergegen müssen wir uns mit der gleichen Entschiedenheit wenden, wie wir das bei Landsleuten täten. Und wir müssen ehrlich sein. „Unsere Frauen leben in Angst! 32 % fühlen sich vor allem durch Ausländer und Flüchtlinge bedroht“ (Plakat AfD, Face book posting Bjoern Hoecke in https://uebermedien.de/16589/die-unheimliche-sorge-der-rechten-um-unsere-frauen/, Zugriff 22.08.2018) . Wenn Frauen Angst haben, ist das schlimm! Jeder Übergriff auf Frauen ist schlimm und kann durch nichts entschuldigt werden. Wogegen ich mich wehre ist, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein Ausländerproblem. Nach der Kriminalstatistik des BKA für 2016 waren mehr als 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt und 149 Frauen starben durch den Partner oder Ex-Partner (sog. Beziehungstaten), Quelle: www.tagesschau.de/inland/gewalot-113.html, Zugriff 22.08.2018.

Ich wehre mich generell dagegen, unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, wenn es um Ausländer oder Asylanten bzw. wenn es um Menschengruppen geht, die anders sind. Das ist unfreimaurerisch.

Zur Klarstellung: Ich möchte diesen Beitrag nicht als Anklage verstanden wissen. Mir geht es darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben. Befragen wir uns doch alle einmal selbst, ob wir völlig von diesem Denken in Wertkategorien frei sind. Ausdrücklich schließe ich mich in diesen Anstoß ein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Voraussetzungen der „offenen“ Gesellschaft

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Wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Vortrag für das 8. Freimaurer-Kolloquium der Loge "In Treue fest" in München
Von Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, Redner der Großloge A.F.u.A.M.v.D.

„Der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft“ – so hieß es im Grußwort des Projektleiters zum 5. Münchener Freimaurer-Kolloquium im Januar 2012. Dem stimme ich zu, und ich bekenne, dass es in meiner langen Freimaurerzeit vor allem diese Schnittstelle gewesen ist, die mich immer wieder interessiert hat. Und ich vermute auch, dass es gerade die Art und Weise ist, wie die Freimaurer heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgehen, von der die Zukunft des Freimaurerbundes abhängt: Denn wer öffentlich ernst genommen werden will, der muss erkennen lassen, dass er selbst das Öffentliche ernst nimmt. Das Öffentliche ernst zu nehmen heißt heutzutage aber nicht zuletzt, nach den Grundlagen der Offenen Gesellschaft zu fragen und ihren Anforderungen an uns als Bürger und als Freimaurer nachzugehen.

Das vor allem von Karl Raimund Popper, dem zuletzt in London lehrenden Philosophen, entwickelte Konzept der Offenen Gesellschaft ist das Konzept eines demokratischen Pluralismus. Entwickelt in den frühen 1940er Jahren, in der Zeit militanter Bedrohung der freien Welt durch Nationalsozialismus und stalinistischen Kommunismus, richtet sich Poppers Konzept ausdrücklich gegen alle totalitären Versuchungen und gegen alle utopischen „Erzählungen“ von Platon bis Marx, Erzählungen von einem großen gesellschaftlichen Ganzen, in dem die Freiheit des Einzelnen letztlich untergeht.

Offene Gesellschaft bedeutet Herrschaft der Vernunft, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Pluralismus und Schutz der Minderheit, Schutz der Minderheit vor allem im Sinne der institutionell gesicherten Chance, bei der nächsten Wahl zur Mehrheit zu werden und die Regierung zu übernehmen. Offen sind gesellschaftliche Verhältnisse nur dann, wenn Minderheiten auf demokratischer Basis politisch und kulturell angemessen Ausdruck finden können. Kulturell sind für die Idee der Offenen Gesellschaft Meinungsfreiheit, Dissens und Konflikt von grundsätzlicher Bedeutung. „Wahrheit“ als letzte Instanz des politischen Argumentierens ist nur denkbar bis zum Beweis des Gegenteils. Wahrheit muss offen für einen solchen Beweis sein, für die Chance ihrer Widerlegung, Hypothesen müssen falsifizierbar bleiben und Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass religiösen Stellungnahmen und religiöser Kritik an Politik und Zivilgesellschaft ein besonderes Gewicht zukommen dürfte. Alle Diskursteilnehmer in der öffentlichen Arena haben vielmehr den gleichen Rang, und im Diskurs gilt das vernünftige Argument.

Für mich als Freimaurer ist es selbstverständlich, Anhänger des Konzepts der Offenen Gesellschaft zu sein, und ich halte es für unverzichtbar, über ihre institutionellen und kulturellen Voraussetzungen nachzudenken, und zwar laut nachzudenken. Denn wenn es so etwas gibt wie eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei, so ist es die der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Grundlagen und Praxis der Offenen Gesellschaft. Dieser Diskurs muss innerhalb der Freimaurerei geführt werden, aber auch zwischen Freimaurern und Vertretern der Gesellschaft außerhalb des Freimaurerbundes. Die Freimaurer der Gegenwart sollten den Mut haben, mit eigener Stimme im öffentlichen Raum vernehmbar zu sein, einer besonnenen Stimme, einer sensiblen Stimme, einer Stimme, die auf konstruktive Weise Gedanken vermittelt und auf plumpe Parolen verzichtet und die als Gegengewicht wirkt gegen die schrillen Töne der Respektlosigkeit und des Rassismus. Freimaurerei im heutigen Selbstverständnis bedeutet Teil der Zivilgesellschaft zu sein und sich auch in der sozialen Praxis als Teil der Zivilgesellschaft zu bewähren, wobei ihr nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anwältin gesellschaftlicher Gesprächsfähigkeit zufällt.

Politik ist heutzutage verbal unter Beschuss geraten. Dabei geht es oft ebenso heftig wie ungerecht zu, und insbesondere auf der Anklagebank der sozialen Medien wird kaum Pardon gegeben. Jeder weiß die Antwort, kaum einer jedoch kennt noch die Frage. Der Freimaurer aber sollte vor allem lernen, auf sensible Weise Fragen zu stellen, und so möchte ich mich zunächst dafür interessieren, was eigentlich die Voraussetzungen einer gelingenden Politik sind.

Voraussetzungen gelingender Politik

Einerlei, ob es um innerstaatliche Entwicklungen geht, um den Fortschritt der Integration, um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Offenen Gesellschaft, um internationale Beziehungen oder um die Gestaltung des künftigen Europas: stets hat das Gelingen von Politik mindestens vier unverzichtbare Voraussetzungen:

Erstens muss ein möglichst widerspruchsfreier institutioneller Rahmen vorhanden sein, der aus verbindlichen Normen, aus Gesetzen von der Verfassung bis hin zu einzelnen Rechtsregeln und Vorschriften besteht. Ohne einen solchen Rahmen lassen sich politische Abläufe im Inneren wie in der internationalen Politik nicht zufriedenstellend regeln.

Innerhalb dieses Rahmens müssen zweitens klare, konsistente und ausreichend akzeptierte Konzeptionen für das Handeln der politischen Akteure vorhanden sein. Ohne fundierte Konzeptionen sind zieladäquate, effektive und zugleich effiziente Maßnahmen der Politik auf all ihren Feldern nicht zu gewährleisten.

Drittens muss es in allen Bereichen des politischen Nachdenkens, Entscheidens und Handelns leistungsfähige Akteure geben, Politiker, die mit „Leidenschaft und Augenmaß“ – so Max Weber – politische Konzepte im Rahmen der gegebenen Institutionen professionell und wirkungsvoll umzusetzen verstehen.

Viertens schließlich gelingt Politik nur auf der Basis von kulturellen Faktoren, zu denen in erster Linie Vertrauen, Motivationen, Überzeugungen und Wertvorstellungen gehören. Menschen müssen nicht nur wissen, was sie tun und in welchem Ordnungsgefüge sie handeln, sie müssen auch wissen, warum sie handeln, und vor allem müssen sie über innere Maßstäbe verfügen, die sie verpflichten, ethisch verantwortlich tätig zu sein.

Immer deutlicher wird, dass die Probleme der Offenen Gesellschaft nicht allein pragmatisch zu lösen sind. Sie lassen vielmehr nach der Beschaffenheit der in einem Lande lebendigen Bürgerkultur fragen, und das heißt vor allem nach der Wertorientierung von Politik und Gesellschaft, und zwar nicht im Sinne von Wertrethorik und schön formulierten, aber weitgehend unverbindlichen Wertkatalogen, sondern im Sinne einer für Politik und Gesellschaft verbindlichen Wertpraxis.

Die Kultur eines „neuen Wir“

Je mehr die westlichen Gesellschaften durch Zuwanderung multikulturell werden, desto mehr muss sich durch die Vielfalt der Kulturen hindurch eine übergreifende Kultur der Über-einstimmung entwickeln, die Kultur eines „neuen Wir“, die zur Grundlage von Wahrnehmung und Handeln der neuen und der alten Bürger wird. Dabei darf es sich nicht um die Kultur eines antiquierten, völkisch geprägten Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus handeln. Als Grundlage von Demokratie und Offener Gesellschaft zu erhoffen ist vielmehr die Entwicklung der Kultur eines demokratischen Verfassungspatriotismus, die keine deutsche, die eine europäische Leitkultur ist und in den Traditionen der Aufklärung wurzelt.2

Eine solche Gemeinschaftskultur könnte die entstehende vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten, sie könnte – um ein Wort von Bundespräsident Steinmeier aufzunehmen – zum „Kitt werden, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält“, zusammenhält, ohne irgendeine der zahlreichen ethnischen und religiösen Identitäten zu missachten, die zu unserer Gesellschaft heutzutage gehören. Diese Identitäten sind ja nicht nur die Identitäten der einwandernden Bevölkerung. Jede soziale Gruppe der Offenen Gesellschaft hat ihre eigene Identität, die auf einer jeweils spezifischen Kultur beruht und das Recht hat, sich in der Gesellschaft zu entfalten. Die Kulturen dieser Gruppierungen sind im Prinzip durchaus mit einander zu vereinbaren, und jede Gruppe wie auch jeder einzelne Mensch kann Träger vieler Kulturen sein, seien sie regional, ethnisch oder religiös geprägt. In uns allen sind sehr verschiedene kulturelle Schichten miteinander vereint. Was diesen Pluralismus sozial und politisch aushaltbar macht ist der verbindende Grundkonsens, dass es offen, frei und demokratisch zugehen soll in dieser Gesellschaft.

Allerdings: Wie jede Kultur kann eine solche Grundeinstellung der Gemeinsamkeit vom Staat nicht verordnet werden. Es muss und kann aber in allen Bereichen der Zivilgesellschaft durch wohlüberlegte und koordinierte Bemühungen unablässig darauf hingewirkt werden, dass sich eine solche gemeinwohlorientierte Grundeinstellung entwickelt. Versagen wir dabei, so droht unsere Einwanderungsgesellschaft in einer Dauerkrise zu versinken.

Wie aber könnte eine neue verbindende Gemeinschaftskultur, eine Kultur des neuen Wir geschaffen werden? Es ist mittlerweile klar geworden, dass das handlungsprägende Bewusst-machen dessen, was uns in einer „bunten“ Gesellschaft miteinander verbindet, kaum durch Predigten oder Verordnungen gelingen kann. Die gesellschaftliche Praxis, die reale Teilhabe aller an den Möglichkeiten, in der Gesellschaft präsent zu sein, ist die Grundvoraussetzung: Das Einräumen von Bildungschancen, das Vorhandensein von Wohnraum ohne Gettoisierung, das Angebot von Arbeitsplätzen gehören dazu. Menschen, die täglich zusammenarbeiten, die sich in Bildungseinrichtungen, Verkehrsmitteln und sozialen Institutionen treffen und sich beim Einkaufen begegnen, brauchen keine Theorien, um einander näher zu kommen. Die Herausbildung einer solchermaßen verbindenden Alltagspraxis der Menschen gleich welcher Herkunft in den zunehmend gemischten Lebenswelten unserer Gesellschaft ist nicht nur wünschenswert und möglich, sie ist auch unverzichtbar, wenn den erkennbaren Ansätzen zur Verfestigung von Parallelgesellschaften mit dem Potential sozialer Spaltungen entgegengewirkt werden soll. Und wenn die Medien bei all dem eine flankierende Rolle spielen, dann sind die Menschen – seien sie Altbürger, seien sie Neubürger – auch weniger empfänglich für die Hetztiraden der Fremdenfeinde von rechts außen.

Ich folge Thomas Meyer darin, dass in der deutschen Zivilgesellschaft ein Schub für das „neue Wir“ erfolgen sollte, vergleichbar vielleicht in Zahl und Leidenschaft der „Willkommenskultur“ des Jahres 2015. Das damalige Engagement müsste nun in der Phase der „eigentlichen“ Integration in eine Vielzahl beständiger Gemeinschaftserfahrungen zwischen Migranten und Eingesessenen in Lebenswelt und Zivilgesellschaft verwandelt werden. Nur so kann das Notwendige erreicht werden: Aus den vielen Teilen unserer vielfältiger werdenden Gesellschaft sowohl im sozialen Bewusstsein als auch in der gesellschaftlichen Praxis zu einer Einheit zu finden, die den Grunderfordernissen einer demokratischen Ordnung entspricht.

Eine solche soziale Basiskultur, wie ich sie einmal nennen möchte, verträgt sich durchaus mit dem Prinzip der Offenen Gesellschaft, denn sie greift nicht in die privaten Bereiche der Bürger ein. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interaktionskultur, die Verständigung und Zusammenleben der Menschen über die Differenzen von Gruppenkulturen hinweg ermöglicht.

Integration auf der Basis einer Kultur der Gemeinsamkeit gelingt freilich nicht von heute auf morgen. Sie hat einen langfristigen Charakter. Aber wir sind inzwischen weiter damit vorangekommen, als die Zerrbilder der völkischen Rechten uns glauben lassen wollen, und es wäre ein Fehler, den Fortschritt der Integration und die mehr und mehr etablierte Steuerungs-funktion von kulturellen Prägungen und Wertefeldern allein an der nun wirklich beklagenswerten Ausländerkriminalität zu messen. In der Tat: Integration ist ein mühsamer, manchmal auch schmerzhafter und widersprüchlicher Prozess. Deshalb ist es jetzt auch erforderlich, eine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik mit einer zügigen Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verbinden. Dass jede Abschiebepolitik fester, grundgesetzkonformer Rechtsregeln bedarf, versteht sich für die Offene Gesellschaft von selbst.

Offene Gesellschaft und Humanistische Freimaurerei

Wenn nun wir Freimaurer uns dem Problem der Offenen Gesellschaft zuwenden und uns fragen, was zu unserer heutigen masonischen Leitkultur gehört und welche „öffentlichen“ Beiträge wir zu leisten in der Lage sind, so müssen wir zunächst einräumen, dass die freimaurerische Werteerzählung für die Gegenwart zuvor einer neuen Struktur bedarf, dass sie nicht so sehr im Allgemeinen verbleiben darf und dass sie sich vor allem auf Wertepraxis zu konzentrieren hat, in meiner Sicht auf die Praxis einer humanitären Freimaurerei, die einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein säkularer, ein weltlicher Humanismus.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden sieben Grundüberzeugungen – in die Form von Postulaten gefasst – für eine gegenwartstaugliche Freimaurerei von besonderer Bedeutung:

1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns.

2. Die Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft.

3. Die Verantwortung für die Erhaltung der Erde sowie eine nachhaltige und gerechte Nutzung ihrer Ressourcen ist Basis jeder ethisch begründeten Politik.

4. Das Getragensein von Empathie, Menschenliebe und natürlicher Solidarität ist unverzichtbare Grundlage einer zu innerem, sozialem und internationalem Frieden fähigen Welt.

5. Die Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an den vielfältigen Baustellen in der Gesellschaft vorangebracht werden kann.

6. Die Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist Grundelement jeder menschlichen Orientierung.

7. Schließlich: Auch heute hat das Prinzip Aufklärung zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Die genannten sieben Postulate bestimmen nun freilich nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln – und zwar sowohl innerhalb der Loge als auch im öffentlichen Raum. Diesen Rahmen gilt es im Diskurs der Brüder zu füllen, und auch hierzu mag das von Lessing empfohlene „Laut denken mit dem Freunde“ eine vorzügliche Methode sein.

Damit nun die Werte eines gleichermaßen auf Herkunft wie auf Zukunft bezogenen Humanismus im Bewusstsein der Menschen heutzutage präsent sind, damit sie in der Praxis etwas wert sind, müssen sie vermittelt werden – in der Freimaurerei wie in der Gesellschaft, deren Teil der Freimaurerbund ist. Hierzu bedarf es eines individuellen und gemeinsamen Nachdenkens und Handelns.

Zunächst: Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten uns angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und vor allem auch vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren1 ganz klar darüber sein, wie bedrohlich es für Individuum und Gesellschaft ist, wenn Vernunft, Augenmaß und Werte in den Hintergrund rücken und das mörderische Potenzial von völkischen Vorurteilen und aggressiven Ressentiments gegen Ausländer an ihre Stelle tritt. Deshalb bedarf es zur Sicherung humaner Lebenswelten auch nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, einer Zivilgesellschaft, die die Menschen – einzeln und ihren verschiedenen Gruppen – kooperativ zusammenbindet.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Was sind sie in der politisch-gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit wert?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?

Nützlich sind Werte für die Gesellschaft gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern durchaus anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Hierzu fünf abschließende Überlegungen:

Arbeitsfelder der Offenen Gesellschaft – Freimaurer in der Zivilgesellschaft

Erstens: Neuorientierungen in der Politik und kultureller Wandel erfordern Zeit. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm. Die notwendige Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Wertorientierungen, es geht auch um eine im konkreten politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: Angesichts der medialen Informationsüberflutung unserer Tage war es ja einerseits noch nie so leicht, sich mit Wissen zu versorgen, andererseits jedoch noch nie so schwer, sich in der Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden (Harald Welzer). Aufklärung heute bedeutet daher nicht zuletzt sorgfältig-beharrliche Annäherung an Fakten und die Gewinnung von Urteilsvermögen. Denn eines der wirklich dramatischen Gegenwartsprobleme lautet doch zweifellos: Was sind Fakten in der heutigen Mediengesellschaft? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist die Wirklichkeit für unser urteilendes Bewusstsein nicht längst hinter einer bloßen Informationsfassade unerreichbar geworden oder sogar zusammengebrochen, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits vor mehr als einem Jahrzehnt behauptet hat?

Jedenfalls muss der in unseren Tagen zu beobachtenden Tendenz, die Realitäten der Gesellschaft nicht auf der Grundlage einer soliden Ermittlung und Prüfung von Fakten zu verstehen und statt sorgfältig erarbeiteter Wahrheiten jeweils schnell selbstfabriziert-opportune „alternative Fakten“ (sprich Lügen) zur Hand zu haben, entschieden entgegengewirkt werden. Wenn wir handeln wollen in der Gesellschaft, wenn es unsere Absicht ist, Probleme zu lösen, soziale Probleme, ökologische Probleme, Probleme von Migration und Integration, wenn wir die Offene Gesellschaft entwickeln und sichern wollen, dann brauchen wir genaue empirische Analysen von Ausmaß und Ursachen all dieser Probleme und eine gründliche Erörterung der institutionellen Chancen sowie der politischen Mittel, ihnen abzuhelfen (Harald Schnädelbach).

Freilich ist auch dieses zu bedenken, wenn es zunächst auch widersinnig klingen mag: Der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, welcher informiert, sondern derjenige, der informiert wird (Nathalie Sarraute). Das heißt, ein kritikloses Für-wahr-Halten von Informationen ist ebenso schädlich für die Gesellschaft wie die Praxis, Wahrheit zu manipulieren. Und so bleibt das der Überlieferung nach „letzte“ Wort des französischen Aufklärers Denis Diderots „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel“ Vermächtnis und Erbe der Aufklärung auch für den Freimaurer unserer Tage, zumal es Bestätigung findet in der skeptischen Einstellung Karls Raimund Poppers, des Anwalts der Offenen Gesellschaft.

Drittens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart – so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert – „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen“.

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen wollte – lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen – Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen. Selbstverständlich gehören muslimische Mitbürger heute zu Deutschland und zu Europa, doch das bedeutet auch, dass sich der Islam – wie alle Religionen – in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat und dass er sich dazu bereitfinden muss, dieses Regelspiel als Grundlage auch der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Praxis zustimmend und aktiv mitzugestalten. Dazu sollten sich muslimische Organisationen auch auf der Grundlage der Willensbildung ihrer Mitglieder in Deutschland entwickeln und sich nicht von außen, beispielsweise von religiösen Institutionen in der Türkei, bestimmen lassen.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeutet. Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche der Gesellschaft. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger – die Altbürger wie die Neubürger – in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien gleichsam vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Viertens ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt.

Fünftens und nicht zuletzt und auf die Freimaurer bezogen: Die Freimaurer hätten sich als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, diejenigen, die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen und auch die dazu gehörende demokratisch-zivile Verhaltenskultur, das offene und friedliche Miteinander in der Gesellschaft, und zwar nicht nur durch Erklärungen und Unterschriften unter Asylanträge, sondern auch und vor allem im Verhalten und im Handeln. Doch auch hier, so meine ich, sind wir in vielerlei Hinsicht weiter als uns die völkische Rechte in Deutschland glauben machen will. Ich erlebe immer wieder Empathie, Freundlichkeit und Zuwendung seitens unserer zugewanderten Neubürger. Auch hier gilt es, sich von der Dominanz dumpfer Parolen zu verabschieden und einzusehen, dass anhaltende Vorurteile weder taugliche Diskurselemente noch gar Grund-lagen für ein problemorientiertes Handeln sind.

Gebäudeschutz für den Tempel der Humanität

Schlusswort: Wir Freimaurer wollen Bauleute sein, Bauleute einer besseren Welt. Doch dazu müssen wir in einem neuen, engagierten Sinne wieder operativ werden, gewiss nicht ohne vorher gründlich nachzudenken, aber doch in der Erkenntnis, dass für den Fortschritt des sozialen Ganzen allein die Praxis zählt. Wie sagte doch Erich Kästner so präzise und unpathetisch knapp: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Gewiss: Freimaurerei ist keine politische Institution oder gar Bewegung. Sie ist eine Gemeinschaft, in der Menschen nach Grundlagen suchen können für Sinn in ihrem eigenen Leben und für ihr Zusammenleben mit anderen Menschen. Doch wenn die Freimaurer den Bau am Tempel der Humanität zum Grundsymbol für die Ausrichtung ihrer Arbeit gewählt haben, so müssen sie bereit sein, darauf hinzuwirken, dass unsere Gesellschaft sich als eine offene und humane Gesellschaft entwickeln kann, dass die Welt als Lebensraum erhalten bleibt für uns und unsere Nachkommen und dass der Tempel der Humanität nicht durch unsere eigene Schuld vorzeitig zur Ruine wird.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Steht auf, meine Brüder, und wehrt Euch !

Freimaurer, Juden und Jesuiten haben sich gemeinsam verschworen gegen das national gesinnte Deutschtum. Die Freimaurer richten die Menschen ab zum künstlichen Juden.“ So sahen das Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff und andere „völkisch Bewegte“ insbesondere in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Freimaurerei wurde als Ausfluss einer volklosen Weltanschauung verunglimpft, wie etwa von Alfred Rosenberg in seiner Schrift „Freimaurerische Weltpolitik im Lichte der kritischen Forschung“. Nein, so weit sind wir noch nicht. Aber: Wenn ich „volklos“ mit „heimatlos“ gleichsetze, gäbe es da Widerspruch bei Pegida-Demonstrationen? Es gibt schon wieder die Aufkleber mit den rot durchgestrichenen freimaurerischen Symbolen. Ähnlich wie „Atomkraft, nein danke!“ bedeutet es dann „Freimaurer, nein danke!“ Wenn so etwas vor dem Logenhaus an Laternenmasten klebt, hat das schon etwas Bedrohliches.

Glaube an die Kraft der Vernunft

Frage: Würden Sie mit einer Mütze mit erkennbaren Freimaurersymbolen an einer Pegida-Demonstration teilnehmen? Genauso wenig, wie Sie als Jude mit Kippa dorthin gingen! Pegida steht als pars pro toto. Ich könnte auch Chemnitz sagen, oder Kandel, oder …? Ist das nicht schlimm? Wir leben im 21. Jahrhundert! Das sollte schon ein Grund sein, über die Rolle nachzudenken, die die Freimaurerei in unserer heutigen Gesellschaft spielt oder spielen sollte.

Wir – damit meine ich jedenfalls die blaue Freimaurerei in den Johannisgraden Lehrling, Geselle und Meister – leiten uns ab von den Gedanken der Aufklärung. Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung. Aufklärung bedeutet Glaube an die Kraft der Vernunft, an ihre Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien. So definiert es Dorinda Outram in ihrem Buch „The Enlightenment“.

Unsere Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität kommen aus dieser Tradition. Es muss uns gelingen, diesen Wertekanon heute – und nicht in einer Rückschau auf zweifellos bedeutende freimaurerische Gepflogenheiten oder auch Persönlichkeiten – überzeugend zu leben. Nur so können wir den Beweis erbringen, dass wir auf dem richtigen Weg zum „Tempelbau der Humanität“ sind. Nur so können wir uns überzeugend in die heutige Gesellschaft einbringen, wie es auch Br. Peter Stumpe in seiner Rede „Für die Zukunft einer aufgeklärten, humanitären Freimaurerei“ formuliert, nachzulesen auf der Homepage der Großloge unter www.freimaurerei.de.

Hierzu gehört im Übrigen auch, dass wir auf Esoterik und Okkultismus oder auch mittelalterliche sakrale Magie verzichten. Damit ist natürlich nicht unsere freimaurerische Symbolsprache gemeint; sie hat mit Esoterik und Okkultismus nichts gemein. Esoterik und Okkultismus wollen über Unbekanntes und Verborgenes Aussagen treffen, die unbewiesen, unwissenschaftlich und irreführend sind. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich, dass solche Aussagen auch falsch sind. Solche Paraphänomene stehen in fundamentalem Widerspruch zur Methode der heutigen Wissenschaft. Sie haben in der emanzipierten Freimaurerei des 21. Jahrhunderts keinen Platz. Dem Philosophen und elsässischen Schriftsteller Otto Flake ist zuzustimmen, wenn er sagt: „Will man die Welt begrifflich bewältigen, so müssen die Begriffe der Wirklichkeit entnommen werden; das heißt, sie müssen dem Forschen, der kritischen Untersuchung standhalten.“

Wer mit den Wölfen heult, muss sich auch als Wolf behandeln lassen

Zurück zum Thema: Man könnte meinen, die Grundwerte unseres Bundes seien heute Allgemeingut. Kaum jemand wird sich als unmenschlich, intolerant oder freiheitsfeindlich bezeichnen. Die gelebte Realität sieht leider anders aus. Unsere Werte werden in einem erschreckenden Maß mit Füßen getreten. Betrachten wir die gesellschaftliche Entwicklung auch in anderen Ländern wie z. B. der Türkei, Ungarn, Polen, Brasilien oder auch den USA – die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern –, dann sehen wir Menschen an der Macht, die sich keiner unserer Tugenden verschrieben haben. Erschreckenderweise stellen wir jedoch auch fest, dass diese Menschen in vielen Fällen nicht durch Gewalt an die Macht gekommen sind. Sie wurden von Menschen gewählt, denen offensichtlich Werte wie Freiheit, Toleranz, Gleichheit, Brüderlichkeit und Humanität nicht wichtig sind. Nicht akzeptieren kann ich das Argument, man habe ja nicht die Intoleranz gewählt, sondern nur seinem Protest Ausdruck verleihen wollen. Wer mit den Wölfen heult, muss sich auch als Wolf behandeln lassen!

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung könnte der Eindruck entstehen, die Freimaurerei sei eine Art Antithese zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Ist sie ein Relikt der alten Zeiten einer im Prinzip bürgerlichen Gesellschaft, ein Anachronismus alter Männer? Die Frage tut weh! Es genügt jedoch nicht, große Reden von hehren Idealen zu schwingen oder sich nur über bedeutende Freimaurer in vergangenen Jahrhunderten auszulassen. Wir müssen da schon konkreter werden. Was können, sollen oder müssen wir tun?

Man kann nicht schweigend für etwas eintreten

Der Großredner unserer Großloge, Br. Wolfgang Kreis, hat anlässlich des Großlogentages 2016 in Darmstadt eine Zeichnung aufgelegt mit dem Titel „Müssen wir schweigen oder müssen wir handeln?“ Das genau ist die Frage, die uns alle heute umtreiben muss.

Beginnen wir mit der ersten Alternative: „Müssen wir schweigen?“ Das Wort „müssen“ suggeriert, es sei unsere freimaurerische Pflicht zu schweigen. Woraus sollte sich das ergeben? Nein, wir schauen nicht in die „Alten Pflichten“. Sie sind in diesen Fragen zu sehr von der damaligen innenpolitischen Situation in England geprägt. Schauen wir zunächst in die Verfassung unserer Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland. In Artikel 2 heißt es:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie (die Freimaurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissen- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung im Rahmen der Freimaurerischen Ordnung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit.“

Bedeutet die Verpflichtung auf Gewissens- und Denkfreiheit auch, dass ich als Ergebnis der Denkfreiheit und möglicherweise als Ausdruck meiner Toleranz respektieren muss, wenn jemand die fundamentalen Werte unseres Bundes und damit auch der Verfassung unseres Staates ablehnt? Müssen wir dann aus Gründen der Toleranz schweigen? Das kann nicht sein. Artikel 2 der Verfassung führt aus, die Freimaurer treten ein u. a. für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Toleranz. Ich kann nicht schweigend für etwas eintreten. Also muss ich in diesen Fällen reden oder handeln.

Ein Aufklärungsbund ist zutiefst politisch

Es wird unter Brüdern immer wieder behauptet, Fragen der Religion oder der Politik dürften in der Loge nicht behandelt werden. Die „Alten Pflichten“ würden dies verbieten. Diese allgemeine Interpretation ist nicht zutreffend. Die „Alten Pflichten“ Andersons führen in Abschnitt III aus: Wir Maurer „sind entschieden gegen politische Erörterungen, die noch nie zur Wohlfahrt der Loge gereicht haben und nie reichen werden“. Im englischen Original heißt es hier „politics“. Die Historikerin Margaret Jacob erläutert zum politischen Umfeld der Entstehung der „Alten Pflichten“ in England: „Wenn sie von ‚politics‘ spricht, so meint die freimaurerische Konstitution die Parteipolitik, das Wüten der Partei, wie es durch die Schaffung einer neuen politischen Nation entstand, als Ergebnis der Revolution von 1688/89. Politik war der Kampf um die Macht zwischen Whigs und Tories, zwischen Hof und Land.“

Die Aussage, Gespräche über Politik seien in der Loge verboten, ist schlichtweg falsch. Aus gutem Grund reden wir nicht über Parteipolitik. Aber ein Bund, der sich die freiheitlichen Ideale der Aufklärung auf die Fahnen geschrieben hat, ist zutiefst politisch, nicht parteipolitisch, aber eben gesellschaftspolitisch. Darüber wollen und müssen wir sprechen und Position beziehen. Auch die „Alten Pflichten“ verbieten nicht, über Politik zu reden. Wir dürfen uns nicht über Politik streiten; das ist etwas ganz anderes, so interpretierte es auch Br. Wolfgang Kreis auf dem Großlogentag in Darmstadt.

Ich werde immer wieder gefragt, ob die Aufforderung, klar Position zu beziehen, nicht im Widerspruch zum freimaurerischen Postulat nach Toleranz im Umgang miteinander stehe. Diese Frage lässt sich mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit der eigenen Meinung. Es besteht immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen Meinung und Unfug, wie Br. Thomas Bierling in seinem Zwischenruf unter dem Titel „Freimaurerei im postfaktischen Zeitalter“ in der „Humanität 6/2018“ schreibt. Man könnte auch formulieren: Es besteht ein Unterschied zwischen Meinung und Unwahrheit. Das kann nicht nur, das muss in der Loge deutlich angesprochen werden. Freimaurerei war immer ein Rahmen, in dem vieles möglich ist, so sieht es die Historikerin Monika Neugebauer-Wölk. Ein Rahmen ist immer zugleich auch eine Begrenzung. Wer sich außerhalb dieser Grenzen aufstellt, hat keinen Anspruch auf freimaurerische Toleranz.

Freimaurer müssen Wortführer des Aufschreis sein

Die Freimaurerei muss die Unverbindlichkeit und Verschwommenheit ihrer althergebrachten Wertvorstellungen überwinden und sich sowohl geistig als auch in ihrer gesellschaftlichen Aktivität als humanitäre, soziale, demokratisch-pluralistische und antiideologische Kraft profilieren. Diese Forderung stellte Br. Hans-Hermann Höhmann, der als wichtiger Vordenker der humanitären Freimaurerei gilt, bereits in den 70er Jahren und plädiert bis heute dafür.

Die Zeichnung des Großredners, Br. Wolfgang Kreis, hätte zutreffend als Titel haben können: „Dürfen wir schweigen oder müssen wir handeln?“ Auch das ist eine rhetorische Frage, natürlich müssen wir handeln! Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, ein entfesselter Mob zur Seenotrettung von Flüchtlingen „Absaufen“ grölt, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für andersdenkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der angeblichen Lügenpresse gefordert wird und Journalisten bei ihrer Arbeit körperlich bedroht und behindert werden, für Flüchtlinge und Asylbewerber eine Eisenbahnfahrkarte (ohne Rückfahrt) nach Ausschwitz gefordert wird, dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Die Freimaurer müssen zumindest Wortführer des Aufschreis sein, der durch unsere Gesellschaft hallt oder leider besser gesagt hallen sollte!
Was bedeutet das konkret? Durch den Tempel hallt der Ruf „Zu den Waffen, meine Brüder“? Oder sollen wir Barrikaden errichten? Natürlich wäre das Unfug. Niemand verlangt, dass ein Bruder sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schweigen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. Mitgehen zur Demonstration nur als Zeichen des Protests (gegen was auch immer?) unter Distanzierung von etwaigen Auswüchsen? Man stand zwar dabei, hat aber nicht „Absaufen“ gegrölt und ist deshalb ein guter Freimaurer? So geht es auch nicht! Wir kennen den Spruch: „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“, juristisch nennt man das im Zweifel Mittäterschaft.

Innere Emigration war noch nie glaubwürdig. Wir müssen den Mund aufmachen und Position beziehen. Wir bedeutet nicht „die Großloge“ oder ein abstrakter Begriff wie „die Freimaurer“. Wir heißt ganz konkret „Du“ und „Ich“! Position beziehen vielleicht nicht in einer potenziell gewaltbereiten Demonstrationsumgebung, aber im privaten Umfeld und vor allem auch in der Loge.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 2-2019.

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Johannisfest – Mehr als Schall und Rauch?

Foto: Swetlana Wall / Adobe Stock

Was bedeutet das Johannisfest für einen Freimaurer? Lässt es sich mit anderen Festen vergleichen? Der Frage ging in seiner Zeichnung zum Johannisfest Andreas Krieg nach.

In den meisten Freimaurerlogen der Welt wird jährlich um den 24. Juni das Johannisfest gefeiert. Unsere neuen Brüder haben sich vielleicht schon gefragt, was es damit auf sich hat. Ich möchte versuchen, darauf eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Dabei gehe ich zunächst auf das Feiern im Allgemeinen ein. Sodann berichte ich, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Zum dritten wird erklärt, was die Feier bedeutet und wie sie abläuft. Am Ende steht, wie ich diese Feier wahrnehme. Bringt das Fest etwas in mir zum Schwingen? Oder ist es für mich – um es mit Goethes „Faust“ zu sagen – nur „Schall und Rauch“?

Zunächst also ein paar Worte über Feste oder das Feiern im Allgemeinen: Ein Fund in der Quafzeh-Höhle im heutigen Israel belegt eine erstaunliche kulturelle Menschheitsleistung, die sich vor etwa 95.000 Jahren abgespielt hat. Sie fußte auf der Idee, dass es ein Reich fern der Lebenden gäbe. Um einen Verstorbenen darauf vorzubereiten, haben ihn seine Angehörigen bestattet. In dieser rituellen Handlung, die enorme Vorstellungskraft voraussetzte, sehen Wissenschaftler einen der bedeutendsten Schritte auf dem Weg zur Zivilisation. Im Laufe der Jahrtausende haben menschliche Gemeinschaften noch viele besondere Ereignisse bestimmt, zu denen sie an besonderen Tagen zusammenkommen. Häufig gehen damit gesellschaftliche oder religiöse Rituale einher.

Das für uns stark prägende römische Reich hatte für das Feiern bestimmter Zeitabschnitte den Begriff “festum”. Daraus wurde das deutsche Wort „Fest“. Das Synonym “feriae” wurde im Deutschen zu „Feier“. Beide Begriffe wurzeln in “fanum”: das Religiöse. Nicht selten ruhen an diesen Feiertagen profane Tätigkeiten. Außerdem wirken sie gemeinschaftsstiftend und -erhaltend. Durch besondere Bräuche, die auch eine hohe Emotionalität bis hin zur Ekstase erlauben können, heben sie sich aus dem Alltag heraus. Ihnen kann sogar ein wildes, anarchisches oder destruktives Moment zugrunde liegen, etwa im Karneval. Für den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, ist ein Fest „ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.“ Freilich können Feste auch sehr gemessen oder getragen daherkommen. Wir sind uns sicher einig, dass von Exzessen bei unserem Johannisfest nicht die Rede sein kann. Gemessenheit ist hier wohl das passendere Wort. Ist neben der Gemeinschaftspflege auch Emotionalität möglich? Ich komme später darauf zurück.

Der Ursprung unseres ekstasefreien Johannisfestes entstammt aus dem Dunstkreis des Religiösen. Die gründende Sitzung der ersten englischen Großloge hat laut masonischer Forschung am 24. Juni 1717 in London stattgefunden. Der 24. Juni ist nach Auslegung der christlichen Kirchen der Geburtstag des Johannes, dem der Beiname „Täufer“ gegeben wurde. Jener Johannes war vermutlich Mitglied der asketischen Essener -Sekte, predigte am Jordan und spendete die Busstaufe. Dieser Taufakt, dem sich auch Jesus Christus unterzogen haben soll, symbolisierte die Vergebung der Sünden. Er ist also nicht vergleichbar mit der Taufe als Aufnahme in eine Glaubensgemeinschaft. Die Platzierung seines Geburtstages in die Nähe zur Sommersonnenwende, die auf die Zeit zwischen dem 20. und dem 22. Juni fällt, war ganz offensichtlich ein geschickter kurialer Schachzug. Damit konnte das heidnische Sonnwend-Brauchtum christlich verbrämt werden.

Neben Jesus Christus und seiner Mutter Maria ist der Täufer übrigens der einzige, bei dem außer dem Sterbetag auch der Geburtstag gefeiert und in der katholischen Kirche als Hochfest begangen wird. Die Kirche begründet die Terminierung mit Aussagen des Lukasevangeliums. An Mariä Verkündigung, also dem 25. März, sei Elisabeth, die Mutter des Täufers, im sechsten Monat schwanger gewesen. Drei Monate später, am 24. Juni, kam sie nieder. Das sind sechs Monate vor Weihnachten. Die Beziehung des längsten mit dem kürzesten Tag des Jahres kommt in Johannes’ Hinweis auf Jesus sehr schön zum Ausdruck: „Jener muss größer werden, ich aber geringer.“ Gemeint ist, dass die Sonne mitten im Sommer abnimmt, in der Mitte des Winters hingegen nimmt sie zu.

Die Beziehung der Freimaurer zu Johannes ergibt sich aus der Tatsache, dass unter anderem die Steinmetze in ihm ihren Schutzpatron sahen und sehen. Das heißt, sie fühlen sich dem Täufer in besonderer Weise verbunden. Mancher mag in ihm wohl auch so etwas wie den Fürsprecher und Mittler im Verhältnis zu Gott sehen. Aus diesem Patronat leitet sich auch der Begriff Johannesloge ab. So wäre hinlänglich erklärt, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Inhaltlich begreifen wir diese Feier als unser Bundesfest. Wünschenswert ist somit, dass jeder Freimaurer die Zugehörigkeit zu diesem weltweiten Bruderbund durch seine Teilnahme bekundet.

In Deutschland wird das Fest besonders durch die Rosensymbolik geprägt. Rosen sollen den Tempel verschönern und mit dieser Königin der Flur sollen sich auch die Brüder schmücken. Idealerweise hält der Zeremonienmeister für jeden Bruder einen kleinen Ansteckstrauß bereit. Die florale Majestät bringt zum Ausdruck, dass wir zu Mittsommer ein Fest der Liebe und der Lebensbejahung begehen. In ihrer farblichen Zusammenstellung rosa, rot und weiß versinnbildlichen die drei Johannisrosen die Lebensdevise des Freimaurers: Licht, Liebe, Leben.

Wir verstehen sicher alle den Ablauf vom Eintritt in die Loge bis zum Ende der Tafelloge als das Johannisfest. Rituell gesehen beginnt es aber erst nach der Einrichtung und Öffnung der Loge mit der Beendigung des alten Maurerjahres durch den Stuhlmeister. Es ist insofern auch ein maurerisches Neujahrsfest. Es gibt Logen, die ihren Neujahresempfang im Juli geben. Es folgt gegebenenfalls die Verpflichtung eines neuen Stuhlmeisters. Dieser eröffnet als erste Amtshandlung das neue Maurerjahr. Danach überreicht er die Rosen. Sodann werden die alten Beamten entlassen und die Neugewählten durch ihre Verpflichtung in das Amt eingeführt. Mit der nun folgenden Zeichnung ist das rituelle Johannisfest schon wieder beendet. So dürfen wir es aber nicht sehen. Natürlich gehört alles was folgt auch dazu, insbesondere die Tafelloge. Nach Johanni schicken sich die meisten Logen an, in eine längere Sommerpause einzutreten. Guter Brauch ist es deshalb, diese Vakanz durch eine besonders reichhaltige Armenspende auszugleichen. Natürlich gilt auch hier der alte Grundsatz: “Ultra posse nemo obligatur”. Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet. So wäre hinlänglich erklärt, was das Johannisfest bedeutet und wie es abläuft.

Es bleibt jetzt noch die Frage, ob dieses Fest in uns etwas bewirken kann – oder, wie es neuerdings die Sprachavantgardisten sagen: „Macht es etwas mit uns?“ Auf alle, die christlich sozialisiert wurden, macht sicher das Oster- und vor allem das Weihnachtsfest Eindruck. Selbst wenn man dem christlich-religiösen Inhalt nicht viel abgewinnen kann und nur den Charakter des Geschenk- und Familienfestes wahrnimmt, kann man sich der Zeit kaum entziehen. Es liegt davor und währenddessen ein eigenartiges, kaum beschreibbares Gefühl in der Luft. Vorfreude? Lebensfreude? Erlösung? Diese Feste wecken also durchaus bei vielen Menschen Emotionen, bringen nota bene etwas zum Schwingen. Faustisch gesprochen: „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“

Ich habe vor Jahren den Versuch gemacht, dieses besondere Gefühl auch am Johannistag hervorzurufen. Erreichen wollte ich das, indem ich an diesem Tag etwas Besonderes unternommen habe. Dennoch konnte das Gesuchte nicht gefunden werden. Vielleicht hätte ich – gemäß Freud – die festliche Stimmung durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugen müssen? Doch im Ernst: Mir ist klar geworden, dass es ohne entsprechende Sozialisation und Gemeinschaft nicht geht. Was ich nicht teilen kann, das setzt keine großen Emotionen frei. Wenn ich eine gute Flasche Wein ohne einen Freund trinken muss, ist das nur die halbe Freude.

Bleibt also das Fest mit den Brüdern. Eine Weihnachtstimmung kommt auch hier nicht auf. Aber immerhin ist mir bewusst, dass diese heutige Zusammenkunft aus dem Kanon maurerischer Aktivitäten heraussticht. Weniger durch den rituellen Johannisfest-Teil. Dafür aber durch die Anwesenheit vieler sehr geschätzter Brüder. Hinzu kommen die besonders festliche Ausschmückung des Tempels und die Tafelloge. Emotionalität im Gewande der Vorfreude liegt für mich auf der Hand. Zugleich ist da das Wissen, dass nun die lange Zeit der Sommervakanz beginnt. Das stimmt mich einerseits etwas wehmütig, doch zugleich keimt erneut die Vorfreude auf den September hoch. Also Vorfreude und Wehmut. Süße und Bitterkeit. Polarität!

Und darüber hinaus?

Von Gretchen zu seinem Glauben befragt, windet sich der zweifelnde „Faust“ wie ein Aal, versucht, sich um eine klare Antwort zu drücken (Vers 3453 ff.): „Nenn es dann, wie du willst, / Nenn ́s Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.“ Während Faust fürs Erste mit seiner Antwort durchkommt, muss ich aber wohl doch Farbe bekennen und meine Karten ausspielen. Ja, der Name ist sicher nicht so wichtig. Das Patronat des Johannes, ich sehe es als Teil des Brauchtums und respektiere es. Das Bewusstsein jedoch, diesem großartigen, altehrwürdigen Bruderbund anzugehören und gemeinsam mit Geistesverwandten in dieser warmen, lichtdurchfluteten und rosengesegneten schönen Jahreszeit zu feiern, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Aber da ist noch ein anderes, das hinter Rosenpracht und Lebensbejahung hervorspäht. Ein türkisches Sprichwort sagt, „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Und so erfüllt mich an Johanni, wenn die Sonne in ihrer ganzen Kraft steht, auch immer eine Ehrfurcht vor dem Walten der ewigen Gesetzmäßigkeiten, dem ewigen stirb und werde. Dann spüre ich den besonderen Wert von Gesundheit und Leben. Und hier schließt sich für mich auch der Kreis und ich bin wieder bei der eingangs erwähnten Quafzeh-Höhle. Ich denke, die Menschen haben Feste erfunden, um Verlustängste zu verarbeiten. Sie feiern also immer im oder sogar nur wegen des Bewusstseins, dass es ein Reich fern der Lebenden gibt, das auch wir einst sehen werden.

Unser schönes Johannisfest. Mögen uns noch viele in Gesundheit, Frieden und Wohlstand vergönnt sein. Keine Frage, da ist etwas, das die Gefühle in Schwingung bringt. „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“ – aber
nenn es niemals „Schall und Rauch“.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Freimaurerei und das Konzept Lebenskunst

Male hand building staircase made of wooden pegs with a ladybug on it representing a way to success.

Menschen sind auf der Suche nach der Lebenskunst. Hans-Hermann Höhmann beschreibt in seinem Vortrag, warum Freimaurerei Menschen dieser Lebenskunst ein Stück näher bringen kann.

1 Lebenskunst ist im Gespräch. Knapp eine Million Suchergebnisse verzeichnete die Suchmaschine Google in der letzten Woche; Dutzende von Büchern wurden publiziert, als Ratgeber für ein gutes Leben schlechthin oder mit speziellen Lebenskunstempfehlungen für Alter, Krankheit, Beziehungsprobleme, Sexualität und geschäftlichen Erfolg. Es werden Kurse angeboten, die Lebenskunst mit Wellness zusammenbringen, mit Meditation, mit der breiten Skala modisch gewordener asiatischen Praktiken wie Zen, Tai-tschi und Qi Gong. Es wurden gar Institute gegründet, wie das Institut für Lebenskunst und Tantra in Berlin oder das Institut für Lebens- und Kochkunst in Leipzig und Frankfurt. Sogar die sonst eher unmodisch und streng präsentierende Evangelische Kirche empfahl unlängst auf der EKD-Homepage neue Bücher über den Dichter Paul Gerhard unter der Überschrift „Lebenskunst in Liedern“.

Ernster zu nehmen ist, dass ein so renommierter Verlag wie Suhrkamp eigens eine „Bibliothek der Lebenskunst“ eingerichtet hat, in der mittlerweile über 20 einschlägige Publikationen erschienen sind, darunter Bücher des deutschen „Lebenskunstpapstes“ Wilhelm Schmid, der seinerseits kräftig zur Popularisierung des Lebenskunstdiskurses und seiner philosophischen Fundierung beigetragen hat, zuletzt mit dem zur Lektüre sehr zu empfehlenden Band „Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird.“

Was ist Lebenskunst? Warum ist Lebenskunst heutzutage so aktuell? Und schließlich: Was hat Lebenskunst in Geschichte und Gegenwart mit Freimaurerei zu tun?

2 Lebenskunst gilt der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbstbestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung. Lebenskunst hat somit zwei Bestandteile: ein Leben, das erfüllt ist, und eine Lebensführung, die der Mensch selbst bestimmen kann.

Lebenskunst – oder präziser: das „Problem Lebenskunst“ – entspringt zwei unterschiedlichen, doch miteinander verbundenen Grundbedingungen menschlicher Existenz:

Da ist auf der einen Seite die grundlegende Ich-Funktion der Lebensfreude, der Selbstentfaltung, der schöpferischen Aggression im Sinne eines kreativen Herangehens an die den Menschen umgebenden sozialen und materiellen Bedingungen:
Kurz: Da ist Leben, das leben will.

Und da ist auf der anderen Seite der Umstand, dass dieses Sich-Ausleben des menschlichen Ichs nicht unbegrenzt möglich ist: Es scheitert bereits an der unerbittlichen Kürze unseres Lebens, es scheitert an materiellen und physischen Grenzen; es scheitert an sozialen Schranken, denn in einer Gesellschaft der Vielen ist der einzelne nun einmal grundsätzlich in seiner Ich-Projektion, im Ausleben seiner Triebe, im Verfolgen seiner persönlichen Ziele beschränkt.

Der Mensch muss aus dieser Situation folglich das Beste machen. Es gilt das: „Carpe diem“, das „Nutze den Tag“ der alten Philosophen. Es kommt darauf an, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was der römische Philosoph Seneca folgendermaßen beschrieben hat: „Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben; der ganze übrige Teil ist nicht leben, ist bloße Zeit.“

Also müssen wir lernen, aus Zeit Leben zu machen!

Lebenskunst ist vor allem dann erforderlich, wenn alte Ordnungen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Daseinsbedingungen neu und unsicher sind und wenn die Autonomie des Individuums zunimmt.

Drei große Perioden des Lebenskunstdiskurses in der abendländischen Geschichte erfordern besondere Aufmerksamkeit: 

  • Der Beginn des abendländischen Denkens, als – erst in Athen und dann in Rom – Phi-losophie und Lebenskunst weithin zusammen fielen. Die klassischen Autoren der Le-benskunst jener Zeit von den Kynikern bis zu den Epikuräern, von Seneca bis Marc Aurel und Plutarch begegnen uns bis heute in vielen Anthologien und Aphorismen-Sammlungen.
  • Die frühe Neuzeit, das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, gekennzeichnet in vie-lerlei Hinsicht wie die Jetzt-Zeit durch Krise, Umbruch und Aufbruch – und nicht zu-fällig auch durch die Entstehung der Freimaurerei. Viele Autoren dieser Epoche von Montaigne bis Knigge, von Goethe bis Schopenhauer prägen mit ihren Sentenzen zur Lebenskunst bis heute das Nachdenken über Mensch, Moral und Gesellschaft.
  • Schließlich die Gegenwart, die Moderne heute, oder die „andere“ Moderne, wie Wilhelm Schmid sie nennt.

Drei Charakterzüge der Gegenwart, die alle auf große Verunsicherungen hinweisen, möchte ich hervorheben:

  • So bedeutet Moderne heute Veränderungen von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogener, unverbindlicher und flüchtiger werdenden „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross). Wenn alles möglich ist und alles erlaubt, fällt Orientierung schwer.
  • So bedeutet Moderne heute Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), die sich auf unterhaltsame Events und wechselnde Oberflächenreize orientiert. „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman schon vor Jahren eines seiner Bücher genannt. Wenn alles amüsant sein soll, kommt sinnvolles Leben kaum zu stande.
  • Vor allem aber bedeutet Moderne heute eine tiefgehende Umstrukturierung und Neuformierung der Realgesellschaft, geprägt durch die Wandlungen in der Altersstruktur der Gesellschaft, die drohende Desintegration der Generationen, das veränderte Verhältnis der Geschlechter zueinander, das Flüchtlings-, Migrations- und Integrationsproblem, die Umwälzungen in der Arbeitswelt – neuerdings insbesondere durch die ebenso unaufhaltsame wie in ihren Auswirkungen unübersichtliche Digitalisierung, schließlich die veränderten Formen der sozialen Einbindung und Vernetzung der Menschen, im Sinne einer geringeren Bereitschaft zu dauerhafter Bindung an die hergebrachten bürgergesellschaftlichen Gruppierungen (Robert Putnam).

Auch diese Strukturelemente der Gegenwart haben große Bedeutung für das „Problem Lebenskunst“.

Worum geht es einer Lebenskunst, die angesichts all dieser Veränderungen und Verunsicherungen nicht oberflächlich, sondern reflektiert und vernünftig sein will?

Wie schon hervorgehoben, gilt Lebenskunst der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbst bestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung.
Doch Definitionen bleiben leer, wenn sie nicht gefüllt werden mit Überlegungen, was das nun heißen soll, sinnvoll und selbst bestimmt zu leben.

3 Ich möchte – Wolfgang Kersting folgend – für ein solches Leben vier Prinzipien benennen, über die sich im Kontext Lebenskunst ein gründliches Nachdenken lohnt:

  • das Prinzip von Maß und Mitte,
  • das Prinzip der Balance,
  • das Prinzip der Kommunikation, sowie
  • das Prinzip der Einübung und Habitualisierung.
Erstens: Das Prinzip von Maß und Mitte:

Wie immer wir im Leben fühlen, wahrnehmen oder handeln: ein entweder – oder extremer Positionen ist individuell und sozial unbekömmlich. „Daher kommt es immer auf das richtige Maß an. Zumeist tun wir des Guten zuwenig; zuweilen tun wir aber auch des Guten zuviel. Das Gute, Richtige, Vortreffliche liegt in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Diese Mitte ist freilich schwer zu treffen; das Leben gleicht einer Zielscheibe, bis zum Rand gefüllt mit Möglichkeiten, das Ziel zu verfehlen“ (Wolfgang Kersting). Der Lebenskünstler tritt somit gleichsam als „Lebens-Kunstschütze“ in Erscheinung.

Zweitens: Das Prinzip der Balance:

Das Prinzip der Balance beschreibt ein Organisationsprinzip, das sich auf das Ganze des Lebens und seine wesentlichen Elemente erstreckt. Immer gilt es, vier Großbereiche des menschlichen Interesses auszugleichen und in Balance zu halten.

Da ist zuerst unser Gesundheitsinteresse. Es ist grundlegend, denn wenn unsere Gesundheit schwindet, wenn wir gar krank werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche betroffen. Gesundheit ist sicherlich nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles andere nichts.

Der zweite Interessenbereich umfasst unsere materiellen Interessen, unsere Interessen am Konsum und am Besitz äußerer Dinge. Materielle Lebensgrundlagen sind erforderlich, doch die Jagd nach Besitz kann – wie Karl Marx gesagt hat – die Rolle von „Moses und den Propheten“ einnehmen.

Der dritte Interessenbereich ist der Bereich unserer sozialen Interessen. Wir erstreben nicht nur körperliches Wohlbefinden, wünschen uns nicht nur Besitz und eine sowohl lohnende als auch befriedigende Beschäftigung, wir haben auch soziale Bedürfnisse, wir wollen geliebt und anerkannt werden, wir wollen Gemeinsamkeit mit anderen erleben, wir be­nötigen die anderen, um uns in ihnen zu erkennen, um aus ihrer Wertschätzung Selbstwertgefühl zu gewinnen. Die anderen sind der Spiegel, der uns sichtbar macht, ohne den wir auch für uns selbst unsichtbar bleiben.

Und dann ist da noch das Sinnbedürfnis. Menschen wollen Sinn, manche sind gar süchtig nach Sinn. Sie können von den Warum- und Wozu-Fragen nicht lassen. Sie wollen den Vorhang der Erscheinungen durchstoßen und suchen nach einer tieferen Wirklichkeit, suchen nach metaphysischer Geborgenheit, die über den Tod hinaus dauert.

Lebenskunst bedeutet nun, zwischen den vier genannten Lebensbereichen eine Balance herzustellen, keine Hierarchie, sondern eine gleichsam dynamische Ausgewogenheit!

  • Gesundheit ja – aber keine ständige Sorge um sie, und kein „zum Hypochonder werden“;
  • Besitz ja – aber keine Gier, keine Jagd nach Konsum, und keine Abhängigkeit davon;
  • Menschliche Beziehungen ja – aber keine Dominanz über andere und keine symbiotische Verschmelzung mit ihnen;
  • Orientierung auf Sinn ja – aber kein permanentes Grübeln, das Lebensfreude und Lebensaktivität beeinträchtigt.
Drittens: Das Prinzip der Kommunikation

Lebenskunst bedeutet und erfordert zugleich Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:.

  • Stile des Umgangs mit sich selbst: Selbstrespekt und Selbstfreundschaft, verbunden mit Selbsterkenntnis und Selbstkritik,
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen: Mitmenschlichkeit, tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt: Verantwortung übernehmen für Gesell-schaft und Umwelt,
  • Stile des Umgangs mit Transzendenz, was bedeutet im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.
Viertens schließlich: Das Prinzip der Einübung und Habitualisierung

Konzepte und Ratgeber der Lebenskunst, Philosophien der Lebenskunst gar führen nur dann zu einer Praxis des gelingenden, erfüllten Lebens, wenn sie eingeübt, wenn sie habitualisiert werden, wenn Lebenskunst nicht Rhetorik bleibt, wenn sie den Alltag bestimmt.

Das ist gewiss schwierig, denn die Menschen bringen ihr So-Sein mit, ihren eingeschliffenen Habitus, dessen Übereinstimmung mit dem Habitus der Lebenskunst, d.h. einem Habitus, der Lebenskunst möglich macht, rein zufällig wäre.

Folglich ist Einübung erforderlich, Lebenskunst muss verlässlich werden, sie darf nicht bei jedem Hindernis flüchtig sein.

4 Was hat mit alledem nun die Freimaurerei zu tun? Fünf Thesen sollen am Beginn meiner abschließenden Betrachtung hierzu stehen:

  1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung von Lebenskunst verbunden. In diesem Sinne war und ist Freimaurerei eine Königliche Kunst und aufgrund dieser Tradition arbeiten die Freimaurer auch in der Gegenwart an der Umsetzung von Lebenskunst in die Praxis des menschlichen Lebens.
  2. Freimaurer gehen davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich auch die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung.
  3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die kleine, überschaubare Gruppe das leistungsfähigste Medium der Einübung von Lebenskunst ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer.
  4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Lebenskunst vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge.
  1. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Praktizierung von Lebenskunst immer wieder scheitern können und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Die Grundlagen des Lebenskunstkonzepts in der Freimaurerei dienen können sind alt. Sie entstammen dem späten 17. und dem 18. Jhdt., der Aufklärungszeit, in die ja auch die Entstehung der Freimaurerei fällt, und sie haben sich im 19. Jahrhundert, der klassischen Zeit des kulturorientierten Bürgertums, voll entfaltet.

Eine besondere Rolle dabei spielen die drei Prinzipien Weisheit, Stärke und Schönheit, die ja auch der Titel meines Vortrags nennt.

Weisheit, Stärke und Schönheit sind für den Freimaurerbund, für die Brüder und für die Schwestern als Gestaltungsprinzipien unverzichtbar, doch Weisheit, Stärke und Schönheit fallen uns nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Demut, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.

Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.

Altmeister Goethe brauchte ein paar Verse mehr, wenn er seinen Helden im „Faust“ reflektieren lässt: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte steh’n: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat Und schreibe nun getrost: Im Anfang war die Tat.“

Sinn ist gut, aber er läuft ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke.

Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinische Dimension, von der Schönheit der Symbole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüber reicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst” erst vollendet.

Weisheit, Stärke und Schönheit – über alle drei muss immer wieder nachgedacht werden, zumal ja die Freimaurerei mit ihren drei Prinzipien durchaus ihre Probleme hat und die Praxis der Brüder und Logen stets darauf ausgerichtet werden muss, Weisheit vor Worthülsen und Plattitüden zu bewahren, Stärke nicht in Kraftmeierei und verbale Kraftakte ausarten zu lassen und Schönheit vor Hässlichkeit im Umgang miteinander zu bewahren.

5 Wenn wir nach Quellen fragen, so lassen die historischen Texte, die Rituale und nicht zu letzt auch die Freimaurer-Lieder den Bezug zur Lebenskunst klar erkennen.

Ein paar Beispiele dazu:

Schon die erste Programmurkunde der modernen Freimaurerei in England, die „Alten Pflichten“ von 1723, verbinden auf eindrucksvolle Weise die Proklamierung von Werten einer gleichsam höchsten Wertebene, wie die Verpflichtung des Maurers auf die Befolgung des Sittengesetzes, mit dem Einfordern wichtiger Alltagstugenden, die im Umgang des Freimaurers mit seinen Brüdern und Mitmenschen zu befolgen sind. So heißt es klar und deutlich: „Alle Maurer sollen an den Arbeitstagen rechtschaffen arbeiten, damit sie an den Feiertagen in Ehren leben können“. Oder (für die Zeit nach Schließung der Loge): „Ihr könnt noch in harmloser Fröhlichkeit zusammenbleiben, einander bewirten, wie es eure Verhältnisse euch gestatten, sollt dabei aber jedes Übermaß vermeiden. Ihr sollt keinen Bruder dazu verleiten, mehr zu essen oder zu trinken, als er verträgt, ihn auch nicht daran hindern, zu gehen, wenn Verpflichtungen ihn rufen.“

„Über den Umgang mit Menschen“ hat dann auch der Freimaurer Adolph Freiherr Knigge eines der schönsten und bis heute anregendsten, wenn auch leider oft trivial missverstandenen Bücher zur Lebenskunst einer Alltagsethik genannt.

Das Ritual greift diese Einstellungen auf. Ich zitiere aus dem Ritual der Großloge der Ancients von ca. 1750, das folgendes Zwiegespräch zwischen dem Meister vom Stuhl und dem 2. Aufseher enthält:

Meister vom Stuhl: Und was geschah nach der Aufnahme mit euch?

Zweiter Aufseher: Ich wurde zur Rechten des Meisters gesetzt, und er zeigte mir die Werkzeuge des Lehrlings.

Meister vom Stuhl: Welche sind diese?

Zweiter Aufseher: Das Winkelmaß, um meine Arbeit rechtwinklig zumachen; der Zollstock, um sie einzuteilen, und der Spitzhammer, um alles Überflüssige abzuhauen, um das Winkelmaß gehörig gebrauchen zu können.

Vielleicht erinnert dies an das, was ich zum Prinzip des „Maßes und der Mitte“ gesagt habe. Im Grunde genommen sind alle wesentlichen freimaurerischen Symbole nichts anderes als Symbole der Lebenskunst. Ihr Erleben im Ritual und ihre Reflexion sind es, was die Freimaurerei zur Schule der Lebenskunst werden lässt.

Im Grunde sind alle freimaurerischen Symbole Sinnzeichen der Lebenskunst: der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Zollstock als Anmahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Auf gleiche Weise verdeutlichen die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem Leben umzugehen. Nicht in dem Sinne, dass irgendeiner von uns Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Wei­terentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“.

Auch die Texte der Lieder, die die Freimaurer schon im 18. Jahrhundert sangen, verweisen auf die enge Beziehung zur Lebenskunst.

Ich zitiere zwei Beispiele aus einem Liederbuch der Zeit um 1780.

Lebensregeln

Was alte Weise uns gelehrt,
Das lehrt der Maurer auch:
Er kennt der Dinge wahren Werth,
Und nützlichsten Gebrauch.

Er meidet Geitz und Ueberfluss,
Nicht Triebe der Natur;
Und folgt im würdigen Genuss
Dem klugen Epikur.

Kein Geiz, kein Überfluss, Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, würdiger Genuss: hier scheinen sie alle auf, die erörterten Prinzipien der Lebenskunst.

Zur Eröffnung der Loge

Hinweg, der Stolze; o sein Flügel
Schmilzt plötzlich wie der Ikarus!
Hinweg, der Eitle; den kein Riegel
Begränzt als nur sein Ueberdruss!
Wer ist’s, den unser Orden liebt?
Der Weisheit, Kunst und Tugend übt.

Kunst meint „Königliche Kunst“, die Weisheit, Stärke und Schönheit vereint und das Konzept der Lebenskunst bestimmt.

Dieser Anregung zur Aneignung von Lebenskunst folgen wir auch heute, wenn wir das schöne alte Frühlingsfest der nordhessischen und südniedersächsischen Logen miteinander feiern. Lange bevor ich Freimaurer wurde, kannte ich dieses Fest und erlebte die heitere Stimmung, mit der meine Eltern daran teilnahmen. Und wenn ich nach vielen Jahren Freimaurerei Bilanz ziehe und mich frage, was ich nicht missen möchte an meiner maurerischen Erfahrung, so ist es nicht zuletzt diese heiter-gesellige Lebenskultur, die von unserem alten Bunde ausgeht.

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Wie viel Politik verträgt die Freimaurerei?

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Wir leben in einer Zeit, in der die Zunahme an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Gehässigkeit spürbar ist. In einer Zeit der Überflutung von Informationen, ob wahr oder unwahr. In einer Zeit, wo Staatsmänner sich über den größeren Atomknopf öffentlich austauschen. Zeichen, die nichts Gutes verheißen.

Ein Kommentar von Ralph Meixner

Wofür steht die Freimaurerei im Jahr 1 nach 300 Jahren Freimaurer-Geschichte? Wofür stehe ich persönlich als Freimaurer? So oder ähnlich könnte die persönliche Fragestellung in diesen bewegten Zeiten lauten. “Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus”. Diese Ideale unserer Metaphern allein werden leider nichts verändern, solange keine Interaktion stattfindet.

Mir ist bekannt, dass wir auf unserem Lebensweg viel Disharmonie und vielen Dingen begegnen, die zu erklären wir nicht im Stande sind. Und obwohl wir alle die Freimaurerei zu unserer geistigen Anschauung gewählt haben, können wir nicht automatisch erwarten, dass unser Ziel, das Licht in der Finsternis zu finden, immer gelingen wird. Besser gesagt: wir werden nicht immer die Antworten auf die vielen Fragen unserer Zeit haben.

Schon bei unserer Aufnahme, durchlebten wir in den symbolischen Reisen alle Elemente, die seither auf unseren Geist einwirken sollen. Wir sind als Freimaurer berufen, der Finsternis in uns selbst und der Finsternis der Welt ernst und tapfer die Stirn zu bieten. Je ernster wir diese Aufgabe auffassen, umso größer und schöner werden die Erfolge sein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass große Standhaftigkeit vonnöten ist, um trotz aller Schwierigkeiten und Bitternisse, die uns das Leben beschert, beständig unseren eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können.

Die Aufklärung hat uns die Freiheit gebracht. Sie hat uns aber nicht gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Das müssen wir täglich selbst herausfinden. Freiheit muss immer wieder erworben werden, sie ist nicht selbstverständlich. Es müssen vielmehr Bedingungen geschaffen werden, die Freiheit möglich machen. Das erfordert Engagement und Entschlossenheit, spätestens dann, wenn die Freiheit in Gefahr gerät.

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, eine Zeitenwende: Die gewohnten Strukturen beginnen zu bröckeln und die neuen sind noch nicht wirklich sichtbar. In dieser Zeit des tiefgründigen Wandels stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Freimaurerei leisten kann und welche Bedeutung sie in der Zukunft haben wird, vielleicht sogar die Frage, ob sie überhaupt eine Zukunft hat? Die Zeit des Übergangs ist immer mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Spannung verbunden. Sie beinhaltet aber auch die Chance der Neujustierung und der Rückbesinnung auf das Wesentliche. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie können wir in unserer Logenarbeit den Fragen der Welt begegnen, wo doch Politik und Religion nicht Gegenstand unserer Gespräche sind? Ich bin bei euch, diese Gespräche nicht zu führen, wenn es um Diskussionen einzelner Parteiprogramme geht. Kann Freimaurerei aber unpolitisch sein? Haben wir dann nicht schon aufgehört, in die Gesellschaft mit unseren Werten und Idealen zu wirken? Ich denke, wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wenn wir das nicht tun, verschließen wir die Augen vor den großen Problemen dieser Welt. Und das wiederum widerspricht unserem gewollten Handeln, unseren Idealen.

Wir spüren, dass etwas in der Luft liegt, das noch nicht greifbar ist, oder wie Ernst Bloch es nannte, das “Noch-Nicht-Bewusste” oder das “Noch-Nicht-Gewordene”. Das ist für eine Zeitenwende typisch, in der die alte Gesellschaft vergeht und eine neue heraufkommt, aber noch nicht wirklich da ist. Das Solide, Bekannte, Vertraute ist in Frage gestellt, ein Anderes drängt dagegen an und liegt, wie Bloch es nannte, “in der Zeiten Schoß”.

Unser Deutschland ist ein Land, das einen wahrlich weiten Weg zurückgelegt hat: Vom entfesselten Nationalismus, der Krieg und Verwüstung über Europa brachte, von einer geteilten Nation im Kalten Krieg hin zu einem demokratischen und starkem Land in der Mitte Europas. Unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freiheit mit unseren europäischen Nachbarn bleiben – es darf nie wieder ein Rückweg in den Nationalismus sein!

Wenn wir uns unserer Geschichte unseres Landes erinnern, so bemerken wir in der Gegenwart, das andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen, aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Wege stehen. Dabei sind Mauern zwischen unseren Lebenswelten entstanden: zwischen Stadt und Land, Online und Offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas wahrnimmt. Und ich meine auch die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente der Humanität nicht mehr hindurchdringen.

Hinter diesen Mauern ist tiefes Misstrauen.

Deshalb haben wir Freimaurer die Pflicht, in unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen diesem Misstrauen mit einer ehrlichen Erinnerungskultur zu begegnen. Ein Land, das in seinem Grundgesetz so hohe Güter wie das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit verankert hat, kann Heimat für viele Menschen sein, die aus Elend und Not flüchten müssen.

Argumente statt Empörung brauchen wir, auch gerade bei dem Thema, das unser Land in den letzten zwei Jahren so bewegt hat wir kein anderes: Flucht und Migration. Dieses Thema spaltet unsere Gesellschaft wie kein anderes. Was für die einen kategorischer „humanitärer imperativ“ ist, wird von anderen als angeblicher „Verrat am eigenen Volk“ beschimpft. Menschlichkeit, also das Leid anderer zu sehen und zu erkennen und situationsbedingt Hilfe zu leisten, steht hinter diesem Begriff..

Die Not von Menschen darf uns Freimaurern niemals gleichgültig sein. Wie lautet es in unserem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer, wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“. Dies alleine sollte Auftrag genug für jeden von uns sein.

Und wenn da jemand sagt „ ich fühle mich fremd im eigenen Land“, dann können wir nicht antworten: “Tja, die Zeiten haben sich halt geändert“ und wenn einer sagt: „ Ich verstehe mein Land nicht mehr“, dann gibt es etwas zu tun in unserem Land. Dann ist eine gute Erinnerungskultur gefragt. Denn bei allen Diskussionen, bei allen Unterschieden – eines ist nicht wegzudiskutieren in unserer deutschen Demokratie: das Bekenntnis zu unserer Geschichte, einer Geschichte, die für nachwachsende Generationen zwar nicht persönliche Schuld, aber bleibende Verantwortung bedeutet. Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, all das gehört zu Deutschland.

Wenn dieses bewusste Erinnern gelebt wird, dann werden viele wieder verstehen. Denn verstehen und verstanden werden, das will jeder, und das braucht jeder, um sein Leben selbstbewusst zu führen. Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im schnellen Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden, da es keine verbindlichen Aussagen mehr zu geben scheint. Das wiederum gibt Raum für Ängste. Und Angst ist und war nie ein guter Berater. Deshalb glaube ich, dass Heimat in eine gute Zukunft weist, jedoch nicht in die Vergangenheit. Heimat ist ein Ort, den wir als Gesellschaft gemeinsam schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das „Wir“ Bedeutung bekommt.

Das „Wir“ muss bleiben – und das wird bleiben! Das wird bleiben, weil es nicht die Besserwisser und Meckerer sind, nicht die ewig Empörten und nicht die, die ihre tägliche Wut auf alles und jeden pflegen. Nicht diese Menschen prägen unser Land. Nein, was mich zuversichtlich macht, sind die Menschen, die den humanitären Imperativ leben und dabei anpacken, die sich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land täglich einsetzen, denn die humanistische Idee, ist die des Strebens nach einer menschlichen und menschenwürdigen Welt, die alleine nur der Mensch schaffen kann.

Leider steht der Mensch sich dabei oft selbst im Wege. Deshalb arbeiten wir Freimaurer am rauen Stein, an uns selbst, versuchen zu verstehen und sich der ethischen Verantwortung, die wir als gestaltende Wesen haben, zu vergewissern. Aus dieser Haltung heraus sollten wir handeln und das, was wir tun, voll verantworten. Ohne Rückbindung an Werte wird der Mensch einer Zweckrationalität preisgegeben, die ihn entmenschlicht. Ohne verantwortungsvolles Handeln verkommt Gesinnung zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.

Wir können aus unserer Haltung Impulse geben, können Haltung zeigen. In unseren Logen können wir einen Ort des freien Denkens, der kritischen Auseinandersetzung und eine von Respekt, ehrlichem Interesse und gegenseitigem Verständnis getragene Diskurskultur schaffen.

Die Utopie des Humanismus, ist weder an einem anderen Ort noch in ferner Zukunft zu suchen. Sie ist konkret und real als unsere innere Utopie, denn der Ort und die Zeit der Erfüllung liegen in uns selbst. Die bessere Welt liegt im Potential der Menschlichkeit. Es gibt Menschen, die Tag für Tag in Ehrenämtern Humanität leben und spüren lassen und dadurch das „Wir“ im freimaurerischen Sinne prägen, ob mit oder ohne Freimaurer-Schurz.

Treten wir für unsere Werte ein, handeln und wirken wir, wo auch immer wir für Menschen aktiv sind und sein wollen, um auch ein Teil dieses „Wir“ zu sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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Freimaurerische Leitkultur?

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Wir brauchen keine deutsche Leitkultur, wie immer ich den Begriff “Deutsch” in diesem Zusammenhang definieren mag. Aus freimaurerischer Sicht ist der Grundrechtskatalog des Grundgesetzes, wenn er denn in gleicher Weise als Anspruch und als Auftrag verstanden wird, eine angemessene und letztlich auch europäische Leitkultur.

Ein Kommentar von Br. Wolfhardt Thiel aus der Loge “Friede und Freiheit”, Karlsruhe

Ausgangspunkt der Überlegungen muss sein: Was ist eine Leitkultur?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière führte in einem Diskussionsbeitrag in Bild am Sonntag am 01.05.2017 aus: „Es gibt so etwas wie eine ‘Leitkultur für Deutschland’. Manche stoßen sich schon an dem Begriff der ‘Leitkultur’. Das hat zu tun mit einer Debatte vor vielen Jahren. Man kann das auch anders formulieren. Zum Beispiel so: Über Sprache, Verfassung und Achtung der Grundrechte hinaus gibt es etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

In Art 1 Satz 2 Bayerisches Integrationsgesetz ist zu lesen: „Es ist Ziel dieses Gesetz, diesen Menschen für die Zeit ihres Aufenthalts Hilfe und Unterstützung anzubieten, um ihnen das Leben in dem ihnen zunächst fremden und unbekannten Land zu erleichtern (Integrationsförderung), sie aber zugleich auf die im Rahmen ihres Gastrechts unabdingbare Achtung der Leitkultur zu verpflichten und dazu eigene Integrationsanstrengungen abzuverlangen (Integrationspflicht).“

Es gibt also so etwas wie eine deutsche Leitkultur? Auf welchen Begriff des Deutschen bezieht sich das? Nationale Leitkultur, auf welche Nation bezieht sich das? Dazu de Mazière: „etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

Allein der Verweis aufs christlich-abendländische Erbe ist zu wenig. Außerdem könnte das auch keine typisch deutsche Leitkultur begründen. Was – außer der Sprache – unterscheidet uns von den Österreichern oder den Wallonen? Was ist überhaupt gemeint, wenn ich als Deutscher von meiner Nation spreche?  – Die politische Rechte behauptet: Die deutsche Nation besteht seit Karl dem Großen. Jedenfalls unsere französischen Nachbarn dürften anderer Meinung sein. – Das heilige römische Reich deutscher Nation? Das würde beispielsweise Österreich, Niederlande und Teile Italiens einschließen. Als Staatenbund war das heilige römische Reich deutscher Nation eher mit EU vergleichbar. Es war kein Bundesstaat und begründete damit auch keine deutsche Nation. – Ein gewisses Nationalgefühl entstand in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, auch wenn es sehr unterschiedliche und wechselnde Bündnisse gab. Es war überdies eher ein Krieg Preußens, als ein Aufstand einer deutschen Nation. Auch hier können wir nicht von einer einheitlichen deutschen Nation sprechen. – 1848 ging es mehr um politische Freiheiten, als um einen einheitlichen Begriff einer deutschen Nation. Man ging auf die Barrikaden vorrangig für die Freiheit im eigenen Territorialstaat wie zum Beispiel Baden und nicht für eine deutsche Nation. – Formale Reichsgründung 1871. Der Reichsgründung voraus ging der Streit um die großdeutsche oder kleindeutsche Lösung. Das gegründete Reich war stark preußisch dominiert und geprägt. Gleichwohl wird man hier erstmals von einem deutschen Staat sprechen können. Das Bayerisches Integrationsgesetz erkennt dieses Problem eines Begriffs der deutschen Nation, ohne es allerdings zu lösen. Überdies hatte gerade Bayern sich stets mehr als eigenen Staat oder eigene Nation denn als Teil einer deutschen Nation begriffen.

Die Präambel des Integrationsgesetzes hebt deshalb das gesamteuropäische Erbe hervor und führt in den Sätzen 11 und 12 aus: „Das lange geschichtliche Ringen unserer Nation und unseres ganzen Kontinents um Einheit, Frieden und Freiheit verpflichtet auf das errungene gesamteuropäische Erbe und das Ziel eines gemeinsamen europäischen Weges. Diese identitätsbildende Prägung unseres Landes (Leitkultur) im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung zu wahren und zu schützen ist Zweck dieses Gesetzes.“

Es gibt also vielleicht eine europäische, aber keine deutsche Leitkultur?

Die 10 Punkte de Mazières für eine Leitkultur enthalten eigentlich nichts, was sich nicht auch auf andere westlich geprägte Nationen und damit jedenfalls auf Kerneuropa übertragen lässt. Insofern handelt es sich nicht wirklich um eine deutsche Leitkultur. Die Aussage „Wir sind nicht Burka“ trägt eigentlich auch nicht zur Klärung bei. Ebenso nicht die Wahlaussage der AfD, „Wir wollen Bikini und nicht Burka“.
Jürgen Habermas hat dem Minister geantwortet: “Eine liberale Auslegung des Grundgesetzes ist mit der Propagierung einer deutschen Leitkultur unvereinbar. Eine liberale Verfassung verlangt nämlich die Differenzierung der im Lande tradierten Mehrheitskultur von einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen und zugemuteten politischen Kultur. Deren Kern ist die Verfassung selbst.”

Es wird immer wieder behauptet, das Grundgesetz könne keine Leitkultur vermitteln. Vorrangig werden folgende Einwände erhoben: 1. Das Grundgesetz ist vom 23. Mai 1949. Es treffe Wertentscheidungen, die nach dem Wortlaut jedenfalls nicht die heutigen seien. Die Wertentscheidungen des Grundgesetzes müssen natürlich im Lichte der jeweiligen Auslegung nicht zuletzt durch dasBundesverfassungsgericht gesehen werden. Das Verständnis der Gleichberechtigung der Geschlechter ist zum Beispiel heute sicherlich ein anderes als 1949. In besonderer Weise wird dies an der neueren Entscheidung zur gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft deutlich. 2. Der kulturelle Gehalt der Verfassung sei begrenzt. Das Grundgesetz regele in weiten Bereichen die Staatsorganisation und das habe mit der Diskussion um eine Leitkultur nichts zu tun. Natürlich reden wir hier nicht über die Vorschriften der Staatsorganisation, sondern es geht um die Grundrechte der Art. 1 bis 17 GG.

Die Grundrechte geben den Bürgern Freiräume – sie sind keine oder jedenfalls nicht in erster Linie begrenzenden Vorschriften. Sie zeigen nur dort Grenzen auf, wo die Rechte anderer unberechtigt eingeengt würden. Unsere Verfassung normiert fundamentale politische Werte der Aufklärung: Menschenwürde, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Diese Werte werden im Grundgesetz zur Grundlage der staatlichen Organisation erklärt. Die Tätigkeiten der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung sollen demokratisch und rechtsstaatlich ausgeübt werden. Der Staat muss die Menschenwürde achten und schützen und darf Grundrechte nicht verletzen. Welche Kleidung die Menschen tragen, welchen Bräuchen sie folgen, was sie als lebenswert ansehen, woran sie sich erinnern, was sie über das Jenseits denken, dies alles zu regeln verbietet die Verfassung gerade dem Staat. Denn die Grundrechte garantieren den Bürgern hierfür die entsprechenden Freiräume. Die Aussage der Verfassung zu den Grundrechten lässt sich vereinfachend zusammenfassen. Die Grundrechte postulieren eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit.

Damit bin ich eigentlich bei der Frage, was hat das denn mit Freimaurerei zu tun?

Eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit! Freimaurerisch gesprochen bin ich damit bei der Brüderlichkeit. Die Grundzüge des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats – so wie ihn unser Grundgesetz definiert – decken sich mit den freimaurerischen Idealen. Das soll nicht heißen, dass wir in einem freimaurerischen Staat leben. Aber die ideellen Parallelen sind auffallend. Die durch die Grundrechte geschaffenen Freiräume machen einen freimaurerischen Lebensstil erst möglich. Umgekehrt: Gäbe es diese Freiräume nicht, müsste der Freimaurer sie fordern.

Für den Freimaurer gilt, diese Freiräume zu nutzen, sie aber auch in aller Entschiedenheit zu verteidigen. Gegenüber denen, die sie beschränken wollen und zugleich auch gegenüber denen, die sie missbrauchen. Hierin sehe ich eine geeignete Leitkultur. Diese Leitkultur eröffnet mir die Möglichkeit der Suche nach Frieden, Gleichheit und Freiheit. Das mag sehr idealistisch sein, aber dass ich das Fantastische denken darf, gehört eben auch zu dieser Leitkultur und zur Freimaurerei.

Eine so verstandene Leitkultur verleiht jedoch nicht nur Rechte, sondern legt auch Pflichten auf. Das Machbare des Denkbaren muss ich auch tun. Gleichzeitig bin ich verpflichtet, diese Freiräume, diesen Lebensstil, diese Leitkultur mit allen mir möglichen Mitteln zu verteidigen.

Freimaurer zu sein bedeutet nicht nur Kontemplation oder Selbstbespiegelung. Es ist zugleich Anspruch und Verpflichtung. Wenn ich den Grundrechtekatalog unseres Grundgesetzes als Ausdruck freimaurerischer Werte definiere, folgt hieraus für den Freimaurer in besonderer Weise die Pflicht, danach zu leben und diese Werte im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verteidigen. Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für anders denkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der sogenannten oder angeblichen “Lügenpresse” gefordert wird – dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Niemand verlangt, dass er sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schwei-gen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst.“

„Seid wachsam auf Euch selbst.“ Das ist die Verpflichtung! Bekämpft den inneren Schweinehund! Steht auf und wehrt Euch!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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