Johannisfest – Mehr als Schall und Rauch?

Foto: Swetlana Wall / Adobe Stock

Was bedeutet das Johannisfest für einen Freimaurer? Lässt es sich mit anderen Festen vergleichen? Der Frage ging in seiner Zeichnung zum Johannisfest Andreas Krieg nach.

In den meisten Freimaurerlogen der Welt wird jährlich um den 24. Juni das Johannisfest gefeiert. Unsere neuen Brüder haben sich vielleicht schon gefragt, was es damit auf sich hat. Ich möchte versuchen, darauf eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Dabei gehe ich zunächst auf das Feiern im Allgemeinen ein. Sodann berichte ich, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Zum dritten wird erklärt, was die Feier bedeutet und wie sie abläuft. Am Ende steht, wie ich diese Feier wahrnehme. Bringt das Fest etwas in mir zum Schwingen? Oder ist es für mich – um es mit Goethes „Faust“ zu sagen – nur „Schall und Rauch“?

Zunächst also ein paar Worte über Feste oder das Feiern im Allgemeinen: Ein Fund in der Quafzeh-Höhle im heutigen Israel belegt eine erstaunliche kulturelle Menschheitsleistung, die sich vor etwa 95.000 Jahren abgespielt hat. Sie fußte auf der Idee, dass es ein Reich fern der Lebenden gäbe. Um einen Verstorbenen darauf vorzubereiten, haben ihn seine Angehörigen bestattet. In dieser rituellen Handlung, die enorme Vorstellungskraft voraussetzte, sehen Wissenschaftler einen der bedeutendsten Schritte auf dem Weg zur Zivilisation. Im Laufe der Jahrtausende haben menschliche Gemeinschaften noch viele besondere Ereignisse bestimmt, zu denen sie an besonderen Tagen zusammenkommen. Häufig gehen damit gesellschaftliche oder religiöse Rituale einher.

Das für uns stark prägende römische Reich hatte für das Feiern bestimmter Zeitabschnitte den Begriff “festum”. Daraus wurde das deutsche Wort „Fest“. Das Synonym “feriae” wurde im Deutschen zu „Feier“. Beide Begriffe wurzeln in “fanum”: das Religiöse. Nicht selten ruhen an diesen Feiertagen profane Tätigkeiten. Außerdem wirken sie gemeinschaftsstiftend und -erhaltend. Durch besondere Bräuche, die auch eine hohe Emotionalität bis hin zur Ekstase erlauben können, heben sie sich aus dem Alltag heraus. Ihnen kann sogar ein wildes, anarchisches oder destruktives Moment zugrunde liegen, etwa im Karneval. Für den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, ist ein Fest „ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.“ Freilich können Feste auch sehr gemessen oder getragen daherkommen. Wir sind uns sicher einig, dass von Exzessen bei unserem Johannisfest nicht die Rede sein kann. Gemessenheit ist hier wohl das passendere Wort. Ist neben der Gemeinschaftspflege auch Emotionalität möglich? Ich komme später darauf zurück.

Der Ursprung unseres ekstasefreien Johannisfestes entstammt aus dem Dunstkreis des Religiösen. Die gründende Sitzung der ersten englischen Großloge hat laut masonischer Forschung am 24. Juni 1717 in London stattgefunden. Der 24. Juni ist nach Auslegung der christlichen Kirchen der Geburtstag des Johannes, dem der Beiname „Täufer“ gegeben wurde. Jener Johannes war vermutlich Mitglied der asketischen Essener -Sekte, predigte am Jordan und spendete die Busstaufe. Dieser Taufakt, dem sich auch Jesus Christus unterzogen haben soll, symbolisierte die Vergebung der Sünden. Er ist also nicht vergleichbar mit der Taufe als Aufnahme in eine Glaubensgemeinschaft. Die Platzierung seines Geburtstages in die Nähe zur Sommersonnenwende, die auf die Zeit zwischen dem 20. und dem 22. Juni fällt, war ganz offensichtlich ein geschickter kurialer Schachzug. Damit konnte das heidnische Sonnwend-Brauchtum christlich verbrämt werden.

Neben Jesus Christus und seiner Mutter Maria ist der Täufer übrigens der einzige, bei dem außer dem Sterbetag auch der Geburtstag gefeiert und in der katholischen Kirche als Hochfest begangen wird. Die Kirche begründet die Terminierung mit Aussagen des Lukasevangeliums. An Mariä Verkündigung, also dem 25. März, sei Elisabeth, die Mutter des Täufers, im sechsten Monat schwanger gewesen. Drei Monate später, am 24. Juni, kam sie nieder. Das sind sechs Monate vor Weihnachten. Die Beziehung des längsten mit dem kürzesten Tag des Jahres kommt in Johannes’ Hinweis auf Jesus sehr schön zum Ausdruck: „Jener muss größer werden, ich aber geringer.“ Gemeint ist, dass die Sonne mitten im Sommer abnimmt, in der Mitte des Winters hingegen nimmt sie zu.

Die Beziehung der Freimaurer zu Johannes ergibt sich aus der Tatsache, dass unter anderem die Steinmetze in ihm ihren Schutzpatron sahen und sehen. Das heißt, sie fühlen sich dem Täufer in besonderer Weise verbunden. Mancher mag in ihm wohl auch so etwas wie den Fürsprecher und Mittler im Verhältnis zu Gott sehen. Aus diesem Patronat leitet sich auch der Begriff Johannesloge ab. So wäre hinlänglich erklärt, wie der Johannistag in das Jahr eingefügt und mit der Freimaurerei unserer Obödienz verwoben ist. Inhaltlich begreifen wir diese Feier als unser Bundesfest. Wünschenswert ist somit, dass jeder Freimaurer die Zugehörigkeit zu diesem weltweiten Bruderbund durch seine Teilnahme bekundet.

In Deutschland wird das Fest besonders durch die Rosensymbolik geprägt. Rosen sollen den Tempel verschönern und mit dieser Königin der Flur sollen sich auch die Brüder schmücken. Idealerweise hält der Zeremonienmeister für jeden Bruder einen kleinen Ansteckstrauß bereit. Die florale Majestät bringt zum Ausdruck, dass wir zu Mittsommer ein Fest der Liebe und der Lebensbejahung begehen. In ihrer farblichen Zusammenstellung rosa, rot und weiß versinnbildlichen die drei Johannisrosen die Lebensdevise des Freimaurers: Licht, Liebe, Leben.

Wir verstehen sicher alle den Ablauf vom Eintritt in die Loge bis zum Ende der Tafelloge als das Johannisfest. Rituell gesehen beginnt es aber erst nach der Einrichtung und Öffnung der Loge mit der Beendigung des alten Maurerjahres durch den Stuhlmeister. Es ist insofern auch ein maurerisches Neujahrsfest. Es gibt Logen, die ihren Neujahresempfang im Juli geben. Es folgt gegebenenfalls die Verpflichtung eines neuen Stuhlmeisters. Dieser eröffnet als erste Amtshandlung das neue Maurerjahr. Danach überreicht er die Rosen. Sodann werden die alten Beamten entlassen und die Neugewählten durch ihre Verpflichtung in das Amt eingeführt. Mit der nun folgenden Zeichnung ist das rituelle Johannisfest schon wieder beendet. So dürfen wir es aber nicht sehen. Natürlich gehört alles was folgt auch dazu, insbesondere die Tafelloge. Nach Johanni schicken sich die meisten Logen an, in eine längere Sommerpause einzutreten. Guter Brauch ist es deshalb, diese Vakanz durch eine besonders reichhaltige Armenspende auszugleichen. Natürlich gilt auch hier der alte Grundsatz: “Ultra posse nemo obligatur”. Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet. So wäre hinlänglich erklärt, was das Johannisfest bedeutet und wie es abläuft.

Es bleibt jetzt noch die Frage, ob dieses Fest in uns etwas bewirken kann – oder, wie es neuerdings die Sprachavantgardisten sagen: „Macht es etwas mit uns?“ Auf alle, die christlich sozialisiert wurden, macht sicher das Oster- und vor allem das Weihnachtsfest Eindruck. Selbst wenn man dem christlich-religiösen Inhalt nicht viel abgewinnen kann und nur den Charakter des Geschenk- und Familienfestes wahrnimmt, kann man sich der Zeit kaum entziehen. Es liegt davor und währenddessen ein eigenartiges, kaum beschreibbares Gefühl in der Luft. Vorfreude? Lebensfreude? Erlösung? Diese Feste wecken also durchaus bei vielen Menschen Emotionen, bringen nota bene etwas zum Schwingen. Faustisch gesprochen: „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“

Ich habe vor Jahren den Versuch gemacht, dieses besondere Gefühl auch am Johannistag hervorzurufen. Erreichen wollte ich das, indem ich an diesem Tag etwas Besonderes unternommen habe. Dennoch konnte das Gesuchte nicht gefunden werden. Vielleicht hätte ich – gemäß Freud – die festliche Stimmung durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugen müssen? Doch im Ernst: Mir ist klar geworden, dass es ohne entsprechende Sozialisation und Gemeinschaft nicht geht. Was ich nicht teilen kann, das setzt keine großen Emotionen frei. Wenn ich eine gute Flasche Wein ohne einen Freund trinken muss, ist das nur die halbe Freude.

Bleibt also das Fest mit den Brüdern. Eine Weihnachtstimmung kommt auch hier nicht auf. Aber immerhin ist mir bewusst, dass diese heutige Zusammenkunft aus dem Kanon maurerischer Aktivitäten heraussticht. Weniger durch den rituellen Johannisfest-Teil. Dafür aber durch die Anwesenheit vieler sehr geschätzter Brüder. Hinzu kommen die besonders festliche Ausschmückung des Tempels und die Tafelloge. Emotionalität im Gewande der Vorfreude liegt für mich auf der Hand. Zugleich ist da das Wissen, dass nun die lange Zeit der Sommervakanz beginnt. Das stimmt mich einerseits etwas wehmütig, doch zugleich keimt erneut die Vorfreude auf den September hoch. Also Vorfreude und Wehmut. Süße und Bitterkeit. Polarität!

Und darüber hinaus?

Von Gretchen zu seinem Glauben befragt, windet sich der zweifelnde „Faust“ wie ein Aal, versucht, sich um eine klare Antwort zu drücken (Vers 3453 ff.): „Nenn es dann, wie du willst, / Nenn ́s Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.“ Während Faust fürs Erste mit seiner Antwort durchkommt, muss ich aber wohl doch Farbe bekennen und meine Karten ausspielen. Ja, der Name ist sicher nicht so wichtig. Das Patronat des Johannes, ich sehe es als Teil des Brauchtums und respektiere es. Das Bewusstsein jedoch, diesem großartigen, altehrwürdigen Bruderbund anzugehören und gemeinsam mit Geistesverwandten in dieser warmen, lichtdurchfluteten und rosengesegneten schönen Jahreszeit zu feiern, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Aber da ist noch ein anderes, das hinter Rosenpracht und Lebensbejahung hervorspäht. Ein türkisches Sprichwort sagt, „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Und so erfüllt mich an Johanni, wenn die Sonne in ihrer ganzen Kraft steht, auch immer eine Ehrfurcht vor dem Walten der ewigen Gesetzmäßigkeiten, dem ewigen stirb und werde. Dann spüre ich den besonderen Wert von Gesundheit und Leben. Und hier schließt sich für mich auch der Kreis und ich bin wieder bei der eingangs erwähnten Quafzeh-Höhle. Ich denke, die Menschen haben Feste erfunden, um Verlustängste zu verarbeiten. Sie feiern also immer im oder sogar nur wegen des Bewusstseins, dass es ein Reich fern der Lebenden gibt, das auch wir einst sehen werden.

Unser schönes Johannisfest. Mögen uns noch viele in Gesundheit, Frieden und Wohlstand vergönnt sein. Keine Frage, da ist etwas, das die Gefühle in Schwingung bringt. „Nenn es dann, wie du willst, Glück! Herz! Liebe! Gott!“ – aber
nenn es niemals „Schall und Rauch“.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt. Gleiches gilt für ggf. nachfolgend abgegebene Kommentare. Die Redaktion behält sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

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Freimaurerei und das Konzept Lebenskunst

Male hand building staircase made of wooden pegs with a ladybug on it representing a way to success.

Menschen sind auf der Suche nach der Lebenskunst. Hans-Hermann Höhmann beschreibt in seinem Vortrag, warum Freimaurerei Menschen dieser Lebenskunst ein Stück näher bringen kann.

1 Lebenskunst ist im Gespräch. Knapp eine Million Suchergebnisse verzeichnete die Suchmaschine Google in der letzten Woche; Dutzende von Büchern wurden publiziert, als Ratgeber für ein gutes Leben schlechthin oder mit speziellen Lebenskunstempfehlungen für Alter, Krankheit, Beziehungsprobleme, Sexualität und geschäftlichen Erfolg. Es werden Kurse angeboten, die Lebenskunst mit Wellness zusammenbringen, mit Meditation, mit der breiten Skala modisch gewordener asiatischen Praktiken wie Zen, Tai-tschi und Qi Gong. Es wurden gar Institute gegründet, wie das Institut für Lebenskunst und Tantra in Berlin oder das Institut für Lebens- und Kochkunst in Leipzig und Frankfurt. Sogar die sonst eher unmodisch und streng präsentierende Evangelische Kirche empfahl unlängst auf der EKD-Homepage neue Bücher über den Dichter Paul Gerhard unter der Überschrift „Lebenskunst in Liedern“.

Ernster zu nehmen ist, dass ein so renommierter Verlag wie Suhrkamp eigens eine „Bibliothek der Lebenskunst“ eingerichtet hat, in der mittlerweile über 20 einschlägige Publikationen erschienen sind, darunter Bücher des deutschen „Lebenskunstpapstes“ Wilhelm Schmid, der seinerseits kräftig zur Popularisierung des Lebenskunstdiskurses und seiner philosophischen Fundierung beigetragen hat, zuletzt mit dem zur Lektüre sehr zu empfehlenden Band „Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird.“

Was ist Lebenskunst? Warum ist Lebenskunst heutzutage so aktuell? Und schließlich: Was hat Lebenskunst in Geschichte und Gegenwart mit Freimaurerei zu tun?

2 Lebenskunst gilt der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbstbestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung. Lebenskunst hat somit zwei Bestandteile: ein Leben, das erfüllt ist, und eine Lebensführung, die der Mensch selbst bestimmen kann.

Lebenskunst – oder präziser: das „Problem Lebenskunst“ – entspringt zwei unterschiedlichen, doch miteinander verbundenen Grundbedingungen menschlicher Existenz:

Da ist auf der einen Seite die grundlegende Ich-Funktion der Lebensfreude, der Selbstentfaltung, der schöpferischen Aggression im Sinne eines kreativen Herangehens an die den Menschen umgebenden sozialen und materiellen Bedingungen:
Kurz: Da ist Leben, das leben will.

Und da ist auf der anderen Seite der Umstand, dass dieses Sich-Ausleben des menschlichen Ichs nicht unbegrenzt möglich ist: Es scheitert bereits an der unerbittlichen Kürze unseres Lebens, es scheitert an materiellen und physischen Grenzen; es scheitert an sozialen Schranken, denn in einer Gesellschaft der Vielen ist der einzelne nun einmal grundsätzlich in seiner Ich-Projektion, im Ausleben seiner Triebe, im Verfolgen seiner persönlichen Ziele beschränkt.

Der Mensch muss aus dieser Situation folglich das Beste machen. Es gilt das: „Carpe diem“, das „Nutze den Tag“ der alten Philosophen. Es kommt darauf an, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was der römische Philosoph Seneca folgendermaßen beschrieben hat: „Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben; der ganze übrige Teil ist nicht leben, ist bloße Zeit.“

Also müssen wir lernen, aus Zeit Leben zu machen!

Lebenskunst ist vor allem dann erforderlich, wenn alte Ordnungen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Daseinsbedingungen neu und unsicher sind und wenn die Autonomie des Individuums zunimmt.

Drei große Perioden des Lebenskunstdiskurses in der abendländischen Geschichte erfordern besondere Aufmerksamkeit: 

  • Der Beginn des abendländischen Denkens, als – erst in Athen und dann in Rom – Phi-losophie und Lebenskunst weithin zusammen fielen. Die klassischen Autoren der Le-benskunst jener Zeit von den Kynikern bis zu den Epikuräern, von Seneca bis Marc Aurel und Plutarch begegnen uns bis heute in vielen Anthologien und Aphorismen-Sammlungen.
  • Die frühe Neuzeit, das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, gekennzeichnet in vie-lerlei Hinsicht wie die Jetzt-Zeit durch Krise, Umbruch und Aufbruch – und nicht zu-fällig auch durch die Entstehung der Freimaurerei. Viele Autoren dieser Epoche von Montaigne bis Knigge, von Goethe bis Schopenhauer prägen mit ihren Sentenzen zur Lebenskunst bis heute das Nachdenken über Mensch, Moral und Gesellschaft.
  • Schließlich die Gegenwart, die Moderne heute, oder die „andere“ Moderne, wie Wilhelm Schmid sie nennt.

Drei Charakterzüge der Gegenwart, die alle auf große Verunsicherungen hinweisen, möchte ich hervorheben:

  • So bedeutet Moderne heute Veränderungen von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogener, unverbindlicher und flüchtiger werdenden „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross). Wenn alles möglich ist und alles erlaubt, fällt Orientierung schwer.
  • So bedeutet Moderne heute Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), die sich auf unterhaltsame Events und wechselnde Oberflächenreize orientiert. „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman schon vor Jahren eines seiner Bücher genannt. Wenn alles amüsant sein soll, kommt sinnvolles Leben kaum zu stande.
  • Vor allem aber bedeutet Moderne heute eine tiefgehende Umstrukturierung und Neuformierung der Realgesellschaft, geprägt durch die Wandlungen in der Altersstruktur der Gesellschaft, die drohende Desintegration der Generationen, das veränderte Verhältnis der Geschlechter zueinander, das Flüchtlings-, Migrations- und Integrationsproblem, die Umwälzungen in der Arbeitswelt – neuerdings insbesondere durch die ebenso unaufhaltsame wie in ihren Auswirkungen unübersichtliche Digitalisierung, schließlich die veränderten Formen der sozialen Einbindung und Vernetzung der Menschen, im Sinne einer geringeren Bereitschaft zu dauerhafter Bindung an die hergebrachten bürgergesellschaftlichen Gruppierungen (Robert Putnam).

Auch diese Strukturelemente der Gegenwart haben große Bedeutung für das „Problem Lebenskunst“.

Worum geht es einer Lebenskunst, die angesichts all dieser Veränderungen und Verunsicherungen nicht oberflächlich, sondern reflektiert und vernünftig sein will?

Wie schon hervorgehoben, gilt Lebenskunst der Verwirklichung eines gelingenden, erfüllten Lebens mittels einer selbst bestimmten, als sinnvoll empfundenen Lebensführung.
Doch Definitionen bleiben leer, wenn sie nicht gefüllt werden mit Überlegungen, was das nun heißen soll, sinnvoll und selbst bestimmt zu leben.

3 Ich möchte – Wolfgang Kersting folgend – für ein solches Leben vier Prinzipien benennen, über die sich im Kontext Lebenskunst ein gründliches Nachdenken lohnt:

  • das Prinzip von Maß und Mitte,
  • das Prinzip der Balance,
  • das Prinzip der Kommunikation, sowie
  • das Prinzip der Einübung und Habitualisierung.
Erstens: Das Prinzip von Maß und Mitte:

Wie immer wir im Leben fühlen, wahrnehmen oder handeln: ein entweder – oder extremer Positionen ist individuell und sozial unbekömmlich. „Daher kommt es immer auf das richtige Maß an. Zumeist tun wir des Guten zuwenig; zuweilen tun wir aber auch des Guten zuviel. Das Gute, Richtige, Vortreffliche liegt in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Diese Mitte ist freilich schwer zu treffen; das Leben gleicht einer Zielscheibe, bis zum Rand gefüllt mit Möglichkeiten, das Ziel zu verfehlen“ (Wolfgang Kersting). Der Lebenskünstler tritt somit gleichsam als „Lebens-Kunstschütze“ in Erscheinung.

Zweitens: Das Prinzip der Balance:

Das Prinzip der Balance beschreibt ein Organisationsprinzip, das sich auf das Ganze des Lebens und seine wesentlichen Elemente erstreckt. Immer gilt es, vier Großbereiche des menschlichen Interesses auszugleichen und in Balance zu halten.

Da ist zuerst unser Gesundheitsinteresse. Es ist grundlegend, denn wenn unsere Gesundheit schwindet, wenn wir gar krank werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche betroffen. Gesundheit ist sicherlich nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles andere nichts.

Der zweite Interessenbereich umfasst unsere materiellen Interessen, unsere Interessen am Konsum und am Besitz äußerer Dinge. Materielle Lebensgrundlagen sind erforderlich, doch die Jagd nach Besitz kann – wie Karl Marx gesagt hat – die Rolle von „Moses und den Propheten“ einnehmen.

Der dritte Interessenbereich ist der Bereich unserer sozialen Interessen. Wir erstreben nicht nur körperliches Wohlbefinden, wünschen uns nicht nur Besitz und eine sowohl lohnende als auch befriedigende Beschäftigung, wir haben auch soziale Bedürfnisse, wir wollen geliebt und anerkannt werden, wir wollen Gemeinsamkeit mit anderen erleben, wir be­nötigen die anderen, um uns in ihnen zu erkennen, um aus ihrer Wertschätzung Selbstwertgefühl zu gewinnen. Die anderen sind der Spiegel, der uns sichtbar macht, ohne den wir auch für uns selbst unsichtbar bleiben.

Und dann ist da noch das Sinnbedürfnis. Menschen wollen Sinn, manche sind gar süchtig nach Sinn. Sie können von den Warum- und Wozu-Fragen nicht lassen. Sie wollen den Vorhang der Erscheinungen durchstoßen und suchen nach einer tieferen Wirklichkeit, suchen nach metaphysischer Geborgenheit, die über den Tod hinaus dauert.

Lebenskunst bedeutet nun, zwischen den vier genannten Lebensbereichen eine Balance herzustellen, keine Hierarchie, sondern eine gleichsam dynamische Ausgewogenheit!

  • Gesundheit ja – aber keine ständige Sorge um sie, und kein „zum Hypochonder werden“;
  • Besitz ja – aber keine Gier, keine Jagd nach Konsum, und keine Abhängigkeit davon;
  • Menschliche Beziehungen ja – aber keine Dominanz über andere und keine symbiotische Verschmelzung mit ihnen;
  • Orientierung auf Sinn ja – aber kein permanentes Grübeln, das Lebensfreude und Lebensaktivität beeinträchtigt.
Drittens: Das Prinzip der Kommunikation

Lebenskunst bedeutet und erfordert zugleich Beziehungen herzustellen und Umgangsstile zu entwickeln:.

  • Stile des Umgangs mit sich selbst: Selbstrespekt und Selbstfreundschaft, verbunden mit Selbsterkenntnis und Selbstkritik,
  • Stile des Umgangs mit anderen Menschen: Mitmenschlichkeit, tolerantes Verstehen ohne Unterwerfung und Symbiose,
  • Stile des Umgangs mit den Dingen der Welt: Verantwortung übernehmen für Gesell-schaft und Umwelt,
  • Stile des Umgangs mit Transzendenz, was bedeutet im Hinblick auf letzte Fragen Frieden zu finden.
Viertens schließlich: Das Prinzip der Einübung und Habitualisierung

Konzepte und Ratgeber der Lebenskunst, Philosophien der Lebenskunst gar führen nur dann zu einer Praxis des gelingenden, erfüllten Lebens, wenn sie eingeübt, wenn sie habitualisiert werden, wenn Lebenskunst nicht Rhetorik bleibt, wenn sie den Alltag bestimmt.

Das ist gewiss schwierig, denn die Menschen bringen ihr So-Sein mit, ihren eingeschliffenen Habitus, dessen Übereinstimmung mit dem Habitus der Lebenskunst, d.h. einem Habitus, der Lebenskunst möglich macht, rein zufällig wäre.

Folglich ist Einübung erforderlich, Lebenskunst muss verlässlich werden, sie darf nicht bei jedem Hindernis flüchtig sein.

4 Was hat mit alledem nun die Freimaurerei zu tun? Fünf Thesen sollen am Beginn meiner abschließenden Betrachtung hierzu stehen:

  1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung von Lebenskunst verbunden. In diesem Sinne war und ist Freimaurerei eine Königliche Kunst und aufgrund dieser Tradition arbeiten die Freimaurer auch in der Gegenwart an der Umsetzung von Lebenskunst in die Praxis des menschlichen Lebens.
  2. Freimaurer gehen davon aus, dass Lebenskunst scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich auch die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung.
  3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die kleine, überschaubare Gruppe das leistungsfähigste Medium der Einübung von Lebenskunst ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer.
  4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Lebenskunst vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge.
  1. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Praktizierung von Lebenskunst immer wieder scheitern können und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Die Grundlagen des Lebenskunstkonzepts in der Freimaurerei dienen können sind alt. Sie entstammen dem späten 17. und dem 18. Jhdt., der Aufklärungszeit, in die ja auch die Entstehung der Freimaurerei fällt, und sie haben sich im 19. Jahrhundert, der klassischen Zeit des kulturorientierten Bürgertums, voll entfaltet.

Eine besondere Rolle dabei spielen die drei Prinzipien Weisheit, Stärke und Schönheit, die ja auch der Titel meines Vortrags nennt.

Weisheit, Stärke und Schönheit sind für den Freimaurerbund, für die Brüder und für die Schwestern als Gestaltungsprinzipien unverzichtbar, doch Weisheit, Stärke und Schönheit fallen uns nicht zu, sie müssen erarbeitet und verinnerlicht werden.

Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Demut, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.

Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.

Altmeister Goethe brauchte ein paar Verse mehr, wenn er seinen Helden im „Faust“ reflektieren lässt: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte steh’n: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat Und schreibe nun getrost: Im Anfang war die Tat.“

Sinn ist gut, aber er läuft ins Leere ohne Kraft, ohne Tat, ohne Stärke.

Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungsprinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinische Dimension, von der Schönheit der Symbole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüber reicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst” erst vollendet.

Weisheit, Stärke und Schönheit – über alle drei muss immer wieder nachgedacht werden, zumal ja die Freimaurerei mit ihren drei Prinzipien durchaus ihre Probleme hat und die Praxis der Brüder und Logen stets darauf ausgerichtet werden muss, Weisheit vor Worthülsen und Plattitüden zu bewahren, Stärke nicht in Kraftmeierei und verbale Kraftakte ausarten zu lassen und Schönheit vor Hässlichkeit im Umgang miteinander zu bewahren.

5 Wenn wir nach Quellen fragen, so lassen die historischen Texte, die Rituale und nicht zu letzt auch die Freimaurer-Lieder den Bezug zur Lebenskunst klar erkennen.

Ein paar Beispiele dazu:

Schon die erste Programmurkunde der modernen Freimaurerei in England, die „Alten Pflichten“ von 1723, verbinden auf eindrucksvolle Weise die Proklamierung von Werten einer gleichsam höchsten Wertebene, wie die Verpflichtung des Maurers auf die Befolgung des Sittengesetzes, mit dem Einfordern wichtiger Alltagstugenden, die im Umgang des Freimaurers mit seinen Brüdern und Mitmenschen zu befolgen sind. So heißt es klar und deutlich: „Alle Maurer sollen an den Arbeitstagen rechtschaffen arbeiten, damit sie an den Feiertagen in Ehren leben können“. Oder (für die Zeit nach Schließung der Loge): „Ihr könnt noch in harmloser Fröhlichkeit zusammenbleiben, einander bewirten, wie es eure Verhältnisse euch gestatten, sollt dabei aber jedes Übermaß vermeiden. Ihr sollt keinen Bruder dazu verleiten, mehr zu essen oder zu trinken, als er verträgt, ihn auch nicht daran hindern, zu gehen, wenn Verpflichtungen ihn rufen.“

„Über den Umgang mit Menschen“ hat dann auch der Freimaurer Adolph Freiherr Knigge eines der schönsten und bis heute anregendsten, wenn auch leider oft trivial missverstandenen Bücher zur Lebenskunst einer Alltagsethik genannt.

Das Ritual greift diese Einstellungen auf. Ich zitiere aus dem Ritual der Großloge der Ancients von ca. 1750, das folgendes Zwiegespräch zwischen dem Meister vom Stuhl und dem 2. Aufseher enthält:

Meister vom Stuhl: Und was geschah nach der Aufnahme mit euch?

Zweiter Aufseher: Ich wurde zur Rechten des Meisters gesetzt, und er zeigte mir die Werkzeuge des Lehrlings.

Meister vom Stuhl: Welche sind diese?

Zweiter Aufseher: Das Winkelmaß, um meine Arbeit rechtwinklig zumachen; der Zollstock, um sie einzuteilen, und der Spitzhammer, um alles Überflüssige abzuhauen, um das Winkelmaß gehörig gebrauchen zu können.

Vielleicht erinnert dies an das, was ich zum Prinzip des „Maßes und der Mitte“ gesagt habe. Im Grunde genommen sind alle wesentlichen freimaurerischen Symbole nichts anderes als Symbole der Lebenskunst. Ihr Erleben im Ritual und ihre Reflexion sind es, was die Freimaurerei zur Schule der Lebenskunst werden lässt.

Im Grunde sind alle freimaurerischen Symbole Sinnzeichen der Lebenskunst: der rechte Winkel als Zeichen richtigen, gerechten Handelns, der Zollstock als Anmahnung sinnvoller Zeiteinteilung, der Hammer als Symbol produktiven Schaffens, Zirkel und Kette als erlebter Auftrag zur Brüderlichkeit.

Auf gleiche Weise verdeutlichen die freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters die Chance, die Fähigkeit zu erwerben, besser mit dem Leben umzugehen. Nicht in dem Sinne, dass irgendeiner von uns Meisterschaft für sich beanspruchen könnte, wohl aber als Erfahrung der inneren Wei­terentwicklung, der Selbstverwirklichung, des „Werde, der Du bist“.

Auch die Texte der Lieder, die die Freimaurer schon im 18. Jahrhundert sangen, verweisen auf die enge Beziehung zur Lebenskunst.

Ich zitiere zwei Beispiele aus einem Liederbuch der Zeit um 1780.

Lebensregeln

Was alte Weise uns gelehrt,
Das lehrt der Maurer auch:
Er kennt der Dinge wahren Werth,
Und nützlichsten Gebrauch.

Er meidet Geitz und Ueberfluss,
Nicht Triebe der Natur;
Und folgt im würdigen Genuss
Dem klugen Epikur.

Kein Geiz, kein Überfluss, Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, würdiger Genuss: hier scheinen sie alle auf, die erörterten Prinzipien der Lebenskunst.

Zur Eröffnung der Loge

Hinweg, der Stolze; o sein Flügel
Schmilzt plötzlich wie der Ikarus!
Hinweg, der Eitle; den kein Riegel
Begränzt als nur sein Ueberdruss!
Wer ist’s, den unser Orden liebt?
Der Weisheit, Kunst und Tugend übt.

Kunst meint „Königliche Kunst“, die Weisheit, Stärke und Schönheit vereint und das Konzept der Lebenskunst bestimmt.

Dieser Anregung zur Aneignung von Lebenskunst folgen wir auch heute, wenn wir das schöne alte Frühlingsfest der nordhessischen und südniedersächsischen Logen miteinander feiern. Lange bevor ich Freimaurer wurde, kannte ich dieses Fest und erlebte die heitere Stimmung, mit der meine Eltern daran teilnahmen. Und wenn ich nach vielen Jahren Freimaurerei Bilanz ziehe und mich frage, was ich nicht missen möchte an meiner maurerischen Erfahrung, so ist es nicht zuletzt diese heiter-gesellige Lebenskultur, die von unserem alten Bunde ausgeht.

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Wie viel Politik verträgt die Freimaurerei?

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Wir leben in einer Zeit, in der die Zunahme an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Gehässigkeit spürbar ist. In einer Zeit der Überflutung von Informationen, ob wahr oder unwahr. In einer Zeit, wo Staatsmänner sich über den größeren Atomknopf öffentlich austauschen. Zeichen, die nichts Gutes verheißen.

Ein Kommentar von Ralph Meixner

Wofür steht die Freimaurerei im Jahr 1 nach 300 Jahren Freimaurer-Geschichte? Wofür stehe ich persönlich als Freimaurer? So oder ähnlich könnte die persönliche Fragestellung in diesen bewegten Zeiten lauten. “Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel des Tempelbaus”. Diese Ideale unserer Metaphern allein werden leider nichts verändern, solange keine Interaktion stattfindet.

Mir ist bekannt, dass wir auf unserem Lebensweg viel Disharmonie und vielen Dingen begegnen, die zu erklären wir nicht im Stande sind. Und obwohl wir alle die Freimaurerei zu unserer geistigen Anschauung gewählt haben, können wir nicht automatisch erwarten, dass unser Ziel, das Licht in der Finsternis zu finden, immer gelingen wird. Besser gesagt: wir werden nicht immer die Antworten auf die vielen Fragen unserer Zeit haben.

Schon bei unserer Aufnahme, durchlebten wir in den symbolischen Reisen alle Elemente, die seither auf unseren Geist einwirken sollen. Wir sind als Freimaurer berufen, der Finsternis in uns selbst und der Finsternis der Welt ernst und tapfer die Stirn zu bieten. Je ernster wir diese Aufgabe auffassen, umso größer und schöner werden die Erfolge sein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass große Standhaftigkeit vonnöten ist, um trotz aller Schwierigkeiten und Bitternisse, die uns das Leben beschert, beständig unseren eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können.

Die Aufklärung hat uns die Freiheit gebracht. Sie hat uns aber nicht gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Das müssen wir täglich selbst herausfinden. Freiheit muss immer wieder erworben werden, sie ist nicht selbstverständlich. Es müssen vielmehr Bedingungen geschaffen werden, die Freiheit möglich machen. Das erfordert Engagement und Entschlossenheit, spätestens dann, wenn die Freiheit in Gefahr gerät.

Wir erleben eine Zeit des Umbruchs, eine Zeitenwende: Die gewohnten Strukturen beginnen zu bröckeln und die neuen sind noch nicht wirklich sichtbar. In dieser Zeit des tiefgründigen Wandels stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Freimaurerei leisten kann und welche Bedeutung sie in der Zukunft haben wird, vielleicht sogar die Frage, ob sie überhaupt eine Zukunft hat? Die Zeit des Übergangs ist immer mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Spannung verbunden. Sie beinhaltet aber auch die Chance der Neujustierung und der Rückbesinnung auf das Wesentliche. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie können wir in unserer Logenarbeit den Fragen der Welt begegnen, wo doch Politik und Religion nicht Gegenstand unserer Gespräche sind? Ich bin bei euch, diese Gespräche nicht zu führen, wenn es um Diskussionen einzelner Parteiprogramme geht. Kann Freimaurerei aber unpolitisch sein? Haben wir dann nicht schon aufgehört, in die Gesellschaft mit unseren Werten und Idealen zu wirken? Ich denke, wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wenn wir das nicht tun, verschließen wir die Augen vor den großen Problemen dieser Welt. Und das wiederum widerspricht unserem gewollten Handeln, unseren Idealen.

Wir spüren, dass etwas in der Luft liegt, das noch nicht greifbar ist, oder wie Ernst Bloch es nannte, das “Noch-Nicht-Bewusste” oder das “Noch-Nicht-Gewordene”. Das ist für eine Zeitenwende typisch, in der die alte Gesellschaft vergeht und eine neue heraufkommt, aber noch nicht wirklich da ist. Das Solide, Bekannte, Vertraute ist in Frage gestellt, ein Anderes drängt dagegen an und liegt, wie Bloch es nannte, “in der Zeiten Schoß”.

Unser Deutschland ist ein Land, das einen wahrlich weiten Weg zurückgelegt hat: Vom entfesselten Nationalismus, der Krieg und Verwüstung über Europa brachte, von einer geteilten Nation im Kalten Krieg hin zu einem demokratischen und starkem Land in der Mitte Europas. Unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freiheit mit unseren europäischen Nachbarn bleiben – es darf nie wieder ein Rückweg in den Nationalismus sein!

Wenn wir uns unserer Geschichte unseres Landes erinnern, so bemerken wir in der Gegenwart, das andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen, aber Mauern, die unserem gemeinsamen „Wir“ im Wege stehen. Dabei sind Mauern zwischen unseren Lebenswelten entstanden: zwischen Stadt und Land, Online und Offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas wahrnimmt. Und ich meine auch die Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut, die bei manchen so fest geworden sind, dass Argumente der Humanität nicht mehr hindurchdringen.

Hinter diesen Mauern ist tiefes Misstrauen.

Deshalb haben wir Freimaurer die Pflicht, in unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen diesem Misstrauen mit einer ehrlichen Erinnerungskultur zu begegnen. Ein Land, das in seinem Grundgesetz so hohe Güter wie das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit verankert hat, kann Heimat für viele Menschen sein, die aus Elend und Not flüchten müssen.

Argumente statt Empörung brauchen wir, auch gerade bei dem Thema, das unser Land in den letzten zwei Jahren so bewegt hat wir kein anderes: Flucht und Migration. Dieses Thema spaltet unsere Gesellschaft wie kein anderes. Was für die einen kategorischer „humanitärer imperativ“ ist, wird von anderen als angeblicher „Verrat am eigenen Volk“ beschimpft. Menschlichkeit, also das Leid anderer zu sehen und zu erkennen und situationsbedingt Hilfe zu leisten, steht hinter diesem Begriff..

Die Not von Menschen darf uns Freimaurern niemals gleichgültig sein. Wie lautet es in unserem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer, wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst“. Dies alleine sollte Auftrag genug für jeden von uns sein.

Und wenn da jemand sagt „ ich fühle mich fremd im eigenen Land“, dann können wir nicht antworten: “Tja, die Zeiten haben sich halt geändert“ und wenn einer sagt: „ Ich verstehe mein Land nicht mehr“, dann gibt es etwas zu tun in unserem Land. Dann ist eine gute Erinnerungskultur gefragt. Denn bei allen Diskussionen, bei allen Unterschieden – eines ist nicht wegzudiskutieren in unserer deutschen Demokratie: das Bekenntnis zu unserer Geschichte, einer Geschichte, die für nachwachsende Generationen zwar nicht persönliche Schuld, aber bleibende Verantwortung bedeutet. Die Lehren zweier Weltkriege, die Lehren aus dem Holocaust, die Absage an jedes völkische Denken, an Rassismus und Antisemitismus, all das gehört zu Deutschland.

Wenn dieses bewusste Erinnern gelebt wird, dann werden viele wieder verstehen. Denn verstehen und verstanden werden, das will jeder, und das braucht jeder, um sein Leben selbstbewusst zu führen. Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im schnellen Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden, da es keine verbindlichen Aussagen mehr zu geben scheint. Das wiederum gibt Raum für Ängste. Und Angst ist und war nie ein guter Berater. Deshalb glaube ich, dass Heimat in eine gute Zukunft weist, jedoch nicht in die Vergangenheit. Heimat ist ein Ort, den wir als Gesellschaft gemeinsam schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das „Wir“ Bedeutung bekommt.

Das „Wir“ muss bleiben – und das wird bleiben! Das wird bleiben, weil es nicht die Besserwisser und Meckerer sind, nicht die ewig Empörten und nicht die, die ihre tägliche Wut auf alles und jeden pflegen. Nicht diese Menschen prägen unser Land. Nein, was mich zuversichtlich macht, sind die Menschen, die den humanitären Imperativ leben und dabei anpacken, die sich für das Gelingen und den Gemeinsinn in unserem Land täglich einsetzen, denn die humanistische Idee, ist die des Strebens nach einer menschlichen und menschenwürdigen Welt, die alleine nur der Mensch schaffen kann.

Leider steht der Mensch sich dabei oft selbst im Wege. Deshalb arbeiten wir Freimaurer am rauen Stein, an uns selbst, versuchen zu verstehen und sich der ethischen Verantwortung, die wir als gestaltende Wesen haben, zu vergewissern. Aus dieser Haltung heraus sollten wir handeln und das, was wir tun, voll verantworten. Ohne Rückbindung an Werte wird der Mensch einer Zweckrationalität preisgegeben, die ihn entmenschlicht. Ohne verantwortungsvolles Handeln verkommt Gesinnung zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.

Wir können aus unserer Haltung Impulse geben, können Haltung zeigen. In unseren Logen können wir einen Ort des freien Denkens, der kritischen Auseinandersetzung und eine von Respekt, ehrlichem Interesse und gegenseitigem Verständnis getragene Diskurskultur schaffen.

Die Utopie des Humanismus, ist weder an einem anderen Ort noch in ferner Zukunft zu suchen. Sie ist konkret und real als unsere innere Utopie, denn der Ort und die Zeit der Erfüllung liegen in uns selbst. Die bessere Welt liegt im Potential der Menschlichkeit. Es gibt Menschen, die Tag für Tag in Ehrenämtern Humanität leben und spüren lassen und dadurch das „Wir“ im freimaurerischen Sinne prägen, ob mit oder ohne Freimaurer-Schurz.

Treten wir für unsere Werte ein, handeln und wirken wir, wo auch immer wir für Menschen aktiv sind und sein wollen, um auch ein Teil dieses „Wir“ zu sein.

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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Freimaurerische Leitkultur?

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Wir brauchen keine deutsche Leitkultur, wie immer ich den Begriff “Deutsch” in diesem Zusammenhang definieren mag. Aus freimaurerischer Sicht ist der Grundrechtskatalog des Grundgesetzes, wenn er denn in gleicher Weise als Anspruch und als Auftrag verstanden wird, eine angemessene und letztlich auch europäische Leitkultur.

Ein Kommentar von Br. Wolfhardt Thiel aus der Loge “Friede und Freiheit”, Karlsruhe

Ausgangspunkt der Überlegungen muss sein: Was ist eine Leitkultur?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière führte in einem Diskussionsbeitrag in Bild am Sonntag am 01.05.2017 aus: „Es gibt so etwas wie eine ‘Leitkultur für Deutschland’. Manche stoßen sich schon an dem Begriff der ‘Leitkultur’. Das hat zu tun mit einer Debatte vor vielen Jahren. Man kann das auch anders formulieren. Zum Beispiel so: Über Sprache, Verfassung und Achtung der Grundrechte hinaus gibt es etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

In Art 1 Satz 2 Bayerisches Integrationsgesetz ist zu lesen: „Es ist Ziel dieses Gesetz, diesen Menschen für die Zeit ihres Aufenthalts Hilfe und Unterstützung anzubieten, um ihnen das Leben in dem ihnen zunächst fremden und unbekannten Land zu erleichtern (Integrationsförderung), sie aber zugleich auf die im Rahmen ihres Gastrechts unabdingbare Achtung der Leitkultur zu verpflichten und dazu eigene Integrationsanstrengungen abzuverlangen (Integrationspflicht).“

Es gibt also so etwas wie eine deutsche Leitkultur? Auf welchen Begriff des Deutschen bezieht sich das? Nationale Leitkultur, auf welche Nation bezieht sich das? Dazu de Mazière: „etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

Allein der Verweis aufs christlich-abendländische Erbe ist zu wenig. Außerdem könnte das auch keine typisch deutsche Leitkultur begründen. Was – außer der Sprache – unterscheidet uns von den Österreichern oder den Wallonen? Was ist überhaupt gemeint, wenn ich als Deutscher von meiner Nation spreche?  – Die politische Rechte behauptet: Die deutsche Nation besteht seit Karl dem Großen. Jedenfalls unsere französischen Nachbarn dürften anderer Meinung sein. – Das heilige römische Reich deutscher Nation? Das würde beispielsweise Österreich, Niederlande und Teile Italiens einschließen. Als Staatenbund war das heilige römische Reich deutscher Nation eher mit EU vergleichbar. Es war kein Bundesstaat und begründete damit auch keine deutsche Nation. – Ein gewisses Nationalgefühl entstand in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, auch wenn es sehr unterschiedliche und wechselnde Bündnisse gab. Es war überdies eher ein Krieg Preußens, als ein Aufstand einer deutschen Nation. Auch hier können wir nicht von einer einheitlichen deutschen Nation sprechen. – 1848 ging es mehr um politische Freiheiten, als um einen einheitlichen Begriff einer deutschen Nation. Man ging auf die Barrikaden vorrangig für die Freiheit im eigenen Territorialstaat wie zum Beispiel Baden und nicht für eine deutsche Nation. – Formale Reichsgründung 1871. Der Reichsgründung voraus ging der Streit um die großdeutsche oder kleindeutsche Lösung. Das gegründete Reich war stark preußisch dominiert und geprägt. Gleichwohl wird man hier erstmals von einem deutschen Staat sprechen können. Das Bayerisches Integrationsgesetz erkennt dieses Problem eines Begriffs der deutschen Nation, ohne es allerdings zu lösen. Überdies hatte gerade Bayern sich stets mehr als eigenen Staat oder eigene Nation denn als Teil einer deutschen Nation begriffen.

Die Präambel des Integrationsgesetzes hebt deshalb das gesamteuropäische Erbe hervor und führt in den Sätzen 11 und 12 aus: „Das lange geschichtliche Ringen unserer Nation und unseres ganzen Kontinents um Einheit, Frieden und Freiheit verpflichtet auf das errungene gesamteuropäische Erbe und das Ziel eines gemeinsamen europäischen Weges. Diese identitätsbildende Prägung unseres Landes (Leitkultur) im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung zu wahren und zu schützen ist Zweck dieses Gesetzes.“

Es gibt also vielleicht eine europäische, aber keine deutsche Leitkultur?

Die 10 Punkte de Mazières für eine Leitkultur enthalten eigentlich nichts, was sich nicht auch auf andere westlich geprägte Nationen und damit jedenfalls auf Kerneuropa übertragen lässt. Insofern handelt es sich nicht wirklich um eine deutsche Leitkultur. Die Aussage „Wir sind nicht Burka“ trägt eigentlich auch nicht zur Klärung bei. Ebenso nicht die Wahlaussage der AfD, „Wir wollen Bikini und nicht Burka“.
Jürgen Habermas hat dem Minister geantwortet: “Eine liberale Auslegung des Grundgesetzes ist mit der Propagierung einer deutschen Leitkultur unvereinbar. Eine liberale Verfassung verlangt nämlich die Differenzierung der im Lande tradierten Mehrheitskultur von einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen und zugemuteten politischen Kultur. Deren Kern ist die Verfassung selbst.”

Es wird immer wieder behauptet, das Grundgesetz könne keine Leitkultur vermitteln. Vorrangig werden folgende Einwände erhoben: 1. Das Grundgesetz ist vom 23. Mai 1949. Es treffe Wertentscheidungen, die nach dem Wortlaut jedenfalls nicht die heutigen seien. Die Wertentscheidungen des Grundgesetzes müssen natürlich im Lichte der jeweiligen Auslegung nicht zuletzt durch dasBundesverfassungsgericht gesehen werden. Das Verständnis der Gleichberechtigung der Geschlechter ist zum Beispiel heute sicherlich ein anderes als 1949. In besonderer Weise wird dies an der neueren Entscheidung zur gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft deutlich. 2. Der kulturelle Gehalt der Verfassung sei begrenzt. Das Grundgesetz regele in weiten Bereichen die Staatsorganisation und das habe mit der Diskussion um eine Leitkultur nichts zu tun. Natürlich reden wir hier nicht über die Vorschriften der Staatsorganisation, sondern es geht um die Grundrechte der Art. 1 bis 17 GG.

Die Grundrechte geben den Bürgern Freiräume – sie sind keine oder jedenfalls nicht in erster Linie begrenzenden Vorschriften. Sie zeigen nur dort Grenzen auf, wo die Rechte anderer unberechtigt eingeengt würden. Unsere Verfassung normiert fundamentale politische Werte der Aufklärung: Menschenwürde, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Diese Werte werden im Grundgesetz zur Grundlage der staatlichen Organisation erklärt. Die Tätigkeiten der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung sollen demokratisch und rechtsstaatlich ausgeübt werden. Der Staat muss die Menschenwürde achten und schützen und darf Grundrechte nicht verletzen. Welche Kleidung die Menschen tragen, welchen Bräuchen sie folgen, was sie als lebenswert ansehen, woran sie sich erinnern, was sie über das Jenseits denken, dies alles zu regeln verbietet die Verfassung gerade dem Staat. Denn die Grundrechte garantieren den Bürgern hierfür die entsprechenden Freiräume. Die Aussage der Verfassung zu den Grundrechten lässt sich vereinfachend zusammenfassen. Die Grundrechte postulieren eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit.

Damit bin ich eigentlich bei der Frage, was hat das denn mit Freimaurerei zu tun?

Eine Geisteshaltung, deren Basis Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit! Freimaurerisch gesprochen bin ich damit bei der Brüderlichkeit. Die Grundzüge des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats – so wie ihn unser Grundgesetz definiert – decken sich mit den freimaurerischen Idealen. Das soll nicht heißen, dass wir in einem freimaurerischen Staat leben. Aber die ideellen Parallelen sind auffallend. Die durch die Grundrechte geschaffenen Freiräume machen einen freimaurerischen Lebensstil erst möglich. Umgekehrt: Gäbe es diese Freiräume nicht, müsste der Freimaurer sie fordern.

Für den Freimaurer gilt, diese Freiräume zu nutzen, sie aber auch in aller Entschiedenheit zu verteidigen. Gegenüber denen, die sie beschränken wollen und zugleich auch gegenüber denen, die sie missbrauchen. Hierin sehe ich eine geeignete Leitkultur. Diese Leitkultur eröffnet mir die Möglichkeit der Suche nach Frieden, Gleichheit und Freiheit. Das mag sehr idealistisch sein, aber dass ich das Fantastische denken darf, gehört eben auch zu dieser Leitkultur und zur Freimaurerei.

Eine so verstandene Leitkultur verleiht jedoch nicht nur Rechte, sondern legt auch Pflichten auf. Das Machbare des Denkbaren muss ich auch tun. Gleichzeitig bin ich verpflichtet, diese Freiräume, diesen Lebensstil, diese Leitkultur mit allen mir möglichen Mitteln zu verteidigen.

Freimaurer zu sein bedeutet nicht nur Kontemplation oder Selbstbespiegelung. Es ist zugleich Anspruch und Verpflichtung. Wenn ich den Grundrechtekatalog unseres Grundgesetzes als Ausdruck freimaurerischer Werte definiere, folgt hieraus für den Freimaurer in besonderer Weise die Pflicht, danach zu leben und diese Werte im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verteidigen. Wenn missbilligte Politiker „entsorgt“ werden sollen, bei menschengefährdender Brandstiftung Beifall geklatscht wird, bei Demonstrationen symbolische Galgen für anders denkende Menschen oder Politiker mitgeführt werden, die Abschaffung bzw. das Verbot der sogenannten oder angeblichen “Lügenpresse” gefordert wird – dann ist der Freimaurer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen. Niemand verlangt, dass er sich oder seine Familie gefährdet. Aber einfaches Schwei-gen, das dann auch noch als Zustimmung missverstanden wird, kann es nicht sein. „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst.“

„Seid wachsam auf Euch selbst.“ Das ist die Verpflichtung! Bekämpft den inneren Schweinehund! Steht auf und wehrt Euch!

Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge, der Redaktion oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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Gedanken zum Thema “Sinnlosigkeit”

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Wir leben in einer nihilistischen Gesellschaft. Diese These lässt sich daran festmachen, dass ethische, moralische Werte bedenkenlos missachtet werden, behauptet der Autor dieses Beitrages.

Von Wolfgang Fritze

Es gehört zur Freiheit und dem Zeitgeist Tabus zu brechen, Menschen zur Unterhaltung der Spaßgesellschaft ihre Würde zu nehmen. Respekt, Achtung und Menschenwürde, ja auch Höflichkeit und Anstand werden als altmodisch, ja konservativ diffamiert und mit Füssen getreten. Egoismus, Selbstsucht mit Rücksichtlosigkeit sind sichtbare Zeichen in Wirtschaft und unserer nihilistischen Gesellschaft.

Der Begriff Nihilismus (lat. nihil „nichts“) bezeichnet allgemein eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung basiert. Er wurde in der abendländischen Geschichte auch polemisch verwendet, so etwa für die Ablehnung von Kirche und Religion.

Die Gesellschaft lebt nicht in Harmonie, sondern ist auf Funktionalität angelegt. Unsere Medien zelebrieren das Unharmonische, Führungskräfte denken überwiegend in  Funktionalität, aber nicht auf Harmonie. Schneller-Höher-Weiter, jedes Mittel scheint recht zu sein, auch die Überschreitung von moralischen Grenzen. Mit der bedenkenlosen Missachtung jeglicher Wertordnung, ist eine gewisse Sinnlosigkeit, eine innere Leere  entstanden, die versucht wird mit immer mehr Karrieredenken, Vergnügen, Konsum und die Gier nach mehr zu füllen. Den Verlockungen und Verführungen erlegen, fühlen sich die Menschen im Netz der Manipulationen wohl, ohne zu erkennen, dass sie ihre Selbstbestimmung verlieren.

Das Kennzeichen dieses nachmodernen Nihilismus ist der „geheimnisleere“ Mensch, „der immer unfähiger wird zu trauern und unfähig darum, sich trösten zu lassen; immer unfähiger sich zu erinnern und darum manipulierbarer ist als je; glücklich am Ende nur im Sinne eines sehnsuchts- und leidfreien Glücks, das heißt aber eines wunschlosen Unglücks“. Dieses wunschlose Unglück drückt den Menschen unserer Tage unter sein eigenes humanes Niveau, wenn das Bedürfnis zu haben die Sehnsucht erstickt, die den Menschen erst zum Menschen macht. Dieser Sehnsucht entspricht bei Meister Eckhart das „Verlangen nach Sein“

Dr. Thomas Polednitschek, Psychologe und Psychotherapeut

Mit der Missachtung jeglicher Wertordnung, Sinnlosigkeit und immer mehr Vergnügen und Konsum, lässt sich aber die Sehnsucht, das „Verlangen nach Sein“, das den Menschen erst zum Menschen macht, nicht unterdrücken. Das dahingleiten im scheinbaren Glück, ist scheinbar selbstbestimmt, aber in Wahrheit nur ein hilfloses herum rudern im belanglosen Vergnügen und kann das Gefühl der inneren Leere nicht füllen. Das Gefühl der Unzufriedenheit, des Unglücklichseins ist jedoch latent immer vorhanden. In uns ist etwas, was die Sinnlosigkeit und die Leere erkennt und sich wehrt, es ist das „Verlangen nach Sein“. Diesem Verlangen können wir nicht entkommen. 

Was ist das „Sein“ nach welchem wir verlangen? Ist alles sinnlos?

Es ist der reine Geist, der unser Universum erschaffen hat und sich in jedem seiner Teile manifestiert. Jetzt wird mancher die Stirn runzeln und zweifeln, aber mit logischem Nachdenken, muss man davon ausgehen, dass dieser reine Geist existiert. Dass sich unser Universum aus einem einzigen Moment entfaltet hat, ist Stand der Kosmologie. Im Weiteren existieren mathematisch nachvollziehbare Zusammenhänge und Abläufe, was eine Ordnung zeigt. Diese Ordnung könnte nicht funktionieren, wenn der Geist sie nicht schaffen würde.

Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg stellte sinngemäß fest: Da eine mathematische Struktur letzten Endes ein geistiger Inhalt ist, könnte man auch mit den Worten von Goethes Faust sagen: „Am Anfang war der Sinn“.

Der Sinn, der Geist, ist in allen Teilen enthalten und steuert alle Teile die miteinander agieren. Betrachten wir unsere Natur. Alles ist in Wechselwirkung, alles folgt einer gewissen Logik, alles ist in sich harmonisch. Das kann nur funktionieren, wenn ein ordnender Geist in allen Teilen vorhanden ist, und so muss dieser Geist auch in jeder Zelle des Menschen vorhanden sein und wirken.

Uns Freimaurern wird gesagt: „Vergessen Sie nicht, dass Ihr Körper Wohnsitz und Werkzeug eines unsterblichen Geistes ist“. Über das Wesen des reinen Geistes lässt sich nichts aussagen und auch nichts über seine Absichten und Ziele, – es ist das Geheimnis. Die monotheistischen Religionen bezeichnen dieses Geheimnis mit Begriffen wie, Gott, Jehova oder Allah; aber mit einer Personalisierung, mit einem „Ich“ ist zwangsläufig die Zuordnung von Eigenschaften verbunden: z. B. liebend, rächend, strafend. Doch in diesen Religionen wird explizit ausgedrückt: Mach Dir kein Bild von Gott. Das bedeutet nicht nur auf bildliche Darstellungen zu verzichten, sondern insbesondere sollen wir uns auch keine Vorstellungen von Gott auch nur ausdenken.

Meister Eckhart sagt dazu:

Es zielt (…) auf die Unaussprechlichkeit Gottes, dass Gott unnennbar ist und über alle Benennungen hinaus in der Lauterkeit seines Grundes, wo Gott keine Benennung noch Aussage zu haben vermag, wo er für alle Kreaturen unaussprechlich und unaussagbar ist. Zum andern will es besagen, dass (auch) die Seele unaussprechbar und ohne (adäquate) Benennung (= wortlos) ist; wo sie sich in ihrem eigenen Grunde erfasst, da ist sie unaussprechlich und unaussagbar und kann dort keine Benennung haben, denn dort ist sie über alle Benennungen und über alle Aussagen (erhaben). Dies ist gemeint, wenn das Wort „Gott“ (Ich) verschwiegen wird, denn sie findet dort weder Benennung noch Aussage. Das dritte (…), dass Gott und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, wodurch er von der Seele getrennt oder irgendetwas anderes wäre, so dass er etwas anderes wäre gegenüber der Seele. Denn wenn er „Gott (Ich) gesagt hätte, so hätte er (eben dadurch) etwas anderes gegenüber der Seele gemeint. Aus diesem Grunde verschweigt man den Namen Gott (Ich), weil er und die Seele so völlig eins sind, dass Gott nichts Eigenes haben kann, so dass weder etwas noch nichts von Gott ausgesagt werden kann, das Unterschiedenheit oder Andersheit aufweisen könnte.

Zu seinem Unglück sieht der Mensch „Gott“ als außerhalb von sich. Aber wir Menschen sind nicht getrennt von einem höheren Sinn, sondern wir befinden uns im höheren Sinn, der ein namenloses Geheimnis ist. Das ist für Menschen mit seiner eigenen Geisteskraft und eigenem Willen natürlich schwer zu begreifen und zu akzeptieren. Das ist aber so, ob uns das gefällt, oder nicht. Die fatalistische Weltanschauung, dass alles unabänderlich bestimmt ist, bedeutet aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien sinnlos. Denn im Plan des Schöpfergeistes ist der Mensch mit eigenem Geist und Willen ausgestattet, und das muss einen Sinn haben.

Mit seinen Fähigkeiten ist der Mensch Werkzeug und Diener des einen Geistes, – er soll gestalten. Der Mensch ist in der Verantwortung, sich in die höchste Ordnung, in die höchste Harmonie einzufügen, dass er durch Zusammenfügen aller, auch gegensätzlicher Teile einen Sinn und eine Wertbezogenheit erkennen kann. Das ist die (Selbst-) Bestimmung und die Aufgabe des Menschen, der wahre Sinn im Urgrund seines Seins im Leben.

Das Dahingleiten im scheinbaren Glück kann auf Dauer diese Urgewalt des Geistes nicht unterdrücken. Doch die akzeptablen Antworten nach dem Sinn des eigenen Lebens können wir nicht im Außen finden. Richtlinien, gutgemeinte Angebote und gute Ratschläge mögen vielleicht hilfreich sein, aber passen niemals exakt auf unseren unbekannten, im Urgrund befindlichen Sinn. Diese äußeren Impulse müssen wir abwägen, kontrollieren, ob sie mit unserem Inneren kompatibel und sinnvoll sind. Das bedingt ein hohes Maß an Selbstkritik, das Erkennen unserer Gefühle und die Gründe unseres Handelns. Das Integrieren von Widersprüchen, Synthese in unserem Sein zu schaffen (und zu leben), das ist das, was wir Freimaurer unter „Königlicher Kunst“ verstehen. Stück für Stück stärken wir den wahren Kern unserer Existenz und entdecken ganz nebenbei den Sinn unseres Lebens.

Das ist eine lebenslange Aufgabe. Dabei wachsen wir kaum bemerkbar aus unserem Inneren heraus und wir entwickeln ein Selbst-Verständnis. Je näher wir dem Sinn unseres Lebens kommen, werden wir immer selbstbestimmter und lassen uns weniger manipulieren. Wir beginnen alles was uns beeinflusst danach zu sortieren, ob es tatsächlich zu uns gehört oder nicht. So entsteht eine innere Harmonie, wir werden verantwortungsbewusster. Nicht nur uns selbst gegenüber, sondern dieses Selbst-Bewusstsein strahlt auch in unsere Umgebung. Das ist das stille Wirken eines Freimaurers und hat nichts mit Missionierung zu tun, sondern im Vorleben eines Selbst-Bewusstseins. Aus der individuellen Sinngebung entwickelt sich eine kollektive Sinngebung. Indem wir die äußeren Einflüsse sortieren, beeinflussen wir nämlich unsere Umwelt, so tragen wir mit unserer inneren Harmonie zur unserer Harmonisierung der Gesellschaft bei.

Schneller-Höher-Weiter, die Gesellschaft, und jeder von uns ist Teil davon, jagt wie im Wahn nach Glückseligkeit und meint diese im ungehemmten Konsum zu finden. Aber Glückseligkeit wird mit Spaß verwechselt, der immer mehr nach Spaß verlangt. Wir lassen uns nur zu leicht durch Statussymbole täuschen welche uns Werte vorspiegeln. Unmerklich hat uns die Gier erfasst. Diese scheinbare Realität nimmt uns die Urteilsfähigkeit, wir fragen nicht mehr nach Sinn- und Zweckmäßigkeit. Früher oder später, manchmal auch nie, beginnen wir langsam die Sinnlosigkeit unseres Handelns zu spüren und eine Rückbesinnung setzt ein, kurz, wir machen uns auf die Suche nach dem Sinn. Es tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich? Was will ich? Wie handle ich? Wohin gehe ich?

Wir kommen dabei nicht an altmodischen, konservativen Werten vorbei wie Moral, Anstand, Sitte und Tugend, die aber, wie die Geschichte zeigt, immer Stabilität und Sicherheit vermittelt haben. Und das nicht nur dem Einzelnen, sondern einer Gesellschaft insgesamt. Diese alten Werte sind also nicht alt, sondern zeitlos aktuell. Natürlich ist man mit der Zuwendung zu diesen Werten im gesellschaftlichen Wahn eine Minderheit, aber wo können wir am ehesten mentale Stabilität erreichen? – Nur in uns selbst.

Also vordringlich ist nicht die Gesellschaft zu missionieren, sondern wir sind am effektivsten, wenn wir mit uns selbst beginnen. Das ist die „Arbeit am rauhen Stein“. Es ist die Rückkehr zu unserem Selbst, welches von Anfang an in uns verankert ist.

Die Loge bietet dazu ein Forum, wo generationsübergreifend in brüderlicher Form Erfahrungen ausgetauscht werden. Dieses können durchaus gegensätzliche Meinungen und Standpunkte sein, aber es geht nur darum, andere Sichtweisen kennen zu lernen und nicht die eigene Überzeugung durchzusetzen. Diese Gespräche können Hinweise geben, in welcher Richtung wir unseren Sinn zu suchen haben, aber finden können wir die Antworten nur in unserem Inneren.

Dies ist ein Gastbeitrag, der die Meinung des Autors und nicht zwingend die Sichtweise der Großloge oder der Mehrheit der Freimaurer darstellt.

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Bewährt euch als Freimaurer — geht wählen!

(Bild: fotolia / fotomek)

In seinem Kommentar weist der Autor auf die besondere Situation dieser Bundestagswahl hin und ruft alle Freimaurer auf, zur Wahl zu gehen. Und damit nicht genug, sich auch nach der Wahl politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Schon Helmut Schmidt hat uns mehrfach hinter die Ohren geschrieben, dass wir aus dem Schatten unserer Verborgenheit heraustreten sollen. “Tun Sie Gutes und reden Sie darüber”, hat er den Logen geradezu zugerufen, einmal etwa im Jahr 2000, das, wie man heute sagen würde, ins Internet “geleakte”, Video hat maßgeblich zu meinem Entschluss beigetragen, Freimaurer zu werden. Das andere Mal 2015 bei der Verleihung der Stresemann-Medaille an den Altkanzler. Und auch Prof. Rolf Wernstedt schrieb uns beim kürzlichen Empfang der Vereinigten Großlogen ins Stammbuch: “Wenn die Freimaurerei frei von allen religiösen, ideologischen oder parteilichen Vereinnahmungen sein will, muss sie strittige Themen der Gesellschaft (wozu auch die Politik gehört), aufgreifen und im Geiste der Aufklärung und Toleranz bearbeiten.”

Die Forderungen nehmen auch in der Bruderschaft vernehmbar zu, dass sich unsere Großloge zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern soll. Das ist für eine Großloge und deren Vertreter nicht so einfach, weil Logen keine Vereinigungen mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis sind. Einig sind sie sich lediglich in ihren fünf Zielen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Ansonsten sind die Logen ein Sammelbecken von individuellen Meinungen des gesamten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spektrums. Schwierig, hier für alle zu sprechen. Aber schauen wir mal.

Am kommenden Sonntag ist Bundestagswahl, und diese Wahl stellt eine Zäsur dar. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes sind nicht nur die Errungenschaften der Freimaurerei und ihre bereits genannten Ziele gefährdet, sondern auch die Freimaurerei selbst wird sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen. Es leben noch Brüder, die Erfahrung darin haben und unsere eigenen Geschichtsbücher und Chroniken sind voll davon. Sie erzählen aber auch davon, wie es dazu kommen konnte und sie erzählen, leider, auch davon, dass Freimaurer selbst daran mitgewirkt haben. Die Parallelen sind erschreckend.

Es wird angesichts dieses Kommentares Freimaurer geben, die erbost auf unser angebliches Gebot hinweisen, dass Gespräche über Religion und Politik verboten seien. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass es spätestens nach dieser Wahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr ohne politische und gesellschaftliche Diskurse in den Logen gehen wird und die einlullende Gemütlichkeit der Logenabende der Vergangenheit angehört. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass es das angesprochene Diskussionsverbot gar nicht gibt. Verboten sind nur Streitgespräche, und darum üben wir in unseren Logen, meistens erfolgreich, eine besondere Gesprächskultur.

Den Wahlforschern zufolge sind noch mehr als ein Drittel der Wähler unentschlossen. Es lohnt sich also, um jede Stimme zu kämpfen. Ich setze mich allerdings nicht für eine Partei ein, auch wenn ich in einer von ihnen Mitglied bin, sondern ich setze mich dafür ein, dass Sie am Sonntag grundsätzlich wählen gehen. Betreiben Sie mit Ihrer Stimme Schadensbegrenzung; eine hohe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen gelebter Demokratie und Teilnahme.

Sie werden im Internet reichlich Gründe finden für eine Wahl, ich will sie nicht wiederholen. Nur einen: Jede Stimme zählt, die Summe macht es. Jede einzelne Stimme kann helfen, das oben beschriebene Szenario zumindest kleiner zu machen. Jede einzelne Stimme ist ein Zeichen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, jede unterlassene Stimme ein Zeichen dagegen.

Sie wissen nicht, wen oder was Sie wählen sollen? Egal, die Hauptsache ist die demokratische Grundüberzeugung. Wenn Sie es dann doch genauer möchten, empfehle ich Ihnen den oft geschmähten Wahl-O-Mat, den man durchaus bewusst nutzen kann. Machen Sie erst einmal einen Schnelldurchgang basierend auf den Kurzantworten. Danach wählen Sie acht der sie interessierenden Parteien aus und lesen alle Stellungnahmen zu den 38 Einzelthemen. Keine Angst, das ist überschaubar, aber aufschlussreich. Denn Sie werden finden, dass manches Argument ganz vernünftig klingt, Sie werden besser informiert sein und Sie werden erstaunt feststellen, dass die lautesten Parteien zu erstaunlich vielen Fragen nicht einmal eine Antwort haben. Mit diesem Wissen gerüstet starten Sie den Wahl-O-Mat noch einmal,  und Sie werden danach nicht mehr ganz falsch liegen.

Nach der Wahl kann es für die Logen — und im Übrigen für alle Zusammenschlüsse und Einzelpersonen mit ähnlichen weltoffenen Zielsetzungen — deutlich ungemütlicher werden. Verschwörungstheorien, Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen, Angriffe werden lauter werden. Man fühlt sich von den Wählern bestätigt, man fühlt sich stark und man fühlt sich im Recht.

Deshalb wird es nach den Wahlen auch in den Logen turbulenter zugehen. Ich empfehle nicht nur Logenbrüdern, sich nach den Wahlen als Einzelpersonen politisch zu engagieren und den Logen, das gleiche gesellschaftlich zu tun. Nur nicht den Kopf einziehen! Wer den Kopf in den Sand steckt, hat schon damit begonnen, sich selbst zu begraben. Wir Freimaurer sollten, nein: wir müssen! tun, was wir gebetsmühlenartig am Schluss jeder rituellen Zusammenkunft hören: Wir gehen hinaus in die Welt und bewähren uns als Freimaurer. Wir kehren niemals der Not und dem Elend den Rücken. Und wenn alles gut geht, erinnern wir uns auch an einen anderen Text, und gehen unseren Weg unbeirrt vom Lärm der Welt, ruhig und sicher in Gefahren, hohe Ziele vor Augen. Es ist weniger bequem, diese Forderung umzusetzen als sie zu hören.

Reden wir nicht nur darüber. Gehen wir wählen, das wäre schon mal ein guter Anfang.

Bei Kommentaren handelt es sich um Meinungsäußerungen der Autoren. Sie spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion, der Großloge oder der gesamten Bruderschaft wider.

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Helfen mit Spaß und Freundschaft

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die typische Kopfbedeckung der Shriner: der Fez Foto: fotolia / ilumus photography

Die “Shriners” sind eine weltweit tätige Vereinigung von Freimaurern, die in Deutschland noch neu und relativ unbekannt ist. In Dresden durfte die Organisation sich anlässlich des Großlogentreffens vorstellen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den leicht gekürzten Beitrag.

Von Charsten Wienbreyer

“Unsere masonische Familie ist groß und unsere Betätigungsfelder außerhalb des Tempels sind sehr breit gefächert. In nur wenigen Fällen aber gibt es überregionale Organisationen, die von Freimaurern gegründet werden mit dem Ziel, Kräfte zu bündeln und auf einen ganz konkreten Zweck auszurichten. Hier in Deutschland kennen wir neben anderen vor allem das Freimaurerische Hilfswerk, den Förderverein des Freimaurermuseums oder auch den Förderverein für das Freimaurer-Wiki.Schon der Lehrling hört bei seiner Initiation den verpflichtenden Satz, sich um die Not und das Elend um ihn herum zu kümmern.

Genau diese Verpflichtung haben sich Freimaurer im Jahre 1872 zum Credo gemacht und eine Organisation aus der Taufe gehoben, die in ihrer Struktur, Ausrichtung und ihrer Wirkung einmalig ist. Eine weltweit existierende und agierende Vereinigung von Gleichgesinnten, die sich auf die Hilfe für Kinder konzentriert. Ein verpflichtender Zusammenschluss von ca. 300.000 Freimaurern weltweit, denen heute 22 Kinderkrankenhäuser gehören und die seit fast 100 Jahren Kindern eine kostenlose medizinische Behandlung gewähren. Immerhin fast 1.5 Millionen Kinder sind seit der Eröffnung des ersten Kinderkrankenhauses in unseren Einrichtungen behandelt worden.

Als vor fast 150 Jahren aus dem Willen Einzelner eine sehr konkrete Tat wurde, war das Ausmaß dessen, was heute durch Freimaurer betrieben und bedürftigen Kindern zur Verfügung gestellt wird, nicht abzusehen. Aus dem Wunsch, einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist ein Netzwerk hochspezialisierter medizinischer Spezialbehandlungen geworden. Die Freimaurer, die sich bei den Shriners engagieren, verwalten heute Einrichtungen von höchster medizinischer Reputation, sowohl in der Forschung, als auch in der Ausbildung von medizinischem Personal. Gestattet mir, hier zwei Beispiele zu nennen.

Seit 30 Jahren stellt die Zypriotische Regierung den Shriners einmal im Jahr Räume und Geräte in einem staatlichen Kinderkrankenhaus zur Verfügung, um dort Ärzten und Schwestern aus dem Krankenhaus in Springfield die Möglichkeit zu geben, innerhalb weniger Tage hunderte von Kindern mit angeborenen orthopädischen Fehlbildungen oder erlittenen Schädigungen zu untersuchen und die notwendige medizinische Behandlung einzuleiten, wenn nötig, kostenlos in einem der „Shriners Hospitals for Children“.

Ein zweites Beispiel ist die Vernetzung zwischen den Shriner Kinderkliniken und verschiedenen anderen Spezialkliniken u.a. mit der auf Brandwunden und plastische Chirurgie ausgerichteten BG Unfallklinik in Ludwigshafen. So wird mit Telemedizin- und Videokonferenzmöglichkeiten daran gearbeitet, voruntersuchende oder nachsorgende Behandlungen mit dem medizinischen Fachpersonal in den Shriners Kliniken zu besprechen und festzulegen.

Dem Freimaurer, der sich entschließt, an dieser Arbeit teilzuhaben, dem erschließt sich eine Sichtweise auf den „wohltuenden Einfluss der Freimaurerei“, die in dieser Form einmalig ist. Die in Heidelberg beheimatete europäische Organisation betreut derzeit Kinder aus Deutschland, Holland, der Türkei, Jordanien, Palästina, Zypern, Rumänien, der Schweiz, Syrien und Polen, die kostenlos in unterschiedlichen Krankenhäusern behandelt werden.

Bei all dem Fokus auf die extrem teure, aber für die Kinder kostenlose medizinische Hilfe, ist den Shriners eines sehr wichtig, das Engagement muss immer die Freude und den Spaß zum Ausdruck bringen und darauf gründen, den es macht, einem Kind zu helfen. Deshalb kostümieren sich die Shriner gewordenen Freimaurer, deshalb verwandeln sie sich selbst in Märchenfiguren aus 1001 Nacht, deshalb machen sie nichts im stillen Kämmerlein, sondern immer „mit Kind und Kegel“, deshalb reiten sie auf Kamelen und machen diese manchmal nach, deshalb versetzen sie sich in die Lage eines Bettlers, um wie Kinder um Hilfe zu bitten, die sich nicht anders zu helfen wissen.

Ich bin seit über 20 Jahren Freimaurer und ich bin Shriner, seit dem ich den Meistergrad erhoben wurde. Es erfüllt mich mit Stolz, dass die Shriners auch in Deutschland angekommen sind. Ihr findet sie in Hamburg entlang der Waterkant, in Düsseldorf entlang des Rheins, in Ostwestfalen, in Berlin, Leipzig, in Bayern, im Rhein-Main-Gebiet, im Rhein-Neckar-Dreieck, Stuttgart oder am Bodensee. Wo es heute noch keinen Club gibt, da wird es demnächst einen geben. Vielleicht auch, weil Ihr mich heute gehört habt und feststellen werdet, es gibt viele gute Gründe, ein Shriner zu werden und keinen, es nicht zu sein.

Ich möchte schließen mit drei nüchternen Informationen, die helfen sollen, die Shriner besser zu verstehen.

Zum einen: Es gibt, außer der Aufnahme, keine rituellen Arbeiten und keine einführenden und/oder weiterführenden Grade. Die Shriner sind keine Obödienz, keine Lehrart, kein Hochgradsystem, sie sind keine freimaurerische Organisation. Man muss Freimaurermeister in einer regulären Freimaurerloge sein, um aufgenommen zu werden. Das ist den Shriners sehr wichtig, es ist ein Muss.”

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