Ist Freimaurerei als Lebensstil zeitgemäß?

© friedberg/fotolia

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Freimaurerei wird in ihrer jetzigen Form in diesem Jahr 300 Jahre alt. Ihre Grundregeln sind in dieser Zeit praktisch unverändert geblieben, während sich unsere Gesellschaft geradezu in einem permanenten radikalen Wandel befindet. Wie soll dann etwas wie die Freimaurerei noch zeitgemäß sein?

Von Volker Hammernick

Ich möchte mich in diesem Text damit auseinandersetzen, ob Freimaurerei ein Lebensstil ist oder ein solcher sein kann, ob ich diesen leben will und wie ich dies kann. Als Grundlage dazu habe ich mich an der Publikation „Freimaurerei – ein Lebensstil“ von Jens Oberheide orientiert. In dieser Veröffentlichung wird das Thema jedoch isoliert erörtert. Mir scheint es aber sinnvoll, auch eine Verknüpfung mit der heutigen Gesellschaft herzustellen und herauszufinden, ob die Freimaurerei in diesem Kontext als Lebensstil noch zeitgemäß und sinnvoll ist.

Die erste Frage ist, was ein freimaurerischer Lebensstil überhaupt ist. Die Publikation beschreibt ihn als eine Geisteshaltung, deren Basis Menschenliebe und Toleranz ist, die Sehnsucht nach Frieden, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, und dass man das Fantastische denken darf, das Machbare des Denkbaren aber auch tun muss. Demnach sind wir Freimaurer auch eine Art „Lichtsucher“, Erkenntnissucher, mit der Vision einer besseren Welt, die versuchen, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen: Dass einmal „alle Menschen Brüder“ werden könnten, die friedlich und in gegenseitiger Achtung miteinander auf dieser Welt leben. Daher werden Freimaurer, wie wir es schon in den „Alten Pflichten“ von 1723 nachlesen können, nur freie Männer von gutem Ruf, wobei wir, denke ich, heutzutage in erster Linie vom geistig freien Mann ausgehen können. Dem trägt auch das Ritual Rechnung, in dem der Meister vom Stuhl fragt: „Wodurch soll sich ein Freimaurer im Leben vor anderen Menschen auszeichnen?“, worauf ein Aufseher antwortet: „Durch winkelrechte Lebensführung, von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken und echte Freundschaft zu seinen Brüdern“. Freie Männer sind also Menschen, die ihre eigenen Ideen entwickeln und versuchen, sie umzusetzen. Sie sind ebenso Menschen, die sich mit anderen freien Männern reiben und in dieser Reibung in den Spiegel schauen. Freie Männer würden dem Staat und dem Unternehmen, für das sie arbeiten, nur solange loyal gegenüber stehen, solange diese die Würde des Menschen und seine Rechte respektieren.

Weiter heißt es bei Jens Oberheide: „Freimaurerische Idealvorstellungen gehen davon aus, dass ein Minimalkonsens gefunden werden müsste, über alle Kulturen, Nationalitäten, Religionen und Nationen hinweg. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten die Freimaurer ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft und die Erziehung hierzu. Freimaurerei ist also ein Lebensstil für offene Herzen und offene Sinne für die Zeit, die Menschen, die Umwelt und die Dinge in uns und um uns herum. Ein Lebensstil der individuellen Lebensführung und -deutung“. All dies hat im Kern die Jahrhunderte nahezu unverändert überdauert.

Auf der individuellen Ebene streben wir Freimaurer nach der Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit, nach Weisheit und der Erkenntnis einer höheren Wahrheit, nach einer gerechten und friedlichen Welt, in der sich Menschen wie Völker in gegenseitiger Achtung und ohne Vorurteile und Aggression begegnen. Freimaurer sein bedeutet demnach also auch, sich für einen Weg entschieden zu haben, der über den rauen Pfad der ständigen Selbsterkenntnis führt und der uns lehrt, die Irrwege der Vorurteile und Eitelkeiten zu meiden. Diese Selbsterkenntnis ist die Grundlage für unsere Beziehung zur Welt. Wer diesen Weg ernst nimmt wird spüren, wie er einem Vieles abverlangt, aber auch Vieles geben kann: Erkenntnisse, die er vielleicht allein nie gehabt hätte; Erlebnisse, die es nur in der Gemeinschaft gibt; Erfolge, die er auch seinen Brüdern zu verdanken hat, denn immer, wenn er zweifelt oder schwankt, ist mindestens einer von ihnen da, ihm zur Seite zu stehen und zu helfen. Das verleiht ihm den Halt und das Bewusstsein, dass andere für ihn da sind und er für andere einsteht in einer Zeit, in der Egoismus das Denken Vieler beherrscht. Ich habe in den zwei Jahren als Bruder diese Entwicklung deutlich wahrgenommen. Viele Dinge sind mir bewusster geworden, weil ich vorher keinen Zugang dazu hatte, viele auch überhaupt erst bewusst, weil ich davon gar keine Kenntnis hatte.

Ich nehme wahr, dass alle Brüder, die ich kennen gelernt habe, nicht nur geachtete, respektierte und angenehme Mitmenschen sind, sondern auch vielfach die Menschen sind, die man um Rat fragt und denen man vertraut.

So hat sich auch mein Fokus verschoben. Als ein Beispiel nenne ich Toleranz. Heute schimpfe ich nicht mehr über Menschen, die Dinge tun, die meiner Meinung nach unsinnig oder falsch sind, sondern ich versuche zunächst, deren Handeln aus ihrem Blickwinkel zu sehen, ihre Motive zu erkennen und ihr Handeln danach erneut zu bewerten. Auch gehe ich mit einem anderen Selbstverständnis durchs Leben. Dinge, die mir vorher egal waren, sind mir nun wichtig, und Dinge, die mir wichtig waren, interessieren mich nicht mehr.

Aber sind diese traditionellen Ideale und Werte unverändert aktuell? Passt dieser Geist überhaupt noch in unsere moderne Gesellschaft, oder sollten wir uns nicht gänzlich anderen Vorstellungen zuwenden? „Nichts ist schwerer, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden.“ So lässt sich die Stimme Tucholskys aus den 20ern des vergangenen Jahrhunderts heute noch vernehmen. Werfe ich einen Blick auf unsere Gesellschaft, so hat diese sich in den fast drei Jahrzehnten, über die ich mir ein Urteil bilden kann, rasant verändert. Vieles zum Besseren oder vielmehr Angenehmeren, unbestritten, aber ich erkenne auch Vieles, das mich nachdenklich macht: Diese moderne Zeit der Globalisierung ist geprägt von Effizienz und Gewinn, von mehr Wachstum und mehr Geschwindigkeit, von Oberflächlichkeit und Egoismus. In der man Karriere macht, „weiter kommt“, „jemand ist“, wenn man auf sich selbst fokussiert ist und restlos alles optimiert. Vieles von dem, was ich unmittelbar selbst, über Dritte und die Medien wahrnehme, wirft in mir die Frage auf, ob die genannten „Werte und Ideale“ überhaupt mit „Menschlichkeit“, einem unserer freimaurerischen Werte, zusammen passen.

In Konsequenz der Beispiele, die ich gerade aufgeführt habe, werden Menschen ausgebeutet, um unter unwürdigen Bedingungen beispielsweise überdimensionierte Sportstätten zu bauen, und sie werden dafür noch nicht einmal bezahlt. Da sind „Manager“, die nur noch kurzfristigen Profit und Effizienz im Auge haben, denen aber die Situation der Mitarbeiter völlig egal zu sein scheint, die gar als Ressourcen versachlicht werden. Ich sehe Politiker, die alles dem „Wachstum“ unterordnen. Ich sehe Selbstdarsteller, die die Medien beherrschen, und im Übrigen auch die Medien selbst, die uns vielfach den Eindruck vermitteln, dass unsere Gesellschaft „geil“ ist. Wir nehmen wenig Rücksicht auf andere Menschen, deren Ansichten, Nöte, ethischen Ansichten und Religion. Ich sehe eine Informationsflut, die den Einzelnen kaum noch in die Lage versetzt, aus seiner Überinformation für sich einen Gewinn zu erkennen. Die hohe Informationsdichte macht uns oberfl ächlich und orientierungslos.

Verwundert es dann, dass viele Menschen sich nur noch für sich selbst interessieren, wegschauen, wenn neben ihnen Unrecht geschieht? In dieser Welt scheint es schwer geworden, freimaurerisches Gedankengut zu verbreiten und erst Recht, danach zu leben. Dieses Bewusstsein sollte auch zur Verantwortung für unsere Mit- und Umwelt führen. Die Freimaurerei macht uns deshalb nicht nur auf unser individuellen Ebene und im Logenleben, sondern auch und vor allem außerhalb zu besonderen Menschen. Ich nehme wahr, dass alle Brüder, die ich kennen gelernt habe, nicht nur geachtete, respektierte und angenehme Mitmenschen sind, sondern auch vielfach die Menschen sind, die man um Rat fragt und denen man vertraut. Ein erstes Anzeichen dafür, dass die Freimaurerei durchaus ein zeitgemäßer Lebensstil ist. Denn Freimaurerei ist auch Dienst am Menschen und somit Dienst an der Gesellschaft. Dabei weite ich den Begriff des Dienens bewusst auf das engere und weitere Umfeld jedes Einzelnen von uns aus. Das Dienen beginnt in der Familie und im Bruderkreis und hört im Beruf noch lange nicht auf. Es erstreckt sich auf alle Menschen, die in unserem Umfeld stehen.

Wir Freimaurer können der Gesellschaft durch unser Denken und Tun wieder etwas von dem zurück geben, das ihr in der schnelllebigen Zeit abhanden gekommen ist.

Wir haben in unseren Logen die Grundlage dazu, weil allen die gleiche menschliche Würde und gleiches Ansehen zuerkannt wird, und aufgrund der unablässigen Arbeit am rauen Stein ein hochqualifiziertes geistiges und moralisches Potential entwickelt. Wir Freimaurer haben die Werkzeuge, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln und damit die Aufgabe, das kulturelle, geistige und ethische Erbe zu bewahren. Zum „Lebensstil Freimaurerei“ gehört weiterhin, dass sich überall in der Welt Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft und Kultur mit den Idealen der Freimaurerei identifizieren und versuchen, sie in ihrem Leben zu verwirklichen. Von dieser Lebenseinstellung der Freimaurer könnte etwas auf ihre Umwelt abfärben, wenn jeder ein kleines Stück dazu beiträgt, wie diese Welt beschaffen ist und wie Menschen in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Der Zustand unserer Gesellschaft ist immer genau so, wie wir ihn wollen oder wie wir ihn erdulden. Niemand sollte uns abhalten können, einen als falsch erkannten Weg zu ändern oder umzukehren, um einen neuen zu suchen.

Diesen Widerspruch zwischen dem Wissen, das die Gesellschaft über sich hat und dem Zustand, in dem sie sich befi ndet, aufzuheben, kann wiederum nur durch das Streben nach Humanität, durch die Suche nach den rechten Wegen zur Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft unter Wahrung der Rechte ihrer einzelnen Mitglieder gelingen. Humanität hat die Aufgabe, die gangbaren Wege für ein Zusammenleben unter friedlichen Bedingungen aufzuzeigen und darzustellen, welche verheerenden Auswirkungen inhumane Verhaltensweisen unter den Menschen haben. Dabei wird allerdings auch sichtbar, was unter Menschen alles möglich ist, also was Menschen anderen Menschen unter bestimmten Bedingungen anzutun in der Lage sind. Es gilt also einen Entwurf zu formulieren, der zeigt, dass Humanität in einer Gemeinschaft von Menschen nicht nur möglich, sondern unabdingbar ist. Eine Gemeinschaft, geprägt vom Bewusstsein der gleichen Abstammung, der gleichen Geburt und der gleichen Art, die Erde wieder zu verlassen. Ein Bewusstsein, das erkennt, dass die Früchte der Erde allen, die Erde selbst aber niemandem gehört. Ein Bewusstsein, dass nur Frieden ernährt, Unfrieden aber immer verzehrt, dass Ungerechtigkeit immer neues Unrecht zur Folge hat und dass Gerechtigkeit eine Folge von Weisheit ist. Die Beförderung der menschlichen Tugenden wie Mitgefühl und Mitleid, wie Liebe und Zuwendung, Gemeinnutz und Solidarität, Gewaltlosigkeit und Toleranz müssen wieder als das dargestellt werden, was sie sind: Grundlagen menschlichen Zusammenseins. Human zu sein heißt dabei vor allem, nicht zu warten, bis jemand damit anfängt, sondern selbst als bestes Beispiel voranzugehen.

In unserer Gesellschaft scheinen zudem Generationen heranzureifen, in denen der Begriff „Zukunft“ keine Flamme mehr zündet. Es ist der Mangel an Visionen einer künftigen Gesellschaft, die die Gegenwart in Beliebigkeit versinken lässt. Es gilt also, Bedingungen zu schaffen, die eine lebens- und erlebenswerte Zukunft ermöglichen, das heißt, das Verständnis unter den Menschen, den Nationen, den Völkern und Religionen dahingehend zu fördern, dass ein friedliches Miteinander als die einzige mögliche Lebens- und Überlebensform erkannt und anerkannt wird. Denn eine menschliche Gesellschaft ohne Humanität ist beides nicht: Nicht menschlich und nicht Gesellschaft. Die Wege, die dorthin führen, kennen wir nicht; sie entstehen erst, wenn wir losgehen. Wir kennen aber die Sterne, die uns leiten. Es sind: Die Werte unseres Lebens als Freimaurer – Menschenliebe, und Brüderlichkeit, menschliche Toleranz, Freundschaft und gegenseitiger Beistand.

Um abschließend wieder auf die Frage zurück zu kommen, ob das Leben freimaurerischer Werte geeignet ist, in der heutigen Gesellschaft überhaupt zu bestehen, kann ich sie für mich so beantworten, dass unsere Werte in ihrer Aktualität wohl kaum in Frage zu stellen sind. Wir Freimaurer können der Gesellschaft durch unser Denken und Tun wieder etwas von dem zurück geben, das ihr in der schnelllebigen Zeit abhanden gekommen ist. In diesem Sinne schließe ich meine Zeichnung mit dem klaren Auftrag des Meisters vom Stuhl an die Brüder am Ende einer Tempelarbeit, den freimaurerischen Lebensstil auch tatsächlich zu leben: „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer! Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seit wachsam auf euch selbst! Es geschehe also, ziehet hin in Frieden!“

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Das große Jubiläum der Freimaurer

(Foto: Thomas Reimer / Fotolia)

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In diesem Jahr feiern viele Logen mit zahlreichen Veranstaltungen den 300-sten Geburtstag der Freimaurerei. Anlass genug, nicht nur über die glorreiche Vergangenheit der Freimaurerei nachzudenken, sondern auch darüber, welche Zukunft sie unter stark veränderten Bedingungen haben kann.
VON UNSEREM GASTAUTOR HANS-HERMANN HÖHMANN

Wie immer wir mit dem Großen Jubiläum der Freimaurerei im kommenden Jahr umgehen, ob wir es auch als unser Jubiläum verstehen und mitfeiern, oder ob wir es eigentlich als das Große Jubiläum der englischen Freimaurerei, und da ist für uns doch eher Zurückhaltung am Platze: Allein schon durch das wachsende Interesse von Öffentlichkeit und Medien sind wir auch hierzulande auf eine herausfordernde Weise mit dem Ereignis 2017 konfrontiert.

Teilweise ist dieses Interesse mit Respekt und Anerkennung verbunden und beruht auf einer – freilich oft ratlos-uninformierten – Wertschätzung der Freimaurerei als Aktivposten der europäischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Oft aber hat die Aufmerksamkeit, mit der wir im Zeichen von 2017 wohl gehäuft zu rechnen haben, einen düsteren und obskuren Hintergrund, und wir haben mit Neuinszenierungen vieler jener entstellenden und verzerrenden Mythen zu rechnen, die uns durch große Teile der Geschichte der Freimaurerei begleitet haben, und die ja auch so prächtig hineinpassen in die Phantasie- und Fabelwelt, die seit dem Einsetzen der Postmoderne reüssiert.

Gerade ist das Oktober-November Heft der Zeitschrift „Hörzu – Wissen“ erschienen, und zwar mit dem bezeichnenden Aufmacher auf der Titelseite: „Die dunkle Macht der Geheimbünde. So lenken Freimaurer, Illuminaten & Co unsere Welt“. Schlagen wir das Heft auf, so finden wir z.B. unter einem Portrait des amerikanischen Freimaurers Albert Pike folgenden Text: „Verdacht. Albert Pike gilt unter Verschwörungstheoretikern als Satanist, der die Weltherrschaft anstrebte.“ Der weitere Text geht dann nicht mehr ganz so weit an der Realität vorbei, doch Thema und Tendenz sind markiert, und Ähnliches wird folgen, ins Jubiläumsjahr hinein und sicherlich auch darüber hinaus.

Die Frage nach den Mythen, den fremden, uns immer wieder übergestülpten, aber auch den eigenen Mythen und Erzählungen wird mich gleich weiter beschäftigen. Doch zunächst ein paar Bemerkungen zu den Möglichkeiten, mit dem Jubiläum der Freimaurerei umzugehen.

Vier unterschiedliche, wenn sich auch teilweise überschneidende Modelle – „Jubiläumstypen“ gleichsam – lassen sich erkennen: Erstens der museale Ansatz, bei dem Freimaurerei dargestellt wird, wie unser Wissen und die uns zur Verfügung stehenden vorzeigbaren Objekte es zulassen. Zweitens der glorifizierende Ansatz, bei dem Freimaurerei als Inbegriff des Guten und Fortschrittlichen gepriesen wird nach dem impliziten oder gar expliziten Motto: Freimaurer waren und sind Weltmeister in Sachen Humanität. Drittens der faktengerechte Ansatz, bei dem Freimaurerei, so wie sie unserem redlich ermittelten Wissen nach war und ist, in ihren Bezügen zu gesellschaftlicher Entwicklung und Zeitgeist mit ihren Höhen und Tiefen beschrieben, analysiert und dokumentiert wird. Schließlich viertens der produktive Ansatz, bei dem auf der Basis einer redlichen Beschreibung und Analyse von Herkunft und gegenwärtigem Zustand Freimaurerei in die Zukunft weitergedacht wird und gefragt wird, welche masonischen Erzählungen für Konzept und Praxis der Freimaurerei im 21. Jahrhundert taugen.

So sehr ich auch dem Ansatz „Freimaurer-Museum“ mit Sympathie begegne, zumal er uns erfreulich häufig mit den öffentlichen Museen und damit einem wichtigen Teil der kulturellen Öffentlichkeit in Berührung bringt, und so sehr ich hoffe, dass die deutschen Freimaurer der Versuchung von Ansatz 2, dem unkritisch-flachen Hochjubeln widerstehen, so sehr liegt mir doch vor allem an einer kreativen Mischung der Ansätze 3 und 4: der sauberen Aufarbeitung masonischer Fakten und dem kreativen Weiterdenken der Freimaurerei.

Wenn dieses aber das Ziel ist, so haben wir nach den leeren Feldern unseres Wissens zu fragen, auf Wunschdenken und gefällige Erfindungen zu verzichten, ernsthaft zu forschen und zur Füllung der Leerstellen auch intensiv mit der externen Forschung zu kooperieren. Des weiteren haben wir uns mit den Unterschieden, Widersprüchen und Konflikten in der Freimaurerei zu beschäftigen, die die maurerischen Wirklichkeiten durch drei Jahrhunderte hindurch nachhaltig bestimmt haben und heute noch bestimmen. Und schließlich müssen wir den verschiedenen Bilderwelten und Mythen kritisch nachgehen, die die Entwicklung der Freimaurerei begleitet haben, und die – oft von uns mit verschuldet – in verzerrter Form auf uns zurückkommen.

Dies alles bedeutet unter anderem auch, dass wir aufhören müssen, Freimaurerei als Einheit, als etwas Einheitliches gar zu verstehen und darzustellen.

Sicherlich gibt es durch die Geschichte hindurch den beschreibbaren, organisatorisch-kulturellen Formenkreis „Freimaurerei“, – angesiedelt um Elemente wie Logengruppe, Initiation, Bausymbolik und moralische Lehren. Aber innerhalb dieses Formenkreises waren und sind viele Freimaurereien möglich, die sich unterscheiden und die sich auch oft gar nicht so geliebt haben und lieben, wie es dem Gebot der Bruderliebe entspricht. Und dies hängt wiederum nicht zuletzt mit den widersprüchlichen Mythen und Erzählungen der Freimaurerei zusammen, die den Weg des Bundes begleitet haben.

Wenn wir uns diese Mythen anschauen, so stoßen wir insbesondere auf drei Erzählstränge, die sich zwar oft vermischt haben, sich aber trotzdem voneinander unterschieden, ja im Konflikt zueinander gestanden haben. Erstens die hermetisch-esoterischen Erzählungen von uralter Weisheit und geheimnisvollen symbolischen Codes, mit denen sich die Geheimnisse der Welt entschlüsseln lassen, zweitens die gnostisch-christlichen Erzählungen von der Nachfolge Jesu, des Obermeisters der Freimaurerei, und von der durch ihn offenbar gewordenen, stufenweise erkennbaren Weisheit und drittens die humanistisch-aufklärerischen Erzählungen vom Menschen und seinen mitmenschlichen Pflichten im hier und jetzt, vom Freimaurer, der allein dem Sittengesetz verpflichtet ist.

Im Verständnis nach Innen, aber auch im Auftreten der Freimaurer gegenüber der Öffentlichkeit gehen diese – mit sehr verschiedenen Formen von Freimaurerei verbundenen – Erzählstränge oft unreflektiert und verwirrend durcheinander. Resultat sind dann nicht selten diffuse organisatorische Strukturen, Ideen und Rituale. Und dieses Durcheinander der Mythen begegnet uns wieder in den Geschichten, die andere in Form von obskuren Phantasien und Verschwörungsgeschichten, oft schön gruselig bebildert und filmisch in Szene gesetzt, über uns erzählen.

Hier liegt die Wurzel vieler unserer Probleme: Wir werden missverstanden, weil wir selber nicht so richtig wissen, was und wer wir sind, und weil wir die „Arbeit am Mythos“ – um es mit einem Begriff des Philosophen Hans Blumenberg zu sagen – so sträflich vernachlässigen, dass uns klare Aussagen gegenüber der uns umgebenden Gesellschaft und der sich für uns interessierenden Öffentlichkeit nicht gelingen. „Arbeit am Mythos“ ist also nötig, und „Arbeit am Mythos“ hieße für die deutsche Freimaurerei der Gegenwart zunächst einmal zu ordnen, zu klären, zu unterscheiden und auszuwählen. Gleichzeitig hieße „Arbeit am Mythos“, Vergangenes zu prüfen im Hinblick auf Orientierungstauglichkeit für Gegenwart und Zukunft. Dabei geht es um Wertschätzung und Kritik zugleich. Zukunft braucht Herkunft, gewiss. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, verfehlt die Zukunft, und wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.

Vergangenheit darf nicht fesseln, Wurzeln müssen sich mit Flügeln verbinden und beim Neuaufbruch muss es erlaubt sein, Veraltetes und Überholtes hinter sich zu lassen.

Das heißt: Mit der Beschwörung vergangenen Zaubers, mit dem Erzählen früherer Geschichten und mit der gebetsmühlen-artigen Benennung alter Helden kommen wir heutzutage nicht aus. Die freimaurerischen Erzählungen für die Gegenwart bedürfen einer neuen Struktur, und haben sich vor allem auf Wirksamkeit, auf Deutlichkeit, auf Wahrnehmbarkeit in der Gesellschaft und auf Praxis zu konzentrieren, und zwar jeweils in und aus der Sicht der unterschiedlichen freimaurerischen Lehrarten.

Für mich als humanitären Maurer steht die Konzentration auf Konzept und Praxis einer humanitären Freimaurerei im Zentrum, die – aufbauend auf den alten Erzählungen von Freiheit, von Selbstbestimmung, von Wert und Würde des Menschen – einen neuen Humanismus und eine selbstkritische, reflexive Aufklärung zur Grundlage hat.

Was aber heißt das konkret und im Detail? Diese Frage müssen wir ja stellen, dringlich stellen, denn die in meiner Großloge üblich gewordene Aussage „Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“ ist ja längst zu einem zwar herzerwärmenden, doch konzeptionell dürftigen Mantra geschrumpft. Der Humanismus der modernen Freimaurerei ist für mich ein Humanismus, der Aufgaben im hier und jetzt begründet, ein säkularer Humanismus, ein Denken und Fühlen, das sich an der Würde des heutigen, konkreten, einzelnen Menschen orientiert, das den Aufbau humaner Lebenswelten zum Ziel erklärt und das sich durch moralisches Handeln in humanitäre Praxis umsetzt.

Freilich wäre dieser Humanismus ohne die spirituelle Dimension des freimaurerischen Rituals einseitig, flach und sowohl emotional als auch intellektuell verkürzt. Freundschaft, Ethik und Ritual – so habe ich immer wieder zu begründen versucht – gehören untrennbar zusammen. Freimaurerei ist ein Gesamtkunstwerk, und wenn es etwas gibt, das Wesen, Charme und Alleinstellung der Freimaurerei ausmacht, so ist es dieses „Drei-in-eins“ von Gemeinschaft, ethisch-moralischer Orientierung und ritueller Spiritualität.

Unter den Prinzipien, die Humanismus und Aufklärung für die Gegenwart begründen, scheinen mir die folgenden von besonderer Bedeutung, die ich als Anstoß für Überlegung und Diskurs in fünf Thesen zusammengefasst habe: 1. Leben, Wohlergehen, Freiheit und Glück jedes einzelnen heutigen Menschen sind Ziel und Maßstab des individuellen wie des gesellschaftlichen Handelns. 2. Anerkennung der Menschenwürde anderer wie der eigenen Würde ist Grundbedingung menschlicher Kultur und Gemeinschaft. 3. Förderung der schöpferischen Kräfte des Menschen ist Grundlage dafür, dass die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der Gesellschaft voran gebracht werden kann. 4. Ausrichtung von Denken und Handeln am Maßstab der Redlichkeit, Vernunft und Wahrheitssuche ist vorrangiges Grundelement menschlicher Orientierung. 5. Schließlich: Das Prinzip Aufklärung hat auch heute noch zu gelten, verbunden freilich mit der Einsicht, dass nur eine reflektierte Vernunft und eine selbstkritische Aufklärung als tragfähige Grundlagen menschlicher Lebensführung und sozialer Gestaltungsprozesse tauglich sind.

Diese fünf Orientierungen bestimmen allerdings nur den Rahmen für freimaurerisches Denken und Handeln. Wenn wir uns nicht mit Schlagwörtern, Allgemeinplätzen und Platituden begnügen wollen, so ist es höchste Zeit dafür, diesen Rahmen im Diskurs der Brüder mit konkreten, zeitbezogenen Vorstellungen zu füllen, und hierzu mag das „Laut denken mit dem Freunde“, das Lessing empfohlen hat, auch für den Maurer von heute eine vorzügliche Methode sein.

Ihr betont säkularer Charakter bedeutet gleichzeitig, dass sich eine humanistisch orientierte Freimaurerei sowohl gegenüber den hermetisch-esoterischen als auch gegenüber den christlich-gnostischen Traditionen und Mythen der Freimaurerei skeptisch verhält. Gewiss können freimaurerische Rituale auch in der Humanistischen Freimaurerei esoterisch verstanden werden, und die Freimaurerei kann Ort esoterischer Diskurse sein. Diese dürften um so fruchtbarer ausfallen, je mehr man sich von der in alten Ritualen geronnenen, oft wenig authentischen Esoterik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts befreit und den heute zugänglichen ursprünglichen Quellen der Esoterik zuwendet und auch Nutzen zieht aus den mittlerweile beachtlichen Resultaten der Esoterikforschung. Die Beschäftigung mit Esoterik als einer Denktradition und überlieferten religiösen Sichtweise bedeutet jedoch nicht, dass die Verheißung einer Entschlüsselung geheimer Codes und „verlorener Symbole“ im Mittelpunkt der Freimaurerei und ihrer Rituale stehen dürfte.

Denken wir in diesem Sinne kreativ nach, so können wir durchaus darauf hoffen, dass es zum Auslösen notwendiger Aktivitätsimpulse kommt: Impulse für überzeugende freimaurerischen Konzepte, Impulse für eine gute Gruppenqualität der Bruderschaft sowie Impulse für eine überzeugende humanitäre Praxis nach innen und außen.

Und ich bin davon überzeugt, dass Erfolge möglich sind, wenn wohl überlegt daran gearbeitet wird, die mannigfaltigen Substanz- und Vermittlungsprobleme zu überwinden, die uns bisher blockieren, und wenn wir gleichermaßen deutlich und sensibel genug sind, mit kreativen Gedanken in den gegenwärtigen Diskursen der Gesellschaft präsent zu sein. Denn wichtiger als ein Sich-Anhängen an die Bedeutung anderer – durch Preisverleihungen etwa oder durch Einladungen prominenter Nicht-Freimaurer als Redner zu unseren Veranstaltungen – wäre es, mit eigener Stimme in der Gesellschaft vernehmbar zu sein.

Wie kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten?

Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit so gut. Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit und Wachstumskraft behalten? Das ist eine der Grundfragen heutiger Freimaurerei. Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja eben diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die einer dynamischen Entwicklung der Freimaurerei im Wege stehen. Ich gebe ein paar Beispiele dafür: So setzt etwa die gegenwärtige Heterogenität der Gesellschaft die alten, sehr erfolgreichen Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und familiären Milieus – weitgehend außer Kraft; so vermittelt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und Arbeitswelt wenig Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge, so bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst nicht nur die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt ja auch die traditionellen Legitimierungen des Männerbundes in Frage; so bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck; so führt – schließlich – die Kultur der Postmoderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht um und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sach- und Enthüllungsbüchern niedrigsten Niveaus. Diese Skala von Fragen und Bedenken sorgfältig abzuarbeiten scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung freimaurerischer Zukunftsziele.

Doch ich bin bei aller Skepsis davon überzeugt, dass es verfehlt wäre, in den unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der heutigen Moderne nicht auch günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Logen auszumachen. Um diese Möglichkeiten zu nutzen, müssen allzu rasche und gedankenlose Anpassungen an die Strukturen der Gegenwart vermieden und Chancen gleichsam „quer zum Zeitgeist“ ergriffen werden. Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung: Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends und Tendenzen der Gesellschaft zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen der Logen kräftig anwachsen zu lassen. Viele Beobachtungen und Analysen zeigen es doch immer wieder: Menschen suchen auch, ja gerade heutzutage Freundschaft, Einbindung und Orientierung; Menschen suchen einen Raum, um sich zu öffnen, Probleme auszutauschen, Hilfe zu finden; Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs; Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken; Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen; Menschen wollen teilhaben an besonderen, gruppengeschützten und gruppengestützten Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.

Insgesamt: Es gibt sie doch, die Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit, nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen der Freimaurerei.

Auf dieser Basis und im Hinblick auf diese Zielgruppe kann und muss die Freimaurerei ihre konzeptionellen Grundlagen überdenken, auf dieser Basis kann sie die Stimmigkeit ihrer inneren Strukturen überprüfen, ihre Spannungen und Eitelkeiten überwinden und von hierher kann sie auch ihr Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auf eine überzeugende Weise klären.

Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz – längst politisch-gesellschaftliches Allgemeingut geworden sind, besteht der besondere Wert des Bundes nicht mehr im Propagieren lieb gewonnener Parolen. Er besteht in der Methode einer fortgesetzten Arbeit an den faktischen und an den konzeptionellen Details, sowie in einer beständigen Einübung in eine wertverpflichtete Praxis. Die Loge ist keine politische Aktionsgruppe, aber sie kann – wie es im Ritual meiner Loge heißt – zu einer „sicheren Stätte“ werden „für Menschen, die Wahrheit suchen“, für Menschen, die in einem konzentrierten, wertorientierten und sensiblen Diskurs Klarheit über sich selbst und über die handlungsrelevanten Fakten und Optionen in der Welt von heute und morgen suchen.

Bei alldem und insgesamt müssen die jeweiligen Strukturen und Prinzipien der deutschen Großlogen klarer herausgearbeitet werden. Im Falle meiner eigenen Großloge, der Großloge AFuAM etwa muss deutlicher werden, was Humanismus und Aufklärung heute für sie bedeuten, als den bestimmenden Eigenschaften der deutschen Großloge, die sowohl fest in der Tradition der humanitären deutschen Freimaurerei steht als auch in der von den „Alten Pflichten bestimmten Tradition der Weltfreimaurerei.

Die Forschungsloge „Quatuor Coronati“ gehört unmittelbar zur VGLvD, und deshalb können wir – im quasi eigenen Haus – einmal ganz entspannt feststellen: Ob wir es wollen oder nicht: die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ sind ein Dachverband mit begrenzten Wirkungsmöglichkeiten. Die VGLvD dürfen folglich weder aus der Bruderschaft heraus überfordert werden, noch dürfen sie sich selbst an Aufgaben überheben, für die sie nicht geschaffen sind und die sie auch nicht lösen können. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland sollten aus der Not, sich nicht einmischen zu dürfen in Organisation, Selbstverständnis und Rituale der Vertragspartner, eine Tugend machen und sich vor allem als Raum begreifen, der Freiheit gibt. In diesem Raum der Freiheit müssen die Maurer der einzelnen Partner-Großlogen selber sagen, wer sie sind und wie sie sein wollen. Dabei können – wie gesagt – die Wege auseinander gehen. Doch klares Profil ist gefragt, masonischer Schmusekurs hilft nicht weiter und ein Jubiläum des Jubels reicht nicht aus. Ein Jubiläum innerer und äußerer Profilierung ist erforderlich.

Insgesamt – davon bin ich vollkommen überzeugt – hat die deutsche Bruderschaft viele Möglichkeiten, den alten Zauber des „Gesamtkunstwerks Freimaurerei“ trotz des kräftigen Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen. Dass die deutsche Freimaurerei entgegen vielen historischen Hoffnungen keine Einheit ist, dass in ihr unterschiedliche, ja gegensätzliche Meinungen vertreten werden, ist kein Nachteil. Nachteilig wäre, wenn so getan würde, als gäbe es diese Unterschiede nicht und wenn sich die deutsche Freimaurerei im Jubiläumsjahr als eine „Freimaurerei des als ob“ präsentierte. Ihre Vielfalt sollte sichtbar werden, und auf die Freiräume sollte sie stolz sein können, die für die Weiterentwicklung dieser Vielfalt zur Verfügung stehen.

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Was bringt mir die Freimaurerei?

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Angeregt duch einen Essay auf der Internetseite der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer entstand dieser fiktive Brief an einen Freund, der die Frage stellt, was ihm denn die Freimaurerei bringen könnte.

Von F. W.

„Lieber Freund,

ja, welchen Gewinn bringt Dir die Freimaurerei?

Diese Frage, „was bringt mir die Freimaurerei?“, zeigt, dass Du fest im Griff unserer heutigen Gesellschaft bist, die voll auf eine Vereinzelung und auf Profit ausgerichtet ist. Der Profit bestimmt den Wert eines Menschen, nicht mehr das Menschsein an sich.

Ein Bruder nannte die Gründe, warum er Freimaurer geworden ist. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich, ist gut situiert, hat ein schönes Haus, eine Frau und Kinder. Er hätte sehr zufrieden und sein Leben einfach nur genießen können. Aber, er hatte trotzdem das Gefühl, es fehle ihm etwas. Denn das was ist, konnte doch nicht alles gewesen sein? Er machte sich auf die Suche nach Antworten, so kam er in unsere Loge und sah, dass hier etwas geboten wird, was man mit viel Geld nicht kaufen kann, nämlich das Angebot den Weg in der Gemeinschaft zu sich selbst zu finden.

Es gibt viele, auch ehrenwerte Institutionen, welche, manchmal mit Heilsversprechen garniert, einen Weg anbieten, zu sich selbst zu finden. Die Medien aller Art sind voll von Angeboten zur Selbstfindung. Doch Freimaurerei ist einzigartig, sie bietet viel, aber sie verspricht nichts.

Das System der Freimaurerei ist keine Ideologie und hat keine Dogmen. Das System Freimaurerei, die Freimaurerloge, bietet nur einen Rahmen, ein Gerüst, indem Du leben und Dich frei, in eigener Verantwortung, entwickeln kannst. Wie Du den Rahmen füllst, wie Du denkst und handelst, das bleibt Dir überlassen, Du bist und sollst frei sein. So ist es auch völlig egal, welcher Religion Du angehörst, oder welcher politischen Partei. Wenn Du nur hin-hören (nicht zu-hören) kannst und Deine Überzeugungen anderen nicht aufzwingen willst, ist das völlig ok.

Zuerst ist Freimaurerei eine Geisteshaltung und als solche hat sie nicht das Ziel materielle Vorteile zu bringen, sondern auf humanistischer Basis, auf ethischen und moralischen Grundsätzen Dir eine innere, geistige Stabilität zu verschaffen, was darauf hinausläuft, auch den Sinn für das eigene Leben zu entdecken. Entscheidend für den Freimaurer sind die Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Es geht also um Selbst-Erkenntnis.

Was ist der Gewinn von Selbst-Erkenntnis? Das Bewusstsein zu Deiner Freiheit. Die Freiheit selbstbestimmt entscheiden zu können: Will ich Freiheit, oder ordne ich mich ein und unter.

Was viele glauben, sie hätten mit Freiheit immer die Entscheidungsmöglichkeit, sie könnten machen was sie wollen, ist zu kurz gesprungen. Zudem fehlt das Erkennen, dass sie in ihrem Alltag nicht frei sind. Sie haben nicht das Wissen, den Willen und die Ausdauer, immer wieder, jeden Tag, jede Stunde anzufangen, um ihre Freiheit zu kämpfen, weil sie ja glauben frei zu sein.

Freiheit kommt nicht von selbst, sie muss immer wieder erarbeitet werden. Das ist Eigenverantwortung, aber die nutzt gar nichts, wenn sie kein Gegenüber hat, welches Deine Gedanken und Taten spiegelt, ob Dir das nun gefällt oder nicht. Stell Dir vor, Du stehst allein auf einem besonders schönen Strand. Du erlebst den herrlichsten Sonnenuntergang Deines Lebens mit allem Lichtfeuerwerk, aber da ist keiner der ebenso berührt ist, oder dem Du Dich mitteilen, mit dem Du teilen kannst. Das Gemeinsame erleben, das potenziert die Glücksgefühle des Augenblicks. Das kann Dir auch kein virtuelles soziales Netzwerk bieten. Du kannst viele Tausend Follower, viele „Freunde“ haben, aber Gefühle wie Nähe, Geborgenheit, Sympathie und Liebe wirst Du in der virtuellen Welt nie erfahren. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, wir brauchen echte, gelebte Gemeinsamkeit, allein sind wir einsam und nichts. Man ist zwar frei, aber nicht glücklich. So kann auch Eigenverantwortung nur funktionieren, wenn ich auch mit dem Nächsten bin, auch die Verantwortung für den Nächsten trage. Das bedeutet gesunden Egoismus mit Gemeinsinn. Der Freimaurer ist freiwillig eine Verpflichtung eingegangen, zuallererst zu sich selbst, im Weiteren auch zu seinen Brüdern, und darüber hinaus zu allen Menschen dieser Erde.

Gemeinschaft und Gemeinsinn, das bietet die Loge. Freimaurer sind und bleiben jedoch immer Individualisten, sind also Einzelgänger in einer Gruppe. Das ist besser, als allein, nach Lust und Laune herumzualbern, oder vielleicht auch nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Wenn Du einmal genauer nachdenkst, was haben Dir Deine vielen Amüsements, Deine vielen Kontakte auf Partys wirklich gebracht, außer vielleicht Spaß? Was bleibt für Dich selbst übrig?

Sind wir wirklich frei und können selbst entscheiden, wie wir denken und handeln? Das bezweifle ich stark, weil wir zum Großteil manipuliert werden, ohne dass wir das groß wahrnehmen. Davon will auch ich mich nicht freisprechen, aber immerhin habe ich ein Gespür dafür entwickelt, manipuliert zu sein und mich zu bemühen in gewissen Rahmen einen Eigensinn zu entwickeln. Dazu hat mir die Freimaurerei wesentlich verholfen, und ich bin dankbar dafür. Dabei will ich anfügen, dass mein Alter und meine gesammelten Erfahrungen auch dazu beigetragen haben. Damit will ich keinesfalls sagen, dass Alter ein Verdienst ist, sondern Ansporn nicht nachzulassen, mich doch noch zu finden.

Zurück zur Frage, ob wir frei sind. Wie gesagt, ich fange immer wieder an, meine Freiheit zu finden. Wir sind heute, im digitalen Zeitalter, der Taktung der Prozessoren unterworfen. Sie bestimmen unseren Arbeitsalltag, Computersysteme wissen fast alles von uns, ob wir nun Geld am Automaten ziehen, mit unserem Handy telefonieren, oder im Internet surfen und eMails schreiben, alles wird aufgezeichnet und wird dazu benutzt unser Verhalten vorherzusagen und zu steuern, damit uns Angebote gemacht werden können, um schnell (und sicher) Profit zu bringen. Alles unter der Parole, du bist frei, habe deinen Spaß, ich besorge ihn dir. So ist alles berechenbar, der Mensch als solches zählt nichts. Genauso werden wir auch durch die Regierungen kontrolliert und manipuliert, Du als Mensch zählst nichts, sondern nur Deine Arbeitskraft, solange Du sie hast. Schau doch mal in die Altersheime und Krankenhäuser, wie es ist, wenn man aus Dir keinen Profit mehr schlagen kann, was bist Du dann als Mensch wert? Die Macher sind alle im Dienst des Mammons. Wir sind in Wahrheit im Besitz von virtuellen Mächten, die uns manipulieren, denen wir ausgeliefert sind und uns sogar freiwillig ausliefern. Wir haben keine Kontrolle mehr über uns selbst. Also, sind wir frei?

Eine Freimaurerschwester beklagte kürzlich, dass sie keinen kommunikativen Kontakt zu ihrer 14-jährigen Nichte mehr bekommen könne. Früher ist sie jeden Sommer mit ihr verreist, es fand ein reger Austausch während des gemeinsam erlebten statt. Inzwischen sitzt das Mädchen unruhig beim Essen, steht sofort danach auf, setzt sich aufs Sofa und schaut angestrengt auf ihr Handy. Notfalls geht sie einfach auf die Toilette, um ungestört mit ihrem Handy zu sein. Gespräch – null. Das Mädchen ist nicht mehr ansprechbar, ein Gespräch, ein Gedankenaustausch in der Familie findet nicht mehr statt. Das Miteinander ist verschwunden. Ist das Mädchen wirklich frei? Wie soll dieses Kind eine Zukunft des Miteinanders gestalten?

Ein extremes Beispiel, gewiss, aber wir alle sind mehr oder weniger dabei, den Verlockungen der Prozessoren zu erliegen, in die Vereinzelung abzugleiten, dabei das Miteinander zu vergessen, und schlimmer noch, dem Spiel der Medien und den tollen Angeboten des Amüsements, zu erliegen, immer mit dem Gefühl, frei zu sein, weil man uns das suggeriert. Ich kann ja beliebig wählen, aber immer im Rahmen, wo ich berechenbar bleibe und irgendjemand davon profitiert. Mitdenken ist nicht erwünscht und bloß selbst keine (Mit-)Verantwortung tragen, die hat man uns abtrainiert. Aber Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu erreichen, geschweige denn zu erhalten. Verantwortung ist für sich selbst zu tragen und ganz besonders für unseren Mitmenschen. Merke: Auch der ist letztlich verantwortlich, der keine Verantwortung übernehmen will.

Freimaurer sollen sich aus sich selbst heraus, also bewusst, verantwortlich fühlen, – das ist ihre Pflicht. Dazu müssen sie erkennen, wer sie sind und wo sie stehen. Das bedingt immer eine Überprüfung des eigenen Standpunktes, des eigenen Handelns und – was ist sinnvoll? was ist wirklich notwendig? was will ich wirklich?

Das „ERKENNE DICH SELBST!“ ist die Grundforderung an den Freimaurer, und das bedeutet im ersten Schritt Aufmerksamkeit; Aufmerksamkeit was in ihm passiert, wo er steht, wie er denkt, weshalb und wie er handelt. Mit Aufmerksamkeit beginnt die Arbeit an sich selbst, an dem rauhen Stein, der bearbeitet werden muss. Es ist der Wille zur Pflicht des Freimaurers, nach moralischen Grundsätzen zu leben, nicht Herr sein wollen, sondern Diener. Immer mit sich selbst kritisch zu sein, immer kritisch mit dem was in seiner Umwelt geschieht, sich in Beziehung setzen, das ist die Arbeit des Freimaurers. Zugegeben, das ist oft mühsam, bedeutet Widerstand, Mut, auch Demütigung und Demut, aber es lohnt sich, denn der Freimaurer fühlt sich lebendig und weiß wer er ist.

Das ist sein Gewinn.

Freimaurerei ist, wie gesagt, eine Geisteshaltung, die kann aber ohne bewusstes Handeln nichts bewirken. Das bedeutet: Engagement ist gefordert, ein Einbringen für mich als ganze Person, ehrlich und offen, zuverlässig, gradlinig, berechenbar – und ausdauernd; nicht „schau mer mal“ oder „komme ich heute oder morgen“.

Die Freimaurerloge vermittelt Dir ethische und moralische Werte (übrigens uralte), damit erhältst Du eine innere Struktur und Ordnung und die wird immer von Deinen Brüdern getestet und in Frage gestellt. Das ist oft nervig und manchmal unerfreulich, die Brüder machen es Dir nicht leicht. Aber in den Auseinandersetzungen darüber erkennst Du langsam aber sicher Deinen eigenen Sinn, Deinen eigenen Weg. Das nicht nur für innerhalb der Loge nützlich, sondern auch für Deinen Alltag. Das ist Dein Gewinn. Dein Wesen verfestigt sich, weil Du Deinen Standpunkt erkennst und damit, was Dir wirklich wichtig ist. Du wirst toleranter, verständnisvoller und pflegst einen liebevolleren Umgang in der Familie, im Verein und der Gesellschaft, wo immer Du Dich engagierst. Aber Du lässt nicht mehr alles mit Dir machen.

Das hast Du nun davon, wenn Du Dich zur Freimaurerei bekennst.

Der Freimaurer ist Gestalter, für sich und seine Mitmenschen. Das erfordert Achtsamkeit und ist unbequem.

Also lieber Freund, entscheide, was Du willst, was Dir Gewinn bringt:Willst Du bewusst durchs Leben schreiten? Willst Du Teilnehmer, oder nur Zuschauer sein? Willst Du bewusst entscheiden? Willst Du eine Aufgabe? Willst Du Verantwortung übernehmen?

Der Lohn des Freimaurers, sein Gewinn ist, dass er bewusst am Leben teilnimmt, anstatt die Illusion zu haben, in Freiheit am Leben teilzunehmen. Er wird im Laufe seines Freimaurerlebens mehr und mehr Herr seiner selbst, anstatt in geistiger Unfreiheit, auch wenn das bequem ist, einfach so zu existieren.

Lieber Freund, es spielt für mich keine Rolle, ob Du den Weg in die Freimaurerei gehen willst oder nicht. Du bist und bleibst mir lieb und teuer, ein für mich wertvoller Mensch, mit dem ich auch gerne in Zukunft zusammen sein möchte.

In diesem Sinne bin ich

Dein Freund.“

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Ordnung, oder: Was ich am Puzzeln schätze

Puzzle

Winterzeit ist Puzzlezeit. Die Tage sind kurz und trüb, man geht im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln wieder heim. Wind, Kälte, Nässe und eine gut beschreibbare Ungemütlichkeit lassen uns zu Hause bleiben und selten gehen wir abends noch vor die Tür. Man liest, sieht fern, macht Dinge, die man das ganze Jahr vor sich hergeschoben hat und dann kommt es: Ein Familienmitglied geht auf den Dachboden, um eines der vielen dort aufbewahrten Puzzle zu holen, damit wir es auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten.

Die Puzzle sind nicht zu klein und nicht zu groß, meist mit 1000, 1500, aber maximal 2000 Teilen. Weniger wäre keine Herausforderung, mehr würde die Größe des Tisches nicht hergeben. Es sind, wie schon erwähnt, nicht immer neue Puzzle, denn das Neue ist nicht das Wesentliche am Puzzeln. — Was aber macht den Reiz dieses Spieles aus?

Wenn ich den Deckel des Kartons öffne, sehe ich ein Großmaß an Unordnung; Chaos. Ich schüttle den Karton, durchkämme mit den Fingerspitzen die losen Einzelteile und greife die ersten Teile, meistens die mit einer geraden Schnittkante, die sich als Randteile zu erkennen geben, heraus. Und jedes Randteil, das ich erspähe und zur Seite lege, ist ein kleiner Erfolg, eine kleine Belohnung meines Bemühens, ein kleines Glücksgefühl. Nach dem ersten Sichten werden Teile systematisch untersucht und so der gesamte Puzzlerand erst lose und dann mit der Zeit passend zusammengesetzt. Dann werden die Puzzleteile ohne Schnittkante grob in Farben sortiert und in verschiedenen Gefäßen gesammelt, um dem Ganzen eine Grobstruktur zu geben. Und immer wieder habe ich eindeutige Entscheidungen zu treffen: Es gibt eine Ober- und eine Unterseite, ein richtig und falsch. Bei den Farben aber ist es noch eine vage Unterteilung.

Jedes Puzzleteil ist individuell, kein Teil gleicht einem Zweiten, es hat Nasen oder Buchten, die ineinandergreifen. Sie haben ihren eigenen präzisen Platz in dem entstehenden Bild. Es wird probiert und probiert, aber am Ende gibt es kein „Vielleicht“, kein „Eventuell“, kein „Könnte sein“, oder mehr als eine Möglichkeit, sondern nur: passt oder passt nicht.

Wichtig ist das Licht. Ohne die richtig Ausleuchtung, damit kaum Schatten fällt, die Puzzleteile nicht spiegeln und der Kontrast für ein klares Erkennen der Einzelteile ausreicht, wird es anstrengend. Und dann kommt es: Man starrt minutenlang auf das unfertige Bild, die vielen Teile verschwimmen vor den Augen, man verliert die Konzentration und dann kommt ein Dritter, völlig Unbeteiligter, schaut kurz, nimmt ein Puzzelteil und legt es an die passende Stelle. Und man denkt: Was für ein Glückspilz und lobt ihn; nicht wirklich aufrichtig. Und wenn dann von dem Glücklichen noch ein „Passt!“ oder „Siehste?“ kommt, presst man leicht die Lippen zusammen, denn das kratzt schon am Puzzlerstolz. Und ich denke, es ist wie im richtigen Leben: Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht und in dem Moment kommt ein Laie daher, macht wenig bei viel Erfolg und du stehst da wie ein Depp.

Was nun hat das alles mit der Freimaurerei zu tun? Die Gemeinsamkeiten sind nicht offensichtlich. Der Reiz des Puzzlens ist nicht das Ergebnis, nicht das fertige Bild, an dem ich mich, wenn es denn vollendet ist, eine paar Tage erfreue, um es dann wieder zu zerstören und auf dem Dachboden zu verstauen. Ich kenne kaum einen Zeitvertreib, bei dem der Spruch vom Weg, der das Ziel sei, so passend ist. Es befriedigt gleichzeitig die Sehnsucht nach Struktur und Ordnung in einer immer chaotischer werdenden Welt. Gemeinsam puzzeln, schweigend, in einer gefühlten erholsamen Verbundenheit, ist ein Erlebnis, auf das ich mich jedes Jahr (und so geht es meiner Familie auch) wieder freue.

Hier gibt es sehr wohl Gemeinsamkeiten zur Freimaurerei.

Die Ruhe, die ich beim Puzzeln finde, in mich gekehrt, gedankenverloren, die Welt und die Zeit um mich vergessend, um dann entspannt und zufrieden wieder in die wirkliche Welt einzutauchen. Die Geduld, die ich benötige, den Eifer und den Fleiß sowie die Beharrlichkeit, die mich zum Erfolg führen; das alles läßt sich auch in unseren Lehrgesprächen der Lehrlinge wiederfinden. Hier sehe ich die Gemeinsamkeiten zu unserer rituellen Arbeit.

Gefundene Teile kann man, wie Brüder, nicht in eine vorhandene Lücke pressen, sondern muss mit Bedacht und Eifer den passenden Platz für sie finden, und die Teile müssen passgenau in die Lücken gleiten, jeder Zwang oder jedes Verformen, jedes Nötigen wäre fatal; mit Gewalt zurechtgebogene Teile fehlen an anderer Stelle und das Gesamtbild wäre krumm und schief. Hier ist die Verbindung zur Bruderkette.

Nur einen gravierenden Unterschied gibt es doch zwischen Puzzeln und Freimaurerei: Ein Puzzle ist endlich, die Maurerei ist es nicht.

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Zukunft — Quo vadis?

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Unser Gastautor Fritz Bründer hat sich anlässlich eines Vortrages in der Hoyaer Loge “St. Alban zum Æchten Feuer” mit den Zukunftsfragen “Was ist morgen? Was bringt mir die Zukunft? Wie wird das Wetter? Wie alt werde ich? Bleibe ich gesund?” beschäftigt, die eine rege Diskussion auslösten.

Alles Fragen in die Zukunft; Fragen, die wir gerne beantwortet haben möchten, die aber keiner beantworten kann. Und das ist gut so, sonst würde es Menschen geben, die mit Geld und Gewalt diese Fragen für sich positiv beantworten würden.

Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit und Komfort. Arbeit ist für viele ein lästiges Übel. Sie vergessen dabei, dass Arbeit und Leistung etwas sehr Gutes sind. Es ist eine Gnade, wenn wir arbeiten können und etwas schaffen, das erhöht unser Selbstwertgefühl und gibt uns die Würde und Achtung für und in unserem Leben und fördert die Wahrheit für den Verstand. Weiter gehört zu unserer Zukunftsfähigkeit und zu unserem Dasein genügend Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung und Wohnung, ausreichende Bewegung, Erziehung und Ausbildung. Das alles sind entwicklungswichtige Ziele. Junge Menschen müssen ständig durch praktische Übungen wie Selbstbeherrschung, Menschenliebe, Umsicht, Tatkraft, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit ausgebildet werden. Die Führenden in Politik und Wirtschaft und auch Kirchen müssten für unfähige und bewusst lebenswichtige Entscheidungen und Handlungen zur Rechenschaft gezogen und haftbar gemacht werden. Damit wäre eigentlich schon alles gesagt – aber es geht noch ein bisschen weiter.

Der Strukturwandel oder die Globalisierung sind in unserem Leben feste Größen. Aufgeregte Diskussionen lohnen nicht. Das Problem ist, dass wir nicht mehr für alle Menschen auf dieser Welt genügend Arbeit haben, und zwar geht es um die bezahlte und bezahlbare Arbeit. Es wird immer wieder Menschen geben, die bereit sind für weniger Geld die gleiche Leistung zu erbringen. Ein Personalwechsel wird aber oft durch Tarifkartelle verhindert. Zunächst ist das richtig. Temporären Entwicklungen läuft das aber entgegen, da der jetzige Stelleninhaber immer mehr Prozentanteile seines Einkommens mit den Erwerbslosen teilen muss. Eine Umverteilung von Leistung und Entgelt und Nichtleistung und Entgelt sichert daher im Moment den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft. Also zukünftig Lohn runter und ohne Arbeit kein Lohn?

Ein weiterer Gedanke. Politiker erzählen vor der Wahl, nach der Wahl wird Alles besser. So lügt sich fast jeder an die Spitze. In Europa sind die Staaten zu Reparaturbetrieben des Kapitalismus verkommen; wie lange geht das noch gut? Wirtschaftswundergeschichten schreiben andere. China ist ein neuer Industriegigant, der Rohstoffe und Investitionskapital ansaugt und so zur „Fabrik für die Welt“ heranwächst – unter Missachtung des einzelnen Menschen. Eine Arbeitsteilung zwischen den Staaten ist nicht durchführbar, d.h. jeder produziert und exportiert das, was er am besten kann – der eine Wein, der andere Soja und veredelte Textilien und so weiter. Die Globalisierung hat diese Idee längst entscheidend verändert, weil ehemalige Dritte-Welt Staaten sich mit diesem Status nicht abfinden wollen. Sie wollen nicht nur Grundstoffe verkaufen, sondern auch daraus veredelte Produkte.

Die einstigen Technologieführer müssen neue Produkte und effizientere Fertigungsverfahren entwickeln, damit sie im Wettbewerb nicht zurückfallen und verarmen. Sie müssen eine innere Dynamik entwickeln, sparsam wirtschaften und nicht mehr Geld ausgeben als sie haben. Die besten Bedingungen für einen kreativen Wettbewerb und eine kreative Entwicklung ist nur zwischen kleinen Einheiten, also zwischen den einzelnen Ländern, möglich; ähnlich wie inhabergeführte Geschäfte oder Unternehmen, die wie in manchen Weltunternehmen den Erfolgsleidensdruck kennen. Die deutsche Wirtschaftsgeschichte ist dafür der beste Beweis. Das hohe Ansehen – „Made in Germany“ – ist ein Prestige, auf das alle stolz sein können, die daran ein Jahrhundert mitgearbeitet haben. Mit diesem Pfand kann man wuchern. Er darf nicht ersetzt werden durch ein „Made in Europa“.

Bei alledem dürfen wir nicht vergessen, dass wir in einer endlichen Welt leben und unser Leben endlich ist. D.h. die natürlichen Ressourcen unserer Welt sind begrenzt, wir müssen damit haushalten. Ein richtiger Weg ist die Produktion von Transgenik – weniger Pflanzen unter strengem Controlling. Künstliche Chemie – Nutzung der natürlichen Abwehrkräfte der Pflanze. Das schont die Umwelt und fördert die Ansiedlung von Tierarten und Pflanzen, die vorher durch die Chemie dezimiert worden sind. Dieses Beispiel zeigt uns auch, wie wichtig die Wissenschaft im Allgemeinen und die technische Entwicklung im Besonderen für die Menschheit ist. Diese Entwicklungen sind wiederum nur von Großunternehmen zu leisten und auch möglich, da viele Konzerne mit ihren Gewinnen nicht Produktives anzufangen wissen. Man bedenke: Um die 360 Milliarden Euro lagern in der Karibik.

Marktwirtschaftler gehen in ihren Theorien immer nur von Konsum und Nachfrage aus. Hoher Verdienst des Konsumenten bedeutet hohe Nachfrage nach Konsumgütern, das wiederum heißt hohe Produktionswerte von Konsumartikeln. Ist die Nachfrage gering, muss dann der Saat eingreifen und den Konsum anheizen. Dazu braucht er Geld, das er meistens nicht hat. Also leiht er sich Geld – ein Teufelskreis. Bisher hat dieses System funktioniert, weil wir noch genügend Ressourcen haben und wenig Wohlhabende auf Kosten vieler Unvermögender leben. Das Ende der Ressourcen und das Ende des Stillhaltens der Ärmeren kommt mit zunehmender Globalisierung immer näher. Diese Hypothek für unsere Kinder wird immer größer, wie auch die Zahl der Menschen beständig wächst.

Eine Lösungsmöglichkeit ist die sinnvolle Information des Einzelnen über andere Länder und Kulturen und über die absolute Endlichkeit unserer natürlichen Ressourcen. Parallel dazu müssen wir mehr in die Bildung der Menschen investieren. Nur kluge Menschen mit Lebenserfahrung sind in der Lage, die tägliche Situation zu definieren und zu verstehen. Politiker sind dazu in der Regel ungeeignet, weil sie meistens nur Machtbesessen sind, dies aber in Abrede stellen!

Die Frage ist nämlich, ob unsere Industriegesellschaft der Macht; die sie in der Natur gewonnen hat, sittlich, geistig und politisch gewachsen ist. Wenn nicht, könnte sich das deutsche Märchen vom armen Fischer und seiner Frau wiederholen, als das Drama unserer Industriegesellschaft: Aus der Hütte in das Häuschen, vom Häuschen in den Palast, vom Palast auf den Königsthron, vom Königsthron auf den Stuhl vom Papst. Wer diesen Weg hinter sich hat, wird schließlich auch noch die Macht des Schöpfers für sich haben wollen. Dann aber führt dieses Wachstum an den Ausgangspunkt zurück, sofern es den dann noch gibt. Was wir brauchen ist ein Gemeinschaftsgefühl aller Menschen dieser Erde, ohne dieses Gefühl haben wir alle keine Zukunft.

Bedenken wir, das Kapital hat einen Horror vor wenig oder keinem Profit. Mit Profit erwacht das Kapital:  bei 10% Profit wird es noch mal sicher,  bei 20% lebhaft,  bei 50% positiv waghalsig,  bei 100% stampft es die menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, bei 300% gibt es kein Verbrechen, da es nicht existiert und als allgemein gültig angesehen wird. Aber im Moment geht die Entkopplung des Geldsystems von der realen Wirtschaft fröhlich weiter. Das Feuer heutiger Staatsfinanzen wird nicht mit Wasser gelöscht, sondern mit dem Brennstoff, der auch Finanzkrisen auslöst – mit geliehenem Geld. Die Ungleichheit geht weiter, der sogenannte Gini-Koeffizient sagt: Er liegt bei null, wenn Alle das Gleiche verdienen und steigt auf hundert, wenn einer das gesamte Einkommen kassiert und alle Anderen leer ausgehen. Seit Mitte der 80erJahre nahm er zu von 29% auf 32%. Es gibt kaum ein Land, in dem in diesem Zeitraum bis heute die Ungleichheit zurückgegangen ist.

Ziel unseres Handelns als Freimaurer muss es sein, nach einem Vernunftgesetz von Schröder zu handeln: Wahrheit für den Verstand, Recht für den vernünftigen Willen, Bruderliebe für das Herz oder die gesellige Neigung. Auf diesen Zweck, ehrliche Leute aus Überzeugung zu vereinigen und zu bilden, muss die Freimaurerei sich einschränken. Wir sind Menschen, weiter nichts; wir kennen keine Würde, als die, der Mensch sich selbst gibt.

Abschließend: Wir brauchen keine Wissenschaftler, die sagen: Wir haben die Fakten geliefert. Wir brauchen keine Politiker, die sagen: Wir haben die Fakten gehört.

Wir brauchen Menschen mit Moral!

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Lehre uns bedenken

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Im November werden in in der Logen sogenannte Trauerlogen gehalten. Das sind dem Anlass entsprechend abgewandelte rituelle Zusammenkünfte, bei denen den verstorbenen Brüdern gedacht wird. Als Vortrag wird ein Nekrolog gehalten, der sich mit dem zuletzt verstorbenen Bruder oder allgemein mit dem Themen Tod und Vergänglichkeit beschäftigt. Nachstehender Vortrag wurde dieser Tage in einer Loge gehalten.

“Gespräche über Tod und Sterben sind für viele auch im engsten Familienkreis ein Tabuthema. Gerne werden Themen wie Testament, Betreuungsverfügung und Vorsorgevollmacht in Ehen oder Familien verdrängt. Niemand mag solche brisanten Dinge ansprechen.

Umso erstaunlicher war es, dass ich mit der Ehefrau eines Bruders auf unserem Logenausflug im September auf das Thema Tod zu sprechen kam. Ich sagte ihr, wie wichtig es ist, dass wir sterben müssen. Da fragte sie, ob ich Bestatter sei. Nein, das bin ich nicht. Über meine Antworten bei diesem Gespräch kam ich zu meinem heutigen Thema: Auf sehr vielen Beerdigungen höre ich aus dem Psalm 90 „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Und diesen Satz halte ich es für Wert, ihn zu diesem Anlass in Erinnerung zu rufen.

Jedes Lebewesen fürchtet sich instinktiv vor dem Tod. Diese Abwehr ist tief in uns verwurzelt. Das ist sinnvoll, denn sie macht uns sorgsam im Umgang mit dem Leben. Die Angst vor dem Tod hat eine biologische Funktion. Sie stärkt unseren Lebenswillen. Die Furcht vor dem Tod blenden wir immer wieder aus, solange wir mitten im Leben stehen und es uns gut geht. So wie es ist, denken wir, kann es immer bleiben. Aber der Tod ist biologisch in uns verwurzelt und nicht etwa eine Fehlfunktion. Denn stellt euch vor, ihr würdet ewig leben. Wäre das wirklich erstrebenswert?

Wäre unser Leben unbegrenzt, so wäre es nur eine endlose Wiederholung, eine Dauerschleife. Wir könnten einen schönen Zustand endlos in die Länge ziehen oder immer wieder neu herbeirufen, um ihn auf ewig zu erhalten. Doch irgendwann wird auch das leckerste Essen fade. Kein Augenblick und keine Entscheidung hätte Bedeutung; was heute nicht ist, wäre morgen oder übermorgen oder über-übermorgen oder irgendwann. Wir könnten Entscheidungen immer wieder auf morgen verschieben und würden sie vielleicht nie fällen.

Aber Leben heißt auch Veränderung. Es gibt Jahre im Leben, die plätschern so dahin. Im Rückblick jedoch erinnern wir uns mehr an die Zeiten, die ereignisreich waren: Erste Liebe, Hochzeit, Geburten, Krankheiten, Todesfälle, wegweisende Entscheidungen und, und, und. Also immer an Phasen im Leben, in denen etwas geschah, in denen wir etwas erlebt haben. Würden wir ewig leben, wären diese besonderen Herausforderungen und Ereignisse nicht zwangsläufig zahlreicher. Wir würden sie lediglich quasi in einem Schneckentempo erleben, oder wie ein Stein im Wasser, der sich im Laufe der Jahrhunderte nur sehr langsam verändert.

Der Tod füllt unser Leben mit Sinn, denn ohne seine Lebensgrenze verlöre alles in unserem Leben seine Farbe, seinen Geschmack, seine besondere Bedeutung. Die Endlichkeit unseres Lebens verleiht ihm Einmaligkeit. Jeder unwiederbringliche Moment hat einen besonderen Wert. In die Unendlichkeit verlängert würde unser biologisches Leben dagegen ‘tödlich’ langweilig. Alles hat darum seine Zeit – seine angemessene Zeitspanne.

Leben beschreibt eine Qualität und ist an der Zeitdauer, der Länge nicht angemessen zu messen. Es ist nicht entscheidend, wie lange wir leben, ob 60, 70, 80 oder 90 Jahre. Wichtig ist, dass wir unser Leben mit Leben füllen. Diese Erfahrung machen viele Menschen, gerade wenn sie an die Grenze des Lebens kommen. So beschreiben Menschen, die sich auf Grund einer schweren Erkrankung der Endlichkeit ihres Lebens stellen mussten, dass sie darauf hin viel intensiver gelebt und einen Blick für das Wesentliche entdeckt haben. Sie leben viel bewusster, versuchen sich noch alle unerfüllten Wünsche zu erfüllen und versäumte Beziehungen zu ihren Mitmenschen in Ordnung zu bringen.

Geboren werden und sterben – Leben und Tod gehören zusammen. Der Blick auf die Grenze des Lebens schärft unsere Wahrnehmung für die Lebensmitte. Mit dem Gedanken an den Tod können wir unserer Zeit bewusst mehr Bedeutung geben. Wir dürfen unsere Zeit nicht einfach verplempern, sondern müssen sie nutzen. Wenn die Zeit da ist, etwas zu machen, was uns wichtig ist, müssen wir es auch tun. Vielfach hört man den Satz „Wenn ich erst einmal in Rente bin, dann mache ich …“ Das ist falsch. Jetzt ist die Zeit, jetzt muss man anpacken, was man sich vornimmt. Man weiß nie, ob sich jemals noch die Möglichkeit, Fähigkeit oder Kraft dazu ergibt.

Jeder von uns hat viele Anlässe im Laufe der Zeit, die uns Gelegenheit geben, uns mit der Begrenztheit des Lebens auseinanderzusetzen. Da sind vor allem Begegnungen mit anderen Menschen zu nennen, die schwere Krankheiten erleben, mit alten Menschen, mit Trauernden. Solche Erlebnisse können sehr intensiv sein. Manche dieser Menschen werden für uns zu Lehrenden. Sie zeigen uns, wie lebensbejahend es sein kann, dem Tod zu begegnen. Sie lehren uns, den Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu richten.

Und das bedeutet eben nicht nur, Geld, Macht und Wohlstand anzuhäufen. Im Angesicht des Todes lässt sich leichter unterscheiden, was wirklich kostbar ist: Die Menschen, das Erlebte, Freude und Trauer, Höhen und Tiefen. Man muss loslassen lernen, nicht nur materielle Werte, sondern auch Dinge, die uns belasten. Man muss wahrnehmen, was jetzt ist, mit der Vergangenheit müssen wir abschließen, sie ruhen lassen.

Als Freimaurermeister lernen wir, den Tod als Teil von uns anzunehmen und das Leben davor bewusster zu leben. Wir werden mehrfach ermahnt „Denk an den Tod“. Insofern sind wir auf einem guten Weg, aber wir müssen beständig daran arbeiten.

Lehre uns Bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.”

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Freimaurer werden — Was habe ich davon?

Two men sitting at the beach and talking

In einem fiktiven Dialog zwischen einem gestandenen Freimaurer und einem jungen Interessenten, beide offenbar befreundet oder näher bekannt, beleuchtet der Autor, warum man seiner Meinung nach Freimaurer werden sollte und dass es unterschiedliche Zugänge zur Freimaurerei gibt.

Bernd: Schön, dass du wieder zu uns kommst, mein Freund, bestimmt hast du über meine Frage, ob du dich uns, den Freimaurern, anschließen willst, nachgedacht.

Lars: Da konnte ich gar nicht viel nachdenken: Erstens hatte ich keine Zeit, du weißt: Familie und Beruf, und zweitens weiß ich auch nichts Konkretes von den Freimaurern.

Bernd: Ich habe dir aber eine Schrift mitgegeben, da sind die Ziele doch benannt, nämlich Hinführung zu brüderlichen Denken und humanen Verhalten.

Lars: Nimm es mir nicht übel: was da drin steht, ist in meinen Augen alles ziemlich nebulös und unscharf. Mit „brüderlich denken“ und „human handeln“, wie es dort steht, konnte ich nicht viel anfangen. Was soll das denn eigentlich sein?

Bernd: Das finde ich sehr schade, wenn Du damit nichts anfangen konntest. „Brüderlichkeit“ und „Humanität“ sind doch sehr tiefsinnige Begriffe.

Lars: Für Dich vielleicht, für mich sind sie ohne Inhalt, also Bla-Bla. Also ich bitte Dich: Rede nicht dauernd so geschwollen wie ein Politiker mit allgemeinen Begriffen herum, sondern sage mir klipp und klar und konkret: Was habe ich davon, wenn ich Freimaurer werde?

Bernd: Jetzt muss ich nachhaken: Wie meinst du das: „etwas von etwas haben“?

Lars: Nun, ich meine: Wie profitiere ich davon?

Bernd: Meinst du das im beruflichen oder materiellen Sinne? Meinst du Geld oder Chancen für dein berufliches Wohl?

Lars: Ja, so ungefähr. Ihr faselt immer von Ideen und der Geschichte, aber ich bin jung und will Karriere machen, ich brauche Förderung. Ohne das große „B“ der Beziehungen läuft doch heute nichts mehr. Wenn ich diesbezüglich bei Euch profitieren kann, wenn Ihr mir helft, nutzbringende Beziehungen anzuknüpfen, wenn einflussreiche Leute bei Euch Mitglied sind, dann komme ich sofort.

Bernd: Es ist schön, dass du dich um deine Zukunft im Beruf sorgst. Und Beziehungen sind gut und wichtig, wenn auch – wie ich meine – nicht allein ausschlaggebend. Ich glaube aber kaum, dass die Freimaurer dir da helfen können, zumindest ist das nicht ihr Ziel. Per Zufall kann sich höchstens eine Möglichkeit ergeben, auch beruflich einen Kontakt zu knüpfen oder einen Rat zu bekommen. Aber auf die direkte Frage: Habe ich berufliche Vorteile von der Freimaurerei?, müßte ich sagen: Zunächst einmal nicht! Doch überlege: Ist der Beruf alles, was dein Leben ausmacht?

Lars: Natürlich nicht: Da ist der Urlaub, da sind die Frauen, der Spass auf den Partys, die Reisen, mein Sport, das Leben halt eben, ich lebe doch nicht nur für meinen Job.

Bernd: So sage mir doch bitte einmal, nach welchen Kriterien du deinen Beruf gewählt hast, warum hast Du diesen Beruf gewählt.

Lars: Nun, so groß ist heute das Angebot ja nicht, aber: Er soll mir gutes Geld einbringen, möglichst krisenfest sein und mich interessieren und mir liegen.

Bernd: Was heißt „mich interessieren“?

Lars: Er soll auch nach Jahrzehnten nicht langweilig sein. – Ich will wirklich Verantwortung für eine Sache haben. Auch will ich ihn wirklich gerne tun.

Bernd: Du meinst also, um etwas gerne zu tun, muß man sich verantwortlich fühlen können und dürfen.

Lars: Ja, sonst lebe ich doch stumpfsinnig.

Bernd: Das mit der Verantwortung erkläre mir noch genauer.

Lars: Ich will in meinem Beruf mich selbst fordern müssen. Wenn man mir alles vorschreibt, habe ich nichts zu denken.

Bernd: Ich erkenne: Verantwortung und Denken gehören zur Entwicklung deines Lebensplanes. Das sind positive Eigenschaften, dazu gratuliere ich. Aber: Lass mich noch einmal nachfragen: Wem gegenüber fühlst du dich verantwortlich?

Lars: Allem, meinem Betrieb, meiner Arbeit, meinen Kunden, meiner zukünftigen Familie, meinem Leben.

Bernd: Also auch dir selbst! – Du fühlst Dich Dir selbst auch verantwortlich?

Lars: Das ist doch klar.

Bernd: Wenn das so klar ist, dass Du dir gegenüber verantwortlich bist, dann verstehe ich wiederum nicht, warum du nicht zu uns Freimaurern kommen möchtest.

Lars: Den Zusammenhang verstehe ich nun nicht.

Bernd: Nun, ich stelle dir eine These auf: Wer sich freimaurerisch betätigt, der lernt, mit sich und anderen verantwortungsvoll umzugehen.

Lars: Das klingt gut, überzeugt mich aber nicht: Um verantwortlich zu handeln, muß ich einen Maßstab haben.Ich muß erkennen, ob ich gute Arbeit leiste. Das zahlt sich beispielsweise in meinem Beruf in klingender Münze aus. Ich muß erkennen, ob ich mich richtig verhalte. Das zahlt sich in sozialen Kontakten aus. Ich muß erkennen, ob ich ankomme. Mein Erfolg bei den Mädchen beweist mir das. – Mein Bankkonto wächst, ich bin gut versichert, meine Freundeskreis ist groß, ich habe eine tolle Frau kennengelernt, die ich vielleicht einmal heirate, was soll ich mit den Freimaurern?

Bernd: Ganz richtig, nur hast du eines vergessen: Du bist beruflich, sozial und mental abhängig von deiner Umwelt und du bist nicht ewig jung. Laß mich etwas ausholen. Die Freimaurerei stammt aus einer Zeit, in der Menschen unfrei waren: sie waren es geistig und viele waren es körperlich, waren es politisch. Die Freimaurer erkannten, dass man erst dann körperlich oder politisch frei werden kann, wenn man vorher geistig frei geworden war. Der körperlichen Freiheit ging also immer die geistige Befreiung voraus. Das erkannt und durchgesetzt zu haben, ist die geschichtliche Leistung der Freimaurer.

Lars: Gut, aber wir sind heute frei, was soll das also?

Bernd: Glaubst du das wirklich? Glaubst du wirklich und nach innerster Überzeugung, du seist frei?  Ist dein Kopf wirklich frei? Frei von aufgezwungenem Lebensstil? Frei von Klischees über das schöne Leben? Frei von Konsumzwang? Frei von aufgezwungenen Bildern? Frei von Gewinnterror? Frei von Manipulation? Frei von Materialismus? Frei von Vorurteilen? Hast du wirklich über dein Leben und deine Vorstellungen entschieden, oder hast du dein Unterbewusstsein von denen entscheiden lassen, die uns manipulieren?

Lars: Äh, jetzt bringst du mich wirklich in Verwirrung, aber ich will darüber nicht nachdenken, das ist mir zu kompliziert.

Bernd: Das ist der Punkt, mein Freund, Du willst nicht denken, weil es Dir zu anstrengend ist, zu kompliziert vorkommt. Natürlich ist es einfach und bequem, Andere für sich denken zu lassen, aber Du sagtest doch selbst, Dass Du Dein Leben entscheidend selbst gestalten möchtest. So wirst Du sicher erkennen, dass wir zwar die allgemeine Freiheit erreicht haben, dass aber doch die Methoden der Unterdrückung, der geistigen Unterdrückung, subtiler geworden sind, dass sie kaum noch durchschaubar für uns sind. Wenn wir nicht mehr denken wollen, sind wir genau da, wo man uns hinhaben will: Wir sind dann nämlich gedankenlose zahlende Objekte der Spaß- und Konsumindustrie. Und nur als solche wertvoll und interessant. Und deshalb sage ich dir: Wenn Freimaurerei heute eine Aufgabe hat, dann ist es die, uns Menschen das Denken zu erhalten und zu lehren. Wohlgemerkt: Denken in einem ethischen Sinn: Selbstverantwortung zu lernen und damit auch Verantwortung gegenüber dem Anderen und der Umwelt. So wie früher die politische Befreiung erst nach der geistigen Befreiung kommen konnte, so kann heute ein verantwortungsvoller Umgang mit der Welt, in der wir leben, erst dann kommen, wenn jeder einzelne gelernt hat, mit sich selbst verantwortlich umzugehen. Und dazu verhilft uns die Freimaurerei!

Lars: Wie denn?

Bernd: Das kann ich genauso wenig rational erklären wie ich den Glauben erklären kann. Man muss eine Voraussetzung mitbringen: Die Überzeugung, dass wir überhaupt etwas verändern oder aufhalten können. Und wir brauchen das Wissen und die Geduld dafür , dass das ein historischer Prozess ist, so wie die Aufklärung auch ein Prozess war von 400 Jahren, nämlich seit dem 14. Jahrhundert, seit der Renaissance. Es genügt meiner Meinung nach schon, wenn Menschen in unserer Zeit bewusst sagen: Wir glauben an das Gute im Menschen. Wir glauben an die Geistigkeit des Menschen. Wir glauben an die Selbstverantwortung des Menschen. Wir glauben an die Sozialverantwortlichkeit des Menschen. Wir glauben, dass es Werte gibt, die erhalten und unseren Mitmenschen und unseren Kindern überliefert werden müssen und wir glauben schließlich, dass der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach innerem Erleben und nicht nur äußerer Zerstreuung hat. Das müssen wir als Freimaurer sagen, immer wieder sagen, und immer wieder vorleben, das ist zunächst und heute unsere Aufgabe und unsere Pflicht!

Lars: Ich glaube, ich sehe nun, was Du willst.

Bernd: Nicht ich will, wir Freimaurer wollen das. Aber das ist noch nicht alles. Meinst du nicht, mein Freund, du hättest einen Gewinn für dich und für dein Leben und auch für deinen Beruf: weil Du Dich selbst erkannt hast und weil Du gelernt hast, Dich als Dich selbst anzunehmen, weil du lieber lebst, weil du fröhlicher lebst, weil du bewußter lebst, weil du wahre Freunde hast, weil du mit deinen Problemen nicht alleine gelassen wirst, weil Du gesehen, nein selbst erfahren hast, wie groß die Fülle des inneren Reichtums in unseren Herzen sein kann?

Lars: Moment, Moment, das geht zu schnell, wiederhole mir das bitte noch einmal: Also: ich lebe lieber, weil ich Freimaurer bin?

Bernd: Das ist zwar richtig, aber es wäre eine zu simple Reduzierung. Du lebst lieber, wenn Du bewusster lebst; Du lebst lieber, wenn du innerlicher lebst; Du lebst lieber, wenn Du Brüder, d.h. Freunde hast; Du lebst lieber, wenn Du das Ich zurücknimmst und dich dem Du zuwendest; Du lebst lieber, wenn du weißt, dass du eine geschichtliche Tradition fortsetzt, die eine der bedeutendsten geistigen Leistungen der Menscheitsgeschichte darstellt. Und wenn du nun dieses Ganze bewußt mit den Erscheinungen deiner – unserer Zeit vergleichst: Meinst du nicht, du hättest etwas davon, wenn du mehr siehst fühlst, erkennst und durchschaust als andere?

B. Das mag schon sein, ja ich glaube, dass ich das auch will. Aber ich kann schließlich das alles auch vollbringen, ohne gleich in einen Verein eintreten zu müssen.

Bernd: Natürlich, theoretisch kann das jeder, und du musst ja nicht eintreten, aber: Gemeinsamkeit hilft und macht stark, und ein „Verein“ ist eine Freimaurerloge nur im rechtlichen Sinne. Die Loge ist eine Bruderschaft, ein freier Freundesbund, die sich von der Bauhüttentradition, d.h. den Versammlungsorten der Dombaumeister im späten Mittelalter, wo man das freie Wort schätzte, herleitet. Sie bietet aber auch vielerlei mehr, glaube bloß nicht, dass wir hier nur ernst herumsitzen und philosophieren – nein, eine Loge, das ist auch eine gelebte Geselligkeit mit vielerlei Anregungen und Veranstaltungen aller Art. Sie ist – und jetzt komme ich wieder zu den von Dir kritisierten Allgemeinplätzen – ein Ort der geistigen Weiterbildung, der sittlichen Erneuerung, der gelebten Humanität. Aber alles das muss man erfahren, kann man nicht einfach so erklären.

B. Nach allem, was ich gelesen hatte, hatte ich mir die Freimaurerei so nicht vorgestellt.

Bernd: Das ist so ähnlich, wie wenn Du in einem Prospekt von einem tollen Auto liest und meinst, du kennst es jetzt. Aber erst dann, wenn Du es länger gefahren hast, erkennst Du seine Stärken.

Lars: Und seine Schwächen.

Bernd: Ganz richtig: überall da, wo Menschen zusammen kommen, gibt es Stärken und Schwächen. Freimaurer bemühen sich, den Dir genannten Zielen zuzustreben, sie sind keine besseren Menschen, sondern Menschen, die bewusster mit sich und der Umwelt umgehen wollen. Sie nennen ihre Ziele pauschal den „Tempel der Humanität“. Aber sie wissen, dass sie sich immer wieder aufs neue um seinen Bau bemühen müssen.

Lars: So wie Sisiphus den Stein immer wieder auf den Berg schiebt – auch wenn er wieder herunter rollt?

Bernd: Ja, ganz richtig – aber wir glauben doch, dass er immer etwas weiter oben liegen bleibt. Und nun will ich dir noch etwas sagen, etwas, das deine Spassfreunde auf deinen Partys betrifft: Wo werden sie sein, wenn du sie nicht mehr amüsierst? Mit wem von ihnen kannst du ein Gespräch in seelischer Not führen? Wo hast du denn eine geistige Heimat? In der Disco oder auf dem Tennisplatz etwa? Wer sitzt an deinem Bett, wenn du krank oder alt bist? Wer lehrt dich, auch angesichts des Todes nicht zu verzweifeln? Mein Freund, lass uns zum Ende kommen: Wenn Du immer noch meinst, du hättest nichts davon, ein Freimaurer zu werden, dann lass die Finger davon. Wenn aber in unserem Gespräch irgend etwas Dich angesprochen hat, wenn eine Saite in Dir geklungen hat, die Du vorher nicht gehört hast, dann folge diesem Klang.

Lars: Ich muß über alles das erst nachdenken, gibst du mir noch etwas Zeit?

Bernd: So viel du immer willst

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