Über die Orden

Gold and silver sport medals

Manche Themen sind zeitlos. Die nachfolgende unterhaltsame Polemik wurde bereits im Jahre 1989 in der zwischenzeitlich nicht mehr existenten norddeutschen Loge “Klar Kimming” als Zeichnung aufgelegt. Klar Kimming heißt übrigens soviel wie “klarer Horizont”. Den hat der Autor sicher gehabt.

“Angeblich gab es einmal eine Zeit, da waren alle Menschen gleich. Von der weiß ich nichts zu erzählen. In der Zeit, von der ich euch berichten will, war es genau umgekehrt: Die Menschen lebten in scharf voneinander getrennten Schichten, Klassen und Gruppen. Es gab sehr hohe und sehr niedere, weniger hohe und weniger niedere, und eine Unzahl von Zwischenstufen. Jede Schicht war sorgsam darauf bedacht, sich von den anderen deutlich abzugrenzen.Die Menschen legten sich schmückende Titel, Abzeichen und prunkvolle Gewänder zu. Mit ihnen stellten sie an hohen Festtagen sich und ihresgleichen stolz vor aller Welt zur Schau und erfreuten sich ihrer Würde und Wichtigkeit.

Und alle waren zufrieden.

Da aber kam die Kirche und redete ihnen ins Gewissen. Es ist nicht recht, sagte sie, dass ihr so eitel und gefallsüchtig seid. Lebte nicht unser aller Herr und Meister arm und enthaltsam? Ihr reitet auf stolzen Rossen — er aber ritt auf einer Eselin nach Jerusalem ein und starb für uns, für unsere Sünden und Dummheiten am Kreuz. Darum, ihr Menschen: Folgt ihm nach und seid bescheiden!

Das sahen die Menschen ein und richteten sich fortan danach.

In ihrer Dankbarkeit machten sie jene, die ihnen so viel Weisheit beigebracht hatten, zu hochwürdigsten Prälaten und Domkapitularen, zu Excellenzen und Eminenzen, und den Obersten der Kirche nannten sie gar Euere Heiligkeit oder Heiliger Vater. Nicht nur klingende Titel, Reichtum und Macht gaben sie ihnen, sie schmückten sie auch mit kostbaren Kleidern, mit Orden und Zeptern und anderen sichtbaren Insignien ihrer Herrlichkeit. Und wenn jetzt so ein großer Mann durch die Gegend kam, dann rannten die Mütter herbei und hielten ihm ihre Kinder entgegen, dass er sie segnen solle.

Auch dies ging eine Zeitlang gut, da kamen Männer, die an der bestehenden Kirche Kritik übten und sie erneuern wollten. Unser Herr lebte in evangelischer Armut, sagten sie, und nun seht euch mal an, wie satt und feist und selbstherrlich unsere geistlichen Würdenträger ihr Amt versehen! Wollt ihr euch das noch länger gefallen lassen?  Nein, das wollten die Menschen nicht, und so erneuerten sie die Kirche aus wahrhaft evangelischem Geiste heraus. Diejenigen, die ihnen dabei mit gutem Beispiel vorangingen, machten sie zu Oberkonsistorialräten und Konsistorialpräsidenten, zu Dompröpsten, Landesbischöfen und Generalsuperintendenten. Und um aller Welt von der Würde dieser bedeutenden Männer Kenntnis zu geben, verlieh man ihnen kostbare silberne Kreuze, mit denen sie nun ihre Brust schmückten — zum ehrenden Andenken an jenen Mann, der auch einst sein Kreuz getragen hatte, wenn auch unter etwas anderen Umständen.

Wie in der Kirche, so machten es die Menschen aber auch in der übrigen Gesellschaft. Besonders vornehme Leute wurde adelig genannt; sie hatten Anspruch auf ehrfurchtsvolle Anreden wie Durchlaucht oder Erlaucht, fürstliche oder gräfliche Gnaden usw. Wer länger als andere zur Schule gegangen war, der wurde zum Magister, zum Doktor oder Professor, oder gar zur Spektabilität und Magnifizenz. Und selbstverständlich blieben weder ihm noch den Adeligen die prunkvollen Gewänder und Orden vorenthalten. Über die Staatsdiener goss sich ein wahres Füllhorn wohlklingender Titel aus, vom Regierungskanzleisekretär bis zum Leitenden K, u. K Obermilchdirektor. Und nun gar erst das Militär! Was es da alles an Rängen und Rangabzeichen, an Orden und Medaillen gab, das übersteigt fast unsere Vorstellungskraft.

Aber wieder kam eine Zeit, da wurden die Menschen dieser ganzen Spielerei überdrüssig. Muss denn das alles überhaupt sein? fragten sie. Da behaupten wir immer, dass alle Menschen vor Gott gleich seien — und tatsächlich lassen wir keine Gelegenheit aus, um bestehende Unterschiede zwischen uns herauszustellen und neue zu erfinden! Wie viel Streit und Unfriede ist dadurch schon entstanden! Lasst uns doch endlich versuchen, sagten die Leute, auf alle diese Mätzchen zu verzichten und in unserem Nächsten nur den Menschen, den Mitmenschen zu sehen! Vielleicht kommt er dann tatsächlich, der ewige Friede, von dem wir alle träumen!

Eine Gruppe war dabei, die ging noch weiter als die anderen.

Lasst uns einen Bund von Männern bilden, sagten sie, in dem die Vorrechte der Geburt oder der gesellschaftlichen Stellung nichts sehr gelten sollen. Bei uns soll nur die Würde gelten, die jedem von uns als Mensch zukommt. Im übrigen sind wir unter uns völlig gleich. Zum Zeichen dieser Gleichheit nennen wir einander Brüder. Mit Feuereifer gingen sie ans Werk. Viele freie Männer von gutem Ruf traten dem Bund bei; sie waren begeistert von den Gedanken, die sie hier hörten und die für die damalige Zeit so unerhört neu waren. So wuchs der Bund und ward groß und ansehnlich; aus Hunderten von Mitgliedern wurden Tausende und aus diesen Zehn- und Hunderttausende.

Das allerdings machte die Einführung gewisser Unterschiede erforderlich. Einige trugen mehr, andere weniger Verantwortung. Einige waren schon länger dabei, andere erst kurze Zeit. Wieder einige bekleideten ein wichtiges Amt, das andere nicht hatten usw. Wie sollte man die alle auseinanderhalten?

Die Brüder taten das Nächstliegende und einzig Richtige. Sie schufen eine Vielzahl von Orden und Abzeichen, mit denen sie die verdienten Brüder vor allen anderen auszeichneten. So konnte jedermann jederzeit leicht erkennen, wem Ehre zuteil geworden war und wem nicht. Die Brüder schufen aber auch eine Vielzahl von Ämtern, die sie untereinander verteilten; und bunt und vielgestaltig, wie diese Ämter und die mit ihnen verbundenen Abzeichen waren auch die Benennungen, die sie für ihre Amtswalter bereitstellten. Neben den geliebten Brüdern gab es nun würdige, ehrwürdige und ehrwürdigste; es gab leuchtende, hoch- und höchstleuchtende Brüder; und wenn einer was ganz Besonderes geworden war, dann durfte er gar noch vor das Amt, das er nun verwaltete, die Bezeichnung “Groß“ setzen, so dass aus unserem wackeren Beamten nun ein Großbeamter geworden war.

Diese glänzenden Aussichten auf eine bessere Zukunft erfüllten die Brüder mit neuer Schaffensfreude. Kamen sie einander besuchen, so überhäuften sie sich mit schmückenden Auszeichnungen und wussten sich dabei viel Schmeichelhaftes zu sagen. Vor allem aber überbrachten sie einander die herzlichen, herzlichsten und allerherzlichsten Grüße, worauf die von soviel unerwarteter Herzlichkeit ganz überwältigten Gastgeber ihrerseits darum baten, doch auch den Entsendern ganz besonders herzliche Grüße auszurichten. Und alle diese Grußbotschaften wurden in wohltönender Weise untermalt vom liebliches Klang der zahlreichen Orden, die die Brust so manches verdienstvollen Bruders zierten und die dort nun im Chore um die Wette baumelten.

Bei all diesem neuen Glanz vergaßen die Brüder jedoch niemals ihre ursprüngliche Bescheidenheit. Wurde jemand von ihnen vor Gott und Menschen ausgezeichnet, weil er nämlich eine Doktorarbeit geschrieben hatte und sich fortan Doktor nennen durfte, dann setzte er im Bruderkreis diesen Titel bescheiden in Klammern. Das sollte heißen: Ich bin zwar ein Doktor, dass Ihr’s nur wisst und niemals vergesst, aber gleichzeitig bin ich von so edler Gesinnung, dass ich Euch gegenüber so tun will, als wäre ich‘s nicht.

So also kam endlich die Gleichheit aller Menschen zumindest im Bund dieser Brüder wieder in die Welt. Damit bin ich unversehends in die Gegenwart geraten und muss nun sehen, wie ich seine Geschichte zu Ende kriege. Vermutlich hat sie folgenden Ausgang:

Eines Tages kamen die Brüder zusammen, und einige von ihnen sprachen: Hängen wir uns nicht eigentlich zuviel Zierrat an den Hals und um die Brust? Und könnten wir auf unsere Titel und schmückenden Bezeichnungen nicht eigentlich verzichten? Schließlich waren wir es doch, die vor über 250 Jahren nach dem Wert des Menschen und nicht nach dem seiner Ämter und Orden gefragt haben! Zurück also zu den Ursprüngen unseres Bundes!”

Wohl gesprochen, werden daraufhin die anderen antworten, so und nicht anders wollen wir es halten! Es geschehe also! Und die Brüder, die uns die Augen geöffnet und diesen klaren Weg gewiesen haben, sie wollen wir als Zeichen unserer Anerkennung mit einem ganz besonderen Orden ehren!

Und dankend werden die Brüder den Orden annehmen.

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Warum ich die deutschen Farben bei der Europameisterschaft zeige

Deutsche Fahne und Fußballmeisterschaft

Auch die Bruderschaft der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland erlebt derzeit eine Diskussion um die Verwendung der deutschen Flagge. Nicht durch die Logen, sondern durch einzelne Brüder, die sich während der Europameisterschaft als Fans zur deutschen Nationalmannschaft bekennen. Ein Missbrauch eines Staatssymbols sei dies. Peinlich und rückwärtsgewandt, zur Exklusion auffordernd und was nicht noch alles. Außerdem seien die deutschen Farben von Pegida und Konsorten missbraucht worden, so dass sie im Ausland für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stehen würden.

Ich sehe es anders. Schwarz, Rot, Gold steht seit dem Hambacher Fest für den demokratischen Aufbruch eines einigen Deutschlands. Es waren die Farben der demokratischen Märzrevolution von 1848, es waren die Farben der Weimarer Republik und es sind die Farben des demokratischen Deutschland bis heute. Ja, ich weiß, es waren auch die Farben von Barbarossa und Heinrich Heine mochte sie nicht. Und dennoch, es sind die Farben des Hambacher Festes, von Robert Blum, von Ferdinand Freiligrath und anderen, die für ein einiges und demokratisches Deutschland stritten.

Nun kann man einwenden, das Konzept des Nationalstaats gehöre ins 19. Jahrhundert und es schaffe heutzutage mehr Probleme als es löse. Dem stimme ich nur sehr bedingt zu. Die weitverbreitete Skepsis der EU gegenüber liegt doch auch darin begründet, dass eine solche Zentralgewalt als anonym, intransparent und fragwürdig legitimiert gilt. Ich glaube, dass zwischen Volk und Interessenvertretung eine gewisse Größenrelation nicht überschritten werden darf, ohne dem Gemeinwesen selbst die Legitimation zu entziehen.

Zwar ist es richtig, Staaten trennen Menschen. Lessing beschreibt im 2. Gespräch von Ernst und Falk: „Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer oder umgekehrt begegnet, so begegnet nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen die vermögen ihrer gleichen Natur gegeneinander angezogen werden; sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiedenen Tendenz sich bewusst sind, welches sie gegeneinander
kalt, zurückhaltend, misstrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne Person das geringste miteinander zu schaffen und zu teilen haben.“ Er macht im Folgenden
deutlich, dass er das Trennende in der bürgerlichen Gesellschaft für immanent hält, dass die bürgerliche Gesellschaft nicht ohne Trennungen funktioniert. Es ist gut, sich dies bewusst zu machen, um von dort zu weiteren Schlüssen zu kommen.

Wir haben erlebt wie die Überbetonung des Trennenden zwischen Staaten in den Abgrund führt. Zwei Weltkriege, unermessliches Leid haben nicht dazu geführt, dass die Menschheit ihr Verhalten grundlegend geändert hätte. Wir erleben im Gegenteil, dass die alte Methode nach wie vor funktioniert. Von den sogenannten Spaziergängen der
Dumpfen von Dresden bis zur Gewalt gegen Fremde, es ist der Sumpf des Nationalismus in dem all das traurige Blüten treibt. Und ja, auch die Freude über das „Fußballmärchen 2006“ und die damit einhergehende Freude am Zeigen der deutschen Fahne hat nicht nur Schönes hervorgebracht. Es ist also nicht nur legitim sondern auch notwendig, wachsam zu sein, denn der große Verführer Nationalismus lauert stets.

Für mich kann das aber nicht bedeuten, dass ich die Fahne den ewig gestrigen überlasse, die besoffen „Deutschland, Deutschland über alles“ grölen oder die sich derzeit, zerfressen von Hass und Neid, gegenseitig an Widerwärtigkeiten überbieten. Sie gehört nicht den Brandstiftern, die sich als besorgte Bürger tarnen, um den blanken Hass zu schüren. Sie alle gehören zu Deutschland – leider! Aber sie sind es nicht. Ihnen gehören diese Farben nicht.

Auch deshalb wende ich mich gegen den Versuch, die Fahnen wieder zu tabuisieren. Im Gegenteil, gerade weil es die Fahne der Freiheit ist, bekenne ich mich zu ihr. Sie steht für die Werte, die mir wichtig sind, sie steht für die Demokratie, den Pluralismus und für ein tolerantes Deutschland. Sie steht für mein Deutschland.

Bert Brecht drückt es in seiner Kinderhymne so treffend aus:

„Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Dass die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das Schönste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“

Und mit diesem Gefühl freue ich mich an der Europameisterschaft und wünsche der deutschen Nationalmannschaft den Erfolg. Einer Nationalmannschaft übrigens, die so bunt ist wie das Leben in Deutschland. Dieses Bunte macht uns aus, und diese bunte Gesellschaft findet sich für mich auch in den deutschen Farben. Und bei einem Internationalen Wettbewerb zeige ich das auch gerne.

Lessing hat sich übrigens mit der Erkenntnis des trennenden Elements in der bürgerlichen Gesellschaft nicht zufrieden gegeben. Vielmehr leitet er daraus die programmatischen Sätze ab, die stets am Anfang einer Arbeit meiner guten Loge Lessing in Frankfurt stehen.

„Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört. Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angeborenen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.“

Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe sich dreist erhebt.

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Ist Gemeinschaft noch zeitgemäß?

Social Gathering Digital Tablet Communication Society Concept

Dieser Vortrag wurde im November 2015 in der Brundbütteler Loge “Ditmarsia” gehalten. Der Autor beschäftigt sich darin mit den Prinzipien der Gemeinschaft, auch mit der Gemeinschaft der Freimaurer und stellt die Frage, wie sich unsere Gesellschaft in der Zukunft entwickeln wird.

Spontan würde jeder von uns antworten: die Gemeinschaft ist das wichtigste Element in unserer Gesellschaft. Richtig! Aber das Gebilde Gemeinschaft hat in unserer so modernen Zeit leichte Risse erhalten – will sagen, dass der Stellenwert der Gemeinschaft in unserer Gesellschaft an Gewicht und Bedeutung verloren hat. Es ist mir deshalb wichtig, mit meinem Vortrag Vergessenes und Verdrängtes in das Bewusstsein zu rücken und die wichtige Rolle der Gemeinschaft in unserer schnelllebigen Zeit herauszustellen.

Dabei beschäftige ich mich mit dem Ursprung und dem Sinn der Gemeinschaft, mit dem Wesen, den Problemen, mit der Thematik Harmonie und Gemeinschaft  und stelle an den Schluss meines Vortrages die Frage: Quo vadis , Gemeinschaft?

Wenn man „Gemeinschaft” kurz und prägnant definieren will, dann geschieht das m.E. am besten mit folgendem Satz: Gemeinschaft ist eine Gruppe, die aufgrund der Übereinstimmung in wesentlichen Verhaltensweisen gemeinsam oder füreinander handlungsfähig ist. Beispiele von Gemeinschaft gibt es, solange es nicht nur Menschen, sondern Kreaturen gibt. In der Tierwelt beweisen dies eindrucksvoll die Völker der Bienen und Ameisen, die Rudel der Wölfe oder die Herden vieler Tierarten. Für mich ist es immer wieder faszinierend, mit welcher Brillanz und Präzision Gemeinschaft in der Natur – vom Instinkt geleitet – funktioniert.

Die Ursprünge der Gemeinschaft bei den Menschen liegen in den Stämmen, den Sippen und in der Familie. Die Einheit einer Gruppe ergibt sich meistens aus der Gemeinsamkeit des Fühlens, des Strebens und des Urteilens. Gemeinschaft bildet sich überall dort, wo gleichartige Inhalte des Lebens oder aber dieselben Schicksale Tiefe und Ganzheit der Persönlichkeit prägen. Als Beispiel für gleichartige Inhalte des Lebens nenne ich Familie, Arbeit, Beruf und Religion, als Beispiele für Schicksale Not und Gefahr.

Was ist das wesentliche Element in der Gemeinschaft?

Der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft ist der nichtmonetäre Austausch von Wert, also der Austausch ohne Geld; Dinge, die wir füreinander tun und mit anderen teilen, weil sie uns etwas bedeuten. Gemeinschaft besteht aus dem, was wir nicht zu messen versuchen, über das wir keine Listen führen und für das wir keine Belohnung erwarten: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt sind die Werte, die ich meine; ihr Vorrat ist unermesslich und grenzenlos. Diese Werte kann man also nicht messen, so sehr wir uns auch bemühen. Da man sie nicht messen kann, sind sie auch nicht in Euro, Dollar, Barrel oder in Tonnen Getreide auszudrücken. Der unentgeltliche Austausch von Wert beruht nicht allein auf altruistischen Motiven, sondern auf einem tiefen, intuitiven, oft unbewussten Verständnis, dass Eigeninteresse untrennbar mit dem Interesse der Gemeinschaft verbunden ist und dass sich das Wohl des Einzelnen nicht vom Wohl des Ganzen trennen lässt. Bei einer Gemeinschaft geht es nicht um Profit, es geht um das Wohl aller. Beim unentgeltlichen Austausch von Wert unterscheiden sich Geben und Nehmen. Geben und Nehmen kann man nicht auf sinnvolle Weise messen. Ein Geschenk, an das sich eine Erwartung knüpft, ist kein Geschenk. Es ist ein Tauschhandel. Beim unentgeltlichen Wertaustausch sind Geben und Nehmen keine Transaktion.; sie sind Angebot und Entgegennahme. Wenn in der Natur ein geschlossener Kreislauf des Gebens und Nehmens aus dem Gleichgewicht gerät, folgen bald Tod und Zerstörung. In der Gesellschaft ist das nicht anders.

Wenn es um Geld geht, glauben wir, das Leben sei ein Recht, das ein weiteres Recht in sich birgt: nämlich das Recht, Dinge zu bekommen und zu besitzen. Aber das Leben ist kein Recht. Das Leben ist ein Geschenk, das ein weiteres Geschenk in sich trägt, nämlich die Kunst des Schenkens. Und die Gemeinschaft ist der Ort, an dem wir unsere Geschenke verteilen und die Geschenke anderer empfangen

Der unentgeltliche Austausch von Wert ist das effektivste und konstruktivste System, das je entwickelt wurde. Die Evolution und die Natur haben es in Millionen Jahren perfektioniert. Man braucht keine Währung, keine Verträge, keine Regierungen, keine Gesetze, keine Gerichte, keine Polizisten, keine Rechtsanwälte oder Buchhalter. Das System braucht keine diplomierten Experten. Es braucht nur normale, einfühlsame Menschen. Die wahre Gemeinschaft erfordert Nähe, ständigen, direkten Kontakt und die Interaktion zwischen Menschen, Orten und Dingen, aus denen sie sich zusammensetzt.

In der gesamten Menschheitsgeschichte war der grundlegende Baustein der Gemeinschaft die Familie. Dort findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt. Dort werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Dieser Austausch von Wert bildet die Grundlage jeder Gemeinschaft, und Gemeinschaft ist das Kernelement einer jeden Gesellschaft. Ohne Gemeinschaft kann es also keine Gesellschaft geben. Das Leben, die gesamte Natur und alle irdischen Systeme beruhen – abgesehen von der Energie, die uns die Sonne schenkt -, auf geschlossenen Kreisläufen des Geben und Nehmens.

Was sind Probleme der Gemeinschaft?

Jede Gemeinschaft stellt zunächst nur eine Ansammlung von Einzelmenschen dar, die sich aus unterschiedlichen Motiven, aber alle mit dem gleichen Grundbedürfnis, zu eben dieser Gemeinschaft zusammengetan haben. Keiner kann von sich behaupten, den anderen so gut zu kennen, dass er dessen Motivation, zur Gemeinschaft gehören zu wollen, tatsächlich kennt. Es ist der klassische Irrtum allen menschlichen Miteinanders zu glauben, ein jeder Mensch denke wie der andere, habe also folglich zur gleichen Angelegenheit die gleiche Meinung.

Das Denken ist eine höchstpersönliche Sache, zwar durch eine gemeinsam erworbene Sprache irgendwie geformt und auch im Hinblick auf die Gemeinschaft vor-geformt – doch letztlich bleibt es individuell. Persönliche Erfahrungen, Vorbilder, Wünsche und Wertvorstellungen und anderes mehr spielen dabei immer eine Rolle. Und gerade dies wird wohl immer Anlass geben zu Meinungsverschiedenheiten selbst in Gemeinschaften, die sich das Ziel „Gemeinschaft“ als hehres Ziel gesteckt haben, so auch in der Freimaurerei im Allgemeinen und auch in einzelnen Logen im Besonderen. Wir sind also nicht alle gleich oder gleichgeschaltet, jeder bringt seine eigene Persönlichkeit in die Gemeinschaft ein. Und mit eben dieser eigenen Persönlichkeit hat jeder innerhalb der Gemeinschaft seine Aufgabe an seinem Platz. Es wird immer stärkere und schwächere Glieder in einer Gemeinschaft geben, ebenso edlere und weniger edle. Aber alle sollen in Fürsorge füreinander das ganze Leben tragen, mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen. Auf die königliche Kunst bezogen bedeutet das, dass die Freimaurerei ihr Ziel einer Gemeinschaftsstiftung und Gemeinschaftserhaltung nur erreichen kann, wenn sie zur Befähigung des Einzelnen führt, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen.

Und wie sieht es aus mit der Harmonie in der Gemeinschaft?

Wenn das Ziel des Einzelnen, sich als Gemeinschaftswesen zu erkennen, erreicht ist, wird ihm sehr schnell klar, dass er sich geborgen fühlen kann. Und es ist ein großartiges, ein starkes Gefühl, Geborgenheit in der Gemeinschaft zu spüren. Probleme des Einzelnen verlieren an Dynamik, wenn man sie gemeinsam erörtert und verarbeitet, man muss es nur tun. Und Freuden potenzieren sich, wenn man sie mit anderen in der Gemeinschaft teilen kann. Aber nicht nur Probleme und Freuden, sondern die ganze Spannweite der menschlichen Existenz – die leibliche, die seelische und die geistige – ist auf das Miteinander und Füreinander in der Gemeinschaft bezogen. Wenn diese Gemeinschaft aus vollem Herzen gelebt wird, dann ist Gemeinschaft auch Harmonie.

Bezogen auf das Gemeinschaftsgefühl in der Freimaurerei hat ein Bruder seine Gefühle nach einem Besuch einer anderen Loge wie folgt beschrieben: „Die Atmosphäre dieser Tage beeindruckte mich sehr. Herzlichkeit, Wärme, Freude und Gastfreundschaft sprachen aus den Brüdern und Schwestern. Ich fühlte mich als Mensch geborgen im Kreise der Brüder- und Schwesternschar. Hier wurde mir besonders bewusst, dass die im profanen Leben so geschätzten und vorgeschobenen Rangordnungsmerkmale wie Besitz, Vermögen, Schichtzugehörigkeit und Bildungsstand bei uns im Bruderkreis überwunden werden. Hier fühlt man sich einfach als Mensch und kann es auch so erleben. Es wird kein Maßstab oder eine Schablone angelegt mit der Absicht, den Bruder von vornherein in Rangordnungen zu pressen, wie es leider viel zu oft im profanen Umfeld des Lebens geschieht.“

Wir alle haben das mehr oder minder auch so oder ähnlich erlebt und empfunden; aber machen wir uns nichts vor, es gab und gibt auch Situationen, wo „Rangordnungsmerkmale“, die der eben zitierte Bruder nur im profanen Leben sah, auch unter Brüdern und in den Strukturen der Freimaurerei praktiziert wurden und werden. Ich habe das einmal – als junger Freimaurer vor gut 30 Jahren – sehr deutlich und später häufiger zumindest ansatzweise erlebt und gespürt. Es beruhigt mich aber, dass dies eher Ausnahmen waren, beweist aber andererseits, dass wir unser Verhalten gegenüber unseren Brüdern immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen.

Soviel zu Harmonie in der Gemeinschaft. Eine letzte Frage, meine lieben Brüder, die mich bewegt und mit der ich meinem Vortrag beenden will, ist die Frage nach der Zukunft der Gemeinschaft:

Quo vadis, Gemeinschaft?

Es ist nicht nur mein Empfinden, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine sehr starke Tendenz vom Gemeinschaftswesen auf das Einzelwesen entwickelt hat – das haben Wissenschaftler und Verhaltensforscher einvernehmlich festgestellt. Wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte Revue passieren lässt, kann man das begreifen und nachvollziehen: Die Menschen hatten – noch im 19. Jahrhundert – im wesentlichen nichts anderes, als den einsamen Kampf um das nackte Überleben. Familie, Kinder, Nahrung, Kleidung, Krankheit und Behausung waren die bestimmenden Faktoren, die den Tagesablauf, die Wochen und Monate des Jahres bestimmten. Raum für weitergehende Elemente des Lebens war nicht vorhanden. In dieser Zeit der Not bildeten sich Gemeinschaften in vielfältiger Form, die das Leben ein wenig erträglicher machten und die Sorgen – gemeinsam getragen – leichter erschienen ließen. Man kam aus seiner Isolation heraus, konnte sich mitteilen , konnte teilhaben. Die Not schweißte zusammen, die Gemeinschaften hatten Bestand.

Und heute? Welches Bild vermittelt unsere heutige Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Den Menschen in unserem Lande geht es insgesamt immer noch gut – machen offensichtlich zu gut! Sie sind gleichgültiger und bequemer geworden, nehmen immer stärker egozentrische Züge an. Sie wollen viel nehmen und wenig geben (Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass ). Bei der enormen Reizüberflutung der heutigen Zeit kapseln sie sich ein in ihre eigene Anonymität und haben Gemeinsamkeit neu definiert: mit dem Fernseher mit seinen unzähligen Programmen, mit dem PC, dem Internet mit der Konsequenz der fast totalen Isolation. Man nimmt seine Mitmenschen kaum noch wahr, man kennt seine Nachbarn nicht mehr. Einen erschreckenden Beweis lieferte vor einiger Zeit eine norddeutsche Tageszeitung, in der in der Rubrik „Modernes Leben“ unter der Überschrift „Das unbekannte Wesen“ zu lesen war:  „Ein anonymes Deutschland hat sich in einer Umfrage offenbart: Etwa zehn Millionen Bundesbürger kennen ihre Nachbarn nicht oder nur vom Sehen. Ebenso viele zeigten sich ‘froh, wenn ich meinen Nachbarn nicht sehe.’“  Ein zweites Beispiel aus einer Tageszeitung mit der Überschrift: „Wenn das Internet zur Droge wird“: “Ihren 40. Geburtstag feierte Gabriele F. in einem Chatroom ( für PC-Nichtnutzer: virtueller Versammlungsraum im Internet). Leibhaftige Freunde hatten sich da längst von ihr abgewandt. 2 1/2 Jahre lang nutzte sie unter dem Namen „Hexenkuss“ jede freie Minute im Netz, bis sie durch ihr zwanghaftes Dauersurfen den Job verlor. Ihre Online-Sucht hatte sämtliche Zeit und Energie für andere Aktivitäten verschlungen, so die Medientrainerin aus Buxtehude, die als ehemals Betroffene die erste deutsche Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige leitete.” Und noch ein drittes Beispiel. Die „WELT am SONNTAG“ schrieb unter der Überschrift „Gemeinsamkeit am Scheideweg“:  “Gemeinsamkeiten waren vor nicht allzu langer Zeit nahezu unzerstörbar. Gestört , um nicht zu sagen zerstört werden die Gelübde durch ein zeitgeistiges Phänomen: Die Gier nach Selbstverwirklichung läuft dem Prinzip dauerhafter Gemeinsamkeit zuwider, lässt den sozialen Kitt brüchig werden. Organisationen verlieren ihre Mitglieder, in Familien schwindet der Zusammenhalt. Stattdessen suchen die Menschen Begegnungen auf Zeit und lassen sich einfangen vom eventorientierten Beisammensein.”

Zum Abschluss wiederhole ich meine Frage: “Gemeinsamkeit, quo vadis?” Ich sehe die Entwicklung nicht ohne Sorge, aber es gibt sie noch, die Gemeinschaft – es gibt sie noch in vielfältiger Form. Und wir haben ja vernommen, dass der unentgeltliche Austausch von Wert, das Grundelement der Gemeinschaft, das effektivste und konstruktivste System ist, das je entwickelt und von der Evolution und der Natur in Millionen von Jahren perfektioniert wurde. Deshalb wird die Gemeinschaft auch weiterhin Bestand haben. Wir dürfen ihre Entwicklung allerdings nicht aus den Augen verlieren und müssen die Gemeinschaft hegen und pflegen und immer wieder in das Bewusstsein unserer Mitmenschen rufen.

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Müssen wir schweigen oder müssen wir handeln?

Helfende Hände

Der nachfolgende Vortrag wurde im Rahmen der rituellen Zusammenkunft mehrerer hundert Freimaurer anlässlich des Großlogentages 2016 in Darmstadt vom Großredner der Großloge gehalten. Es sind Gedanken, die viele Freimaurer bewegen und an denen die Öffentlichkeit durchaus teilhaben kann und soll. Nichts daran ist geheim, der Beitrag wird ungekürzt veröffentlicht.

Um mich herum ist es dunkel. Vereinzelt sehe ich helle Flecken aufbrechen. Der Himmel klärt sich auf. Ich sehe vereinzelte Gruppen von Menschen, die diskutieren. Sie reden von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Pressenfreiheit, Menschenrechten.

Sie nennen sich Freimaurer und sie wollen die Welt verändern.

Sie treffen sich im Verborgenen – im Geheimen, denn die herrschende Macht sieht in ihnen eine Gefahr. Eine Gefahr für ihre Privilegien, ihre Einflüsse, ihre Positionen und Machenschaften. Doch die Freimaurer treffen sich trotzdem und einer von ihnen, ein anglikanischer Priester, beschreibt in seinen Alten Pflichten ein Bild von den Freimaurern, das die Herrschenden beruhigen soll. Und das ist ihm zum größten Teil gelungen.

Die Freimaurer hatten Erfolg. Im Stillen vorbereitete Ideen finden sich heute in Verfassungen und Gesetzen der freiheitlichen Demokratien wieder. Natürlich waren das nicht die Freimaurer allein, aber sie haben ihren Beitrag geleistet und mitgeholfen, die Gesellschaft ein wenig aufzuklären und den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien.

Mit wenigen Ausnahmen haben sich Logen als Gesamtheit nicht zu Wort gemeldet. Agiert haben einzelne Brüder, die sich mit vollem Herzen und mit ganzer Kraft der Humanität gewidmet haben, so wie wir es alle als Lehrlinge bei der unserer Aufnahme gelobt haben. So hielten es die Freimaurer der Gründergeneration der modernen Freimaurerei. Und wie sieht es heute aus? Wie können wir heute unserem Gelöbnis gerecht werden?

Es steht keinem Bruder, keiner Loge und auch nicht der Großloge zu, dem einzelnen Bruder vorzuschreiben, für was er sich zu engagieren hat und auch nicht wie er es zu tun hat. Dass er etwas tun soll, kann schon von ihm verlangt werden, wobei eine Kontrolle natürlich nicht stattfindet. Die Loge kann und soll uns Brüdern aber den notwendigen Raum und die notwendige Zeit geben, unser Engagement zu reflektieren, unsere unausgegorenen Ideen mit den Brüdern zu durchdenken und weiterzuentwickeln. Bei den Themen, die dann besprochen werden, darf, ja kann es kein Tabu geben, wenn wir die Beweggründe und Ideen unserer Gründerväter ernst nehmen.

Ich habe schon mehrmals von Brüdern gehört, dass in Logen nicht über Politik und Religion gesprochen werden darf. Schon als Lehrling hat mich diese Aussage irritiert. Wie soll ich als Freimaurer Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe leben und mich dafür einsetzen, wenn ich in der Loge nicht über diese Themen reden darf. Meine Irritation hat sich aufgelöst, als ich die Alten Pflichten las. Dort steht mit keinem Wort, dass wir in der Loge nicht über Politik und Religion reden dürfen. — Wir dürfen uns nicht darüber streiten und das ist etwas ganz anderes. Über Politik und Religion reden, sich austauschen ohne sich in die Haare zu geraten und zu streiten ist natürlich nicht immer einfach, aber genau das wollen und sollen wir Freimaurer in den Logen lernen und die Toleranz und Menschenliebe über die Meinungsverschiedenheit stellen. Was ist so schlimm daran, wenn ein Bruder eine andere Meinung hat als ich. Er bleibt trotzdem mein lieber Bruder.

Es geht um den Diskurs, den Austausch, das Dazulernen, dann sind wir viel besser gewappnet, um unserem Engagement außerhalb der Loge gerecht zu werden.

Wenn wir nicht über Religion reden wollen, so können wir diese einfach ausblenden. Geht dies aber auch mit der Politik. Da stellt sich direkt die Frage, was ist in diesem Sinne Politik. Für mich ist politisch, was uns alle als Gemeinschaft, als Gesellschaft betrifft und womit wir uns als Demokraten beschäftigen sollen, ja müssen, damit unsere freiheitliche Demokratie erhalten bleibt. So verstehe ich den Satz „meine Pflichten gegenüber meiner Familie, meiner Gemeinde, meinem Land und der Gemeinschaft aller Menschen gewissenhaft zu erfüllen“ im Gelöbnis.

Nehmen wir das aktuelle Thema der Flüchtlinge, die nach Europa kommen. – Ist das nun ein humanitäres Thema oder ein politisches? Lässt sich das überhaupt trennen? Wir helfen aus humanitären Überzeugungen, aber diese Hilfe hat auch politische und gesellschaftliche Folgen. Kann dann Politik als Thema in den Logen ausgespart bleiben? –Dürfen wir schweigen, wenn versucht wird, die Errungenschaften der Aufklärung wieder zunichte zu machen? Diese Frage kann jeder Bruder nur für sich selbst beantworten, um danach vielleicht entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

Wie sieht nun die Realität zur politischen Abstinenz in den Logen aus? Was finden in unseren Arbeitspläne dazu? Hier einige Themen: „Rechtsextremismus“, „Die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlage ist ungerecht“, „Europa eine Wertegemeinschaft?“, „Flüchtlingskrise“, „Sterbehilfe“, „Das Freihandelsabkommen TTIP“. Ich finde, das sind politische Themen und unsere Arbeitspläne zeigen uns, dass politische Themen de facto in unseren Logen angekommen sind und wir sehr gut damit umgehen können.

Der erste Teil meiner Ausgangsfrage „Müssen wir schweigen oder müssen wir handeln?“ ist somit beantwortet. Wir müssen nicht schweigen. Wir dürfen es tun. Wir müssen es aber nicht. Wir haben die Wahl.

Müssen wir aber handeln?

In unserem Ritual werden wir aufgefordert, uns als Freimaurer zu bewähren. Das würde die Frage bejahen. Was aber heißt das konkret, „sich als Freimaurer zu bewähren“. Im Ritual heißt es weiter: „wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt. Kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken.“ Das ist schon etwas konkreter, aber was genau ist das Unrecht? Wann können wir von Not und Elend sprechen? Einerseits sind diese Begriffe zeitlos, auf der anderen Seite sind sie aber auch vom jeweiligen Zeitgeist abhängig, also mit veränderlichen Bedeutungen.

Wenn wir diese Begriffe realistisch und pragmatisch betrachten wollen, also keine Definitionen aus dritter Hand, sondern unsere eigene individuelle Bedeutung aus Überzeugung einbringen wollen, dann ist meiner Meinung nach ein Diskurs zu diesen Begriffen notwendig. Hier bieten sich die Brüdern an, um diesen Diskurs gewinnbringend für alle Beteiligten zu führen. Danach können wir dann handeln. Ob alleine, mit mehreren Brüdern oder als Loge als Ganzes, dass wird sich aus der Situation heraus ergeben. Auch das Wie wird sich ergeben.

Ich finde, unsere Arbeit wäre nur halb getan, würden wir nicht handeln. Das Ritual warnt uns aber auch, in dem es uns sagt „seid wachsam auf euch selbst.“ Wachsam, damit wir unseren Idealen und Werten treu bleiben und auch nicht über das Ziel hinausschießen.

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Auf den Spuren der Zeit

time concept with modern watch an calendar

Zeit ist nicht gleich Zeit, Zeit wird sehr unterschiedlich definiert, ob vom Lexikon, von der Physik, ob von der Philosophie oder der Kirche. Auch in der Freimaurerei haben wir Zeitbegriffe definiert, die sich im 24 zölligen Maßstab und insbesondere in den Zeiten im Ritual wiederfinden. Und auch im profanen Leben sind Begriffe im Zusammenhang mit der Zeit geprägt worden, die ihren festen Standort in der Gesellschaft und in unserem Leben gefunden haben.

Was ist eigentlich Zeit?

Diese Frage bewegt die Menschheit schon seit Jahrtausenden und es ist hochinteressant, sich mit der Geschichte der Zeitmessung zu befassen; von der Sonnenuhr bis hin zur Atomuhr. Immer haben die Menschen danach gestrebt, die Zeit in den Griff zu bekommen.  Den Begriff “Zeit” erklärt das Lexikon so:

Zeit ist das nicht umkehrbare, nicht wiederholbare Nacheinander, das erfahrbar und bewusst wird als Aufeinanderfolge von Veränderungen und Ereignissen in Natur und Geschichte.

Im Neuen Testament finden wir zwei wichtige griechische Worte für Zeit: Chronos und Kairos. Chronos steht für die Uhrzeit und für die Kalenderzeit. Die Zeiger der Uhr, früher auch Chronometer genannt, drehen ihre Zeiger unaufhörlich Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute und Sekunde für Sekunde. Der Kalender beginnt bei uns mit dem 1. Januar und schließt mit dem 31. Dezember. Doch das Dramatische bei der ablaufenden Zeit unseres Lebens ist, dass jede Sekunde, jede Minute und jede Stunde, nie mehr wiederkehrt. Sie ist vorbei, davongeeilt. Die Zeit vergeht, was haben wir in ihr und mit ihr gemacht? Zerfasert, ignoriert, nur zu Geld gemacht, oder für die wesentlichen Inhalte des Lebens genutzt? Für die Liebe, für unsere Familie, für unseren Beruf, für die Welt um uns herum?

Kairos heißt das zweite griechische Wort im Neuen Testament. Es ist die „gefüllte Zeit“, die besondere Stunde, der rettende Zeitpunkt, den wir erleben. Der Kairos tritt zum Beispiel dann ein, wenn zwei Menschen ihre Liebe zueinander entdecken. Die Hochzeit nannten die Griechen wohl einen Kairos und die Geburt eines Kindes ist für die Mutter wie für den Vater und die Geschwister sozusagen „kairotisch“. Kairos – gefüllte Zeit, die Freude und Begeisterung , aber auch Leid und Kummer bedeuten kann.

Nach dem Lexikon und dem Neuen Testament will ich jetzt die Physik bemühen:

Viele Physiker haben sich mit dem Einfluss der Zeit auf den Raum befasst, allen voran Albert Einstein, der den Begriff der “Raumzeit” entwickelte. Danach ist die Zeit ebenso eine Dimension wie Länge, Breite und Höhe. Die Raumzeit hat also vier Dimensionen. Zeit ist jedoch eine besondere Dimension. Sie hat eine Eigenschaft, die dem Raum fehlt: Alles – Menschen, Tiere, Sterne, einfach alles, kann sich in ihr nur in einer Richtung bewegen: Richtung Zukunft. Eine Umkehr in die Vergangenheit oder ein Anhalten der Zeit sind ebenso unmöglich wie ein Springen in die Zukunft. Daraus folgt eine Gleichzeitigkeit: alles, was geschieht, geschieht jetzt, in der Gegenwart. Wir blicken auf die Vergangenheit zurück, die abgeschlossen und unabänderlich ist, auch wenn wir ihre Auswirkungen jetzt noch immer spüren. Die Zukunft ist für den Menschen unvorhersehbar, weil sie noch nicht geschehen ist. Die Zeit ist in der menschlichen Wahrnehmung wie in der Physik als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin beschreibbar.

Der Philosoph Augustinus, erklärt die Zeit so:

Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem Fragenden erklären sollte, weiss ich es nicht.

Diese berühmten Worte des spätantiken Philosophen bringen die Sache auf den Punkt: Wir alle besitzen zwar Uhren, auf denen wir die Zeit ablesen können, doch niemand von uns weiss, was wir da eigentlich ablesen. Augustinus macht kurzen Prozess. Er erklärt die Zeit zu einer blossen Illusion. Sie sei nämlich zusammengesetzt aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Zeit gäbe es nur, weil die Zukunft zur Gegenwart und die Gegenwart zur Vergangenheit wird, kurz: Weil die Vergangenheit die Zukunft der Gegenwart ist, oder anders: das Heute das Gestern von morgen.

Nun aber kommt der Clou: Nach Augustinus gibt es weder Zukunft, noch Vergangenheit, noch Gegenwart. Denn das Zukünftige ist noch nicht, das Vergangene ist nicht mehr, und die Gegenwart ist eine blosse Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit: Sobald wir sie denken, ist sie bereits vorbei. Zeit ist nach Augustinus also ein unwirkliches Phantasiegebilde von uns Menschen.

Dennoch: Wir erkennen zwischen den Definitionen des Begriffes “Zeit” im Lexikon, im Neuen Testament, in der Physik und in der Philosophie durchaus deutliche Schnittstellen.

Wie gehen die Menschen im realen und praktischen Leben mit der Zeit um?

Unser Leben hat einen Anfang und ein Ende. Die Zeit dazwischen – unsere Lebenszeit – messen wir mit Zeit. In der Regel mit Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden. Der Mensch denkt sich selbst und seine Nachkommen und seine Umwelt in die zu erwartende Zeit hinein. Auf den Tag bezogen sind es in der profanen Welt vier Zeitabschnitte, in die wir unser Leben einbetten, einplanen oder einteilen: Morgen, Mittag, Abend und Nacht.

Im Laufe der Zeit haben sich feste Begriffe eingeprägt, die den Ablauf unseres Lebens bestimmen; es sind dies im Wesentlichen die Lebenszeit, die Arbeitszeit, die Ruhezeit und die Freizeit. Jeder Mensch hat dabei seinen eigenen Rhythmus und eine eigene Gewichtung gefunden. Die Frage, ob es immer erfüllte Zeit gewesen ist, wird jeder nur individuell für sich entscheiden können.

Uns Freimauerern sollte das Streben nach erfüllter Zeit leichter fallen, denn einer unserer Werkzeuge ist der 24 zöllige Maßstab. Er dient dazu, sich die Zeit mit Weisheit einzuteilen. Er symbolisiert die 24 Stunden des Tages, die nach alter Überlieferung her wie folgt verwendet werden sollten:

6 Stunden für Arbeit,
6 Stunden, um Gott zu dienen,
6 Stunden, um einem Bruder oder einem Freund zu dienen,
6 Stunden, um zu schlafen

Nun hat sich die Welt in den letzten 300 Jahren doch erheblich verändert, so dass diese klare zeitliche Einteilung in der heutigen Zeit nicht mehr umzusetzen ist. Aber wie kann der moderne Freimaurer seine Zeit sinnvoll aufteilen? Die Aufteilung in vier Blöcke ist geblieben – es sind dies folgende vier Bereiche

Arbeit,
Befriedigung sozialer Bedürfnisse,
Erholung und Regenerierung,
Spiritualität

Arbeit ist ein wichtiger Teil in unserem Leben. Für die Einen ist es Pflicht, für den Anderen Freude und Erfüllung. Sie gibt Struktur, fördert Lernen und Fähigkeiten und ermöglicht uns in Augenhöhe mit anderen am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse ist ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens. Sie dient nicht nur dem Austausch, der Begegnung und der Kommunikation, sie sorgt nicht nur für gemeinsame Erlebnisse, sondern schafft auch Nähe, Geborgenheit, Liebe, Menschlichkeit, Verständnis und Brüderlichkeit.  Jeder Mensch hat seinen eigenen Schlafrhythmus; dem einen reichen 5 Stunden, der andere schläft regelmäßig seine 7 Stunden. Aber nicht nur Schlaf, sondern auch Ruhephasen – in welcher Form auch immer – dienen der Erholung und Regenerierung. Das Bedürfnis nach Erholung ist sicherlich auch abhängig vom Umfang der Belastung im Beruf und den Anstrengungen, denen sich der Mensch im Freizeitbereich unterwirft. Wer sich Zeit für Spiritualität nimmt und sich mit Neugierde auf die wichtigen Fragen des Lebens stürzt, wird Antworten finden, die ihm weiterhelfen, sein Leben sinnvoller zu gestalten. Das ist Nahrung für die Seele und den Geist und auch Nährboden für eine humanistische Lebenseinstellung.  Wie genau diese 4 Bereiche weise aufzuteilen sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Nach dem 24 zölligen Maßstab leite ich jetzt über zu den Zeiten im Ritual. Wenn wir als Freimaurer über Zeiten sprechen, stellen wir fest, dass die Zeiten im profanen Leben nicht deckungsgleich sind mit den Zeiten im Ritual. Die Zeiten stehen am Beginn und am Ende des Rituals, durchaus auch unterschiedlich, je nach Lehrart. Unterschiedlich ist von den “Stunden” die Rede oder von Mittag, Hochmittag und Hochmitternacht. Diese Begriffe sind nur eine Allegorie, welche unserem Ritual bei der Öffnung und Schließung eine Bedeutung geben.

Nun mutet es nach unserem Sprachgebrauch etwas eigentümlich an, Mittags mit der Arbeit zu beginnen. Wann ist Mittag? Und wann ist Hochmittag? Man muss wissen, dass die Einteilung des Tages in vier Zeiten schon bei den Juden vor Christus längst gebräuchlich war. Über die römischen Legionen gingen sie auf die Christen über und kamen so an die Mönchs- und Ritterorden des Mittelalters und schließlich auch in die Bauhütten. Der Mittag beginnt mit der ersten Stunde um 6.00 Uhr nach unserer Zeitrechnung. Die zweite Stunde nennt sich dann “Mittag gegen 1/3”, die dritte Stunde “Mittag und 1/3” bis hin zur 6, Stunde, die hieß dann Mittag gegen voll. Mit der siebenten Stunde begann um 12.00 Uhr Hochmittag, bis zur 12. Stunde um 17.00 Uhr unserer Zeitrechnung, das war dann “Hochmittag gegen voll”. Mit der 13. Stunde begann dann Mitternacht um 18.00 Uhr, mit der 19. Stunde um 24.00 Uhr Hochmitternacht. Soweit der Abgleich der 4 Logenzeiten mit den tatsächlichen Arbeitszeiten, damit es uns ein wenig leichter fällt, das einzuordnen.

Aber welche symbolische Bedeutung haben unsere maurerischen Zeiten? In unserem Ritual fragt der MvSt. den 1. Aufseher nach der Zeit, worauf dieser antwortet:”Es ist Mittag, ehrwürdiger Meister.” Mit dem folgenden Wechselgespräch, das an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden kann, hat die symbolische Arbeit begonnen. Mit der Zuordnung der Worte “die rechte Zeit” an den Begriff “Hochmittag” wird diesem eine besondere Wertigkeit gegeben. Die Worte “die rechte Zeit” kommen aus dem griechischen Kairos – wie eingangs erwähnt – und sagen aus, dass jetzt etwas geschieht, was eine besondere Bedeutung enthält. Die rechte Zeit ist demnach nicht die uhrzeitgemäße Pünktlichkeit. Sie ist eine Umschreibung für eine Einmaligkeit des Geschehens, sie ist unwiederbringlich.

Hochmittag heißt es auch, weil die Loge nunmehr im hellsten Licht erleuchtet ist. Die uhrenkundige Tageszeit spielt während des Rituals keine Rolle. Der volle Schein des Lichtes umhüllt uns und in uns soll eine Ahnung vom wahren Sinn des Lebens aufgehen. Das Wort “Hoch” im Begriff “Hochmittag” soll keinen zeitlichen Rahmen setzen, sondern vielmehr im Sinne von “etwas Besonderes” , “vom Gewöhnlichen abweichend” ausdrücken. Der “Hochmittag” nach Öffnung der Loge kennzeichnet im Ritual die Bereitschaft der versammelten Brüder, die geistigen Kräfte in vollem Umfang der rituellen Arbeit am Tempel der Humanität zuzuwenden. In der Regel ist es die Zeichnung, die im Mittelpunkt der Arbeit steht und den Brüdern sowohl geistige Vertiefung als auch sittliche Veredelung anbieten soll.

Die Schließung der Loge beginnt mit dem Dialog zwischen dem MvSt. und dem 2. Aufseher: Es sind Fragen nach dem Alter des 2. Aufsehers, Fragen nach der Bezahlung für die Arbeit, Fragen, die die Arbeit und die Werkzeuge der Lehrlinge betreffen und Fragen nach dem Sinn unserer Arbeit. Es folgen auch hier Fragen nach der rituellen Zeit und im Anschluss verkündet der Meister vom Stuhl die Schließung der Zusammenkunft. Die (rituelle) Arbeit ruht jetzt. Wir prüfen unser Gewissen, ob wir winkelgerecht gearbeitet haben und unsere Pflicht erfüllt haben.

Der Meister entlässt uns von der Arbeit mit den Worten:

Geht nun zurück in die Welt meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst. Es geschehe also, ziehet hin in Frieden.

Ich habe mich auf die Spuren der Zeit begeben – und ich bin fündig geworden. Ich habe eine Erkenntnis gewonnen, die mir noch nie so klar war: Zeit ist eines der wertvollsten Geschenke, die uns neben der Liebe und neben der Gesundheit gegeben ist. Es sind die herrschenden Denkgewohnheiten, die es uns schwer machen, dieses Geschenk der “Zeit” als eines der wertvollsten Gaben anzusehen. Wir müssen sehr behutsam und sehr überlegt mit ihr umgehen, denn verlorene Zeit kommt nie wieder zurück.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat das sinngemäß einmal so ausgedrückt:

Solange wir jung sind, halten wir das Leben für endlos und gehen entsprechend mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung wie bei einem Delinquenten, der zum Schafott geführt wird.

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Rituale, Symbole und Mythen

Steinmetzzeichen

Für viele Menschen sind Rituale nur noch verstaubte Handlungen, die für sie belanglos und unglaubwürdig geworden sind. Das trifft auf uns Freimaurer keinesfalls zu, denn unsere Zunft lebt vom und mit dem Ritual. Es ist gewissermaßen die conditio sine qua non, also eine Bedingung, ohne die die Freimaurerei ihrer Grundlagen beraubt wäre.

Rituale können Kräfte wecken, vor allem aber Identität stiften. Sie schaffen deshalb Mut und Motivation für eine je eigene Lebensgestaltung sozialer Gruppen im Sinne humanistischer Ideale wie es bei uns Freimaurern der Fall ist. Dazu bedarf es jedoch eines kritischen Bewußtseins, das Faktenwissen ebenso voraussetzt wie die Fähigkeit, die eigenen Lebensformen zu hinterfragen.
Im Ritual werden die Rhytmen von Raum und Zeit nachvollzogen und im menschlichen Erleben und Handeln abgebildet und zwar auf individueller wie sozialer Ebene.

Was also ist Ritual im ureigensten Sinne? Nun, es ist zuerst Inszenierung gegen den Zufall, dann aber auch Einordnung bis hin zum Zwang. Es ist aber auch Erschaffung von Sicherheit und Gewißheit, die dann im Vollzug des Rituals gewohnheitsmäßig wird. Indem nämlich das Ritual vollzogen wird, zerfällt das sonst gewohnte Leben nicht mehr in unzusammenhängende Momente, sondern es strukturiert das Leben durch ständige Wiederholung zu einer gesetzten Gesetzmäßigkeit. Unsere personale Identität, nämlich unser Bewußtsein, Freimaurer zu sein, muß durch das Ritual daher immer wieder stabilisiert werden.

Rituale heben sich vom Alltagsleben ab und unterbrechen den Zeitfluß und das Raumgefühl durch Verschiebung des raumzeitlichen Erlebens in eine Ausnahmesituation. Indem Rituale die Gewohnheit im Leben unterbrechen, durchbrechen sie den Alltag jedes Individuums, mithin auch unseren Alltag und setzen damit eine je eigene Zeit. Dadurch wird ein Verfremdungseffekt erzielt, es wird durch das Ritual räumlich und zeitlich ein anderer Erlebnisraum geschaffen. D.h. Sinn und neue Sinnebenen werden nicht abstrakt, sondern konkret und körperlich erlebbar und zwar in Gemeinschaft. Dieser andere Erlebnisraum stiftet Gemeinschaft durch eine Identifizierung, die wiederum neue Identität ermöglicht. Rituale wirken also sozial identitätsstiftend insofern, als sie diejenigen ausgrenzen, die nicht zur Ritualgemeinschaft gehören. Sie sind also in ihrer Wirkung ambivalent, d.h. sie stiften einerseits Gemeinschaft, andererseits grenzen sie diese Gemeinschaft von anderen ab.

Interessant ist auch die Frage, ob Rituale nur als wiederholte und dauerhafte Inszenierung von Identitätsstiftung zu verstehen sind oder müssen manche Rituale als versteckte oder offene Zwangshandlungen interpretiert werden. Die Antwort auf diese Frage ist ebenfalls ambivalent. Zunächst erzeugen Rituale psychologisch einen Freiraum, da der Zwang zu Entscheidungen zeitweise aufgehoben wird, z.B. während der Tempelarbeit. Das Ritual gibt die Abläufe vor und der Bruder wird entlastet, wenn er sich rituellen Abläufen unterwirft. Und hier wird die ambivalente Situation deutlich, indem sich jeder Bruder durch
die Unterwerfung unter das Ritual frei von Entscheidungen weiß. Das Bewußtsein kann sich dann im Rahmen des rituellen Geschehens auf sich selbst zurückziehen, ohne dass es fortlaufend Alternativen abwägen und entscheiden müßte. Diese Feststellung gilt insbesondere für die Brüder in der Kolonne.

Der andere Aspekt dieser ambivalenten Situation ist der Preis für die eben genannte Freiheit. Der Preis ist die Unterwerfung unter die Autorität des Rituals, d.h. Abweichungen oder unzulässige Unterbrechungen des Rituals werden missbilligt und stören letztlich den rituellen Ablauf.

Symbole

Die Freimaurerei lebt auch von und mit Symbolen. Symbolisierung ist die Leistung des menschlichen Denkens schlechthin, denn sie ist das, was Kultur ermöglicht. Im Symbol schafft sich der Mensch einen Abstand zu seiner Gemütsverfassung, weil eine Abstraktion von Sinneseindruck möglich ist. Um die Orientierung wie auch die Verallgemeinerung von Ereignissen rituell zu repräsentieren, bedarf es der Symbole. Dadurch wird das gewohnte Ereignis oder der alltägliche Gegenstand in einen umfassenden Rahmen gestellt.

Symbole und deren Verknüpfung zu Systemsymbolen bauen also Strukturen und Ordnungssysteme auf. Sie bilden daher einen erkenntnismäßigen und emotionalen Rahmen, indem die kontingenten, d.h. zufälligen Erlebnisse eingeordnet werden können. Daraus ergibt sich dann das, was wir Sinn oder Sinnstiftung nennen. Denken wir in diesem Zusammenhang an die drei wesentlichen Symbolgegenstände unserer Zunft, nämlich die – drei großen Lichter – als da sind: die Bibel, das Winkelmaß und der Zirkel. Welchen Sinn verkörpern sie in der Freimaurerei? Sie bilden die unverrückbaren Grundlagen der Freimaurerei. Ohne die drei großen Lichter auf dem Altar, der selbst schon symbolische Bedeutung vermittelt, ist eine Loge nicht zur Arbeit eingerichtet.

Durch Symbolisierung wird der aktuelle und potentielle Erlebnisraum in einen Rahmen gestellt, der Sinn ermöglicht, nämlich eine Ordnung, die sinnvolles Leben vorgibt. Solche Ordnungssysteme sind dem Einzelnen durch Tradition vorgegeben. Aber, sie sind nicht einfach nur da, sondern sie sind das Resultat kultureller Inszenierungen.

Mythos

Die narrative, d.h. die erzählerische Form solcher kulturellen Inszenierungen ist der Mythos, auf den die Freimaurerei ebenfalls nicht verzichten kann. Unter dem Begriff Mythos verstehen wir ganz allgemein Vorstellungen und Konzepte in Kulturen, die erzählerisch und begrifflich empirische, d.h. erfahrene Beobachtungen und imaginäre Deutungen so verknüpfen, dass Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn interpretiert werden. Einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht.

Damit vergegenwärtigt der Mythos narrativ die im Ritual repräsentierte Ordnung. Es sei hier nur beispielhaft an den mythisch verklärten Salomontempel hingewiesen, mit dem wir Freimaurer bestimmte Vorstellungen verknüpfen.

Ich fasse zusammen: Rituale, Symbole und Mythen sind die für Freimaurer bestimmende Elemente. Sie inszenieren für uns einen Sinnzusammenhang, um auf das Ganze zu verweisen. Sie zelebrieren das Erlebnis von Sinn, eines Sinnes, der sich in dem freimaurerischen Ideal von Humanität offenbart.

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Die Moderne hat Migrationshintergrund

Arbeitsplatz mittelalterlicher Steinmetze

Die Welt nicht zu kennen und mit dem Ort der Geburt bis zum Tode verwachsen zu sein, das war immer nur das Ideal der zwangsweise Sesshaften. Ihre Heimat war im Räumlichen, und nicht kultureller Natur. Odysseus trieb es in die Welt, Humboldt wie Gauß und die Hanse. Migrant, Vagabund oder Fremder und Flaneur, das waren nicht immer Schimpfworte. Die Moderne entstand in Migration.

Die Vorstellung von einer Aufklärung, in der die Sonne die Wahrheit an den Tag bringt, meint historisch den Anbruch der Neuzeit aus der Finsternis eines Mittelalters, das so finster nicht überall war. Jedenfalls meint „enlightment“ nicht erst das Wirken Immanuel Kants und seiner Zeitgenossen im 18. Jahrhundert, sondern schon Entwicklungen im 12. bis 15. Jahrhundert. In der Architektur der christlichen Gotteshäuser ist dies die Gotik, später im Übergang zur Renaissance. Man denkt an den Kölner Dom in Deutschland, an die Kathedralen zu Straßburg, Chartres, Notre Dame in Paris in Frankreich, die Kathedralen zu Exeter, Oxford und Sheffield in England, vielleicht sogar an St.Giles im schottischen Edinburgh, außerdem an den Tallinner Dom im fernen Estland, den Veitsdom in Prag, die Dominikanerkirche in Krakau, schließlich auch an gotische Gotteshäuser in Italien (Genua, Venedig, Siena und besonders Palermo) oder Spanien (Valencia, Sevilla, Palma de Mallorca) oder sogar Zypern. Diese Baudenkmäler sind nicht zu denken ohne die Städte, die sie beherbergten und die immer noch durch sie glänzen.

Die mittelalterlichen Zeiten sind gekennzeichnet durch eine enorme, erzwungene Sesshaftigkeit. An die Scholle gebunden waren ganz sicher die Bauern und Kleinbauern, die in einer noch nicht intensiven Landwirtschaft sich vom kargen Ertrag ihrer Höfe ernähren und zugleich hohe Abgaben, manchmal auch Dienste leisten mussten. Agrikultur war bittere Gefangenschaft auf eigenem Grund und Boden.

Gebunden waren am anderen Ende der sozialen Skala aber auch der Adel und seine Fürsten, die zum guten Teil in sehr kleinen Fürstentümern lebten. Sie versuchten immer wieder, mit Hilfe von Raubzügen oder durch Allianzen zwischen den Fürstentümern ein Reich zu bauen, was in Deutschland erst sehr spät gelingen sollte. Adel konnte Gefangenschaft auf einem Erbe ungewisser Prosperität bedeuten.

Ein Dichter der bürgerlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts war Georg Büchner. Man verdankt seiner Schrift mit dem Titel „Der hessische Landbote“ einen eindrucksvollen architektonischen Hinweis, und zwar in dem politischen Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist ein sehr früher Klassenkampf, der die Paläste des Feudalismus, des Adels angreift und sich selbst als Sachwalter der kleinen Leute der Hütten versteht.

Als deutlichster Abschluss dieses Prozesses gilt die Französische Revolution, in der die Köpfe des Adels unter der Guillotine liegen, nachdem sie den frischen Luftzug des Fallbeils erfahren haben, und die Bürger, citoyen genannt, die Macht übernehmen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Parole, der es um Toleranz und Humanität ging.

Schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution entsteht zwischen den Hütten des Landlebens und den Palästen des Adels, die eher Bollwerke als Luxuswohnsitze waren, eine Lebensform, die, bezogen auf die Weiten des Feudalismus, zunächst nur in Enklaven zu finden ist. Es bilden sich wehrhafte Einfriedungen sozialer Gemeinwesen, die die neuen Zeiten ankündigen. Wir sprechen von den Städten, die zwar in der Antike schon einmal existierten, dann aber durch kriegerische Zerstörungen, Völkerwanderungen, Auflassungen in ihrer Struktur vernichtet waren.

Die revolutionär neue mittelalterliche Stadt ist eines der eindrucksvollsten historischen Ereignisse, weil sie von einer großen Ungleichzeitigkeit getragen ist. In den mittelalterlichen Städten entstehen schon die künftigen Zustände, schon das Denken der Neuzeit, während noch das Land, die Länder, die Reiche im Feudalismus verharren und von der sehr partikularen Herrschaft des Adels und wohl auch der Kirche geprägt sind.

Blickt man in diese Städte, so entstehen in der Mitte des Zirkels der Stadtmauern kathedralenhafte Bauten von Gotteshäusern, die noch heute in Pracht, Ausmaß, Kunst eindrucksvoll sind. Wie eindrucksvoll sie für die Zeitgenossen gewesen sein müssen, erahnt man nur, wenn man sich vorstellt, dass diese gigantischen Gebäude von Menschen betreten wurden, die in den vorgenannten Hütten lebten, aber eben auch von jenen in den Palästen. Die sehr mächtige Kirche mit der Unterstützung des sehr mächtigen Adels setzte ihrem Gott und sich als Institution hier gewaltige Denkmäler.

Eine nur beiläufig behandelte Frage zu dieser Zeit ist, wer so kühne Pläne wie die zu einer gotischen Kathedrale realisieren konnte. Es bedurfte ja nicht nur des Geldes, erpresst durch eine Kirchensteuer, den Zehnten, oder die Fron, die an den Adel zu entrichten war. Und der Bereitschaft reicher Bürger, Händler im Wesentlichen, aber auch reicher Handwerker, also der Bereitschaft der Gilden und der Zünfte in den Städten, eben jene Bauten zu finanzieren. Es bedurfte also nicht nur der finanziellen Mittel, sondern auch der Fähigkeit zur Baumeisterschaft.

Hier gerät wieder eine Hütte in den Fokus des Historikers. Wir reden jetzt von den Unterbringungen und dann den Organisationen jener Bauleute, zunächst Steinmetze, aber dann auch Handwerker aller anderen Professionen und der sie begleitenden Künstler, die in der Lage waren, die gigantischen gotischen Kathedralen zu bauen. Die Bauhütte oder Hütte war zunächst die Unterbringungsform jener Meister, Gesellen, Lehrlinge, die durch die Kunst des Steinbaus und anderer maurerischer Fähigkeiten in der Lage waren, die kühnen Pläne des Kirchenbaus zu realisieren.

Die Hütte war gleichzeitig auch die Selbstorganisation dieser Profession der Steinmetze, die von einem hohen Selbstbewusstsein getragen war. Es gab in dieser Zeit, wir reden über das 12./13. Jahrhundert, bereits ein differenziertes Sozialsystem innerhalb der Genossenschaft der Maurer. Es existierten eine eigene, vom Rest der Stadt und dem Fürsten anzuerkennende Gerichtsbarkeit und ein eigenes Recht. Wir haben es also mit einer sehr selbstbewussten Gruppe hoch qualifizierter, heute würde man sagen, Architekten und Künstler zu tun.

Zum Wesen des Kirchenbaus gehörte, dass er zwar viel Zeit in Anspruch nahm, aber irgendwann dann nun doch abgeschlossen wurde. Die deutlichste Unterscheidung zwischen den Handwerkern am Ort, organisiert in den Zünften, und den Steinmetzen in den Bauhütten an den Domen war, dass die Handwerker sesshaft waren wie die Bauern, wie die Fürsten. Man war sesshaft. Anders die Steinmetze, die Maurer, die Künstler der Hütte; sie zogen weiter zu weiteren großen Projekten des Kirchenbaus. Diese Migration erzeugte das Selbstbewusstsein, dass man vor allem sich selbst verantwortlich sei, nicht der jeweiligen Kirche oder gar dem jeweiligen Fürsten.

Es gibt die Nebenform der Migrationsbereitschaft innerhalb der Zünfte, dass man von dem ausgebildeten Lehrling ein Wandergesellentum erwartete, das ihn verpflichtete, andere Länder, andere Sitten, vor allen Dinge andere Fertigkeiten kennenzulernen, um mit diesem Wissen zurückzukehren. Aber dieses Wandergesellentum war lediglich ein Ausflug aus der Sesshaftigkeit. Und die Schiffe der Hanse legten in London wie Riga an, aber dort auch an den eigenen Stapelhöfen, und waren gedacht als Heimkehrer. Die Hanse plünderte die Welt, aber sie baute nichts auf.

Im ganz originären Sinne nicht an den Ort gebunden, nicht mal an die Gesetzlichkeit des Ortes, nicht an die Beschränkungen des Geistes des Ortes gebunden, nicht an den örtlichen Glauben gebunden, sondern Herren ihrer eigenen Fertigkeit waren die Hütten, die einer Migration frönten, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.

Geometrie war ein intellektueller Eckpfeiler der Profession. Heute würde man von Statik oder Architektur reden. Es gab aber auch soziale Eckpfeiler wie ein geregeltes Lohnsystem, Tarifverträge also, die an den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten gebunden waren. So bekam der Steinmetz, der das Laub zu meißeln hatte, eben 2 Pfenning mehr als jener, der die Quader fertigte. Es gab eine Krankenversicherung, eine frühe Form der Hinterbliebenenfürsorge, die im Erwerbsunfähigkeits- oder Todesfall soziale Sicherung versprach und über allem eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich nicht dem Willen der Bauherren unterstellte. Dass all dies nicht ohne Spannung zum Umfeld wirken konnte, ist evident.

Der Bergbau hat solche Organisationsformen der Moderne in der Knappschaft hervorgebracht: vor 750 Jahren. In der Kaiserpfalz Goslar, die schon stand, als Amerika noch nicht mal entdeckt war, findet sich heute ein Gedenkstein an die 750jährige Tradition der Knappschaft als professionelle Selbstorganisation. Übrigens eine Gedenktafel an einen großen Gesteinsbrocken, der erkennbar Erz enthält. Das Montanwesen gründet auf der Fähigkeit, in der Verhüttung das Erz vom Stein zu trennen.

In den Hütten wurde nicht nur Arbeit verwaltet, Lohn ausgezahlt und Recht gesprochen, man erzählte sich auch die Geschichten der eignen Bedeutung. Dabei griff man weit in die Tradition zurück und erinnerte sich der Mythen um den Tempel Salomons als Beispiel des ersten großen Projektes der Baumeisterei. Diese Mythen wanderten mit den Maurern an die Orte der Migration und nahmen dort die Einflüsse des Judentums, der Christenheit wie des Islam auf. In deren Gottesbegriffen fanden sie immer wieder den einen, einen großen Baumeister vieler Welten.

Die Moderne hat Migrationshintergrund, sie war in den Reihen der Steinmetzbruderschaften gut aufgehoben.

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