Auf den Spuren der Zeit

time concept with modern watch an calendar

Zeit ist nicht gleich Zeit, Zeit wird sehr unterschiedlich definiert, ob vom Lexikon, von der Physik, ob von der Philosophie oder der Kirche. Auch in der Freimaurerei haben wir Zeitbegriffe definiert, die sich im 24 zölligen Maßstab und insbesondere in den Zeiten im Ritual wiederfinden. Und auch im profanen Leben sind Begriffe im Zusammenhang mit der Zeit geprägt worden, die ihren festen Standort in der Gesellschaft und in unserem Leben gefunden haben.

Was ist eigentlich Zeit?

Diese Frage bewegt die Menschheit schon seit Jahrtausenden und es ist hochinteressant, sich mit der Geschichte der Zeitmessung zu befassen; von der Sonnenuhr bis hin zur Atomuhr. Immer haben die Menschen danach gestrebt, die Zeit in den Griff zu bekommen.  Den Begriff “Zeit” erklärt das Lexikon so:

Zeit ist das nicht umkehrbare, nicht wiederholbare Nacheinander, das erfahrbar und bewusst wird als Aufeinanderfolge von Veränderungen und Ereignissen in Natur und Geschichte.

Im Neuen Testament finden wir zwei wichtige griechische Worte für Zeit: Chronos und Kairos. Chronos steht für die Uhrzeit und für die Kalenderzeit. Die Zeiger der Uhr, früher auch Chronometer genannt, drehen ihre Zeiger unaufhörlich Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute und Sekunde für Sekunde. Der Kalender beginnt bei uns mit dem 1. Januar und schließt mit dem 31. Dezember. Doch das Dramatische bei der ablaufenden Zeit unseres Lebens ist, dass jede Sekunde, jede Minute und jede Stunde, nie mehr wiederkehrt. Sie ist vorbei, davongeeilt. Die Zeit vergeht, was haben wir in ihr und mit ihr gemacht? Zerfasert, ignoriert, nur zu Geld gemacht, oder für die wesentlichen Inhalte des Lebens genutzt? Für die Liebe, für unsere Familie, für unseren Beruf, für die Welt um uns herum?

Kairos heißt das zweite griechische Wort im Neuen Testament. Es ist die „gefüllte Zeit“, die besondere Stunde, der rettende Zeitpunkt, den wir erleben. Der Kairos tritt zum Beispiel dann ein, wenn zwei Menschen ihre Liebe zueinander entdecken. Die Hochzeit nannten die Griechen wohl einen Kairos und die Geburt eines Kindes ist für die Mutter wie für den Vater und die Geschwister sozusagen „kairotisch“. Kairos – gefüllte Zeit, die Freude und Begeisterung , aber auch Leid und Kummer bedeuten kann.

Nach dem Lexikon und dem Neuen Testament will ich jetzt die Physik bemühen:

Viele Physiker haben sich mit dem Einfluss der Zeit auf den Raum befasst, allen voran Albert Einstein, der den Begriff der “Raumzeit” entwickelte. Danach ist die Zeit ebenso eine Dimension wie Länge, Breite und Höhe. Die Raumzeit hat also vier Dimensionen. Zeit ist jedoch eine besondere Dimension. Sie hat eine Eigenschaft, die dem Raum fehlt: Alles – Menschen, Tiere, Sterne, einfach alles, kann sich in ihr nur in einer Richtung bewegen: Richtung Zukunft. Eine Umkehr in die Vergangenheit oder ein Anhalten der Zeit sind ebenso unmöglich wie ein Springen in die Zukunft. Daraus folgt eine Gleichzeitigkeit: alles, was geschieht, geschieht jetzt, in der Gegenwart. Wir blicken auf die Vergangenheit zurück, die abgeschlossen und unabänderlich ist, auch wenn wir ihre Auswirkungen jetzt noch immer spüren. Die Zukunft ist für den Menschen unvorhersehbar, weil sie noch nicht geschehen ist. Die Zeit ist in der menschlichen Wahrnehmung wie in der Physik als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin beschreibbar.

Der Philosoph Augustinus, erklärt die Zeit so:

Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem Fragenden erklären sollte, weiss ich es nicht.

Diese berühmten Worte des spätantiken Philosophen bringen die Sache auf den Punkt: Wir alle besitzen zwar Uhren, auf denen wir die Zeit ablesen können, doch niemand von uns weiss, was wir da eigentlich ablesen. Augustinus macht kurzen Prozess. Er erklärt die Zeit zu einer blossen Illusion. Sie sei nämlich zusammengesetzt aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Zeit gäbe es nur, weil die Zukunft zur Gegenwart und die Gegenwart zur Vergangenheit wird, kurz: Weil die Vergangenheit die Zukunft der Gegenwart ist, oder anders: das Heute das Gestern von morgen.

Nun aber kommt der Clou: Nach Augustinus gibt es weder Zukunft, noch Vergangenheit, noch Gegenwart. Denn das Zukünftige ist noch nicht, das Vergangene ist nicht mehr, und die Gegenwart ist eine blosse Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit: Sobald wir sie denken, ist sie bereits vorbei. Zeit ist nach Augustinus also ein unwirkliches Phantasiegebilde von uns Menschen.

Dennoch: Wir erkennen zwischen den Definitionen des Begriffes “Zeit” im Lexikon, im Neuen Testament, in der Physik und in der Philosophie durchaus deutliche Schnittstellen.

Wie gehen die Menschen im realen und praktischen Leben mit der Zeit um?

Unser Leben hat einen Anfang und ein Ende. Die Zeit dazwischen – unsere Lebenszeit – messen wir mit Zeit. In der Regel mit Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden. Der Mensch denkt sich selbst und seine Nachkommen und seine Umwelt in die zu erwartende Zeit hinein. Auf den Tag bezogen sind es in der profanen Welt vier Zeitabschnitte, in die wir unser Leben einbetten, einplanen oder einteilen: Morgen, Mittag, Abend und Nacht.

Im Laufe der Zeit haben sich feste Begriffe eingeprägt, die den Ablauf unseres Lebens bestimmen; es sind dies im Wesentlichen die Lebenszeit, die Arbeitszeit, die Ruhezeit und die Freizeit. Jeder Mensch hat dabei seinen eigenen Rhythmus und eine eigene Gewichtung gefunden. Die Frage, ob es immer erfüllte Zeit gewesen ist, wird jeder nur individuell für sich entscheiden können.

Uns Freimauerern sollte das Streben nach erfüllter Zeit leichter fallen, denn einer unserer Werkzeuge ist der 24 zöllige Maßstab. Er dient dazu, sich die Zeit mit Weisheit einzuteilen. Er symbolisiert die 24 Stunden des Tages, die nach alter Überlieferung her wie folgt verwendet werden sollten:

6 Stunden für Arbeit,
6 Stunden, um Gott zu dienen,
6 Stunden, um einem Bruder oder einem Freund zu dienen,
6 Stunden, um zu schlafen

Nun hat sich die Welt in den letzten 300 Jahren doch erheblich verändert, so dass diese klare zeitliche Einteilung in der heutigen Zeit nicht mehr umzusetzen ist. Aber wie kann der moderne Freimaurer seine Zeit sinnvoll aufteilen? Die Aufteilung in vier Blöcke ist geblieben – es sind dies folgende vier Bereiche

Arbeit,
Befriedigung sozialer Bedürfnisse,
Erholung und Regenerierung,
Spiritualität

Arbeit ist ein wichtiger Teil in unserem Leben. Für die Einen ist es Pflicht, für den Anderen Freude und Erfüllung. Sie gibt Struktur, fördert Lernen und Fähigkeiten und ermöglicht uns in Augenhöhe mit anderen am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse ist ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens. Sie dient nicht nur dem Austausch, der Begegnung und der Kommunikation, sie sorgt nicht nur für gemeinsame Erlebnisse, sondern schafft auch Nähe, Geborgenheit, Liebe, Menschlichkeit, Verständnis und Brüderlichkeit.  Jeder Mensch hat seinen eigenen Schlafrhythmus; dem einen reichen 5 Stunden, der andere schläft regelmäßig seine 7 Stunden. Aber nicht nur Schlaf, sondern auch Ruhephasen – in welcher Form auch immer – dienen der Erholung und Regenerierung. Das Bedürfnis nach Erholung ist sicherlich auch abhängig vom Umfang der Belastung im Beruf und den Anstrengungen, denen sich der Mensch im Freizeitbereich unterwirft. Wer sich Zeit für Spiritualität nimmt und sich mit Neugierde auf die wichtigen Fragen des Lebens stürzt, wird Antworten finden, die ihm weiterhelfen, sein Leben sinnvoller zu gestalten. Das ist Nahrung für die Seele und den Geist und auch Nährboden für eine humanistische Lebenseinstellung.  Wie genau diese 4 Bereiche weise aufzuteilen sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Nach dem 24 zölligen Maßstab leite ich jetzt über zu den Zeiten im Ritual. Wenn wir als Freimaurer über Zeiten sprechen, stellen wir fest, dass die Zeiten im profanen Leben nicht deckungsgleich sind mit den Zeiten im Ritual. Die Zeiten stehen am Beginn und am Ende des Rituals, durchaus auch unterschiedlich, je nach Lehrart. Unterschiedlich ist von den “Stunden” die Rede oder von Mittag, Hochmittag und Hochmitternacht. Diese Begriffe sind nur eine Allegorie, welche unserem Ritual bei der Öffnung und Schließung eine Bedeutung geben.

Nun mutet es nach unserem Sprachgebrauch etwas eigentümlich an, Mittags mit der Arbeit zu beginnen. Wann ist Mittag? Und wann ist Hochmittag? Man muss wissen, dass die Einteilung des Tages in vier Zeiten schon bei den Juden vor Christus längst gebräuchlich war. Über die römischen Legionen gingen sie auf die Christen über und kamen so an die Mönchs- und Ritterorden des Mittelalters und schließlich auch in die Bauhütten. Der Mittag beginnt mit der ersten Stunde um 6.00 Uhr nach unserer Zeitrechnung. Die zweite Stunde nennt sich dann “Mittag gegen 1/3”, die dritte Stunde “Mittag und 1/3” bis hin zur 6, Stunde, die hieß dann Mittag gegen voll. Mit der siebenten Stunde begann um 12.00 Uhr Hochmittag, bis zur 12. Stunde um 17.00 Uhr unserer Zeitrechnung, das war dann “Hochmittag gegen voll”. Mit der 13. Stunde begann dann Mitternacht um 18.00 Uhr, mit der 19. Stunde um 24.00 Uhr Hochmitternacht. Soweit der Abgleich der 4 Logenzeiten mit den tatsächlichen Arbeitszeiten, damit es uns ein wenig leichter fällt, das einzuordnen.

Aber welche symbolische Bedeutung haben unsere maurerischen Zeiten? In unserem Ritual fragt der MvSt. den 1. Aufseher nach der Zeit, worauf dieser antwortet:”Es ist Mittag, ehrwürdiger Meister.” Mit dem folgenden Wechselgespräch, das an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden kann, hat die symbolische Arbeit begonnen. Mit der Zuordnung der Worte “die rechte Zeit” an den Begriff “Hochmittag” wird diesem eine besondere Wertigkeit gegeben. Die Worte “die rechte Zeit” kommen aus dem griechischen Kairos – wie eingangs erwähnt – und sagen aus, dass jetzt etwas geschieht, was eine besondere Bedeutung enthält. Die rechte Zeit ist demnach nicht die uhrzeitgemäße Pünktlichkeit. Sie ist eine Umschreibung für eine Einmaligkeit des Geschehens, sie ist unwiederbringlich.

Hochmittag heißt es auch, weil die Loge nunmehr im hellsten Licht erleuchtet ist. Die uhrenkundige Tageszeit spielt während des Rituals keine Rolle. Der volle Schein des Lichtes umhüllt uns und in uns soll eine Ahnung vom wahren Sinn des Lebens aufgehen. Das Wort “Hoch” im Begriff “Hochmittag” soll keinen zeitlichen Rahmen setzen, sondern vielmehr im Sinne von “etwas Besonderes” , “vom Gewöhnlichen abweichend” ausdrücken. Der “Hochmittag” nach Öffnung der Loge kennzeichnet im Ritual die Bereitschaft der versammelten Brüder, die geistigen Kräfte in vollem Umfang der rituellen Arbeit am Tempel der Humanität zuzuwenden. In der Regel ist es die Zeichnung, die im Mittelpunkt der Arbeit steht und den Brüdern sowohl geistige Vertiefung als auch sittliche Veredelung anbieten soll.

Die Schließung der Loge beginnt mit dem Dialog zwischen dem MvSt. und dem 2. Aufseher: Es sind Fragen nach dem Alter des 2. Aufsehers, Fragen nach der Bezahlung für die Arbeit, Fragen, die die Arbeit und die Werkzeuge der Lehrlinge betreffen und Fragen nach dem Sinn unserer Arbeit. Es folgen auch hier Fragen nach der rituellen Zeit und im Anschluss verkündet der Meister vom Stuhl die Schließung der Zusammenkunft. Die (rituelle) Arbeit ruht jetzt. Wir prüfen unser Gewissen, ob wir winkelgerecht gearbeitet haben und unsere Pflicht erfüllt haben.

Der Meister entlässt uns von der Arbeit mit den Worten:

Geht nun zurück in die Welt meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst. Es geschehe also, ziehet hin in Frieden.

Ich habe mich auf die Spuren der Zeit begeben – und ich bin fündig geworden. Ich habe eine Erkenntnis gewonnen, die mir noch nie so klar war: Zeit ist eines der wertvollsten Geschenke, die uns neben der Liebe und neben der Gesundheit gegeben ist. Es sind die herrschenden Denkgewohnheiten, die es uns schwer machen, dieses Geschenk der “Zeit” als eines der wertvollsten Gaben anzusehen. Wir müssen sehr behutsam und sehr überlegt mit ihr umgehen, denn verlorene Zeit kommt nie wieder zurück.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat das sinngemäß einmal so ausgedrückt:

Solange wir jung sind, halten wir das Leben für endlos und gehen entsprechend mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung wie bei einem Delinquenten, der zum Schafott geführt wird.

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Rituale, Symbole und Mythen

Steinmetzzeichen

Für viele Menschen sind Rituale nur noch verstaubte Handlungen, die für sie belanglos und unglaubwürdig geworden sind. Das trifft auf uns Freimaurer keinesfalls zu, denn unsere Zunft lebt vom und mit dem Ritual. Es ist gewissermaßen die conditio sine qua non, also eine Bedingung, ohne die die Freimaurerei ihrer Grundlagen beraubt wäre.

Rituale können Kräfte wecken, vor allem aber Identität stiften. Sie schaffen deshalb Mut und Motivation für eine je eigene Lebensgestaltung sozialer Gruppen im Sinne humanistischer Ideale wie es bei uns Freimaurern der Fall ist. Dazu bedarf es jedoch eines kritischen Bewußtseins, das Faktenwissen ebenso voraussetzt wie die Fähigkeit, die eigenen Lebensformen zu hinterfragen.
Im Ritual werden die Rhytmen von Raum und Zeit nachvollzogen und im menschlichen Erleben und Handeln abgebildet und zwar auf individueller wie sozialer Ebene.

Was also ist Ritual im ureigensten Sinne? Nun, es ist zuerst Inszenierung gegen den Zufall, dann aber auch Einordnung bis hin zum Zwang. Es ist aber auch Erschaffung von Sicherheit und Gewißheit, die dann im Vollzug des Rituals gewohnheitsmäßig wird. Indem nämlich das Ritual vollzogen wird, zerfällt das sonst gewohnte Leben nicht mehr in unzusammenhängende Momente, sondern es strukturiert das Leben durch ständige Wiederholung zu einer gesetzten Gesetzmäßigkeit. Unsere personale Identität, nämlich unser Bewußtsein, Freimaurer zu sein, muß durch das Ritual daher immer wieder stabilisiert werden.

Rituale heben sich vom Alltagsleben ab und unterbrechen den Zeitfluß und das Raumgefühl durch Verschiebung des raumzeitlichen Erlebens in eine Ausnahmesituation. Indem Rituale die Gewohnheit im Leben unterbrechen, durchbrechen sie den Alltag jedes Individuums, mithin auch unseren Alltag und setzen damit eine je eigene Zeit. Dadurch wird ein Verfremdungseffekt erzielt, es wird durch das Ritual räumlich und zeitlich ein anderer Erlebnisraum geschaffen. D.h. Sinn und neue Sinnebenen werden nicht abstrakt, sondern konkret und körperlich erlebbar und zwar in Gemeinschaft. Dieser andere Erlebnisraum stiftet Gemeinschaft durch eine Identifizierung, die wiederum neue Identität ermöglicht. Rituale wirken also sozial identitätsstiftend insofern, als sie diejenigen ausgrenzen, die nicht zur Ritualgemeinschaft gehören. Sie sind also in ihrer Wirkung ambivalent, d.h. sie stiften einerseits Gemeinschaft, andererseits grenzen sie diese Gemeinschaft von anderen ab.

Interessant ist auch die Frage, ob Rituale nur als wiederholte und dauerhafte Inszenierung von Identitätsstiftung zu verstehen sind oder müssen manche Rituale als versteckte oder offene Zwangshandlungen interpretiert werden. Die Antwort auf diese Frage ist ebenfalls ambivalent. Zunächst erzeugen Rituale psychologisch einen Freiraum, da der Zwang zu Entscheidungen zeitweise aufgehoben wird, z.B. während der Tempelarbeit. Das Ritual gibt die Abläufe vor und der Bruder wird entlastet, wenn er sich rituellen Abläufen unterwirft. Und hier wird die ambivalente Situation deutlich, indem sich jeder Bruder durch
die Unterwerfung unter das Ritual frei von Entscheidungen weiß. Das Bewußtsein kann sich dann im Rahmen des rituellen Geschehens auf sich selbst zurückziehen, ohne dass es fortlaufend Alternativen abwägen und entscheiden müßte. Diese Feststellung gilt insbesondere für die Brüder in der Kolonne.

Der andere Aspekt dieser ambivalenten Situation ist der Preis für die eben genannte Freiheit. Der Preis ist die Unterwerfung unter die Autorität des Rituals, d.h. Abweichungen oder unzulässige Unterbrechungen des Rituals werden missbilligt und stören letztlich den rituellen Ablauf.

Symbole

Die Freimaurerei lebt auch von und mit Symbolen. Symbolisierung ist die Leistung des menschlichen Denkens schlechthin, denn sie ist das, was Kultur ermöglicht. Im Symbol schafft sich der Mensch einen Abstand zu seiner Gemütsverfassung, weil eine Abstraktion von Sinneseindruck möglich ist. Um die Orientierung wie auch die Verallgemeinerung von Ereignissen rituell zu repräsentieren, bedarf es der Symbole. Dadurch wird das gewohnte Ereignis oder der alltägliche Gegenstand in einen umfassenden Rahmen gestellt.

Symbole und deren Verknüpfung zu Systemsymbolen bauen also Strukturen und Ordnungssysteme auf. Sie bilden daher einen erkenntnismäßigen und emotionalen Rahmen, indem die kontingenten, d.h. zufälligen Erlebnisse eingeordnet werden können. Daraus ergibt sich dann das, was wir Sinn oder Sinnstiftung nennen. Denken wir in diesem Zusammenhang an die drei wesentlichen Symbolgegenstände unserer Zunft, nämlich die – drei großen Lichter – als da sind: die Bibel, das Winkelmaß und der Zirkel. Welchen Sinn verkörpern sie in der Freimaurerei? Sie bilden die unverrückbaren Grundlagen der Freimaurerei. Ohne die drei großen Lichter auf dem Altar, der selbst schon symbolische Bedeutung vermittelt, ist eine Loge nicht zur Arbeit eingerichtet.

Durch Symbolisierung wird der aktuelle und potentielle Erlebnisraum in einen Rahmen gestellt, der Sinn ermöglicht, nämlich eine Ordnung, die sinnvolles Leben vorgibt. Solche Ordnungssysteme sind dem Einzelnen durch Tradition vorgegeben. Aber, sie sind nicht einfach nur da, sondern sie sind das Resultat kultureller Inszenierungen.

Mythos

Die narrative, d.h. die erzählerische Form solcher kulturellen Inszenierungen ist der Mythos, auf den die Freimaurerei ebenfalls nicht verzichten kann. Unter dem Begriff Mythos verstehen wir ganz allgemein Vorstellungen und Konzepte in Kulturen, die erzählerisch und begrifflich empirische, d.h. erfahrene Beobachtungen und imaginäre Deutungen so verknüpfen, dass Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn interpretiert werden. Einen Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht.

Damit vergegenwärtigt der Mythos narrativ die im Ritual repräsentierte Ordnung. Es sei hier nur beispielhaft an den mythisch verklärten Salomontempel hingewiesen, mit dem wir Freimaurer bestimmte Vorstellungen verknüpfen.

Ich fasse zusammen: Rituale, Symbole und Mythen sind die für Freimaurer bestimmende Elemente. Sie inszenieren für uns einen Sinnzusammenhang, um auf das Ganze zu verweisen. Sie zelebrieren das Erlebnis von Sinn, eines Sinnes, der sich in dem freimaurerischen Ideal von Humanität offenbart.

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Die Moderne hat Migrationshintergrund

Arbeitsplatz mittelalterlicher Steinmetze

Die Welt nicht zu kennen und mit dem Ort der Geburt bis zum Tode verwachsen zu sein, das war immer nur das Ideal der zwangsweise Sesshaften. Ihre Heimat war im Räumlichen, und nicht kultureller Natur. Odysseus trieb es in die Welt, Humboldt wie Gauß und die Hanse. Migrant, Vagabund oder Fremder und Flaneur, das waren nicht immer Schimpfworte. Die Moderne entstand in Migration.

Die Vorstellung von einer Aufklärung, in der die Sonne die Wahrheit an den Tag bringt, meint historisch den Anbruch der Neuzeit aus der Finsternis eines Mittelalters, das so finster nicht überall war. Jedenfalls meint „enlightment“ nicht erst das Wirken Immanuel Kants und seiner Zeitgenossen im 18. Jahrhundert, sondern schon Entwicklungen im 12. bis 15. Jahrhundert. In der Architektur der christlichen Gotteshäuser ist dies die Gotik, später im Übergang zur Renaissance. Man denkt an den Kölner Dom in Deutschland, an die Kathedralen zu Straßburg, Chartres, Notre Dame in Paris in Frankreich, die Kathedralen zu Exeter, Oxford und Sheffield in England, vielleicht sogar an St.Giles im schottischen Edinburgh, außerdem an den Tallinner Dom im fernen Estland, den Veitsdom in Prag, die Dominikanerkirche in Krakau, schließlich auch an gotische Gotteshäuser in Italien (Genua, Venedig, Siena und besonders Palermo) oder Spanien (Valencia, Sevilla, Palma de Mallorca) oder sogar Zypern. Diese Baudenkmäler sind nicht zu denken ohne die Städte, die sie beherbergten und die immer noch durch sie glänzen.

Die mittelalterlichen Zeiten sind gekennzeichnet durch eine enorme, erzwungene Sesshaftigkeit. An die Scholle gebunden waren ganz sicher die Bauern und Kleinbauern, die in einer noch nicht intensiven Landwirtschaft sich vom kargen Ertrag ihrer Höfe ernähren und zugleich hohe Abgaben, manchmal auch Dienste leisten mussten. Agrikultur war bittere Gefangenschaft auf eigenem Grund und Boden.

Gebunden waren am anderen Ende der sozialen Skala aber auch der Adel und seine Fürsten, die zum guten Teil in sehr kleinen Fürstentümern lebten. Sie versuchten immer wieder, mit Hilfe von Raubzügen oder durch Allianzen zwischen den Fürstentümern ein Reich zu bauen, was in Deutschland erst sehr spät gelingen sollte. Adel konnte Gefangenschaft auf einem Erbe ungewisser Prosperität bedeuten.

Ein Dichter der bürgerlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts war Georg Büchner. Man verdankt seiner Schrift mit dem Titel „Der hessische Landbote“ einen eindrucksvollen architektonischen Hinweis, und zwar in dem politischen Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist ein sehr früher Klassenkampf, der die Paläste des Feudalismus, des Adels angreift und sich selbst als Sachwalter der kleinen Leute der Hütten versteht.

Als deutlichster Abschluss dieses Prozesses gilt die Französische Revolution, in der die Köpfe des Adels unter der Guillotine liegen, nachdem sie den frischen Luftzug des Fallbeils erfahren haben, und die Bürger, citoyen genannt, die Macht übernehmen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Parole, der es um Toleranz und Humanität ging.

Schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution entsteht zwischen den Hütten des Landlebens und den Palästen des Adels, die eher Bollwerke als Luxuswohnsitze waren, eine Lebensform, die, bezogen auf die Weiten des Feudalismus, zunächst nur in Enklaven zu finden ist. Es bilden sich wehrhafte Einfriedungen sozialer Gemeinwesen, die die neuen Zeiten ankündigen. Wir sprechen von den Städten, die zwar in der Antike schon einmal existierten, dann aber durch kriegerische Zerstörungen, Völkerwanderungen, Auflassungen in ihrer Struktur vernichtet waren.

Die revolutionär neue mittelalterliche Stadt ist eines der eindrucksvollsten historischen Ereignisse, weil sie von einer großen Ungleichzeitigkeit getragen ist. In den mittelalterlichen Städten entstehen schon die künftigen Zustände, schon das Denken der Neuzeit, während noch das Land, die Länder, die Reiche im Feudalismus verharren und von der sehr partikularen Herrschaft des Adels und wohl auch der Kirche geprägt sind.

Blickt man in diese Städte, so entstehen in der Mitte des Zirkels der Stadtmauern kathedralenhafte Bauten von Gotteshäusern, die noch heute in Pracht, Ausmaß, Kunst eindrucksvoll sind. Wie eindrucksvoll sie für die Zeitgenossen gewesen sein müssen, erahnt man nur, wenn man sich vorstellt, dass diese gigantischen Gebäude von Menschen betreten wurden, die in den vorgenannten Hütten lebten, aber eben auch von jenen in den Palästen. Die sehr mächtige Kirche mit der Unterstützung des sehr mächtigen Adels setzte ihrem Gott und sich als Institution hier gewaltige Denkmäler.

Eine nur beiläufig behandelte Frage zu dieser Zeit ist, wer so kühne Pläne wie die zu einer gotischen Kathedrale realisieren konnte. Es bedurfte ja nicht nur des Geldes, erpresst durch eine Kirchensteuer, den Zehnten, oder die Fron, die an den Adel zu entrichten war. Und der Bereitschaft reicher Bürger, Händler im Wesentlichen, aber auch reicher Handwerker, also der Bereitschaft der Gilden und der Zünfte in den Städten, eben jene Bauten zu finanzieren. Es bedurfte also nicht nur der finanziellen Mittel, sondern auch der Fähigkeit zur Baumeisterschaft.

Hier gerät wieder eine Hütte in den Fokus des Historikers. Wir reden jetzt von den Unterbringungen und dann den Organisationen jener Bauleute, zunächst Steinmetze, aber dann auch Handwerker aller anderen Professionen und der sie begleitenden Künstler, die in der Lage waren, die gigantischen gotischen Kathedralen zu bauen. Die Bauhütte oder Hütte war zunächst die Unterbringungsform jener Meister, Gesellen, Lehrlinge, die durch die Kunst des Steinbaus und anderer maurerischer Fähigkeiten in der Lage waren, die kühnen Pläne des Kirchenbaus zu realisieren.

Die Hütte war gleichzeitig auch die Selbstorganisation dieser Profession der Steinmetze, die von einem hohen Selbstbewusstsein getragen war. Es gab in dieser Zeit, wir reden über das 12./13. Jahrhundert, bereits ein differenziertes Sozialsystem innerhalb der Genossenschaft der Maurer. Es existierten eine eigene, vom Rest der Stadt und dem Fürsten anzuerkennende Gerichtsbarkeit und ein eigenes Recht. Wir haben es also mit einer sehr selbstbewussten Gruppe hoch qualifizierter, heute würde man sagen, Architekten und Künstler zu tun.

Zum Wesen des Kirchenbaus gehörte, dass er zwar viel Zeit in Anspruch nahm, aber irgendwann dann nun doch abgeschlossen wurde. Die deutlichste Unterscheidung zwischen den Handwerkern am Ort, organisiert in den Zünften, und den Steinmetzen in den Bauhütten an den Domen war, dass die Handwerker sesshaft waren wie die Bauern, wie die Fürsten. Man war sesshaft. Anders die Steinmetze, die Maurer, die Künstler der Hütte; sie zogen weiter zu weiteren großen Projekten des Kirchenbaus. Diese Migration erzeugte das Selbstbewusstsein, dass man vor allem sich selbst verantwortlich sei, nicht der jeweiligen Kirche oder gar dem jeweiligen Fürsten.

Es gibt die Nebenform der Migrationsbereitschaft innerhalb der Zünfte, dass man von dem ausgebildeten Lehrling ein Wandergesellentum erwartete, das ihn verpflichtete, andere Länder, andere Sitten, vor allen Dinge andere Fertigkeiten kennenzulernen, um mit diesem Wissen zurückzukehren. Aber dieses Wandergesellentum war lediglich ein Ausflug aus der Sesshaftigkeit. Und die Schiffe der Hanse legten in London wie Riga an, aber dort auch an den eigenen Stapelhöfen, und waren gedacht als Heimkehrer. Die Hanse plünderte die Welt, aber sie baute nichts auf.

Im ganz originären Sinne nicht an den Ort gebunden, nicht mal an die Gesetzlichkeit des Ortes, nicht an die Beschränkungen des Geistes des Ortes gebunden, nicht an den örtlichen Glauben gebunden, sondern Herren ihrer eigenen Fertigkeit waren die Hütten, die einer Migration frönten, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.

Geometrie war ein intellektueller Eckpfeiler der Profession. Heute würde man von Statik oder Architektur reden. Es gab aber auch soziale Eckpfeiler wie ein geregeltes Lohnsystem, Tarifverträge also, die an den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten gebunden waren. So bekam der Steinmetz, der das Laub zu meißeln hatte, eben 2 Pfenning mehr als jener, der die Quader fertigte. Es gab eine Krankenversicherung, eine frühe Form der Hinterbliebenenfürsorge, die im Erwerbsunfähigkeits- oder Todesfall soziale Sicherung versprach und über allem eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich nicht dem Willen der Bauherren unterstellte. Dass all dies nicht ohne Spannung zum Umfeld wirken konnte, ist evident.

Der Bergbau hat solche Organisationsformen der Moderne in der Knappschaft hervorgebracht: vor 750 Jahren. In der Kaiserpfalz Goslar, die schon stand, als Amerika noch nicht mal entdeckt war, findet sich heute ein Gedenkstein an die 750jährige Tradition der Knappschaft als professionelle Selbstorganisation. Übrigens eine Gedenktafel an einen großen Gesteinsbrocken, der erkennbar Erz enthält. Das Montanwesen gründet auf der Fähigkeit, in der Verhüttung das Erz vom Stein zu trennen.

In den Hütten wurde nicht nur Arbeit verwaltet, Lohn ausgezahlt und Recht gesprochen, man erzählte sich auch die Geschichten der eignen Bedeutung. Dabei griff man weit in die Tradition zurück und erinnerte sich der Mythen um den Tempel Salomons als Beispiel des ersten großen Projektes der Baumeisterei. Diese Mythen wanderten mit den Maurern an die Orte der Migration und nahmen dort die Einflüsse des Judentums, der Christenheit wie des Islam auf. In deren Gottesbegriffen fanden sie immer wieder den einen, einen großen Baumeister vieler Welten.

Die Moderne hat Migrationshintergrund, sie war in den Reihen der Steinmetzbruderschaften gut aufgehoben.

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

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Ein unfassbares Gefühl: Glück

Forciertes Glück

Der Autor hat sich auf die Suche gemacht, um das Glück in seiner reinsten Form, zumindest eine Formel für das Glück zu finden. Seine Ergebnisse präsentierte er in einem Vortrag, gehalten im Dezember 2014 beim “Schwesternfest” der Loge “Friedrich zur Unsterblichkeit” in Stade.

Fürwahr – kein leichtes Unterfangen. Ich habe die ganze Bandbreite der Print-Medien studiert, vom Stader TAGEBLATT über den SPIEGEL-Wissen, Readers Digest, die Zirkelkorrespondenz, die WELT am Sonntag bis zur Mitgliederzeitschrift der BARMER Ersatzkasse. Alle haben sich mit dem Thema Glück mehr oder weniger auseinandergesetzt. Und ich bin dabei auch zu einem “Glücksforscher” geworden.

Das Glück in reinster und edelster Form kann ich nicht präsentieren, wohl aber viele Erkenntnisse und Ergebnisse meiner Recherchen, die hilfreich sein können. Dennoch gibt es heute ein Highlight: ich habe die Glücksformel gefunden — ja, es gibt sie wirklich, die Glücksformel.

Aber alles der Reihe nach: Zunächst einmal die Frage nach der Herkunft des Wortes Glück. Vor 900 Jahren wurde mit dem mittelhochdeutschen Wort “Gelücke” das gute Ende eines Ereignisses benannt.

Glück ist ein sehr körperliches Gefühl, das Menschen in der Welt offenbar überall gleich empfinden. Das ist durch jüngere Forschung belegt. Das Gefühl entsteht im Gehirn durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Hirnregionen und durch körpereigene Botenstoffe, vor allem Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Sie sind für langfristiges Wohlbefinden entscheidend und heißen deshalb auch Glückshormone.

Dennoch, das Glück ist schwer zu fassen, auch für die Wissenschaft. Ihr Versuch, es umfassend zu erklären, hat viele Antworten hervorgebracht, aber auch Widersprüche. So glauben die einen Wissenschaftler, dass vor allem die Gene entscheiden, ob, wann und wie intensiv ein Mensch Glück empfindet. Die anderen sind überzeugt, es hänge in erster Linie davon ab, was jemand vom Leben erwarte. Und wieder andere halten die Lebensumstände und den Zufall für besonders wichtig. Als sicher gilt aber erstens, dass Glück und Unglück oft sehr eng miteinander zusammenhängen, und zweitens, dass Menschen ihrem Schicksal nicht ausgeliert sind. Sie können sich Zuversicht aneignen, ihr Glück beeinflussen.

Wie kann es sein, fragen sich Heerscharen von Psychologen, Neurologen, Genetikern und Sozialforschern, dass manche Menschen, die alles zu haben scheinen, unglücklich sind – und andere trotz eines Schicksalsschlags ein glückliches Leben führen? Sie suchen nach Antworten auf eine der großen Fragen der Menschheit. Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Und was ist das überhaupt: Glück? Die Suche nach dem Glück ist eine Sehnsucht, die Menschen seit jeher antrieb. In modernen Gesellschaften ist sie zu einem Lebensinhalt geworden.

Die Wissenschaft versucht, das Glück und seine Voraussetzungen zu vermessen. Forscher scannen das Hirn und erforschen die Gene. Seit ein paar Jahren gibt es die Glücksforschung als eigene Wissenschaft. Ihre Ergebnisse, tausende wissenschaftliche Arbeiten werden in der Erasmus-Universität in Rotterdam gesammelt, in der “World Database of Happiness”, der Weltdatenbank des Glücks. Der Amerikaner David Buss hat sich auf dem Gebiet der evolutionären Psychologie spezialisiert. Vor 14 Jahren hat er einen Artikel veröffentlicht, der bis heute als wegweisend gilt. Der Titel lautete: “Die Evolution des Glücks”. Darin erklärt Buss, wie früher die Vorstellung von gutem Leben entstand und warum Menschen sich heute bei der Glückssuche häufig im Weg stehen. Seine Antwort:

“Der Mensch ist noch nicht reif für jene Welt der Millionenmetropolen, der neuen Techniken, der rasend schnellen Verkehrs- und Informationsströme, die er selbst erschaffen hat. Der Mensch funktioniere tief im Inneren noch wie in der grauen Frühzeit der Zivilisation, in der alten Welt kleiner, überschaubarer Stammesgruppen”

Forscher der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität fanden jüngst heraus, dass Facebook seine Nutzer tendenziell unglücklich macht. Mit Fotos von scheinbar tollen Partys, großen Reisen und einem sexy Partner stellen Facebook-Nutzer ihre besten Seiten aus. Ein Ideal, das die Wirklichkeit verzerrt, an dem sich aber andere Nutzer messen. Je öfter sie Facebook nutzen, umso trauriger fühlten sie sich und umso weniger soziale Kontakte hatten sie im wirklichen Leben. “Wer glücklich sein will, der muss wieder lernen, seine eigentliche Umgebung wahrzunehmen”, sagt deshalb der britische Verhaltensforscher Paul Dolan. Bekanntschaften und Freundschaften bestimmen ganz entscheidend mit, ob sich jemand wirklich wohlfühle. “Wir haben eine falsche Vorstellung vom Glück. Deswegen rackern sich die Menschen für den perfekten Job ab, sind ständig online und wollen immer mehr erleben. Den eigentlichen Moment können sie dann aber kaum genießen. Wer ständig einer Vorstellung vom vollkommenen Glück hinterherjagt, macht sich leicht unglücklich. Das passiert vor allem in westlichen Wohlstandsgesellschaften. Denn die Suche nach dem Glück ist dort inzwischen eine Art Fetisch.”

Depressive Menschen haben häufig das Gefühl, mit ihrer Suche nach dem Glück gescheitert zu sein. Sie neigen dazu, negative Erlebnisse und Wahrnehmungen wichtiger zu nehmen als positive. “Die innere Blaupause für das Glücklichsein, das ist, wenn es einem gelingt, immer zuerst die positive Seite der Dinge zu sehen”, sagt der Mediziner Malek Bajbouj ( gesprochen Beibu) von der Charité in Berlin. Wir alle kennen in unserem persönlichen Umfeld Menschen, die behaupten, das Glas sei halbleer, obwohl es noch halbvoll ist.

Im 18. Jahrhundert ist Glück noch untrennbar mit Begehrlichkeiten, persönlicher Leistungsfähigkeit und Belohnung verbunden gewesen. Heute wolle jeder mehr, ohne satt zu werden. Manche Gesellschaften haben sich großen Wohlstand erarbeitet. Zuviel für die Menschen, um glücklich zu werden. Dabei – so glauben die Forscher – könnte es ganz einfach sein. Und es gibt Menschen, die erfahren es auch, wie das folgende Beispiel zeigt:

Katjas blonde Locken schimmern im Sonnenlicht, als sie einen Teller mit frischen Erdbeeren und aufgeschnittener Wassermelone auf einen Holztisch stellt. Ein altes Bauernhaus, ein großer Garten, in dem wilde Blumen wachsen. “Wir sind sehr glücklich hier”, sagt sie. Hier – das meint Altengamme, direkt an der Elbe, mit dem Auto ist es eine gute Dreiviertelstunde bis in die Hamburger Innenstadt. Bis vor zwei Jahren haben sie in St. Pauli gewohnt, sie und ihr Freund, beide Mitte 30 mit einem Sohn. Katja wollte aufs Land ziehen, ihr Freund nicht. Sie hat ihn überredet. “Zum Glück”, sagt er heute, “ich hatte nie dieses Idealbild vom ruhigen Landleben. Es ist aber tatsächlich ideal. Die Ruhe, die Natur und die Gemeinschaft hier.” Es ist ein Leben wie aus der Werbung, das Klischee eines glücklichen Lebens. Entschleunigt, eins mit der Natur, intakte Familie, Freunde, auf die man zählen kann, die am Wochenende zu Besuch kommen und den großen Garten genießen.

Soweit das Beispiel vom Leben auf dem Lande.

Die Wissenschaft ist sich sicher, dass das Leben auf dem Lande weit mehr ist als eine weit verbreitete Sehnsucht. Sie glauben, die Natur mache die Menschen tatsächlich glücklicher. Der Glücksatlas der Deutschen Post bestätigt, dass die glücklichsten Deutschen seit vielen Jahren im Norden leben, dort, wo das Wasser nah ist und das Land weit.

Im Übrigen nutze das Glück nicht nur dem einzelnen, sondern einer ganzen Gesellschaft, glaubt der meistzitierte Glücksforscher, der Amerikaner Ed Diener. Zufriedenheit ist nicht nur wertvoll, weil sie sich gut anfühlt. Sie ist wertvoll, weil sie vorteilhafte Folgen hat. Diener beruft sich auf andere Studien, denen zufolge glückliche Menschen mehr zu geben haben als Unzufriedene, nämlich eine höhere Arbeitsleistung, mehr soziales Engagement. Und sie seien gesünder und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit eine befriedigende und stabile Ehe. Eines gilt als sicher: gute Beziehungen zu Freunden, dem Partner und in der Familie sind sehr wichtig.

Das Umfeld ist der Glücksfaktor, auf den sich Wissenschaftler aller Denkrichtungen einigen können. Es geht nicht darum, wie ´viele Menschen man um sich herum hat, sondern wie gut man sich mit ihnen versteht. Wie nahe man an ihnen ist. Und es hat sehr viel damit zu tun, was man erwartet, von Freunden, der Familie und auch vom Leben.

Namhafte Wissenschaftler glauben, dass das Glück des Menschen eine Frage der Gene ist. Jeder Mensch habe ein genetisch festgelegtes, individuelles Glücksempfinden. Eine an der Universität von Minnesota in den USA laufende Langzeitstudie hat gezeigt, dass rund 50% auf unserer persönlichen Glücksskala der genetischen Veranlagung zuzuschreiben sind. Individuelle Lebensumstände sowie Faktoren, die täglichen Veränderungen unterliegen, sind für eine weitere Verschiebung um 10% auf der Glücksskala verantwortlich. Weil Glück eine schlecht messbare Größe ist, dürfen diese Prozentzahlen nur als grober Leitfaden verstanden werden. Ein Rolle spielt auch, was jeder Mensch für sich persönlich als Glück definiert. Glücksforscher haben herausgefunden, dass glückliche Menschen alle Ereignisse und Erlebnisse in ihrem Leben positiver betrachten als unglückliche. Rechnet man nun den erblichen Glücksquotienten und die von äußeren Faktoren abhängige Situationen ab, dann bleiben noch etwa 40% auf der individuellen Glücksskala, auf die wir innerhalb unseres eigenen Handlungsbedarfes Einfluss haben. Auf diese 40% sollte man sich konzentrieren, mit ihnen kann man das persönliche Glücksempfinden entscheidend verbessern. Studienergebnisse haben ergeben, dass es 4 Hauptbereiche gibt, in denen positive Veränderungen den entscheidenden Beitrag zu unserem persönlichen Glück leisten: das sind die Familie, die Gemeinschaft, die Arbeit und der Glaube.

In einer Umfrage in mehreren europäischen Ländern wurde die gleiche Frage gestellt: Welcher dieser vier Bereiche hat den größten Einfluss darauf, wie glücklich Sie sich fühlen; Glaube, Arbeit, Familie oder Gemeinschaft? Für die Mehrheit von 73% stand die Familie an erster Stelle.

Ich will diese 4 Bereiche nachfolgend nur kurz skizzieren:

In der Familie findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt. Hier werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Forscher sind der Auffassung, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, Liebe geben und empfangen zu können. Nur wenn Menschen in der Lage sind, echte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, können sie wirklich glücklich werden. Wichtig ist, die Beziehung zu Menschen zu suchen und sich Beziehungsangeboten zu öffnen. Das Geben und Empfangen von Liebe muss immer in beide Richtungen gehen.

Die Gemeinschaft der Menschen, die man um sich versammelt – in erster Linie sind das Freunde – kann unser persönliches Glück vergrößern. Dabei reicht es aber nicht, sich nur in der Gesellschaft zu befinden. Damit aus Bekanntschaften und Freundschaften tatsächlich Glück und Freude entstehen können, braucht es Vertrauen und Verlässlichkeit. Wirklich glückliche Menschen pflegen enge Beziehungen; sie haben Leute um sich, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können. Möglicherweise löst die Gegenwart von Menschen, die unsere Neigungen und Interessen verstehen, einen Entspannungsreflex in uns aus, der unser Glücksgefühle fördert. Einsame Menschen, die sich niemandem anvertrauen können, sind in der Regel unglücklich. Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenserwartung. Deshalb lohnt es sich, in Beziehungen zu investieren, die unserm Leben einen Sinn verleihen.

Der dritte Bereich, der Beruf, gibt unserem Leben Sinn und steht in einem engen Zusammenhang mit unserem persönlichen Glück. Wer im Arbeitsleben den Zeiger auf der persönlichen Glücksskala nach oben wandern lassen möchte, sollte vorzugsweise einer Tätigkeit nachgehen, die ihn befriedigt. Der Schlüssel zum Glück ist ein Beruf, für den wir nicht nur die Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, sondern der uns auch begeistert. Erst dann kann sich die berufliche Tätigkeit sowohl wertschöpfend auf das eigene Leben als auch wertschöpfend auf das Leben anderer Menschen auswirken.

Der vierte Bereich ist der Glaube. Auch im scheinbar so nüchternen 21. Jahrhundert gibt es noch viele Menschen, die ihr Glaube und ihre Spiritualität glücklicher machen. Gläubige Menschen sind in der Regel Teil einer Gemeinschaft – und gemeinsame Erfahrungen im Kreis von Gleichgesinnten erzeugen positive Gefühle. Zahllose wissenschaftliche Studien und Umfragen haben gezeigt, dass diejenigen Gruppen, in denen sich Menschen aus religiösen Gründen zusammenfinden, glücklicher waren als solche, in denen Glaube keine Rolle spielte.

Der Freimaurer und Bruder Jan von Berg, Hypnotherapeut, Coach und Buchautor, stellt in der Zirkelkorrespondenz ( Februar 2014) den Weg zum Glück über einen 7-Stufen-Plan dar. Ich will ihn nachstehend verkürzt vorstellen:

  1. Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn. Glauben, idealistische Ziele, Visionen gehören dazu – und damit auch die Arbeit. Denn nicht die Freizeit, sondern die Arbeit macht glücklich.
  2. Nehmen Sie Herausforderungen in Ihrem Leben an, die Sie bewältigen können. Die Hirnforscher würden sagen: Ich wünsche Ihnen lösbare Probleme. Wenn Sie eine Herausforderung erfolgreich bewältigen, dann werden Sie glücklich sein.
  3. Geben Sie! Man wird glücklicher, wenn man gibt. Helfen Sie anderen, engagieren Sie sich ehrenamtlich. Das ist wohltuend für die Seele und das Glücksgefühl. Viele von uns hier, die sich schon ehrenamtlich engagieren, wissen das.
  4. Achten Sie auf soziale Kontakte – sie sind sehr wichtig. Wer einsam ist, ist nicht glücklich. Sie können z.B. in Ihrer Familie dieses Glück finden. Aber auch in Gemeinschaften, in sozialen Einrichtungen, karitativen Organisationen, in Sportvereinen und vielen anderen Zusammenschlüssen, so auch in der Freimaurerei – die wollen wir nicht vergessen.
  5. Glauben Sie. An wen oder was auch immer. Gläubige Menschen sind zufriedener, weil sie selbst in schwierigen Zeiten eine Stütze haben.
  6. Entwickeln Sie Selbstvertrauen. Selbstbewusste Menschen sind von sich aus heraus glücklich, weil sie nicht auf Feedback von außen angewiesen sind. Die Meinung anderer ist nicht ausschlaggebend.
  7. Achten Sie auf Ihre Gedanken und trainieren Sie positives Denken. Es wird Ihre innere Realität verändern – und später auch die äußere.

Dieser letzte Punkt – so der Autor – ist so wichtig, weil er im Kern auf die alten Weisheiten der Alchemie zurückgreift: “Verwandle Unedles in Edles”. Bezogen auf unser Thema “Lerne Probleme in Glück zu verwandeln”. Das einzige Hindernis liegt im Glauben daran, dass es funktioniert. Menschen, die nicht an sich selbst glauben, fehlt die Basis für den Glauben an Erfolg, an das Glück, an eine bessere Welt.

Eine unverzichtbare Grundvoraussetzung für “ein glückliches Leben” ist übrigens die Gesundheit. Aktuelle Studien zeigen: 80% der Deutschen bewerten Gesundheit als das höchste Gut zum Glück. Damit liegt sie als Glücksfaktor – verständlicherweise – absolut an der Spitze.

Prof. Karlheinz Ruckriegel lehrt Volkswirtschaftslehre an der TH Nürnberg und ist renommierter Glücksforscher. In seinem Beitrag “Streben nach Glück” in der Mitgliederzeitung der BARMER GEK zeigt er 6 Wege zum Glück auf. Prof. Ruckriegel hat auf die Frage: “Kann es sein, dass wir es verlernt haben, glücklich zu sein?” wie folgt geantwortet:  “Beim Glücklichsein geht es um das subjektive Wohlbefinden, um die generelle Zufriedenheit mit dem Leben. Hier findet eine Abwägung zwischen dem, was man will, und dem, was man hat, statt. Es geht also um das Urteil, das Menschen fällen, wenn sie ihr Leben bewerten, wobei es hier entscheidend auf die Ziele ankommt, die Menschen für sich selbst setzen.”  Und auf die abschließende Frage: Ist jeder seines Glückes Schmied? Und wie funktioniert das in der Praxis?, antwortete er: “Wir können schon einiges tun. Wichtig ist, sich realistische und werthaltige Ziele zu setzen, damit man auf dem richtigen Weg ist. Um das Positive um uns herum stärker wahrzunehmen, sollte man für einige Zeit ein Dankbarkeitsbuch schreiben, also zwei- bis dreimal die Woche für einige Monate sich drei positive Dinge aufschreiben, die sich tagsüber ereignet haben, für die man dankbar ist. Dann ändert sich auch die Sichtweise auf das tägliche Leben.”

Im Grunde wäre diese Antwort, als Apell an uns alle, ein wunderbarer Abschluss gewesen, aber es gibt noch einige Anmerkungen zu einem Punkt, den ich zwar anfänglich erwähnt, aber dazu noch nichts ausgeführt habe: die Glücksformel. Ich werde sie nur kurz streifen. Also – die Glücksformel – es gibt sie wirklich.  Sie lautet:

Glück = P + (5xE) + (3xH).

Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. So definiert auf jeden Fall der britische Wissenschaftler Peter Cohen dieses Wohlgefühl. Dabei steht

  • P für persönliche Eigenschaften wie Lebenseinstellung und Anpassungsfähigkeit.
  • E bedeutet Existenz, darin enthalten sind Gesundheit, finanzielle Stabilität und Freundschaften.
  • Und H heißt höhere Werte wie Selbstwertgefühl, Erwartungen und Sinn für Humor.

So ein Quatsch, denken sicherlich viele. Warum sollte man Glück berechnen können? Der Psychologe behauptet, dass es weniger mit äußeren Umständen zu tun hat. Vielmehr sei Glück eine Frage der Persönlichkeit. Und wenn man vier Fragen zu den Themen beantwortet, könne man sein Glück sogar in Zahlen fassen.

Aristoteles sah das damals ganz pragmatisch, Für ihn galt als glücklicher Mensch, wer sein Leben tugendgemäß verbrachte und noch dazu mit äußeren Gütern ausreichend gut ausgestattet war. Und kann Glück von Dauer sein? Wie Reichtum oder Weisheit? Schon Konfuzius sagte „wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern” Ist der Weg also das Ziel? Der Weg zum Glück ist für jeden anders. Epikur, der Glücksphilosoph der Antike sieht dass ganz bescheiden, denn für ihn bedeutet Glück schon einfach: Schmerzfreiheit. Solange es uns nicht schlecht geht, wird es uns höchstwahrscheinlich gut gehen! Denn Glück funktioniert leider nun mal nur mit seinem Gegenpart. Ohne Nacht können wir uns auch über keinen Sonnenaufgang freuen! So wie es ein bekannter Fußballer auf den Punkt brachte:„Zuerst hatten wir kein Glück aber dann kam auch noch Pech dazu.”

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Asyl und Tempelbau

Asyl

In diesem Beitrag macht sich der Autor Gedanken über die hochaktuelle, um nicht zu sagen: brandaktuelle Lage der Asylpolitik und die Rolle der Freimaurer dabei. Die Zeichnung wurde am 16. Dezember 2015 in der Frankfurter Loge “Lessing” gehalten.

Als der Jakob Grimm, von dem man annimmt dass er Freimaurer war, im Winter 1837 die Grenze nach Hessen, seiner Heimat, überschritt, von seinem Lehrstuhl in Göttingen verjagt, weil er gegen den Verfassungsbruch des hannövrischen Kurfürsten protestiert hatte, da wusste er, dass er auch bei seinem angestammten Landesherrn nicht willkommen sein würde. Freisinnige Untertanen waren nirgends gerne gesehen. Da aber traf er am Schlagbaum auf eine alte Frau aus dem Volke, die ihr Enkelkind ermahnte: “Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling.”

Soziale Netzwerke wie Facebook haben eine Eigenschaft, die nicht immer angenehm ist. Sie eröffnen uns unter Umständen Facetten einer Persönlichkeit, auf die wir gerne verzichtet hätten. Für mich gilt dies in besonderem Maße in der Bruderschaft. Bei vielen Brrn. weiß ich nicht, welche politische Auffassung sie vertreten und es ist mir auch völlig gleich.

„Wie ist sein Stand im bürgerlichen Leben, zu welchem Glauben bekennt er sich, und zu welcher politischen Partei?“ „Ich weiß es nicht, denn die Gesetze unseres Bundes verbieten mir danach zu fragen!“

Was aber, wenn ich ungefragt genötigt werde, von der Haltung eines Bruders Kenntnis zu nehmen? Als ich mich entschlossen habe, über Asyl und Tempelbau zu reden, war ich unter dem Eindruck von hasserfüllten Posts gegen Flüchtlinge, auch von einem Menschen, der dem Bund der Freimaurer angehört. Es hat mich sehr verstört, dass Menschen, die sich geschworen haben am Tempel des Humanität zu bauen, sich der „Schönen, reinen Menschenliebe, der Brüderlichkeit aller zu widmen“, dass diese Menschen gleichzeitig Asylsuchende als „Ungeziefer, Untermenschen, Schmarotzer“ etc beschimpfen und offensichtlich kein Problem darin sehen, beides in Übereinstimmung zu bringen. Das solche Auffassungen im Bund keinen Raum haben dürfen und wir gehalten sind sehr strikt gegen solche Tendenzen vorzugehen, ist eine Selbstverständlichkeit und soll hier nicht behandelt werden.

Der Auftrag, am Bau des Tempel der Humanität zu arbeiten, beinhaltet auch einen Arbeitsauftrag: Geht nun in die Welt und bewährt euch als Freimaurer!

Aus der Zeichnung zum Johannisfest des Jahres 1946 der Loge Lessing iO Frankfurt am Main:

„Beim Abschluss des Maurerjahres und bei diesem unserem ersten Johannisfest, das wir seit der Unterdrückung der Logen in Deutschland feiern, ist es unsere Pflicht der Brüder zu gedenken, die heute nicht unter uns weilen können:

Als politisch oder rassisch verfolgte mussten Deutschland verlassen:

  • Br. Ernst Klein, ausgewandert nach Frankreich
  • Br. Hermann Marguli.es, ausgewandert nach Frankreich
  • Br. Ernst Langenbach und
  • Br. David Hutzier beide ausgewandert nach Südamerika,
  • Br. Leon Foatel,
  • Br. Sally Cahn,
  • Br. Albert Reinhardt und
  • Br. Harry Oppenheimer, alle ausgewandert nach Nordamerika.

Nach seiner Verschleppung durch die Gestapo ist höchstwahrscheinlich in den ewigen Osten eingegangen:

  • Br. Fritz Stiefel, seine letzte Nachricht stammte aus Krakau.

Es wäre undankbar, wollten wir nicht an dieser Stelle auch der Brüder gedenken, die in unserer früheren Mutter, der Symbolischen Großloge von Deutschland an führender Stelle standen:

  • Der Ehrwürdigste Br. Großmeister, Br. Leo Müffelmann starb kurz nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager 0ranienburg 1933
  • der zugeordnete Großmeister Br. Peter Heinsen ist 1938
  • der Erste Großaufseher Br. Leo Ueberle 1945
  • der Zweite Großaufseher Br. Wilhelm Haarstrich ebenfalls 1943 in dem ewigen Osten eingegangen.
  • Der Großredner Br. Lachmund wurde in Schwerin von den einrückenden Russen erschossen und
  • der Großzeremonienmeister Br. Alfred Dierke hat 1933 im Tempel seiner Loge seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.“

Soweit das Zitat aus der Zeichnung von 1946.

Über ein Viertel der Brr, die die Gründungsgeneration der Loge stellten hatte – wie man es heute formulieren würde – einen Migrationshintergrund. Emil Selter formulierte damals:

„Die Loge gibt — um ein spezielles Problem unserer heutigen Zeit zu streifen — dem Flüchtling und dem Vertriebenen das Gefühl, eingekehrt zu sein in das Haus des Bruders und dort eine Heimat, wenn auch eine neue Heimat zu haben.”

Ihr seht, das Thema Flucht und Vertreibung begleitet diese Loge seit ihren ersten Tagen.

Meine Brüder, wir bauen am Tempel der Humanität. Die Bausteine derer wir Bedürfen sind die Menschen. Die schöne, wahre Menschenliebe, die Brüderlichkeit aller, das ist der Mörtel des Tempelbaus. Haben diese Floskeln für uns Bedeutung außerhalb unserer heiligen Hallen?

Zu Recht haben Streitereien über Parteipolitik und Konfession keinen Raum in unseren Versammlungen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir diesen ganz besonderen Raum den die Loge bietet, auch dazu nutzen müssen, um mit wachem Blick darüber miteinander zu reden, was in unserem Gemeinwesen vor sich geht. Und da ist Flucht und Asyl und der Umgang damit ein zentrales Thema!

Es gilt aus meiner Sicht zunächst einmal aufzuklären über die Realitäten. Ängste und Unsicherheiten, die es auch unter unseren Brüdern gibt dürfen und müssen ausgesprochen werden, ohne dass der der sie äußert deshalb beschimpft wird. Denn wo, wenn nicht bei uns, können wir in Offenheit sprechen, unsere Standpunkte überprüfen und das tun, was laut Lessing eine der größten Freuden ist: Laut Nachdenken mit einem Freund! Wenn wir darauf achten, dass wir einander in brüderlicher Liebe begegnen, den geistigen Kampf nicht zum Streit , die Diskussion nicht zur Disharmonie werden lassen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Es gibt eine große Verunsicherung im Land und sie ist nachvollziehbar. Deutschland wird sich durch die Einwanderung verändern und zwar nicht nur zum Guten. Man mag zur multikulturellen Gesellschaft stehen wie man will, sie ist aber – mehr denn je – Realität und es gilt sich damit auseinanderzusetzen. Dabei verbieten sich einfache Antworten.

Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge waren 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. 16,7 Millionen von ihnen haben aufgrund von Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, Gewalt oder prekären Lebensbedingungen ihr Land verlassen. Rund 13 Millionen Menschen waren Mitte 2014 unter dem Mandat der UN-Flüchtlingsorganisation – das ist die höchste Zahl seit 1996. Zugleich befanden sich 1,3 Millionen Menschen in einem laufenden Asylverfahren. Allein in der ersten Jahreshälfte 2014 sind 5,5 Millionen Menschen geflohen – insbesondere aus den Bürgerkriegsregionen des Nahen Ostens und Afrikas, 1,4 Millionen von ihnen über die Grenzen ihres Heimatlandes.

Mit den Entwicklungen in Syrien und dem Nordirak haben sich die regionalen Schwerpunkte der Fluchtbewegungen verschoben: Lange war Asien die Hauptherkunftsregion von Flüchtlingen, Afghanistan dreißig Jahre lang das Land, aus dem die meisten Flüchtlinge weltweit stammten. Seit 2014 ist dies nun Syrien: Im Mai 2015 hatten fast vier Millionen syrische Flüchtlinge ihr Land verlassen und waren beim UNHCR registriert.

Afghanistan ist noch immer das zweitgrößte Herkunftsland mit 2,7 Millionen Menschen, die außerhalb ihres Landes Schutz suchen. Hinzu kommen unter anderem Vertriebene aus Somalia (1,1 Millionen), Sudan (670 000), Südsudan (509 000), Kongo (493 000), Burma (480 000) oder Irak (426 000).

Die Zahlen für 2015 haben sich drastisch erhöht, in Deutschland sind ca. eine Million Flüchtlinge angekommen, hinzukommen all die Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind. In Hessen werden 70.000 Menschen in 2015 angekommen sein. Die Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte platzen aus allen Nähten, aus diesem Grund müssen ankommende Flüchtlinge oft in Turnhallen untergebracht werden. Regelhaft sind Asylbewerber bis zum Abschluss des Verfahrens in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Pro Person haben sie ca 6-7 m² zur Verfügung, hier ist das Bett bereits eingerechnet. Sehr ungewiss ist die bundesweite Verteilung der Flüchtlinge. Aus den Erfahrungen spricht viel dafür, dass es zu einem Zug in die Ballungsräume kommt, ein Zentrum der Verdichtung.

Die Flüchtlingswelle trifft auf sehr viel spontane Hilfsbereitschaft und auf Offenheit und sie trifft ebenso – in wesentlich kleinerem Maße – auf Hass und Ablehnung. Sie wird, davon muss man ausgehen, kein vorrübergehendes Phänomen bleiben. Ein Großteil der Menschen wird hier bleiben und andere werden folgen. Wir müssen eine Verständigung darüber herbeiführen, wie wir uns als Gesellschaft aufstellen wollen. Welche Chancen, welche Grenzen und welche Regeln wie definieren. Diese notwendige Debatte leidet daran, dass sie unter dem Druck der Ereignisse stattfinden muss, weil sie vorher nicht gewollt war.

Die Lebenslüge der Bonner Republik “Deutschland ist kein Einwanderungsland“, wurde zwanghaft bis in die jüngste Vergangenheit aufrechterhalten, obwohl längst schon Millionen von „Gastarbeitern“ ihren dauernden Wohnsitz in Deutschland hatten, hier heirateten, Kinder bekamen, die Verwandten aus den Herkunftsländern nachholten.
Die Folge dieser Haltung war auf der einen Seite die sträfliche Zurücksetzung der Eingewanderten, denen man eben nicht das Gefühl gab zugehörig zu sein, sondern die man in einem Sonderstatus verharren ließ und bürokratisch drangsalierte. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden jahrzehntelang keine oder nur sehr rudimentäre Versuche einer Integration der Migranten unternommen. Flächendeckende Sprachkurse gab es ebenso wenig wie die gezielte Ansprache und Vermittlung der Werte unseres Grundgesetzes. Was das alles mit dem Selbstwertgefühl der Migranten machte, liegt auf der Hand. Wie positiv sich das Verhältnis zur Aufnahmegesellschaft gestaltete, kann man sich ausmalen.

Aber auch die sich progressiv nennenden Kräfte haben sich der Realitätsverweigerung schuldig gemacht, indem sie sich weigerten, sich in eine Diskussion über Rahmenbedingungen, Regeln und Grenzen der multikulturellen Gesellschaft einzulassen. Während dies für viele einen Verzicht auf eine spezifische „deutsche Leitkultur“ bei gleichzeitiger Annahme bedeutete, die vorhandenen Ethnien würden sich so begegnen, dass ein Zusammenleben ein Gewinn für alle sei, wies bereits der erste Dezernent für Multikulturelle Angelegenheiten, Daniel Cohn-Bendit im Jahr 1991 darauf hin, dass in (der multi-kulturellen Gesellschaft) … „vielmehr – erst recht dann, wenn sich wirklich fremde Kulturkreise begegnen – der Konflikt auf Dauer gestellt (ist). Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer; sie hat die Tendenz, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüßen. In der multikulturellen Gesellschaft geht es daher um die Gratwanderung zwischen verbindenden und trennenden Kräften – und eben deswegen ist es so wichtig, dass sie sich Spielregeln gibt.“

Cohn-Bendit/Schmidt führen weiter aus: „Wir verstehen diese (die Multikulturelle Gesellschaft) nicht als Ensemble folkloristischer Verbände und Gemeinschaften, nicht als Aufbewahrungsschrein säuberlich getrennter Kulturen. Das Recht der verschiedenen Kulturen auf Selbstbehauptung muss zwar ernst genommen werden. Es verliert freilich dort seine Gültigkeit, wo es die republikanischen und ethischen Normen unserer Zivilisation verletzt (einer Zivilisation, die strikt der republikanischen Tradition der europäischen Moderne verpflichtet ist – die aber auch bereit sein muss, ihr Erbe im Angesicht anderer Kulturen kritisch zu überdenken). Die multikulturelle Gesellschaft ist stets auch von der Auseinandersetzung der Kulturen geprägt und zielt daher auf Integration.“

Diese Botschaft wollten aber weder die Konservativen, noch die Progressiven tatsächlich hören. Die Erkenntnisverweigerung der Konservativen Seite (Deutschland ist kein Einwanderungsland, Multi-Kulti ist gescheitert, etc.) hat dazu beigetragen, dass viele Migranten sich nach wie vor als Bewohner zweiter Klasse fühlen, deren Teilhabechancen begrenzt sind. Die Feigheit der Linken auf der anderen Seite des Spektrums, republikanische Tugenden auszuformulieren, anzuerkennen und im Konflikt auch durchzusetzen hat zu einem Klima der Beliebigkeit beigetragen. Political Correctness schafft ein Klima von Tabuzonen, die Folgen sind dramatisch.

Da sich das subjektive Empfinden von Menschen nicht über verordnete Tabus steuern lässt, wächst bei vielen Menschen das Gefühl, es gäbe eine offizielle Realität und eine tatsächliche. Das ist Wasser auf die Mühlen von Demagogen wie Sarrazin, Pirinci, Bachmann und den selbsterklärten Rettern des christlichen Abendlandes, die von sich behaupten, Tabus zu brechen, aber doch nur dumpfen Hass verkaufen.

Ich glaube, dass die Zeit überreif ist für einen Diskurs, in welcher Gesellschaft wir gemeinsam leben wollen und leben können. Ein solcher Diskurs darf aus meiner Sicht nicht an den Pforten unserer Bauhütten enden. Die Bauhütten waren seit alters her auch Orte, an denen man sich ohne die Vorurteile des Alltags begegnen konnte, und es waren die Debatten, die in den Bauhütten geführt wurden, die sie attraktiv machten für Geister wie Heine, Tucholsky oder Benjamin Franklin.

Ich will mit meiner eigenen Position in der Frage der Flüchtlingsintegration nicht hinter dem Berg halten.

Die Menschen sind hier, zu einem überwiegenden Teil werden sie bleiben. Integration ist eine Forderung an beide Seiten. Ein Scheitern ist keine Option. Wer bleiben will, muss bereit sein, sich auf die Aufnahmegesellschaft einzulassen. Die Gesellschaft wiederum muss Partizipation zulassen und ermöglichen. Für notwendig halte ich persönlich auch klare Regeln, wie eine Einwanderung und der Zugang zum Arbeitsmarkt möglich ist, die Verengung auf Asyl bzw. die Genfer Konvention ist zu einem guten Teil für die Integrationsprobleme der Vergangenheit verantwortlich. Wichtig bei all dem sind klare transparente Regeln für Einwanderung und auch für deren Grenzen, auch im Europäischen Kontext. Oberstes Ziel bleibt die Verteidigung einer offenen Gesellschaft, die eben auch eine humane Gesellschaft ist.

Ich glaube, dass Fragen gesellschaftlicher Relevanz stärker als bisher in das brüderliche Zusammensein eingebracht werden können und sollen. Parteipolitik hat richtigerweise keinen Platz in der Loge, aber der politische Gedankenaustausch ist wichtig und notwendig. Emil Selter hat es so ausgedrückt:

„Toleranz üben, tolerieren, das heißt aber nicht, den anderen anhören und schweigen oder mit höflichen aber nichtssagenden Worten antworten, im Übrigen aber den in der Meinung abweichenden als einen Irrenden bemitleiden oder gar als eine Gefahr betrachten und abschließen. Nein, Toleranz üben in freimaurerischem Sinne heißt: Ansicht gegen Ansicht, Meinung gegen Meinung stellen, mit Ernst und Ausdauer, mit geistigen Waffen kämpfen, prüfen, wo die Meinung des Anderen den größeren Wert gegenüber der eigenen hat; nach dem Kampfe aber, der nicht Streit und Zank bedeutet, den anderen nicht nur achten, sondern als Freund und Bruder und Weggenossen lieben und dem in der Meinung Abweichenden den Weg zu allen Würden und Einflüssen offenlassen.

Toleranz üben heißt: erkennen, dass Fragen des Glaubens und der Überzeugung nicht durch Mehrheitsbeschluss entschieden werden können, dass aber eine Niederlage im geistigen Ringen, dass eine Niederlage in einer demokratischen Abstimmung dem Wert und der Würde der eigenen Persönlichkeit niemals Schaden bringen kann. Nicht im Schweigen aber, nicht in wohlerzogener, bisweilen aber unangebrachter Höflichkeit, nein, in restloser Offenheit zeigt sich erst die wahre brüderliche Liebe. Gewiss: Offenheit kann schmerzen, sie kann sogar bitter wehe tun. Aber schmerzt es nicht noch viel mehr, einen Bruder durch Irrtum Schaden nehmen zu sehen? Ist es nicht noch weit schmerzhafter, unsere freimaurerische Sache Nachteile erleiden zu sehen und geschwiegen zu haben? Zu erkennen, wo Wahrheit und wo Irrtum ist, vermögen wir aber meist erst, wenn eine Sache erledig, oft erst, wenn eine Korrektur nicht mehr möglich ist, manchmal nie.“

Die Fragen maurerischer Symbolik, die Beschäftigung mit der Transzendenz und mit der maurerischen Geschichte sind notwendig – auch zu einer Selbstvergewisserung. Wir müssen in der Lage sein, unser Werteverständnis anhand unserer Werkzeuge zu überprüfen und zu entwickeln. Die Beschäftigung mit der Maurerei darf aber nicht zu einer permanenten Selbstbespiegelung und Selbstbeweihräucherung führen, die das Wirken und Handeln im Sinne der Humanität beeinträchtigt oder gar hemmt. Handeln wiederrum kann der „Bund der Ungleichgesinnten“ als Organisation nicht, Handeln liegt in der Verantwortung des Einzelnen Bruders.

Daraus ergibt sich die Aufforderung an jeden von uns, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und die Aufforderung gegebenenfalls auch politische oder gesellschaftliche Aufgaben und Funktionen zu übernehmen. Auf diese Weise kann man aktiv mitgestalten. Nehmen wir unsere Pflichten als Staatsbürger wahr. Die Freimaurerei geht dort hin, wo jeder Einzelne hingeht.

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Schillers Ode an die Freude — eine Annäherung

Schiller-Statue in WIesbaden

Schiller-Statue in WIesbaden

Die nachfolgende Zeichnung (Vortrag während eines freimaurerischen Rituales) wurde am 8. Januar 2016 in der Loge “St. Alban zum Æchten Feuer” in Hoya gehalten. Das Manuskript wurde für die wörtliche Rede im kleinen Kreis konzipiert, für die vorliegende Fassung wurden nur kleinere Anpassungen vorgenommen. (Anm. d. Red.)

Es war einmal vor einigen Jahren in der Loge. Da kam das Gespräch auf Schillers „An die Freude“. Ein Bruder meinte: „Elysium habe ich nachgeschlagen, das ist so eine Art griechisches Paradies. Aber sonst kann ich mit dem Text überhaupt nichts anfangen!“ Ein anderer Bruder meinte: „Schillers Hymne An die Freude – das wäre doch einmal ein Thema für eine Zeichnung.“ Also kommt hier eine kurze Einführung.

Nun kann man ja sagen: „Was geht uns der alte Schiller an!“ Und dann noch dieser teilweise unverständliche Text. Wer so denkt, muss einfach weghören! Aber immer wieder ertönt Beethovens Neunte mit dem herrlichen Gesang. Da will man doch wenigstens etwas verstehen. Außerdem geht es dabei um Werte, Verhaltensweisen und Gefühle,die auch heute noch bedeutsam sind. Nur damals hat man das anders ausgedrückt; das gilt besonders für Schiller. Und dann die vielen Bezüge zur Freimaurerei. Da wird man doch neugierig! Obwohl ich hier nur eine Verbindung zur Freimaurerei in den Mittelpunkt stelle.

Nun werde ich weder den ganzen Text vortragen noch alles erklären, das verbietet sich bei 16 Strophen, die aus 96 Versen bestehen. Das verbietet sich natürlich im Hinblick auf das Brudermahl,das sonst ausfallen würde.

Das Lied ist gegliedert in Vorsängerteile, also für einen Solisten (8 Strophen aus 8 Versen, das sind schon mal 64 Verse), und in Chorgesänge (8 Strophen aus 4 Versen, noch einmal 32 Verse). Diese Solo- und Chorstrophen wechseln sich ganz regelmäßig ab. Und natürlich hat auch Beethoven in seiner 9. Sinfonie – übrigens die einzige Sinfonie, in der gesungen wird – nur einen Teil des Schillerschen Textes übernommen. Und er hat die Solo- und Chorpartien auch anders kombiniert. Ich wähle für meine Einführung nur 5 Strophen aus, insgesamt 28 Verse.

Wie ist diese Hymne eigentlich entstanden? Schillers Hymne „An die Freude“ ist eine Auftragsarbeit. Das kann man so sagen. Auftraggeber ist Christian Gottfried Körner, dem Schiller 1785 in Leipzig begegnet ist. Das ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Körner lebt in gesicherten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, hat Jura studiert, promoviert, sich habilitiert, ist seit 1784 an der Landes-Ökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation in Dresden tätig. Wir würden heute sagen: Sein Arbeitsplatz ist das sächsische Wirtschaftsministerium. Daher ist er auch in der Lage, den meistens klammen Schiller immer wieder finanziell zu unterstützen. Körner ist außerdem umfassend gebildet, musiziert, komponiert und schätzt besonders die Sturm-und-Drang-Literatur. Das hat ihn auch zu Schiller geführt. Weiter ist Körner – das dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen – Mitglied der Leipziger Loge „Minerva“, später der Dresdener Loge „Zu den drei Schwertern“.

Wir dürfen uns folgendes Gespräch vorstellen. Sehr ungewöhnlich ist dabei, dass Körner Schiller schon bald das freundschaftliche Du angeboten hat. Also beginnt Körner nicht: “Sehr verehrter Friedrich Schiller, wir haben da eine Bitte”, sondern: “Lieber Fritz, wir haben da in unserer Loge ein Problem. Die Lieder, die wir in der Loge singen, sind vom Text her nicht nur unpassend und langweilig, sondern geradezu saft- und geistlos. Die passen überhaupt nicht in unsere euphorische Stimmung. Wir brauchen dringend für unsere Loge ein Lied, das die freudige, erhabene, freundschaftliche Atmosphäre wiedergibt, die am Ende der Tafel zwischen uns Brüdern herrscht! Schreib uns mal was mit Gefühl und Power!” Schillers Antwort müssen wir jetzt nicht erfinden; denn wir wissen: Er hat dieses Lied geschrieben. Und es muss in einer euphorischen Stimmung entstanden sein.

Schiller fühlt sich bei Körner in Dresden wohl, er hat Freunde gefunden, und durch Körners Freundschaft auch eine existenzielle Sicherheit. Da ist die Rede „vom stolzen Gebäude einer Freundschaft, die vielleicht ohne Beispiel sei, vom Glück unserer wechselseitigen Vereinigung und dass der Himmel in unserer Freundschaft ein Wunder gethan habe.“ (Brief Schillers an Körner 1785; Damm, S. 68). In solch einer glückseligen Stimmung ist Schillers „An die Freude“ entstanden.

Sigrid Damm schreibt in ihrer Schillerbiographie (S. 68): „Ein trunkener Freundschaftskult. Die Stilisierung der Freundschaft zur Religion.“ Als Beleg zitiere ich gleich die ganze 3. Strophe:

„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur e i n e Seele
S e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“

Das war ein Vorgriff auf den Text, noch haben wir die Hymne ja gar nicht erscheinen lassen. Sie wird 1786 mit der Musik von Körner veröffentlicht als „Ein Rundgesang für freye Männer von Friedrich Schiller“.

Moment, jetzt muss ich unterbrechen. 1786, da war doch was! Wenn ihr alles vergesst, was ich hier erzähle, das bleibt euch hoffentlich im Gedächtnis: 1786 wurde Schillers „An die Freude“ veröffentlicht, und in dem Jahr wurde unsere Loge gegründet. 1786 starb Friedrich der Große. Und 1789 beginnt die Französische Revolution, das sage ich nur zur historischen Einordnung.

Nähern wir uns nun diesem erhabenen Gedicht: „An die Freude“. Beginnen wir mit dem Anfang:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.“

Die Überschrift „An die Freude“ zeigt uns, dass Schiller sich zunächst an die Freude wendet. Da wird also die Freude direkt angesprochen, als sei sie ein Gegenüber, eine Person. Also: „Du Freude!“ Halt, nicht ganz richtig! „Du Freude“ ist zu wenig! Zwar wird die Freude direkt angeredet, aber sie steht uns nicht gegenüber, sie schwebt erhaben über uns. Also verbeugen wir uns und denken: „Sehr ehrwürdige Freude!“ Und damit blicken wir in die Sphären, in denen Schiller die Freude thronen lässt: „Götter, Elysium, Himmlische, Heiligtum!“ In nur 4 Zeilen eine solche Anhäufung von überirdischen Attributen! Man könnte kritisch anmerken: „Er übertreibt!“ Aber damit wird man einer Hymne nicht gerecht, nicht mit einem nüchternen und kritischen Blick. Denn die Hymne will verherrlichen, Festlichkeit, Würde und Gefühlstiefe ausstrahlen, und sie gibt sich pathetisch, enthusiastisch, erhaben. Vielleicht haben wir deshalb so Schwierigkeiten mit Schillers Text, vertritt sie doch ein Lebensgefühl, das uns fremd ist. Und hinzu kommt die Wortwahl, die dieser Absicht angemessen ist und aus einer anderen Zeit stammt. Da haben wir zuerst den „Götterfunken“. Das Wort ist mir sonst noch nirgends begegnet. Aber in diesen Begriff kann ich mich hineindenken: ein Funke, der von den Göttern ausgesandt wird. Dadurch erhält er Kraft, Gewalt und Macht und springt in uns ein, versetzt uns in einen Freudentaumel, macht uns „feuertrunken“. Unser Glück: es ist ein schöner Funke! Die Freude, eine Tochter aus Elysium, also eine Tochter des Paradieses, eine Tochter der vollkommenen Glückseligkeit! Die Freude wird weiter als Himmlische bezeichnet, und ihr Reich ist ein Heiligtum.

Und weiter dichtet Schiller:

„Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Bei diesen Versen ahnen wir schon, was Schiller meint: Die Menschen, die gemeinsam in den Zustand der Freude fallen, verhalten sich unter einander wie Brüder (und Schwestern). Sichtbares Zeichen: Sie umarmen sich! Oder gratulieren sich mit einem Händedruck. Beispiele: Fußballfans, wenn ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat. Das war jetzt sehr profan! Schon besser: Prüflinge, die gemeinsam eine Herausforderung bestanden haben. Noch besser: Brüder in der Loge, die eine würdige Tempelarbeit erlebt haben. Das gemeinsame Erlebnis der Freude eint: Die Personen verhalten sich brüderlich.

Aber da war von der „Mode“ die Rede. Das irritiert uns heutzutage. Die Mode soll die Menschen getrennt haben? Was trennt und trennte Menschen? Es sind die Standesunterschiede, die gesellschaftliche Stellung, unterschiedliche Bildung, arm und reich. Das sind die Schranken zwischen Menschen. Im Zustand der Freude verschwinden sie. Der Zauber der Freude lässt die Unterschiede nichtig werden, der sanfte Flügel der Freude glättet alles. Die trennende „Mode“, also die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Gewohnheiten werden bedeutungslos. Während Schiller am Anfang auf die Gewalt der Freude hinweist durch „Götterfunken“ und „feuertrunken“, erscheint auch hier die andere Form der Freude: eine gemäßigte, ruhige Art, angedeutet durch den „sanften Flügel“, der die Unterschiede glättet.

Das war jetzt die erste Strophe, die aus 8 Versen besteht. An diese erste Strophe schließt an eine Strophe aus 4 Versen. Das ist der Text für den Chorgesang, der sich an den Sologesang anschließt. Aber hören wir die Strophe doch selbst:

„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“

Ging in der ersten Strophe die Anrede an die Freude, so wendet sich Schiller jetzt an die Zuhörer, an die Leser, an die Menschen, ja, an die ganze Menschheit. Mit dem „Seid umschlungen“ tritt der Dichter selbst auf. Er möchte, von der verbindenden Freude erfüllt, alle umarmen, und die Chorsänger handeln danach: „Seid umschlungen Millionen!“ Damit wird die Aussage „Alle Menschen werden Brüder“ der ersten Strophe aufgegriffen und in eine Aufforderung umgewandelt.

Genug vom Anfang dieser Hymne, ich springe sofort zum Schluss des Textes. In den letzten vier Strophen wird deutlich, dass es sich um ein Trinklied handelt, zum Beispiel:

„Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist!“

Und die letzte Strophe:

„Schließt den heil´gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!“

So endet das Lied, das Schiller für seinen Freund Körner dichtete, für die Loge.  Manfred Mai kommentiert in seiner Schillerbiographie (S. 129): „In dieser Hymne, die durch Beethovens Musik um die Welt getragen wurde und wird, findet sich alles, was den jungen Schiller ausmachte: Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ebenso wie der Wunsch nach Kraft und Größe, um die hohen Ideale von einer brüderlichen Welt verwirklichen zu können.“ Der Zusammenhang zur Freimaurerei wird nicht erwähnt, auch nicht in Sigrid Damms Schillerbiographie.

„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ — mit seiner Begeisterung strahlt Schiller ein „Æchtes Feuer“ aus.

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Toleranz — Vom Begegnen auf gleicher Ebene

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Der englische Philosoph John Locke – er war kein Freimaurer –  schrieb Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts eine Reihe von sogenannten Toleranzbriefen. Sein Grundgedanke der Toleranz bedeutete für ihn die Duldung jeder religiösen Ansicht und Gemeinschaft, und zwar unbeschränkte, gleichmäßige Duldung. Diese Gedankengänge der Duldung gelten als Grundlage der glaubens- und gesinnungsbezogenen Forderungen der Andersonsen „Alten Pflichten“.

Der Forscher August Wolfstieg, ein Vordenker unserer geliebten Freimaurerei, schrieb in seinem Werk „Die Philosophie der Freimaurerei“ Anfang des 20. Jahrhunderts: „Toleranz ist das Palladium“, also ein unantastbares Gut, „der Freimaurerei immer gewesen und muss es bleiben.“ Damit war sich Wolfstieg einig mit Friedrich III. der schon früher ausführte: „Zwei Grundsätze bezeichnen vor allem unser (freimaurerisches) Streben: Gewissensfreiheit und Duldung“.

Unsere heute noch in diesen Punkten weitgehend aktuellen Vordenker Eugen Lennhoff und Oskar Posner schließlich schreiben über unseren Bund: „Durch ihre Mission [der Toleranz] wirkt [die Freimaurerei] an der Vergeistigung und Befriedigung der sozialen Wechselbeziehungen in hervorranger Weise mit und ist in diesem Sinne berufen, ein wichtiger Kulturfaktor zu sein, wenn sie ihrer Sendung gerecht wird.“ Und nun kommts: „Die Loge hat daher keine wichtigere Aufgabe als die Erziehung zur Duldsamkeit.” So  als Duldsamkeit interpretiert finden wir die Toleranz bis heute im freimaurerischen Ritual, wenn sie dort als Bestandteil des „für den Tempelbau nötigen Mörtels“ angesehen wird.

Toleranz gleich Duldung ? Ist das nicht zu wenig ? Kann das Dulden allein für den Mörtel unseres Tempelbaus ausreichen?  Kann es vielleicht sogar sein, dass eine solchermaßen identifizierte Toleranz nicht unbedingt eine Tugend sein muss, wie der von Lessing gleichermaßen bewunderte wie gehasste Voltaire behauptete? Kann es somit stimmen, wenn Goethe in seiner Aphorismensammlung schreibt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein.Sie muss zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Dulden heißt beleidigen? — Das sehe ich auch so: Reines Dulden ist für mich nicht das Begegnen auf gleicher Ebene!

Beispiele: der Ruf nach mehr Toleranz gegenüber dem Ausländer, gegenüber dem Obdachlosen, gegenüber dem Fremdsprachigen, gegenüber dem Wartenden in der Schlange, gegenüber dem Kellner im Restaurant und so weiter und sofort  ist meines Erachtens ausgesprochen überheblich und arrogant. So habe ich mich jedenfalls oft selbst empfunden und empfinde mich bedauerlicherweise manchmal immer noch. Wer also erst jemand anderen „tolerieren“ muss, steht immer schon eine Stufe über ihm. Und das kann es doch für einen Freimaurer nicht sein. Es geht nicht um Menschen erster und zweiter Klasse. Es geht um Menschen.

Noch einmal: lexikalisch ist Toleranz Duldsamkeit und damit lediglich ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Das ist für einen in heutigem Sinne aufgeklärten Freimaurer zu wenig, wie ich meine. Die 300 Jahre alten  „Alten Pflichten“ scheinen mir in diesem Punkte fortzuschreiben sein, und ,wie ich  einflechten darf, nicht nur in diesem Punkte.
Die Toleranzedikte vergangener Zeit, wie wir sie bis in die Aufklärung hinein betrachten können, waren zu ihrer Zeit selbstverständlich in humanistischem Sinne enorm fortschrittlich, ganz ohne Zweifel. Sie werden also zurecht als Meilensteine der Menschheitsentwicklung gefeiert. So führte beispielsweise das Toleranzedikt des römischen Kaisers Gaius Galerius Valerius Maximianus kurz vor seinem Tod im Jahre 311 zur Beendigung der Christenverfolgung. Führte aber lediglich zu einer Duldung!

Auch das von Joachim Stephani 1612 lateinisierte „cuius regio, eius religio“, im Westfälischen Frieden von 1648 zur Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 festgelegt, wurde durch die preußischen Könige ebenfalls aufgegeben, zuletzt durch Friederich den Großen 1740 bekanntermaßen, aus welchen Gründen auch immer. Führte aber ebenfalls lediglich zu einer Duldung!

Ich denke, unsere humanitären Ansprüche von heute sollten von höherer Qualität sein. Ich möchte jetzt aus Artikel 1 der Erklärung der UNESCO über die Prinzipien der Toleranz vom 16.November 1995 wie folgt zitieren: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdruckformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt“. Nun wird man auf den ersten Blick dieser klangvollen Interpretation von Toleranz wie selbstverständlich zustimmen wollen. Allerdings stimmt aus meiner Sicht bei dieser Interpretation die qualitative Reihenfolge nicht, will sagen,  stimmt die begriffliche Hierarchie nicht! Die Reihenfolge muss lauten: aus Toleranz erwächst Akzeptanz, aus Akzeptanz erwächst bestenfalls Respekt!

Toleranz bedeutet, daß ich Menschen mit all ihren Eigenschaften lediglich hinnehme, ohne sie deswegen z.B.  verbal oder körperlich anzugreifen.Damit bedeutet Toleranz anders gesagt, Menschen so zu ertragen, wie sie sind, ohne sie deswegen zu verletzen , egal in welcher Form. Bei der Toleranz bleibe ich also passiv.

Reicht das einem Freimaurer? Ich denke: Nein.

Akzeptanz hingegen bedeutet, dass ich einen Menschen so annehme wie er ist. Ihn annehme, wie gesagt. Wenn ich ihm seine möglicherweise ungewöhnlichen Eigenschaften nachsehe und diese für sich selbst als „in Ordnung“ festlege. Akzeptanz ist somit für mich die Grundvorausetzung dafür, dass echte Freundschaften, dass bestenfalls freimaurerische  Bruderliebe entstehen können. Bei einer solcherart beschriebenen Akzeptanz muss ich also in meinem Innern aktiv werden.

Nun gehe ich aber noch einen Schritt weiter beim Betrachten eines optimalen Umgangs miteinander: Die höchste Einstellung gegenüber anderen Menschen ist nach meiner Ansicht Respekt. Wobei ich frage, ob wir uns überhaupt darüber im Klaren sind, dass und wann wir es an einem solchen Respekt anderen gegenüber fehlen lassen. Ich jedenfalls frage mich  manchmal, ist Respekt nur etwas , das ich haben, aber nicht geben will? Begegnen sich in der Respektlosigkeit nicht Arroganz und Ignoranz? Zerstört diese Respektlosigkeit nicht jede Beziehung?

Noch einmal: Akzeptanz setzt Toleranz voraus. Respekt nun ist auf Toleranz und Akzeptanz aufgebaut und nicht so, wie die UNESCO die Reihenfolge wählte. Respekt ist für mich eine Haltung, die den anderen als Menschen achtet und seine Menschenwürde anerkennt. Egal, woher er kommt, wie er aussieht, ob oder zu welchem Gott er betet. Respekt heisst, Rücksicht auf den anderen nehmen, auf seine Bedürfnisse und seine Verletzlichkeit. Das ist mehr als Toleranz und Akzeptanz. Dass das nicht immer einfach ist, ist mir klar. Trotzdem: Respekt im wahren Wortsinn zollen zu können muss nach meiner Meinung deshalb immer wieder bei der persönlichen Arbeit am rauhen Stein in geduldiger, ja demütiger Haltung eingeübt werden. Respekt und nicht nur bloße Toleranz muss also das Endziel nicht nur allen freimaurerischen Tuns sein. Respekt gegenüber mir zuerst und sodann gegenüber dem Bruder. Respekt gegenüber dem Partner, gegenüber den Mitmenschen, gegenüber dem Gemeinwesen, der Natur.

Toleranz, Akzeptanz, Respekt. Das sollte die stufige Abfolge unseres Lernweges sein.

Der amerikanische Publizist Richard Sennet schreibt in seinem Werk „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“: „Es genügt nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben.“ — „Jenen Menschen mit Respekt begegnen, die dazu verurteilt sind,schwach zu bleiben“! Wenn wir uns in dieser Erkenntnis fortwährend strebend bemühen, werden wir durch eine solchermaßen winkelgerechte Lebensführung sowohl im Inneren unserer Bauhütte als auch in der profanen Welt als Freimaurer überzeugend bestehen können. Erst mit Respekt wird es gelingen, allem Lebendigen auf wirklich gleicher Ebene zu begegnen.

Unser Bruder K. R. schreibt in einem Essay, dass das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ der katholischen Lehre besser, man beachte die Nuance, besser interpretiert heißen müsste „ Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist wie Du.“ Perfekt erschiene mir – wenn ich das hier persönlich einflechten darf  – bezogen auf unseren Umgang miteinander der Mensch, der mich auf diese Weise respektierte, wie ich bin, ja der sogar stolz auf mich sein könnte, der glücklich oder zumindestens erfreut wäre, wenn er mich sieht.

Ach ja, Respekt hat wahrscheinlich – wenn ich recht überlege – sogar etwas mit Ehrfurcht zu tun. Doch das wäre einen weiteren Aufsatz wert.

Der 1990 verstorbene Schriftsteller und langjährige Mitarbeiter der F.A.Z., Hans Kasper, schreibt: „Die Humanität erreichte mehr, wenn sie statt die Gleichheit zu loben, zum Respekt vor dem Wunder der Vielfalt riete .“

Dem ist aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen.

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