Die Moderne hat Migrationshintergrund

Arbeitsplatz mittelalterlicher Steinmetze

Die Welt nicht zu kennen und mit dem Ort der Geburt bis zum Tode verwachsen zu sein, das war immer nur das Ideal der zwangsweise Sesshaften. Ihre Heimat war im Räumlichen, und nicht kultureller Natur. Odysseus trieb es in die Welt, Humboldt wie Gauß und die Hanse. Migrant, Vagabund oder Fremder und Flaneur, das waren nicht immer Schimpfworte. Die Moderne entstand in Migration.

Die Vorstellung von einer Aufklärung, in der die Sonne die Wahrheit an den Tag bringt, meint historisch den Anbruch der Neuzeit aus der Finsternis eines Mittelalters, das so finster nicht überall war. Jedenfalls meint „enlightment“ nicht erst das Wirken Immanuel Kants und seiner Zeitgenossen im 18. Jahrhundert, sondern schon Entwicklungen im 12. bis 15. Jahrhundert. In der Architektur der christlichen Gotteshäuser ist dies die Gotik, später im Übergang zur Renaissance. Man denkt an den Kölner Dom in Deutschland, an die Kathedralen zu Straßburg, Chartres, Notre Dame in Paris in Frankreich, die Kathedralen zu Exeter, Oxford und Sheffield in England, vielleicht sogar an St.Giles im schottischen Edinburgh, außerdem an den Tallinner Dom im fernen Estland, den Veitsdom in Prag, die Dominikanerkirche in Krakau, schließlich auch an gotische Gotteshäuser in Italien (Genua, Venedig, Siena und besonders Palermo) oder Spanien (Valencia, Sevilla, Palma de Mallorca) oder sogar Zypern. Diese Baudenkmäler sind nicht zu denken ohne die Städte, die sie beherbergten und die immer noch durch sie glänzen.

Die mittelalterlichen Zeiten sind gekennzeichnet durch eine enorme, erzwungene Sesshaftigkeit. An die Scholle gebunden waren ganz sicher die Bauern und Kleinbauern, die in einer noch nicht intensiven Landwirtschaft sich vom kargen Ertrag ihrer Höfe ernähren und zugleich hohe Abgaben, manchmal auch Dienste leisten mussten. Agrikultur war bittere Gefangenschaft auf eigenem Grund und Boden.

Gebunden waren am anderen Ende der sozialen Skala aber auch der Adel und seine Fürsten, die zum guten Teil in sehr kleinen Fürstentümern lebten. Sie versuchten immer wieder, mit Hilfe von Raubzügen oder durch Allianzen zwischen den Fürstentümern ein Reich zu bauen, was in Deutschland erst sehr spät gelingen sollte. Adel konnte Gefangenschaft auf einem Erbe ungewisser Prosperität bedeuten.

Ein Dichter der bürgerlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts war Georg Büchner. Man verdankt seiner Schrift mit dem Titel „Der hessische Landbote“ einen eindrucksvollen architektonischen Hinweis, und zwar in dem politischen Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“. Es ist ein sehr früher Klassenkampf, der die Paläste des Feudalismus, des Adels angreift und sich selbst als Sachwalter der kleinen Leute der Hütten versteht.

Als deutlichster Abschluss dieses Prozesses gilt die Französische Revolution, in der die Köpfe des Adels unter der Guillotine liegen, nachdem sie den frischen Luftzug des Fallbeils erfahren haben, und die Bürger, citoyen genannt, die Macht übernehmen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Parole, der es um Toleranz und Humanität ging.

Schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution entsteht zwischen den Hütten des Landlebens und den Palästen des Adels, die eher Bollwerke als Luxuswohnsitze waren, eine Lebensform, die, bezogen auf die Weiten des Feudalismus, zunächst nur in Enklaven zu finden ist. Es bilden sich wehrhafte Einfriedungen sozialer Gemeinwesen, die die neuen Zeiten ankündigen. Wir sprechen von den Städten, die zwar in der Antike schon einmal existierten, dann aber durch kriegerische Zerstörungen, Völkerwanderungen, Auflassungen in ihrer Struktur vernichtet waren.

Die revolutionär neue mittelalterliche Stadt ist eines der eindrucksvollsten historischen Ereignisse, weil sie von einer großen Ungleichzeitigkeit getragen ist. In den mittelalterlichen Städten entstehen schon die künftigen Zustände, schon das Denken der Neuzeit, während noch das Land, die Länder, die Reiche im Feudalismus verharren und von der sehr partikularen Herrschaft des Adels und wohl auch der Kirche geprägt sind.

Blickt man in diese Städte, so entstehen in der Mitte des Zirkels der Stadtmauern kathedralenhafte Bauten von Gotteshäusern, die noch heute in Pracht, Ausmaß, Kunst eindrucksvoll sind. Wie eindrucksvoll sie für die Zeitgenossen gewesen sein müssen, erahnt man nur, wenn man sich vorstellt, dass diese gigantischen Gebäude von Menschen betreten wurden, die in den vorgenannten Hütten lebten, aber eben auch von jenen in den Palästen. Die sehr mächtige Kirche mit der Unterstützung des sehr mächtigen Adels setzte ihrem Gott und sich als Institution hier gewaltige Denkmäler.

Eine nur beiläufig behandelte Frage zu dieser Zeit ist, wer so kühne Pläne wie die zu einer gotischen Kathedrale realisieren konnte. Es bedurfte ja nicht nur des Geldes, erpresst durch eine Kirchensteuer, den Zehnten, oder die Fron, die an den Adel zu entrichten war. Und der Bereitschaft reicher Bürger, Händler im Wesentlichen, aber auch reicher Handwerker, also der Bereitschaft der Gilden und der Zünfte in den Städten, eben jene Bauten zu finanzieren. Es bedurfte also nicht nur der finanziellen Mittel, sondern auch der Fähigkeit zur Baumeisterschaft.

Hier gerät wieder eine Hütte in den Fokus des Historikers. Wir reden jetzt von den Unterbringungen und dann den Organisationen jener Bauleute, zunächst Steinmetze, aber dann auch Handwerker aller anderen Professionen und der sie begleitenden Künstler, die in der Lage waren, die gigantischen gotischen Kathedralen zu bauen. Die Bauhütte oder Hütte war zunächst die Unterbringungsform jener Meister, Gesellen, Lehrlinge, die durch die Kunst des Steinbaus und anderer maurerischer Fähigkeiten in der Lage waren, die kühnen Pläne des Kirchenbaus zu realisieren.

Die Hütte war gleichzeitig auch die Selbstorganisation dieser Profession der Steinmetze, die von einem hohen Selbstbewusstsein getragen war. Es gab in dieser Zeit, wir reden über das 12./13. Jahrhundert, bereits ein differenziertes Sozialsystem innerhalb der Genossenschaft der Maurer. Es existierten eine eigene, vom Rest der Stadt und dem Fürsten anzuerkennende Gerichtsbarkeit und ein eigenes Recht. Wir haben es also mit einer sehr selbstbewussten Gruppe hoch qualifizierter, heute würde man sagen, Architekten und Künstler zu tun.

Zum Wesen des Kirchenbaus gehörte, dass er zwar viel Zeit in Anspruch nahm, aber irgendwann dann nun doch abgeschlossen wurde. Die deutlichste Unterscheidung zwischen den Handwerkern am Ort, organisiert in den Zünften, und den Steinmetzen in den Bauhütten an den Domen war, dass die Handwerker sesshaft waren wie die Bauern, wie die Fürsten. Man war sesshaft. Anders die Steinmetze, die Maurer, die Künstler der Hütte; sie zogen weiter zu weiteren großen Projekten des Kirchenbaus. Diese Migration erzeugte das Selbstbewusstsein, dass man vor allem sich selbst verantwortlich sei, nicht der jeweiligen Kirche oder gar dem jeweiligen Fürsten.

Es gibt die Nebenform der Migrationsbereitschaft innerhalb der Zünfte, dass man von dem ausgebildeten Lehrling ein Wandergesellentum erwartete, das ihn verpflichtete, andere Länder, andere Sitten, vor allen Dinge andere Fertigkeiten kennenzulernen, um mit diesem Wissen zurückzukehren. Aber dieses Wandergesellentum war lediglich ein Ausflug aus der Sesshaftigkeit. Und die Schiffe der Hanse legten in London wie Riga an, aber dort auch an den eigenen Stapelhöfen, und waren gedacht als Heimkehrer. Die Hanse plünderte die Welt, aber sie baute nichts auf.

Im ganz originären Sinne nicht an den Ort gebunden, nicht mal an die Gesetzlichkeit des Ortes, nicht an die Beschränkungen des Geistes des Ortes gebunden, nicht an den örtlichen Glauben gebunden, sondern Herren ihrer eigenen Fertigkeit waren die Hütten, die einer Migration frönten, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.

Geometrie war ein intellektueller Eckpfeiler der Profession. Heute würde man von Statik oder Architektur reden. Es gab aber auch soziale Eckpfeiler wie ein geregeltes Lohnsystem, Tarifverträge also, die an den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten gebunden waren. So bekam der Steinmetz, der das Laub zu meißeln hatte, eben 2 Pfenning mehr als jener, der die Quader fertigte. Es gab eine Krankenversicherung, eine frühe Form der Hinterbliebenenfürsorge, die im Erwerbsunfähigkeits- oder Todesfall soziale Sicherung versprach und über allem eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich nicht dem Willen der Bauherren unterstellte. Dass all dies nicht ohne Spannung zum Umfeld wirken konnte, ist evident.

Der Bergbau hat solche Organisationsformen der Moderne in der Knappschaft hervorgebracht: vor 750 Jahren. In der Kaiserpfalz Goslar, die schon stand, als Amerika noch nicht mal entdeckt war, findet sich heute ein Gedenkstein an die 750jährige Tradition der Knappschaft als professionelle Selbstorganisation. Übrigens eine Gedenktafel an einen großen Gesteinsbrocken, der erkennbar Erz enthält. Das Montanwesen gründet auf der Fähigkeit, in der Verhüttung das Erz vom Stein zu trennen.

In den Hütten wurde nicht nur Arbeit verwaltet, Lohn ausgezahlt und Recht gesprochen, man erzählte sich auch die Geschichten der eignen Bedeutung. Dabei griff man weit in die Tradition zurück und erinnerte sich der Mythen um den Tempel Salomons als Beispiel des ersten großen Projektes der Baumeisterei. Diese Mythen wanderten mit den Maurern an die Orte der Migration und nahmen dort die Einflüsse des Judentums, der Christenheit wie des Islam auf. In deren Gottesbegriffen fanden sie immer wieder den einen, einen großen Baumeister vieler Welten.

Die Moderne hat Migrationshintergrund, sie war in den Reihen der Steinmetzbruderschaften gut aufgehoben.

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

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Ein unfassbares Gefühl: Glück

Forciertes Glück

Der Autor hat sich auf die Suche gemacht, um das Glück in seiner reinsten Form, zumindest eine Formel für das Glück zu finden. Seine Ergebnisse präsentierte er in einem Vortrag, gehalten im Dezember 2014 beim “Schwesternfest” der Loge “Friedrich zur Unsterblichkeit” in Stade.

Fürwahr – kein leichtes Unterfangen. Ich habe die ganze Bandbreite der Print-Medien studiert, vom Stader TAGEBLATT über den SPIEGEL-Wissen, Readers Digest, die Zirkelkorrespondenz, die WELT am Sonntag bis zur Mitgliederzeitschrift der BARMER Ersatzkasse. Alle haben sich mit dem Thema Glück mehr oder weniger auseinandergesetzt. Und ich bin dabei auch zu einem “Glücksforscher” geworden.

Das Glück in reinster und edelster Form kann ich nicht präsentieren, wohl aber viele Erkenntnisse und Ergebnisse meiner Recherchen, die hilfreich sein können. Dennoch gibt es heute ein Highlight: ich habe die Glücksformel gefunden — ja, es gibt sie wirklich, die Glücksformel.

Aber alles der Reihe nach: Zunächst einmal die Frage nach der Herkunft des Wortes Glück. Vor 900 Jahren wurde mit dem mittelhochdeutschen Wort “Gelücke” das gute Ende eines Ereignisses benannt.

Glück ist ein sehr körperliches Gefühl, das Menschen in der Welt offenbar überall gleich empfinden. Das ist durch jüngere Forschung belegt. Das Gefühl entsteht im Gehirn durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Hirnregionen und durch körpereigene Botenstoffe, vor allem Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Sie sind für langfristiges Wohlbefinden entscheidend und heißen deshalb auch Glückshormone.

Dennoch, das Glück ist schwer zu fassen, auch für die Wissenschaft. Ihr Versuch, es umfassend zu erklären, hat viele Antworten hervorgebracht, aber auch Widersprüche. So glauben die einen Wissenschaftler, dass vor allem die Gene entscheiden, ob, wann und wie intensiv ein Mensch Glück empfindet. Die anderen sind überzeugt, es hänge in erster Linie davon ab, was jemand vom Leben erwarte. Und wieder andere halten die Lebensumstände und den Zufall für besonders wichtig. Als sicher gilt aber erstens, dass Glück und Unglück oft sehr eng miteinander zusammenhängen, und zweitens, dass Menschen ihrem Schicksal nicht ausgeliert sind. Sie können sich Zuversicht aneignen, ihr Glück beeinflussen.

Wie kann es sein, fragen sich Heerscharen von Psychologen, Neurologen, Genetikern und Sozialforschern, dass manche Menschen, die alles zu haben scheinen, unglücklich sind – und andere trotz eines Schicksalsschlags ein glückliches Leben führen? Sie suchen nach Antworten auf eine der großen Fragen der Menschheit. Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Und was ist das überhaupt: Glück? Die Suche nach dem Glück ist eine Sehnsucht, die Menschen seit jeher antrieb. In modernen Gesellschaften ist sie zu einem Lebensinhalt geworden.

Die Wissenschaft versucht, das Glück und seine Voraussetzungen zu vermessen. Forscher scannen das Hirn und erforschen die Gene. Seit ein paar Jahren gibt es die Glücksforschung als eigene Wissenschaft. Ihre Ergebnisse, tausende wissenschaftliche Arbeiten werden in der Erasmus-Universität in Rotterdam gesammelt, in der “World Database of Happiness”, der Weltdatenbank des Glücks. Der Amerikaner David Buss hat sich auf dem Gebiet der evolutionären Psychologie spezialisiert. Vor 14 Jahren hat er einen Artikel veröffentlicht, der bis heute als wegweisend gilt. Der Titel lautete: “Die Evolution des Glücks”. Darin erklärt Buss, wie früher die Vorstellung von gutem Leben entstand und warum Menschen sich heute bei der Glückssuche häufig im Weg stehen. Seine Antwort:

“Der Mensch ist noch nicht reif für jene Welt der Millionenmetropolen, der neuen Techniken, der rasend schnellen Verkehrs- und Informationsströme, die er selbst erschaffen hat. Der Mensch funktioniere tief im Inneren noch wie in der grauen Frühzeit der Zivilisation, in der alten Welt kleiner, überschaubarer Stammesgruppen”

Forscher der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität fanden jüngst heraus, dass Facebook seine Nutzer tendenziell unglücklich macht. Mit Fotos von scheinbar tollen Partys, großen Reisen und einem sexy Partner stellen Facebook-Nutzer ihre besten Seiten aus. Ein Ideal, das die Wirklichkeit verzerrt, an dem sich aber andere Nutzer messen. Je öfter sie Facebook nutzen, umso trauriger fühlten sie sich und umso weniger soziale Kontakte hatten sie im wirklichen Leben. “Wer glücklich sein will, der muss wieder lernen, seine eigentliche Umgebung wahrzunehmen”, sagt deshalb der britische Verhaltensforscher Paul Dolan. Bekanntschaften und Freundschaften bestimmen ganz entscheidend mit, ob sich jemand wirklich wohlfühle. “Wir haben eine falsche Vorstellung vom Glück. Deswegen rackern sich die Menschen für den perfekten Job ab, sind ständig online und wollen immer mehr erleben. Den eigentlichen Moment können sie dann aber kaum genießen. Wer ständig einer Vorstellung vom vollkommenen Glück hinterherjagt, macht sich leicht unglücklich. Das passiert vor allem in westlichen Wohlstandsgesellschaften. Denn die Suche nach dem Glück ist dort inzwischen eine Art Fetisch.”

Depressive Menschen haben häufig das Gefühl, mit ihrer Suche nach dem Glück gescheitert zu sein. Sie neigen dazu, negative Erlebnisse und Wahrnehmungen wichtiger zu nehmen als positive. “Die innere Blaupause für das Glücklichsein, das ist, wenn es einem gelingt, immer zuerst die positive Seite der Dinge zu sehen”, sagt der Mediziner Malek Bajbouj ( gesprochen Beibu) von der Charité in Berlin. Wir alle kennen in unserem persönlichen Umfeld Menschen, die behaupten, das Glas sei halbleer, obwohl es noch halbvoll ist.

Im 18. Jahrhundert ist Glück noch untrennbar mit Begehrlichkeiten, persönlicher Leistungsfähigkeit und Belohnung verbunden gewesen. Heute wolle jeder mehr, ohne satt zu werden. Manche Gesellschaften haben sich großen Wohlstand erarbeitet. Zuviel für die Menschen, um glücklich zu werden. Dabei – so glauben die Forscher – könnte es ganz einfach sein. Und es gibt Menschen, die erfahren es auch, wie das folgende Beispiel zeigt:

Katjas blonde Locken schimmern im Sonnenlicht, als sie einen Teller mit frischen Erdbeeren und aufgeschnittener Wassermelone auf einen Holztisch stellt. Ein altes Bauernhaus, ein großer Garten, in dem wilde Blumen wachsen. “Wir sind sehr glücklich hier”, sagt sie. Hier – das meint Altengamme, direkt an der Elbe, mit dem Auto ist es eine gute Dreiviertelstunde bis in die Hamburger Innenstadt. Bis vor zwei Jahren haben sie in St. Pauli gewohnt, sie und ihr Freund, beide Mitte 30 mit einem Sohn. Katja wollte aufs Land ziehen, ihr Freund nicht. Sie hat ihn überredet. “Zum Glück”, sagt er heute, “ich hatte nie dieses Idealbild vom ruhigen Landleben. Es ist aber tatsächlich ideal. Die Ruhe, die Natur und die Gemeinschaft hier.” Es ist ein Leben wie aus der Werbung, das Klischee eines glücklichen Lebens. Entschleunigt, eins mit der Natur, intakte Familie, Freunde, auf die man zählen kann, die am Wochenende zu Besuch kommen und den großen Garten genießen.

Soweit das Beispiel vom Leben auf dem Lande.

Die Wissenschaft ist sich sicher, dass das Leben auf dem Lande weit mehr ist als eine weit verbreitete Sehnsucht. Sie glauben, die Natur mache die Menschen tatsächlich glücklicher. Der Glücksatlas der Deutschen Post bestätigt, dass die glücklichsten Deutschen seit vielen Jahren im Norden leben, dort, wo das Wasser nah ist und das Land weit.

Im Übrigen nutze das Glück nicht nur dem einzelnen, sondern einer ganzen Gesellschaft, glaubt der meistzitierte Glücksforscher, der Amerikaner Ed Diener. Zufriedenheit ist nicht nur wertvoll, weil sie sich gut anfühlt. Sie ist wertvoll, weil sie vorteilhafte Folgen hat. Diener beruft sich auf andere Studien, denen zufolge glückliche Menschen mehr zu geben haben als Unzufriedene, nämlich eine höhere Arbeitsleistung, mehr soziales Engagement. Und sie seien gesünder und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit eine befriedigende und stabile Ehe. Eines gilt als sicher: gute Beziehungen zu Freunden, dem Partner und in der Familie sind sehr wichtig.

Das Umfeld ist der Glücksfaktor, auf den sich Wissenschaftler aller Denkrichtungen einigen können. Es geht nicht darum, wie ´viele Menschen man um sich herum hat, sondern wie gut man sich mit ihnen versteht. Wie nahe man an ihnen ist. Und es hat sehr viel damit zu tun, was man erwartet, von Freunden, der Familie und auch vom Leben.

Namhafte Wissenschaftler glauben, dass das Glück des Menschen eine Frage der Gene ist. Jeder Mensch habe ein genetisch festgelegtes, individuelles Glücksempfinden. Eine an der Universität von Minnesota in den USA laufende Langzeitstudie hat gezeigt, dass rund 50% auf unserer persönlichen Glücksskala der genetischen Veranlagung zuzuschreiben sind. Individuelle Lebensumstände sowie Faktoren, die täglichen Veränderungen unterliegen, sind für eine weitere Verschiebung um 10% auf der Glücksskala verantwortlich. Weil Glück eine schlecht messbare Größe ist, dürfen diese Prozentzahlen nur als grober Leitfaden verstanden werden. Ein Rolle spielt auch, was jeder Mensch für sich persönlich als Glück definiert. Glücksforscher haben herausgefunden, dass glückliche Menschen alle Ereignisse und Erlebnisse in ihrem Leben positiver betrachten als unglückliche. Rechnet man nun den erblichen Glücksquotienten und die von äußeren Faktoren abhängige Situationen ab, dann bleiben noch etwa 40% auf der individuellen Glücksskala, auf die wir innerhalb unseres eigenen Handlungsbedarfes Einfluss haben. Auf diese 40% sollte man sich konzentrieren, mit ihnen kann man das persönliche Glücksempfinden entscheidend verbessern. Studienergebnisse haben ergeben, dass es 4 Hauptbereiche gibt, in denen positive Veränderungen den entscheidenden Beitrag zu unserem persönlichen Glück leisten: das sind die Familie, die Gemeinschaft, die Arbeit und der Glaube.

In einer Umfrage in mehreren europäischen Ländern wurde die gleiche Frage gestellt: Welcher dieser vier Bereiche hat den größten Einfluss darauf, wie glücklich Sie sich fühlen; Glaube, Arbeit, Familie oder Gemeinschaft? Für die Mehrheit von 73% stand die Familie an erster Stelle.

Ich will diese 4 Bereiche nachfolgend nur kurz skizzieren:

In der Familie findet der größte unentgeltliche Austausch von Wert statt: Liebe, Vertrauen, Toleranz und Respekt. Hier werden die stärksten immateriellen Werte geschaffen und ausgetauscht. Forscher sind der Auffassung, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, Liebe geben und empfangen zu können. Nur wenn Menschen in der Lage sind, echte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, können sie wirklich glücklich werden. Wichtig ist, die Beziehung zu Menschen zu suchen und sich Beziehungsangeboten zu öffnen. Das Geben und Empfangen von Liebe muss immer in beide Richtungen gehen.

Die Gemeinschaft der Menschen, die man um sich versammelt – in erster Linie sind das Freunde – kann unser persönliches Glück vergrößern. Dabei reicht es aber nicht, sich nur in der Gesellschaft zu befinden. Damit aus Bekanntschaften und Freundschaften tatsächlich Glück und Freude entstehen können, braucht es Vertrauen und Verlässlichkeit. Wirklich glückliche Menschen pflegen enge Beziehungen; sie haben Leute um sich, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können. Möglicherweise löst die Gegenwart von Menschen, die unsere Neigungen und Interessen verstehen, einen Entspannungsreflex in uns aus, der unser Glücksgefühle fördert. Einsame Menschen, die sich niemandem anvertrauen können, sind in der Regel unglücklich. Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenserwartung. Deshalb lohnt es sich, in Beziehungen zu investieren, die unserm Leben einen Sinn verleihen.

Der dritte Bereich, der Beruf, gibt unserem Leben Sinn und steht in einem engen Zusammenhang mit unserem persönlichen Glück. Wer im Arbeitsleben den Zeiger auf der persönlichen Glücksskala nach oben wandern lassen möchte, sollte vorzugsweise einer Tätigkeit nachgehen, die ihn befriedigt. Der Schlüssel zum Glück ist ein Beruf, für den wir nicht nur die Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, sondern der uns auch begeistert. Erst dann kann sich die berufliche Tätigkeit sowohl wertschöpfend auf das eigene Leben als auch wertschöpfend auf das Leben anderer Menschen auswirken.

Der vierte Bereich ist der Glaube. Auch im scheinbar so nüchternen 21. Jahrhundert gibt es noch viele Menschen, die ihr Glaube und ihre Spiritualität glücklicher machen. Gläubige Menschen sind in der Regel Teil einer Gemeinschaft – und gemeinsame Erfahrungen im Kreis von Gleichgesinnten erzeugen positive Gefühle. Zahllose wissenschaftliche Studien und Umfragen haben gezeigt, dass diejenigen Gruppen, in denen sich Menschen aus religiösen Gründen zusammenfinden, glücklicher waren als solche, in denen Glaube keine Rolle spielte.

Der Freimaurer und Bruder Jan von Berg, Hypnotherapeut, Coach und Buchautor, stellt in der Zirkelkorrespondenz ( Februar 2014) den Weg zum Glück über einen 7-Stufen-Plan dar. Ich will ihn nachstehend verkürzt vorstellen:

  1. Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn. Glauben, idealistische Ziele, Visionen gehören dazu – und damit auch die Arbeit. Denn nicht die Freizeit, sondern die Arbeit macht glücklich.
  2. Nehmen Sie Herausforderungen in Ihrem Leben an, die Sie bewältigen können. Die Hirnforscher würden sagen: Ich wünsche Ihnen lösbare Probleme. Wenn Sie eine Herausforderung erfolgreich bewältigen, dann werden Sie glücklich sein.
  3. Geben Sie! Man wird glücklicher, wenn man gibt. Helfen Sie anderen, engagieren Sie sich ehrenamtlich. Das ist wohltuend für die Seele und das Glücksgefühl. Viele von uns hier, die sich schon ehrenamtlich engagieren, wissen das.
  4. Achten Sie auf soziale Kontakte – sie sind sehr wichtig. Wer einsam ist, ist nicht glücklich. Sie können z.B. in Ihrer Familie dieses Glück finden. Aber auch in Gemeinschaften, in sozialen Einrichtungen, karitativen Organisationen, in Sportvereinen und vielen anderen Zusammenschlüssen, so auch in der Freimaurerei – die wollen wir nicht vergessen.
  5. Glauben Sie. An wen oder was auch immer. Gläubige Menschen sind zufriedener, weil sie selbst in schwierigen Zeiten eine Stütze haben.
  6. Entwickeln Sie Selbstvertrauen. Selbstbewusste Menschen sind von sich aus heraus glücklich, weil sie nicht auf Feedback von außen angewiesen sind. Die Meinung anderer ist nicht ausschlaggebend.
  7. Achten Sie auf Ihre Gedanken und trainieren Sie positives Denken. Es wird Ihre innere Realität verändern – und später auch die äußere.

Dieser letzte Punkt – so der Autor – ist so wichtig, weil er im Kern auf die alten Weisheiten der Alchemie zurückgreift: “Verwandle Unedles in Edles”. Bezogen auf unser Thema “Lerne Probleme in Glück zu verwandeln”. Das einzige Hindernis liegt im Glauben daran, dass es funktioniert. Menschen, die nicht an sich selbst glauben, fehlt die Basis für den Glauben an Erfolg, an das Glück, an eine bessere Welt.

Eine unverzichtbare Grundvoraussetzung für “ein glückliches Leben” ist übrigens die Gesundheit. Aktuelle Studien zeigen: 80% der Deutschen bewerten Gesundheit als das höchste Gut zum Glück. Damit liegt sie als Glücksfaktor – verständlicherweise – absolut an der Spitze.

Prof. Karlheinz Ruckriegel lehrt Volkswirtschaftslehre an der TH Nürnberg und ist renommierter Glücksforscher. In seinem Beitrag “Streben nach Glück” in der Mitgliederzeitung der BARMER GEK zeigt er 6 Wege zum Glück auf. Prof. Ruckriegel hat auf die Frage: “Kann es sein, dass wir es verlernt haben, glücklich zu sein?” wie folgt geantwortet:  “Beim Glücklichsein geht es um das subjektive Wohlbefinden, um die generelle Zufriedenheit mit dem Leben. Hier findet eine Abwägung zwischen dem, was man will, und dem, was man hat, statt. Es geht also um das Urteil, das Menschen fällen, wenn sie ihr Leben bewerten, wobei es hier entscheidend auf die Ziele ankommt, die Menschen für sich selbst setzen.”  Und auf die abschließende Frage: Ist jeder seines Glückes Schmied? Und wie funktioniert das in der Praxis?, antwortete er: “Wir können schon einiges tun. Wichtig ist, sich realistische und werthaltige Ziele zu setzen, damit man auf dem richtigen Weg ist. Um das Positive um uns herum stärker wahrzunehmen, sollte man für einige Zeit ein Dankbarkeitsbuch schreiben, also zwei- bis dreimal die Woche für einige Monate sich drei positive Dinge aufschreiben, die sich tagsüber ereignet haben, für die man dankbar ist. Dann ändert sich auch die Sichtweise auf das tägliche Leben.”

Im Grunde wäre diese Antwort, als Apell an uns alle, ein wunderbarer Abschluss gewesen, aber es gibt noch einige Anmerkungen zu einem Punkt, den ich zwar anfänglich erwähnt, aber dazu noch nichts ausgeführt habe: die Glücksformel. Ich werde sie nur kurz streifen. Also – die Glücksformel – es gibt sie wirklich.  Sie lautet:

Glück = P + (5xE) + (3xH).

Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. So definiert auf jeden Fall der britische Wissenschaftler Peter Cohen dieses Wohlgefühl. Dabei steht

  • P für persönliche Eigenschaften wie Lebenseinstellung und Anpassungsfähigkeit.
  • E bedeutet Existenz, darin enthalten sind Gesundheit, finanzielle Stabilität und Freundschaften.
  • Und H heißt höhere Werte wie Selbstwertgefühl, Erwartungen und Sinn für Humor.

So ein Quatsch, denken sicherlich viele. Warum sollte man Glück berechnen können? Der Psychologe behauptet, dass es weniger mit äußeren Umständen zu tun hat. Vielmehr sei Glück eine Frage der Persönlichkeit. Und wenn man vier Fragen zu den Themen beantwortet, könne man sein Glück sogar in Zahlen fassen.

Aristoteles sah das damals ganz pragmatisch, Für ihn galt als glücklicher Mensch, wer sein Leben tugendgemäß verbrachte und noch dazu mit äußeren Gütern ausreichend gut ausgestattet war. Und kann Glück von Dauer sein? Wie Reichtum oder Weisheit? Schon Konfuzius sagte „wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern” Ist der Weg also das Ziel? Der Weg zum Glück ist für jeden anders. Epikur, der Glücksphilosoph der Antike sieht dass ganz bescheiden, denn für ihn bedeutet Glück schon einfach: Schmerzfreiheit. Solange es uns nicht schlecht geht, wird es uns höchstwahrscheinlich gut gehen! Denn Glück funktioniert leider nun mal nur mit seinem Gegenpart. Ohne Nacht können wir uns auch über keinen Sonnenaufgang freuen! So wie es ein bekannter Fußballer auf den Punkt brachte:„Zuerst hatten wir kein Glück aber dann kam auch noch Pech dazu.”

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Asyl und Tempelbau

Asyl

In diesem Beitrag macht sich der Autor Gedanken über die hochaktuelle, um nicht zu sagen: brandaktuelle Lage der Asylpolitik und die Rolle der Freimaurer dabei. Die Zeichnung wurde am 16. Dezember 2015 in der Frankfurter Loge “Lessing” gehalten.

Als der Jakob Grimm, von dem man annimmt dass er Freimaurer war, im Winter 1837 die Grenze nach Hessen, seiner Heimat, überschritt, von seinem Lehrstuhl in Göttingen verjagt, weil er gegen den Verfassungsbruch des hannövrischen Kurfürsten protestiert hatte, da wusste er, dass er auch bei seinem angestammten Landesherrn nicht willkommen sein würde. Freisinnige Untertanen waren nirgends gerne gesehen. Da aber traf er am Schlagbaum auf eine alte Frau aus dem Volke, die ihr Enkelkind ermahnte: “Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling.”

Soziale Netzwerke wie Facebook haben eine Eigenschaft, die nicht immer angenehm ist. Sie eröffnen uns unter Umständen Facetten einer Persönlichkeit, auf die wir gerne verzichtet hätten. Für mich gilt dies in besonderem Maße in der Bruderschaft. Bei vielen Brrn. weiß ich nicht, welche politische Auffassung sie vertreten und es ist mir auch völlig gleich.

„Wie ist sein Stand im bürgerlichen Leben, zu welchem Glauben bekennt er sich, und zu welcher politischen Partei?“ „Ich weiß es nicht, denn die Gesetze unseres Bundes verbieten mir danach zu fragen!“

Was aber, wenn ich ungefragt genötigt werde, von der Haltung eines Bruders Kenntnis zu nehmen? Als ich mich entschlossen habe, über Asyl und Tempelbau zu reden, war ich unter dem Eindruck von hasserfüllten Posts gegen Flüchtlinge, auch von einem Menschen, der dem Bund der Freimaurer angehört. Es hat mich sehr verstört, dass Menschen, die sich geschworen haben am Tempel des Humanität zu bauen, sich der „Schönen, reinen Menschenliebe, der Brüderlichkeit aller zu widmen“, dass diese Menschen gleichzeitig Asylsuchende als „Ungeziefer, Untermenschen, Schmarotzer“ etc beschimpfen und offensichtlich kein Problem darin sehen, beides in Übereinstimmung zu bringen. Das solche Auffassungen im Bund keinen Raum haben dürfen und wir gehalten sind sehr strikt gegen solche Tendenzen vorzugehen, ist eine Selbstverständlichkeit und soll hier nicht behandelt werden.

Der Auftrag, am Bau des Tempel der Humanität zu arbeiten, beinhaltet auch einen Arbeitsauftrag: Geht nun in die Welt und bewährt euch als Freimaurer!

Aus der Zeichnung zum Johannisfest des Jahres 1946 der Loge Lessing iO Frankfurt am Main:

„Beim Abschluss des Maurerjahres und bei diesem unserem ersten Johannisfest, das wir seit der Unterdrückung der Logen in Deutschland feiern, ist es unsere Pflicht der Brüder zu gedenken, die heute nicht unter uns weilen können:

Als politisch oder rassisch verfolgte mussten Deutschland verlassen:

  • Br. Ernst Klein, ausgewandert nach Frankreich
  • Br. Hermann Marguli.es, ausgewandert nach Frankreich
  • Br. Ernst Langenbach und
  • Br. David Hutzier beide ausgewandert nach Südamerika,
  • Br. Leon Foatel,
  • Br. Sally Cahn,
  • Br. Albert Reinhardt und
  • Br. Harry Oppenheimer, alle ausgewandert nach Nordamerika.

Nach seiner Verschleppung durch die Gestapo ist höchstwahrscheinlich in den ewigen Osten eingegangen:

  • Br. Fritz Stiefel, seine letzte Nachricht stammte aus Krakau.

Es wäre undankbar, wollten wir nicht an dieser Stelle auch der Brüder gedenken, die in unserer früheren Mutter, der Symbolischen Großloge von Deutschland an führender Stelle standen:

  • Der Ehrwürdigste Br. Großmeister, Br. Leo Müffelmann starb kurz nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager 0ranienburg 1933
  • der zugeordnete Großmeister Br. Peter Heinsen ist 1938
  • der Erste Großaufseher Br. Leo Ueberle 1945
  • der Zweite Großaufseher Br. Wilhelm Haarstrich ebenfalls 1943 in dem ewigen Osten eingegangen.
  • Der Großredner Br. Lachmund wurde in Schwerin von den einrückenden Russen erschossen und
  • der Großzeremonienmeister Br. Alfred Dierke hat 1933 im Tempel seiner Loge seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.“

Soweit das Zitat aus der Zeichnung von 1946.

Über ein Viertel der Brr, die die Gründungsgeneration der Loge stellten hatte – wie man es heute formulieren würde – einen Migrationshintergrund. Emil Selter formulierte damals:

„Die Loge gibt — um ein spezielles Problem unserer heutigen Zeit zu streifen — dem Flüchtling und dem Vertriebenen das Gefühl, eingekehrt zu sein in das Haus des Bruders und dort eine Heimat, wenn auch eine neue Heimat zu haben.”

Ihr seht, das Thema Flucht und Vertreibung begleitet diese Loge seit ihren ersten Tagen.

Meine Brüder, wir bauen am Tempel der Humanität. Die Bausteine derer wir Bedürfen sind die Menschen. Die schöne, wahre Menschenliebe, die Brüderlichkeit aller, das ist der Mörtel des Tempelbaus. Haben diese Floskeln für uns Bedeutung außerhalb unserer heiligen Hallen?

Zu Recht haben Streitereien über Parteipolitik und Konfession keinen Raum in unseren Versammlungen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir diesen ganz besonderen Raum den die Loge bietet, auch dazu nutzen müssen, um mit wachem Blick darüber miteinander zu reden, was in unserem Gemeinwesen vor sich geht. Und da ist Flucht und Asyl und der Umgang damit ein zentrales Thema!

Es gilt aus meiner Sicht zunächst einmal aufzuklären über die Realitäten. Ängste und Unsicherheiten, die es auch unter unseren Brüdern gibt dürfen und müssen ausgesprochen werden, ohne dass der der sie äußert deshalb beschimpft wird. Denn wo, wenn nicht bei uns, können wir in Offenheit sprechen, unsere Standpunkte überprüfen und das tun, was laut Lessing eine der größten Freuden ist: Laut Nachdenken mit einem Freund! Wenn wir darauf achten, dass wir einander in brüderlicher Liebe begegnen, den geistigen Kampf nicht zum Streit , die Diskussion nicht zur Disharmonie werden lassen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Es gibt eine große Verunsicherung im Land und sie ist nachvollziehbar. Deutschland wird sich durch die Einwanderung verändern und zwar nicht nur zum Guten. Man mag zur multikulturellen Gesellschaft stehen wie man will, sie ist aber – mehr denn je – Realität und es gilt sich damit auseinanderzusetzen. Dabei verbieten sich einfache Antworten.

Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge waren 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. 16,7 Millionen von ihnen haben aufgrund von Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, Gewalt oder prekären Lebensbedingungen ihr Land verlassen. Rund 13 Millionen Menschen waren Mitte 2014 unter dem Mandat der UN-Flüchtlingsorganisation – das ist die höchste Zahl seit 1996. Zugleich befanden sich 1,3 Millionen Menschen in einem laufenden Asylverfahren. Allein in der ersten Jahreshälfte 2014 sind 5,5 Millionen Menschen geflohen – insbesondere aus den Bürgerkriegsregionen des Nahen Ostens und Afrikas, 1,4 Millionen von ihnen über die Grenzen ihres Heimatlandes.

Mit den Entwicklungen in Syrien und dem Nordirak haben sich die regionalen Schwerpunkte der Fluchtbewegungen verschoben: Lange war Asien die Hauptherkunftsregion von Flüchtlingen, Afghanistan dreißig Jahre lang das Land, aus dem die meisten Flüchtlinge weltweit stammten. Seit 2014 ist dies nun Syrien: Im Mai 2015 hatten fast vier Millionen syrische Flüchtlinge ihr Land verlassen und waren beim UNHCR registriert.

Afghanistan ist noch immer das zweitgrößte Herkunftsland mit 2,7 Millionen Menschen, die außerhalb ihres Landes Schutz suchen. Hinzu kommen unter anderem Vertriebene aus Somalia (1,1 Millionen), Sudan (670 000), Südsudan (509 000), Kongo (493 000), Burma (480 000) oder Irak (426 000).

Die Zahlen für 2015 haben sich drastisch erhöht, in Deutschland sind ca. eine Million Flüchtlinge angekommen, hinzukommen all die Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind. In Hessen werden 70.000 Menschen in 2015 angekommen sein. Die Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte platzen aus allen Nähten, aus diesem Grund müssen ankommende Flüchtlinge oft in Turnhallen untergebracht werden. Regelhaft sind Asylbewerber bis zum Abschluss des Verfahrens in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Pro Person haben sie ca 6-7 m² zur Verfügung, hier ist das Bett bereits eingerechnet. Sehr ungewiss ist die bundesweite Verteilung der Flüchtlinge. Aus den Erfahrungen spricht viel dafür, dass es zu einem Zug in die Ballungsräume kommt, ein Zentrum der Verdichtung.

Die Flüchtlingswelle trifft auf sehr viel spontane Hilfsbereitschaft und auf Offenheit und sie trifft ebenso – in wesentlich kleinerem Maße – auf Hass und Ablehnung. Sie wird, davon muss man ausgehen, kein vorrübergehendes Phänomen bleiben. Ein Großteil der Menschen wird hier bleiben und andere werden folgen. Wir müssen eine Verständigung darüber herbeiführen, wie wir uns als Gesellschaft aufstellen wollen. Welche Chancen, welche Grenzen und welche Regeln wie definieren. Diese notwendige Debatte leidet daran, dass sie unter dem Druck der Ereignisse stattfinden muss, weil sie vorher nicht gewollt war.

Die Lebenslüge der Bonner Republik “Deutschland ist kein Einwanderungsland“, wurde zwanghaft bis in die jüngste Vergangenheit aufrechterhalten, obwohl längst schon Millionen von „Gastarbeitern“ ihren dauernden Wohnsitz in Deutschland hatten, hier heirateten, Kinder bekamen, die Verwandten aus den Herkunftsländern nachholten.
Die Folge dieser Haltung war auf der einen Seite die sträfliche Zurücksetzung der Eingewanderten, denen man eben nicht das Gefühl gab zugehörig zu sein, sondern die man in einem Sonderstatus verharren ließ und bürokratisch drangsalierte. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden jahrzehntelang keine oder nur sehr rudimentäre Versuche einer Integration der Migranten unternommen. Flächendeckende Sprachkurse gab es ebenso wenig wie die gezielte Ansprache und Vermittlung der Werte unseres Grundgesetzes. Was das alles mit dem Selbstwertgefühl der Migranten machte, liegt auf der Hand. Wie positiv sich das Verhältnis zur Aufnahmegesellschaft gestaltete, kann man sich ausmalen.

Aber auch die sich progressiv nennenden Kräfte haben sich der Realitätsverweigerung schuldig gemacht, indem sie sich weigerten, sich in eine Diskussion über Rahmenbedingungen, Regeln und Grenzen der multikulturellen Gesellschaft einzulassen. Während dies für viele einen Verzicht auf eine spezifische „deutsche Leitkultur“ bei gleichzeitiger Annahme bedeutete, die vorhandenen Ethnien würden sich so begegnen, dass ein Zusammenleben ein Gewinn für alle sei, wies bereits der erste Dezernent für Multikulturelle Angelegenheiten, Daniel Cohn-Bendit im Jahr 1991 darauf hin, dass in (der multi-kulturellen Gesellschaft) … „vielmehr – erst recht dann, wenn sich wirklich fremde Kulturkreise begegnen – der Konflikt auf Dauer gestellt (ist). Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer; sie hat die Tendenz, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüßen. In der multikulturellen Gesellschaft geht es daher um die Gratwanderung zwischen verbindenden und trennenden Kräften – und eben deswegen ist es so wichtig, dass sie sich Spielregeln gibt.“

Cohn-Bendit/Schmidt führen weiter aus: „Wir verstehen diese (die Multikulturelle Gesellschaft) nicht als Ensemble folkloristischer Verbände und Gemeinschaften, nicht als Aufbewahrungsschrein säuberlich getrennter Kulturen. Das Recht der verschiedenen Kulturen auf Selbstbehauptung muss zwar ernst genommen werden. Es verliert freilich dort seine Gültigkeit, wo es die republikanischen und ethischen Normen unserer Zivilisation verletzt (einer Zivilisation, die strikt der republikanischen Tradition der europäischen Moderne verpflichtet ist – die aber auch bereit sein muss, ihr Erbe im Angesicht anderer Kulturen kritisch zu überdenken). Die multikulturelle Gesellschaft ist stets auch von der Auseinandersetzung der Kulturen geprägt und zielt daher auf Integration.“

Diese Botschaft wollten aber weder die Konservativen, noch die Progressiven tatsächlich hören. Die Erkenntnisverweigerung der Konservativen Seite (Deutschland ist kein Einwanderungsland, Multi-Kulti ist gescheitert, etc.) hat dazu beigetragen, dass viele Migranten sich nach wie vor als Bewohner zweiter Klasse fühlen, deren Teilhabechancen begrenzt sind. Die Feigheit der Linken auf der anderen Seite des Spektrums, republikanische Tugenden auszuformulieren, anzuerkennen und im Konflikt auch durchzusetzen hat zu einem Klima der Beliebigkeit beigetragen. Political Correctness schafft ein Klima von Tabuzonen, die Folgen sind dramatisch.

Da sich das subjektive Empfinden von Menschen nicht über verordnete Tabus steuern lässt, wächst bei vielen Menschen das Gefühl, es gäbe eine offizielle Realität und eine tatsächliche. Das ist Wasser auf die Mühlen von Demagogen wie Sarrazin, Pirinci, Bachmann und den selbsterklärten Rettern des christlichen Abendlandes, die von sich behaupten, Tabus zu brechen, aber doch nur dumpfen Hass verkaufen.

Ich glaube, dass die Zeit überreif ist für einen Diskurs, in welcher Gesellschaft wir gemeinsam leben wollen und leben können. Ein solcher Diskurs darf aus meiner Sicht nicht an den Pforten unserer Bauhütten enden. Die Bauhütten waren seit alters her auch Orte, an denen man sich ohne die Vorurteile des Alltags begegnen konnte, und es waren die Debatten, die in den Bauhütten geführt wurden, die sie attraktiv machten für Geister wie Heine, Tucholsky oder Benjamin Franklin.

Ich will mit meiner eigenen Position in der Frage der Flüchtlingsintegration nicht hinter dem Berg halten.

Die Menschen sind hier, zu einem überwiegenden Teil werden sie bleiben. Integration ist eine Forderung an beide Seiten. Ein Scheitern ist keine Option. Wer bleiben will, muss bereit sein, sich auf die Aufnahmegesellschaft einzulassen. Die Gesellschaft wiederum muss Partizipation zulassen und ermöglichen. Für notwendig halte ich persönlich auch klare Regeln, wie eine Einwanderung und der Zugang zum Arbeitsmarkt möglich ist, die Verengung auf Asyl bzw. die Genfer Konvention ist zu einem guten Teil für die Integrationsprobleme der Vergangenheit verantwortlich. Wichtig bei all dem sind klare transparente Regeln für Einwanderung und auch für deren Grenzen, auch im Europäischen Kontext. Oberstes Ziel bleibt die Verteidigung einer offenen Gesellschaft, die eben auch eine humane Gesellschaft ist.

Ich glaube, dass Fragen gesellschaftlicher Relevanz stärker als bisher in das brüderliche Zusammensein eingebracht werden können und sollen. Parteipolitik hat richtigerweise keinen Platz in der Loge, aber der politische Gedankenaustausch ist wichtig und notwendig. Emil Selter hat es so ausgedrückt:

„Toleranz üben, tolerieren, das heißt aber nicht, den anderen anhören und schweigen oder mit höflichen aber nichtssagenden Worten antworten, im Übrigen aber den in der Meinung abweichenden als einen Irrenden bemitleiden oder gar als eine Gefahr betrachten und abschließen. Nein, Toleranz üben in freimaurerischem Sinne heißt: Ansicht gegen Ansicht, Meinung gegen Meinung stellen, mit Ernst und Ausdauer, mit geistigen Waffen kämpfen, prüfen, wo die Meinung des Anderen den größeren Wert gegenüber der eigenen hat; nach dem Kampfe aber, der nicht Streit und Zank bedeutet, den anderen nicht nur achten, sondern als Freund und Bruder und Weggenossen lieben und dem in der Meinung Abweichenden den Weg zu allen Würden und Einflüssen offenlassen.

Toleranz üben heißt: erkennen, dass Fragen des Glaubens und der Überzeugung nicht durch Mehrheitsbeschluss entschieden werden können, dass aber eine Niederlage im geistigen Ringen, dass eine Niederlage in einer demokratischen Abstimmung dem Wert und der Würde der eigenen Persönlichkeit niemals Schaden bringen kann. Nicht im Schweigen aber, nicht in wohlerzogener, bisweilen aber unangebrachter Höflichkeit, nein, in restloser Offenheit zeigt sich erst die wahre brüderliche Liebe. Gewiss: Offenheit kann schmerzen, sie kann sogar bitter wehe tun. Aber schmerzt es nicht noch viel mehr, einen Bruder durch Irrtum Schaden nehmen zu sehen? Ist es nicht noch weit schmerzhafter, unsere freimaurerische Sache Nachteile erleiden zu sehen und geschwiegen zu haben? Zu erkennen, wo Wahrheit und wo Irrtum ist, vermögen wir aber meist erst, wenn eine Sache erledig, oft erst, wenn eine Korrektur nicht mehr möglich ist, manchmal nie.“

Die Fragen maurerischer Symbolik, die Beschäftigung mit der Transzendenz und mit der maurerischen Geschichte sind notwendig – auch zu einer Selbstvergewisserung. Wir müssen in der Lage sein, unser Werteverständnis anhand unserer Werkzeuge zu überprüfen und zu entwickeln. Die Beschäftigung mit der Maurerei darf aber nicht zu einer permanenten Selbstbespiegelung und Selbstbeweihräucherung führen, die das Wirken und Handeln im Sinne der Humanität beeinträchtigt oder gar hemmt. Handeln wiederrum kann der „Bund der Ungleichgesinnten“ als Organisation nicht, Handeln liegt in der Verantwortung des Einzelnen Bruders.

Daraus ergibt sich die Aufforderung an jeden von uns, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und die Aufforderung gegebenenfalls auch politische oder gesellschaftliche Aufgaben und Funktionen zu übernehmen. Auf diese Weise kann man aktiv mitgestalten. Nehmen wir unsere Pflichten als Staatsbürger wahr. Die Freimaurerei geht dort hin, wo jeder Einzelne hingeht.

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

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Schillers Ode an die Freude — eine Annäherung

Schiller-Statue in WIesbaden

Schiller-Statue in WIesbaden

Die nachfolgende Zeichnung (Vortrag während eines freimaurerischen Rituales) wurde am 8. Januar 2016 in der Loge “St. Alban zum Æchten Feuer” in Hoya gehalten. Das Manuskript wurde für die wörtliche Rede im kleinen Kreis konzipiert, für die vorliegende Fassung wurden nur kleinere Anpassungen vorgenommen. (Anm. d. Red.)

Es war einmal vor einigen Jahren in der Loge. Da kam das Gespräch auf Schillers „An die Freude“. Ein Bruder meinte: „Elysium habe ich nachgeschlagen, das ist so eine Art griechisches Paradies. Aber sonst kann ich mit dem Text überhaupt nichts anfangen!“ Ein anderer Bruder meinte: „Schillers Hymne An die Freude – das wäre doch einmal ein Thema für eine Zeichnung.“ Also kommt hier eine kurze Einführung.

Nun kann man ja sagen: „Was geht uns der alte Schiller an!“ Und dann noch dieser teilweise unverständliche Text. Wer so denkt, muss einfach weghören! Aber immer wieder ertönt Beethovens Neunte mit dem herrlichen Gesang. Da will man doch wenigstens etwas verstehen. Außerdem geht es dabei um Werte, Verhaltensweisen und Gefühle,die auch heute noch bedeutsam sind. Nur damals hat man das anders ausgedrückt; das gilt besonders für Schiller. Und dann die vielen Bezüge zur Freimaurerei. Da wird man doch neugierig! Obwohl ich hier nur eine Verbindung zur Freimaurerei in den Mittelpunkt stelle.

Nun werde ich weder den ganzen Text vortragen noch alles erklären, das verbietet sich bei 16 Strophen, die aus 96 Versen bestehen. Das verbietet sich natürlich im Hinblick auf das Brudermahl,das sonst ausfallen würde.

Das Lied ist gegliedert in Vorsängerteile, also für einen Solisten (8 Strophen aus 8 Versen, das sind schon mal 64 Verse), und in Chorgesänge (8 Strophen aus 4 Versen, noch einmal 32 Verse). Diese Solo- und Chorstrophen wechseln sich ganz regelmäßig ab. Und natürlich hat auch Beethoven in seiner 9. Sinfonie – übrigens die einzige Sinfonie, in der gesungen wird – nur einen Teil des Schillerschen Textes übernommen. Und er hat die Solo- und Chorpartien auch anders kombiniert. Ich wähle für meine Einführung nur 5 Strophen aus, insgesamt 28 Verse.

Wie ist diese Hymne eigentlich entstanden? Schillers Hymne „An die Freude“ ist eine Auftragsarbeit. Das kann man so sagen. Auftraggeber ist Christian Gottfried Körner, dem Schiller 1785 in Leipzig begegnet ist. Das ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Körner lebt in gesicherten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, hat Jura studiert, promoviert, sich habilitiert, ist seit 1784 an der Landes-Ökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation in Dresden tätig. Wir würden heute sagen: Sein Arbeitsplatz ist das sächsische Wirtschaftsministerium. Daher ist er auch in der Lage, den meistens klammen Schiller immer wieder finanziell zu unterstützen. Körner ist außerdem umfassend gebildet, musiziert, komponiert und schätzt besonders die Sturm-und-Drang-Literatur. Das hat ihn auch zu Schiller geführt. Weiter ist Körner – das dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen – Mitglied der Leipziger Loge „Minerva“, später der Dresdener Loge „Zu den drei Schwertern“.

Wir dürfen uns folgendes Gespräch vorstellen. Sehr ungewöhnlich ist dabei, dass Körner Schiller schon bald das freundschaftliche Du angeboten hat. Also beginnt Körner nicht: “Sehr verehrter Friedrich Schiller, wir haben da eine Bitte”, sondern: “Lieber Fritz, wir haben da in unserer Loge ein Problem. Die Lieder, die wir in der Loge singen, sind vom Text her nicht nur unpassend und langweilig, sondern geradezu saft- und geistlos. Die passen überhaupt nicht in unsere euphorische Stimmung. Wir brauchen dringend für unsere Loge ein Lied, das die freudige, erhabene, freundschaftliche Atmosphäre wiedergibt, die am Ende der Tafel zwischen uns Brüdern herrscht! Schreib uns mal was mit Gefühl und Power!” Schillers Antwort müssen wir jetzt nicht erfinden; denn wir wissen: Er hat dieses Lied geschrieben. Und es muss in einer euphorischen Stimmung entstanden sein.

Schiller fühlt sich bei Körner in Dresden wohl, er hat Freunde gefunden, und durch Körners Freundschaft auch eine existenzielle Sicherheit. Da ist die Rede „vom stolzen Gebäude einer Freundschaft, die vielleicht ohne Beispiel sei, vom Glück unserer wechselseitigen Vereinigung und dass der Himmel in unserer Freundschaft ein Wunder gethan habe.“ (Brief Schillers an Körner 1785; Damm, S. 68). In solch einer glückseligen Stimmung ist Schillers „An die Freude“ entstanden.

Sigrid Damm schreibt in ihrer Schillerbiographie (S. 68): „Ein trunkener Freundschaftskult. Die Stilisierung der Freundschaft zur Religion.“ Als Beleg zitiere ich gleich die ganze 3. Strophe:

„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur e i n e Seele
S e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“

Das war ein Vorgriff auf den Text, noch haben wir die Hymne ja gar nicht erscheinen lassen. Sie wird 1786 mit der Musik von Körner veröffentlicht als „Ein Rundgesang für freye Männer von Friedrich Schiller“.

Moment, jetzt muss ich unterbrechen. 1786, da war doch was! Wenn ihr alles vergesst, was ich hier erzähle, das bleibt euch hoffentlich im Gedächtnis: 1786 wurde Schillers „An die Freude“ veröffentlicht, und in dem Jahr wurde unsere Loge gegründet. 1786 starb Friedrich der Große. Und 1789 beginnt die Französische Revolution, das sage ich nur zur historischen Einordnung.

Nähern wir uns nun diesem erhabenen Gedicht: „An die Freude“. Beginnen wir mit dem Anfang:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.“

Die Überschrift „An die Freude“ zeigt uns, dass Schiller sich zunächst an die Freude wendet. Da wird also die Freude direkt angesprochen, als sei sie ein Gegenüber, eine Person. Also: „Du Freude!“ Halt, nicht ganz richtig! „Du Freude“ ist zu wenig! Zwar wird die Freude direkt angeredet, aber sie steht uns nicht gegenüber, sie schwebt erhaben über uns. Also verbeugen wir uns und denken: „Sehr ehrwürdige Freude!“ Und damit blicken wir in die Sphären, in denen Schiller die Freude thronen lässt: „Götter, Elysium, Himmlische, Heiligtum!“ In nur 4 Zeilen eine solche Anhäufung von überirdischen Attributen! Man könnte kritisch anmerken: „Er übertreibt!“ Aber damit wird man einer Hymne nicht gerecht, nicht mit einem nüchternen und kritischen Blick. Denn die Hymne will verherrlichen, Festlichkeit, Würde und Gefühlstiefe ausstrahlen, und sie gibt sich pathetisch, enthusiastisch, erhaben. Vielleicht haben wir deshalb so Schwierigkeiten mit Schillers Text, vertritt sie doch ein Lebensgefühl, das uns fremd ist. Und hinzu kommt die Wortwahl, die dieser Absicht angemessen ist und aus einer anderen Zeit stammt. Da haben wir zuerst den „Götterfunken“. Das Wort ist mir sonst noch nirgends begegnet. Aber in diesen Begriff kann ich mich hineindenken: ein Funke, der von den Göttern ausgesandt wird. Dadurch erhält er Kraft, Gewalt und Macht und springt in uns ein, versetzt uns in einen Freudentaumel, macht uns „feuertrunken“. Unser Glück: es ist ein schöner Funke! Die Freude, eine Tochter aus Elysium, also eine Tochter des Paradieses, eine Tochter der vollkommenen Glückseligkeit! Die Freude wird weiter als Himmlische bezeichnet, und ihr Reich ist ein Heiligtum.

Und weiter dichtet Schiller:

„Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Bei diesen Versen ahnen wir schon, was Schiller meint: Die Menschen, die gemeinsam in den Zustand der Freude fallen, verhalten sich unter einander wie Brüder (und Schwestern). Sichtbares Zeichen: Sie umarmen sich! Oder gratulieren sich mit einem Händedruck. Beispiele: Fußballfans, wenn ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat. Das war jetzt sehr profan! Schon besser: Prüflinge, die gemeinsam eine Herausforderung bestanden haben. Noch besser: Brüder in der Loge, die eine würdige Tempelarbeit erlebt haben. Das gemeinsame Erlebnis der Freude eint: Die Personen verhalten sich brüderlich.

Aber da war von der „Mode“ die Rede. Das irritiert uns heutzutage. Die Mode soll die Menschen getrennt haben? Was trennt und trennte Menschen? Es sind die Standesunterschiede, die gesellschaftliche Stellung, unterschiedliche Bildung, arm und reich. Das sind die Schranken zwischen Menschen. Im Zustand der Freude verschwinden sie. Der Zauber der Freude lässt die Unterschiede nichtig werden, der sanfte Flügel der Freude glättet alles. Die trennende „Mode“, also die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und Gewohnheiten werden bedeutungslos. Während Schiller am Anfang auf die Gewalt der Freude hinweist durch „Götterfunken“ und „feuertrunken“, erscheint auch hier die andere Form der Freude: eine gemäßigte, ruhige Art, angedeutet durch den „sanften Flügel“, der die Unterschiede glättet.

Das war jetzt die erste Strophe, die aus 8 Versen besteht. An diese erste Strophe schließt an eine Strophe aus 4 Versen. Das ist der Text für den Chorgesang, der sich an den Sologesang anschließt. Aber hören wir die Strophe doch selbst:

„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“

Ging in der ersten Strophe die Anrede an die Freude, so wendet sich Schiller jetzt an die Zuhörer, an die Leser, an die Menschen, ja, an die ganze Menschheit. Mit dem „Seid umschlungen“ tritt der Dichter selbst auf. Er möchte, von der verbindenden Freude erfüllt, alle umarmen, und die Chorsänger handeln danach: „Seid umschlungen Millionen!“ Damit wird die Aussage „Alle Menschen werden Brüder“ der ersten Strophe aufgegriffen und in eine Aufforderung umgewandelt.

Genug vom Anfang dieser Hymne, ich springe sofort zum Schluss des Textes. In den letzten vier Strophen wird deutlich, dass es sich um ein Trinklied handelt, zum Beispiel:

„Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist!“

Und die letzte Strophe:

„Schließt den heil´gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!“

So endet das Lied, das Schiller für seinen Freund Körner dichtete, für die Loge.  Manfred Mai kommentiert in seiner Schillerbiographie (S. 129): „In dieser Hymne, die durch Beethovens Musik um die Welt getragen wurde und wird, findet sich alles, was den jungen Schiller ausmachte: Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ebenso wie der Wunsch nach Kraft und Größe, um die hohen Ideale von einer brüderlichen Welt verwirklichen zu können.“ Der Zusammenhang zur Freimaurerei wird nicht erwähnt, auch nicht in Sigrid Damms Schillerbiographie.

„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ — mit seiner Begeisterung strahlt Schiller ein „Æchtes Feuer“ aus.

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Toleranz — Vom Begegnen auf gleicher Ebene

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Der englische Philosoph John Locke – er war kein Freimaurer –  schrieb Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts eine Reihe von sogenannten Toleranzbriefen. Sein Grundgedanke der Toleranz bedeutete für ihn die Duldung jeder religiösen Ansicht und Gemeinschaft, und zwar unbeschränkte, gleichmäßige Duldung. Diese Gedankengänge der Duldung gelten als Grundlage der glaubens- und gesinnungsbezogenen Forderungen der Andersonsen „Alten Pflichten“.

Der Forscher August Wolfstieg, ein Vordenker unserer geliebten Freimaurerei, schrieb in seinem Werk „Die Philosophie der Freimaurerei“ Anfang des 20. Jahrhunderts: „Toleranz ist das Palladium“, also ein unantastbares Gut, „der Freimaurerei immer gewesen und muss es bleiben.“ Damit war sich Wolfstieg einig mit Friedrich III. der schon früher ausführte: „Zwei Grundsätze bezeichnen vor allem unser (freimaurerisches) Streben: Gewissensfreiheit und Duldung“.

Unsere heute noch in diesen Punkten weitgehend aktuellen Vordenker Eugen Lennhoff und Oskar Posner schließlich schreiben über unseren Bund: „Durch ihre Mission [der Toleranz] wirkt [die Freimaurerei] an der Vergeistigung und Befriedigung der sozialen Wechselbeziehungen in hervorranger Weise mit und ist in diesem Sinne berufen, ein wichtiger Kulturfaktor zu sein, wenn sie ihrer Sendung gerecht wird.“ Und nun kommts: „Die Loge hat daher keine wichtigere Aufgabe als die Erziehung zur Duldsamkeit.” So  als Duldsamkeit interpretiert finden wir die Toleranz bis heute im freimaurerischen Ritual, wenn sie dort als Bestandteil des „für den Tempelbau nötigen Mörtels“ angesehen wird.

Toleranz gleich Duldung ? Ist das nicht zu wenig ? Kann das Dulden allein für den Mörtel unseres Tempelbaus ausreichen?  Kann es vielleicht sogar sein, dass eine solchermaßen identifizierte Toleranz nicht unbedingt eine Tugend sein muss, wie der von Lessing gleichermaßen bewunderte wie gehasste Voltaire behauptete? Kann es somit stimmen, wenn Goethe in seiner Aphorismensammlung schreibt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein.Sie muss zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Dulden heißt beleidigen? — Das sehe ich auch so: Reines Dulden ist für mich nicht das Begegnen auf gleicher Ebene!

Beispiele: der Ruf nach mehr Toleranz gegenüber dem Ausländer, gegenüber dem Obdachlosen, gegenüber dem Fremdsprachigen, gegenüber dem Wartenden in der Schlange, gegenüber dem Kellner im Restaurant und so weiter und sofort  ist meines Erachtens ausgesprochen überheblich und arrogant. So habe ich mich jedenfalls oft selbst empfunden und empfinde mich bedauerlicherweise manchmal immer noch. Wer also erst jemand anderen „tolerieren“ muss, steht immer schon eine Stufe über ihm. Und das kann es doch für einen Freimaurer nicht sein. Es geht nicht um Menschen erster und zweiter Klasse. Es geht um Menschen.

Noch einmal: lexikalisch ist Toleranz Duldsamkeit und damit lediglich ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Das ist für einen in heutigem Sinne aufgeklärten Freimaurer zu wenig, wie ich meine. Die 300 Jahre alten  „Alten Pflichten“ scheinen mir in diesem Punkte fortzuschreiben sein, und ,wie ich  einflechten darf, nicht nur in diesem Punkte.
Die Toleranzedikte vergangener Zeit, wie wir sie bis in die Aufklärung hinein betrachten können, waren zu ihrer Zeit selbstverständlich in humanistischem Sinne enorm fortschrittlich, ganz ohne Zweifel. Sie werden also zurecht als Meilensteine der Menschheitsentwicklung gefeiert. So führte beispielsweise das Toleranzedikt des römischen Kaisers Gaius Galerius Valerius Maximianus kurz vor seinem Tod im Jahre 311 zur Beendigung der Christenverfolgung. Führte aber lediglich zu einer Duldung!

Auch das von Joachim Stephani 1612 lateinisierte „cuius regio, eius religio“, im Westfälischen Frieden von 1648 zur Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 festgelegt, wurde durch die preußischen Könige ebenfalls aufgegeben, zuletzt durch Friederich den Großen 1740 bekanntermaßen, aus welchen Gründen auch immer. Führte aber ebenfalls lediglich zu einer Duldung!

Ich denke, unsere humanitären Ansprüche von heute sollten von höherer Qualität sein. Ich möchte jetzt aus Artikel 1 der Erklärung der UNESCO über die Prinzipien der Toleranz vom 16.November 1995 wie folgt zitieren: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdruckformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt“. Nun wird man auf den ersten Blick dieser klangvollen Interpretation von Toleranz wie selbstverständlich zustimmen wollen. Allerdings stimmt aus meiner Sicht bei dieser Interpretation die qualitative Reihenfolge nicht, will sagen,  stimmt die begriffliche Hierarchie nicht! Die Reihenfolge muss lauten: aus Toleranz erwächst Akzeptanz, aus Akzeptanz erwächst bestenfalls Respekt!

Toleranz bedeutet, daß ich Menschen mit all ihren Eigenschaften lediglich hinnehme, ohne sie deswegen z.B.  verbal oder körperlich anzugreifen.Damit bedeutet Toleranz anders gesagt, Menschen so zu ertragen, wie sie sind, ohne sie deswegen zu verletzen , egal in welcher Form. Bei der Toleranz bleibe ich also passiv.

Reicht das einem Freimaurer? Ich denke: Nein.

Akzeptanz hingegen bedeutet, dass ich einen Menschen so annehme wie er ist. Ihn annehme, wie gesagt. Wenn ich ihm seine möglicherweise ungewöhnlichen Eigenschaften nachsehe und diese für sich selbst als „in Ordnung“ festlege. Akzeptanz ist somit für mich die Grundvorausetzung dafür, dass echte Freundschaften, dass bestenfalls freimaurerische  Bruderliebe entstehen können. Bei einer solcherart beschriebenen Akzeptanz muss ich also in meinem Innern aktiv werden.

Nun gehe ich aber noch einen Schritt weiter beim Betrachten eines optimalen Umgangs miteinander: Die höchste Einstellung gegenüber anderen Menschen ist nach meiner Ansicht Respekt. Wobei ich frage, ob wir uns überhaupt darüber im Klaren sind, dass und wann wir es an einem solchen Respekt anderen gegenüber fehlen lassen. Ich jedenfalls frage mich  manchmal, ist Respekt nur etwas , das ich haben, aber nicht geben will? Begegnen sich in der Respektlosigkeit nicht Arroganz und Ignoranz? Zerstört diese Respektlosigkeit nicht jede Beziehung?

Noch einmal: Akzeptanz setzt Toleranz voraus. Respekt nun ist auf Toleranz und Akzeptanz aufgebaut und nicht so, wie die UNESCO die Reihenfolge wählte. Respekt ist für mich eine Haltung, die den anderen als Menschen achtet und seine Menschenwürde anerkennt. Egal, woher er kommt, wie er aussieht, ob oder zu welchem Gott er betet. Respekt heisst, Rücksicht auf den anderen nehmen, auf seine Bedürfnisse und seine Verletzlichkeit. Das ist mehr als Toleranz und Akzeptanz. Dass das nicht immer einfach ist, ist mir klar. Trotzdem: Respekt im wahren Wortsinn zollen zu können muss nach meiner Meinung deshalb immer wieder bei der persönlichen Arbeit am rauhen Stein in geduldiger, ja demütiger Haltung eingeübt werden. Respekt und nicht nur bloße Toleranz muss also das Endziel nicht nur allen freimaurerischen Tuns sein. Respekt gegenüber mir zuerst und sodann gegenüber dem Bruder. Respekt gegenüber dem Partner, gegenüber den Mitmenschen, gegenüber dem Gemeinwesen, der Natur.

Toleranz, Akzeptanz, Respekt. Das sollte die stufige Abfolge unseres Lernweges sein.

Der amerikanische Publizist Richard Sennet schreibt in seinem Werk „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“: „Es genügt nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben.“ — „Jenen Menschen mit Respekt begegnen, die dazu verurteilt sind,schwach zu bleiben“! Wenn wir uns in dieser Erkenntnis fortwährend strebend bemühen, werden wir durch eine solchermaßen winkelgerechte Lebensführung sowohl im Inneren unserer Bauhütte als auch in der profanen Welt als Freimaurer überzeugend bestehen können. Erst mit Respekt wird es gelingen, allem Lebendigen auf wirklich gleicher Ebene zu begegnen.

Unser Bruder K. R. schreibt in einem Essay, dass das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ der katholischen Lehre besser, man beachte die Nuance, besser interpretiert heißen müsste „ Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist wie Du.“ Perfekt erschiene mir – wenn ich das hier persönlich einflechten darf  – bezogen auf unseren Umgang miteinander der Mensch, der mich auf diese Weise respektierte, wie ich bin, ja der sogar stolz auf mich sein könnte, der glücklich oder zumindestens erfreut wäre, wenn er mich sieht.

Ach ja, Respekt hat wahrscheinlich – wenn ich recht überlege – sogar etwas mit Ehrfurcht zu tun. Doch das wäre einen weiteren Aufsatz wert.

Der 1990 verstorbene Schriftsteller und langjährige Mitarbeiter der F.A.Z., Hans Kasper, schreibt: „Die Humanität erreichte mehr, wenn sie statt die Gleichheit zu loben, zum Respekt vor dem Wunder der Vielfalt riete .“

Dem ist aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen.

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Auf der Flucht – Was geht uns das an?

Immigration emigration migration concept, paperboat with meeples

Der nachfolgende Text entstammt der Zeichnung, wie der Vortrag im Rahmen einer rituellen Arbeit heißt, anlässlich des 180. Stiftungsfestes der Loge “Furchtlos und Treu”. Am Beginn der Reise nach Stuttgart stand eine Bitte: “Lieber Bruder Hans-Hermann – so hieß es – wir haben folgendes Thema als Anliegen an dich: Millionen Menschen kommen nach Europa und Deutschland, wie stehen wir als Freimaurer dazu? Viele werden an unserer Tür anklopfen.”

Und ich habe geantwortet: Einverstanden. Mein Thema heißt:

Auf der Flucht – Was geht uns das an?
Die Flüchtlingsproblematik und der Weltbund der Humanität

Ja, meine Brüder: Was geht uns das an?

Ich meine, es geht uns gründlich an, als Menschen, als Bürger der ersten gelungenen Demokratie in Deutschland und auch als Brüder Freimaurer.

Denn der Freimaurer befindet sich an der Schnittstelle zwischen Freimaurerei und Gesellschaft. Von der Art und Weise, wie die Freimaurerei heute mit dieser Schnittstelle zwischen Drinnen und Draußen umgeht, hängt die Zukunft des Bundes ab: Wer öffentlich ernst genommen werden will, muss selbst das Öffentliche Ernst nehmen.

Allerdings: eine flächendeckende freimaurerische Antwort auf die mir gestellte Frage gibt es nicht. Denn es handelt sich bei dem, was heutzutage verkürzend gern die Flüchtlingsproblematik genannt wird, um eine sehr komplexe und interdependente Problematik mit vielen Aspekten, es geht um ein schwer zu entwirrendes Knäuel von Flucht, Asyl, Migration und Integration, von Innen-, Europa- und Weltpolitik, von Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten. Und beides: Dimension der Aufgabe und Möglichkeiten, sie zu lösen, sind nicht starr. Die Lösungsmöglichkeiten insbesondere hängen ja sehr von unserer Bereitschaft ab, Lösungsmöglichkeiten ausfindig zu machen und zu nutzen. Wenn wir starr sind und uns verweigern, sind wir mit unserem Latein schnell am Ende.

In Anbetracht all dieser Gesichtspunkte muss sich der Redner der Großloge, selbst wenn er Politikwissenschaftler ist, vor Schnellschüssen und Gemeinplätzen hüten und auch davor, unter die schrecklichen Vereinfacher zu geraten, zumal es von solchen ja schon reichlich viele gibt.

Demokratie ist ein offenes System. Was richtig und möglich ist in der Politik, steht in keiner Weise a priori fest. In der Demokratie ist politisches Denken und Handeln immer perspektivisch, es ist prinzipiell ergebnisoffen, und es ist das Wechselspiel zwischen politischen Gruppen, Interessen und Überzeugungen, von Zielvorstellungen und Sachverstand, in dem um effektive und effiziente Lösungen gerungen wird. Und da gilt zunächst auch hier die von Euch zum Wahlspruch Eurer Loge auserkorene These von Karl Jaspers: „Niemand hat die Wahrheit, wir alle suchen sie.“

Trotzdem will ich Überlegungen darüber anstellen, ob es nicht trotz aller Komplexität der Flüchtlingskrise gemeinsame Überzeugungen der Brüder Freimaurer geben könnte oder sollte, vielleicht gar schon gibt, und ich will mir Gedanken darüber machen, inwieweit dabei spezifisch freimaurerische Denkweisen und Handlungsformen vorstellbar sind.

Als Ausgangspunkte meiner Überlegungen zur Flüchtlingsproblematik wähle ich einige Feststellungen unseres Bundespräsidenten. Beim Festakt zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 in Frankfurt am Main führte Joachim Gauck u. a. folgendes aus:

„Der Empfang der Flüchtlinge im Sommer dieses Jahres war und ist ein starkes Signal gegen Fremdenfeindlichkeit, Ressentiments, Hassreden und Gewalt. Und was mich besonders freut: Es ist ein ganz neues, ganz wunderbares Netzwerk entstanden – zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Es haben sich auch jene engagiert, die selbst einmal fremd in Deutschland waren oder aus Einwandererfamilien stammen. Auf Kommunal-, Landes- wie Bundesebene wurde und wird Außerordentliches geleistet. Darauf kann dieses Land zu Recht stolz sein und sich freuen.

Und dennoch spürt wohl fast jeder, wie sich in diese Freude Sorge einschleicht, wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird. Das ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Tatsache ist: Wir tun viel, sehr viel, um die augenblickliche Notlage zu überwinden. Aber wir werden weiter darüber diskutieren müssen: Was wird in Zukunft? Wie wollen wir den Zuzug von Flüchtlingen, wie weitere Formen der Einwanderung steuern – nächstes Jahr, in zwei, drei, in zehn Jahren? Wie wollen wir die Integration von Neuankömmlingen in unsere Gesellschaft verbessern?“

Joachim Gauck spricht hier einen grundlegenden Widerspruch an, ein Dilemma, wie er sagt, dem wir in der Tat nicht entgehen können und das es zu reflektieren gilt: Die Werte, die unserer politischen Ordnung zugrunde liegen, die politische Kultur des Grundgesetzes mit dem Recht auf Asyl als explizitem Bestandteil, die Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft freier Völker nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, schließlich auch die im Kettenlied der Freimaurer ausgedrückte alte Hoffnung, „dass das menschliche Geschlecht eine Bruderkette werde, stark durch Wahrheit, Licht und Recht“: All das fordert Offenheit und Hilfe für in Not geratene Menschen, wo immer sie sind und woher sie auch kommen, das heißt jetzt vor allem für die Menschen, die aus Verfolgung, Krieg und lebensbedrohender Not nach Deutschland kommen, auch wenn sie nicht nur vorübergehend physische und materielle Sicherheit suchen, sondern bei uns heimisch werden wollen.

Doch ein Zustrom ohne Grenzen begrenzt die Möglichkeiten, die uns für die Lösung der damit verbundenen Probleme zur Verfügung stehen, und der derzeitige Stand des Flüchtlingsproblems verlangt von uns, das notwendige Gleichgewicht zu finden zwischen der Notwendigkeit einer wirksamen Hilfe und besonnenen Integration auf der einen und der Sicherung der erforderlichen Bedingungen für eine stabile, von der breiten Mitte der Gesellschaft getragene Weiterentwicklung der deutschen Demokratie auf der anderen Seite.

Um ein Begriffspaar des großen Soziologen Max Weber aufzugreifen: Gesinnungsethik und Verantwortungsethik müssen auch beim Flüchtlingsproblem zusammenkommen. Gesinnungsethik erfordert Empathie, Offenheit und Hilfe – Verantwortungsethik lässt dabei aber auch nach dem Machbaren und Verkraftbaren, nach dem Vernünftigen fragen.

Von Weber stammt auch der Hinweis, dass es vor allem drei maßgebliche Qualitäten sind, die einen guten Politiker (und eine gute Politik) auszeichnen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

  • Leidenschaft im Sinne des unermüdlichen Einsatzes für die als richtig erkannte Sache,
  • Verantwortlichkeit gegenüber dieser Sache und den damit verbundenen Menschen als – so Weber – Leitstern des Handelns und
  • Augenmaß als unverzichtbare Fähigkeit, vor dem und beim politischen Handeln die Strukturen der Wirklichkeit mit – so wiederum Weber – innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, nicht zuletzt, um dem zu entgehen, was der Autor im gleichen Text mit dem Begriff sterile Aufgeregtheit beschreibt und kritisiert.

Was Weber hier mitteilt, sind nun genau die Eigenschaften, die man sich für den Freimaurer wünscht: Zunächst, den Flüchtlingen praktisch zu helfen, materiell und durch persönlichen Einsatz, furchtlos und treu, ist eine Aufgabe für uns alle. Gewiss, da mag der eine oder andere von uns besorgt fragen: aber sind nicht Betrüger unter denen, die um Hilfe bitten, oder vielleicht gar aktuelle oder potentielle Terroristen? Und sicherlich ist das auch so, und selbstverständlich muss dagegen mit den Mitteln des Rechtsstaats und der öffentlichen Ordnung konsequent vorgegangen werden.

Aber erlaubt dies einen Generalverdacht, mit dem alle überzogen werden? Muss da nicht genau hingeschaut und gründlich differenziert werden? Könnte es nicht sein, dass bis an den Rand der Hysterie übertrieben wird, wenn – so hörte ich neulich gar in einer Loge – inzwischen der Selbstmord Deutschlands eingeleitet wurde? Und was die Flüchtlinge betrifft: Ist nicht jeder von ihnen zunächst einmal der „bloße Mensch“, von dem Lessing spricht? Lessing, wenn er sein Alter Ego Falk sagen lässt, dass „jede Glückseligkeit des Staates, bei welcher, so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, Bemäntelung der Tyrannei ist“, und dass die Natur nicht „die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat, Vaterland und dergleichen – zur Absicht gehabt hätte, sondern die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnen Wesens“.

Auch hier – wie nicht selten anderswo – hätte der Freimaurer der Versuchung zu widerstehen, seine Wertgrundlagen wie ein Taxi zu verwenden, in das man bei Bedarf ein- und aussteigen kann.

Außer persönlich zu helfen, sollte sich der Freimaurer – einzeln oder gemeinsam mit seinen Brüdern – dem gesellschaftlichen Diskurs stellen, dem Gespräch auch mit den Menschen, die zu uns kommen, über ihre Schicksale, ihre Erwartungen, ihre Potenziale, die Bereicherung, die sie uns mitbringen, aber auch über die Pflichten, die sie in unserer Gesellschaft erwarten.

Auf diese Weise könnten sich die Freimaurer als Übersetzer der politischen Kultur des Grundgesetzes bewähren. Denn hierauf kommt es in der Tat entscheidend an: Alle deutschen Bürger, alle Menschen hierzulande, die die bereits hier leben, die seit eh und je deutsche Bürger sind, aber auch alle, die kommen und zukünftig mit uns leben wollen, müssen den verfassungsmäßigen Rahmen unseres Gemeinwesens anerkennen, nicht nur durch Erklärungen, sondern auch im Handeln.

Gewiss: Wir müssen die Freiheitsräume von Minderheiten schützen, und wir müssen lernen, die Besonderheiten fremder Kulturen zu tolerieren. Denn Kultur bedeutet Heimat, die man auch und gerade in der Fremde braucht, und die ja auch Zugewinn für uns bedeuten.

Doch dies gilt primär für die privaten Bereiche des Gemeinwesens. In den öffentlichen Bereichen dagegen müssen die Regeln des Pluralismus und der Demokratie gelten, in der Politik muss es säkular zugehen, religiöser Glaube muss privat sein, einerlei, um welche Religion es sich handelt, und die politischen Entscheidungen müssen von den Bürgern im Regelspiel der demokratischer Institutionen getroffen werden. Sicherlich sind diese Bürger in vielen Fällen gläubige Menschen, aber es muss auf alle Versuche verzichtet werden, politische Richtlinien vom Himmel herunter zu holen, nachdem man sie zuvor nach oben projiziert hat.

Über all das sollten die Freimaurer sprechen, und zwar mit der von Max Weber angemahnten inneren Sammlung und Ruhe. Die von Weber gleichfalls benannte Unkultur der „sterilen Aufgeregtheit“ taugt nicht für den gesellschaftlichen wie den freimaurerischen Diskurs. Pegida-Parolen dürfen nicht in die Loge eindringen, und die Gespräche, die wir führen, sollten nicht den Fremdenhass und die Oberflächlichkeit der Internetforen und der Stammtische bei uns heimisch werden lassen.

Wir haben uns vielmehr in unserer Arbeit und bei den Diskursen unter uns und mit unseren Partnern in der Zivilgesellschaft an Prinzipien auszurichten, die zu den besten Traditionen unseres Bundes gehören und in denen wir Freimaurer sicher übereinstimmen: Menschenwürde, Demokratie, Toleranz, soziale Gerechtigkeit, Friede unter den Menschen und mit der Natur sowie die Bereitschaft, beim politischen Handeln vernünftigen und rationalen Lösungen den Vorrang einzuräumen gegenüber Vorurteilen und Ideologien.

Solche Orientierungen an europäischen Werten, Werten der Aufklärung zumeist, sind nicht dogmatisch, aber auch nicht beliebig. Sie repräsentieren vielmehr den erforderlichen Konsensrahmen für eine politische und gesellschaftliche Leitkultur, ohne die ethisch verantwortliches Handeln unter den komplexen Bedingungen der Welt von heute und morgen nicht möglich ist und bei deren Fehlen die Gesellschaft auseinander zu fallen droht.

Versuchen wir zu bilanzieren: Die Flüchtlingsströme werden so schnell kein Ende finden. Die Reaktion darauf aber darf nicht aus Hilflosigkeit, Hass und Gewalt bestehen. Hass, der inzwischen ja zum mörderischen Hass geworden ist, wenn wir den Mordanschlag bedenken, dem die zukünftige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am vergangenen Samstag zum Opfer gefallen ist, und der einen fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Hintergrund hatte.

Doch wenn wir uns nicht über unsere Werte verständigen und ebenso gründlich wie aufrichtig prüfen, was uns erwartet, wozu wir verpflichtet sind, was wir leisten können und wo unsere Grenzen liegen, wenn wir nicht umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste, Hass und Feindseligkeit bei uns wie anderswo zunehmen, so sehr vielleicht, dass wir sie nicht mehr kontrollieren können.

Über das Flüchtlingsproblem hinaus reflektiert werden müssen deshalb auch Zustand und Entwicklungstendenzen unserer deutschen Gesellschaft. Zu Recht hat die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan kürzlich in einem Beitrag für die Wochenzeitung DIE ZEIT davon gesprochen, dass Gesellschaften mit einer breiten Mittelschicht und ohne große soziale Diskrepanzen an und für sich durchaus in der Lage sind, günstige soziale Voraussetzungen für Demokratie und für eine freiheitliche, gemäßigte Politik zu schaffen.

Wenn aber – so führt Schwan dann weiter aus – (ich zitiere)

„wenn aber die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich immer größer werden und die Mittelschicht Angst bekommt, zwischen Reich und Arm zerrieben zu werden, wenn auch den einzelnen Menschen jederzeit Prekariat und sozialer Abstieg drohen, dann sucht sich diese mit Ohnmacht gepaarte Angst eben als Blitzableiter jene Menschen, an denen sie ohne Gefahr ihre Wut abreagieren kann.“

Und Gesine Schwan folgert:

„Wir müssen auf allen Ebenen politisch und zivilgesellschaftlich handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft, im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, in Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Interdependenz einen ganzheitlichen Ansatz der Umkehr erfordert.“

Nicht zuletzt wir Freimaurer sollten angesichts historischer Erfahrungen aus der Zeit von Weimarer Republik und Nazi-Diktatur und nicht zuletzt vor dem Hintergrund massiver eigener völkischer Verirrungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren die Bedrohlichkeit und das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments zur Kenntnis nehmen und uns damit auseinandersetzen.

Nein, meine Brüder, die Welt wird auf absehbare Zeit nicht bequemer. Ja, meine Brüder, Turbulenzen und Verwerfungen aller Art werden uns begleiten, national und international.

Auch für uns Freimaurer wird es weder angenehmer noch bequemer, sofern wir uns unseren Werten verpflichtet fühlen und uns nicht hinter die Mauern zurückziehen, die die Welt von unseren Tempeln trennen, zurückziehen in die Verantwortungslosigkeit und vielleicht gar noch unser Gewissen mit der Vorstellung beruhigen, dass das Politische doch tabu sei für uns.

Ein humanitärer Bund aber darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Und seine Repräsentanten sollten auch im Kontext der europäischen Freimaurerei ausloten, wo es Möglichkeiten gibt, dem Flüchtlingsproblem, das ja weit über den deutschen Rahmen hinausgeht und ein europäisches Problem ist, entgegenzuwirken. Handeln statt repräsentieren, darauf käme es auf der europäischen Freimaurer-Ebene an.

Humanismus hat keine nationalen, er hat europäische Wurzeln, und er begründet verpflichtende Traditionen. Es sollte keine rhetorische Leerformel sein, wenn es auf der Internet-Homepage der Großloge AFuAM von Deutschland heißt:

„Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland steht in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung“,

und wenn auch die Verfassung unserer Großloge ganz eindeutig darauf hinweist, welche ethischen Maßstäbe den Freimaurern innerhalb und außerhalb der Loge vorgegeben sind:

„In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten (die Freimaurer) ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft und für Erziehung hierzu.“

Es geschehe also!

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Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Leiter

Kommentare geben nicht zwingend die Ansichten der Redaktion, der Großloge oder gar der Bruderschaft wieder. Sie spiegeln Meinungsbilder einzelner Brüder, zeigen den Facettenreichtum unseres Bundes und sollen zur Diskussion anregen, weshalb diese Beiträge auch kommentiert werden können.

Was ist Wahrheit? — Es ist verführerisch, sich auf die kleinste Formel zu verständigen: Wahrheit ist das, was ist.

Aber was ist „das“? Etwa jenes, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt? Was ist Wirklichkeit? – Eine Frage der Wahrnehmung, und die kommt aus durchaus unterschiedlicher Sichtweisen. Wahrheit und Wahrnehmung sind also gewissermaßen polare Schwestern. Kann man das Wahre wahrnehmen, „beurteilen“?

Der Wortzusammenhang „Urteil“ wird gern den Juristen zugeordnet. Die sprechen, wenn sie Wahrheit beurteilen oder Unwahheit verurteilen, gern von „Sachverhalt“. „Recht ist Wahrheit, und Wahrheit ist Recht“. Das stimmt freilich nicht immer. „Fehlurteile“ sind, wie wir wissen, nicht auszuschließen. Andere nehmen Wahrheit in Anspruch, wenn es um Richtigkeit, Echtheit, Authentizität geht. Aristoteles hat Aspekte der Logik hineingebracht. „Alle Menschen sind sterblich.“ Das ist logisch und scheint deswegen wahr zu sein. Doch mit „Sterblichkeit“ kommen die nächsten Fragen. Und dann ist man schon fast bei der ganz großen Dimension. Bei „Wahrheit“ im Kontext zum Sinn des Lebens und bei der „göttlichen Wahrheit“. Und so ist die philosophische Strecke zur Wahrheit unendlich. Angekommen ist niemand. „Die Wahrheit ist nicht das Ende des Weges, sie ist der Weg selbst“ (André Comte-Sponville). Auf diesem Weg treffen wir uns als sinnsuchende Freimaurer. Unterwegs zur Wahrhaftigkeit. Zum Wahren, was haften bleibt.

Nochmal gefragt: Was ist Wahrheit?

Ein simples Beispiel für etwas, was wir alle für „wahr“ halten. Die Erde ist (ziemlich) rund, dreht sich um ihre eigene Achse und bewegt sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne. Das dauert 365 Tage. So etwas „weiß“ man, obwohl das niemand von uns wirklich „wissen“ kann, und erkennen schon gar nicht. Warum halten wir solche Wahrheiten für „wahr“? Früher gab es auch Menschen, die es für „wahr“ hielten, dass die Erde eine Scheibe ist.Auch wir Heutigen sind nicht frei von der landläufigen Behauptung, die schon die Altvorderen so angesprochen haben, wie sie es sahen. Nämlich: dass die Sonne im Osten „aufgeht“ und im Westen „untergeht“. In Wahrheit tut sie beides nicht. Die Sonne ist ein Fixstern.

Man sieht, wie eng auch hier „Wahrheit“ mit „Wahrnehmung“ zu tun hat. Und wie sehr Symbolik hineinspielt. Natürlich ist der „Sonnenlauf“ kein wirklicher „Lauf“. Wir Freimaurer interpretieren jedoch unsere ganze Licht-Symbolik hinein. Und unsere Sinnsuche konkurriert sogar gegen naturwissenschaftlich fixierte „Wahrheiten“, weil wir versuchen „hinter“ Dinge zu sehen, die vielleicht nur vordergründig „sind wie sie sind“. Als Symbolbund und Wertegemeinschaft sind wir „offen“ für solche Deutungsversuche zur „Wahrheit“. Alle Ideologien und alle Religionen kommen hingegen mit fixierten, wenn nicht sogar dogmatisierten „Wahrheiten“ daher und erwarten gläubige Gefolgschaft. Was „wahr“ ist, steht in Gesetzestexten, Heiligen Büchern, Statuten und Regelwerken. Es gibt nur wenige Gruppierungen, die sich derart „frei“ davon machen können, wie wir Freimaurer. Unser Grundverständnis ist aufs Selberdenken angelegt. Das ist jedoch kein „Muss“ und die Grenzen sind liberal offen. Jeder kann, wenn er mag, natürlich auch denen trauen, die man für kompetent hält, im Besitze von Wahrheiten zu sein. Das war früher meist die Kirche. Heute halten wir es gern mit der Wissenschaft. Sind wir „wissenschaftsgläubig“?

Nun, derartige „Gläubigkeit“ kann sich je nach Wissensstand ändern. Was wir gestern für „wahr“ hielten, für wissenschaftlich bewiesen, das kann heute überholt sein. Wir lernen daraus: „Wahrheit“ ist nie endgültig. So gibt es z.B. sehr deutliche wissenschaftliche Glaubwürdigkeits-Schritte von Ptolemäus zu Kopernikus, von Kopernikus zu Newton, von Newton zu Einstein und von Einstein zu Hawking. Einstein sagt, alles ist relativ. Auch die Wahrheit. Ich zitiere den Franzosen Jules Lequier:

„Wenn wir felsenfest glauben, die Wahrheit zu besitzen, müssen wir wissen, dass wir glauben. Und nicht glauben, dass wir wissen.“

Nicht ketzerisch, nur symbolspielerisch mit einem Bibelzitat angemerkt: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Buchstabengetreu muss das eigentlich „wahr“ sein. Wie ist es denn aber nun, wenn man mit Darwin und dessen Abstammungslehre fragt, wie viel Tier im Menschen steckt, und wie viel davon der Evolution geschuldet ist? Man sieht an diesem Beispiel nicht nur, dass „Wahrheit“ tatsächlich relativ ist, man kann auch gut daran festmachen, dass wir zur Deutbarkeit von Allegorien, Metaphern und Symbolen durchstoßen könnten, mit denen beispielsweise die Bibel manche Geschichten chiffriert. Vieles davon ist „übersetzbar“. Auch Naturwissenschaft, ja, sogar Mathematik.

Die hat sogar Wahrheiten, die sind, wie sie sind. Freilich nichts anderes als mathematische „Richtigkeiten“. Drei mal drei ist neun.

Was nicht stimmt, das kann übrigens auch stimmig gemacht werden. Ich zitiere mal einen Heiligen. Ignatius von Loyola, der im 16. Jahrhundert gesagt hat: „Wenn etwas in unseren Augen weiß erscheint, aber die Autorität der Kirche es als schwarz definiert, so müssen wir ohne jeden Zweifel bejahen, dass es schwarz und sicher schwarz ist.“ Es gab auch mal eine Zeit, ist noch gar nicht lange her, da hieß es „die Partei hat immer Recht.“ Man sieht: Das ist eine schwierige Sache mit der objektiven „Wahrheit“.

Manches, was als „wahr“ bezeichnet wird, gehört schlicht in den Bereich des Glaubens oder des Gehorchens. Oder eines Dogmas, welches mündigen Widerspruch erdrückt. Im Zeitalter der Aufklärung, deren geistesgeschichtliches Kind die Freimaurerei ist, gehörte es zu den Leitgedanken, durch die Vernunft eine Wahrheit zu suchen, die dann auch die Tugenden des Handelns beeinflusst, wie etwa Gerechtigkeit und Brüderlichkeit.

Wenn ich sage, Wahrheit ist das, was ist, dann habe ich versucht, einschränkend zu sagen: Wir haben immer nur eine subjektive Sicht der Dinge. Wir wissen nicht, wie die Dinge an sich sind. Wir wissen nur, wie sie für uns sind, wie wir sie verstehen. Oder, wie andere sie für uns so glaubhaft interpretieren, dass wir sie uns zu eigen machen. Weil das so eine unsichere Sache mit der „Wahrheit“ ist, gefällt mir Lessing gut mit seinem Plädoyer für den Zweifel. Zweifler bleiben Suchende. Besitz macht träge . Das trifft oft auch auf den zu, der sich im Besitz der Wahrheit wähnt.

Lessing: „“Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir „Wähle!“ – Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!“ Und dann sagt Lessing: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“

Damit sind wir bei der Wahrhaftigkeit, die das Streben nach Wahrheit meint und das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit anspricht, wie er sie für sich selbst glaubt, erkannt zu haben. Ich habe gesagt, wir haben immer eine subjektive Sicht der Dinge. Die Dinge sind für uns, wie wir sie verstehen. Freimaurerei fördert die subjektive Sichtweise. Sie öffnet alle Freiheiten. Es gibt keine blinden Gefolgschaften, keinen geschuldeten Gehorsam. Persönlichkeitsbildung braucht diese Freiheiten zum Selber-Denken. So ist Wahrhaftigkeit das subjektive „Für-Wahr-Halten“. Das ist auch die Beziehung des Menschen zu sich selbst. Man könnte auch sagen, das ist eine Charakterhaltung.

In seinen „Gesprächen für Freimaurer“ sagt Lessing, es gehe um die Ehrlichkeit und Einsichtigkeit„… nicht zu glauben, dass alles gut und wahr ist, was man für gut und wahr hält.“ Sich also gewissermaßen selbst überprüfen und offen und tolerant bleiben gegenüber anderen Wahrheiten, die ebenso richtig oder falsch sein können wie das, was ich selbst für mich erkannt habe. Das ist schönster freimaurerischer Sinn. Weil der Wahrheitsbegriff nicht zweifelsfrei definiert werden kann ( sagt August Wolfstieg) und weil man auch andere Sichtweisen von „Wahrheit“ respektieren muss, sucht der Freimaurer Wahrheit, und zwar ohne davon auszugehen, dass er sie jemals findet. Ich habe vom Weg gesprochen, auf dem wir uns sinnsuchend begegnen. Wir sind und bleiben Wahrheitssucher.

Jeder für sich hat eine Begrifflichkeit davon, die ihn „ausmacht“, die seinem Charakter Kontur gibt. Die aber auch tolerant begreift, dass andere das anders sehen. Das muss uns umtreiben.Wenn wir uns das ehrlich eingestehen und danach handeln, dann sind wir „wahrhaftig“. Albert Schweitzer sagt, das habe mit Treue vor sich selbst zu tun. Zitat: „Tatsächlich aber ist es die Ehrfurcht, die wir unserem eigenen Dasein entgegenzubringen haben, die uns anhält, uns immer selbst treu zu bleiben.“ Synonymbegriffe für „wahraftig“ sind aufrichtig, geradlinig, glaubwürdig, verlässlich. Charakteristik eines Freimaurers. So sollte er sein. Daran sollte er arbeiten, danach muss er streben.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer zählt Charaktereigenschaften auf, die ein ganzes Leben unvermindert durchgehalten werden können und auch im hohen Alter ohne Abstriche funktionieren, wenn wir sie uns einmal erarbeitet haben: „Güte des Herzens, Sanftmut, Geduld, Redlichkeit, Uneigennützigkeit, Menschenfreundlichkeit …“ und: „Wahrhaftigkeit“.

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